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M15 Text5 R2P

Das Dokument behandelt das Konzept der Schutzverantwortung (R2P), das 2005 von der UN-Generalversammlung angenommen wurde, um die internationale Gemeinschaft zu ermächtigen, in Staaten einzugreifen, die ihre Bürger nicht vor schweren Verbrechen schützen. Es werden die Herausforderungen und Kontroversen rund um humanitäre Interventionen diskutiert, insbesondere im Kontext der NATO-Intervention in Libyen 2011 und der Skepsis gegenüber möglichen Missbräuchen von R2P. Philosophische Perspektiven, insbesondere von Jürgen Habermas und Reinold Schmücker, beleuchten die moralischen und rechtlichen Implikationen von Interventionen und die Balance zwischen Schutz und Souveränität.

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M15 Text5 R2P

Das Dokument behandelt das Konzept der Schutzverantwortung (R2P), das 2005 von der UN-Generalversammlung angenommen wurde, um die internationale Gemeinschaft zu ermächtigen, in Staaten einzugreifen, die ihre Bürger nicht vor schweren Verbrechen schützen. Es werden die Herausforderungen und Kontroversen rund um humanitäre Interventionen diskutiert, insbesondere im Kontext der NATO-Intervention in Libyen 2011 und der Skepsis gegenüber möglichen Missbräuchen von R2P. Philosophische Perspektiven, insbesondere von Jürgen Habermas und Reinold Schmücker, beleuchten die moralischen und rechtlichen Implikationen von Interventionen und die Balance zwischen Schutz und Souveränität.

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M 15

Text 5 – Die Schutzverantwortung (R2P) und die Debatte um humanitäre


Interventionen
Im Jahr 1994 kam es in Ruanda innerhalb von 100 Tagen zum Völkermord an etwa 800.000 Tutsi und
gemäßigten Hutu – während die Welt zusah. Die UN zog ihre Friedenstruppen ab, statt sie zu verstärken.
Diese Erfahrung – und ähnliche im ehemaligen Jugoslawien (Srebrenica 1995) – führte zu einem Umdenken
im Völkerrecht: Wenn ein Staat seine Bürger nicht schützt oder sie sogar selbst tötet, darf dann die
internationale Gemeinschaft eingreifen? 2005 nahm die UN-Generalversammlung das Konzept der
Schutzverantwortung (Responsibility to Protect, R2P) an. Doch seit 2011 ist die Anwendung umstritten –
auch weil viele befürchten, R2P werde als Vorwand für „Regime Change“ missbraucht. Der deutsche
Philosoph Jürgen Habermas hat sich mehrfach zu humanitären Interventionen geäußert.

Aufgaben
1. Erläutern Sie das Konzept der „Schutzverantwortung“ (Text 1) in eigenen Worten. Welche drei
Elemente umfasst sie?
2. Habermas (Text 2) hatte sich 1999 vorsichtig für den NATO-Einsatz im Kosovo ausgesprochen.
Untersuchen Sie seine Begründung. Welche Bedingungen müssen für eine humanitäre Intervention
erfüllt sein?
3. Der NATO-Einsatz in Libyen 2011 (Text 3) war zunächst durch ein UN-Mandat gedeckt – wurde dann
aber laut Russland und China für einen „Regime Change“ missbraucht. Welche Folgen hatte das für
R2P?
4. Diskutieren Sie das Dilemma: (a) Wenn Eingreifen erlaubt ist, kann es als Vorwand missbraucht
werden. (b) Wenn Eingreifen verboten ist, schauen wir bei Völkermord zu. Wie löst man dieses
Dilemma?
5. Wenden Sie das Konzept der Schutzverantwortung auf den Fall an, den Ihre Gruppe bearbeitet. Greift
R2P? Warum (nicht)?

Text 1: Was ist „Schutzverantwortung“?


Im Jahr 2001 veröffentlichte die „International Commission on Intervention and State Sovereignty“ (ICISS)
den Bericht „The Responsibility to Protect“. Dieser wurde 2005 von der UN-Generalversammlung als
Grundsatz angenommen. Die Schutzverantwortung umfasst drei Elemente:
Erstens: Jeder Staat hat die Verantwortung, seine Bevölkerung vor vier schweren Verbrechen zu schützen:
Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und ethnische Säuberung.
Zweitens: Die internationale Gemeinschaft hat die Pflicht, einzelne Staaten dabei zu unterstützen – durch
diplomatische, humanitäre und andere friedliche Mittel.
Drittens: Wenn ein Staat offensichtlich versagt, seine Bevölkerung vor diesen vier Verbrechen zu schützen –
oder wenn er selbst die Verbrechen begeht – ist die internationale Gemeinschaft bereit, „kollektive
Maßnahmen“ zu ergreifen, „in zeitgerechter und entschiedener Weise“. Dies kann auch militärische
Maßnahmen einschließen, aber nur durch den UN-Sicherheitsrat autorisiert.
Wichtig: R2P ist keine eigene Rechtsgrundlage für Krieg. Sie verändert nicht das Gewaltverbot der UN-
Charta. Sie kanalisiert vielmehr die Diskussion: Was darf und soll die internationale Gemeinschaft tun, wenn
ein Staat schlimmste Verbrechen an seiner eigenen Bevölkerung begeht? Schwellen sind hoch, Mittel sind
begrenzt, das Mandat des Sicherheitsrats ist zwingend.
Quelle: Eigene Zusammenfassung nach: ICISS-Bericht 2001, UN-Resolution 60/1 (2005), Abs. 138-139.

Deutsche Schule La Paz – Philosophie/Ethik 12 – Gerechter Krieg? – M 15


Text 2: Habermas zur Frage der humanitären Intervention
Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas (geb. 1929) hat sich mehrfach zu Fragen der humanitären
Intervention geäußert. Seine Position ist differenziert: Einerseits ist er ein entschiedener Verteidiger des
Völkerrechts und der UN-Charta. Andererseits sieht er die Notwendigkeit, beim völligen Versagen der
Staatengemeinschaft auch ohne UN-Mandat einzugreifen – allerdings nur als „Ausnahmefall“.
Zum NATO-Einsatz im Kosovo 1999 schrieb Habermas: Der Einsatz war völkerrechtlich problematisch, weil
das UN-Mandat fehlte. Aber die humanitäre Notlage – bevorstehende ethnische Säuberungen gegen die
kosovarische Albaner – machte ihn moralisch legitim. Habermas formulierte: Der Westen habe „die
völkerrechtlich problematische Aktion durch eine moralisch zu rechtfertigende Tat zu legitimieren
versucht.“ Er warnte aber: Das dürfe kein Präzedenzfall werden, der zur Routine wird.
Habermas formuliert vier Bedingungen für humanitäre Interventionen, die ohne UN-Mandat stattfinden:
1. Es muss sich um schwere, systematische Menschenrechtsverletzungen handeln (Völkermord, ethnische
Säuberung).
2. Alle friedlichen Mittel müssen ausgeschöpft sein.
3. Die Intervention muss tatsächlich helfen – sie darf die Lage nicht verschlimmern.
4. Die intervenierenden Staaten müssen sich öffentlich rechtfertigen und einer kritischen Weltöffentlichkeit
stellen.
Beim Irakkrieg 2003 widersprach Habermas vehement. Er sah die humanitäre Begründung als
nachgeschoben an und warnte vor einer „imperialen“ Tendenz der USA, das Völkerrecht durch eigene
Macht zu ersetzen.
Quelle: Sinngemäße Zusammenfassung nach: Habermas, Jürgen: „Bestialität und Humanität. Ein Krieg an der Grenze zwischen
Recht und Moral“. Die Zeit, 29.04.1999; sowie Habermas: „Der gespaltene Westen“, Suhrkamp 2004.

Text 3: Libyen 2011 – Der Lackmustest für R2P


Im Februar 2011 begann der „Arabische Frühling“ in Libyen. Diktator Muammar al-Gaddafi drohte
öffentlich, in Bengasi „Haus für Haus zu durchsuchen“ und „Ratten“ zu vernichten. Die UN-Sicherheitsrat
verabschiedete am 17. März 2011 die Resolution 1973 – mit ausdrücklichem Verweis auf die
Schutzverantwortung. Russland und China enthielten sich. Die Resolution erlaubte „alle notwendigen
Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung“ – außer einer Bodenoperation.
NATO-Staaten begannen Luftangriffe – zunächst zum Schutz von Bengasi. Im Verlauf der Operationen
wurden aber zunehmend auch Gaddafis Streitkräfte angegriffen, die nicht direkt Zivilisten bedrohten. Im
Oktober 2011 wurde Gaddafi getötet, sein Regime stürzte. Russland und China warfen dem Westen vor, die
humanitäre Begründung sei für einen „Regime Change“ missbraucht worden – einen Vorwurf, der bis heute
nachwirkt.
Die Folge: Bei den schweren Verbrechen in Syrien (ab 2011) blockierte Russland jeden
Sicherheitsratsbeschluss. Hunderttausende Tote, Millionen Flüchtlinge. R2P existierte „auf dem Papier“ –
aber die internationale Gemeinschaft handelte nicht. Manche Beobachter sprechen seither vom „Tod der
Schutzverantwortung“.
Die Debatte ist offen: War Libyen ein Erfolg von R2P (Bengasi wurde verschont) oder ein Misserfolg (Libyen
ist seither ein zerfallender Staat)? Wo liegt die Grenze zwischen Schutz und Regime Change? Und wie
bewahrt man R2P davor, ein Vorwand für Großmachtpolitik zu werden?
Quelle: Eigene Zusammenfassung nach: UN-Resolution 1973 (2011); Bellamy, Alex J.: Responsibility to Protect: A Defense. Oxford
2015; Glanville, Luke: Sovereignty and the Responsibility to Protect. Chicago 2014.

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Text 4: Eine kritische Stimme
Der Philosoph Reinold Schmücker (vgl. M 14) ist skeptisch gegenüber der Pflicht zur Intervention. Er fragt:
Wer entscheidet, wann die Schwelle der Schutzverantwortung erreicht ist? Wer trägt die Konsequenzen,
wenn die Intervention scheitert? Welche Mächte bekommen durch R2P faktisch einen Hebel, in fremde
Staaten einzugreifen?
Schmückers Antwort: Auch im 21. Jahrhundert bleibt die Souveränität ein wichtiger Schutz vor
Großmachtpolitik. R2P ist gut gemeint, aber gefährlich. Sie kann ein moralisches Mäntelchen für Eingriffe
sein, die in Wahrheit eigennützig sind. Der „universelle Kern der Moral“ ist nicht „Hilf allen, soweit du
kannst“ – sondern „Schädige niemanden“. Die negative Pflicht (nicht zu schaden) ist der positiven Pflicht
(zu helfen) übergeordnet.
Quelle: Sinngemäße Zusammenfassung nach Schmücker, Reinold: Gibt es einen gerechten Krieg? Reclam 2021.

Worterläuterungen
Schutzverantwortung (R2P) = responsibility to protect; Konzept der internationalen Verantwortung für den Schutz
von Zivilisten
Souveränität = Eigenständigkeit eines Staates, frei über seine Angelegenheiten zu entscheiden
ethnische Säuberung = gewaltsame Vertreibung einer Bevölkerungsgruppe aus einem Gebiet
Verbrechen gegen die Menschlichkeit = schwere systematische Verbrechen gegen eine Zivilbevölkerung
Regime Change = (meist von außen erzwungener) Sturz einer Regierung
UN-Sicherheitsrat = höchstes Organ der UN; kann Krieg autorisieren; Veto-Recht der fünf Ständigen Mitglieder
Veto = Einspruch eines Sicherheitsrat-Mitglieds, der eine Resolution blockiert
Mandat = offizielle Erlaubnis
Lackmustest = entscheidende Prüfung, an der sich der Wert einer Sache zeigt

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