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Baenres in das mächtigste Adelshaus Menzoberranzans geboren. Theoretisch gibt es kaum eine
vorteilhaftere Position, in der sich eine Drow finden könnte. Malices Glück leidet eigentlich nur
unter einem: Der Tatsache, dass sie als Feigling zur Welt kam.
Den ersten Mordversuch auf sich überlebte sie im Alter von vier Jahren. Den zweiten im Alter von
neun. Das erste Mal Zeuge eines Todes wurde sie, bevor sie alt genug war, um das Konzept zu
verstehen, und sie war acht, als ihre Mutter sie zum ersten Mal durch eine Folterkammer führte.
Gewalt ist Alltag für jeden Bewohner des Underdarks – doch aus irgendwelchen, geradezu göttlich
verfluchten Gründen erfüllt jegliche Form eben dieser Gewalt Malice mit Angst.
Sie verbrachte viele Nächte ihrer Kindheit zitternd in einem Schrank, die wage Erinnerung an die
Schritte ihres ersten Assassinen immer und immer wiederkehrend in ihren Ohren. Beim Anblick
jedes Schlags an einen Sklaven kämpft sie darum, keine Miene zu verziehen, während sich die
Vorstellung des Schmerzes durch ihre Glieder zieht. Vermutlich hätte sie nie das Erwachsenenalter
erreicht, wäre sie in eine auch nur marginal weniger mächtige Familie geboren worden. Doch durch
den eisernen Griff ihrer Mutter an die gesamte Oberklasse Menzoberranzans wuchs Malice
geradezu in Sicherheit auf.
Natürlich war auch diese nur beschränkt – Malice wurde früh bewusst, dass ihre eigene Schwäche
direkt zu ihrem Tod führen könnte. Seit ihrer Kindheit übt sie sich darin, sie zu verstecken – nicht
zu zucken, wenn sie die neuen Wunden an den elfischen Sklaven ihrer älteren Schwester Myrineyl
sieht, und die angebrachte Menge Blutlust vorzutäuschen, die von einer Tochter der Baenres zu
erwarten ist. Ihre Schauspielkompetenzen sind bestens mittelmäßig, werden jedoch zu großen Teil
von der zweiten Hälfte ihrer Überlebensstrategie ausgeglichen: Nie aufzufallen. Malice ist nie bei
einer sozialen Veranstaltung im Vordergrund, sagt in keinem Gespräch zu viel oder zu wenig, zeigt
keine politischen Ambitionen über ihr Geburtsrecht hinaus oder starke moralische Weltansichten.
So schafft sie es seit Jahrzehnten jeden genauen Blick auf ihre vorgespielte Persönlichkeit zu
vermeiden.
In dieser Zeit taten sich für Malice jedoch weitere Probleme auf – das größte von allen eine
Todsünde, für die sie ihr Leben sofort verlieren würde: Malice betet Lolth nicht mehr ehrlich an.
Über die Jahrzehnte des teilnahmslosen Betrachtens von Drow Adligen wurde ihr der schlicht nicht
abstreitbare Fakt bewusst, dass Lolth das immer wiederkehrende gegenseitige Verraten und Morden
nicht zulassen würde, wenn sie auch nur einen Funken Interesse an den Drow hätte. Malice sieht
klar, dass Lolth Menzoberranzans Bewohner im besten Fall ignoriert – und sie realistischer als
Unterhaltung betrachtet.
Selbstverständlich tut Malice alles, um diese Meinung geheim zu halten. Den Vorwurf, nicht genug
Opfer im Namen Lolths zu wirken, vermeidet sie geschickt über ihre Schwester: Wenn diese es
gelegentlich sogar für Drow-Verhältnisse mit ihren Sklaven übertreibt und in Gefahr geraten
könnte, als unkontrolliert zu erscheinen, übernimmt Malice die Verantwortung für ihre Leichen.
Myrineyl interessiert sich nicht genug für Malice um darin etwas anderes als einen Gefallen ihrer
angebracht unterwürfigen Schwester zu sehen – dass alle von „Malices Opfern“ in Wahrheit die
ihren waren, hat sie noch nicht bemerkt.
Doch auch das ist, wie Malice schmerzhaft bewusst ist, keine Lösung für ihr größtes Problem: Als
direkter Abkömmling des mächtigsten Hauses Menzoberranzans ist ihre Priesterinnenausbildung
nicht diskutabel. Sie fürchtet wenige Dinge mehr als das – nicht nur, da von jeder Absolventin das
Zeugen eines Draegloths erwartet wird, sondern auch, da im Verlauf der Lehrjahre viele grausame,
gefährliche und teils lebensmütige Prüfungen und Glaubensbeweise verlangt werden.
Einen zumindest temporären Ausweg aus dieser Situation fand Malice durch das einzige Mitglied
ihrer Familie, vor dem sie sich nie gefürchtet hat: Ihren Onkel, Gromph Baenre, Erzmagier
Menzoberranzans. Als einer von gerade mal zwei männlichen Drow, die es geschafft haben, in ihrer
Gesellschaft ehrliche Anerkennung und Respekt zu finden, befindet er sich in einer Machtposition,
die nicht einmal Quenthel ignorieren kann. Und da er weder gegenüber Malice je irgendeine Menge
an Boswillen gezeigt hat, noch logisch irgendeinen Vorteil aus ihrem Schaden ziehen könnte,
empfindet sie zu ihm eine Art von Vertrauen, die sie sonst niemandem entgegen bringt. Nicht
genug, um ihm gegenüber offen über ihre Schwäche zu sprechen – aber genug, um sich in Sorcere,
die ihm untergebene Magierschule, zu flüchten.
Ihr Onkel hieß Malices Entscheidung, Magie zu studieren, willkommen. Ihrer Mutter konnte sie
dies (mit Gromphs Unterstützung) auch als Vorbereitung, die nur dazu dient ihre späteren
Priesterdienste an Lolth zu verbessern, verkaufen.
Seitdem gibt sich Malice äußerste Mühe, ihre Ausbildung so lange wie möglich hinzuziehen. Nicht
nur genießt sie die Zeit, die sie in Sorcere fern der internen Gefahren ihres Hauses, in der Sicherheit
des magischen Schutzes der Akademie, gewirkt durch ihren Onkel, verbringt – ihr fehlt auch
jeglicher Ansatz, wie sie der Priesterinnenausbildung nach Abschluss ihrer Magiertrainings
entgehen kann. Eine Flucht aus dem Underdark wirkt wie die einzige Option, die ihr bleibt, und
würde sie vielleicht auch endlich an einen Ort bringen, an dem Lebensangst nicht teil ihres Alltags
wäre – jedoch wirkt eine solche Flucht vollkommen unmöglich. Stattdessen stürzt sie sich zum
Zweck der Aufschiebung in jedes Forschungsprojekt, dass sie finden kann, immer in der Hoffnung
auf etwas zu stoßen, mit dem sie (mithilfe ihres Onkels) ihre Mutter von ein bisschen mehr Zeit
überzeugen könnte.
In ihre aktuelle Situation wurde sie durch ein eben solches Forschungsprojekt gebracht: Auf den
Hinweis ihres Onkels brach Malice auf eine kleine Expedition auf, die sie zu einer Faerzress-
aktiven Zone führte. Sie wollte hier eigentlich nur einige kleine Experimente durchführen, um die
Veränderung in diesen Zonen genauer in Augenschein zu nehmen. Leider geschah durch die erhöhte
Volatilität des Faerzress hierbei ein Unfall: Malice fand sich unvorhergesehen teleportiert, allein
und inmitten eines zu Haus Mizzrym gehörenden Gebiets wieder. Unvorbereitet und selbst sehr
überrascht durch ihren plötzlichen Ortswechsel, wurde sie mehr oder minder sofort von Wachen des
Hauses festgenommen.
Malice ist sich unsicher, ob sie sich glücklich oder unglücklich schätzen soll, nun in der selben
Zelle wie nicht-drow Sklaven eingesperrt worden zu sein. Ihr Eindringen in das Gebiet einer
anderen Familie ohne Einladung oder Vorankündigung zählt auch in der Drow-Kultur als
Verbrechen – und obwohl ihre Mutter sie aus dieser Lage vermutlich mit einer Bewegung ihrer
Hand befreien könnte, wäre sie vermutlich sehr misstrauisch was für Pläne ihre Tochter zu diesem
Einbruch gebracht hatten. Da Malice nicht glaubt, dass der Rest ihrer Expedition Zeuge ihrer
Teleportation geworden ist, und dementsprechend nicht bestätigen könnte, dass diese unfreiwillig
war, wäre sie potentiell sogar in einer gefährlicheren Lage, wenn sie ihrer Mutter übergeben werden
würde. Der Gedankengang ist aktuell auch nur minder wichtig – hätten die Mizzrym vor, mit ihr so
zu verfahren, wäre sie nicht in einer Zelle mit Sklaven gelandet. Sie ist sich nicht ganz sicher, was
die Familie vor hat, aber klar ist: Sie wollen die Gelegenheit eine direkte Tochter der Familie
Baenre in ihrer Gewalt zu haben ausnutzen. Bis sie ihre Pläne umsetzen können, wird Malice also
unter „gewöhnlichen“ Gefangenen versteckt. Leider droht ihr auch in dieser Lage von ihrer Mutter
aktiv Gefahr. Schließlich ist es, je nachdem was die Mizzrym planen, vielleicht einfacher, die
störende Tochter zu beseitigen anstatt dem Haus Erfolg zu gewähren.
Malice zerbricht sich seit ihrer Teleportation den Kopf über ihre beste Überlebenstaktik, und ist
mittlerweile zu dem furchteinflößenden Fazit gekommen, dass ihre beste Chance eine Flucht in das
Underdark ist. Sie malt sich nicht die beste Überlebenswahrscheinlichkeit dabei aus, aber ihre
Aussichten, falls sie nach Menzoberranzan zurücktransportiert wird, sind bei weitem düsterer.
Grusel wurde vor knapp 22 Jahren in der Nähe des Echo Woods, im Osten der River Kingdoms, als
Tochter einer menschlichen Frau und eines Vampirs geboren. Ihre Mutter, die Untoten gegenüber
offen genug für eine kurzlebige Beziehung mit einem gutaussehenden Vampir gewesen war, stand
zum Gedanken seine „unheilige Brut“ groß zu ziehen leider etwas weniger bereit.
Als solches wurde Grusel kurz nach ihrer Geburt einem Bediensteten ihres Vaters in die Hände
gedrückt und lernte ihre Mutter nie kennen. Ihr Vater, Orien, war an dem Kind zunächst wenig
interessiert. Doch bevor er sie fortgeben oder auf sonstige Art beseitigen konnte, stellte er fest, dass
das Dhampir-Blut in ihren Adern ungewöhnlich durchdrungen von Magie war. Dadurch war es
besonders für verschiedene Experimente geeignet. Er entschied sich, das Kind als lebenden
Blutsack zu behalten.
Grusel wuchs für die nächsten 8 Jahre in seinem Anwesen, „umsorgt“ von wenigen, größtenteils
gedankenkontrollierten Dienern auf. Weder ihr Vater noch die einzelnen freien Diener interessierten
sich je genug für das Mädchen, um ihr einen Namen zu geben.
Über die Jahre hinweg wurde ihr immer wieder Blut abgenommen, teils war sie auch selbst für
Experimente nötig. Die physischen Narben dieser Misshandlung verteilen sich auch heute noch
über ihren ganzen Körper.
Da die Bediensteten nicht gerade gute Gesprächspartner abgaben, verbrachte Grusel ihre Zeit
stattdessen mit den Sagen und Geschichten, die sie in Büchern im Anwesen finden konnte. Das
Lesen hatte ihr auf Befehl ihres Vaters ein Bediensteter unenthusiastisch beigebracht.
Als sie 8 wurde, entschied sie sich, einer ihrer Geschichten nachzueifern, und von ihrer
schmerzhaften Lebenssituation zu entkommen. Sie nahm kurz nach Sonnenaufgang reißaus und
schwamm im Nahe gelegenen Fluss so weit, wie sie konnte, um wie im Buch Verfolgern zu
entgehen.
Sie schaffte es zwei Tage später halb ausgehungert einer kleinen Reisegruppe nach Daggermark zu
folgen.
In der Stadt angekommen ging sie schnell in der Masse an Straßenkindern unter. Über die nächsten
6 Jahre bettelte, stahl und verdiente sie sich jedes Kupferstück, dass sie konnte, um am Leben zu
bleiben.
Aufgrund ihres unnatürlichen Aussehens – der blassen Haut, den spitzen Zähnen – und ihrer
schlechten Sozialisierung schaffte sie es jedoch nie, sich mit anderen Straßenkindern anzufreunden.
Von ihnen verdiente sie sich auch den Spitznamen „Grusel“ – das seltsame Mädchen mit dem
unheimlichen Aussehen. Oftmals geriet sie mit verschiedenen Gruppen aneinander, da ein einzelnes
Kind ein einfaches Ziel abgab, ganz egal wie wenig Geld sie verdiente.
Als sie 14 war eskalierte eine solche Auseinandersetzung: Nachdem sie sich mit einer
Schreiberlingsaufgabe tatsächlich einmal etwas mehr auf einmal verdient hatte, wollte Grusel ihr
Geld nicht abgeben. Bevor sie Zeit hatte, die Situation noch einmal anders zu bewerten, wurde aus
der Prügelei eine Messerstecherei.
Am Ende war sowohl ihr rechter Arm komplett zertreten als auch eine grausame Schnittwunde quer
über ihr rechtes Auge gezogen. Grusel blieb blutend in einer Gasse zurück und hätte dort vermutlich
ihren Tod gefunden, wenn nicht ein vorbeikommender Magier sie bemerkt hätte.
Der alte Mann, ein Nekromant namens Shalid, stellte als er dem Mädchen zur Hilfe kam fest, dass
ihr Blut magische Eigenschaften besaß. Er entschied sich, sie mit nach Hause zu nehmen, ersetzte
ihren Arm mit dem eines Skeletts, ihr rechtes Auge durch ein Glasauge und ließ sie heilen.
Als sie wieder bei Bewusstsein war, machte er ihr ein simples Angebot: Wenn sie sich von ihm
regelmäßig Blut abnehmen ließe, würde er ihr ein Zimmer in seinem Haus sowie Verpflegung zur
Verfügung stellen.
Grusel sah keinen anderen Weg, als dieses Angebot zu akzeptieren – sich der grausamen Ironie, in
ihre Ausgangssituation zurückgekehrt zu sein, schmerzhaft bewusst.
Über die nächsten 8 Jahre blieb sie bei ihm. Insgesamt hatte sich ihre Lage tatsächlich stark
verbessert: Shalid sah sie keineswegs in einem fürsorglichen oder väterlichen Blick, jedoch war er
ein ehrlicher Mann, der seine Seite des Handels stets einhielt und sie zumindest wie eine Person
behandelte.
In diesem Zeitraum gab Grusel ihr Bestes, möglichst viel von seinem Wissen in sich anzuhäufen.
Sie hatte gelernt, dass ihr ihr Geld durch Gewalt, und ihre physische Stärke durch Hunger
genommen werden konnten. Aber ihren Verstand behielt sie. Sie gewöhnte sich an die
Skelettbediensteten im Haus des Magiers, blätterte durch seine Zauberbücher und entwickelte
schließlich selbst die Fähigkeit, mit Magie umzugehen. Shalid nahm diese Entwicklung hin – er war
nicht bereit, das Mädchen anderen Magiern vorzustellen, aus Angst seine Blutquelle an Neid oder
ethische Bedenken zu verlieren, aber ansonsten ließ er ihr freien Lauf.
Grusel entdeckte in dieser Zeit auch Musik für sich. Sie stellte fest, dass ein gutes Trauerlied jeden
Schmerz in ihr zumindest kurzfristig stillen konnte. Dass ein fröhliches Lied auch ihr ein Lächeln
entlocken konnte. Durch die alte Geige ihres „Lehrmeisters“ erlernte sie eine gesunde Art, mit ihren
Gefühlen umzugehen und sie zum Ausdruck zu bringen.
Als Shalid schließlich an seinem Alter starb, war die Violine alles, was Grusel aus seinem Haus
mitnahm. Zu besorgt darum anderen Magiern zu begegnen, die weniger freundliche Wege wählen
könnten, an ihr Blut zu kommen, verließ sie Daggermark endgültig.
Sie entschied sich, sich einer großen Banditengruppe anzuschließen um ihre Diebstahlfähigkeiten
aus der Jugend zu verwenden. Hier hielt sie sich stets am Rand, versuchte anderen möglichst selten
in die Quere zu kommen und nie wie ein gutes Ziel zu wirken.
Dies gelang ihr insgesamt gut – sie geriet nie in größere Konflikte. Jedoch hörte sie knapp vier
Monate nach ihrem Aufbruch mit der Gruppe ein eigenartiges Gerücht: Dass ein Adliger aus dem
Echo Wood seinen verlorenen Sohn suche. Der Junge solle knapp 23 Jahre alt sein, blass mit
platinblondem Haar und grauen Augen.
Mit Entsetzen musste Grusel feststellen, dass es sich dabei um sie selbst handeln könnte. Sie konnte
nicht ausschließen, dass ihr Vater ihr Geschlecht nicht mehr wüsste – oder dass er nicht spontan, mit
seiner unendlichen Zeit, doch wieder mehr von ihrem Blut wollte.
Grusel entschied sich jedoch, die sicherere Route zu wählen, und zog noch weiter gen Osten. Hier
könnte sie sich einer Expedition in die Stolen Lands anschließen, und zumindest für eine Zeit
unauffindbar werden – hoffentlich lange genug, um dem flüchtigen Interesse ihres Vaters zu
[Link] wurde vor knapp 1342 Jahren in einen Elan verwandelt. Sie weiß nichts über ihr
Leben vor dieser Verwandlung – ihre ersten Erinnerungen sind ein wirres Erwachen und ein anderer
Elan namens Shuyen. Er erklärte ihr in einem (mehrere Tage andauernden) Gespräch, was sie nun
war und dass er für diese Verwandlung verantwortlich sei. Auf die Frage, ob sie dem Ritual
zugestimmt hätte, gab Shuyen offen zu, dass sie nie gefragt wurde. Eresh zog nicht zuletzt
deswegen auch nie nur in Betracht, bei ihm zu bleiben, und er hielt sie nicht davon ab zu gehen. Bis
heute hat sie nie wieder (wissentlich) einen anderen Elan, geschweige denn ihren „Schöpfer“,
getroffen – sie hat dazu drei mögliche Erklärungen:
1. Shuyen versucht sehr wohl sie zu finden, aber hat keinen Erfolg. Recht unwahrscheinlich, da
Eresh ihn für einen mächtigen Magier hält.
2. Shuyen war nur daran interessiert, einen Elan mehr in der Welt zu erzeugen – ihm war nie
wichtig, was dieser neue Elan tun würde. Nicht allzu unmöglich, da Shuyen ihr nie einen
Grund für ihre Verwandlung genannt hatte. Vielleicht war sie auch eine experimentelle
Durchführung des Rituals.
3. Shuyen hat keine Eile. Er kennt Einsamkeit und geht davon aus, dass es nur eine Frage der
Jahrtausende ist, bis sie die Gesellschaft von anderen Unsterblichen, namentlich ihm, suchen
wird.
In jedem Fall verschwendet Eresh nicht viel Zeit damit, über ihre Art nachzudenken.
Nach ihrer Verwandlung verbrachte sie ihr Leben stattdessen auf gewisse Weise damit, ihre neue
Existenz zu leugnen – sie wusste, dass ihr Äußeres stark verändert worden war, suchte aber dennoch
nach ehemaligen Freunden oder Verwandten, die sie wieder erkennen würden. Es dauerte ein ganzes
Jahrhundert, in dem sie jede Stadt und jedes Dorf, in dem Personen vermisst wurden, hoffnungsvoll
betrat und enttäuscht verließ, bis Eresh die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens einsah. Zu diesem
Zeitpunkt war ihr klar, dass sie entweder einer langlebigen Rasse entsprungen sein müsste (die sie
als „Mensch“ nicht wieder erkennen könnten) oder niemand, der sie je gekannt hatte, noch lebte.
Die nächsten 100 Jahre verbrachte sie an mehreren Magierakademien, auf der Suche nach mehr
objektivem Wissen über sich selbst und ihren neuen Lebenszustand. Sie erlangte auch ein tieferes
Verständnis der Magie und insbesondere der Psyonik.
Darüber hinaus lernte sie hierbei auch eine praktische Lektion – Menschen sterben zu schnell. Sie
schuf Freundschaften zu Menschen, deren ganzes Leben sie beobachten konnte – von der
Schulbildung zur Elternschaft bis in ihren natürlichen Tod. Geprägt durch diesen Schmerz musste
sie feststellen, dass sie diese Art von Beziehung nicht immer wieder durchmachen können würde.
Stattdessen entschied sie sich, eine einsamere Existenz zu führen.
Seitdem reist Eresh nun 142 Jahre an verschiedene historisch signifikante Orte – alles in dem
Wissen, dass die Menschen der Geschichte lange tot sind und ihr nicht davon sterben können. Sie
ist dabei nicht besonders schnell, da sie sich meist per Fuß fortbewegt und einen schrecklichen
Orientierungssinn hat. Sie hat allerdings auch keinen Grund zur Eile. Generell ist Eresh eine sehr
entspannte Person (mit einem schlechten Zeitgefühl) geworden.
Vor knapp 50 Jahren traf sie in einer Ruine im Mwangi Dschungel auf einen Ioun Wyrd, der seinem
alten Meister und Schöpfer entkommen war. Die beiden freundeten sich durch ihre eigentlich recht
ähnlichen Ursprünge schnell an (eine sichere Wahl, da Eresh wusste, dass das Konstrukt ebenso
unsterblich war wie sie selbst) und Eresh taufte ihren neuen Vertrauten (mit der Zustimmung des
Wyrds) auf Vivi.
Seit etwa 8 Jahren stromern die beiden durch die osirianische Wüste, auf der Suche nach Ruinen.
Sie sind noch nicht fündig geworden, stören sich daran aber nur wenig.
Vor knapp zwei Wochen stießen sie stattdessen auf eine Karawane, auf dem Weg von Sothis nach
Wati. Von Nemeia, einem Mitglied dieser Karawane, erfuhr Eresh von der anstehenden Öffnung der
Nekropole und stimmte zu, mit Nemeia an der Gräberlotterie teilzunehmen.
Eresh ist über die letzten anderthalb Jahrhunderte Isolation zu einer recht eigenen Person geworden.
Sie war bereits zuvor nie ein Ausbund der sozialen Kompetenz und ihre bizarre Lebensgeschichte
bestärkte dies nur. Sie versucht freundlich zu sein, scheitert aber oft und kann schnell unheimlich
wirken. Sie ist sich dieser Tatsache auch bewusst, kennt aber keinen Weg, das Problem zu lösen –
und sieht es, wie quasi alles in ihrem Leben, als nicht sehr dringlich an.Götter. Was für ein
dämliches Konzept.
Blutverlust. Schwerer zu heilen, als man denken mag. Blutergüsse unter der Haut bedeuten, dass
man das Blut nur wieder dort hinbekommen muss, wo es eigentlich hingehört und dann ein paar
Löcher flicken. Blut außerhalb des Körpers muss entweder gereinigt und wieder hineinbewegt
(Betonung liegt auf „gereinigt“ - Dreck gehört wirklich nicht in Adern) oder die Blutherstellung des
Körpers so stark angeregt werden, dass der Verlust ausgeglichen wird. Das hat wiederum alle
möglichen anderen Auswirkungen. Ich denke, ich sollte Amy nicht erzählen, dass ich mir ein paar
mal in den Schenkel geschnitten habe, um das zu üben.
Unser Abstieg zum Tempel ist fast geschafft. Wir können den Würfel schon sehen – er hängt an
gigantische Ketten gebunden in einer unterirdischen Höhle. Wobei der Weg über die Kette
voraussichtlich nochmal einen Tagesmarsch in Anspruch nehmen sollte.
Am ersten Tag unserer Reise begegneten wir einigen… seltsamen Gestalten. Einer von ihnen schien
ein Narr zu sein, nur ohne Hof. Wir haben ihnen etwas Wegzoll bezahlt und wurden friedlich
vorbeigelassen. Bis Abends sind wir dann recht ereignislos weitergelaufen.
Zum Schlafen suchten wir eine kleine erhöhte Stelle, die vom Höhlenweg aus nicht gut einsichtig
war, als Rastplatz aus. Die Nacht war in etwa zur Hälfte vergangen, als uns ein vorbeifahrender
Trupp Soldaten weckte. Wir versuchten uns zunächst zu verstecken, aber als die Soldaten einen
Moment inne hielten zeigte sich ihnen Manolis sofort.
Naja.
Er, Sin und Igor haben sich mittels ihrer „freien Arbeit“ für Lariels Familie herausgeredet, der Rest
von uns blieb versteckt. Die Soldaten ließen sie gehen, erwähnten jedoch dass hier evakuiert werden
müsse (vermutlich wegen uns).
Wir sind entgegen von leeren Versprechen nicht am nächsten Tag abgezogen. Stattdessen führte uns
unser Weg immer tiefer hinab, Richtung Kern. Wir begegneten mehrmals großen, wurmartigen
Kreaturen aus Lava, die Sin zufolge nur tierische Intelligenz besitzen. Sie waren glücklicherweise
recht friedlich und einfach zu umgehen.
Wir trafen nach kurzem auf eine halb verlassene Festung. Nachdem wir uns eher… direkt Eintritt
verschaffen hatten (ehrlich gesagt macht Wände zerstören schon etwas Spaß), begannen wir unsere
kurze Durchreise. Wir wurden von einem fliegenden Krebs mit unlauteren Absichten attackiert,
konnten ihn aber auf nicht tödliche Art ausschalten. Anschließend begegneten wir zwei eher
seltsamen Mitarbeitern bevor wir das Gebäude auf der anderen Seite verließen. Ein Herr, der nicht
gestört werden wollte und eine Dame, die uns wirkliche gerne etwas zu Trinken angeboten hätte.
Wenigstens waren sie beide friedlich.
Nach dieser eigenartigen Exkursion fanden wir die Überreste eines Mannes, der sich sehr viel
bessere Uhren als ich leisten konnte. Meiner Einschätzung nach ist er an einer Krankheit oder Gift
verstorben. Wir sammelten ein, was an seinem Besitz noch nützlich sein könnte und wollten uns
gerade wieder auf den Weg machen, als sich Manolis auf einmal neben mich schmiss.
Ein Dinosaurier hatte sich an uns angeschlichen (???) und wäre Manolis nicht gewesen, hätte ich
vermutlich eine gute Menge an Blutverlust an mir selbst beseitigen müssen.
Stattdessen schafften wir es auch den Saurier bewusstlos zu schlagen. Vielleicht werden wir
langsam weniger tödlich?
Anschließend fanden wir uns vor einem tiefen Loch wieder. Es hatte in regelmäßigen Abständen
Zwischenplattformen, sodass ich den Großteil unserer Gruppe relativ entspannt nach unten bewegen
konnte. Ist es eigentlich fliegen? Sollte ich behaupten, ich könne fliegen? … es klingt einfach etwas
zu weit hergeholt.
Morketeor war als einziger zu schwer, als dass ich ihn hätte tragen können. Amy und Igor haben
stattdessen eine Art Seilkonstruktion gebaut. Ich habe mich trotzdem neben ihm her bewegt –
vielleicht hätte ich ihn im Notfall fangen können.
Zu diesem Notfall kam es nicht. Im Ausgleich hat Morketeor spontan entschieden, mir zu erzählen
Amy sei… was war seine Wortwahl? In mich verknallt. Ich habe mit all der Würde und Ruhe
reagiert, die ich mir mittlerweile als Markenzeichen anrechnen lassen möchte. Kann ich mir sicher
sein, dass er recht hat? Ich meine, kennt sich Morketeor mit kulturellen Unterschieden wirklich so
gut aus, dass er so etwas ohne jeden Zweifel behaupten kann? Und was sollte ich an meinem
Verhalten ändern, wenn er richtig liegt?
… wahrscheinlich hatte er zumindest, was das übermäßig viele Denken angeht, nicht ganz Unrecht.
Wir haben es auf jeden Fall nach unten geschafft. Dort erwartete uns ein Haus mit wiedermal eher
ungewöhnlichen Insassen (vielleicht sollte ich meine Definition von gewöhnlich anpassen). Ein
Mann mit brennenden Haaren verkaufte uns Feuerschutztränke im Austausch für einen Motor, den
Athos auf dem Abstieg eingesammelt hatte.
Wir haben uns direkt danach an den letzten Teil unseres Abstiegs gewagt. Wieder ein tiefes Loch, an
dessen Rand sich ein Weg spiralförmig in die Erde bohrt. Von unten stieg heiße Luft auf, fast
windartig.
Wir schliefen in einer Kuhle dieses Wegs noch eine Nacht, um uns etwas zu erholen. Als wir wieder
aufwachten, hatte sich das „Wetter“, wen man es so nennen möchte (und bei Gott ich möchte nicht),
zum schlechteren verändert. Die Winde rissen uns fast von den Beinen, wir konnten uns aber am
Geländer des Pfades halten.
Es dauerte dennoch nicht lang, bis auch dieser Abstieg unterbrochen wurde. Ein… Wesen? Aus
purem Feuer stieg zu uns auf und griff uns an. Was folgte war kein angenehmer Kampf.
Ich habe vor ein paar Wochen angefangen, das Fangen zu üben. Ich wollte meine Reaktionszeit
verbessern. Ich dachte nicht, dass ich je Leute fangen müsste.
Die Winde in Kombination mit dem wütenden Feuer wirbelten Amy gegen eine Wand. Mich riss es
kurz danach von den Füßen. Die nächsten Minuten waren konfus und schmerzhaft (ich denke, ich
bin irgendwann mit sehr hoher Geschwindigkeit in Sin geschmissen worden), aber schließlich war
das Feuer besiegt und Igor, Sin und ich standen sicher in einer anderen Kuhle entlang des Wegs. Sin
und Igor ging es relativ gut, mich hatte ein Schlag des Feuers und das folgende Fallen ziemlich
schlimm zugerichtet.
Morketeor hatte es unterdes geschafft, sich bei seinem letzten Angriff über das Geländer zu
schmeißen. Das sein Gewicht nicht halten konnte. Es gab nach und für einen Moment hing er fast
haltlos über dem Abgrund. Ich konnte ihn fangen, aber es war zu viel. Mein Kopf dröhnte und die
Winde waren so laut und die Beleuchtung nach dem Erlöschen des Feuers so schlecht. Ich setzte ihn
gerade noch so am Rand ab.
Eresh wurde vor knapp 1342 Jahren in einen Elan verwandelt. Sie weiß nichts über ihr Leben vor
dieser Verwandlung – ihre ersten Erinnerungen sind ein wirres Erwachen und ein anderer Elan
namens Shuyen. Er erklärte ihr in einem (mehrere Tage andauernden) Gespräch, was sie nun war
und dass er für diese Verwandlung verantwortlich sei. Auf die Frage, ob sie dem Ritual zugestimmt
hätte, gab Shuyen offen zu, dass sie nie gefragt wurde. Eresh zog nicht zuletzt deswegen auch nie
nur in Betracht, bei ihm zu bleiben, und er hielt sie nicht davon ab zu gehen. Bis heute hat sie nie
wieder (wissentlich) einen anderen Elan, geschweige denn ihren „Schöpfer“, getroffen – sie hat
dazu drei mögliche Erklärungen:
4. Shuyen versucht sehr wohl sie zu finden, aber hat keinen Erfolg. Recht unwahrscheinlich, da
Eresh ihn für einen mächtigen Magier hält.
5. Shuyen war nur daran interessiert, einen Elan mehr in der Welt zu erzeugen – ihm war nie
wichtig, was dieser neue Elan tun würde. Nicht allzu unmöglich, da Shuyen ihr nie einen
Grund für ihre Verwandlung genannt hatte. Vielleicht war sie auch eine experimentelle
Durchführung des Rituals.
6. Shuyen hat keine Eile. Er kennt Einsamkeit und geht davon aus, dass es nur eine Frage der
Jahrtausende ist, bis sie die Gesellschaft von anderen Unsterblichen, namentlich ihm, suchen
wird.
In jedem Fall verschwendet Eresh nicht viel Zeit damit, über ihre Art nachzudenken.
Nach ihrer Verwandlung verbrachte sie ihr Leben stattdessen auf gewisse Weise damit, ihre neue
Existenz zu leugnen – sie wusste, dass ihr Äußeres stark verändert worden war, suchte aber dennoch
nach ehemaligen Freunden oder Verwandten, die sie wieder erkennen würden. Es dauerte ein ganzes
Jahrhundert, in dem sie jede Stadt und jedes Dorf, in dem Personen vermisst wurden, hoffnungsvoll
betrat und enttäuscht verließ, bis Eresh die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens einsah. Zu diesem
Zeitpunkt war ihr klar, dass sie entweder einer langlebigen Rasse entsprungen sein müsste (die sie
als „Mensch“ nicht wieder erkennen könnten) oder niemand, der sie je gekannt hatte, noch lebte.
Die nächsten 100 Jahre verbrachte sie an mehreren Magierakademien, auf der Suche nach mehr
objektivem Wissen über sich selbst und ihren neuen Lebenszustand. Sie erlangte auch ein tieferes
Verständnis der Magie und insbesondere der Psyonik.
Darüber hinaus lernte sie hierbei auch eine praktische Lektion – Menschen sterben zu schnell. Sie
schuf Freundschaften zu Menschen, deren ganzes Leben sie beobachten konnte – von der
Schulbildung zur Elternschaft bis in ihren natürlichen Tod. Geprägt durch diesen Schmerz musste
sie feststellen, dass sie diese Art von Beziehung nicht immer wieder durchmachen können würde.
Stattdessen entschied sie sich, eine einsamere Existenz zu führen.
Seitdem reist Eresh nun 142 Jahre an verschiedene historisch signifikante Orte – alles in dem
Wissen, dass die Menschen der Geschichte lange tot sind und ihr nicht davon sterben können. Sie
ist dabei nicht besonders schnell, da sie sich meist per Fuß fortbewegt und einen schrecklichen
Orientierungssinn hat. Sie hat allerdings auch keinen Grund zur Eile. Generell ist Eresh eine sehr
entspannte Person (mit einem schlechten Zeitgefühl) geworden.
Vor knapp 50 Jahren traf sie in einer Ruine im Mwangi Dschungel auf einen Ioun Wyrd, der seinem
alten Meister und Schöpfer entkommen war. Die beiden freundeten sich durch ihre eigentlich recht
ähnlichen Ursprünge schnell an (eine sichere Wahl, da Eresh wusste, dass das Konstrukt ebenso
unsterblich war wie sie selbst) und Eresh taufte ihren neuen Vertrauten (mit der Zustimmung des
Wyrds) auf Vivi.
Seit etwa 8 Jahren stromern die beiden durch die osirianische Wüste, auf der Suche nach Ruinen.
Sie sind noch nicht fündig geworden, stören sich daran aber nur wenig.
Vor knapp zwei Wochen stießen sie stattdessen auf eine Karawane, auf dem Weg von Sothis nach
Wati. Von Nemeia, einem Mitglied dieser Karawane, erfuhr Eresh von der anstehenden Öffnung der
Nekropole und stimmte zu, mit Nemeia an der Gräberlotterie teilzunehmen.
Eresh ist über die letzten anderthalb Jahrhunderte Isolation zu einer recht eigenen Person geworden.
Sie war bereits zuvor nie ein Ausbund der sozialen Kompetenz und ihre bizarre Lebensgeschichte
bestärkte dies nur. Sie versucht freundlich zu sein, scheitert aber oft und kann schnell unheimlich
wirken. Sie ist sich dieser Tatsache auch bewusst, kennt aber keinen Weg, das Problem zu lösen –
und sieht es, wie quasi alles in ihrem Leben, als nicht sehr dringlich [Link] ich weder Amy noch
Manolis sehen konnte, und zumindest Amy sich zuvor offensichtlich nicht halten konnte, habe ich
mich aus der Kuhle wieder herausgeschält. Klingt nach einem dummen Plan, war allerdings dank
meiner Fangübungen eine vergleichsweise sichere Entscheidung. Nicht, dass ich mir das in dem
Moment überlegt hatte.
Ein gutes Stück weiter konnte ich dann Manolis erkennen, Amy über seine Schulter geworfen. Er
hielt sich am Geländer fest. Von dem immer noch ein Stück herausgerissen war – eine große,
unsichere Leere zwischen ihnen und uns. Ich habe auch sie hochgehoben. Beide, auf einmal.
Ich bin mir sicher, dass mein Schädel danach explodiert ist. Oder nicht. Irgendwie war ich plötzlich
wieder in der Kuhle, neben Igor. Ich weiß nicht, wie. Er hat mir das Blut, das aus meiner Nase
strömte abgetropft. Hatte er mir das Taschentuch vorher angeboten? Ich war auf Manolis und Amy
konzentriert. Er schien sich festhalten zu können, also nahm ich sie ihm ab – ich bin erst
zusammengeklappt als sie auch neben mir stand. Er hat sich alleine hineingestemmt.
Danach harten wir den Rest des Sturms an Ort und Stelle aus. Ich kann nicht sagen ob es eine
Minute oder eine Stunde war, die wir dort saßen. Ich konnte die Anderen nicht hören, dafür waren
sowohl die Winde als auch das Pochen in meinem Kopf zu laut. Irgendwann hat mich Amy gefragt,
wie lange es dauern würde, bis es mir besser geht. Ob es mir besser gehen würde. Ich schätze, ich
habe ihr einen ganz schönen Schreck eingejagt. Blutverlust halt.
Ich brauchte eine Stunde, bis ich wieder in ganzen Sätzen denken konnte. Meine äußeren Wunden
ließen sich vergleichsweise einfach heilen – dafür übt man ja. Wir stiegen anschließend zum Boden
des Lochs hinab.
Und hier sitzen wir nun – wir können die Ketten sehen. Noch eine Nacht Rast, und dann finden wir
heraus, was sich in dem gigantischen Würfel verbirgt. Meine (nach wie vor furchtbar
unangenehmen) Kopfschmerzen sollten sich bis dahin erledigt haben.
Hoffentlich ist da drin nichts scharfes.
Wir kamen heute im Tempel an. Der Marsch über die Kette war lang und auf unerklärliche Art
flatterte uns hier eine grobe Karte des Gebäudes zu, komplett ohne fremde Einwirkung. Zufälle
gibts.
Unser Eingang war eine eingeschlagene Wand, hinter der sich ein riesiges, altes Schlachtfeld
verbarg. Westlich hiervon die (weitgehend von den Drow erkundete) Tempelanlage, nördlich ein
Gebiet, das sie weniger verstehen.
Auf unserem Weg gen Norden liefen wir an vielen, versteinerten Leichen vorbei. Ähnlich wie die
alten Götter, wenn auch um einiges kleiner. Wir fanden außerdem einen Stab zum Hochsprung, der
sich verlängern kann. Und ich werde bis zum Tag meines Todes darauf beharren, dass ich über
Morketeor gesegelt bin. Der Rest von uns hat sich kollektiv am über Sin Springen amüsiert.
Nach dieser kurzen Pause machten wir uns wieder auf den Weg. Einige Zeit später rappelte sich
dann eine der Leichen neben uns auf.
Die Situation eskalierte kurz, aber wir stellten schnell fest, dass der Mann bereit war mit uns zu
reden. Metakonstant war die einzige gemeinsame Sprache, die wir finden konnten. Ein sehr
angenehmes Gespräch.
Er war einmal Priester eines alten Gottes „der gerechten Strafe“. Die Anlage war wohl eine Art
„heiliges Gefängnis“ (ein wirklich paradoxes Konzept) gewesen, in seiner Mitte ein furchtbares
Monster gefangen. Der untote Mann nahm seine Umgebung nicht war, bis wir sie ansprachen. Ein
Schlachtfeld deutet in Gefängnissen selten auf etwas anderes als einen Ausbruch hin. Naja, vermute
ich zumindest.
Wir konnten ihn davon überzeugen uns in die Mitte des Gebäudes zu führen. Unterwegs begegneten
wir einer Drow, die glücklicherweise nur etwas Bestechungsgeld wollte (sind 50 Gold jetzt viel
oder wenig?).
Wir fanden uns schließlich auf dem Weg nach unten zwischen unzähligen Zellen (?) wieder. Der
Priester berichtete, dass hier früher alle möglichen Arten von Insassen inhaftiert waren. Unter
anderem Teufel.
Das funktioniert natürlich zahlentechnisch überhaupt nicht – der Tempel ist dem Priester zufolge
mehrere hundert Millionen Jahre alt, wurde zur Zeit der alten Götter erbaut und noch vor deren
Ableben zerstört. Und Teufel wurden, bekanntermaßen, erst sehr viel später von den neuen Göttern
erschaffen.
Der Priester wusste nichts von Masken. Teufel, wie er sie kannte, waren Wesen aus purem,
schwarzen Feuer. Ständig brennend, hungrig, wandelnd. Es hätte sie schon seit Anbeginn der Zeit
gegeben. Was haben die neuen Götter ihnen angetan?
Ich frage mich, wie Amy damit umgeht. Ich werde sie morgen mal ansprechen. Sie meinte, sie hätte
keine Fragen mehr für den Priester – nur noch welche für die Neuen.
Es ist seltsam zu erfahren, dass man weniger über die eigene Existenz weiß, als man dachte. Ich
hoffe, es stresst sie nicht zu sehr. Nein, natürlich stresst es sie komplett, was für ein dummer
Gedanke. Als wüsste ich nicht mehr, wie es sich anfühlte, als mir gesagt wurde ich sei von einem
Gott erschaffen worden. Dieser Riss in das Weltbild, wie ein Eimer kaltes Wasser über den Kopf.
Nur halt das Gegenteil für sie. Vielleicht kann ich ihr ja ein bisschen helfen, es zu verarbeiten.
Als wir in der Mitte des Gefängnisses ankamen, war wie erwartet kein Monster mehr zu finden. Der
Dämon, der hier einst in Ketten lag, war längst entkommen. Dämonen – eine Art korrumpierter
Wesen. Wenn ich es richtig verstehe etwas, das jeder werden könnte, der bösartig genug ist.
Der Priester wünschte nach dieser Erkenntnis in Ruhe gelassen zu werden, und wir hatten unser Ziel
noch nicht gefunden. Amys eigenartiger Kreisel lenkte uns Richtung Nordwesten – den ehemaligen
Gerichtshof der Anlage.
Wir ließen den Untoten, so wie er wollte, zurück. Ich hoffe, er kann die Situation irgendwann
verarbeiten.
Nach einiger Zeit fanden wir uns gegenüber einem jungen, adligen Drow wieder. Er war im
Gespräch so unangenehm, wie es nur ein Aristokrat gegenüber Bürgerlichen sein kann.
Glücklicherweise war er an einem Trainingsduell sehr interessiert, so dass ihn Manolis mehr oder
minder mit Erlaubnis bewusstlos schlagen konnte.
Einen Moment später betraten wir den Saal, der hier einmal als Urteilsort gedient hatte. Unten
befand sich ein Brunnen gefüllt mit einer eigenartigen, silbernen Flüssigkeit, die angeblich bei
Berührung Wünsche widerspiegeln soll. Niemand von uns fies sie an.
Auf der Richterbank selbst fanden wir drei Dinge: Ein Plüschtierwesen, dem ich noch einen
passenden Namen geben muss, ein Buch und ein magisches Bildchen am Boden. Das magische
Bildchen ist Sin zu folge nur der Überrest von Magie? Jedenfalls nichts relevantes. Im Buch fanden
wir zunächst Berichte über auf dieser Welt lebende Tiere. Dann eine Liste von Namen.
Uns fiel erst nach einem Moment auf, dass mein Name der letzte in der Liste war. Danach dauerte
es nur einige Sekunden, bis ich feststellte, dass jeder Drow, der mit Ilyxaria reist, hier ebenfalls
vertreten war. Sin stellte fest, dass das Buch stark magisch ist.
Ich schrieb den Rest unserer Gruppe hinein (scheinbar ist hierzu nur jemand fähig, dessen Name
bereits drinnen steht). Anschließend entschieden wir jedoch, uns noch etwas länger umzusehen.
Schließlich würde die Königin nicht das ganze Gebiet evakuieren, wenn sie nicht etwas zu
verstecken hätte.
Ein Gespräch mit zwei erstaunlich friedlichen Drow später fanden wir uns vor einer Tür wieder, die
von unserer geliebten Monarchin eiligst versiegelt und magisch mit einer Art Sichtzauber belegt
worden war. Wir bohrten uns durch die Wand.
Entlang des Gangs hinunter waren Statuen eines gutaussehenden, beschminkten Mannes aufgestellt.
Viele. An jeder war eine Art Symbol prominent auf seiner Kleidung vertreten. Aber wer erstellt eine
Statue, auf der mit Schminke vertuschte Narben zu erkennen sind? Sin hatte außerdem das Gefühl,
dass sie ihm zuzwinkerten, allerdings wurden sie niemandem sonst gegenüber aktiv.
Dahinter verbarg sich eine seltsame Anlage. Hinter einem Meer von Wein (über das ich mich, wenn
ich ein bisschen weniger feige wäre, genau wie Athos hätte tragen lassen können. Du bist ein Held,
Imogen. Wenigstens sahen Athos und Morketeor wirklich sehr niedlich aus) stand ein Thron auf
einem Berg von goldenen Kelchen. Wiedermal magisch. Im Halbkreis dahinter waren Gänge zu
anderen Räumen.
Im ersten von diesen fanden wir ein paar Knochen, ein altes Schwert und die Anweisung, sich den
Kopf mit diesem zu rasieren. Es klang wie der erste Schritt einer eigenartigen Ausbildung.
Im zweiten wurde, wer auch immer das Schwert in Händen hielt, in eine Vision gezogen. Die alte
Kriegerin, die einst mit Athos tanzte, wies den Schwertträger und einen Mitschüler (einer der neuen
Götter) an, eine Ratte zu töten. Manolis schlug zu und wusste, dass er versagt hatte. Athos tat es
nicht, aber konnte ihre Fragen nicht zufriedenstellend beantworten. Ich schaffte beides auch nicht,
aber mir verriet sie den „Sinn“ ihrer Lektion dennoch. Seinem Feind gegenüber nicht zu zögern,
wenn man das, was einem wichtig ist, beschützen möchte. Vielleicht war ich auch die Einzige, bei
der sie dachte, dass die Lektion noch nicht angekommen sei.
Im dritten Raum stand nur ein Krug. Ich habe schließlich drauß getrunken, aber es hatte nicht
wirklich viel Effekt.
Im vierten fanden wir ein eigenartiges, kristallenes… Teleportationsgerät? Amy und ich zerstörten
es.
Im fünften und letzten Raum stand eine gigantische Ascheschale, ähnlich der in Sins Zimmer. Wir
kamen auf die Idee, das Symbol auf den Statuen einzuzeichnen.
Einen Moment später befanden wir uns im Gespräch mit einem der neuen Götter.
Naja, besser gesagt ich. Der Schutzzauber wirkte, so dass er uns nur schlecht war nahm. Und wie
immer wurde ich zum Gespräch vorgeschickt – wir sind eine wahrhaftig eloquente Gruppe.
Der Gott war nur allzu bereit mit uns zu sprechen. Charles war sein Name. Eurinomos wie er sich
nennt.
Charles also.
Charles behauptete, nichts von den Untaten der Königin zu wissen. Ihr ihre Macht vor langer Zeit
aus Mitleid geschenkt zu haben. Bedingungslos. Er wolle wieder gutmachen, was sie dieser Welt
angetan hat.
Es gibt hier mehr zu bedenken, als ich auflisten kann. Wieso glaubte er uns überhaupt so fraglos?
1. Er ist ein Vollidiot. Jemand, der achtlos und ohne zweiten Gedanken Macht verschenkt, die
Welten unterjochen kann. Ein Monster durch pure Ignoranz. Aber wie wird so jemand einer
der „mächtigsten Götter“? Würde sich so jemand als Gott sehen?
2. Er lügt, um seinen Ruf zu wahren. Es war ihm immer egal, was die Königin wem antut mit
seiner Macht. Aber er wollte nicht, dass wir dies erfahren und belügt uns, um besser da zu
stehen. Aber warum sollte es ihn interessieren, was wir denken? Mehr noch als was seine
„Dienerin“ denkt?
3. Er lügt, um uns in eine Falle zu locken. Charles hat Hilfe versprochen – der Königin die
Macht zu nehmen, die verwandelten Sklaven zu retten, Material zur Verfügung zu stellen.
Insbesondere das Erste könnte eine hinterhältige Falle werden, wenn wir darauf vertrauen.
Aber warum? Wieso nicht einfach göttliche Macht verwenden, um uns hier und jetzt zu
zerquetschen? Warum diese Umstände?
Persönlich finde ich 3. am unglaubwürdigsten, auch wenn jede der Erklärungen alles andere als
lückenarm ist. Vielleicht ist das aber auch nur eine heimliche Hoffnung. Schließlich würden sowohl
1. als auch 2. bedeuten, dass seine versprochene Hilfe höchstwahrscheinlich kommen wird.
Ich hatte einen kurzen Moment, in dem ich unsicher war, ob wir um mehr bitten sollten. Mehr Hilfe
für die Sklaven. Mehr Sicherheit. Ist es rechtens, ihnen gebotenen Schutz zu verwehren, weil ich
jemandem nicht vertraue? Wie viel Grund habe ich, ihm überhaupt zu vertrauen? Amy war sich
sicher, dass Charles auf diese Welt zu laden in etwa so desaströs wäre, wie dies mit Nadia zu tun.
Ich habe mich am Ende dafür entschieden, ihn um Materialien zu bitten. Um den Sklaven den
Neuaufbau einfacher zu machen. Ich hoffe, es ist genug. Aber ich weiß genau, dass ich mich an
diese Entscheidung erinnern werde, sobald dieser Aufstand seine ersten Toten fordert.
Wir haben uns anschließend auf den Rückweg gemacht. Erstaunlich frohen Mutes, ehrlich gesagt.
Alles, was wir uns vom Tempel erhofft hatten, haben wir auch bekommen. Vielleicht sogar um
einiges mehr.
Varodin sollte wenn wir zurück kehren schon etwas Armee zusammen haben. Hoffentlich genug,
um den Sklaven die Fluchtmöglichkeit zu bieten, die sie verdienen.