0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
0 Ansichten59 Seiten

Integral

Das Dokument behandelt die Integrationstheorie in Rn, einschließlich des Lebesgue-Integrals und Integralsätzen für mehrdimensionale Funktionen. Es umfasst grundlegende Konzepte wie Maße, σ-Algebren, und die Eigenschaften von Integralen, sowie spezifische Sätze wie den Satz von Fubini und die Transformationsformel. Die Vorlesung zielt darauf ab, die theoretischen Grundlagen der Integration zu vermitteln und deren Anwendung auf Untermannigfaltigkeiten zu erläutern.

Hochgeladen von

Anonymous MNQ6iZ
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
0 Ansichten59 Seiten

Integral

Das Dokument behandelt die Integrationstheorie in Rn, einschließlich des Lebesgue-Integrals und Integralsätzen für mehrdimensionale Funktionen. Es umfasst grundlegende Konzepte wie Maße, σ-Algebren, und die Eigenschaften von Integralen, sowie spezifische Sätze wie den Satz von Fubini und die Transformationsformel. Die Vorlesung zielt darauf ab, die theoretischen Grundlagen der Integration zu vermitteln und deren Anwendung auf Untermannigfaltigkeiten zu erläutern.

Hochgeladen von

Anonymous MNQ6iZ
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

ANALYSIS IV, INTEGRATIONSTHEORIE

SOMMERSEMESTER 08, 2-STÜNDIG, TU DARMSTADT

KARSTEN GROSSE-BRAUCKMANN

Inhaltsverzeichnis

Literatur iii

Teil 1. Integration in Rn 1
1. Ein einfacher Integralbegriff (Wiederholung) 1
1.1. Iterierte Riemann-Integrale 1
1.2. Integral für stetige Funktionen mit kompaktem Träger 2
2. Maße 4
2.1. σ-Algebren 5
2.2. Maße 6
2.3. Borel-Mengen 7
2.4. Das Lebesgue-Maß von Borel-Mengen 8
2.5. Nullmengen und Lebesgue-meßbare Mengen 10
3. Das Lebesgue-Integral 11
3.1. Riemann- und Lebesgue-Integral: Die Grundideen 11
3.2. Messbare Funktionen 11
3.3. Stufenfunktionen 14
3.4. Definition des Integrals 15
4. Konvergenzsätze 18
4.1. Monotone Konvergenz 19
4.2. Majorisierte Konvergenz 21
4.3. Lebesgue- und Riemann-Integral 22
5. Funktionalanalytische Eigenschaften 24
5.1. Die Lp -Räume und die Integral-Halbnorm 24
5.2. Die Lp -Räume 26
5.3. Dichte Teilmengen von Lp 28
5.4. Satz von Fubini und Transformationsformel für L1 30

i
ii K. Grosse-Brauckmann

Teil 2. Integralsätze 33
1. Untermannigfaltigkeiten 33
1.1. Untermannigfaltigkeiten 33
1.2. Immersionen und Einbettungen als Parametrisierungen 34
1.3. Tangential- und Normalraum 37
1.4. Kompakta mit glattem Rand 38
2. Integration auf Untermannigfaltigkeiten 39
2.1. Die Gramsche Determinante 39
2.2. Inhalte von Immersionen und Oberflächenintegrale 42
2.3. Maße und Integrale auf Untermannigfaltigkeiten 43
3. Integralsätze 44
3.1. Divergenz 44
3.2. Der Gaußsche Integralsatz 46
3.3. Beweis des Gaußschen Integralsatzes 47
3.4. Greenscher Integralsatz in der Ebene 51
Index 54
Analysis IV, Integrationstheorie iii

Literatur

[BF] Barner/Flohr: Analysis II (Kapitel 15 und 16 enthalten eine gut lesbare Konstruk-
tion des Lebesgue-Maßes und -Integrals für den Rn . In den folgenden Kapiteln
werden Integralsätze, allgemeiner als in der Vorlesung, für Differentialformen be-
handelt.)
[Ba] Bauer: Wahrscheinlichkeitstheorie und Grundzüge der Maßtheorie
[Br] Bröcker: Analysis II und III
[E] Elstrodt: Maß- und Integrationstheorie, Springer 1996 und 2002 (Das empfohlene
Buch zu Kapitel 1. Elstrodt entwickelt die allgemeine Theorie explizit und be-
gründet alle Abstraktionsschritte. Darüber hinaus wird die Geschichte der Theorie
lebendig gemacht. Das Buch eignet sich auch gut zum Nachschlagen. Es deckt
aber nur Kapitel 1 dieser Vorlesung ab.)
[Fo] Forster: Analysis 3. (Das Integral über Funktionen mit kompakten Träger kann
man in Kapitel 2 und 3 nachschlagen. Das Lebesgue-Integral wird anders als in
der Vorlesung konstruiert. Kapitel 2 unserer Vorlesung folgt weitgehend Kapitel
14 und 15 von Forster. )
[Fl] Floret: Maß– und Integrationstheorie
[H] Hildebrandt: Analysis II, Springer 2003, Kapitel 5 und 6
[Ho] Hochkirchen, Th.: Maß- und Integrationstheorie von Riemann bis Lebesgue. In:
Geschichte der Analysis, H.N. Jahnke (Hrsg.), Spektrum-Verlag. (Ein interessan-
ter historischer Artikel, der Wege und Irrwege zum funktionierenden Integralbe-
griff darstellt.)
[L] Lang: Real Analysis, Addison-Wesley 1983. (In Kapitel 11, The General Integral,
können Sie nachlesen, wie man das Lebesgue-Integral direkt durch Vervollstän-
digung aus dem Integral für Stufenfunktionen gewinnen kann. Man setzt also
R R
f = fk , wobei fk eine Cauchyfolge von Stufenfunktionen mit Grenzwert f
punktweise fast überall ist. Man braucht dann nicht auf die Zerlegung f = f+ −f−
zurückzugreifen. Dieser Zugang ist abstrakt, aber treffend.)
[R] Rudin: Principles of Mathematical Analysis, sowie Real and Complex Analysis
Zu speziellen Themen:
[GP] Guillemin, Pollack: Differential topology
iv K. Grosse-Brauckmann

Einleitung
Die Integrationstheorie bietet reichlich Stoff für eine zweistündige Vorlesung: Es wird hier
einerseits das Lebesgue-Integral eingeführt und andererseits werden Oberflächenintegrale
und Integralsätze behandelt.
Im ersten Kapitel wird zunächst das Integral über stetige Funktionen mit kompaktem
Träger aus dem zweiten Semester wiederholt. Es folgt ein Schnelldurchgang durch das
Lebesgue-Integral. Die Beweise sind sämtlich nicht schwer, was man als Beleg dafür verste-
hen kann, dass Lebesgues Zugang der richtige ist. Ich habe einige Argumente nur skizziert,
aber lediglich der Existenzbeweis für des Lebesgue-Maßes auf dem Rn bleibt als eine größere
Lücke offen.
Dagegen wird L1 (und auch Lp ) eingeführt und die Vollständigkeit dieses Raums gezeigt,
die Dichtheit der stetigen Funktionen mit kompaktem Träger darin immerhin skizziert. Der
Satz von Fubini kann damit im wesentlichen aus der Version für stetige Funktionen gefolgert
werden. Genauso kann man die Transformationsformel übertragen; allerdings bleibt hier
eine Lücke, weil ich den Beweis für stetige Funktionen mit kompaktem Träger nicht wirklich
geführt hatte. Tatsächlich kenne ich keinen Beweis der Transformationsformel, der sowohl
instruktiv wie gut präsentierbar ist.
Im zweiten Kapitel geht es um Integralsätze, also Verallgemeinerungen des Hauptsatzes
der Differential- und Integralrechnung auf mehrere Dimensionen. Um den Gaußschen Inte-
gralsatz als Hauptergebnis zu formulieren, muss zuerst das Oberflächenintegral eingeführt
werden.
Diese Vorlesung ist die Bearbeitung einer im Wintersemester 03/04 gehaltenen Veranstal-
tung. Neben der angegebenen Literatur habe ich auch Skripten aus den Vorjahren benutzt,
und zwar von meinen Kollegen Neeb, Roch und Kümmerer.
Textteile, die in kleiner Type erscheinen, habe ich nicht in der Vorlesung gehalten.

Ich danke den Hörern der Vorlesung, die mir Korrekturen und Anmerkungen mitgeteilt
haben.
Darmstadt, August 08
i 1.1 – Stand 28. August 2008 1

Teil 1. Integration in Rn

1. Vorlesung, Montag 31.3.08

Zwei Fragen stellen sich beim Integrieren:

1. Für welche Funktionen ist das Integral definiert?


2. Wie rechnet man das Integral aus?

Im Eindimensionalen haben wir die folgenden Antworten gegeben:


1. Riemann-integrable Funktionen sind solche, die sich gut genug durch Treppenfunktionen
approximieren lassen; stetige Funktionen gehören dazu.
2. Man benutzt den Hauptsatz und rät Stammfunktionen.

Im Mehrdimensionalen stellen wir die bereits von Analysis 2 bekannte Antwort im ersten
Kapitel dar. Um die erste Frage zu beantworten, werden werden wir eine große Klasse von
integrierbaren Funktionen angeben, die sogenannten Lebesgue-integrierbaren Funktionen.
Dafür müssen wir einen gewissen Aufwand treiben.

1. Ein einfacher Integralbegriff (Wiederholung)

1.1. Iterierte Riemann-Integrale. Die Antwort auf die zweite Frage lautet: Die mehr-
dimensionale Integration wird auf eindimensionale Integration zurückgeführt. Wir hatten
dies bereits am Ende von Analysis 2 dargestellt.

Wir können das bekannte eindimensionale Riemann-Integral benutzen, um mehrdimensio-


nale Integrale zu berechnen. Der natürliche Definitionsbereich sind Quader:

Definition. (i ) Es sei n ∈ N und a = (a1 , . . . , an ), b = (b1 , . . . , bn ) ∈ Rn . Die Menge

[a, b] := [a1 , b1 ] × · · · × [an , bn ] ⊂ Rn

heißt Quader [rectangular box]. Sein Volumen ist vol([a, b]) := (b1 − a1 ) · . . . · (bn − an ).
(ii) Sei f : [a, b] → R stetig. Dann ist das (iterierte Riemann-)Integral von f erklärt durch
Z Z bn Z b1
(1) f (x) dx := ··· f (x1 , . . . , xn ) dx1 . . . dxn .
[a,b] an a1

Interpretation. 1. Man kann (1) deuten als den (n + 1)-dimensionalen Inhalt des Graphen
{(x, f (x)) : x ∈ [a, b]} ⊂ Rn+1 .
R
2. Versteht man f als Massendichte eines Quaders [a, b], so ist [a,b] f (x) dx seine Masse.
1
R
3. Setzt man |[a, b]| := (b1 − a1 ) · . . . · (bn − an ), so ist vol([a,b]) [a,b]
f (x) dx der Mittelwert
von f über [a, b].
2 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Beispiel.
Z Z 1 Z 1  Z 1  x=1
2 2 1 3
x + y dx dy = x + y dx dy = x + yx dy
[0,1]2 0 0 0 3 x=0
Z 1 1
1 1 1 5
= + y dy = y + y 2 =
0 3 3 2 0 6

Es ist zu zeigen, dass (1) wohldefiniert ist. Dazu iteriert man die folgende Behauptung:
• Das Ergebnis der innersten Integration von (1) ist eine stetige Funktion der Parameter
(x2 , . . . , xn ) und kann daher erneut integriert werden.
Zum Beweis benutzt man die gleichmäßige Stetigkeit des Integranden, siehe Analysis 2.

Einen weiteren wichtigen Punkt formulieren wir als Satz:

Satz 1 (Fubini). (i ) Ist f : [a, b] × [c, d] → R stetig, so ist das Doppelintegral unabhängig
von der Integrationsreihenfolge,
Z d Z b  Z b Z d 
f (x, y) dx dy = f (x, y) dy dx.
c a a c

(ii) Der Wert des n-fachen Integrals (1) ist unabhängig von der gewählten Integrationsrei-
henfolge.

Den Beweis von (i) liefert der (eindimensionale) Hauptsatz der Differential- und Integral-
rechnung, zusammen mit der Tatsache, dass man unter dem Integral differenzieren darf,
siehe wiederum Analysis 2. Durch Induktion folgt daraus (ii).

1.2. Integral für stetige Funktionen mit kompaktem Träger. Wir erinnern daran,
dass der Abschluss [closure] einer Menge X ⊂ Rn gegeben ist durch

X := {x ∈ Rn : ∃ (xk ) ∈ X with xk → x} = {x ∈ Rn : Bε (x) ∩ X 6= ∅ ∀ε > 0}

Es ist X auch der Schnitt aller abgeschlossenen Mengen, die X enthalten. Siehe Analysis 2.

Der Träger [support] einer Funktion f : Rn → R ist die Menge

supp f := {x ∈ Rn : f (x) 6= 0} ⊂ Rn .

Beispiele. 1. f : R → R f (x) := max{0, x2 (1 − x2 )} hat den Träger supp f = [−1, 1].


2. χQ : R → R mit χQ (x) := 1 für x ∈ Q und 0 sonst hat supp χQ = R.

Definition. (i) Eine Funktion f ∈ C 0 (Rn ) mit supp f kompakt heißt stetige Funktion mit
kompaktem Träger [continuous function with compact support]. Wir schreiben

Cc0 (U ) := {f : U → R : supp f ⊂ U kompakt }.


i 1.2 – Stand 28. August 2008 3

(ii) Für f ∈ Cc0 (U ) erklären wir das Integral durch


Z Z
f (x) dx := f (x) dx,
U [a,b]

vorausgesetzt U ⊂⊂ [a, b].

Auch wenn die Integration stetiger Funktionen mit kompaktem Träger recht speziell ist,
kann man diese Funktionen doch dazu benutzen, um beliebige integrierbare Funktionen
damit ungleichmäßig zu approximieren.

Aus den entsprechenden Eigenschaften des eindimensionalen Riemann-Integrals erhält man:

Satz 2. Sei U ⊂ Rn offen, f, g ∈ Cc0 (U ). Das Integral hat die folgenden Eigenschaften:
R
(i) f 7→ U f (x) dx ist linear.
R R
(ii) Monotonie: f ≤ g ⇒ U f (x) dx ≤ U g(x).
R R
(iii) Translationsinvarianz: U +a f (x − a) dx = U f (x) dx für alle a ∈ Rn .

Man kann sogar zeigen, dass diese Eigenschaften das Integral bestimmen bis auf Multipli-
kation mit einer Konstanten (Beweis: [F], S.4-11).

Die wichtigste Eigenschaft von Integralen ist ihr Verhalten unter Variablentransformation,
im Eindimensionalen also die Substitutionsformel.

Satz 3 (Transformationsformel [Change of variables formula]). Es seien U, V ⊂ Rn offen


und ϕ : U → V ein C 1 -Diffeomorphismus. Dann gilt für jedes f ∈ Cc0 (V )
Z Z

f ϕ(x) | det dϕx | dx = f (y) dy.
U V

Wir hatten diese Behauptung in Analysis 2 nur für den Spezialfall von linearen Abbildungen
ϕ bewiesen. In diesem Fall kann man sie dadurch gewinnen, dass man ϕ als Produkt
von Elementarmatrizen darstellt, und die eindimensionale Substitutionsformel benutzt. Im
allgemeinen, nichtlinearen Fall stellt man ϕ in der Form “affin plus Fehler” dar, und zeigt,
dass man die entstehenden Fehlerterme beliebig klein machen kann.

Ich stelle abschließend noch die Probleme dieses Integralbegriffs dar.

Man möchte gern das Integral von beliebigen stetigen Funktionen f : U → R für U offen
bestimmen. Dazu wählt man einen Quader [a, b], der U kompakt enthält, und erklärt das
Integral wieder wie in (1), indem man f durch 0 auf die Punkte von [a, b] \ U fortsetzt.
An der Randpunkten ∂U wird f aber im allgemeinen unstetig sein. In vielen praktischen
Fällen wirft das kein Problem auf, jedoch stellt sich für einen sorgfältigen Mathematiker
folgendes Problem:
4 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

• Wie gut muss die offene Menge U sein, damit man trotz der Unstetigkeitsstellen noch
integrieren kann? Die Charakterisierung solcher Mengen ist möglich, aber nicht elegant.

Oft möchte man über unbeschränkte Funktionen oder auf unbeschränkten Gebieten inte-
grieren (“uneigentliche Integrale”). Dadurch stellen sich weitere Fragen:
• Welche Sorte von “Unendlichkeitsstellen” und von nicht beschränkten Gebieten kann man
zulassen?

Mit dem mehrdimensionales Riemann-Integral kann diese Problem durchaus behandeln


(siehe z.B. [H]). Wir werden jedoch das Lebesgue-Integral einführen, das ohne besonderen
Mehraufwand beide Probleme direkt und elegant behandelt.

2. Maße

Wir werden den folgenden systematischer Weg nehmen, um das Integrationsproblem an-
zugehen: Wir untersuchen,
1. welchen Teilmengen des Rn man einen sinnvollen Inhalt zuschreiben kann,
2. für welche Funktionen auf solchen Mengen man ein Integral definieren kann.
Natürlich ist die zweite Aufgabe allgemeiner, denn der Inhalt einer Menge A läßt sich
R
formal als Integral schreiben, Inhalt(A) = A 1 dx.

Borel und Lebesgue haben folgende Strategie zur Lösung des Inhaltsproblems für Mengen
vorgeschlagen. Von Quadern kennen wir den Inhalt; wir dehnen diesen Inhaltsbegriff auf
ein möglichst großes System von sogenannten messbaren Teilmengen aus.

Wie wir sehen werden, ist das Ergebnis weder offensichtlich noch explizit. Aus diesem
Grund war dieser Ansatz schwierig, und die vorgeschlagene Lösung war ein großer Fort-
schritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich hat man bis in die Mitte des 19.
Jahrhunderts nur durch spezielle Vorschriften gegebene Mengen (oder Funktionen) be-
trachtet. Die allgemeine, axiomatische Betrachtung von sogenannten willkürlichen Mengen
oder Funktionen entwickelte sich nur langsam. Beispielsweise schrieb Hermite in einem
Brief “Je me détourne avec effroi et horreur de cette plaie lamentable des fonctions qui
n’ont point de dérivées”, er wollte sich also mit Abscheu von der Plage von Funktionen
ganz ohne Ableitungen abwenden – entsprechend lehnte er die Veröffentlichung einer An-
kündigung von Lebesgue ab. Lesen Sie in Elstrodt [E], S. 1-6 (+S.158/59) nach, wie das
Lebesgue-Integral “erfunden” wurde.

Kann man einfach jeder Teilmenge des Rn einen sinnvollen Inhalt zuschreiben? Dies ist
unmöglich, wie das 1905 von Vitali gefundene Beispiel einer Teilmenge von R zeigt, die
keinen vernünftigen Inhalt haben kann (siehe Übungen).
i 2.1 – Stand 28. August 2008 5

Besonders zugespitzt erkennt man die Unmöglichkeit eines Inhaltsbegriffs für beliebige
Mengen aus dem Banach-Tarski-Paradox (1924). Man kann den dreidimensionalen Ein-
heitsball B = B1 (0) in endlich viele Teilmengen (disjunkt) so zerlegen, dass die auf andere
Weise zusammengesetzten Mengen zwei verschiedene Einheitsbälle ergeben. Dazu muss
nur jede Menge geeignet rotiert und verschoben werden. Bereits fünf solcher fraktalen Teil-
mengen reichen aus. Siehe z.B. [Link] Ist der
Inhalt also bewegungsinvariant und additiv, so kann man den betrachteten Teilmengen
keinen Inhalt zuschreiben.
Zur Konstruktion der beiden Beispiele benötigt man das Auswahlaxiom.
2. Vorlesung, Mittwoch 2.4.08

2.1. σ-Algebren. Eine plausible Grundidee zur Bestimmung des Inhalts von “guten” Men-
gen ist es, sie auszuschöpfen. Beispielsweise kann man den Inhalt eines ebenen Gebiets em-
pirisch dadurch bestimmen, dass man das Gebiet mit einem Quadratgitternetz überdeckt,
und zuerst die Fläche der im Gebiet enthaltenen Einheitsquadrate berechnet, dann in der
verbleibenden Menge die Fläche aller im Gebiet enthaltenen Quadrate der Kantenlänge
1/2 hinzunimmt; dann ebenso mit Kantenlänge 1/4, 1/8 . . . Im Normalfall erhält man auf
diese Weise eine abzählbare Folge von kleiner werdenden Quadraten. Ihr Gesamtinhalt ist
eine unendliche Summe.
Wollen wir aber abzählbare Vereinigungen von Mengen zur Inhaltsbestimmung heranzie-
hen, so müssen wird bei der Inhaltsdefinition Mengensysteme betrachten, die bezüglich der
Bildung von abzählbaren Vereinigungen abgeschlossen sind:

Definition. Sei X eine Menge. Ein System Σ = Σ(X) von Teilmengen von X heißt σ-
Algebra, falls gilt:
(i) X ∈ Σ.
(ii) [Abgeschlossenheit bzgl. Komplementbildung]: Ist A ∈ Σ, so auch Ac := X \ A ∈ Σ.
(iii) [Abgeschlossenheit bzgl. abzählbarer Vereinigungen]: Falls Ak ∈ Σ für alle k ∈ N, so
S
auch k∈N Ak ∈ Σ.
Das System (X, Σ) heißt messbarer Raum und A ∈ Σ messbare Menge [measurable space/set].

Weitere Eigenschaften folgen sofort:


1. ∅ ∈ Σ.
2. σ-Algebren sind abgeschlossen bezüglich abzählbarer Durchschnitte:
(ii) (iii) [
 \ c (ii) \
c c
(Ak ) ∈ Σ ∀k ∈ N ⇒ Ak ∈ Σ ∀k ⇒ Ak = Ak ∈ Σ ⇒ Ak ∈ Σ.
k∈N k∈N k∈N

3. Es ist B \ A = B ∩ Ac . Aus 2. folgt: A, B ∈ Σ ⇒ B \ A ∈ Σ.


6 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Bemerkung. Der Begriff Algebra bezieht sich auf folgende Operationen:


• Addition ist die symmetrische Differenz A4B := (A\B)∪(B \A). Das neutrale Element
ist ∅, was ist das Negative?
• Multiplikation ist Durchschnittsbildung.
Nach 2. und 3. sind Addition und Multiplikation durch Vereinigung und Komplementbil-
dung darstellbar, so dass eine σ-Algebra tatsächlich abgeschlossen bezüglich dieser Ver-
knüpfungen ist. Der Begriff Algebra bezieht sich auf die Darstellung als Vektorraum über
dem Körper F2 = {0, 1}, siehe [E], S.11/12. Der Buchstabe σ bezeichnet oft abzählbar
Unendliches, hier die Additivität.

Beispiele. 1. Für X beliebig sind σ-Algebren: Σ = {∅, X}, sowie die Potenzmenge P(X)
(das ist die Menge sämtlicher Teilmengen von X).
2. Die Menge {A ⊂ Z : x ∈ A ⇒ −x ∈ A} ist σ-Algebra.
3. Die Menge {A ⊂ N : A oder Ac endlich } ist keine σ-Algebra. Warum?
4. Ist E ∈ Σ, so ist auch E selbst eine Σ-Algebra ΣE (warum?).

2.2. Maße. Die wichtigste Forderung an einen Inhalt ist, dass er additiv auf disjunkten
Vereinigungen ist. Wir fordern dies sogar für abzählbar unendliche Vereinigungen:

Definition. Sei (X, Σ) ein messbarer Raum. Ein Maß [measure] auf (X, Σ) ist eine Funk-
tion µ : Σ → [0, ∞] mit folgenden Eigenschaften:
(i) µ(∅) = 0.
(ii) µ ist σ–additiv, d.h. ist Ak ∈ Σ für k ∈ N, und Ak ∩ Al = ∅ für k 6= l, so gilt
[  X ∞
(2) µ Ak = µ(Ak ).
k∈N k=1

Wir nennen (X, Σ, µ) einen Maßraum [measure space].

Dabei sei [0, ∞] := [0, ∞) ∪ {∞} und es mögen folgende Rechenregeln für ∞ gelten:
• x + ∞ = ∞ + x = ∞ für alle x ∈ R,
• ±x · ∞ = ∞ ± x = ±∞ für x > 0 und (sogar!) 0 · ∞ = ∞ · 0 = 0.
• −∞ < x < ∞ für alle x ∈ R.
• Wir schreiben limk→∞ xk = ∞, wenn xk bestimmt gegen ∞ divergiert.

Beispiele. 1. Zählmaß : Sei X endlich. Durch µ(A) := #A (Anzahl der Elemente) für A ⊂ X

wird X, P(X) zum Maßraum.
2. Punkt- oder Dirac-Maß : Sei (X, Σ) gegeben, und x ∈ X fest. Dann setzen wir

1, x ∈ A,
δx (A) :=
0, x 6∈ A.
i 2.3 – Stand 28. August 2008 7

3. Ein Wahrscheinlichkeitsmaß ist ein Maßraum (X, Σ, µ) mit µ(X) = 1.


• Für X := {1, 2, 3, 4, 5, 6} und Σ = P(X) gibt das Maß µ(A) := 16 #A die Wahrscheinlich-
keit an, bei einem Würfelwurf ein Ergebnis in A ⊂ X zu erzielen.
2
• Für X := R und geeignete A ⊂ X kann µ(A) := √1π A e−t dt die Wahrscheinlichkeit
R

angeben, ein Messergebnis in A zu erzielen. Dieses Wahrscheinlichkeitsmaßwird auch als


R
Normalverteilung bezeichnet. Natürlich müssen Σ und später noch definiert werden.
4. Sei (X, Σ, µ) Maßraum. Auf der σ-Algebra ΣE der messbaren Teilmengen von E ergibt
die Einschränkung µ|E wieder einen Maßraum, (E, ΣE , µ|E ).

Satz 4. Jedes Maß µ auf (X, Σ) hat die folgenden Eigenschaften:


(i) endl. Additivität: Sind A1 , . . . , Ak ∈ Σ paarweise disjunkt, so gilt µ(A1 ∪ . . . ∪ Ak ) =
µ(A1 ) + . . . + µ(Ak ).
(ii) Monotonie: A ⊂ B ⇒ µ(A) ≤ µ(B).
S 
(iii) Ausschöpfung: Für jede Folge A1 ⊂ A2 ⊂ . . . in Σ gilt µ k∈N Ak = limk→∞ µ(Ak ).

Beweis. (i) Das ist die σ-Additivität für A1 , . . . , Ak , ∅, ∅, . . ..


(ii) Aus (i) folgt µ(B) = µ(A) + µ(B \ A) ≥ µ(A).
(iii) Um die Ausschöpfung als disjunkte Vereinigung zu schreiben, setzen wir A0 := ∅ und
Bk := Ak \ Ak−1 für k ∈ N. Aus Ak = kj=1 Aj = kj=1 (Aj \ Aj−1 ) = kj=1 Bj folgt wie
S S S

gewünscht
[  [  σ-add. X ∞
µ Ak = µ Bk = µ(Bk ) = lim µ(Ak ).
k→∞
k∈N k∈N k=0


2.3. Borel-Mengen. Gibt es nun ein Maß für eine möglichst große σ-Algebra von Teil-
mengen des Rn ? Wir wollen das offensichtliche Maß von Quadern benutzen, um für allge-
meinere Mengen Maße zu definieren. Der Beweis des folgenden Lemmas ist eine Übung:

Lemma 5. Sei X eine Menge. Ist A eine Familie von σ–Algebren über X, so ist ihr
Durchschnitt
\
A := {A ⊂ X : A ∈ Σ für alle Σ ∈ A}
wieder eine σ–Algebra über X.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, eine konkrete Beschreibung derjenigen Mengen zu
T
geben, die in A liegen.
Aus dem Lemma folgt, dass es für jedes nichtleere System von Mengen E ⊂ P(X) genau
eine kleinste σ-Algebra über X gibt, die E umfasst. Um das einzusehen, betrachten wir die
Menge A aller σ-Algebren über X, die E umfassen. Da E in der σ-Algebra P(X) enthalten
8 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08
T T
ist, ist A sicher nicht leer. Nach dem Lemma ist aber A wieder eine σ-Algebra. Aber A
enthält E, und es ist die kleinste solche σ–Algebra über X. Wir nennen diese σ-Algebra
die von E erzeugte σ-Algebra.
Wir wenden diese Konstruktion nun an auf die Menge aller halboffenen Quader
Q = {(a, b] := (a1 , b1 ] × . . . × (an , bn ] ⊂ Rn : ai < bi für i = 1, . . . , n} :

Definition. Die Borel-σ-Algebra B := B(Rn ) ist die von den Quadern Q erzeugte σ-
Algebra.

Die Borel-σ-Algebra B enthält also alle halboffenen Quader und ist sogar die kleinste σ-
Algebra mit dieser Eigenschaft. Insbesondere enthält B Komplemente und abzählbare Ver-
einigungen von halboffenen Quadern. Natürlich würde man gern wissen, welche Mengen
“genau” in B liegen. Immerhin können wir feststellen:

Satz 6. B(Rn ) enthält alle offenen und abgeschlossenen Mengen.

Beweis. Wir zeigen zuerst, dass jede offene Menge U eine abzählbare Vereinigung halbof-
fene Quader ist. Dazu werden wir allein Würfel benutzen. Um abzählbar viele Würfel zu
erhalten, lassen wir nur Würfel mit rationalen Eckpunkten zu, d.h. Würfel mit rationalem
Mittelpunkt und rationaler Kantenlänge.
Weil U offen ist, gibt es eine offene Umgebung von x bezüglich der Maximumsnorm, die in
U liegt, also ein offener Würfel. Nach eventueller Verkleinerung der Kantenlänge erhalten
wir sogar einen halboffenen Würfel W mit x ∈ W ⊂ U , dessen Kantenlänge 2` > 0 rational
sei. Wegen der Dichtheit von Qn in Rn gibt es q ∈ Qn mit kq − xk∞ < 2` . Der rationale
halboffene Würfel W 0 der Kantenlänge 2` um q erfüllt nun das Verlangte: x ∈ W 0 ⊂ W ⊂ U .
Da abgeschlossene Mengen Komplemente offener Mengen sind, liegen auch diese in B. 

3. Vorlesung, Mittwoch 9.4.08


Im Falle eines allgemeinen metrischen oder topologischen Raumes X definiert man die σ-
Algebra B(X) als die von den offenen Mengen erzeugte σ-Algebra. Der Satz zeigt, dass
diese Definition für den Fall X = Rn äquivalent zu der von uns gegebenen Definition ist.

2.4. Das Lebesgue-Maß von Borel-Mengen. Wir führen nun durch schrittweise Er-
weiterung ein Maß auf folgenden Mengentypen ein:
1. Maß von Quadern
2. Maß von offenen und kompakten Mengen
3. Maß von Borel-Mengen
4. Maß auf Lebesgue-messbaren Mengen (im nächsten Abschnitt)
i 2.5 – Stand 28. August 2008 9

Im ersten Schritt nehmen wir als Maß von Quadern ihr Volumen:

λ (a, b] := (b1 − a1 ) · . . . · (bn − an ) für alle Quader (a, b] = (a1 , b1 ] × . . . × (an , bn ] ∈ Q.

Als zweiten Schritt setzen wir nun das Maß durch Ausschöpfung mit Quadern auf offene
Mengen fort, und danach durch Komplementbildung auf kompakte Mengen:

Satz 7. (i) Sei U ⊂ Rn offen. Dann ist wohldefiniert:


X  [
λ(U ) := λ (ak , bk ] ∈ [0, ∞], falls U = (ak , bk ] disjunkt.
k∈N k∈N
n
(ii) Sei K ⊂ R kompakt. Dann ist wohldefiniert:
λ(K) := λ(U0 ) − λ(U0 \ K),
wobei U0 eine offene Menge mit K ⊂ U0 ist, und die rechte Seite durch (i) bestimmt ist.

Der Beweis besteht darin zu zeigen, dass die Werte λ(U ) bzw. λ(K) unabhängig von den
gewählten Zerlegungen sind, siehe [BF, 15.1].
Diese Definitionen gestatten es uns, für eine beliebige Mengen A ⊂ Rn ein inneres Maß λ∗
und ein äußeres Maß λ∗ zu definieren durch
λ∗ (A) := sup{λ(K) : A ⊃ K kompakt} und λ∗ (A) := inf{λ(U ) : A ⊂ U offen}.
Für allgemeine Mengen brauchen diese Maße nicht übereinzustimmen, jedoch tun sie es
für Borel-Mengen:

Satz 8. Für jede Borel-Menge B ∈ B(Rn ) gilt λ∗ (B) = λ∗ (B).

Zum Beweis des Satzes zeigt man, dass alle Mengen B ∈ B, für die der Satz gilt, eine σ-
Algebra bilden; natürlich enthält diese σ-Algebra die halboffenen Quader. Wir lassen diesen
Beweis aus, auch wenn dies der entscheidende Existenzsatz ist, durch den die Maßtheorie
für uns erst Bedeutung erlangt. Die Details finden Sie z.B. in [BF], 15.1-15.3.
Wir können daher als dritten Schritt das Maß auf die Borel-Mengen fortsetzen:
(3) λ(B) := λ∗ (B) = λ∗ (B) für alle B ∈ B(Rn )

Bemerkungen. 1. Aus der Eigenschaft (3) erhalten wir: Für jede Borel-Menge B ∈ B(Rn )
mit λ(B) < ∞ und für jedes ε > 0 existieren eine offene Menge U und eine kompakte
Menge K mit K ⊂ B ⊂ U , so dass λ(U ) − ε < λ(B) < λ(K) + ε.
2. Eindeutigkeit: Es gibt keine andere Fortsetzung des Volumens von Quadern zu einem
Maß auf B(Rn ) als (3).
3. Bewegungsinvarianz : Weil das Maß auf den Quadern translationsinvariant ist, hat auch
λ diese Eigenschaft (Übung). Das Maß λ ist sogar On -invariant.
10 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

2.5. Nullmengen und Lebesgue-meßbare Mengen.


Definition. Sei (X, Σ, µ) Maßraum und N ∈ Σ. Dann heißt N eine µ-Nullmenge [set of
measure zero], falls µ(N ) = 0.
Bemerkungen. 1. Abzählbare Vereinigungen von Nullmengen sind wieder Nullmengen. Dies
folgt aus der σ-Additivität für die offenen Obermengen oder aus 2.
2. Eine messbare Menge N ⊂ Rn ist genau dann eine λ∗ -Nullmenge, wenn es zu jedem
ε > 0 eine Folge offener Quader Qk = (a, b) (nicht notwendig disjunkt) gibt mit
[ X
N⊂ Qk und λ(Qk ) < ε.
k∈N k∈N

Die Richtung “⇒” ist klar, die Umkehrung folgt daraus, dass offene Mengen durch abzähl-
bar viele Qk ausgeschöpft werden können.
3. Wenn eine beliebige Menge N ⊂ X eine µ∗ -Nullmenge ist, so gilt natürlich auch
µ∗ (N ) = 0.
Beispiele. 1. Ein Punkt x ∈ R ist λ-Nullmenge, denn er ist in Quadern beliebig kleinen
Inhalts enthalten. Andererseits ist x ∈ R nicht Nullmenge für das Punktmaß µx .
2. N, Z oder Q sind als abzählbare Vereinigungen von Punkten λ-Nullmengen in R.
3. Mengen “niederer Dimension” sind λ∗ -Nullmengen, wie z.B. {(x, 0) ∈ R2 : x > 0}.
Tatsächlich kann man hier die Folge von Rechtecken Ak := (k − 1, k + 1) × (− 2εk , 2εk ), k ∈ N

für ε & 0 benutzen: λ(Ak ) = 24εk also λ( k∈N Ak ) = 1−
S
1 = 8ε → 0.
2

Wir können nun Lebesgue-meßbare Mengen definieren, indem wir Borel-Mengen mit Null-
mengen vereinigen. Beachten Sie, dass das Resultat nicht unbedingt eine Borel-Menge sein
muss.
Definition. Eine Menge A ⊂ Rn heißt Lebesgue-messbar, wenn A = B∪N ist, wobei B ∈ B
und N eine λ∗ -Nullmenge ist. Das Lebesgue-Maß von A wird erklärt durch λ(A) := λ(B).

Die Familie der Lebesgue-messbaren Mengen bildet eine σ-Algebra (Übung).


Allgemein heißt ein Maß µ vollständig, wenn jede Teilmenge einer messbaren µ-Nullmenge
N wieder eine messbare Menge ist. Unsere Definition macht das Lebesgue-Maß zu einem
vollständigen Maß. Genauso kann man ein beliebiges Maß vervollständigen (Fortsetzungs-
satz von Carathéodory).
Wichtig ist noch folgende Bezeichnung: Eine Eigenschaft gilt µ-fast überall [almost every-
where] auf einem Maßraum (X, Σ, µ), wenn sie außerhalb einer geeigneten µ-Nullmenge
zutrifft.
Beispiele. 1. Die Funktion χQ : R → R stimmt λ-fast überall mit der 0-Funktion überein.
2. Ein Vektor x ∈ Rn hat fast überall sämtliche Komponenten von 0 verschieden.
i 3.2 – Stand 28. August 2008 11

3. Das Lebesgue-Integral

3.1. Riemann- und Lebesgue-Integral: Die Grundideen. Für das Riemann-Integral


unterteilt man den Definitionsbereich genügend fein. Bei guten Funktionen unterscheiden
sich Supremum und Infimum über die kleinen Teilbereiche nur wenig, und daher kann man
jedes der beiden nehmen, um das Integral zu approximieren.
Hat man allerdings häßliche Funktionen, wie χQ∩[0,1] , so versagt diese Idee: Das Oberinte-
gral ist 1, das Unterintegral 0. Die Funktion hat aber nur auf einer Nullmenge den Wert 1,
während sie 0 fast überall ist: Das Integral sollte also verschwinden! Für diese (Lebesgue-
sche) Sichtweise haben wir die Werte der Funktion betrachtet und sie mit dem Maß ihrer
Urbilder multipliziert. Entsprechend kann man als Grundideen einander gegenüberstellen:

• Riemann-Integral : Unterteile Definitionsbereich, und summiere über Definitions-


bereichsgebiete mal (approximierenden) Funktionswert.
• Lebesgue-Integral : Unterteile Wertebereich, und summiere (approximierende) Wer-
te mal dem Maß ihres Urbilds.

Auch bei guten Funktionen ist Lebesgues Idee von Vorteil. Eine äquidistante Unterteilung
des Wertebereiches führt zu einer besseren Approximation des Integrals als eine äquidistan-
te Unterteilung des Definitionsbereichs. Lebesgue selber hat seine Grundidee am Zählen
von Münzgeld veranschaulicht: Nach Riemann zählt man die Münzen in der gegebenen
Reihenfolge eine nach der anderen zusammen, während man sie nach Lebesgue zuerst der
Größe nach sortiert und dann den Wert mit der gefundenen Anzahl multipliziert.

3.2. Messbare Funktionen. Wir beschreiben nun diejenigen Funktionen, die wir später
integrieren können. Wir benötigen die erweiterte reelle Zahlengerade R := [−∞, ∞] :=
R∪{−∞}∪{∞}. Die abgeschlossenen Intervalle von R sind alle Intervalle [a, b] mit a, b ∈ R.
Man sieht schnell, dass

B(R) := A ∪ B : A ⊂ {−∞, ∞}, B ∈ B(R)
eine σ-Algebra ist.
Um der Idee Lebesgues entsprechend zu integrieren, indem man Funktionswerte mit dem
Maß ihres Urbilds multipliziert und aufsummiert, brauchen wir, dass diese Urbilder messbar
sind. Statt für Bild-Intervalle fordern wir dies gleich für die ganze σ-Algebra des Bildes R:

Definition. Sei (X, Σ) messbarer Raum. Eine Funktion f : X → R heißt messbar, wenn
gilt f −1 (A) ∈ Σ für jede messbare Menge A ∈ B(R).

Beispiele. 1. Jede konstante Funktion ist messbar (∅, X sind messbar).


2. A ⊂ X messbar ⇐⇒ χA : X → R messbar (zu prüfen ist: ∅, A, X \ A, X sind messbar).
12 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Um zu überprüfen, ob eine Funktion messbar ist, muss man nicht die Urbilder sämtlicher
messbarer Mengen betrachten:

Satz 9. Es sei (X, Σ) ein messbarer Raum. Jede der folgenden Eigenschaften ist äquivalent
zur Messbarkeit einer Funktion f : X → R:
(i) f −1 (a, b) , f −1 (∞), f −1 (−∞) ∈ Σ für alle a < b ∈ R,


(ii) f −1 [a, b] ∈ Σ für alle a ≤ b ∈ R,




(iii) f −1 [a, ∞] ∈ Σ für alle a ∈ R,




(iv ) f −1 (a, ∞] ∈ Σ für alle a ∈ R.




4. Vorlesung, Mittwoch 16.4.08

Beweis. Ist f messbar, so folgt offenbar (i) bis (iv ).

Beweisen wir nun die umgekehrte Richtung, z.B. für (iv ).

1. Wir nehmen die durch die Intervalle {(a, ∞], a ∈ R} erzeugte Σ-Algebra und zeigen,
dass sie alle halboffenen Intervalle (Quader!) {(a, b] : a < b ∈ R}, sowie zusätzlich {∞}
und {−∞} enthält:

(a, b] = [−∞, b] ∩ (a, ∞] = (b, ∞]c ∩ (a, ∞],


\ [
{∞} = (k, ∞], {−∞} = R \ (−k, ∞]
k∈N k∈N

2. Wir behaupten, dass das System von Teilmengen von R

M := A ⊂ R : f −1 (A) ∈ Σ


stets eine σ-Algebra von R ist. In der Tat,


• R ∈ M,
c
• A ∈ M ⇔ f −1 (A) ∈ Σ ⇔ Σ 3 f −1 (A) = {x : f (x) 6∈ A} = f −1 Ac ⇔ Ac ∈ M,


• Ak ∈ M für alle k ∈ N ⇒ f −1 Ak = f −1 (A1 ) ∪ f −1 (A2 ) ∪ . . . ∈ Σ ⇒ Ak ∈ M.


S  S

Die σ-Algebra M enthält nach 1. aber die Erzeuger der Borel-σ-Algebra von R. Dies zeigt
B(R) ⊂ M. Also ist für alle Mengen aus B(R) das Urbild messbar, was zu zeigen war.

Durch Abwandelung von Schritt 1. zeigt man (i) bis (iii) (Übungen?). 

Beispiele. 1. Jede stetige Funktion f : Rn → R ist messbar. Nach Satz 9(i) reicht es fest-
zustellen, dass f −1 (a, b) ⊂ Rn messbar ist. Aus Analysis 2 wissen wir, dass das Urbild
einer offenen Menge unter einer stetigen Abbildung offen ist. Nach Satz 6 liegen die offenen
Mengen aber in B(Rn ), und damit ist f messbar.
2. Jede monotone Funktion f : R → R ist messbar (Übung).
i 3.2 – Stand 28. August 2008 13

Satz 10. Es sei (X, Σ) messbarer Raum, f, g : X → R messbar und c ∈ R.


(i) Dann sind auch cf , |f |, f+ := max{f, 0} und f− := − min{f, 0} messbar.
(ii) Sind insbesondere f, g : X → [0, ∞], so ist f − g : X → R messbar.
(iii) Die Funktionen f + g, f g, max{f, g}, min{f, g} sind messbar.

Beweis. (i) Für c = 0 ist die Messbarkeit von cf klar. Für c 6= 0 reicht es nach Satz 9(iv )
die Messbarkeit der folgenden Mengen für beliebiges a ∈ R zu zeigen:

f −1 ( a , ∞] für c > 0,
(cf )−1 (a, ∞] = {x ∈ X : cf (x) > a} = c

f −1 [−∞, a ) für c < 0

c

Die Mengen rechts liegen nach Voraussetzung in Σ.

Für |f | und f+ können wir ähnlich argumentieren:



 X für a < 0,
|f |−1 (a, ∞] =
f −1 (a, ∞] ∪ f −1 [−∞, −a) für a ≥ 0
 

 X für a < 0,
(f+ )−1 (a, ∞] =
f −1 (a, ∞]

für a ≥ 0

Wiederum liegen nach Voraussetzung die Mengen auf der rechten Seite in Σ. Also folgt die
Messbarkeit von |f |, f+ aus Satz 9(iv ).

(ii) Kann man wie (i ) beweisen.

(iii) Wir lassen den Beweis aus. Schauen Sie in der Literatur nach, so werden Sie feststellen,
dass der Beweis einfach wird, wenn man den Begriff der meßbaren Funktion auf Funktionen
zwischen zwei beliebigen Maßräumen erweitert. 

Als eine Konsequenz halten wir fest, dass die Menge aller messbaren Funktionen auf X einen
Vektorraum bildet. Ganz wichtig für das Lebesgue-Integral wir sein, dass die Messbarkeit
stabil gegenüber Grenzprozessen ist.

Satz 11. Für jedes k ∈ N sei fk : (X, Σ) → R eine messbare Funktion. Dann sind auch
die Funktionen messbar:

sup fk , inf fk , lim sup fk , lim inf fk


k∈N k∈N k→∞ k→∞

Dabei ist der limes superior einer Folge (ak )k∈N definiert durch
  
(4) lim sup ak := inf sup{aj : j ≥ k} = lim sup{aj : j ≥ k} ∈ R,
k→∞ k∈N | {z } k∈N
fallend in k
14 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

entsprechend limes inferior lim inf. Es gilt lim inf ak ≤ lim sup ak . Wenn aber ak konvergiert
oder bestimmt divergiert, gilt lim ak = lim inf ak = lim sup ak (warum?).

Beweis. Sei f := sup fk und a ∈ R. Es gilt f −1 (a, ∞] = k∈N fk−1 (a, ∞] , denn
 S 
k∈N
[
x ∈ f −1 (a, ∞] fk−1 (a, ∞] .
 
⇔ sup fk (x) > a ⇔ ∃k : fk (x) > a ⇔ x ∈
k∈N

Aus der Messbarkeit der fk folgt daher die Messbarkeit von f nach Satz 9(iv ). Ebenso für
inf fk .
Wegen (4) folgt die Messbarkeit von lim sup fk in zwei Schritten, ebenso für lim inf fk . 

Messbarkeit bleibt nicht etwa nur unter gleichmäßiger, sondern sogar unter punktweiser
Konvergenz erhalten:

Korollar 12. Ist (fk ) Folge messbarer Funktionen fk : (X, Σ) → R und existiert der Grenz-
wert f (x) = lim fk (x) für jedes x ∈ X, so ist f : X → R messbar.
k→∞

Dies folgt wegen f = lim sup fk sofort aus dem Satz.

3.3. Stufenfunktionen. Um messbare Funktionen zu integrieren, befassen wir uns zuerst


mit speziellen Funktionen, für die Lebesgues Idee zur Integralberechnung auf die Bildung
einer endlichen Summe hinausläuft.

Definition. Es sei (X, Σ, µ) Maßraum. Eine Funktion s : (X, Σ) → R heißt Stufenfunktion


[step function] (oder einfache Funktion [simple function]), wenn s messbar ist und nur
endlich viele Werte annimmt.

Mit der charakteristischen Funktion χM : X → R, die 1 ist für x ∈ M ⊂ X und 0 sonst,


können wir jede Stufenfunktion schreiben als eine Linearkombination
k
X
s(x) = aj χAj(x);
j=1

dabei ist s(X) = {a1 , . . . , ak } und die Aj := s−1 (aj ) ⊂ X bilden disjunkte messbare
Mengen.
Stufenfunktionen kann man zur Approximation messbarer Funktionen benutzen, wobei
man im nicht-negativen Fall sogar monton wachsend approximieren kann:

Satz 13. Es sei (X, Σ, µ) Maßraum, und f : X → [0, ∞] messbar. Dann gibt es eine
monoton wachsende Folge von Stufenfunktionen sk : X → [0, ∞), so dass
lim sk (x) = f (x) für alle x ∈ X.
k→∞
i 3.4 – Stand 28. August 2008 15

Die Konvergenz sk → f ist gleichmäßig auf der Teilmenge {x ∈ X : f (x) ≤ c} für beliebiges
c ∈ [0, ∞).

Beweis. Es sei k ∈ N. Wir unterteilen den Wertebereich zwischen 0 und k in k2k Stufen,
und betrachten deren Urbilder in X. Für 1 ≤ i ≤ k2k setzen wir also
n i−1 io
E(k, i) := x ∈ X : ≤ f (x) < , F (k) := {x ∈ X : f (x) ≥ k}.
2k 2k
Weil f messbar ist, sind diese Mengen messbar. Wir definieren nun Stufenfunktionen, indem
wir f “jeweils auf den unteren Wert” setzen:
k
k2
X i−1
sk := χE(k,i) + kχF (k)
i=1
2k
1
Die Monotonie der Folge (sk ) ist klar. Ferner gilt die Abschätzung |sk (x) − f (x)| < 2k
, falls
nur f (x) ≤ k. Daraus folgt die gleichmäßige Konvergenz. 

Diesen Satz werden wir erst später benutzen, zuerst im Beweis von Satz 17.

5. Vorlesung, Mittwoch 23.4.08

3.4. Definition des Integrals. Wenn wir im folgenden das Integral einer Funktion f
definieren, so lassen wir immer den Fall eines unendlichen Integrals zu. Damit wir allerdings
in R nicht die verbotene Operation +∞ − ∞ ausführen, werden wir die positiven und
negativen Anteile f± getrennt integrieren.

Wir definieren zunächst ein Integral auf nicht-negativen Stufenfunktionen s : X → [0, ∞).
Ist E ∈ Σ(X) und hat s die Darstellung s(x) = kj=1 aj χAj(x) mit Koeffizienten aj ≥ 0,
P

so setzen wir
Z X k
(5) s dµ := aj µ(Aj ∩ E) ∈ [0, ∞].
E j=1

Dabei erinnern wir an unsere Konventionen 0 · ∞ = 0 und a · ∞ = ∞ für a > 0.


R
Beispiele. 1. χQ ist Stufenfunktion mit R χQ dλ = 1 · λ(Q) + 0 · λ(R \ Q) = 0. Also schließt
(5) bereits nicht Riemann-integrable Funktionen ein.
2. Für E ∈ Σ ist χE Stufenfunktion mit Integral
Z Z
χE dµ = 0 · µ(X \ E) + 1 · µ(E) = µ(E) = 1 dµ.
X E

Ohne weitere Voraussetzungen an f kann man definieren:


16 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Definition. Sei E ∈ Σ(X). Dann ist das Integral von f : X → [0, ∞] die folgende Zahl
in [0, ∞]:
Z nZ o
(6) f dµ := sup s dµ : s : X → [0, ∞) Stufenfkt. mit s(x) ≤ f (x) für x ∈ E
E E

Weil die 0-Funktion eine Stufenfunktion ist, ist die Menge rechts nicht leer. Ist f selbst
eine nicht-negative Stufenfunktion, so stimmt (6) mit dem Integral für Stufenfunktionen
R R
überein, denn für alle Stufenfunktionen s ≥ 0 mit s(x) ≤ f (x) auf E gilt E s dµ ≤ E f dµ.

Im allgemeinen Fall von Funktionen f mit Werten in ganz R benutzen wir die Zerlegung
in die nicht-negativen Funktionen

f± : X → [0, ∞], f+ := max(0, f ) und f− := − min(0, f ) = max(0, −f ).

Ist f messbar, so auch f± nach Satz 10(i).

Definition. Sei (X, Σ, µ) Maßraum, E ∈ Σ und f : X → R. Ist eines der beiden durch (6)
R R
erklärten Integrale E f+ dµ, E f− dµ endlich, so ist das Integral von f
Z Z Z
(7) f dµ := f+ dµ − f− dµ ∈ R.
E E E
R
Ist f messbar und sind beide Integrale rechts endlich, so dass E f dµ ∈ R, so heißt
f Lebesgue-integrierbar. Wir schreiben f ∈ L1 (E), bzw. kurz f ∈ L1 falls E = X.

Ist also eine der beiden Funktionen f± über E integrierbar, während die andere Integral ∞
R R
hat, so ist zwar f 6∈ L1 (E), aber laut (7) schreiben wir E f dµ ∈ ±∞. Jedoch ist E f dµ
R
nicht mehr erklärt, wenn beide Funktionen E f± dµ = ∞ haben. Diejenigen Funktionen,
R
für die E f dµ ∈ R erklärt ist, bilden keinen Vektorraum (warum?); für L1 werden wir
diese Eigenschaft aber nachweisen.

Beispiele. 1. Sei c ∈ R. Dann haben die konstanten Funktionen f : Rn → R, f (x) := c das


R
Integral Rn f dλ ∈ {−∞, 0, ∞}, je nachdem, ob c < 0, = 0, > 0 ist. Ist aber c 6= ±∞ und
E ⊂ Rn mit λ(E) endlich, so gilt f ∈ L1 (E).
R R
2. Sei speziell f : X → [0, ∞]. Dann gilt f− = 0 und f existiert immer. Für f messbar
R
gilt dann f ∈ L1 ⇐⇒ f < ∞.
3. Wir betrachten X := N und Σ := P(N) mit dem Zählmaß µ(A) := #A. Eine nicht-
negative Stufenfunktion s : N → R mit Werten {a1 , . . . , ak } hat das Integral
Z k ∞
(5) X  −1 X
(8) s dµ = aj # s (aj ) = s(i).
N j=1 i=1
i 3.4 – Stand 28. August 2008 17

Alle Funktionen f : X → R, i 7→ f (i) sind messbar. Ist speziell f nicht-negativ, so bilden


wir das Supremums über (8) und erhalten als Zahl in [0, ∞]
Z X∞
(9) f dµ = f (i) für f ≥ 0.
N i=1
P
Hat f nun Werte in ganz R, so ist f Lebesgue-integrabel, wenn die beiden Summen f+ (i)
P
und f− (i) endlich sind. Weil genau dann die Reihe f absolut konvergiert, gilt in diesem
Falle wiederum
Z Z Z ∞ ∞ ∞
(7) (9) X X f abs. kvgt.
X
f dµ = f+ dµ − f− dµ = f+ (i) − f− (i) = f (i).
N N N i=1 i=1 i=1

Wir fassen zusammen: Die messbare Funktion f auf dem Maßraum (N, P(N), µ) ist
P
µ-Lebesgue-integrierbar genau dann, wenn die Reihe f (i) absolut konvergiert. Das Le-
besgue-Integral enthält also als Spezialfall den Fall absoluter Konvergenz von Reihen.

Das Lebesgue–Integral hat folgende Eigenschaften, die uns nicht überraschen:

Satz 14. Sei (X, Σ, µ) Maßraum, E ∈ Σ und f, g : E → R. Dann gilt:


R
(i) Nullmengen: µ(E) = 0 ⇒ E f dµ = 0.
R R
(ii) f ∈ L1 ⇒ E f dµ = X f χE dµ.
(iii) Einschränkung: A ⊂ E messbar, f ∈ L1 (E) ⇒ f ∈ L1 (A).
(iv ) Fast überall gleiche Funktionen: A ⊂ E messbar mit µ(E \ A) = 0, f ∈ L1 (E) ⇒
R R
A
f dµ = E f dµ.
R R
(v ) a) Monotonie: f, g ∈ L1 (E) und f ≤ g auf E ⇒ E f dµ ≤ E g dµ.
R
b) a ≤ f ≤ b mit a, b ∈ R und f ∈ L1 (E) ⇒ aµ(E) ≤ E f dµ ≤ bµ(E).
c) f messbar und beschränkt, µ(E) < ∞ ⇒ f ∈ L1 (E). (Beispielsweise sind stetige
Funktionen auf kompakten Mengen integrierbar bezüglich des Lebesgue-Maßes.)
R R
(vi) Ist f ∈ L1 (E) und c ∈ R, so ist auch cf ∈ L1 (E) und E cf dµ = c E f dµ

Beweis. Die Strategie besteht darin, die Gültigkeit schrittweise nachzuweisen:


• ev. Messbarkeit prüfen. • Nachweis für Stufenfunktionen s ≥ 0, • für f± ≥ 0, • für f .
R R
(i) Für alle Stufenfunktionen s gilt E s dµ = 0. Daraus folgt E f± dµ = 0.
(ii ) Die Gleichung gilt für Stufenfunktionen. Dabei ist es egal, welche Werte die Stufenfunktionen
auf X \ E haben. Für allgemeine Funktionen wird daher links und rechts das Supremum über
dieselben Mengen reeller Zahlen gebildet.
R R R R
(iii) Sicher ist f |A messbar. Aus s ≥ 0 folgt A s dµ ≤ A s dµ + E\A s dµ = E s dµ und weiter
Z Z  Z  Z
f+ dµ = sup s dµ : 0 ≤ s ≤ f+ ≤ sup s dµ : 0 ≤ s ≤ f+ = f+ dµ < ∞.
A A E E
Für f− argumentiert man analog.
18 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

(iv ) Offenbar gilt dies auf dem Niveau der Stufenfunktionen.

(v )a) Aus f ≤ g folgt f+ ≤ g+ auf E, und eine für f+ zulässige Stufenfunktion ist sicher
auch für g+ zulässig. Entsprechend für g− ≤ f− . Es folgt
Z Z Z Z
f+ dµ ≤ g+ dµ und g− dµ ≤ f− dµ.
E E E E
Dies ergibt
Z Z Z Z Z Z
f dµ = f+ dµ − f− dµ ≤ g+ dµ − g− dµ = g dµ.
E E E E E E
b) und c) sind jeweils Spezialfälle.
R R
(vi) Für Stufenfunktionen s gilt E cs dµ = c E s dµ. Ist nun etwa c > 0 und f ≥ 0, so
folgt
Z nZ n Z s
o s o
cf dµ = sup s dµ : 0 ≤ s ≤ cf = sup c dµ : 0 ≤ ≤ f
E E E c c
n Z o Z
= c sup t dµ : 0 ≤ t ≤ f = c f dµ.
E E
Die übrigen Fälle behandelt man analog. 

Bemerkung. Der Satz gilt praktisch ohne Voraussetzung an f . Wir haben die Annahme, dass f
R
Lebesgue-integrierbar ist, nur getroffen, um f dµ überhaupt hinschreiben zu können. Anders ge-
sagt: Alle behaupteten Eigenschaften gelten ohne weitere Voraussetzungen bereits für Funktionen
f mit einem Vorzeichen.

Welche Vorteile hat das Lebesgue-Integral? Es erlaubt die Integration von


• unbeschränkten Funktionen, und von
• Funktionen auf ganz allgemeinen Gebieten (nämlich messbaren), insbesondere auf nicht-
kompakten wie Rn .
Das uneigentliche Integral ist also in das Lebesgue-Integral gewissermaßen eingebaut.

4. Konvergenzsätze

6. Vorlesung, Mittwoch 30.4.08


Ein entscheidender Vorteil des Lebesgue-Integrals gegenüber dem Riemann-Integral liegt
darin, dass es vertauscht mit Grenzwerten von Funktionenfolgen, die schwächer als gleich-
mäßig konvergieren.
Natürlich vertauscht Integration nicht mit punktweiser Konvergenz, Gegenbeispiele hatten
wir bereits bei der Riemann-Integration angegeben (welche?). In den Konvergenzsätzen für
das Lebesgue-Integral nehmen wir deshalb zusätzlich zur punktweisen Konvergenz noch
Monotonie bzw. Majorisierung an.
i 4.1 – Stand 28. August 2008 19

Es sei stets vorausgesetzt, dass X, Σ(X), µ Maßraum ist.

4.1. Monotone Konvergenz. Wir betrachten zuerst monoton konvergente Folgen von
Stufenfunktionen. Beachten Sie, dass in R jede monotone Folge ak konvergiert (warum?).

Lemma 15. Seien 0 ≤ t und 0 ≤ s1 ≤ s2 ≤ . . . Stufenfunktionen mit 0 ≤ t ≤ lim sk .


k→∞
Dann gilt Z Z
t dµ ≤ lim sk dµ.
X k→∞ X

Das Lemma wird verwendet werden mit t = lim sk ≥ sk ; in diesem Fall folgt die umgekehrte
Abschätzung aus der Monotonie.

Beweis. Für ε > 0 und k ∈ N betrachten wir nun Bk := x ∈ X : t(x) ≤ (1+ε)sk (x) ∈ Σ.
Dann gilt tχBk ≤ (1 + ε)sk auf X. Die Mengen Bk schöpfen X aus, B1 ⊂ B2 ⊂ . . . und
S
k∈N Bk = X, denn t(x) = 0 ⇒ x ∈ B1 und t(x) > 0 ⇒ t(x) < (1 + ε)sk (x) für geeignetes
k ∈ N. (Gilt dies auch noch für ε = 0?)

Wir schreiben weiter t = m


P
j=1 aj χAj mit aj ≥ 0 und Aj ∈ Σ disjunkt. Für jedes j ist daher
auch (Aj ∩ Bk )k eine Ausschöpfung von Aj , und Satz 4(iii) ergibt
[ 
µ(Aj ) = µ (Aj ∩ Bk ) = lim µ(Aj ∩ Bk ).
k→∞
k∈N

Wir schließen
Z m
X m
X Z Z
t dµ = aj µ(Aj ) = lim aj µ(Aj ∩ Bk ) = lim t dµ = lim tχBk dµ
X k→∞ k→∞ Bk k→∞ X
j=1 j=1
Z Z
≤ lim (1 + ε)sk dµ = (1 + ε) lim sk dµ für alle ε > 0,
k→∞ X k→∞ X

was die Behauptung zeigt. 

Satz 16 (Satz über die monotone Konvergenz, Beppo Levi 1906). Es sei (X, Σ, µ) Maß-
raum, E ∈ Σ und 0 ≤ f1 (x) ≤ f2 (x) ≤ . . . eine Folge messbarer Funktionen fk : X →
[0, ∞]. Dann ist auch der punktweise Limes f := lim fk : X → [0, ∞] messbar, und es gilt
k→∞
Z Z
lim fk dµ = f dµ ∈ [0, ∞].
k→∞ E E

Beweis. Nach Korollar 12 ist f messbar. Wegen der Monotonie des Integrals gilt fk ≤ f
R R R R
⇒ fk ≤ f ⇒ limk→∞ fk ≤ f . Es bleibt die umgekehrte Umgleichung zu zeigen.

Sei ε > 0 und s Stufenfunktion mit s ≤ f auf E. Für Bk := x ∈ E : s(x) ≤ (1 + ε)fk (x)
S
erhalten wir wie im Lemma sχBk ≤ (1+ε)fk und B1 ⊂ B2 ⊂ . . ., k∈N Bk = E. Nun ist aber
20 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

sχBk eine Stufenfunktion für alle k ∈ N, und 0 ≤ sχB1 ≤ sχB2 ≤ . . . ≤ s = limk→∞ sχBk .
Es folgt
Z Z Z
Lemma
s dµ ≤ lim sχBk dµ ≤ (1 + ε) lim fk dµ für alle ε > 0.
E k→∞ E k→∞ E
R R
Dies zeigt E
s dµ ≤ limk→∞ E fk dµ. Daraus folgern wir
Z nZ o Z
f dµ = sup s dµ : 0 ≤ s ≤ f ≤ lim fk dµ.
E E k→∞ E 

Wir bringen nun Folgerungen aus dem Satz. Dazu definieren wir für f, g : X → R noch die
Summe (f + g)(x): dies ist f (x) + g(x) falls definiert, und sonst (Fall ∞ − ∞) setzen wir
(f + g)(x) := 0 (jede andere Wahl geht auch). Von den folgenden drei Behauptungen ist
die zweite erstaunlich:

Satz 17. Es seien E ∈ Σ(X) und f, g : X → R messbar.


(i) Additivität: Sind f, g ∈ L1 (E), so ist auch f + g ∈ L1 (E) mit
Z Z Z
(10) f + g dµ = f dµ + g dµ.
E E E
1 1
(ii) f ∈ L (E) ⇐⇒ |f | ∈ L (E). Es gilt dann
Z Z
(11) f dµ ≤ |f | dµ.
E E

(iii) Majorisierung: g ∈ L (E) mit |f | ≤ g ⇒ f ∈ L1 (E).


1

Beweis. (i) Sind s = Ii=1 ai χAi und t = Jj=1 bj χBj Stufenfunktionen, so ist auch die
P P

Summe s + t eine Stufenfunktion, denn sie ist konstant auf den Mengen Mij := Ai ∩ Bj für
R R R
1 ≤ i ≤ I und 1 ≤ j ≤ J (Übung). Es folgt s + t = s + t.

Sind f, g nicht-negativ, so sind sie nach Satz 13 jeweils punktweiser Limes einer mono-
tonen Folge von Stufenfunktionen (sk ), (tk ). Deshalb ist f + g der punktweise Limes der
monotonen Folge (sk + tk ), und es gilt
Z Z Z Z Z Z
B. Levi B. Levi
f + g dµ = lim sk + tk dµ = lim sk + lim tk dµ = f dµ + g dµ.
E k→∞ E k→∞ E k→∞ E E E

Den allgemeinen Fall erhält man, indem man E in vier Mengen zerlegt, auf denen f, g
R R
jeweils ihr Vorzeichen nicht wechseln. Man benutzt dann −h = − h aus Satz 14(vi),
zusammen mit dem eben bewiesenen Fall.

(ii) Es ist |f | = f+ + f− . Aus Satz 10 folgt, dass f genau dann messbar ist, wenn f+ und
f− messbar sind. Weiter ist:
Def. (i)
f = f+ − f− integrierbar ⇐⇒ f+ und f− integrierbar ⇐⇒ |f | = f+ + f− integrierbar .
i 4.2 – Stand 28. August 2008 21

Im letzten Schritt folgt „⇐“ daraus, dass die beiden Mengen {x : f (x) ≥ bzw. < 0}
messbar sind; nach Satz 14(iii) ist die Einschränkung von f auf diese Mengen integrierbar.
Schließlich folgt aus −|f | ≤ f ≤ |f | zusammen mit der Monotonie, Satz 14(v )a), dass
R R R
− |f | ≤ f ≤ |f |.
R R
(iii) E g < ∞ ⇒ E |f | < ∞ (Monotonie) ⇒ |f | ∈ L1 (E) ⇒ f ∈ L1 (E) (nach (ii)). 
Bemerkung. Warum mußten wir zum Beweis der Additivität den Satz über monotone Konvergenz
benutzen, und konnten sie nicht direkt aus der Supremumsdefinition des Integrals erhalten? Hat
man Stufenfunktionen 0 ≤ s ≤ f und 0 ≤ t ≤ g, so folgt aus 0 ≤ s + t ≤ f + g tatsächlich
R R R
f + g ≥ f + g. Auf “≤” kann man nicht direkt schließen, weil man nicht weiß, dass jede
Stufenfunktion 0 ≤ r ≤ f + g sich tatsächlich in r = s + t mit s ≤ f und g ≤ t zerlegen läßt.

Aus (i), zusammen mit Satz 14(vi), erhalten wir:


R
Korollar 18. Der Raum L1 (E) ist ein Vektorraum und f 7→ E
f dµ ein lineares Funktio-
nal darauf.

Beachten Sie, dass wir die Definition des Lebesgue-Integrals (6) bzw. (7) praktisch für beliebige
Funktionen machen konnten. Die Messbarkeit der Funktionen müssen wir aber voraussetzen, um
die vernünftigen Eigenschaften des Integrals, die in Satz und Korollar angegeben sind, zu erhalten.

4.2. Majorisierte Konvergenz. Punktweise Konvergenz und Integration sind zwar nicht
vertauschbar. Im Falle nicht-negativer Funktionen hat man aber eine Ungleichung:

Lemma 19 (Fatou). Sind fk : X → [0, ∞] messbare Funktionen und ist E ∈ Σ, so gilt


Z Z
lim inf fk dµ ≤ lim inf fk dµ.
E k→∞ k→∞ E

Beweis. Um den Satz über monotone Konvergenz anzuwenden, setzen wir


gk := inf{fj : j ≥ k} für k ∈ N.
R R
Diese Funktionen sind messbar nach Satz 11, wegen fk ≥ gk gilt E fk dµ ≥ E gk dµ, und
die Folge (gk ) ist monoton wachsend mit punktweisem Grenzwert lim inf k→∞ fk (messbar
ebenfalls nach Satz 11). Der Satz über monotone Konvergenz liefert daher
Z Z Z
B. Levi
lim inf fk dµ ≥ lim inf gk dµ = lim inf fk dµ.
k→∞ k→∞ E k→∞
E E 

Beispiel. Im Lemma von Fatou kann die Ungleichung strikt sein. Wir betrachten dazu
die Funktionenfolge fk : R → R, k ∈ N, mit fk := χ[k,k+1] , deren Graphen wir als einen
gleitenden Buckel ansehen. Die Funktionen fk konvergieren punktweise gegen f ≡ 0, aber
Z Z Z
0= f dλ = lim fk dλ 6= lim fk dλ = 1.
R R k→∞ k→∞ R
22 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Wenn jedoch, anders als im Beispiel, eine integrable Majorante existiert, dürfen Integration
und Grenzwert auch bei punktweiser Konvergenz vertauscht werden:
Satz 20 (über majorisierte Konvergenz [dominated convergence thm.], Lebesgue 1910).
Es sei (X, Σ, µ) Maßraum und E ∈ Σ. Die Funktionen f, (fk )k∈N : X → R seien messbar
mit f = limk→∞ fk (punktweise). Ferner gebe es eine integrierbare Funktion g : X → [0, ∞],
so dass |fk | ≤ g für alle k. Dann sind f und fk ebenfalls integrierbar mit
Z Z
lim fk dµ = f dµ.
k→∞ E E

Beweis. Es gilt |fk | ≤ g und daher auch |f | ≤ g. Nach Satz 17(iii) sind fk und f integrier-
bar. Weiterhin ist |f − fk | ≤ 2g auf X. Wir wenden nun das Fatousche Lemma auf die
Funktionenfolge gk := 2g − |f − fk | ≥ 0 mit punktweisem Grenzwert 2g an. Wir erhalten
Z Z Z
 Fatou 
2g dµ = lim inf 2g − |fk − f | dµ ≤ lim inf 2g − |fk − f | dµ
E k→∞ k→∞
ZE Z Z E
= 2g dµ + lim inf −|fk − f | dµ ≤ 2g dµ.
E k→∞ E E
| {z }
≤0
R R R
Wegen E
2g dµ = 2 E
g dµ < ∞ folgt daraus E
|fk − f | dµ → 0. Dies ergibt
Z Z (11)
Z
fk dµ − f dµ ≤ |fk − f |dµ → 0.
E E E 
Aufgabe. Für E ∈ Σ sei fk ∈ L1 (E) eine gleichmäßig konvergente Folge von Funktionen, d.h. es
existiert ein f : E → R mit supE |f − fk | → 0. Bekanntlich vertauscht das (eigentliche) Riemann-
Integral mit gleichmäßiger Konvergenz. Untersuchen Sie, ob sich diese Aussage auf Lebesgue-
Integrale verallgemeinert:
(i) Ist µ(E) < ∞, so gilt f ∈ L1 (E) und lim
R R
E fk = E f.
(ii ) Dies gilt aber nicht im Fall µ(E) = ∞: Finden Sie eine gleichmäßig konvergente Folge von
Funktionen fk ∈ L1 ([1, ∞)), so dass f := lim fk 6∈ L1 ([1, ∞)). Tipp: f = √1 .
x

7. Vorlesung, Mittwoch 7.5.08

4.3. Lebesgue- und Riemann-Integral. Um Lebesgue–Integrale wirklich ausrechnen


zu können, muss man das n-dimensionale Integral als iteriertes eindimensionales Integral
auffassen (Satz von Fubini). Die eindimensionalen Integrale kann dann beispielsweise mit
dem Hauptsatz ausrechnen.
Wir wissen schon, dass beispielsweise stetige Funktionen auf abgeschlossenen Intervallen
Lebesgue-integrierbar sind (warum?). Wir zeigen nun dass auch der Wert des eindimen-
sionalen Lebesgue-Integral mit dem Riemann–Integral übereinstimmt, und zwar für jede
Riemann-integrierbare Funktion:
i 5.0 – Stand 28. August 2008 23

Satz 21. Ist [a, b] ⊂ R ein beschränktes Intervall, so ist jede auf [a, b] Riemann–integrier-
bare Funktion f auch Lebesgue–integrierbar bezüglich des Lebesgue-Maßes λ, und
Z Z b
f dλ = f (x) dx.
[a,b] a

Beweis. Ist f auf [a, b] Riemann–integrierbar, so gibt es für jedes k ∈ N Treppenfunktionen


Rb +
ϕ− + − 1
k ≤ f ≤ ϕk mit a ϕk (x) − ϕk (x) dx < k (siehe Analysis 2). Wir können voraussetzen,
dass die Folgen (ϕ− +
k ) bzw. (ϕk ) monoton wachsen bzw. fallen, denn anderenfalls können
wir ϕ− − − + + +
k durch max(ϕ1 , . . . , ϕk ) ersetzen, bzw. ϕk durch min(ϕ1 , . . . , ϕk ).

Auf Treppenfunktionen stimmen Riemann- und Lebesgue-Integral nach Definition überein.


Es ist also auch
Z
− 1
(12) ϕ+
k − ϕk dλ < .
[a,b] k
Die monotonen Funktionenfolgen (ϕ±
k ) konvergieren punktweise auf [a, b] gegen zwei mess-
bare Funktionen ϕ mit ϕ ≤ f ≤ ϕ+ . Wir wollen zeigen, dass ϕ± mit f übereinstimmt,
± −

jedenfalls fast überall.

Aus ϕ− − + + − +
1 ≤ ϕk ≤ ϕk ≤ ϕ1 und der Lebesgue–Integrierbarkeit von ϕ1 und ϕ1 folgt mit
dem Satz über majorisierte Konvergenz, dass ϕ± ∈ L1 ([a, b]) und
Z Z
±
ϕk dλ → ϕ± dλ.
[a,b] [a,b]

Aus (12) folgern wir mit demselben Satz, dass [a,b] ϕ+ − ϕ− dλ = 0. Aus den Übungen
R

wissen wir, dass dann ϕ+ = ϕ− fast überall gilt. Wegen ϕ− ≤ f ≤ ϕ+ folgt ϕ± = f fast
überall. Wir schließen daraus f ∈ L1 ([a, b]) und
Z Z Z Z b Z b
− − −
f dλ = ϕ dλ = lim ϕk dλ = lim ϕk (x) dx = f (x) dx.
k→∞ [a,b] k→∞ a
[a,b] [a,b] a 
R∞ Ra
Ein uneigentliches Riemann-Integral 0 f (x) dx = lima→∞ 0 f (x) dx kann allerdings exi-
R
stieren, auch wenn [0,∞) f (x) dλ nicht Lebesgue-integrabel ist:
R∞
Beispiel. Der Integralsinus hat ein uneigentliches Riemann-Integral 0 sinx x dx, ist aber
nicht Lebesgue-integrierbar auf [0, ∞) (Übungen). Andererseits ist die Funktion sin
x2
x
nicht
nur uneigentlich Riemann-integrierbar auf [1, ∞) sondern auch Lebesgue-integrierbar nach
dem Satz über majorisierte Konvergenz (was ist die Majorante?).

Um das Beispiel zu verstehen, hilft es an die Äquivalenz zu erinnern f ∈ L1 [0, ∞) ⇐⇒
 R∞
|f | ∈ L1 [0, ∞) ; die Existenz eines uneigentlichen Riemann-Integrals wie 0 f (x) dx im-
R∞
pliziert aber keineswegs die Existenz von 0 |f (x)| dx.
24 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

5. Funktionalanalytische Eigenschaften

Warum ist das Lebesgue-Integral dem Riemann-Integral überlegen?

Für eine Analogie blicken wir zunächst auf das Zahlensystem. Eigentlich reichen zum Rech-
nen die rationalen Zahlen völlig aus. Warum wollen wir trotzdem die reellen Zahlen zur
Verfügung haben? Die Antwort ist klar: Viele Zahlen, die vorkommen, sind Lösungen von
Gleichungen. Aber wichtige Gleichungen wie x2 = 2 haben in Q keine Lösung, und selbst

wenn rationale Zahlen wie 1, 4 oder 1, 4142136 die Lösung 2 ∈ R approximieren, so wäre

es allein schon schwer sich zu verständigen, wenn die Zahl 2 nicht zur Verfügung stünde.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Funktionen. Den Banachschen Fixpunktsatz kann man als
eine (Fixpunkt-)Gleichung im Funktionenraum verstehen. Auf derartige Gleichungen stößt
man beispielsweise, wenn man partielle Differentialgleichungen lösen möchte. Betrachtet
man nur Riemann-integrierbare Funktionen, so könnte es passieren, dass die Lösungsfunk-
tion gerade in einer „Lücke“ liegt. Erst in der Klasse der Lebesgue-integrierbaren Funktionen
wird man die Lösungsfunktion mit Sicherheit finden. In dieser Vorlesung kann ich Ihnen
dies leider nicht weiter belegen, aber Sie werden es in fortgeschrittenen Veranstaltungen wie
partielle Differentialgleichungen oder Fourierreihen sehen; vielleicht auch in der Funktio-
nalanalysis, die der Oberbegriff von Methoden ist, welche mit Funktionen wie mit Punkten
(oder Zahlen) umgehen. Und immer dann, wenn Integrale eine Rolle spielen, wie z.B. in
der Wahrscheinlichkeitstheorie, ist die Formulierung mit Räumen von Lebesgue-integrablen
Funktionen natürlich.

Der zentrale Begriff, der die Gleichungen in unseren beiden Fällen – Zahlenräume und
Funktionenräume – lösbar macht, ist die Vollständigkeit. Die Vollständigkeit werden wir
mit dem Satz von Fischer-Riesz beweisen. Zuerst müssen wir aber geeignete Räume von
Funktionen und die passende Norm einführen.

5.1. Die Lp -Räume und die Integral-Halbnorm. Der euklidische Abstand kxk2 :=
( x2i )1/2 von x = (x1 , . . . , xn ) ∈ Rn hat gegenüber kxk1 :=
P P
|xi | den Vorteil, dass er in
0 differenzierbar ist. Dies gilt gleichermassen auch für die p-Norm kxkp := ( xpi )1/p mit
P

p > 1, vergleiche Analysis 2.

Für Integrale als kontinuierlicher Grenzfall von Summen ist es genauso natürlich, anstelle
R R
von f dµ die Ausdrücke ( |f |p dµ)1/p zu studieren. Dazu sei im folgenden stets p ∈ [1, ∞).
Wir definieren zuerst den Raum

Lp (E) = Lp (E, µ) := {f messbar : |f |p ∈ L1 (E, µ)}


i 5.1 – Stand 28. August 2008 25

und betrachten die Funktion


Z  p1
p p
[Link] : L (E) → R, kf kp := |f | dµ .
E

Man sieht sofort kcf kp = |c|kf kp für alle c ∈ R. Zum Beweis der Dreiecksungleichung für
[Link] benötigen wir die Höldersche Ungleichung.

Lemma 22. Für f, g : E → R messbar gelten folgende Ungleichungen in R:


(i) Höldersche Ungleichung: Seien p, q > 1 mit p1 + 1q = 1. Dann gilt
Z Z 1/p  Z 1/q
p
|f g| dµ ≤ |f | dµ · |g|q dµ .
E E E

(ii) Minkowski-Ungleichung: Für alle p ≥ 1 gilt


Z 1/p  Z 1/p  Z 1/p
p p
|f + g| dµ ≤ |f | dµ + |g|p dµ .
E E E

Beweis. Da alle Integrale über nicht-negative Funktionen genommen werden, existieren sie.
(i) Wir geben den Beweis nur für p = q = 2, der allgemeine Fall geht genauso (; Übungen).
Fall f 2 dµ = 1 = g 2 dµ: Aus der Ungleichung 0 ≤ (|x| − |y|)2 ⇐⇒ |xy| ≤ 12 x2 + 12 y 2
R R

schließen wir |f g| dµ ≤ 12 f 2 dµ + 12 g 2 dµ = 1, was die Behauptung zeigt.


R R R

Fall 0 < f 2 dµ, g 2 dµ < ∞: Setze c := f 2 > 0 und f˜ := √fc , sowie d := g 2 > 0 und
R R R R

g̃ := √gd . Dann ist f˜2 = 1c f 2 = 1 = g̃ 2 , und nach dem ersten Fall gilt
R R R
sZ sZ
Z
√ √ Z
Fall 1 √ √
|f g| ≤ c d |f˜g̃| ≤ c d= |f |2 |g|2 .

R R
Fall f 2 dµ = 0 oder g 2 dµ = 0: Dann ist f 2 = 0 oder g 2 = 0 fast überall, und beide
Seiten der Ungleichung verschwinden.
R R
Fall f 2 dµ = ∞ oder g 2 dµ = ∞. Die Ungleichung ist trivial.
(ii) Wir bemerken, dass für p = 1 die Dreiecksungleichung bereits punktweise gilt. Es folgt
ein Beweis nur für p = 2.
Falls die linke Seite in (0, ∞) liegt, schreiben wir
Z Z Z
2
(f + g) dµ ≤ |f ||f + g| dµ + |g||f + g| dµ
E E E
sZ sZ sZ sZ
(i)
≤ |f |2 dµ |f + g|2 dµ + |g|2 dµ |f + g|2 dµ
E E E E
qR
und dividieren durch E
|f + g|2 dµ.
26 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Verschwindet die linke Seite, so ist die Ungleichung trivial. Ist die linke Seite unendlich, so
R R R R
folgt aus |f + g|2 = (f 2 + g 2 + 2|f g|) ≤ 2 f 2 + 2 g 2 , dass auch einer der Summanden
der rechten Seite unendlich ist. Also ist auch in diesem Fall die Ungleichung wahr. 

Bemerkung. Für f : E → R messbar ergibt die Höldersche Ungleichung


Z Z 1/p  Z 1/q
2
1/q
kf k1 = |f · 1| dµ ≤ |f | dµ 1 dµ = µ(E) kf kp .
E E E

Für µ(E) < ∞ folgt also Lp (E) ⊂ L1 (E). Entsprechend allgemein: Ist µ(E) < ∞ und
p ≤ q, so folgt Lq (E) ⊂ Lp (E). Andererseits gilt für E := [1, ∞) und f (x) := x1 , dass zwar
f 6∈ L1 (E) aber f 2 ∈ L2 (E).

Korollar 23. Der Raum Lp ist Vektorraum und [Link] ist eine Halbnorm [seminorm] darauf,
d.h. es gilt kf + gkp ≤ kf kp + kgkp , sowie kcf kp = |c|kf kp für c ∈ R.

5.2. Die Lp -Räume. Zur Norm fehlt k · kp nur noch die Eigenschaft kf kp = 0 ⇒ f = 0.
Diese Eigenschaft stimmt leider nicht auf Lp : Es gilt einerseits kχQ kp = 0 aber andererseits
χQ 6≡ 0. Ganz allgemein können Funktionen mit [Link] = 0 auf Nullmengen jeden möglichen
Wert annehmen. Für die Zwecke der Integration spielt aber das Verhalten auf Nullmengen
gar keine Rolle. Mit der folgenden Konstruktion ignorieren wir es.

Man überprüft schnell, dass auf Lp die Relation

f ∼ g : ⇐⇒ f = g fast überall

eine Äquivalenzrelation darstellt. Auf dem Quotientenvektorraum

Lp (E) = Lp (E, µ) := Lp (E)/ ∼,

ist aber [Link] wohldefiniert: Es gilt kf kp = kf + gkp für jedes g, das verschwindet mit
Ausnahme von Nullmengen.

Beispiele. 1. χQ ∼ 0, so dass [χQ ] = 0.


2. Als Funktionen auf [0, 1] repräsentieren x2 und x2 + χQ dasselbe Element von Lp ([0, 1]).

Elemente von Lp werden repräsentiert durch Funktionen, die wir nur fast überall kennen.
D.h. eine Klasse [f ] legt einzelne Werte f (x) gar nicht fest. Auf dem Raum Lp ist [Link]
tatsächlich eine Norm, denn es gilt:

[f ] ∈ Lp mit kf kp = 0 ⇒ [f ] = 0 („f ist 0 fast überall“).

8. Vorlesung, Mittwoch 14.5.08

Die entscheidende Eigenschaft von Lp ist die Vollständigkeit:


i 5.2 – Stand 28. August 2008 27

Satz 24 (Riesz, Fischer 1907). Sei (X, Σ, µ) Maßraum und E ∈ Σ. Der Raum Lp (E, µ) ist
vollständiger normierter Vektorraum (Banachraum), d.h. jede Cauchy-Folge bezüglich [Link]
konvergiert in Lp .

Der Satz sagt also, dass für jede Cauchy-Folge [fk ] ∈ Lp (E) eine Grenzfunktion [f ] ∈ Lp (E)
existiert.

Beweis. Der Übersichtlichkeit halber führen wir den Beweis nur für p = 1; der allgemeine
Fall geht ganz genauso (siehe [E], S.231).

1. Durch einen Trick konstruieren wir zuerst die Grenzfunktion f . Die Schwierigkeit hierbei
ist, dass wir nur Integral-Informationen über die Folge (fk ) besitzen.

Es repräsentiere (fk ) eine L1 -Cauchy-Folge, d.h. kfk −f` k1 → 0 für k, ` → ∞. Insbesondere


gilt kfk+1 −fk k1 → 0. Es gibt daher eine Teilfolge (fkj )j∈N , so dass gilt kfkj+1 −fkj k1 ≤ 2−j .
Setzen wir gj := |fkj − fkj−1 | + . . . + |fk2 − fk1 |, so folgt daraus

kgj k1 ≤ kfkj − fkj−1 k1 + . . . + kfk2 − fk1 k1 ≤ 1.


| {z } | {z }
≤2−(j−1) ≤1/2

Die Folge messbarer Funktionen gj (x) ist in jedem Punkt x ∈ E monoton wachsend. Daher
konvergiert gj ≥ 0 punktweise gegen g := ∞
P
j=1 |fkj+1 − fkj | : E → [0, ∞]. Aus dem Satz
von der monotonen Konvergenz folgt
Z Z   Z
B. Levi
kgk1 = g dµ = lim gj dµ = lim gj dµ = lim kgj k1 ≤ 1.
j→∞ j→∞ k→∞

Dies zeigt: Es gibt eine Nullmenge N ⊂ E, so dass g(x) < ∞ für alle x ∈ E \ N .

Das Majorantenkriterium aus Analysis 1 ergibt daher: Die (Teleskop-)Reihe


 
fkj (x) = fk1 (x) + fkj (x) − fkj−1 (x) + . . . + fk2 (x) − fk1 (x)

konvergiert absolut für jedes x ∈ E\N . Also konvergiert fkj punktweise gegen eine messbare
Funktion f : E\N → R. Wir erweitern f zu einer Funktion auf ganz E, indem wir f (x) := 0
für x ∈ N setzen (jede andere Wahl geht auch!).

2. Wir zeigen nun [f ] ∈ L1 und kfk − f k1 → 0 für die ganze Folge. Nach dem Lemma von
Fatou gilt für jedes m ∈ N
Z Z Z
(13) |f −fm | dµ = lim inf |fkj −fm | dµ ≤ lim inf |fkj −fm | dµ = lim inf kfkj −fm k1 .
j→∞ j→∞ j→∞

Da (fk ) Cauchy-Folge ist, geht für m → ∞ die rechte Seite gegen 0, und wir erhalten
kf − fm k1 → 0. Weiterhin muss für jedes m ∈ N die rechte Seite von (13) endlich sein.
Daraus folgt [f − fm ] ∈ L1 und weiter [f ] = [f − fm ] + [fm ] ∈ L1 . 
28 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Weil jede konvergente Folge auch Cauchy-Folge ist, hat der Beweis sogar noch etwas mehr
geliefert. Er zeigt für für eine in L1 konvergente Folge die Konvergenz einer Teilfolge,
punktweise fast überall:

Korollar 25. Seien fk , f ∈ L1 (E) mit fk → f in L1 (E), d.h. kf − fk k1 → 0. Dann gibt


es eine Teilfolge (fkj )j∈N und eine Nullmenge N ⊂ E, so dass fkj (x) → f (x) für alle
x ∈ E \ N.

Beispiel. Wir teilen das Interval [0, 1] in 2n Teile für n ∈ N, die wir nacheinander durchnumerieren:
1 1 1 3 1 1
I1 = [0, 1], I2 = [0, ], I3 = [ , 1], I4 = [0, ], . . . , I7 = [ , 1], I8 = [0, ], . . . , I16 = [0, ], . . .
2 2 4 4 8 16
Die charakterischen Funktionen fk := χIk bilden dann eine Cauchyfolge in L1 ([0, 1]), die gegen
die Nullfunktion konvergiert. Die Folge fk (x) konvergiert jedoch für kein x ∈ [0, 1] punktweise
(warum?). Für die Teilfolge f1 , f2 , f4 , . . . , f2k . . . hat man aber punktweise Konvergenz gegen die
Nullfunktion in (0, 1], d.h. die Aussage des Korollars wird dann mit E := {0} erfüllt. Tatsächlich
gilt die Aussage (und ihr Beweis) sogar für jede Teilfolge mit kfkj − fkj+1 k ≤ 2−j (warum?).

Bemerkung. Der Raum L2 (E) der quadratintegrablen Funktionen ist durch das Skalarpro-
dukt Z
hf, gi := f g dµ ∈ R
E

ausgezeichnet. Tatsächlich ist das Skalarprodukt für L2 -Funktionen definiert, denn


Z (11)
Z
Hölder
hf, gi = f g dµ ≤ |f g| dµ ≤ kf k2 kgk2 .
E E
p
Das Skalarprodukt induziert die L2 -Norm k · k2 durch kf k2 := hf, f i. Ein vollständiger
(unendlich-dimensionaler) Vektorraum mit Skalarprodukt heisst Hilbertraum. Der Hilbert-
raum L2 hat besondere Bedeutung, z.B. für die Fouriertransformierte (siehe [F], §12) oder
in der Quantenmechanik.

Es ist üblich, statt [f ] ∈ Lp einfach f ∈ Lp zu schreiben; man denkt sich dabei, dass f nur
fast überall definiert ist. Wir folgen dieser Konvention von nun an.

5.3. Dichte Teilmengen von Lp . Zum Aufwärmen zeigen wir:

Satz 26. Sei (X, Σ, µ) Maßraum. Für jedes 1 ≤ p < ∞ ist der Raum der integrierbaren
Stufenfunktionen dicht in Lp (X, µ) (oder Lp (X, µ)).

Die Aussage dieses Satzes kann man als Zusammenfassung unserer Definition des Lebesgue-
Integrals verstehen: Wir haben das auf der dichten Teilmenge der Stufenfunktionen erklärte
Integral fortgesetzt auf einen vollständigen Raum Lp .
i 5.3 – Stand 28. August 2008 29

Beweis. Sei f ∈ Lp ⊂ L1 . Dann ist auch f+ ∈ Lp , denn f+ ist die Einschränkung von f auf
die messbare Menge {x ∈ X : f (x) ≥ 0}. Nach Satz 13 gibt es eine monotone Folge (sk ) von
Stufenfunktionen mit lim sk = f+ . Da f+p ∈ L1 die Funktionen spk majorisiert, folgt aus Satz 17(iii),
dass ebenfalls sk ∈ Lp .

Wir zeigen nun ksk − f+ kp → 0. Wir wenden den Satz von der majorisierten Konvergenz die Folge
0 ≤ (f+ − sk )p ≤ f+p an. Er ergibt lim (f+ − sk )p = lim(f+ − sk )p = 0, so dass sk → f+ in Lp .
R R

Ebenso für f− . Insgesamt ergibt dies das Resultat für f . 

Satz 27. Für das Lebesguemaß λ liegt der Raum der stetigen Funktionen mit kompaktem
Träger Cc (Rn ) dicht in Lp (Rn ).

Beweis. Wir zeigen das Resultat nur für p = 1.

Nach dem letzten Satz (und der Integralabschätzung (11)) reicht es zu zeigen, dass Cc (Rn ) dicht
im Raum der integrierbaren Stufenfunktionen ist. In Satz 14(v )c) hatten wir bereits festgestellt,
dass Funktionen aus Cc (Rn ) integrierbar sind, also Cc (Rn ) ⊂ L1 (Rn ).

Wir betrachten zuerst als Spezialfall die integrierbare Stufenfunktion χA ∈ L1 , wobei A messbar
mit λ(A) < ∞ ist. Um die Behauptung des Satzes für χA zu verifizieren, müssen wir zeigen: Für
jedes ε > 0 existiert ϕ ∈ Cc (Rn ) mit Rn |ϕ − χA | dλ < ε.
R

Es sei ε > 0. Der Schnitt von A mit einem genügend großen Würfel, Ã := A ∩ [−R, R]n , erfüllt
λ(A) − λ(Ã) < 2ε (Übung). Nun erinnern wir an die Charakterisierung (3) des Lebesgue-Maßes:
Es existieren Mengen K ⊂ Rn kompakt und U ⊂ Rn offen, so dass K ⊂ Ã ⊂ U und λ(U \ K) < 2ε .
Wir nehmen K 6= ∅ an (sonst erfüllt ϕ ≡ 0 schon die Behauptung). Wenn wir U ersetzen durch
U ∩ (−R − 1, R + 1)n , bleiben alle behaupteten Eigenschaften erhalten; daher dürfen wir U ⊂
(−R − 1, R + 1)n annehmen.

Weil das Kompaktum K von der abgeschlossenen Menge Rn \ U einen Abstand dist(K, Rn \ U ) =

inf kx − yk : x ∈ K, y 6∈ U > 0 hat, können wir setzen
 
n dist(x, K)
ϕ : R → [0, 1], ϕ(x) := max 0, 1 − .
dist(K, Rn \ U )
Es gilt ϕ|K = 1, ϕ|Rn \U = 0 und 0 ≤ ϕ ≤ 1 auf U \ K. Also haben wir
Z Z Z

|χA − ϕ| dλ ≤ |χA − χà | dλ + |χà − ϕ| dλ ≤ λ(A) − λ(Ã) + λ(U \ K) ≤ ε,
| {z }
≤1

wie gewünscht.

Wir überzeugen uns nun noch, dass ϕ ∈ Cc (Rn ). Nach Wahl von U hat die Funktion ϕ ihren
Träger im Würfel [−R − 1, R + 1]n . Die Distanzfunktion dist(x, K) := inf{kx − yk : y ∈ K} ist
stetig für jede Menge K ⊂ Rn (der Beweis folgt aus der Dreiecksungleichung); also ist auch ϕ
stetig.
30 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Wir betrachten nun eine allgemeine integrierbare Stufenfunktion s = m


P
j=1 aj χAj mit aj 6= 0 und
λ(Aj ) < ∞. Sei ε > 0. Nach dem ersten Teil können wir für jedes j eine Funktion ϕ = ϕj ∈ Cc (Rn )
1
R
wählen mit |χAj − ϕj | < m|a j|
ε. Die m-fache Dreiecksungleichung ergibt
m
X Z m
X m
X m
X Z
s− aj ϕj = aj χAj − aj ϕj dλ ≤ |aj | |χAj − ϕj | dλ < ε.
1
j=1 j=1 j=1 j=1

aj ϕj ∈ Cc (Rn ) das Gewünschte.


P
Also leistet die Funktion 

5.4. Satz von Fubini und Transformationsformel für L1 . Zum Abschluss der Inte-
grationstheorie geben wir die Lebesgueschen Versionen der beiden großen Sätze an, die
wir für stetige Funktionen mit kompaktem Träger bereits kennen. Wir setzen diese Sätze
durch Approximation von der dichten Teilmenge Cc (Rn ) auf alle „Lücken“ in L1 fort. Dabei
beschränken wir uns auf das Lebesgue-Maß λ. Wir schreiben λn , wenn wir betonen wollen,
dass wir das Lebesgue-Maß in Rn betrachten.
Der Satz von Fubini ist eigentlich die Aussage, dass die folgende Formel (14) gilt. Die
Formulierung des Satzes wird dadurch etwas umständlich, dass man zuerst feststellen muss,
dass alle Ausdrücke in (14) tatsächlich definiert sind.

Satz 28 (Fubini). (i ) Sei f : Rn+m = Rn × Rm → [0, ∞] messbar. Dann sind für fast alle
y ∈ Rm bzw. x ∈ Rn die Funktionen
fy := f (·, y) : Rn → [0, ∞] bzw. fx := f (x, ·) : Rm → [0, ∞]
messbar. Weiter sind die Funktionen
Z Z
m n
F : R → [0, ∞], y 7→ fy dλn bzw. G : R → [0, ∞], x 7→ fx dλm
Rn Rm
messbar, und es gilt
Z Z Z 
f dλn+m = f (x, y) dλn (x) dλm (y)
Rn+m m n
(14) ZR  Z R 
= f (x, y) dλm (y) dλn (x).
Rn Rm

(ii) Ist f ∈ L1 (Rn+m ), so sind die Funktionen fx bzw. fy für fast alle y ∈ Rm bzw.
x ∈ Rn Lebesgue–integrierbar. Weiter sind die fast überall definierten Funktionen F und G
Lebesgue–integrierbar, und es gilt wieder (14).

Es gibt auch eine Version dieses Satzes für allgemeine Maßräume (siehe [E], S.175).
Eigentlich müßten wir zur Berechnung eines mehrdimensionalen Lebesgue-Integrals ein
Supremum über die Integrale von Stufenfunktionen berechnen, und zwar getrennt für po-
sitiven und negativen Anteil. Wenn aber die iterierten Integrale alle Riemann-integrierbar
sind, so braucht man nach dem Satz von Fubini nur ein n-fach iteriertes Riemann-Integral
i 5.4 – Stand 28. August 2008 31

berechnen. Dies geht schon in einfachen Fällen über unseren früheren Satz 1 von Fubi-
ni für stetige Funktionen auf Quadern hinaus, z.B. für die charakterische Funktion einer
Kreisscheibe in R2 .

Beweis. Der Beweis folgt durch Approximation mit Funktionen in Cc (Rn+m ). Wir geben
hier nur die wichtigsten Schritte an.

Wir zeigen als erstes, dass (14) für jedes ϕ ∈ Cc (Rn+m ) gilt. Nach Satz 21 stimmen eindi-
mensionale Riemann-Integrale mit Lebesgue-Integralen überein. Aus diesem Satz erhalten
wir aber wie folgt die entsprechende Behauptung für (mehrdimensionale) iterierte Riemann-
Integrale.

Wir nehmen an, dass außerhalb eines Quaders Q mit supp ϕ ⊂ Q die Funktion ϕ bereits
durch 0 fortgesetzt ist. Integrieren wir über nur eine Variable, so ist das Ergebnis eine
stetige Funktion mit kompaktem Träger in den verbleibenden Variablen; insbesondere ist es
in jeder der verbleibenden Variablen eindimensional Riemann-integrierbar. Daher folgt (14)
aus der Version des Satzes 1 von Fubini für stetige Funktionen auf Quadern.

Wir lassen nun einige Argumente aus, die zeigen, dass für fast alle x bzw. y die einge-
schränkten Funktionen fx bzw. fy messbar (Teil (i)), bzw. integrierbar (Teil (ii)) sind.
Entsprechend sind F bzw. G messbar und integrabel. Hierfür muss man Nullmengen ein-
gehender diskutieren.

Nach diesem Schritt sind alle Ausdrücke in (14) definiert. Die Identitäten von (14) erhält
man dann folgendermaßen. Sei ε > 0. Ist f ∈ L1 (Rn+m ), so gibt es nach Satz 27 ein
ϕ ∈ Cc (Rn+m ) mit kf − ϕk1 ≤ ε. Aber für ϕ gelten die Identitäten von (14), also gelten
sie für f bis auf einen Fehler ε. Weil ε > 0 beliebig ist, gelten sie exakt. 

9. Vorlesung, Montag 19.5.08

Der andere große Satz, durch den viele Integrale erst berechenbar werden, ist die Trans-
formationsformel.

Satz 29 (Transformationsformel). Es seien U, V ⊂ Rn offen und ϕ : U → V ein C 1 -


Diffeomorphismus. Dann ist f ∈ L1 (V ) genau dann, wenn (f ◦ ϕ)| det dϕ| ∈ L1 (U ) und
Z Z
f ◦ ϕ | det dϕ| dλ = f dλ.
U V

Beweis. Sei f ∈ L1 . Nach Satz 27 können wir eine Folge fk ∈ Cc (Rn ) finden mit kf −
fk k1 → 0. Laut Korollar 25 zum Satz von Riesz-Fischer gibt es eine Nullmenge N , so dass
sogar fk (x) → f (x) für alle x ∈ Rn \ N . Betrachten wir nun gk := (fk ◦ ϕ)| det dϕ| und
g := (f ◦ ϕ)| det dϕ|.
32 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, WS 08

Offenbar gilt gk (x) → g(x) für alle x ∈ U \ ϕ−1 (N ). Wir behaupten ϕ−1 (N ) ist wieder
Nullmenge. Dazu müssen wir zeigen, dass ϕ−1 (N ) durch Mengen beliebig kleinen Maßes
überdeckt wird. Aber N wird durch Mengen vom Maß kleiner ε überdeckt, und im Fall
dass ϕ−1 Lipschitz-Konstante ` hat, wird ϕ−1 (N ) demnach durch Mengen vom Maß klei-
ner ε` überdeckt. Für allgemeines ϕ−1 schreiben wir den Definitionsbereich von ϕ−1 als
Vereinigung von Mengen X` , auf denen ϕ−1 Lipschitzkonstante in (` − 1, `] hat.
Weil die Transformationsformel für stetige Funktionen mit kompaktem Träger gilt, erhalten
wir kgk − g` k1 = kfk − f` k1 . Dies zeigt auch, dass (gk ) eine Cauchyfolge in L1 (U ) ist. Nach
dem Satz von Riesz-Fischer ist daher g ∈ L1 (U ). Also erhalten wir wie gewünscht die
Transformationsformel durch Grenzübergang:
Z Z Z Z
g(x) dλ(x) = lim gk (x) dλ(x) = lim fk (y) dλ(y) = f (y) dy.
U k→∞ U k→∞ V V

Sei nun umgekehrt g := (f ◦ ϕ)| det dϕ| ∈ L1 (U ). Anwendung des ersten Teiles auf g und
ψ := ϕ−1 : V → U ergibt dann die Behauptung
  (∗)
L1 (V ) 3 (g ◦ ψ)| det dψ| = f ◦ ϕ ◦ ψ| det dϕ ◦ ψ| | det dψ| = f ;

dabei folgt die Identität (∗) aus (dψ ◦ ϕ)(x) = dψϕ(x) = (dϕx )−1 (siehe Analysis 2). 

Beispiel. Sei E ⊂ Rn Lebesgue-messbar und A ∈ GLn eine lineare Abbildung, so gilt


Z Z
χE A−1 x dλ(x)
 
λ A(E) := χA(E) (x) dλ(x) =
n Rn
ZR Z
−1 −1 Trafo
= | det A| χE (A x)| det A | dλ(x) = | det A| χE (y) dλ(y) = | det A|λ(E).
Rn Rn
Wir folgern daraus:

(i) Ist W = [0, 1]n der Einheitswürfel, so das Volumen des Bildes λ A(W ) = | det A|.

(ii) Ist A ∈ O(n) eine Bewegung, so bleibt das Volumen ungeändert: λ A(E) = λ(E). Dies
zeigt eine fundamentale Eigenschaft des Lebesgue-Maßes λ: Es ist bewegungsinvariant. Man
könnte diese Aussage auch erhalten, indem man sie zunächst für Quader beweist und sie
dann mit der Charakterisierung (3) auf Borel-Mengen überträgt; das ist jedoch mühseliger.
ii 1.1 – Stand 28. August 2008 33

Teil 2. Integralsätze

Das n-dimensionale Lebesgue-Maß λn liefert einen sehr allgemeinen Inhaltsbegriff für Teil-
mengen des Rn . Wie wir gesehen haben, verschwindet dieses Maß auf niederdimensionalen
Teilmengen wie beispielsweise Kurven oder Flächen in R3 . Entsprechend verschwindet auch
das Integral beliebiger Funktionen über solche Teilmengen.
Andererseits will man oft die Größe von Oberflächen von Körpern, also das Maß von
Rändern von Mengen betrachten, oder Integrale von Funktionen darauf; z.B. für S2 ⊂ R3 .
Im vorliegenden zweiten Teil der Vorlesung werden wir diese Begriffe allgemein einführen,
und als Anwendung eine Verallgemeinerung des Hauptsatzes auf mehrere Dimensionen
angeben.

1. Untermannigfaltigkeiten

Die Zahl α ∈ N∪∞ steht hier immer für eine Differenzierbarkeitsordnung, α = ∞ bedeutet
Glattheit. Es wird reichen, den minimalen Wert α = 1 zu betrachten.

1.1. Untermannigfaltigkeiten. Den mathematisch präzisen Begriff einer n-dimensionalen


“Fläche” mit Kodimension k hatten wir bereits in Analysis 2 eingeführt:
Satz 1. Eine Menge M ⊂ Rn+k heißt n-dimensionale C α -Untermannigfaltigkeit [subma-
nifold] von Rn+k , wenn es zu jedem p ∈ M eine offene Umgebung V ⊂ Rn+k gibt, für die
eine der folgenden beiden äquivalenten Beschreibungen zutrifft:
(i) Es existiert eine Funktion ψ ∈ C α (V, Rk ) mit
M ∩ V = ψ −1 (0)
und rang dψx = k für alle x ∈ M ∩ V . (Der Wert 0 von ψ heißt dann regulärer Wert).
(ii) Es existiert U ⊂ Rn+k offen und ein C α -Diffeomorphismus Φ : U → V , so dass
M ∩ V = Φ U ∩ Rn×{0} .


Wir betrachten (ii) als eine parametrische Beschreibung von M einschließlich einer Um-
gebung V auf. In diesem Sinne sehen Untermannigfaltigkeiten lokal wie verbogene Unter-
vektorräume aus.
Dagegen ist die Beschreibung (i) implizit. Nach dem Satz für implizite Funktionen läßt sich
M in einer geeigneten Umgebung von p auch als Graph darstellen. Wenn beispielsweise die
Koordinaten so durchnummeriert sind, dass die letzten k Koordinaten Funktionen der
ersten n sind, kann man speziell V = X × Y ⊂ Rn × Rk wählen und es gilt als dritte
äquivalente Beschreibung auch
für ein h ∈ C α (X, Y ).

M ∩ V = (x, h(x)) : x ∈ X}
34 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

Umgekehrt kann man aus der Graphenbeschreibung leicht ein Φ konstruieren, wie wir es
z.B. in folgendem Bespiel machen.

Beispiel. Sn ⊂ Rn+1 ist Untermannigfaltigkeit: Für die implizite Beschreibung reicht die
Funktion ψ : Rn+1 → R, ψ(x) = kxk2 −1, denn grad ψ(x) = 2x, was auf Sn = {x : kxk2 = 1}
nicht verschwindet. Andererseits kann man die nördliche Hemisphäre {x ∈ Sn : xn+1 > 0}
auch parametrisch beschreiben durch
p
Φ : {x ∈ Rn : kxk < 1} × R → Rn+1 , Φ(x, y) := 1 − kxk2 + y.

Die ganze Sphäre Sn läßt sich aber als Überdeckung von 2(n + 1) offenen Hemisphären
Hi± := {x ∈ Sn : ±xi > 0} schreiben, die sich jeweils ganz genauso parametrisieren lassen.

Keine Beispiele von Mannigfaltigkeiten sind:


(i) Die Figur acht {(sin t, sin 2t) ∈ R2 : t ∈ R}, denn sie hat einen Doppelpunkt in 0.
(ii) [0, 1] ⊂ R oder [0, 1] × {0} ⊂ R2 : In den Intervallendpunkten existieren die die gefor-
derten Umgebungen nicht.
p
(iii) Der Kegel {(x, y, z) ∈ R3 : ψ(x, y, z) := x2 + y 2 − z = 0}, denn die Funktion ψ
ist in der Spitze 0 nicht differenzierbar. Entfernt man die Spitze so erhält man aber eine
Mannigfaltigkeit.

Bemerkung. Für viele Untermannigfaltigkeiten reicht eine einzige Menge V aus, die un-
abhängig von p ist. Für andere Beispiele muss man jedoch M mit mehreren Mengen V
überdecken: Beispielsweise hat das Möbiusband in R3 nur eine Seite, und daher muss eine
implizite Beschreibung wenigstens zwei überdeckende Mengen benutzen (siehe Übungen).

1.2. Immersionen und Einbettungen als Parametrisierungen. Unser Ziel ist eine
parametrische Beschreibung von Untermannigfaltigkeiten, bei der nicht noch eine Umge-
bung von M mitparametrisiert wird.

Definition. Sei U ⊂ Rn offen. Eine Abbildung ϕ ∈ C α (U, Rn+k ) mit rang dϕx = n für alle
x ∈ U heisst (C α -)Immersion.

Beispiel. 1. Sphärische Koordinaten,


 
cos ϑ cos ϕ
π π
S: R × − , → S2 ⊂ R3 , S(ϕ, ϑ) :=  cos ϑ sin ϕ 
 
2 2
sin ϑ

stellen eine Immersion dar. Das gilt jedoch nicht mehr, falls man einen vergrößerten (offe-
nen) Definitionsbereich wählt, der auch Punkte mit ϑ = ± π2 enthält (; Übungen).
2. ϕ : R → R2 , ϕ(t) = (t2 , t3 ) ist keine Immersion, denn ϕ0 (0) = 0, also rang dϕ0 = 0
ii 1.2 – Stand 28. August 2008 35

3. Ist h ∈ C α (U, Rk ) für U ⊂ Rn offen, so ist die Graphenabbildung ϕ : U → Rn+k ,


ϕ(x) := x, h(x) eine C α -Immersion, denn Jϕ = J1nh in Blockmatrix-Schreibweise.
 

Das für uns wichtigste Beispiel einer Immersion ensteht durch die Einschränkung der de-
finierenden parametrischen Abbildung Φ auf das Urbild der Untermannigfaltigkeit:

ϕ : W → M ⊂ Rn+k , ϕ(x) := Φ(x, 0) mit W := {x ∈ Rn : (x, 0) ∈ U }.

Tatsächlich ist ϕ eine Immersion, denn weil Φ Diffeomorphismus ist, sind alle n + k Spalten
von JΦ linear unabhängig. Die n ersten Spalten bilden aber die Jacobimatrix Jϕ . Wir
folgern:

Satz 2. Ist M n ⊂ Rn+k eine Untermannigfaltigkeit, so besitzt jeder Punkt p ∈ M eine


Umgebung V ⊂ Rn+k mit folgender Eigenschaft: Es exisiert eine Immersion f : W ⊂ Rn →
V , so dass
M ∩ V = f (W ).

Umgekehrt kann das Bild einer Immersion Selbstschnitte besitzen und braucht deshalb kei-
ne Untermannigfaltigkeit zu parametrisieren. Um dennoch Untermannigfaltigkeiten durch
Immersionen zu beschreiben, führen wir einen Begriff ein, der Selbstschnitte ausschließt.

Zuvor erinnere ich an den Begriff der relativen Topologie, die wir in Analysis 3/Funk-
tionentheorie eingeführt hatten: Eine Teilmenge U ⊂ M ist relativ offen, wenn es eine
offene Menge V ⊂ Rn+k gibt mit U = V ∩ M . Gemäß Charakterisierung von Stetigkeit
durch offene Mengen (Urbilder offener Mengen sind offen) wird es dadurch möglich, von
stetigen Abbildungen zwischen Untermannigfaltigkeiten zu sprechen.

Definition. Eine Abbildung ϕ : M → N zwischen Untermannigfaltigkeiten (oder ganz


allgemein metrischen Räumen) heißt Homöomorphismus, wenn ϕ bijektiv ist und ϕ sowie
ϕ−1 stetig sind. Ist eine Immersion ein Homöomorphismus auf ihr Bild, so nennt man sie
Einbettung [embedding].

10. Vorlesung, Mittwoch 21.5.08

Beispiele. 1. Der Kreisparametrisierung ϕ : R → R2 , ϕ(t) := (cos t, sin t) ist zwar Immersi-


on aber nicht Einbettung (da nicht injektiv).
2. Nicht jede stetige bijektive Abbildung ist Homöomorphismus: Betrachten wir eine in-
jektive Kurve ϕ : (0, 1) → R2 mit limt→1 ϕ(t) = ϕ( 12 ). Diese Bedingung bedeutet, dass die
Umkehrabbildung nicht stetig ist, also ist ϕ kein Homöomorphismus auf sein Bild.
3. Graphen: Sei U ⊂ Rn offen und h ∈ C 1 (U, R). Dann ist die Graphenabbildung

ϕ : U → M := ϕ(U ) ⊂ Rn+1 ,

(1) ϕ(x) := x, h(x) ,
36 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

eine Einbettung. Die Umkehrabbildung ist die Projektion ϕ−1 (x, y) = x und daher ist ϕ
bijektiv. Weiter folgt ϕ(lim xk ) = lim ϕ(xk ) aus der Stetigkeit von f , und die Projektion
ϕ−1 ist ohnehin stetig.

Nun können wir einen Parametrisierungssatz für Untermannigfaltigkeiten formulieren:

Satz 3. Eine Menge M ⊂ Rn+k ist genau dann eine n-dimensionale C α -Untermannigfaltig-
keit, wenn es für jeden Punkt p ∈ M eine offene Umgebung V ⊂ Rn+k , eine offene Menge
U ⊂ Rn und eine C α -Einbettung ϕ : U → Rn+k mit ϕ(U ) = V ∩ M gibt.

In Zukunft werden wir nur noch solche Einbettungen ϕ als Parametrisierung einer Unter-
mannigfaltigkeit bezeichnen.

Beweis. „⇒“: Der Satz für implizite Funktionen erlaubt es, die implizit gegebene Unter-
mannigfaltigkeit nach Umnummerierung der Koordinaten als Graph (1) darstellen, also
parametrisch.

„⇐“: Wir wollen die gegebene Einbettung ϕ : U → M ⊂ V fortsetzen in die Umgebung


U × Rk von U , indem wir das Bild ϕ(U ) lokal als Graph schreiben, und eine Umgebung
von ϕ(U ) mit Translationen des Graphen blättern. Dies wird die Abbildung Φ : R → S
konstruieren, wie sie in der Definition von Untermannigfaltigkeiten gefordert ist.

OBdA sei p = ϕ(0). Durch Zusammenfassung der ersten n bzw. letzten k Koordinaten
schreiben wir ϕ = (ϕN , ϕK ) : U → Rn × Rk . Wegen der Immersionseigenschaft sind n der
n + k Zeilen von Jϕ linear unabhängig. Nach Umnummerieren der Koordinaten können
wir daher erreichen, dass dϕN Rang n im Punkt 0 hat. Der Umkehrsatz liefert dann eine
offene Umgebung U0 ⊂ U von 0 in Rn , so dass ϕN : U0 → ϕN (U0 ) =: W ⊂ Rn ein C α -
Diffeomorphismus mit Umkehrabbildung ϕ−1 N ist.

Daher hat
! !
0 ϕN (x)
Φ : U0 × Rk → W × Rk , Φ(x, y) := ϕ(x) + = .
y ϕK (x) + y
die Umkehrabbildung !
ϕ−1 (ξ)
Φ−1 (ξ, η) = N
.
η − ϕK (ϕ−1
N (ξ))

Folglich ist Φ ein C α -Diffeomorphismus. Weiterhin gilt Φ U0 ×{0} = ϕ(U0 ).

Nun schränken wir Φ noch auf eine geeignete Menge R ein: Dazu sei S := V ∩ (W × Rk )
und R := Φ−1 (S). Für die Abbildung Φ : R → S gilt tatsächlich Φ R ∩ Rn×{0} = S ∩ M ,


denn nach Voraussetzung enthält die Menge V über die Punkte ϕ(U ) hinaus keine weiteren
Punkte von M . Also ist ϕ(U0 ) eine n-dimensionale C α -Untermannigfaltigkeit. 
ii 1.3 – Stand 28. August 2008 37

Wird eine Untermannigfaltigkeit M durch mehrere Parametrisierungen überdeckt, M =


S
i∈I ϕi (Ui ), so nennt man jede Parametrisierung ϕi eine Karte. Liegt ein Punkt p im Bild
zweier Karten, so liefert der Kartenwechsel eine differenzierbare Abbildung zwischen den
Parametergebieten:

Satz 4. Sei M ⊂ Rn+k eine n-dimensionale Untermannigfaltigkeit, und für i = 1, 2 seien


ϕi : Ui → Vi ⊂ M zwei C α -Karten mit V := V1 ∩ V2 6= ∅. Dann sind Ti := ϕ−1
i (V ) offene
−1 α
Teilmengen von Ui und τ := ϕ2 ◦ ϕ1 : T1 → T2 ist C -Diffeomorphismus.

Den Beweis, der die Abbildung Φ aus der Definition einer Untermannigfaltigkeit benutzt,
finden Sie z.B. in [F], S.134/35. Um abstrakte Mannigfaltigkeiten einzuführen, muss man
nur den Inhalt dieses Satzes zur Definition machen.

1.3. Tangential- und Normalraum. Wir erinnern an Analysis 2:

Definition. Sei M ⊂ Rn+k eine n-dimensionale Untermannigfaltigkeit und p ∈ M .


(i) Ein Vektor v ∈ Rn+k heißt Tangentialvektor an M in p, wenn für ein ε > 0 ein
stetig differenzierbarer Weg c : (−ε, ε) → M existiert mit c(0) = p und c0 (0) = v. Der
Tangentialraum Tp (M ) ist die Menge aller Tangentialvektoren an M in p.
(ii) Der Normalraum ist die Menge
Np M := Tp M ⊥ = {ν ∈ Rn+k : hν, wi = 0 ∀w ∈ Tp (M )};
seine Elemente heißen Normalenvektoren an M in p.

Für jeden Fußpunkt p ∈ M haben wir also eine orthogonale Zerlegung


Tp M ⊕ Np M = Rn+k .

Beispiel. Sphären Sn ⊂ Rn+1 : Ist p ∈ Sn , so behaupten wir


Tp M = {v ∈ Rn+1 : v ⊥ p} und Np M = {sp : s ∈ R}.
  v
In der Tat: Für 0 6= v ⊥ p ist c(t) := cos kvkt p + sin kvkt kvk ein Großkreis in Sn durch
c(0) = p mit Tangentialvektor c0 (0) = v (Kettenregel).
Wie sehen Tangential- und Normalvektoren bei impliziter und parametrischer Beschreibung
einer Mannigfaltigkeit aus?

Satz 5. Sei M eine n-dimensionale Untermannigfaltigkeit des Rn+k und p ∈ M . Dann ist
dim(Tp M ) = n, dim(Np M ) = k
und diese Räume sind folgendermaßen gegeben:
(i) Ist M lokal implizit als {x ∈ Rn+k : ψ(x) = 0} beschrieben und ψ(p) = 0, so gilt

(2) Tp M = kern dψp , Np M = span grad ψ1 (p), . . . , grad ψk (p) .
38 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

(ii) Ist M lokal parametrisch als {ϕ(x) : x ∈ W ⊂ Rn } beschrieben, so gilt für ϕ(x) = p

Tp M = im dϕx , Np M = (im dϕx )⊥ .

Beweis. Die Dimensionsaussage und (i) hatten wir schon in Analysis 2 bewiesen. Für die
parametrische Beschreibung ist klar, dass der Vektor dϕx (X) = dtd ϕ(x + tX)|t=0 für jedes
X ∈ Rn tangential ist. Weil ϕ Immersion ist, ist dϕx (Rn ) ein n-dimensionaler Unterraum
des Rn+k . Aber dim Tp M = n und deshalb sind dies alle Tangentialvektoren. 

Beispiel. Graphen: Für h ∈ C 1 (U, R) betrachten wir wieder ϕ : U → Rn+1 , ϕ(x) :=


x, h(x) . Der Tangentialraum ist die lineare Hülle aller Vektoren dϕ(ei ) = ∂x∂ i ϕ, also


( ! !)
e1 en
T(x,h(x)) M = span ,..., .
∂1 h(x) ∂n h(x)
Weil diese Vektoren linear unabhängig sind, ist ϕ Immersion. Offenbar wird das orthogonale
Komplement aufgespannt durch den Einheitsvektor
!
 1 − grad h(x)
(3) ν x, h(x) = p .
1 + k grad h(x)k 2 1
Dies ist die obere Normale an den Graphen.

1.4. Kompakta mit glattem Rand. Wir wollen nun den speziellen Fall einer Unter-
mannigfaltigkeit betrachten, die eine kompakte Menge berandet. Man kann sich überlegen,
dass es keine Einschränkung bedeutet, anzunehmen, dass die Untermannigfaltigkeit impli-
zit durch eine einzige Funktion gegeben ist, und daher definieren wir:

Definition. Eine kompakte Menge A ⊂ Rn+1 heisst Kompaktum mit glattem Rand, wenn
sie eine offene Umgebung U ⊂ Rn+1 besitzt, so dass es eine Funktion ψ ∈ C ∞ (U, R) gibt
mit
(i) grad ψ(x) 6= 0 für alle x ∈ U mit ψ(x) = 0, und
(ii) A = {x ∈ U : ψ(x) ≤ 0}.

Beispiele. 1. B n+1 ⊂ Rn+1 ist Kompaktum mit glattem Rand Sn , mit ψ(x) = kxk2 − 1.
2. Sei allgemeiner nun B eine symmetrische und positiv definite Matrix. Dann definiert die qua-
dratische Form ψ(x) := hBx, xi − 1 ein Kompaktum mit glattem Rand.
3. Ein Rotationstorus ist ein Kompaktum mit kompaktem Rand (; Übung).

Lemma 6. Es gilt ∂A = {x ∈ U : ψ(x) = 0}.

Beweis. Sei x ∈ ∂A. Nach Definition des Randes gibt es in jeder Umgebung von x ebenso-
sehr Punkte aus A wie Punkte aus Ac , d.h. Punkte mit verschiedenem Vorzeichen von ψ.
ii 2.1 – Stand 28. August 2008 39

Aus der Stetigkeit von ψ folgt ψ(x) = 0 (betrachte gegen x konvergente Folgen solcher
Punkte).
Sei umgekehrt x ∈ U mit ψ(x) = 0. Für jedes ε > 0 suchen wir nun Punkte von Bε (x)
in A und in U \ A. Ohnehin ist x ∈ A gemäß Definition von A. Setze X := grad ψ(x) 6= 0.
Wegen U offen gilt für alle h ∈ R mit h klein, dass x + Xh ∈ U . Aber es gilt
ψ(x + Xh) = ψ(x) + hhgrad ψ, Xi + o(h2 ) > 0 für kleine h > 0,
so dass x + Xh 6∈ A. 

Die Randmenge ∂A eines Kompaktums A mit glattem Rand ist deshalb eine n–dimensionale
Untermannigfaltigkeit M ⊂ Rn+1 . Im Spezialfall von Kodimension 1 liefert (2) eine einfache
Beschreibung des Normalraums:

Satz 7. Sei A = {x ∈ U : ψ(x) ≤ 0} ein Kompaktum mit glattem Rand. Dann besitzt
M := ∂A ein stetiges Vektorfeld von äußeren Einheitsnormalen
1
ν : M → Np M ⊂ Rn+1 , ν(p) := grad ψ(p).
k grad ψ(p)k

Weil 0 ein regulärer Wert von ψ ist, ist ν(p) tatsächlich definiert. Die Stetigkeit ist offen-
sichtlich.

Beispiel. Für Sphären Snr (wobei r > 0) mit ψ(x) := kxk2 − r2 = x21 + . . . + x2n+1 − r2 gilt
x
grad ψ(x) = 2(x1 , . . . , xn+1 ), also ν(x) = kxk = xr .

2. Integration auf Untermannigfaltigkeiten

11. Vorlesung, Mittwoch 28.5.08


R
2.1. Die Gramsche Determinante. Wir wollen nun Größen wie voln (M ) und M f über
n–dimensionale Untermannigfaltigkeiten M von Rn+k definieren. Dazu werden wir Para-
metrisierungen benutzen.
Wir wollen dazu herauszufinden, um welchen Betrag eine Parametrisierung ϕ : U → M das
Volumen verzerrt. Für Kodimension k = 0 wissen wir, dass die Antwort | det dϕ| lautet.
Aber für k ≥ 1 ist Jϕ nicht quadratisch und daher eine Determinante nicht definiert.
Zur Motivation betrachten wir zunächst den Fall, dass die Parametrisierung ϕ und damit
A := dϕ : Rn → Rn+k
linear ist. Als Testvolumen verwenden wir den Einheitswürfel W := [0, 1]n . Für k = 0 gilt
λn (AW ) = | det A| (siehe Teil I). Für k ≥ 1 ist aber λn+k (AW ) = 0.
40 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

Die folgenden plausiblen Anforderungen reichen, um ein n–dimensionales Volumen voln (AW )
in Rn+k festzulegen:
1. voln ist invariant unter Drehungen in O(n + k).

2. Für eine Menge X × {0} ⊂ Rn × {0} gilt voln X × {0} := λn (X).

Der Unterraum A(Rn ) ⊂ Rn+k wird durch eine passende Drehung B ∈ O(n + k) auf
Rn × {0} abgebildet (B ist nicht eindeutig). Nach 1. soll voln (AW ) = voln (BAW ) sein.
Wir benötigen weiterhin die Projektion P : Rn × Rk → Rn , (x, y) 7→ x. Nach 2. soll gelten
voln (BAW ) = λn (P BAW ). Weil aber P BA : Rn → Rn linear ist, heisst dies, dass wir
festlegen
voln (AW ) := λn (P BAW ) = | det(P BA)|.
Diese Formel wird erst dadurch nützlich, dass wir die von A abhängige Drehung B elimi-
nieren können:
(∗)
| det(P BA)|2 = det(P BA)T det(P BA) = det(ATB TP TP BA) = det(AT B T
B A) = det(ATA)
|{z}
=1n+k

Bei (∗) haben wir benutzt: Wegen P = (1n 0) und P T = ( 10n ) folgt zunächst nur P T P =
( 10n 00 ); weil aber Im(BA) ⊂ Rn × {0} gilt, stimmt P TP BA = BA.

Die letzte Formelzeile zeigt det(ATA) ≥ 0. Damit haben wir eine brauchbare Formel für das
n–dimensionale Volumen von AW gefunden, die in jeder Kodimension k ∈ N funktioniert:
p
voln (AW ) = det(AT A).

Dies ist der Volumenverzerrungsfaktor von A, und wir müssen für den nichtlinearen Fall
nur A durch die Linearisierung Jϕ (x) der Parametrisierung ϕ ersetzen. Wir geben im nicht-
linearen Fall zuerst der Matrix ATA und ihrer Determinante einen Namen:

Definition. Sei U ⊂ Rn offen, ϕ : U → Rn+k eine Immersion mit Jacobimatrix Jϕ (x) in


x ∈ U . Die symmetrische n × n-Matrix
 
T
 ∂ϕ ∂ϕ
g(x) = gϕ (x) := Jϕ (x) Jϕ (x), d.h. g(x) ij = (x), (x) ,
∂xi ∂xj
heißt erste Fundamentalform, metrischer Tensor oder Maßtensor von ϕ. Die Funktion

det gϕ = det(JϕT Jϕ ) : U → R

heißt Gramsche Determinante von ϕ.

∂ϕ
Die Jacobimatrix Jϕ (x) hat die n Spalten dϕx (ei ) = ∂xi
(x) ∈ Rn+k . Wenn ϕ eine Immersion
ist, sind für jedes x ∈ U diese Spalten linear unabhängig, so dass rang Jϕ ≡ n und auch
rang gϕ ≡ n. Wir haben daher nicht nur det gϕ (x) ≥ 0, sondern sogar det gϕ (x) > 0.
ii 2.1 – Stand 28. August 2008 41

Stehen insbesondere die (Richtungen der) Parameterlinien senkrecht aufeinander, d.h.


∂ϕ ∂ϕ ∂ϕ
∂xi
(x) ⊥ ∂xj
(x) für alle i 6= j, so ist gϕ (x) eine Diagonalmatrix mit Einträgen k ∂xi
(x)k2 .
Jeder dieser Einträge beschreibt das Quadrat der Verzerrung in der i-ten Koordinatenrich-
tung. Das Produkt der unquadrierten Verzerrungsfaktoren misst die Volumenverzerrung:
∂ϕ ∂ϕ
q q 
det gϕ (x) = det Jϕ (x)T Jϕ (x) = (x) · · · (x) .
∂x1 ∂xn
Dieser Fall tritt beispielsweise für Rotationsflächen ein (siehe Übungen). Im allgemeinen
ist g eine symmetrische Matrix. Nach dem Satz über die Hauptachsentransformation wird
nach einer Drehung diese Matrix diagonal, so dass unser Fall allgemein ist.

Beispiele. 1. Ein eindimensionaler Graph x, h(x) hat als erste Fundamentalform die 1×1-
√ √
Matrix g = 1 h0 ( h10 ) = 1 + h02 , so dass det g = 1 + h02 . Deuten Sie dies als Längenver-


zerrungsfaktor des Graphen, das heißt als Länge der Hypothenuse des Steigungsdreiecks
mit Basislänge 1.

2. Für den mehrdimensionalen Fall sehen wir uns zuerst Graphen linearer Funktionen an. Es

sei b ∈ Rn und h : Rn → R die lineare Abbildung h(x) = hx, bi. Der Graph ϕ(x) = x, h(x)
ist dann eine Hyperebene M ⊂ Rn+1 ; diese Hyperebene betrachten wir als n-dimensionale
Untermannigfaltigkeit. Die erste Fundamentalform hat die Matrix
!
 1n
g = 1n b T
= 1n + bbT .
b

Um die Determinante zu berechnen, überlegen wir uns, wie M aussieht. Geht man von
einem beliebigen Punkt p ∈ Rn aus in einer Richtung des (n − 1)-dimensionale Unterraums
b⊥ := x ∈ Rn : hb, xi = 0 , so bleibt h konstant, während in Richtung b der Graph ϕ


seinen steilsten Anstieg hat. Damit kennen wir bereits die Eigenwerte von g: Der Raum b⊥
liegt im Kern der Matrix bbT , denn für x ∈ b⊥ gilt (bbT )x = bhb, xi = 0; für die Matrix g
bildet daher b⊥ einen (n − 1)-dimensionalen Eigenraum zum Eigenwert 1. Andererseits gilt

g(b) = b + bbT b = b + bhb, bi = 1 + kbk2 b,




so dass b Eigenvektor von g zum Eigenwert 1 + kbk2 ist. Die Determinante ist nun das
Produkt der n Eigenwerte:
p p p
(4) det g = 1n−1 1 + kbk2 = 1 + kbk2 .

Wie zu erwarten, ist diese Zahl immer ≥ 1, denn die Oberfläche des Graphen ist größer als
die im Definitionsgebiet. Nach der angegebenen Deutung kann man den Volumenverzer-
rungsfaktor (4) wie folgt verstehen: Nur in Richung b werden Längen im Graphen verzerrt
(entsprechend dem Steigungsdreieck aus 1.), während Richtungen in b⊥ keine Verzerrung
erfahren.
42 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08
 1
 := x,h(x) , wobei h ∈ C (U, R), ist nun nicht
3. Der nichtlineare Fall eines Graphen ϕ(x)
1
mehr schwer. Die Jacobimatrix ist Jϕ = (gradnh)T , wobei wir grad h als Spalte verstehen.
Wir müssen daher nur b := grad h im vorherigen Beispiel setzen, und erhalten daraus
p p
(5) det gϕ = 1 + k grad hk2 .

2.2. Inhalte von Immersionen und Oberflächenintegrale. Mit der Gramschen De-
terminante können wir die Inhalte von Immersionen bestimmen, indem wir im Urbild
integrieren, wobei wir jedoch mit der Flächenverzerrung gewichten. Genauso läßt sich das
Integral von Funktionen über Flächen definieren. Dabei nehmen wir an, dass die Funktio-
nen auf dem Parametergebiet der Immersion definiert sind, so dass sie in Doppelpunkten
des Bildes tatsächlich verschiedene Werte annehmen können.

Definition. Sei U ⊂ Rn offen und ϕ : U → Rn+k eine Immersion.


(i) Wenn E ⊂ U messbar ist, so ist das n–dimensionale Volumen der Immersion ϕ|E
gegeben durch
Z q
(6) Sϕ (E) := det gϕ (x) dλn (x).
E

(ii) Eine Funktion F : U → R ist integrierbar bezüglich ϕ mit Integral


Z Z q
(7) F dSϕ := F (x) det gϕ (x) dλn (x)
U U

wenn der Integrand rechts eine Lebesgue-integrierbare Funktion auf U ist.


p
Man kann Sϕ (E) als Maß mit Dichte det gϕ verstehen; aus den Übungen folgt, dass derart
tatsächlich ein Maß definiert ist. Man nennt es das Oberflächenmaß.

Beispiele. 1. Das Oberflächenmaß einer Kurve ist gerade ihre Länge, siehe Übungen. Jedoch
wird die Länge “mit Multiplizität” gerechnet: Die Kurve eit : (0, 3π) → C hat Länge 3π.

2. Ein Graph ϕ x, h(x) mit h ∈ C 1 (U n , R) hat das n-dimensionale Volumen
Z q Z p
(5)
det gϕ (x) dλn (x) = 1 + k grad hk2 dλn (x).
U U

Ist etwa h : [0, 1]2 → R, h(x, y) := cosh x mit grad h = ( sinh x


0 ), so lautet der Flächeninhalt
Z √ Z 1Z 1 1
2
1 + sinh x dλ2 (x) = cosh x dxdy = sinh x = sinh 1.
[0,1]2 0 0 0

Tatsächlich ist sinh 1 = 12 (e + 1e ) > 1 und daher hat der Graph tatsächlich größeren Inhalt
als seine Projektion, das Einheitsquadrat in der xy-Ebene.
R
3. Ist E eine Nullmenge, so verschwinden auch Sϕ (E) und E F dS für jede Immersion ϕ
und alle F .
ii 2.3 – Stand 28. August 2008 43

Das Flächenmaß (6) und das Oberflächenintegral (7) hängen nur vom Bild (und der Multi-
plizität) der Immersion ab, nicht von der speziellen Parametrisierung. Dies zeigt man mit
der Transformationsformel:

Lemma 8. Seien U, V ⊂ Rn offen, ϕ : V → Rn+k eine stetig differenzierbare Funktion,


τ : U → V ein Diffeomorphismus und F : V → R. Dann gilt
Z Z
q q
F τ (x) det gϕ◦τ (x) dλn (x) = F (y) det gϕ (y) dλn (y),
U V

sofern einer der beiden Integranden (über U bzw. V ) integrierbar ist; in diesem Fall ist es
auch der andere.

Beweis. Die Kettenregel Jϕ◦τ (x) = Jϕ τ (x) Jτ (x) ergibt (jeweils an den richtigen Stellen):
T
Jϕ◦τ = det JτT JϕT Jϕ Jτ = det JτT det(JϕT Jϕ ) det Jτ = (det dτ )2 det gϕ
 
det gϕ◦τ = det Jϕ◦τ
Daraus erhalten wir, zusammen mit der Transformationsformel,
Z Z
q q 
F τ (x) det gϕ◦τ (x) dλn (x) = F τ (x) det gϕ τ (x) det dτx dλn (x)
U U
Z q
Trafo
= F (y) det gϕ (y) dλn (y).
V

Aus dem Transformationssatz folgt auch die Äquivalenz der Integrierbarkeit beider Seiten.


2.3. Maße und Integrale auf Untermannigfaltigkeiten. Wir wollen nun allgemeiner
über Untermannigfaltigkeiten integrieren. Dabei betrachten wir nur den Fall, dass endlich
viele Karten für die Parametrisierung ausreichen, d.h. M = M1 ∪ . . . ∪ Mm , wobei Mi :=
ϕi (Ui ). Um eine disjunkte Zerlegung zu erhalten, setzen wir
(8) N1 := M1 , N2 := M2 \ M1 , ... Nm := Mm \ {M1 ∪ . . . ∪ Mm−1 }.
In vielen Beispielen kann man die Ni so wählen, dass nur N1 keine Nullmenge ist.

Definition. Sei M ⊂ Rn+k eine Untermannigfaltigkeit mit endlich vielen Karten ϕj : Uj →


M und Nj wie zuvor.
(i) Ist für A ⊂ M die Menge ϕ−1
j (A ∩ Nj ) ⊂ Uj messbar für alle j, so heisst A messbar mit

SM (A) := Sϕ1 ϕ−1 −1


 
(9) 1 (A ∩ N 1 ) + . . . + S ϕ m ϕ m (A ∩ N m ) .
(ii) Eine Funktion f : M → R heißt integrierbar, falls Fj := f ◦ ϕj für jedes j integrierbar
ist. Wir setzen
Z m Z
X q
(10) f dSM := Fj (x) det gϕj (x) dλn (x).
M j=1 ϕ−1
j (Nj )
44 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

12. Vorlesung, Mittwoch 4.6.08


Man muss nachprüfen, dass auch SM ein Maß ist, das Oberflächenmaß auf M . Wir be-
haupten, dass (9) (10) nicht von der Zerlegung in die Karten ϕj abhängt. In der Tat,
seien ϕ̃j : Ũj → M̃j eine weitere Familie von Karten, mit Mengen Ñj wie in (8). Auf jeder
Verfeinerungsmenge Ωij := Ni ∩ Ñj zeigt Lemma 8, dass das Maß bezüglich ϕi und ϕ̃j
übereinstimmt. Die Behauptung folgt nun durch Aufsummieren.
Ich schreibe im folgenden oft auch vol oder voln für das Oberflächenmaß SM , wann immer
mir das suggestiver erscheint.

Beispiel. Sei M ⊂ Rn+k eine n-dimensionale Untermannigfaltigkeit und r > 0. Für jede
Karte ϕ : U → M von M erhält man für die skalierte Menge rM := {rx : x ∈ M } eine
Karte rϕ : U → rM ; also ist auch rM Untermannigfaltigkeit. Weiter folgt aus d(rϕ) = r dϕ,
dass det grϕ = r2n det gϕ . Folglich gilt für jede messbare Teilmenge E ⊂ M
Z Z
n n
(11) SrM (rE) = r SM (E) und f (x) dSrM (x) = r f (rx) dSM (x)
rM M
für jede integrierbare Funktion f : rM → R.

3. Integralsätze

Das wichtigste Satz der Differential– und Integralrechnung für Funktionen einer Veränder-
Rb
lichen ist der Hauptsatz, der besagt, dass F (b) − F (a) = a F 0 (t) dt für jede stetig diffe-
renzierbare Funktion F : [a, b] → R. Wir wollen nun eine Verallgemeinerung auf mehrere
Dimensionen herleiten, die ein Randintegral als ein Integral über die abgeleitete Funktion
ausdrückt.

3.1. Divergenz. Ist U ⊂ Rn offen und F ∈ C 1 (U, Rn ) ein Vektorfeld, so heißt


n
X ∂Fj
div F : U → R, x 7→ (x),
j=1
∂xj
die Divergenz von F . Ist div F ≡ 0, so sagt man F ist divergenzfrei.

Beispiele. 1. F (x) := x hat div F = n.


2. Das Vektorfeld F : R2 → R2 , F (x, y) = (y, −x) hat div F ≡ 0.
x
3. F : Rn \ {0} → Rn , F (x) := kxk n ist divergenzfrei (rechnen!).

Physiker betrachten div F als Quelldichte oder -stärke von F . Ist F beispielsweise das
Geschwindigkeitsfeld einer bewegten Flüssigkeit, so bedeutet div F ≡ 0, dass die Flüssigkeit
inkompressibel ist. Im dritten Beispiel können wir daher F als Geschwindigkeitsfeld einer
inkompressiblen Flüssigkeit deuten, die von einer Quelle am Ursprung radialsymmetrisch
nach ∞ fließt. (Wieso muss die Radialgeschwindigkeit der Flüssigkeit in kxk abnehmen?).
ii 3.2 – Stand 28. August 2008 45

Wir wollen nun genauer darstellen, warum man div F als Quelldichte verstehen kann.
Dazu definieren wir die Quelldichte über einen Grenzübergang: Wir messen, welche Quellen
innerhalb eines kleinen Testwürfels Wε (x) auftreten und teilen durch das Testvolumen
vol Wε (x). Im Grenzwert ε → 0 erhalten wir die gesuchte Quelldichte in x. Um festzustellen,
welche Quellen in Wε (x) liegen, messen wir, was durch den Rand des Würfels hindurchfließt.

Dazu integrieren wir die Normalkomponente F (x), ν(x) = kF (x)k cos ∠ F (x), ν(x) des
Vektorfeldes über den Würfelrand. Unsere Behauptung “Quelldichte in x gleich Divergenz
in x” lautet also
Z
1
(12) lim hF, νi dS = div F (x)
ε→0 vol(Wε (x)) ∂W (x)
ε

Wir beweisen nun (12) im einfachsten Falle eines Vektorfeldes F = F (x, y) auf R2 . Es sei
W = Wε (a, b) ⊂ R2 das Quadrat der Kantenlänge 2ε mit Mittelpunkt (a, b). Seine vier
Seitenintervalle indizieren wir mit den vier Himmelsrichtungen, als Normalen kommen ±e1
und ±e2 vor. Die Oberflächenintegrale über die vier Seitenintervalle vereinfachen sich zu
gewöhnlichen eindimensionalen Integralen, auf die wir die Mittelwertsätze der Differenti-
alrechnung und der Integralrechnung anwenden können:
Z Z Z Z Z
hF, νi ds = F1 ds − F1 ds + F2 ds − F2 ds
∂W IO IW IN IS
Z b+ε Z a+ε
= F1 (a + ε, y) − F1 (a − ε, y) dy + F2 (x, b + ε) − F2 (x, b − ε) dx
b−ε a−ε
Z b+ε Z a+ε
MWS Diff. ∂F1  ∂F2 
= 2ε ξ(y), y dy + 2ε x, η(x) dx
b−ε ∂x a−ε ∂y
MWS Int. ∂F1 ∂F2
= (2ε)2 ξ(y0 ), y0 + (2ε)2
 
x0 , η(x0 ) .
∂x ∂y

Dabei liegen die Zwischenstellen ξ(y) und x0 im Intervall (a − ε, a + ε), sowie η(x) und y0
im Intervall (b − ε, b + ε).

Nun sehen wir uns den Grenzwert ε → 0 an. Offenbar gehen ξ(y), x0 → a und η(x), y0 → b.
Daher folgt aus der letzten Gleichung nach Division durch (2ε)2 unsere Behauptung (12):
Z
1 ∂F1 ∂F2
lim hF, νi ds = (a, b) + (a, b) = div F (a, b).
ε→0 vol2 (Wε (a, b)) ∂W (a,b) ∂x ∂y
ε

Die Würfeloberfläche ist keine glatte Mannigfaltigkeit und daher haben wir mit unserer
Herleitung den Fall des Oberflächenintegrals von C 1 -Mannigfaltigkeiten überschritten. Weil
jedoch die Würfelkanten Nullmengen in der Würfeloberfläche sind, sieht man schnell, dass
man auch nach Glättung der Kanten dasselbe Ergebnis erhält.
46 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

3.2. Der Gaußsche Integralsatz.

Satz 9 (Gaußscher Integralsatz [divergence theorem]). Es sei U offen und A ⊂ U ⊂ Rn+1


ein Kompaktum mit glattem Rand und äußerem Normalenfeld ν : ∂A → Rn+1 . Dann gilt
für jedes Vektorfeld F ∈ C 1 (U, Rn+1 )
Z Z
(13) div F dλn+1 = F, ν dS∂A .
A ∂A

Die linke Seite gibt die aufsummierten Quellen des Vektorfeldes F in A an, die rechte Seite
den Gesamtfluss von F über den Rand des Kompaktums. Ist speziell F divergenzfrei, so
sagt der Integralsatz, dass der Gesamtfluss durch den Rand des Kompaktums verschwindet;
tatsächlich fließt bei einer inkompressiblen Flüssigkeit zu jedem Zeitpunkt genauso viel in
A hinein wie aus A heraus.

Die Forderung, dass F auf einer ganzen Umgebung U von A definiert ist, dient lediglich da-
zu, die Differenzierbarkeit von F in ∂A sicherzustellen; es gibt schwächere Formulierungen
dieser Bedingung.

Beispiele. 1. (Flächeninhalt der Einheitssphäre) Für das Vektorfeld F ∈ C 1 (Rn+1 , Rn+1 ),


F (x) = x ist div F (x) = n + 1. Ist nun A := B n+1 , so hat ∂B n+1 = Sn = {x : kxk2 = 1}
das Normalenfeld ν(x) = x. Es folgt die Beziehung
Z Z
n+1 1 Gauß 1 1
voln+1 (B ) = div F dλn+1 = kxk2 dS∂A (x) = voln (Sn ).
n + 1 B n+1 n + 1 Sn n+1
2. Machen Sie sich klar, dass der Gaußsche Satz für n = 1 gerade den Hauptsatz der
Differential- und Integralrechnung ergibt.

13. Vorlesung, Mittwoch 11.6.08

Aufgaben. 1. Die Quellgleichung (12) gilt nicht nur für Würfel, sondern für beliebige Folgen
von Kompakta Ak (x) mit glattem Rand, die die Eigenschaft hat, dass jede Folge xk ∈ Ak (x)
gegen x = lim xk konvergiert.
2. Zeigen Sie die Variante des Gaußschen Integralsatzes
Z Z
grad u dλ = uν dS.
A ∂A
R
und folgern Sie K ν = 0 für jedes Kompaktum mit glattem Rand. Die Variante hat ver-
schiedene interessante Anwendungen, z.B. die Mittelwertsformel für harmonische Funktio-
nen.

Bemerkung. Zur Entdeckung des Integralsatzes zitiere ich aus Wikipedia (3/07): The theorem was
first discovered by Joseph Louis Lagrange in 1762, then later independently rediscovered by Carl
Friedrich Gauss in 1813, by George Green in 1825 and in 1831 by Mikhail Vasilievich Ostrogradsky,
ii 3.3 – Stand 28. August 2008 47

who also gave the first proof of the theorem. Subsequently, variations on the Divergence theorem
are called Gauss’s Theorem, Green’s theorem, and Ostrogradsky’s theorem.

Falls F differenzierbar mit kompakten Träger ist, verschwindet bei Wahl eines geeignet
großen Kompaktums das Randintegral. Wir beweisen den Gaußschen Integralsatzes zuerst
in diesem Spezialfall. Wir setzen dazu Cc1 (U, Rn ) := Cc (U, Rn ) ∩ C 1 (U, Rn ).

Lemma 10. Sei U ⊂ Rn+1 offen.


(i) Für jedes 1 ≤ j ≤ n + 1 gilt
Z
∂f
(14) dλn+1 = 0 für alle f ∈ Cc1 (U ).
U ∂xj
R
(ii) Für jedes F ∈ Cc1 (U, Rn+1 ) gilt der Gaußsche Satz, U
div F dλn+1 = 0.

Beweis. Wir können U = Rn+1 annehmen, indem wir f, F durch 0 fortsetzen.

(i) Da supp f kompakt ist, gibt es ein R > 0 mit supp f ⊂ [−R, R]n+1 . Insbesondere
verschwindet f auf dem Rand des Würfels [−R, R]n+1 . Wir betrachten nun j = 1; für
die übrigen j verläuft der Beweis analog. Für jedes x = (x1 , . . . , xn+1 ) ∈ U ergibt der
Hauptsatz
Z R
∂f
(x) dx1 = f (R, x2 , . . . , xn+1 ) − f (−R, x2 , . . . , xn+1 ) = 0.
−R ∂x1

Mit dem Satz von Fubini erhalten wir daher


Z Z
∂f ∂f
(x) dλn+1 (x) = (x) dλn+1 (x)
U ∂x1 [−R,R]n+1 ∂x1
Z Z R 
∂f
= (x) dλ1 (x1 ) dλn (x2 , . . . , xn+1 ) = 0.
[−R,R]n −R ∂x1

(ii) Folgt aus (i ) durch Summation über die Komponenten f := Fi . 

3.3. Beweis des Gaußschen Integralsatzes. Wir geben nun den Beweis des Gaußschen
Integralsatzes im Spezialfall, dass F auf einem Teil des Randes nicht verschwindet; dieser
Teil soll Graph sein. Dies werden wir später als eine lokale Version des Gaußschen Satzes
verstehen.
n
Lemman 11. Sei U ⊂ R offen, I o = (a, b) ⊂ Rnund h ∈ C 1 (U, I). Wir betrachten
o nun
A := (x, y) ∈ U × I : a ≤ y ≤ h(x) und M := (x, y) ∈ U × I : y = h(x) . Dann gilt
Z Z
(15) div F dλn+1 = F, ν dSM für jedes F ∈ Cc1 (U × I, Rn+1 ).
A M
48 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

Beweis. Es sei νj die j-te Komponente des Normalenvektors (3)


!
 1 − grad h(x)
(16) ν x, h(x) := p .
1 + k grad h(x)k2 1

Die Integranden beider Seiten von (15) sind jeweils eine Summe von n + 1 Termen. Wir
behaupten, dass die Gleichheit der Integrale sogar summandenweise gilt: Für jedes j ∈
{1, . . . , n + 1} erfüllt die Funktion f := Fj ∈ Cc1 (U × I) die Identität
Z Z
∂f
(17) dλn+1 = f νj dSM .
A ∂xj M

Durch Aufsummieren über alle n + 1 Komponenten folgt daraus (15).



Zunächst eine Vorbemerkung. Für die Immersion x → x, h(x) ist das Oberflächenmaß
p
laut (5) gegeben durch dSM (x) = 1 + k grad h(x)k2 dλn (x). Zusammen mit (16) folgt
daher:
∂h
(18) νn+1 dSM = dλn und νj dSM = − dλn für j = 1, . . . , n.
∂xj

Zum Beweis von (17) unterscheiden wir nun zwei Fälle.


• Fall j := n + 1: Wir rechnen mit dem Hauptsatz nach:
Z Z  Z h(x) 
∂f Fubini ∂f
dλn+1 = (x, y) dλ1 (y) dλn (x)
A ∂xn+1 U a ∂y
| {z }
=f (x,h(x))−f (x,a)
Z Z
 (18)
= f x, h(x) dλn (x) = f νn+1 dSM .
U M

• Fall 1 ≤ j ≤ n: Wir betrachten die Hilfsfunktion


Z y
Φ : U × I → R, (x, y) 7→ f (x, η) dη.
a

Nach dem Satz aus Analysis 2 über das Differenzieren unterm Integral (beachte f ∈ C 1 )
gilt zunächst
Z y
∂Φ ∂f ∂Φ
(x, y) = (x, η) dη und (x, y) = f (x, y).
∂xj a ∂xj ∂y
Bei Einsetzen von y = g(x) ergibt daher die Kettenregel:
Z h(x)
∂ ∂   ∂Φ  ∂Φ  ∂h
f (x, y) dy = Φ x, h(x) = x, h(x) + x, h(x) (x)
∂xj a ∂xj ∂xj ∂y ∂xj
(19) Z h(x)
∂f  ∂g
= (x, y) dy + f x, h(x) (x)
a ∂xj ∂xj
ii 3.3 – Stand 28. August 2008 49
R h(x)
Wir müssen diese Formel noch über U integrieren. Der Träger von x 7→ a
f (x, y) dy ist
kompakt in U enthalten. Aus Lemma 10(i) folgt deshalb
Z  Z h(x) 
∂ (14)
f (x, y) dy dλn (x) = 0.
U ∂xj a

Damit ergibt sich


Z Z  Z h(x) 
∂f Fubini ∂f
(x) dλn+1 (x) = (x, y) dy dλn (x)
A ∂xj U a ∂xj
Z  Z h(x)  Z
(19) ∂  ∂h
= f (x, y) dy dλn (x) − f x, h(x) (x) dλn (x)
U ∂xj a U ∂xj
Z
(18)
= f νj dSM .
M


Beachten Sie, dass wir im vorstehenden Beweis in beiden Fällen nur den Satz von Fubini
und den Hauptsatz verwendet haben, wobei im zweiten Fall der Hauptsatz durch das
Lemma eingangen ist.

Bemerkung. Man kann ein entsprechendes Lemma


n o man ersetzt A
über Bigraphen beweisen, d.h.
durch die Menge zwischen zwei Graphen A := (x, y) ∈ U ×I : g(x) ≤ y ≤ h(x) , wobei h−g ≥ 0
gelten soll.

Wir wollen nun Satz 9 im allgemeinen beweisen. Dazu wollen wir M in Einzelgebiete
zerlegen, auf denen wir die lokale Version verwenden können.

Lemma 12 (Lebesguesches Überdeckungslemma). Für jede offene Überdeckung (Ui )i∈I


einer kompakten Menge A ⊂ Rn existiert λ > 0, genannt Lebesguesche Zahl der Über-
deckung, so dass für jedes x ∈ A der Ball Bλ (x) in einer der Mengen Ui enthalten ist.

Beweis. Indirekt: Wenn nicht, dann gibt es für jedes k ∈ N ein xk ∈ A, so dass B1/k (xk )
in keinem Ui enthalten ist. Nach dem Satz von Bolzano-Weierstraß können wir für eine
Teilfolge der xk annehmen, dass sie gegen ein x0 ∈ A konvergiert; wir nehmen an, dass dies
xk selbst ist.

Zu x0 ∈ A gibt es aber einen Index i ∈ I mit x ∈ Ui . Da Ui offen ist, gilt sogar Bε (x0 ) ⊂ Ui
für ein ε > 0. Wegen xk → x0 gibt es ein k0 ∈ N so dass kxk − x0 k < 2ε für alle k ≥ k0 .
Aber dann ist auch Bε/2 (xk ) ⊂ Ui für alle k ≥ k0 , Widerspruch zur Annahme. 

Zum Beweis des Gaußschen Integralsatzes benötigen wir ein in der Mathematik des 20
Jahrhunderts oft benutztes Werkzeug, mit dem man globale Aussagen auf den lokalen Fall
zurückspielen kann:
50 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

Definition. Eine glatte Zerlegung der Eins ist eine für jedes ε > 0 definierte Familie von
Funktionen

(20) {ψε,b ∈ Cc∞ (Rn , [0, ∞)) : b ∈ I},

wobei I := I(ε, n) := εZn , für die gilt:


P
• b∈I ψε,b (x) = 1 und
• supp ψε,b ⊂ Wε (b).

In den Übungen konstruieren Sie eine solche Familie. Es gibt verschiedene Varianten von
Partitionen der Eins. Gemeinsam ist aber stets, dass die Summe von Funktionen 1 ist, und
dass in jedem x nur endlich viele Summanden nicht verschwinden.

Beweis des Gaußschen Integralsatzes. Nach dem Satz für implizite Funktionen besitzt je-
der Punkt a ∈ ∂A eine offene Umgebung U ⊂ Rn+1 , in der sich ∂A als Graph einer Funktion
darstellen lässt und A ∩ U als die Menge der Punkte, die unter diesem Graphen liegen. Die
kompakte Menge ∂A wird sogar von endlich vielen solcher Mengen überdeckt. Es existiert
deshalb eine endliche Familie (Uj )j∈J offener Teilmengen des Rn+1 mit A ⊂ j∈J Uj , so
S

dass jedes Uj wenigstens eine der folgenden Bedingungen erfüllt:

(i) Innerer Fall : Uj ⊂ A \ ∂A.


(ii) Randfall: Nach eventueller Umnummerierung der Koordinaten gilt
n o
Uj ∩ A = (x, y) ∈ U × (a, b) : y ≤ g(x) ,

wobei U ⊂ Rn offen ist, und g ∈ C 1 (U, R).

Es sei
B := {b ∈ I : supp ψε,b ∩ A 6= ∅}

die Menge der Gitterpunkte, für die der Träger der Funktionen noch A schneidet. Da A
beschränkt ist, ist B eine endliche Menge.

Nach Lemma 12 besitzt die Überdeckung (Uj )j∈J des Kompaktums A eine Lebesguesche
λ
Zahl λ. Zu ε := √n+1 betrachten wir die Zerlegung der Eins (ψε,b )b∈I von (20). Gegebenen-
falls nach weiterer Verkleinerung von ε können wir annehmen, dass jede Funktion ψε,b mit
S
b ∈ B ihren Träger noch ganz in Uj hat.

Der Träger jeder Funktion ψb,ε ist ein Würfel der Seitenlänge 2ε. Dieser Würfel liegt in

einem Ball, dessen Radius die halbe Diagonalenlänge ε n + 1 = λ ist. Nach dem Lebesgue-
schen Überdeckungslemma ist deshalb jeder Träger Wε (b) = supp ψε,b in einer der Mengen
Uj enthalten.
ii 3.4 – Stand 28. August 2008 51

Wir benutzen nun die Zerlegung der Eins, um den Gaußschen Integralsatz auf die Fälle
zurückzuführen, wo sich alles in einer der Mengen Uj abspielt. Es ist einerseits
Z Z X  XZ 
div F dλn+1 = div ψε,b F dλn+1 = div ψε,b F dλn+1
A A b∈B p∈B A

und andererseits Z XZ
F, ν dS∂A = ψε,b F, ν dS∂A .
∂A p∈B ∂A

Wir beweisen nun den Satz, indem wir für jeden Summanden die Gleichheit der Integrale
rechts nachweisen. Gemäß unserer Konstruktion ist für jedes b ∈ B der Träger von ψε,b in
einer der Mengen Uj enthalten.
Im Fall (i) zeigt Lemma 10(ii), dass
Z Z
div(ψε,b F ) dλn+1 = 0 = ψε,b F, ν dS∂A ,
A ∂A

denn ψε,b F hat kompakten Träger in int A.


Im Fall (ii) folgt die Behauptung durch Anwendung von Lemma 11 auf ψε,b F . 

14. Vorlesung, Mittwoch 18.6.08

Bemerkungen. 1. Man kann zeigen, dass der Gaußsche Integralsatz auch noch für Kom-
pakta gilt, deren Rand niederdimensionale Singularitäten wie Ecken und Kanten aufweist.
2. Physiker beweisen den Satz mithilfe einer Zerlegung in kleine Würfel. Auf jedem Würfel
gilt der Gaußsche Satz, das hatten wir –wenigstens für n = 2– ja bereits gesehen. Die Ran-
R
dintegrale hF, νidS heben sich aber für benachbarte Würfelflächen auf, weil auf diesen
ν verschiedenes Vorzeichen hat. Es bleiben also Würfelflächen am Gebietsrand über; sie
R
ergeben irgendwie das Randintegral ∂A hF, νidS. Unser Beweis mithilfe einer Partition der
Eins ist eigentlich nur die saubere mathematische Formulierung dieses Ansatzes.
3. Unser Beweis hat drei Kernpunkte:
• Der eindimensionale Hauptsatz wird mit dem Satz von Fubini hochintegriert. Weil man
dabei auf einen schiefen Rand trifft, muss man das Flächenmass einsetzen; dies erklärt den
Term Fi νi dS.
• Man summiert über alle Koordinatenrichtungen.
• Um auf die globale Version zu kommen, benutzt man die Partition der Eins. Dies funk-
tioniert, weil beide Seiten des Gaußschen Satzes linear im Vektorfeld F sind.

3.4. Greenscher Integralsatz in der Ebene. Wir wollen nun den Gaußschen Integral-
satz speziell in Dimension 2 betrachten. Wenn wir für das Randintegral die Schreibweise
Rb
von Kurvenintegralen, γ X · ds = a hX ◦ γ(t), γ 0 (t)i dt, benutzen, so erhalten wir:
R
52 K. Grosse-Brauckmann: Analysis IV - Integration, SS 08

Satz 13 (Greenscher Integralsatz). Beranden die regulären geschlossenen einfachen Kur-


ven γ1 , . . . , γm : [0, 1] → R2 auf der linken Seite eine kompakte Menge A ⊂ R2 mit glattem
Rand, so gilt für jedes F ∈ C 1 (U, R2 ) mit A ⊂ U :
m Z
!
−F2
Z X
(21) div F dλ2 = · ds
A i=1 γi
F1

Dabei haben wir folgende Begriffe verwendet: Sei γ : [a, b] → Rn eine Kurve.
• γ heißt regulär, wenn γ 0 (t) 6= 0 für alle t ∈ [a, b] gilt.
• γ heißt geschlossen, wenn γ(a) = γ(b) ist. In unserer Situtation ist γ sogar periodisch
fortsetzbar zu einer glatten Kurve auf R.
• Die geschlossene Kurve γ heißt einfach, wenn γ eingeschränkt auf [a, b) injektiv ist (keine
Doppelpunkte hat).
• Um zu erklären, wann eine ebene reguläre Kurve γ das glatt berandete Kompaktum A
auf der linken Seite berandet, betrachten wir die orientierte 90◦ -Drehung in der Ebene,
γ0
J := ( 10 −1
0 ). Es soll dann gelten Jν ◦ γ = kγ 0 k , wobei ν die äußere Normale an A ist.

Beweis. Als orthogonale Abbildung ist J Isometrie, d.h. hJv, Jwi = hv, wi gilt für alle
v, w ∈ R2 . In Dimension zwei können wir deshalb das Randintegral des Gaußschen Inte-
gralsatz umformen zu
Z Z Z
div F dλ2 = hF, νi dS = hJF, Jνi dS.
A ∂A ∂A

Nun verwenden wir die Definition des Integrals über Untermannigfaltigkeiten: Abgesehen
von der aus m Punkten bestehenden Nullmenge {γi (0) = γi (1) : i = 1, . . . , m} ⊂ ∂A wird
der Rand ∂A durch die m Immersionen γi : (0, 1) → R2 parametrisiert. Wir erhalten
Z m Z 1
X m Z 1
X
0
hJF, Jνi dS = hJF ◦ γ, Jν ◦ γi kγi k dt = JF (γ(t)), γi0 (t) dt,
∂A i=1 0 i=1 0

−F2

wobei rechts gerade das behauptete Kurvenintegral steht, denn JF = F1 . 

Hier ist eine biographische Bemerkung über George Green (1793-1841).


He worked fulltime in his father’s bakery from the age of nine and taught himself mathematics
from library books. In 1828 he published privately An Essay on the Application of Mathematical
Analysis to the Theories of Electricity and Magnetism, but only 100 copies were printed and most
of those went to his friends. This pamphlet contained a theorem that is equivalent to what we
know as Green’s Theorem, but it didn’t become widely known at that time. Finally, at age 40,
Green entered Cambrigde University as an undergraduate but died four years after graduation. In
1846 William Thompson (Lord Kelvin) located a copy of Green’s essay, realized its significance,
and had it reprinted. Green was the first person to try to formulate a mathematical theory of
ii 3.4 – Stand 28. August 2008 53

electricity and magnetism. His work was the basis for the subsequent electromagnetic theories of
Thomson, Stokes, Rayleigh and Maxwell.
R R
Bemerkungen. 1. Man schreibt auch γi
F × ds oder γi
−F2 dx + F1 dy für die Integrale auf
der rechten Seite von (21).
2. Tatsächlich kann man sich überzeugen, dass jedes Kompaktum in R2 mit glattem Rand von m
geschlossenen Kurven berandet wird. Hinter dieser Aussage steckt allerdings die nur scheinbar of-
fensichtliche Feststellung, dass jede Zusammenhangskomponente einer kompakten 1-Mannigfaltigkeit
homöomorph zu S1 ist (Beweis siehe Anhang von [GP]). Benutzt man dies und vereinigt man ge-
gebenenfalls mehrere Karten von ∂A, so kann man jede Zusammenhangskomponenten von ∂A mit
einer geschlossenen Kurve parametrisieren.

Beispiel. Bei Wahl von F (x) = x mit div F = 2 erhalten wir eine Formel, die den Flächen-
inhalt als ein Randintegral ausdrückt (wir nehmen an ∂A wird von nur einer Kurve γ links
berandet): Z Z
1 0 1
λ2 (A) = hγ, −Jγ i dt = γ × γ 0 dt.
2 2
Überzeugen Sie sich davon, dass die Vorzeichen stimmen, indem Sie die Formel am Einheits-
kreis überprüfen. Interpretieren Sie das Integral elementargeometrisch als die Integration
der orientierten Inhalte von infinitesimalen Dreiecken.
Natürlich kann man auch im allgemeinen das (n + 1)-dimensionale Volumen eines Kom-
1
paktums als Randintegral schreiben: Der Gaußsche Integralsatz mit F (x) := n+1 x liefert
eine solche Formel.

Bemerkungen. 1. Wir haben zwei klassische Integralsätze besprochen. Es gibt noch einen
dritten, den Satz von (Kelvin-)Stokes, der die Rotation enthält.
2. Sämtliche klassischen Integralsätze folgen aus der allgemeinen Version des Hauptsatzes
in mehreren Veränderlichen, der (allgemeinen) Stokesschen Formel
Z Z
ω= dω.
∂M M
Auch sie drückt das Integral einer Differentialform ω über den Rand einer Mannigfaltig-
keit M aus durch das Integral über ihre Ableitung dω auf ganz M . Differentialformen
sind fußpunktabhängige Kotangentialvektoren, und d ist ein Ableitungsoperator, der aus
einer Differentialform eine andere macht. Differentialformen kann man sich vorstellen als
Linearkombinationen von Oberflächenelementen.
Ende der Vorlesung
Index
p
L , 26 Homöomorphismus, 35
Lp , 24
µ-fast überall, 10 Immersion, 34
σ-Algebra, 5 inneres Maß, 9
Überdeckung, offene, 49 integral, 3
äußeres Maß, 9 Integral, iteriertes Riemann-, 1
integrierbar (in Mannigf.), 42
Abschluss, 2 integrierbar (Lebesgue-), 16
Ausschöpfung, 7
Karte, 37
Banach-Tarski-Paradox, 5 Kegel, 34
Banachraum, 27 Kompaktum mit glattem Rand, 38
Bigraphen, 49 Konvergenz, majorisierte, 21
Borel, Émile (1871–1956), 4, 8 Konvergenz, monotone, 19
Borel-Mengen, 7, 9, 10 Konvergenzsätze, 18

Carathéodory, 10 Lebesgue, Henri Léon (1875–1941), 4, 10, 11, 16,


charakteristische Funktion χ, 14 22, 49
Lebesgue-Integral, 16
Divergenz, 44
Lebesgue-Maß, 10
Doppelpunkt, 34, 52
Lebesguesche Zahl, 49
Levi, Beppo (1875–1961), 19
Einbettung, 35
limes superior, inferior, 13
einfache Kurve, 52
endl. Additivität, 7
Möbiusband, 34
erste Fundamentalform, 40
Majorante, 22
fast überall, 17, 26 majorisierte Konvergenz, Satz über, 22, 23, 29
Fatou, Lemma von, 21, 22, 27 Majorisierung, 20
Fatou, Pierre (1878–1929), 21 Mannigfaltigkeit, (Unter-), 33
Figur acht, 34 Maß, 6
Fischer, Ernst (1875–1954), 27 Maßraum, 6
Fubini, G. (1879–1943), 2, 30 Maß, 10
Funktionalanalysis, 24 messbar (in Mannigf.), 42
messbare Funktion, 11
Gaußscher Integralsatz, 46 messbare Menge, 5, 10
geschlossene Kurve, 52 messbarer Raum, 5
glatte Zerlegung der Eins, 50 metrischer Tensor, 40
Gramsche Determinante, 40 Minkowski-Ungleichung, 25
Graph, 35, 38, 41, 48 monotone Konvergenz, Satz über, 19–21, 27
Green, George (1793–1841), 46, 51 Monotonie, 7, 17

Höldersche Ungleichung, 25 Normalenfeld, 39


Halbnorm, 26 Normalenvektor, -raum, 37
Hilbertraum, 28 Normalverteilung, 7

54
ii 3.4 – Stand 28. August 2008 55

Nullmenge, 10, 17

Oberflächenmaß, 42, 44

parametrisch, 33, 36
Parametrisierung, 36
Partition der Eins, 49
Potenzmenge, 6

Quader, 1, 8

reguläre Kurve, 52
Reihen, 16
relativ offen, 35
Riemann-Integral, 1, 11, 15, 18, 22, 24
Riesz, Fischer, Satz von, 27
Riesz, Friedrich (1880–1956), 27

Sphären, 37
stetige Funktion mit kompaktem Träger, Cc (U ),
2, 50
Stokes, Sir George Gabriel (1819–1903), 53
Stufenfunktion, 14

Tangentialvektor, -raum, 37
Teleskopsumme, 27
Träger supp f , 2
Transformationsformel, 3, 31, 43

Untermannigfaltigkeit, 33

vollständig, 27
vollständiges Maß, 10
Volumen, n-dimensionales, 42

Wahrscheinlichkeitsmaß, 7

Zählmaß, 6
Zählmaß, 16
Zerlegung der Eins, 49

Das könnte Ihnen auch gefallen