Fus 230
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SITZUNGSBERICHTE
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Die Zusammenhänge zwischen Lebensstilen, sozialen Lagen und Siedlungsstrukturen in Stadtregionen
sind bisher kaum interdisziplinär untersucht worden. Die Mitglieder des Arbeitskreises verfolgten
daher das Ziel, einen Beitrag zum Abbau dieses Forschungsdefizits zu leisten. Auf empirischer wie
theoretischer Ebene untersuchten sie die Wechselwirkungen zwischen konkreten Räumen und
Phänomenen der sozialen Ungleichheit. Dabei interessierte vor allem, wie soziale Ungleichheit
bezogen auf sozioökonomische und soziokulturelle Strukturen entsteht und wie sie sich in Lebens-
stilen und sozialen Milieus niederschlägt und weiterentwickelt. Eine zentrale Frage war darauf
gerichtet, inwieweit sich soziale Ungleichheit in Stadtvierteln „spiegelt“ und inwiefern Stadträume
das Verhalten unterschiedlicher sozialer Gruppen prägen.
Darüber hinaus ging es darum, aus den Forschungsergebnissen Anhaltspunkte abzuleiten, wie die
Stadt- und Regionalplanung mit Konzentrationen „neuer“ und „alter“ sozialer Ungleichheit umgehen
sollte. Im Vordergrund stand die Frage, wie soziale Ungleichheiten und deren Verräumlichung zu
bewerten sind, welcher Handlungsbedarf sich daraus für die institutionellen Akteure ergibt und wie
sich planerische Interventionen auf Prozesse der sozialräumlichen Strukturierung auswirken. Lebensstile, soziale Lagen
Interdisciplinary studies into the relationships between life styles, social position and settlement
structures in urban regions have to date been sparse. In this light, members of the working group
und Siedlungsstrukturen
have set out to make a contribution to filling this gap in research. Working on both the empirical
and the theoretical levels, they examined the interactions between actual locations and phenomena
of social inequality. One central subject of interest was just how social inequality arises in respect Jens S. Dangschat, Alexander Hamedinger (Hrsg.)
of socio-economic and socio-cultural structures – and subsequently continues to develop – and
the way in which it is reproduced in life styles and social milieus. One key question concerned the
extent to which social inequality is “reflected” in urban neighbourhoods and to what extent urban
spaces shape the behaviour of different social groups.
A second concern is to make use of the research findings to derive possible strategies to help urban
and regional planning in dealing with concentrations of “new” and “old” social inequality. The
ISBN: 978-3-88838-059-4
[Link]
VIII
II
Dangschat, Jens S., Dr., Departement für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umwelt-
planung, Fachbereich Soziologie, Technische Universität Wien, Ordentliches Mitglied
der Akademie für Raumforschung und Landesplanung
Eder Sandtner, Susanne, Dr., Fachbereich Geographie, Humangeographie/Stadt- und
Regionalforschung, Universität Basel
Geiling, Heiko, Dr., Prof., Institut für Politische Wissenschaft, Leibniz Universität Hannover,
Korrespondierendes Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung
Hamedinger, Alexander, Dr., Departement für Raumentwicklung, Infrastruktur- und
Umweltplanung, Fachbereich Soziologie, Technische Universität Wien
Häußermann, Hartmut, Dr., Prof., Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt-Univer-
sität zu Berlin, Ordentliches Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landes-
planung
Holzinger, Elizabeth, Dr., Freiberufliche Autorin und Filmemacherin, ehem. Mitarbeiterin des
Österreichischen Instituts für Raumplanung, Wien
Kronauer, Martin, Dr., Prof., Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, Korrespondierendes
Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung
Läpple, Dieter, Dr., Prof., Institut für Stadt- und Regionalökonomie, HafenCity Univer-
sität Hamburg, Korrespondierendes Mitglied der Akademie für Raumforschung und
Landesplanung
Schneider-Sliwa, Rita, Dr., Fachbereich Geographie, Humangeographie/Stadt- und
Regionalforschung, Universität Basel
Spellerberg, Annette, Dr., Prof., Fachbereich Architektur, Raum- und Umweltplanung,
Bauingenieurwesen, Technische Universität Kaiserslautern, Korrespondierendes
Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung
Walter, Gerd, Dipl.-Ing., Institut für sozialökonomische Strukturanalysen e. V., Berlin
Die Mitglieder des Arbeitskreises haben die Beitragsentwürfe mehrfach mit den Autorinnen und
Autoren diskutiert (interne Qualitätskontrolle). Die vom Arbeitskreis verabschiedeten Beiträge
wurden darüber hinaus vor der Veröffentlichung durch einen Gutachter einer Evaluierung unter-
zogen (externe Qualitätskontrolle) und nach Berücksichtigung der Empfehlungen der externen
Begutachtung dem Sekretariat der ARL zur Drucklegung übergeben. Die wissenschaftliche
Verantwortung für die Beiträge liegt allein bei den Verfassern.
IV
Inhalt
VI
Vorwort
Seit einigen Jahren werden Forschungsarbeiten und Untersuchungen über die Verän-
derung von Siedlungsstrukturen, über den Wandel von sozialen Strukturen, über die
Verräumlichung sozialer Ungleichheit sowie über ein neues Planungsverständnis im
Zuge einer breiteren Verwaltungsmodernisierung (from government to governance)
durchgeführt. Diese verschiedenen Forschungsstränge wurden allerdings selten stärker
und konziser aufeinander bezogen. Dies war für die Akademie für Raumforschung
und Landesplanung (ARL) der zentrale Anlass, um einen Arbeitskreis mit dem Titel
„Lebensstile, soziale Lagen und Siedlungsstrukturen“ einzurichten. Der Arbeitskreis, an
dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und
Forschungszusammenhängen (Geografie, Stadtsoziologie, Ungleichheitssoziologie, Stadt-
und Regionalökonomie, Politikwissenschaft, Stadt- und Regionalplanung) aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz beteiligt waren, nahm seine Tätigkeit vor einigen Jahren auf.
Die Herausgeber dieses Bandes waren der Vorsitzende und der Geschäftsführer des
Arbeitskreises. Ihre Aufgabe bestand darin, die Workshops des Arbeitskreises inhaltlich
und organisatorisch vorzubereiten, die Diskussionen zu moderieren, die Protokolle zu
verfassen sowie die gesamte Arbeit zu koordinieren.
Drei Problemfelder wurden in den Mittelpunkt der Diskussionen im Arbeitskreis
gerückt:
1. die soziale Ungleichheit in Stadtregionen, insbesondere bezüglich der Wechselwirkung
sozioökonomischer (vertikaler) und soziokultureller (horizontaler) Strukturen sowie
deren kultureller Reproduktion in sozialen Milieus und in der individuellen Gestaltung
der Alltagswelten (Lebensstile) zu beschreiben, sowie
2. zu analysieren, inwieweit sich soziale Ungleichheiten in den Raum übertragen und sich als
Segregationsmuster in der Siedlungsweise unmittelbar abbilden. Hierbei war
insbesondere die Überlagerung von Merkmalen der sozialen Lage, der sozialen
Milieus und der Lebensstile interessant. Damit zusammenhängend ging es um die
Fragen, wie soziale Ungleichheiten und deren Verräumlichung bewertet werden,
welcher Handlungsbedarf sich daraus für die institutionellen Akteure ergibt und wie
sich planerische Interventionen auf Prozesse der sozialräumlichen Strukturierung
auswirken.
3. Dies führte unmittelbar zu den praktischen Fragestellungen, wie mit planerischen Mitteln
mit den bestehenden Konzentrationen sozialer Problematik umgegangen werden sollte
und welche institutionellen Rahmenbedingungen für die Förderung „kreativer Milieus“
geschaffen werden sollten. Insbesondere war hier die Frage nach Herausforderungen
einer neuen Planungskultur resp. der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren und deren
Verknüpfung mit aktuellen Formen der politischen Steuerung zu stellen.
In mehreren, zumeist zweitägigen Workshops wurden die zentralen Themen und
Fragestellungen des Arbeitskreises behandelt. In jedem Workshop gab es sowohl von
Mitgliedern des Arbeitskreises als auch von eingeladenen externen Expertinnen und Exper-
ten fachliche Inputs, die dazu dienten, die Diskussionen anzuregen und zu strukturieren.
VII
Einige der Inputs bildeten die Basis für die Beiträge in diesem Buch. Die durchaus kon-
trovers geführten Debatten, einerseits innerhalb der Runde der Wissenschaftler/innen
und andererseits mit den für manche Workshops eingeladenen „Praktikern“ aus der
Stadtplanung, führten zu anregenden und fruchtbaren Ergebnissen, die Niederschlag in
diesem Buch finden.
In den Workshops wurden folgende detailliertere Fragen auf theoretischer und empi-
rischer Ebene bearbeitet:
■ Wie stellen sich soziale Ungleichheiten in Stadtregionen dar?
■ Was wird unter dem Begriff „Raum“ in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen
verstanden und welche Auswirkungen haben diese auf das Raumverständnis der Stadt-
und Regionalplanung?
■ Für welche sozialen Gruppen und Arten von Nutzungen ist der Wohnstandort mit
seinen territorialen Qualitäten und deren räumlichen Konzentrationen bedeutsam?
■ Welche Rolle spielt die „lokale Ökonomie“ in der Entwicklung von sozial benachteiligten
Gebieten?
■ Ist Durchmischung eine geeignete Vorstellung sozialer Integration und sollte sie von
der Stadtteilplanung angestrebt werden?
■ Wie werden soziale Ungleichheiten und deren Verräumlichung bewertet und welcher
Handlungsbedarf ergibt sich daraus für die institutionellen Akteure?
■ Welche Steuerungsformen gibt es, um mit bestehenden Konzentrationen sozialer
Benachteiligung umzugehen?
■ Welchen Stellenwert hat ein kommunikatives und kooperatives Planungsverständnis
beim Umgang mit räumlichen Konzentrationen von sozialer Ungleichheit vor allem
bezüglich zivilgesellschaftlicher Entwicklungen?
Das vorliegende Buch ist das Endprodukt der Tätigkeit des Arbeitskreises und gibt einen
Überblick über die vielfältigen Diskussionen, die während seiner Laufzeit geführt wurden.
Wir, die Herausgeber, möchten an dieser Stelle allen unseren großen Dank aussprechen,
die an diesem Buch mitgewirkt haben. Vor allem bedanken wir uns bei den Autorinnen und
Autoren für ihre Beiträge, ihr großes Engagement und für ihre Geduld, insbesondere in der
Endphase der Fertigstellung. Darüber hinaus möchten wir Dr. Gerd Tönnies von der ARL
danken; ohne seine motivierende und immer wieder zusammenführende Tätigkeit wäre das
Buch in dieser Form wohl nicht zustande gekommen. Schließlich bedanken wir uns bei der
ARL für die Einrichtung und Finanzierung des Arbeitskreises und bei den Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern im Sekretariat für die Herausgabe des Veröffentlichungsbandes.
Wir hoffen, dass dieses Buch weitere Diskussionen und Forschungsbemühungen
zum Thema „Lebensstile, soziale Lagen und Siedlungsstrukturen“ auslöst. Dass hier
noch weiterer Forschungsbedarf besteht, wird in jedem einzelnen Buchbeitrag deutlich
gemacht.
VIII
Gliederung
1 Homogenisierung vs. Heterogenisierung
2 Soziale Ungleichheit und „Raum“ – Positionen der Stadt- und Regionalsoziologie
3 Globalisierung vs. Lokalisierung
4 Verräumlichung vs. Enträumlichung
5 Government vs. Governance
6 Gliederung des Bandes
Literatur
„Der Anlass der folgenden Überlegungen ist die Unlösbarkeit der Probleme der Stadt allein
von einem Planungsansatz her. Nur gemeinsames Nachdenken der Stadtplaner, Architekten,
der Behörden mit den Vertretern der Wissenschaften vom Menschen (den Soziologen
und Sozialpsychologen, Politologen, Entwicklungspsychologen) wird uns vor schlimmen
Irrtümern, vor der Fortsetzung unheilvoller Fehlplanung bewahren können. Diejenigen
unter uns, die beruflich menschliches Verhalten zu untersuchen haben, müssen sich um ein
gemeinsames Wissen über den Menschen bemühen“ (Mitscherlich 1974: 663).
Dieser Aussage aus der Schrift „Thesen zur Stadt der Zukunft“ ist aus heutiger Sicht
hinzuzufügen, dass auch Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft und der
Wirtschaft in diesen Prozess einzubeziehen wären, um vor allem einem zentralen und
brennenden Problem gegenwärtiger Stadtentwicklung begegnen zu können: der sozial-
räumlich (auf-)geteilten Stadt. Die Teilung von Großstädten in abgesicherte „Zitadellen
der Reichen“, „Ghettos der sozial Exkludierten“ (vgl. Marcuse, van Kempen 2002),
sich ausbreitende suburbane Gebiete einer zahlenmäßig abnehmenden Mittelklasse,
heterogene innenstadtnahe Wohngebiete, innerstädtische Konsumzonen, die als
Orte der Inszenierung von gehobeneren Lebensstilen dienen (vgl. Dangschat 1994),
sowie monofunktionale Großwohnsiedlungen an den Rändern ist Ausdruck moderner
Stadtgesellschaften. Die sozialräumlichen Strukturen von Großstädten sind in ständigem
Wandel begriffen, wobei sich „alte“ und „neue“ soziale Gruppen darin unterschiedliche
Orte aneignen oder diesen zugewiesen werden und gleichzeitig die Orte und deren
Wahrnehmungen prägen resp. die räumlichen Verhaltensweisen beeinflussen. Dabei ist
die Verhinderung von und der Umgang mit der Konzentration ökonomischer Struktur-
schwäche, sozialer Ungleichheit und städtebaulicher Problematik im Raum ein zentrales
Thema der Stadt- und Regionalplanung, das gemeinsamen Nachdenkens und gemein-
samer Lösungsfindung bedarf, während die Lebensstilisierung an Orten demgegenüber
1
Eine Ausnahme bilden dabei die lokalen Netze der „lernenden Regionen“, der neuen Produktions-
und Dienstleistungscluster, die „Orte der Kreativen“, wobei im Sinne des Förderns der sog. „creative
industries“ vor allem an die Zusammenarbeit von kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) mit
naturwissenschaftlichen und technischen Forschungseinheiten gedacht wird (vgl. Camagni 1991, 2003;
Ratti, Bramanti, Gordon 1997).
Unterschieden verwendet werden sollten (vgl. Geißler 1996; Müller 1997; Dangschat
1998a). Im Mittelpunkt steht die Betonung von fortbestehenden sozialen Strukturierungen,
die in der Weiterführung der Geigerschen Schichtungstheorie, in der Einbindung von
Milieus in bestehende Klassenstrukturen oder in einer regulationstheoretischen Weiterent-
wicklung einer Theorie der Klassenstrukturierung gesehen werden (vgl. Vester et al. 1993,
2001; Vester 1994, 1998; Diettrich 1999; Kohlmorgen 2004). Vertreterinnen und Vertreter
des Strukturierungslagers kritisieren Ansätze, „die von einer durch den Wohlstandsschub
der Nachkriegsjahrzehnte ausgelösten ‚Entkoppelung‘ zwischen ‚objektiven‘ Ungleich-
heiten bzw. Lebenslagen einerseits, den ‚subjektiven‘ Verarbeitungsweisen, Werthaltungen
und Einstellungen, den kulturellen, lebensstilbezogenen Distinktions- und Abgrenzungs-
kämpfen andererseits, ausgehen“ (vgl. Berger 2000).
Eine Argumentation für die wiedererstarkte Bedeutung klassenspezifischer Frakti-
onierungen wird mit Hilfe des Zusammenziehens stadtsoziologischer Positionen, der
Ergebnisse der Armutsforschung in Städten und der Regulationstheorie geleistet (vgl.
Dangschat 1999). Gerade aufgrund der oftmals ausgrenzenden Wirkung von Armut
wurde die Debatte in Frankreich und Großbritannien auf den Begriff „soziale Ausgrenzung“
resp. der (fehlenden) sozialen Integration verlagert. Der Begriff „soziale Ausgrenzung“
wird dabei einerseits auf marginale bis ausschließende Positionen am Arbeitsmarkt und
andererseits auf das Phänomen gesellschaftlicher Isolation bezogen, das auf den Ausschluss
von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten verweist (etwa auch die Auflösung resp. den
Abbruch sozialer Bindungen). Ausgrenzung oder Exklusion meint nicht ein Entweder-oder,
nicht ein ausschließliches Drinnen- oder Draußen-Sein in verschiedenen gesellschaftlichen
Dimensionen, sondern ein soziales Spannungsverhältnis mit jeweiligen Kombinationen
von Drinnen und Draußen. Dieses Verhältnis bezieht sich auf die ökonomische Ebene
(Arbeitsmarkt), auf die staatliche Ebene (Sozialstaat und politische Rechte), auf die kulturelle
Ebene (Werte und Orientierungen, Erwartungen der „Dazugehörigen“ etc.) und auf die
Ebene der sozialen Kontakte (Rückzug, Vereinzelung) (vgl. Kronauer 1999, 2002; siehe
auch seinen Beitrag in diesem Band; vgl. Bremer 2000: 34). Ausgrenzung wird in dieser
Sichtweise als Prozess betrachtet, der sich in Form von Veränderungen zwischen den
angesprochenen Dimensionen darstellen lässt. Fragen der vertikalen sozialen Ungleich-
heit („oben“ und „unten“) rücken in diesem Zusammenhang in den Hintergrund, obwohl
gleichzeitig gefragt wird, „ob man von einer Rückkehr der Klassengesellschaft sprechen
müsse, weil ein Teil der Bevölkerung von den Standards entwickelter Industriegesellschaften
ausgeschlossen bleibt“ (Bremer 2000: 14).
Aus dem Heterogenisierungslager wird dagegen seit Beginn der 1980er-Jahre die
Debatte über die soziale Ungleichheit durch Positionen bestimmt, die auf die Bedeutung
„neuer“ sozialer Ungleichheiten hinweisen, die „jenseits von Klasse und Stand“ (Beck
1983) „querverteilt“ zu den traditionellen vertikalen Mustern sozialer Ungleichheit
(beschrieben über die Begriffe Klasse und Schicht) liegen. Am Strukturierungslager wird
primär kritisiert, dass der Fokus der sozialstrukturellen Analysen auf die Erwerbstätigkeit
ausgerichtet ist, aus der allerdings eine zunehmende Zahl von Menschen herausfällt und
die daher für Sozialintegrationsleistungen an Bedeutung verliert. Darüber hinaus wird
eine Zunahme von individuellen Wahlmöglichkeiten in postindustriellen Gesellschaften
konstatiert, die den Prozess der Individualisierung und Pluralisierung von Lebensweisen
vorantreiben. Es wird behauptet, dass sich Schichtungs- und Klassenstrukturen zunehmend
verflüssigen und damit Schicht- und Klassenmodelle in ihrer Erklärungskraft für Einstellungs- und
Verhaltensformen an Bedeutung verlieren. Weiterhin wird das Aufkommen neuer Dimensi-
onen, neuer Ursachen und neuer Determinanten sozialer Ungleichheit betont (vgl. Hradil
1987: 29–48; Hradil 1992).
Die Vielfalt vertikaler und horizontaler Strukturen wurde von Hradil (1987) in ein Konzept
sozialer Lagen integriert. Unter sozialer Lage versteht er die gruppentypische Ausstattung
mit „harten“, kurzfristig nicht zu verändernden, also „objektiven“ Voraussetzungen des
Handelns, mit denen die Handlungsbedingungen von Menschen (als Spielraum der Mög-
lichkeiten und der Begrenzungen) determiniert sind. Um auch die kollektiven Ausdeutungen
dieser Handlungsbedingungen berücksichtigen zu können, hat Hradil den Milieubegriff
eingeführt, womit die Verschränkung und gegenseitige Beeinflussung objektiver sozialer
Lagen mit Syndromen subjektiver Faktoren gemeint ist. Hiermit ist die Wahrnehmung, Inter-
pretation, Nutzung und Gestaltung beispielsweise auch von Stadtquartieren gemeint, die
zur Gruppenbildung entlang der Wertemuster dienen. Die Strukturierung entlang sozialer
Milieus wird durch den Lebensstilbegriff ergänzt, den empirisch nachweisbaren Komplex
von Verhaltensregelmäßigkeiten (zur Darstellung der stadtsoziologischen Relevanz von
Lebensstilansätzen vgl. Dangschat und Blasius 1994; zum Verhältnis von Lebensstilen und
Wohnen siehe den Beitrag von Annette Spellerberg in diesem Band).
Die Konzepte der sozialen Lage, des Milieus und der Lebensstile sind also im Rahmen
einer Handlungstheorie aufeinander zu beziehende Dimensionen, deren statistischer
Zusammenhang jedoch offen ist, denn die Frage des Ausmaßes der (Un-)Abhängigkeit
der Ebenen (soziale Lage, soziales Milieu und Lebensstil) bestimmt in sehr starkem Maße
die Ungleichheitsdebatte in Deutschland. Dabei wird weit über Beck hinausgegangen,
der im Zuge seiner „disembedding“-Thesen von der Freisetzung der Bindungen an
traditionelle Institutionen wie Familie, Kirche, Gewerkschaften, Schicht und Nachbarschaft
spricht. Dieses Loslösen resp. Freisetzen führt zu neuen Vergesellschaftungsformen, die
vor allem aus der Fähigkeit der Menschen entstehen, reflexiv auf ihre Umwelt eingehen zu
können und/oder der Notwendigkeit, dieses tun zu müssen. Die weiter reichenden Thesen
gehen von einem Lebensstil-Patchwork aus, das situativ zusammengesetzt werden muss.
Tiefenstrukturen sozialer Ungleichheit verblassen demgegenüber vor dem Hintergrund
einer reflexiven Alltagskompetenz (vgl. Hitzler 1994; Michailow 1994). Schulze (1992)
geht in seiner Darstellung der Erlebnisgesellschaft als Konstante von alters- und bildungs-
spezifischen Dispositionen aus; alle weiteren Merkmale sozialer Ungleichheit gehen vor
dem Hintergrund hoher Mobilität und der breiten Wirksamkeit einer allgemeinen Wohl-
standsentwicklung („Fahrstuhleffekt“) verloren.
Hradil (1999: 96–142) stellt die Entwicklung sozialer Ungleichheit als eine Geschichte
des Ablaufs von Paradigmen dar (Kasten, Stände, Klassen, Schichten), wobei heute eine
Reihe unterschiedlicher Ansätze miteinander konkurriert:
■ ökonomische Theorien (neo-marxistische, regulationstheoretische, marktwirtschaftliche,
Arbeitsmarkttheorien)
■ politische Theorien (rational-choice-Theorien kollektiven Handelns, neo-korporatistische,
kräftefeldtheoretische Theorien)
■ kultursoziologische Theorien (Struktur-Habitus-Praxis, Individualisierungsthese,
Milieutheorien)
5
Wir wollen uns an dieser Stelle nicht für eine der beiden Positionen von Homo-
genisierung resp. Heterogenisierung entscheiden, sondern der These folgen, dass sich die in
historischer Abfolge herausgebildeten Strukturen und „driving forces“ sozialer Ungleichheit
auch in der Gegenwartsgesellschaft noch immer überlagern, auch wenn sie in unterschied-
lichem Maße an Wirksamkeit und Dominanz eingebüßt haben. Die Positionen mit Bezug
auf Stand, Klasse und Schicht haben also heute lediglich eine gegenüber der damals als
einzig, zumindest als dominant dargestellten Position eine relativ geringere Bedeutung. Wir
gehen davon aus, dass die soziale Ungleichheit in einer modernen Gesellschaft zu einem
Zeitpunkt unterschiedliche Formen annimmt, die gleichzeitig nebeneinander bestehen
(und in Teil-Gesellschaften dominant sind), wobei die Wechselwirkungen der Ungleichheits-
modi untereinander noch völlig ungeklärt sind. So besteht, beispielsweise von bestimmten
modernen Milieus ausgehend, eine hohe normative Wirkung auf die Identitätsbildung von
(ursprünglich) klassen- oder schichtungsspezifisch geformten Gruppen. Aber auch die
Konstruktionen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über beispielsweise „neue
soziale Ungleichheiten“ haben ihre Wirkungen auf die Konstruktionen der sozialen Lage
der einzelnen sozialen Gruppen.
Das heißt, dass hier die These vertreten wird, dass sich gegenwärtig folgende Modelle
überlagern:
■ das Ständemodell – noch immer werden Ungleichheiten nach Geburt erzeugt (als Frau,
als Mitglied einer Nation/Ethnie resp. einer Rasse etc.)
■ das Klassenmodell – vor dem Hintergrund struktureller Arbeitslosigkeit nimmt die
Abhängigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von den Kapitaleignerinnen
und Kapitaleignern zu (man denke nur an die Orientierung am shareholder value
gegenüber der an der Zahl der Beschäftigten); das Klassenmodell ist in seiner grund-
sätzlich antagonistischen Struktur latent und wird in Zeiten geringerer Solidarität stärker
wirksam
■ das Schichtungsmodell – noch immer ist die Ausdifferenzierung der Berufe und deren
Belohnungssystem durch Gehaltshöhen für die Abstufung der mittleren Kategorien
bedeutsam; da sich zudem das soziale Sicherungssystem an der Logik des Arbeitsmarktes
orientiert, „verlängert“ sich das System der Erwerbsarbeit bis in die Altersversorgung,
die soziale Absicherung der Arbeitslosigkeit und die Versorgung im Krankheitsfalle
■ das Milieumodell – es dient vor allem der Ausdifferenzierung bestimmter Bildungs- und
Berufsgruppen (insbesondere im Bereich der Dienstleistungen) resp. der Kohorten der
Jugendlichen und Jungerwachsenen vor dem Hintergrund hoher Bildung, hoher und
relativ gesicherter Einkommen
■ das Lebensstilmodell – dieses betont den Konsum- und Freizeitaspekt im Rahmen der
sich öffnenden Entwicklungsmöglichkeiten in Teilen der Gesellschaft (hier sollte – Bour-
dieu folgend – verstärkt die Funktion der Reproduktion sozialer Ungleichheit betrachtet
werden und weniger eine meist von sozialen Strukturen entkoppelte Typologie von
Verhaltensweisen)
Im Folgenden wird also eine integrierende Position zwischen den beiden Lagern
vertreten – a) die Gesellschaft spaltet sich vor dem Hintergrund globalisierter Arbeitsmärkte
wieder in Klassen auf vs. b) die Menschen nutzen ihre mobile Freiheit dazu, ihre soziale
Zugehörigkeit ständig neu zu definieren.
sieren auf die Berechnung von Segregationsindizes und von „tipping points“ (vgl. Fried-
richs 1983: 260–265; Kecskes, Knäbel 1988). Dabei werden die Ergebnisse individueller
Standortentscheidungen auf einer sog. Makro-Ebene aggregiert. Demgegenüber verweisen
Stadtforscherinnen und Stadtforscher aus neo-marxistischen und neo-weberianischen
Schulen entsprechend eines Klassenansatzes vor allem auf Prozesse der „Teilung“ oder
der „Spaltung“ der Stadt, die im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Phänomenen auf
der Makro-Ebene (beispielsweise Globalisierung) thematisiert werden (vgl. Blanke, Evers,
Wollmann 1986; Häußermann, Siebel 1987; Marcuse 1989; Dangschat 1995).
In Anlehnung an Modelle der Entwicklung von Pflanzen- und Tiergesellschaften treten
Individuen und soziale Gruppe in einen Wettbewerb um die Aneignung von knappen
Ressourcen (wie attraktiven Standorten), welcher primär über Geld und den Markt
reguliert wird. Vonseiten der sozialökologischen Schule wird argumentiert, dass die
Wohnbevölkerung nach den einzelnen Merkmalen der sozialen Ungleichheit (beispiels-
weise Einkommens- und Vermögenslagen, ethnischer Status, Familienstatus) unter-
schiedliche Muster der räumlichen Konzentration herausbildet. Daraus ergibt sich ein in
unterschiedliche Gebiete mit einer spezifischen Nutzung und einer homogenen sozialen
Struktur gegliederter Stadtraum (‚natural areas‘). „Segregierte Wohnviertel und Zonen mit
dominanter Nutzung stellen aus dieser Sicht keine Fehlentwicklung dar, sondern sind als
Konsequenzen eines ‚natürlichen‘ Ausleseprozesses zu akzeptieren“ (Fassmann 2002:
16) (zur Analyse von Segregationsmustern nach sozialen Milieus siehe den Beitrag von
Rita Schneider-Sliwa und Susanne Eder in diesem Band). In der Argumentation von Park
(1950) ist residenzielle Segregation im Rahmen seines Modells des „race-relations cycle“
letztlich eine notwendige und nützliche Übergangsstufe für Migrantinnen und Migranten.
Spezifische Stadtquartiere bilden für die Migrantinnen und Migranten Auffangstationen,
in denen sie sich an die neuen Lebensbedingungen und an die für sie fremde Kultur und
Sprache gewöhnen können. Der Prozess der Anpassung bildet eine Voraussetzung, um
über die Integration in den Arbeitsmarkt sozial aufsteigen zu können.
Aus einer steuerungspolitischen Perspektive stellt sich in diesem Zusammenhang
die Frage, wie mit segregierten Wohnvierteln umgegangen werden kann und ob nicht
eine bessere „soziale Durchmischung“ in den Stadtvierteln anzustreben wäre. Die Argu-
mente für eine „ausgewogene Bevölkerungsmischung“ gehen von der Gültigkeit der sog.
„Kontakthypothese“ aus, wobei das Kennenlernen fremder kultureller Muster, Einstellungen
und Verhaltensweisen als Bereicherung angesehen wird. Sozialpsychologische Unter-
suchungen sind jedoch zu dem Ergebnis gekommen, dass die Wirksamkeit des „Lernens
von fremden Kulturen“ insbesondere dann gut funktioniert, wenn der „soziale Abstand“
zwischen den Gruppen als gering resp. der Unterschied nicht als bedrohlich empfunden
wird. Schließlich profitieren insbesondere höhere Bildungsgruppen von dem Kontakt,
was es ihnen erleichtert, sich hier toleranter zu verhalten (vgl. Dangschat 1998b: 37–44).
Dieses wird daraus verständlich, dass jene Gruppen nur selten mit den Zuwanderern um
materielle oder ideelle Güter streiten (Wohnraum, Arbeitsplatz). Da sie in der Regel in
anderen Stadtteilen als die Zuwanderer leben, sind sie von der „täglichen Integrations-
arbeit“ entlastet – stattdessen werden von ihnen die normativen Vorgaben der „political
correcten“ multikulturellen Gesellschaft an die weniger gebildeten und statusniedrigeren
Autochthonen formuliert (vgl. Dangschat 2000).
An der sozialökologischen Schule wird vor allem kritisiert, dass die Rolle des politisch-
administrativen Systems und damit der Stadtplanung, die Rolle von Akteuren mit ihren
unterschiedlichen und teilweise widersprechenden Interessen sowie die Einbettung
in makroökonomische Zusammenhänge in der Erklärung von Segregationsprozessen
vernachlässigt werden (vgl. Dangschat 2002).
Von Vertreterinnen und Vertretern der These der „Spaltung der Stadt“ wird in der
stadtsoziologischen Literatur auf die Bedeutung von strukturellen ökonomischen
Veränderungen für das verstärkte Auseinanderdriften zwischen „Reichen“ und „Armen“
verwiesen. Diese Prozesse schlagen sich in der Stadtstruktur nieder. Die These von der
Verräumlichung sozialer Ungleichheit findet sich in den Thesen zur Zwei- und Dreiteilung
(Mollenkopf, Castells 1991; Häußermann, Siebel 1987) resp. von der Viertelbildung der
Stadt (vgl. Marcuse 1989, 1993; Harth, Scheller, Tessin 2000):
„Unsere Städte erleben eine doppelte Spaltung: einmal zerbricht das bislang einheitliche
Muster städtischer Entwicklung in zwei einander entgegengesetzte Typen. Einigen wenigen
Städten, die noch das gewohnte Bild von wachsendem Wohlstand, neuen Arbeitsplätzen
und spektakulären Neubauten bieten, stehen stagnierende oder gar schrumpfende Städte
gegenüber. Zum anderen vollzieht sich innerhalb jeder einzelnen Stadt eine Spaltung,
nicht ganz so sichtbar noch, aber doch nicht weniger tiefgreifend: die Spaltung zwischen
jenen mit sicheren Arbeitsplätzen mit gesicherter Lebensperspektive und den an den Rand
Gedrängten, den Ausländern, den Armen, den dauerhaft Arbeitslosen“ (Häußermann,
Siebel 1987: 8). Die These der sozial-räumlichen Polarisierung nach reich und arm wird auch
in aktuellen Arbeiten von Häußermann und Kapphan weitergeführt, wo es in Bezug auf
die sozial-räumliche Entwicklung von Berlin heißt: „Im Zuge dieser Entwicklungen nimmt
die soziale Segregation zu. (...) Wo bereits zuvor arme Haushalte hohe Anteile bildeten,
hat sich dieser Anteil weiter erhöht; und wo reichere Bewohner dominierten, sind nun
noch weniger Bewohner zu finden, die nicht diesen Einkommensgruppen angehören. Die
sozialräumliche Struktur hat sich polarisiert“ (Häußermann, Kapphan 2000: 239).
Die stadtplanerische Frage, ob es notwendig und gut ist, etwas gegen Segregationspro-
zesse zu unternehmen, bleibt auch in dieser Debatte ungeklärt. Dabei stellt sich für die
sozialwissenschaftliche Forschung die Aufgabe, zu klären, für welche Gruppe welches
Ausmaß, welche Form und welche Dauer residenzieller Segregation förderlich oder
hinderlich ist (vgl. Dangschat 2002). Eine Aufgabe des Arbeitskreises war es, zumindest
erste Schritte einer differenzierteren Betrachtung vorzunehmen. Insbesondere vor dem
Hintergrund sehr unterschiedlicher sozialer Strukturen, aber auch unterschiedlicher poli-
tisch-kultureller Muster sollten die Effekte der lokalen Kultur, der möglicherweise einschrän-
kenden Handlungsbedingungen durch defizitäre Wohn- und Wohnumfeldbedingungen,
des Images der Quartiere und der spezifischen Regulationsbedingungen, die gerade durch
Stadtteilplanung und Stadtteilmanagement hergestellt werden, näher analysiert werden.
geführt, dass es keine klare Definition dieses Begriffs (auch nicht im ökonomischen Bereich)
gibt. In der Globalisierungsdebatte wird vor allem auf Begriffe wie „Entbettung“ und
„Entgrenzung“ gesetzt (vgl. Läpple 2000), um Veränderungen von Raum- und Zeitstruk-
turen, Veränderungen von Interaktionsprozessen sowie Veränderungen von Institutionen
und Organisationen mit bestimmten territorialen Logiken zu beschreiben. „Globalisierung
meint das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns in den verschiedenen
Dimensionen der Wirtschaft, der Information, der Ökologie, der Technik, der transkultu-
rellen Konflikte und Zivilgesellschaft“ (Beck 1998: 44).
Während damit vor allem die These der „Entbettung“ und der „Enträumlichung“ sozialer
Beziehungen unterstützt wird, die darauf abzielt, die Folgen von Globalisierungsprozessen
für die alltägliche Raumerfahrung zu bestimmen (vgl. Giddens 1995), verweist der Begriff
der „Entgrenzung“ auf die langsame Erosion der Steuerungskraft des Nationalstaates
angesichts einer sich deterritorialisierenden Ökonomie. Die sicherlich umstrittene These
des „hollowing-out“ (vgl. Jessop 1994) des Nationalstaates findet sich in dieser Entgren-
zungs-Rhetorik ebenso wie die ideologisch konnotierte Vorstellung eines „Sachzwanges
Globalisierung“. Vor allem zur Durchführung von neoliberalen wirtschaftspolitischen
Projekten (wie z. B. Abbau von Handelsschranken) findet der Begriff „Globalisierung“
eine strategische Verwendung: „Globalisierung ist kein Sachzwang, sondern beruht auf
wirtschaftspolitischen Entscheidungen der ökonomisch mächtigsten Nationen“ (Häußer-
mann 2000a: 80). Hinzuzufügen ist, dass die treibenden Kräfte vor allem von den ökono-
misch und kulturell bedeutenden Städten ausgehen, genauer: von deren Stakeholdern in
den Bereichen Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Von ökonomischer Seite wird weiter-
hin hinzugefügt, dass „global players“ oder transnational agierende Großunternehmen
zentrale Akteure in der Restrukturierung von Räumen sind (vgl. Heeg 2001), welche die
Steuerungskraft von Nationalstaaten infrage stellen. In dieser Diskussion geht es vor allem
um die Analyse der Koordination von transnationalen Produktionsketten. Globalisierung
verweist auf Prozesse der Intensivierung und Beschleunigung von weltumspannender
wirtschaftsbezogener Kommunikation und Interaktion (vgl. Reimann 2002), die durch
technische Errungenschaften in Transport- und Kommunikationstechnologien erst möglich
gemacht wurden.
Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass primär Städte als Knotenpunkte in der
Organisation von globalen Kapitalflüssen an Bedeutung gewinnen, die sogenannten
„global cities“ (vgl. Sassen 1996), und dass Prozesse der Globalisierung eine Vertie-
fung der Spaltung der Gesellschaft mit sich bringen. „To put it in a nutshell: rather than
homogenizing the human condition, the technological annulment of temporal/spatial
distances tends to polarize it. It emancipates certain humans from territorial constraints
and renders certain community-generating meanings exterritorial – while denuding the
territory, to which other people go on being confined, of its meaning and its identity-
endowing capacity” (Bauman 1998: 18). Diese Vertiefung sozialer Spaltung zeigt sich in
der sozialräumlichen Struktur städtischer Gesellschaften am deutlichsten. Dies spiegelt
sich auch in den Konzepten zur Global City oder zur „World City“ (Friedmann 2000)
wider, in welchen davon ausgegangen wird, dass Global Cities durch eine Polarisierung
der Einkommensverteilung und durch eine Spaltung von Arbeitsmärkten gekennzeichnet
sind. In einer globalisierten Ökonomie entwickelt sich demnach ein Netz von Städten,
in denen die räumlich verstreuten wirtschaftlichen Aktivitäten (z. B. Finanztransaktionen,
10
11
im sozialen Verhalten von Individuen und sozialen Gruppen spielen. In der Argumentation,
wonach sich soziales Geschehen zunehmend von räumlichen Bezügen „emanzipiert“ und
Menschen sich aus räumlichen Bindungen herauslösen, wird das Bild der „Enträumlichung“
verwendet. Weiterhin wird unterstellt, dass sich räumliche und soziale Mobilität erhöhen,
dass sich Handlungsräume von Menschen erweitern und dass sich früher feststellbare
Identifikationen mit bestimmten Orten (beispielsweise mit Stadtvierteln) und damit mit
spezifischen Milieus verflüchtigen. Die Frage ist, ob und welche Rolle aufkommende
„Wahlmilieus“ bei der Verringerung der räumlichen Gebundenheit sozialer Gruppen
spielen (vgl. Herlyn 1998) (zu Aspekten der sozialräumlichen Milieu-analyse siehe auch
den Beitrag von Heiko Geiling in diesem Band).
In der Ungleichheitsforschung wird in der Regel die territoriale Verortung von Men-
schen (Wohnort, Aktionsräume) wenig beachtet. Dieses Defizit besteht, obwohl sich
Wohnungsausstattungsqualitäten und die Lage der Wohnung (Erreichbarkeit von Infrastruk-
tur, Naherholung, Ausmaß der Selbstbestimmung über Territorien etc.) auf die Nutzung
des Raumes auswirken und zudem mit sozialen Kontakten (Schulen, Peers, Nachbarschaft)
verbunden sind, die ebenfalls einen Ortsbezug haben, d. h. dass somit im Rahmen von
ortsgebundenen Sozialisationsprozessen die Übernahme von bestimmten Wertemustern
und Verhaltensweisen eher nahegelegt wird.
Raumerfahrung und Raumhandeln werden im Sozialisationsprozess geprägt, welcher
durch Muster sozialer Ungleichheit und durch spezifische, häufig an den Ort gebundene
kulturelle Regeln bestimmt wird. Vor allem die Personen, die sozial benachteiligt sind und
die in Stadtteilen leben, welche ökonomische Benachteiligungen oder baulich-räumliche
Mängel aufweisen, sind auf das Quartier als „Erfahrungsraum“ (vgl. Häußermann 2000b)
angewiesen. Wie genau sich soziale Ungleichheit auf unterschiedliche Raumqualitäten
und deren selektive Nutzung auswirken, ist bislang jedoch noch weitgehend unklar.
Orte und Territorien werden also verschieden wahrgenommen, und es wird daher mit
Orten auch unterschiedlich umgegangen. Entgegen der allgemeinen Enträumlichungsthese
(vgl. beispielsweise Schulze 1992) wäre demnach von einer zunehmenden „Verräum-
lichung“ sozialer Ungleichheit zu sprechen. Soziale Differenzierung und Hierarchisierung
spiegeln sich im Raum und im territorialen Verhalten wider (vgl. Dangschat 1996). Der
physische Raum ist dabei zugleich Ressource und Constraint für das Handeln des Indi-
viduums, das sich mit anderen in Konkurrenz um die Besetzung und Verteidigung des
Territoriums befindet.
Es ist daher für die Akteure und Institutionen der Raumentwicklung bedeutsam, wie
der Raum gestaltet ist (differenzierende oder hierarchisierende Grenzen, Barrieren etc.),
denn diese Gestaltung hat Einfluss auf die Wahrnehmung des Raumes und das soziale
Verhalten sowie auf die Herstellung von Identitäten (vgl. Keim 2000). Ebenso bedeutsam
ist es, wie Territorien von sozioökonomisch und soziokulturell unterschiedlichen Gruppen
angeeignet und zur Identitätsstiftung herangezogen (Reproduktion sozialer Ungleichheit)
und als Medium der Sozialintegration genutzt werden. Vor Ort vermischen sich also
Prozesse und Strukturen des Makro-Raumes mit denen des Mikro-Raumes (vgl. Matthiesen
1998) (zu Thesen der Verräumlichung und Enträumlichen siehe die Beiträge von Holzinger
und Läpple, Walter in diesem Band).
12
Die Formen der Raumwahrnehmung, -bewertung und -nutzung werden durch verän-
derte Zeitstrukturen einerseits überlagert, andererseits aber auch bestimmt (vgl. Henckel,
Eberling 2002). Prozesse der Beschleunigung wirken sich auf Standort- und Gebäude-
nutzungszyklen ebenso aus wie auf die Zunahme von Flächenbedarf sowie auf die Arbeits-
und Lebenswelt. „Die zeitliche Ausdehnung geht mit der räumlichen Ausdehnung Hand
in Hand, Zeitersparnisse durch Beschleunigung werden zu einem großen Teil in mehr
Fahrten und größere zurückgelegte Entfernungen umgesetzt – der vergrößerte poten-
zielle Aktionsraum wird tatsächlich genutzt“ (Henckel, Eberling 2002: 21). Während bei
Henkel und Eberling (2002) noch vom „Mensch an sich“ resp. vom allgemeinen sozialen
Wandel die Rede ist, stellt sich im Kontext der veränderten Formen sozialer Ungleichheit
die Frage nach der sozialen Selektivität dieser neuen Zeitmuster. Sie werden einerseits
durch Merkmale sozialer Ungleichheit in unterschiedlicher Weise gebildet und wirken
sich andererseits möglicherweise ungleichheitsverstärkend aus.
13
ein Raumverständnis, bei dem der Raum als gesellschaftliches Resultat betrachtet wird.
Von vielen Akteuren und Institutionen der Raumentwicklung wird allerdings Raum
immer noch als „Behälter-Raum“ verstanden (zu dieser Diskussion siehe die Beiträge
von Holzinger, Dangschat sowie Läpple und Walter in diesem Band), der in seinen
politisch-administrativen Grenzen eindeutig angegeben werden kann. Klare Grenzen
hatten und haben die Funktion, Sicherheit, Zuverlässigkeit und Steuerbarkeit zu garantie-
ren. Die Dynamik der Raum- und der gesellschaftlichen Entwicklungen tragen allerdings
zu einer langsamen „Perforierung“ dieser Grenzen bei.
Wenn es weiterhin richtig ist, dass die Regulationsmöglichkeiten und -fähigkeiten der
Nationalstaaten zusehends infrage gestellt werden, dann kommen Großstädte und vor
allem Stadtregionen als neue Ebenen der Regulation unterschiedlicher politischer Felder
in den Blickpunkt des Interesses. Auf dieser Ebene werden gegenwärtig Modelle für die
Neugestaltung des Verhältnisses von Staat, Markt und Zivilgesellschaft entwickelt. Um
die mit raschem Tempo auf die Städte zukommenden Herausforderungen und Probleme
lösen zu können, bedarf es daher neuer Positionierungen, welche die Steuerungsfähigkeit
der lokalen politisch-administrativen Systeme stärken. Diese müssen – gemeinsam mit
Akteuren aus dem privaten, zivilgesellschaftlichen und (neo)korporatistischen Bereich
– neue, sozial ausgewogene Entscheidungsmodelle erstellen, um den Herausforderungen
gerecht werden zu können. Es bedarf zunehmend differenzierter Kommunikationsformen
seitens aller Akteure (auch der Raumentwicklung), um einerseits eigene Interessen (besser)
durchzusetzen, aber andererseits auch Anregungen durch die „endogenen Potenziale“
aufnehmen zu können (vgl. Hamedinger et al. 2007).
Vor allem die räumliche Konzentration sozial benachteiligter Gruppen in Großstädten
hat einen erheblichen Druck auf die Notwendigkeit einer neuen Art der Organisation
politisch-administrativer Intervention hervorgebracht. Daher überwiegt die Erkenntnis, dass
die bekannten staatlichen, regionalen und kommunalen Interventionsstrategien immer
weniger dazu geeignet sind, um mit deren Hilfe die Zunahme von Armut und sozialer
Ausgrenzung ausgleichen, deren räumliche Konzentration verhindern oder gar abbauen
zu können, insbesondere auch, weil der Staat sich zunehmend aus dieser Verantwortung
zurückzieht. Für neue Strategien, Instrumente und Formen der Umsetzung sind neue
Formen der institutionellen Organisation, der Kommunikation und Einbindung notwen-
dig, wie sie zum Beispiel in Konzepten zum Quartiersmanagement zum Tragen kommen
(vgl. Alisch 1998, 2002; Walther 2002; Breitfuss et al. 2004; Greiffenhagen, Neller 2004;
Walther, Mensch 2004).
Die unterschiedlichen lokalen Kontexte der Städte führen zu unterschiedlichen Modellen
der „urban governance“. „Governance“ ist eine Antwort auf die Überforderung staatlicher
und stadtpolitischer Handlungsmöglichkeiten, die sich aus der „notwendigen“ Überwin-
dung von Starrheiten und Rigiditäten des fordistischen Regimes, dessen integrierenden
und ausgleichenden Tendenzen, sozialstaatlichen Garantien und Beschäftigungsnormen
ergeben. „Governance“ beinhaltet die Berücksichtigung vieler Akteure aus dem öffent-
lichen, privaten und gemeinnützigen Sektor bei der politischen Entscheidungsfindung
sowie die Einrichtung horizontaler Verhandlungssysteme als projektorientierte Politik-
formen (vgl. Healey et al. 1997; Mayer 1997; Pierre 2000; John 2001; Benz 2004; Breitfuss
et al. 2004; Heinelt 2004).
14
15
Die Etablierung von Governance-Strukturen wird in der Literatur vielfach mit der
Vorstellung vom „Wandel der Planungskultur“ in Verbindung gebracht (vgl. Friedmann
1987; Wentz 1994; Selle 1996a, 1996b; Schönwandt 2002). Für die Akteure und Institu-
tionen der Steuerung der Raumentwicklung bedeutet dieser Wandel, dass die Handlungen
auf allen Ebenen vielfältiger geworden sind – von der Informationsbeschaffung bis zur
Planerstellung, der Implementation und Durchführung als Top-down-Raumentwicklung
auf EU-Ebene bis zur regionalen Umweltverträglichkeitsprüfung und zur lokalen Bewoh-
ner/innen-Beteiligung.
Aufgrund der beschriebenen zunehmenden sozioökonomischen und soziokulturellen
Ausdifferenzierungen der Segregationsmuster betreffen politische und planerische
Maßnahmen, die wegen des Prinzips der Gerechtigkeit an allgemein gültigen Bedarfen
und nicht an individuellen Bedürfnissen orientiert sind, vielfältige und zwischen Regi-
onen schwankende Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster von Bewohner/innen,
Unternehmer/innen, Vetreter/innen von Kammern und Verbänden, die sich in ihren
Interessen deutlich voneinander unterscheiden. Schließlich verändert sich im Übergang
von government zu governance die Funktionsweise und Organisation von Stadt- und
Regionalplanung, die vermehrt über para-staatliche Organisationen sowie private und
„halbstaatliche“ Entwicklungsträger (Quangoes – quasi non-governmental organisations)
stattfindet (beispielsweise public-private-parternships), die der demokratischen Kontrolle
weitgehend entzogen sind.
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20
Gliederung
1 Einleitung
2 Die soziale Bedeutung des Raumes
3 Der Stand der Ungleichheitsforschung in Deutschland
4 Neue soziale Milieus und Lebensstile
5 Residenzielle Segregation
6 Unklarheiten, Ausgeblendetes, Übergangenes
Literatur
1 Einleitung
Die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und den
Siedlungsstrukturen sind nicht gerade umfangreich und reduzieren sich häufig auf
die Banalität, dass die räumlichen Bedingungen das Verhalten beeinflussen resp. das
Verhalten von Menschen den Raum verändert. Wie genau, das sei wiederum nur schwie-
rig zu ermitteln, zumal man rasch in das Henne-und-Ei-Dilemma gerate. Städtebauer und
Architekten machen es sich in dieser Frage bisweilen sehr einfach, da sie häufig fest an
den Determinismus gebauter Strukturen glauben. Mit diesem Blickwinkel wird zudem ein
Raumverständnis deutlich, nach welchem der gestaltete Raum als „Kulisse“ sozialen Han-
delns angesehen wird, welche Menschen dazu animiert, in bestimmte Rollen zu schlüpfen.
In diesem Zusammenhang gibt es eine Wiederbelebung der Vorstellung, dass „gute Archi-
tektur“ nicht nur Wirtschaftswachstum fördere, sondern auch die soziale Kohäsion durch
Identifikation mit „neuen ‚landmarks‘“ herbeiführe (s. dazu Beispiele aus „Umbau Ost“).
Das Raumverständnis der überwiegenden Zahl der Sozialwissenschaftler/innen und in
großen Teilen auch der Geographinnen und Geografen reduziert sich auf eine beschrei-
bende und klassifikatorische Sicht, bei der ein „Raum“ auf einen Ort resp. ein Territorium
reduziert wird, der/das als Behälter mit Rauminhalten wie bestimmten Kategorie von
Menschen (als Anteilswerte oder Mengen), baulichen Strukturen (Wohnungen bestimmter
Art, Arbeitsplätze) resp. Infrastrukturen „angefüllt“ ist. Die Ursache für diese spezifisch
fachliche Sichtweise ist, dass in den Sozialwissenschaften der Raum lange als eine mate-
rielle ‚Quantité négligeable‘ galt. Nach Durkheim sollte „Soziales“ nur durch „soziale
Phänomene“ erklärt werden und „Raum“ daher als „nicht soziales“ Materielles (Steine,
Beton, Landschaft) resp. Funktionales (Infra- oder Wohnbaustrukturen) einer „Umwelt“
angesehen werden. Er war damit weder Ausdruck gesellschaftlicher Macht und Herrschaft
noch eine das Verhalten beeinflussende Größe.
Ein anderer Grund, warum der Raum aus den sozialwissenschaftlichen Theorie-
bildungen verdrängt wurde, bestand in der Ubiquitätsannahme von Raum bei allen
21
gesellschaftlich relevanten Handlungen – das heißt, man maß dem Raum keine sozial
selektive Bedeutung als Handlungskontext bei. Damit kam die Möglichkeit, dass der
Raum auch die Ursache von gesellschaftlichen Differenzierungen sein könnte, kaum in
Betracht.
Im Rahmen wissenschaftlicher Arbeitsteilung ist man lange davon ausgegangen, dass
in der Segregationsforschung die nötigen wissenschaftlichen Erkenntnisse über den
Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Siedlungsstrukturen zusammengetragen
werden. Innerhalb der Debatte der „Raumfachleute“ wurde jedoch nicht nur mit Hilfe
des Behälter-Raum-Konzepts, sondern auch mit einem sehr reduzierten Verständnis
von sozialer Ungleichheit gearbeitet, das sich eher an veralteten Modi orientiert,1 resp.
die Komplexität des Zusammenspiels mehrere Merkmale sozialer Ungleichheit auf die
isolierte Betrachtung einzelner Merkmale reduziert.2 Umgekehrt hat die Raumkategorie
für die Wissenschaftler/innen im Bereich der sozialen Ungleichheit praktisch keine Bedeu-
tung, allenfalls tauchen – beispielsweise bei Hradil (1987: 32 und 43) – Kategorien wie
Wohnraumversorgung resp. die Zugehörigkeit zu Bundesländern (als Indikator für ungleich
verteilte Chancen am Arbeitsmarkt durch regional unterschiedliche Arbeitslosenquoten,
d. h. als ein „Zuweisungsmerkmal“ sozialer Ungleichheit) auf. Dass aber der Raum – neben
Ausstattungs- und Erreichbarkeitsdefiziten – durch das Image (Adresse als Zuschreibung
im Sinne von Lokalisationsprofiten resp. zur Diskriminierung auf dem Lehrstellenmarkt; vgl.
Bourdieu 1991), durch Planwertgewinne oder durch eine spezifische soziale oder lokale
politische Kultur (der Toleranz und Offenheit oder der Ausgrenzung und Diskriminierung
resp. des bürgerschaftlichen Engagements, vgl. Heitmeyer und Anhut 2000) gekennzeich-
net ist – das hat in der Regel für die Analysen im Rahmen der Ungleichheitsforschung
bislang keine Bedeutung.
Innerhalb der Segregations-/Konzentrationsdebatte wird zudem nur ein kleiner
Ausschnitt aus dem Spektrum des Zusammenhangs von sozialer Ungleichheit und
Siedlungsstruktur gewählt: die sozial selektive Form der Verteilung der Wohnstandorte.
Ob dieses der Ausdruck der relativ freien Wahl am Wohnungsmarkt ist (und damit dem
Wunsch nach Abstand/Nähe zu anderen sozialen Gruppen entspricht), das Resultat von
zweit- und drittbesten Lösungen (also Umwertungen bedeutet) oder gar von Zwängen und
eindeutigen Zuweisungsprozessen, wird kaum diskutiert. Damit ist völlig unklar, ob und
für wen Segregation eine bewusste räumliche Distanzierung gegenüber anderen sozialen
1
So werden in der Regel nach wie vor Merkmale der sozialen Schichtung resp. des Lebenszyklus innerhalb der
Segregationsforschung angewandt – Kategorien, die innerhalb der Ungleichheitsforschung eindeutig an Bedeu-
tung verloren haben (vgl. Berger und Vester 1998). Es liegen bislang kaum Segregationsanalysen nach Kategorien
von sozialen Milieus und/oder Lebensstilen vor (als Ausnahme vgl. Berking, Neckel 1990; Helbrecht 1997; Eder
2003; s. auch die Beiträge von Eder Sandtner, Schneider-Sliwa und Spellerberg, beide in diesem Band).
2
Das wiederum liegt daran, dass Segregationsberechnungen auf den Grundlagen amtlicher Statistiken auf-
bauen, die in der Regel einzelne Merkmale isoliert voneinander darstellen. Die Aggregation dieser Merkmale
lässt allenfalls zu, bezogen auf räumliche Einheiten jeweils die Anteile bestimmter Merkmalsklassen mathe-
matisch-statistisch in Zusammenhang zu bringen, schafft jedoch keine Erkenntnis über das Zusammenwirken
einzelner Merkmalsausprägungen. Mit dieser Vorgehensweise besteht zudem die große Gefahr von ökolo-
gischen Fehlschlüssen. Darüber hinaus wird das Verständnis für die Bedeutsamkeit einer sozialen Lage für die
Wahrnehmungen, Bewertungen, Standortentscheidungen und das Verhalten im Raum durch die logischen
Regeln der linearen (oder ihr nahestehenden) Algebra ersetzt.
22
Gruppen ist, ob diese – wenn sie eintritt – überhaupt in dieser Weise wahrgenommen,
gewünscht oder billigend in Kauf genommen wird.
Darüber hinaus gibt es neben der Wohnstandortwahl weitere raumbezogene Ver-
haltensweisen, über welche Einfluss auf die Siedlungsstrukturen genommen wird, wie
beispielsweise die Nutzung des öffentlichen Raumes oder die räumliche Mobilität.
Während im letzten Fall der Zusammenhang zwischen Siedlungsstrukturen (als prägender,
oftmals determinierender Faktor) und raumbezogenen Verhaltensweisen durchaus
thematisiert wird, wird der Einfluss unterschiedlicher Siedlungsstrukturen auf die Segrega-
tion/Konzentration beispielsweise in der vergleichenden Stadtforschung in der Regel
völlig vernachlässigt.
Auch wenn man bei der dominanten eingeschränkten Sichtweise der sozial selektiven
Wohnstandortwahl, die zu ungleichen Verteilungen sozialer Gruppen im Raum führt,
bleibt, entsteht das gravierende Problem der Bewertung dieser Phänomene. Obwohl
die empirischen Belege entweder bislang nicht erbracht wurden oder allenfalls schwach
sind, hat sich im Bewusstsein der Planer/innen und Politiker/innen – auf Einschätzungen
seitens der Sozialwissenschaftler/innen aufbauend – die These verfestigt, dass „einseitige
Bevölkerungsstrukturen“ abzulehnen seien. Die Ablehnung der räumlichen Konzentra-
tionen von eher unerwünschten Personengruppen dominiert – wenn auch deutlich seltener
als früher – nach wie vor, sodass als Planungs- und Steuerungsziel eine Gleichverteilung
sozialer Gruppen in der Stadtregion angestrebt wird. De facto ist es jedoch nach wie
vor eine offene Frage, für wen eine Konzentration die Lebensbedingungen positiv oder
negativ beeinflusst. Die Antwort darauf hat nicht nur eine akademische, sondern auch
eine praktische Relevanz.
Mit diesem Beitrag wird daher das Ziel verfolgt, die Erkenntnisse der sozialwissen-
schaftlichen Raumforschung und der Ungleichheitsforschung auf den Stand der Segre-
gationsforschung zu beziehen, um abschließend die normative Frage der Einschätzung
dieser Konstellationen zu diskutieren. Es sind also fünf Schritte vorzunehmen:
a) die Darstellung der sozialwissenschaftlichen Debatte um den „Raum“, die für die
raumgestaltenden Professionen bedeutsam sein sollte.
b) die Darstellung des Standes der Forschung über soziale Ungleichheit, der momentan
voller Widersprüche über Umfang, Bedeutung und dominante Ungleichheitsdimension
ist.
c) Dann ist der Stand der Segregationsforschung zu skizzieren, um den Ertrag für das
Wissen über die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Organisation im Raum zu
verstehen sowie die Möglichkeiten zu deren Steuerung zu eruieren.
d) Darüber hinaus ist die relative Bedeutung der Wohnstandorte sozialer Gruppen für
unterschiedlich benachteiligende Lebensbedingungen, für Einstellungen und Verhal-
tensweisen zu bestimmen und über andere Formen der sozial selektiven Nutzung von
Raum nachzudenken.
e) Schließlich ist der normativen Frage nicht auszuweichen, welche Art und Intensität
residenzieller Segregation als Problem angesehen wird und mit welchen Mitteln unter
welcher Zielsetzung mit diesem Phänomen umgegangen werden soll oder kann.
23
3
Diese Position hat in starkem Maße auch der Soziologe Norbert Elias mit seinem Figurationsansatz ver-
treten, den er allerdings nie explizit auf den Raum angewendet hat.
4
In diesem Zusammenhang hat er jedoch auch das institutionelle Handeln, hier insbesondere das der
Stadt- und Regionalplanung, explizit mit angesprochen – in seinem späteren Ansatz unterscheidet Läpple (1991)
die beiden Handlungsebenen (s. u.).
24
5
Hamm (1982: 27) kam zu drei Dimensionen – a) „den Raum, den wir hier in einem sehr allgemeinen Sinn als
physische Umwelt bezeichnen wollen, wobei physische Umwelt eben auch die Physis, d. h. die Leiblichkeit der
anwesenden Personen umgreift“; b) „die Regeln der sozialen Interaktion, d. h. des Miteinander-Kommunizierens
der in der Situation anwesenden Personen“ und schließlich c) „die dem Raum anhaftende Symbolik“; sie sind
weitgehend mit den vier Dimensionen bei Läpple identisch ist: b) ist 2. und 3. bei Läpple.
25
Soziale Ungleichheit im Raum zeigt sich also in dreierlei Weise: a) materiell durch die
Verfügbarkeit und die Einsetzbarkeit der vorhandenen Ressourcen unter Berücksichtigung
der Constraints der einzelnen im Raum befindlichen Akteure, b) in den Regulations-
bedingungen des Raumes, welche die Ungleichheiten verstärken oder kompensieren6 und
c) durch die ungleichheitsbedingt unterschiedlichen Formen der De- und Rekonstruktion
der Orte (über deren Gebrauchsqualitäten, aber auch über deren Lebensstile als Symbole
der sozialen Lage der anderen Akteure, welche die Art und das Maß der Raumergreifung
(mit-) bestimmen) (vgl. Löw 2001).
6
In der Regel führt eine Gleichbehandlung von Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen-Constraints-
Kombinationen (als Ergebnis sozialer Ungleichheit) zu einer Verschärfung der sozialen Ungleichheit.
26
7
Bedenklich an den „neuen“ Ansätzen, die im Grundsatz Ende der 1970er- resp. zu Beginn der 1980er-Jahre
formuliert wurden, ist, dass trotz einer deutlichen Zunahme und Verfestigung von Arbeitslosigkeit und Sozial-
hilfebezug, trotz zunehmender existenzieller Ängste in Mittelschichten und unter Jugendlichen, trotz zuneh-
mender räumlicher Konzentration von Armut (in spezifischen Regionen und städtischen Wohnquartieren), trotz
der Folgen der Vereinigung beider deutscher Teilstaaten in den Neuen Bundesländern, trotz veränderter Politikstile
(insbesondere in der Arbeits-, Finanz-, Steuer- und Sozialpolitik) und trotz mentalitätsprägender Zwangsmobilität
diese an den alten Interpretationen einer Epoche der bundesdeutschen (!) Geschichte orientiert sind, die sich
durch eine relativ hohe soziale Integration auszeichnete, die jedoch längst als „Sonderfall“ im Sinne des „kurzen
Traums immerwährender Prosperität“ (vgl. Lutz 1984) eingeordnet wurde. Nicht nur, dass sich die gesellschaft-
liche Situation in Deutschland grundlegend geändert haben dürfte, die Protagonisten der „neuen“ sozialen
Ungleichheit scheinen auch – ganz im Gegensatz zu ihren eigenen impliziten oder expliziten Positionen – an
eine lineare Entwicklung jenseits der Arbeits- resp. der Industriegesellschaft zu glauben.
27
8
In diesem Zusammenhang sei auf eine Position von Karl Marx hingewiesen, die in der aktuellen Diskussion
in Vergessenheit geraten ist, nämlich dass – nach seiner Interpretation – alle Gesellschaften immer Klassengesell-
schaften waren (und bis zum Sozialismus sein werden), die jedoch immer wieder andere Erscheinungsformen
annehmen. Das bedeutet, dass dann, wenn der Klassenbegriff auf die Situation des Manchester-Kapitalismus
bezogen wird, Klassenstrukturen als ahistorisch-deskriptiv und nicht funktional gedeutet werden. Auch wenn
es unter den gegenwärtigen Bedingungen eines noch immer aktiven Sozialstaates bei gleichzeitiger Individua-
lisierung und den gegebenen Bedingungen eines relativ flexiblen Arbeitsmarktes in der Dienstleistungsbranche
nicht zu einer „Klasse an sich“ kommt, kann das Vorhandensein von antagonistischen Widersprüchen im
globalen und nationalen Maßstab kaum geleugnet werden. Die Globalisierung formt – in ihrem Negativaspekt
– im weltweiten Maßstab Räume der Gewinner und der Verlierer dieser an ökonomischen Kriterien orientierten
Forcierung der Modernisierungsprozesse.
9
Vester et al. (2001: 25) wählen eine andere Hierarchie; ich halte die unter Abb. 1 dargestellte Anordnung
für eindeutiger, um auch die determinierenden Wirkungen zu verdeutlichen.
28
Der soziale Raum gesellschaftlicher Ungleichheit wird – ebenso wie bei Bourdieu (1982)
– durch eine vertikale (bei Vester et al. 2001: 27 „Herrschaftsachse“) und eine horizon-
tale Achse (bei Vester et al. 2001: 31 „Differenzierungsachse“) aufgespannt. Entlang der
vertikalen „Herrschaftsachse“ wird in drei Gruppen unterteilt:
■ die unterprivilegierten Volksmilieus (gering Qualifizierte),
■ die mittleren Volksmilieus (Arbeiter, Angestellte und Dienstleistende, kleine Selbststän-
dige), die sich von den Unterprivilegierten durch „Respektabilität“ abgrenzen und
■ die führenden gesellschaftlichen Milieus (nach Bildung, Macht und Besitz), die sich
nach unten durch „Distinktion“, d. h. symbolische Unterschiede abgrenzen.
Entlang der Differenzierungsachse gibt es erneut drei Gruppierungen, die durch
■ hierarchiegebundene, autoritäre Einstellungen (Besitzbürger, wirtschaftliche und hoheit-
liche Elite-Milieus sowie ständisch-kleinbürgerliche Traditionslose),
■ eigenverantwortliche Einstellungen (humanistische und dienstleistende Elite-Milieus und
Bildungsbürger sowie der Traditionslinie der Facharbeiter und der praktischen Intelligenz
Folgende) und
■ avantgardistische Einstellungen (Avantgarde, Vertreter/innen der „schönen Künste“
sowie jugendkulturelle Avantgarde)
gekennzeichnet sind.
29
Im Zeitraum zwischen 1982 und 1995 haben sich in Westdeutschland mit dem Moder-
nen Arbeitermilieu (MOA) und dem modernen bürgerlichen Milieu (MOBÜ) zwei neue
Milieus zulasten des Kleinbürgerlichen Arbeitermilieus (–13 Prozentpunkte), des traditio-
nellen Arbeitermilieus (–5 Prozentpunkte) und des leistungsorientierten Arbeitermilieus
10
Vester et al. (2001: 50–51) gehen auch auf die Milieustrukturen und deren Wandel zwischen 1991 und 1997
in Ostdeutschland ein. Diese Milieustruktur ist aufgrund unterschiedlicher Sozialisationserfahrungen und Kontexte
(Kohorteneffekte) in ihrer Ausgangssituation und in der aktuellen Strukturierung gegenüber Westdeutschland
noch sehr unterschiedlich; die Modernisierungstendenzen sind untereinander jedoch sehr ähnlich.
30
Neben der starken Betonung der „horizontalen“, soziokulturellen Achse der Werte
(Milieu-Konzept) wurde in der jüngsten Vergangenheit dem Lebensstil-Konzept eine
hohe Bedeutung zugeschrieben. Während die Notwendigkeit zur Berücksichtigung
11
Gegenwärtig wird seitens der Firmen SINUS-Sociovision und microm versucht, diese gesamtgesellschaft-
lichen Milieus auf kleinräumige Strukturen herunterzubrechen und mit weiteren Informationen zu kombinieren,
um auf diese Weise nicht nur Segregationsmuster nach Milieus bestimmen zu können, sondern auch, um
wohnungsmarktrelevante Informationen zu erhalten (vgl. Schmals, Wolff 2003; de Vries, Perry 2003; Perry,
Appel 2004; Rohland, Hallenberg 2004).
31
Abb. 4: Der Zusammenhang aus sozialen Lagen, sozialen Milieus und Lebensstilen*
* Mit Alter, Kohorte, Geschlecht und Nationalität ist nicht der biologische oder juristische Status gemeint,
sondern die soziale Bedeutung im Sinne systematischer Besser- und Schlechterstellung. Die Möglichkeit, öko-
nomisches, soziales und kulturelles Kapital akkumulieren zu können, ist in starkem Maße staatlich und gesell-
schaftlich geregelt. Daher wird hier nicht – wie bei Bourdieu (1982) – von einer Klassifikation ausgegangen, bei
der bestimmte soziale Gruppen diese Kapitalsorten einfach „haben“, sondern eben auch die Ungleichheit der
Möglichkeit zur Akkumulation als strukturierender Effekt hervorgehoben.
32
Mit „sozialer Lage“ wird vor allem die materielle Position benannt, die einerseits vom
Einkommen, Vermögen und von der Bildung bestimmt ist, andererseits aber auch von
kulturellen Fertigkeiten und sozialen Netzwerken (beschrieben durch die drei Kapitalarten,
vgl. Bourdieu 1983). Wer mit welcher Legitimität welche Formen von Kapital akkumulie-
ren und auf welche Weise tauschen kann, ist gesellschaftlich stark begrenzt, wobei die
politisch-administrativen und korporativen Mechanismen (bei Vester et al. 2001 die Felder
der politisch-staatlichen Repräsentationen und Institutionen, der korporativen Interessen-
vertretungen und der gesellschaftspolitischen Bewegungen und ideologischen Lager; s.
Abb. 1) eine wichtige Rolle spielen. So werden beispielsweise Frauen noch immer am
Arbeitsmarkt oder bezüglich der Altersversorgung diskriminiert, Zuwanderern werden
Bildungstitel, sprachliche und kulturelle Fertigkeiten nicht angemessen anerkannt, die
jüngeren Kohorten werden durch ein zu langes Festhalten an einer Sozialstaatlichkeit, die
auf dem Generationenvertrag aufbaut, finanziell stark benachteiligt und Alter spielt am
Arbeitsmarkt eine stark diskriminierende Rolle.
Die sozialen Milieus sind Wertegemeinschaften, die einerseits durch unmittelbare
soziale Kontakte stabilisiert und verstärkt (Mikro-Milieus), andererseits auch durch
medial vermittelte weltanschauliche Prägungen und allgemeine Trends gebildet werden
(Makro-Milieus). Für die Verräumlichung sozialer Ungleichheit (beispielsweise in Form von
Konzentrationsprozessen) sind vor allem die Mikro-Milieus relevant. Interessant ist einer-
seits, ob sich auch nach Merkmalen sozialer Milieus Segregationstendenzen feststellen
lassen, und – wenn ja – welche Bedeutung deren Überlagerungen zu den bekannten
Merkmalen struktureller sozialer Ungleichheit haben.
„Lebensstile“ sind Verhaltensweisen mit einem gewissen Kontinuitätsgrad (also unter
Ausschluss rein spontaner Aktivitäten) und damit (ein Teil der) Ausdrucksform sozialer
Milieus und der dahinter stehenden Wertvorstellungen. Durch die Art der Kleidung, den
Besitz von Konsumgütern (Marken, Stil), die Art der Freizeitgestaltung wird eine gesell-
schaftliche Positionierung durch die Interpretation des tatsächlichen oder des erwünschten
Status zum Ausdruck gebracht.
Im Sinne Bourdieus werden die Alltagspraktiken häufig dafür genutzt, um die gesell-
schaftliche Positionierung (in ihrer distinktiven Kraft) zu symbolisieren und damit zu festigen
resp. zu entwickeln (symbolisches Kapital). Das bedeutet, dass Ungleichheitsmuster nicht
nur über ihre Materialität der strukturellen Ungleichheit bestimmt sind, sondern durch
die Reproduktion von Wertvorstellungen über Handlungsweisen auch dekonstruiert und
reproduziert werden. Das gilt nach Löw (2001) insbesondere für das raumbezogene
Handeln. Das bedeutet, dass die soziale Ungleichheit nicht nur durch die Positionierung
im Raum (über Wohnstandorte und Aktionsräume) abgebildet wird, sondern auch die
Art, in welcher der (öffentliche) Raum angeeignet und genutzt wird und wie sich soziale
Gruppen im (städtischen) Raum positionieren, wiederum die Strukturierung und Hierar-
chisierung sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft (mit) bestimmt (s. den Beitrag von
Läpple et al. in diesem Band).
33
zum anderen aber auch die Stadtplanung herausfordern: a) die (Wieder-)Zunahme von
Armut und deren räumliche Konzentration (die im Bund-Länder-Programm „Stadtteile
mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt“ gegenwärtig in Deutschland
eine große Aufmerksamkeit erfährt; vgl. Schader-Stiftung 2001; Walther 2002; Difu
2003; Walther, Kind 2004; Greiffenhagen, Neller 2005) und b) das Herausbilden neuer
städtischer Lebensstile über veränderte Erwerbsformen, Zeitmuster und Raumnutzungen
(‚creative industries‘, vgl. Camagni 1995; Franz 1999; Crevoisir, Camagni 2000), welche
im „Verdacht“ stehen, gesellschaftliche Innovationen zu entwickeln, die den künftigen
Mainstream prägen könnten. Sie dienen aufgrund ihrer Sichtbarkeit bisweilen den Städten
dazu, sich im Wettbewerb um Investitionen, Kulturevents und Images zu positionieren.
Jede der beiden Gruppen steht zudem für den jeweiligen Schwerpunkt in der Ungleich-
heitsforschung – die (sozioökonomische) Strukturierung resp. Entstrukturierung, Entbettung
und die Neu-Formierung nach Milieus, Szenen, Cliquen oder Netzwerken.
12
Zum Stand der Armutsforschung vgl. Leibfried und Voges 1992; Dietz 1997; Barlösius und Ludwig-
Mayerhofer 2001.
34
Die Tatsache, dass sich Armut territorial zunehmend konzentriert, hat innerhalb der
letzten 15 Jahre viel zur Thematisierung der Armut beigetragen. Armut konnte zwar skan-
dalisiert werden, sie führte aber – die Verwaltungen peinlich berührend, weil statistisch
ablesbar – auch zu Interventionen seitens des politisch-administrativen Systems (von der
Etablierung kommunaler Armutsberichterstattung über Beteiligungsverfahren bei der Stadt-
erneuerung resp. der Nachbesserung von Großsiedlungen bis hin zu „Feuerwehrpolitiken“
in „sozialen Brennpunkten“ und den aktuellen Formen des Quartiersmanagements; vgl.
Alisch 2002) – letztlich auch, weil dadurch demokratische Mehrheiten (insbesondere der
Sozialdemokratie) in Gefahr gerieten.
Die Einordnung und Bewertung der Konzentration von Armut in bestimmten Regionen
und Nachbarschaften orientiert sich sehr stark an der klassischen Segregationsanalyse.
Schon Ende der 1920er-Jahre stellte man (in Chicago) hohe positive statistische Korrela-
tionen zwischen Armut, Krankheit, abweichendem Verhalten, schlechter Baustruktur und
hoher Fluktuationsrate fest. Man interpretierte die zunehmende Konzentration sozialer
Gruppen in einzelnen Wohnquartieren als wachsende Desintegration städtischer Gesell-
schaften. Schließlich stellte man im Invasions-Sukzessions-Zyklus zwischen zuwandernden
und sesshaften Gruppen „kritische Werte“ der Konzentration diskriminierter Minder-
heiten fest (‚Tipping point‘), von welchen an die (eher statushöheren) Bewohnerinnen
und Bewohner der Nachbarschaften fortziehen und so das „Umkippen“ des Stadtteils
beschleunigen.
Daher wird in kommunalen Armutsberichten den Stadtteilen mit hoher Konzentration
an Sozialhilfebeziehern, Arbeitslosen, Ausländer/innen und Menschen mit niedrigem
Bildungsniveau eine besonders negative Bedeutung beigemessen. Um eine „ausgewo-
gene“ Mischung der sozialen Gruppen wieder herzustellen, wurden gegenüber Zuwan-
derern Zuzugssperren ausgesprochen resp. Programme zur Umverteilung „überschüssiger“
Bevölkerungsgruppen aufgelegt. Diese „statistischen Bereinigungen“ sind in der Regel
jedoch erstens nicht erfolgreich und lösen zweitens oft nicht das Problem der Armut
– es wird allenfalls statistisch weniger sichtbar. Trotz aller Berechnungsmöglichkeiten
der „tipping points“ gibt es keine zuverlässige Information, ob es solche fixen, allgemein
gültigen Grenzwerte tatsächlich gibt und was sie bei wem bewirken.
Insbesondere ist die Bewertung solcher „kritischen Werte“ vom quantitativen Umfang
des Problems selbst abhängig, d. h. die Grenzen wurden in der Vergangenheit entspre-
chend der zunehmenden Anteile „nach oben“ verschoben (wie es Schroeder 2000 am
Beispiel des Anteils ausländischer Schüler für Schulprogramme und Verteilungsschlüssel in
Schulen eines Hamburger Stadtteils zeigen konnte). Es gibt also keine verbindlichen Werte.
Es konnte von Anhut und Heitmeyer (2000) gezeigt werden, dass trotz vergleichbarer
Armuts- und Ausländer-Anteile in einzelnen Wohnquartieren das Ausmaß der sozialen
Konflikte, die Stabilität zivilgesellschaftlicher Strukturen und die Akzeptanz von Kommu-
nalpolitik erheblich variierten (s. den Beitrag von Läpple et al. in diesem Band). Dennoch
werden seitens des politisch-administrativen Systems immer wieder „kritische Werte“
(30 %-Ausländeranteil, Unterschreiten des Äquivalenzeinkommens um 50 % etc.) benannt,
nach denen Förderprogramme resp. Darlehens-Sperren verhängt werden.
36
13
Hier reichen die Thesen von einer Neuformierung der Klassengesellschaft im Zuge der Globalisierung (vgl.
Diettrich 1999; Kohlmorgen 2004) hin zu einer Auflösung der Klassen- und Schichtstrukturen durch Prozesse
der Individualisierung (vgl. Beck 1995 – zur Übersicht vgl. Konietzka 1995).
37
Arbeitsgewohnheiten der Freiberufler und Künstler. Zudem wird die Zeit der Erwerbsarbeit
intensiviert und häufig mit Freizeitelementen „durchsetzt“; zwischen Projekten kann es
durchaus zu längeren Freizeiten kommen (drei Wochen hart arbeiten, eine Woche nichts
tun) (vgl. Henckel, Eberling 2002).
Die meisten städtischen Siedlungsstrukturen sind jedoch nach den Traditionen der
industriellen Arbeit mit ihren fixen zeitlichen Regeln aufgebaut und organisiert und an der
Arbeitsteilung innerhalb einer Kleinfamilie orientiert. Das bedeutet, dass auf die neuen
Standortpräferenzen und die zeitlichen Nutzungsmuster sowohl in der gebauten Struktur,
aber auch bezüglich der „Zeittakte“ der Stadt(teile) reagiert werden muss (vgl. ebd.). Die
Städte unterliegen also auch einer neuen Segmentation traditioneller Arbeitsformen und
Haushaltsstrukturen auf der einen und der der „neuen“ auf der anderen Seite.
Ohne explizit auf die Lebensstildebatte einzugehen, wurde in der Stadtsoziologie mit
der Gentrification-Forschung theoretisch und empirisch die Segregation/Konzentration
nach Lebensstilen und sozialen Milieus analysiert (vgl. Friedrichs, Kecskes 1996). Für die
hedonistischen Gruppen, oftmals in „neuen Haushaltsformen“ lebend, sind die innen-
stadtnahen Wohnstandorte und Erlebnisorte bedeutsam: In bestimmten innenstadtnahen
Lagen kommt es zu sozioökonomisch und soziokulturell neuartigen Konzentrationen (s.
den Beitrag von Läpple; Walter in diesem Band). Weniger Beachtung hingegen haben die
unterhaltungsorientierten, traditionslosen Gruppen gefunden, deren Orte wohl Suburbia
oder die äußeren Stadtteile sind – zwischen Disco und Sport, griechischen Restaurants und
Möbelmärkten bei eher traditionellen geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen.
Innerhalb des ARL-Arbeitskreises haben wir uns neben den Armutsphänomenen inten-
siver mit den innovativen Milieus beschäftigt.14 Sie sind – so die These – die ‚oppinion
leader‘ gesellschaftlicher Entwicklung; sie entwickeln die neuen Haltungen zur Erwerbs- und
Reproduktionsarbeit sowie zur Freizeit durch neue Formen der Arbeitsorganisation mit
den dazugehörigen Zeit- und Standortmustern. Genauere Abgrenzungen und Statistiken
liegen über diese Gruppen (‚creative milieus‘, „neue Selbständige“, „neue Dienstleistungs-
klasse“) nicht vor, allenfalls erste Ergebnisse im Rahmen von Fallstudien (vgl. Camagni
1995, 1999; Franz 1999; Crevosier; Camagni 2000; Wood 2003; Lange 2006; s. auch
Läpple und Walter in diesem Band).
Wodurch entstehen diese Gruppen? Hierzu stichwortartig einige Fakten und Plausi-
bilitäten:
■ Der massive Ausbau des Bildungssystems hat die Bildungsphase und damit die Phase
der Post-Adoleszenz verlängert. Damit werden für eine immer größere Zahl an jungen
Erwachsenen das Heiratsalter und der Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes zeitlich
verschoben (oder ganz obsolet).
■ Vom Bildungs-Boom haben insbesondere Frauen profitiert, was sich vor allem in
einer zunehmenden Eigenständigkeit im Erwerbsleben ausdrückt, was wiederum
14
In der Diktion von Vester et al. (2001) der Habitus der Arrivierten und die Avantgardisten, welche die
modernen Arbeitnehmer-Milieus, hedonistische sowie die postmodernen Milieus kennzeichnen; s. Abb. 2; in
der Diktion von SINUS Socialdata entspräche dieses den „modernen Performern“, den „Experimentalisten“
und den „Hedonisten“, s. Abb. 3).
38
39
5 Residenzielle Segregation
Das Thema der residenziellen Segregation ist eines, das in der Kommunalpolitik und Stadt-
planung sehr emotionell gehandhabt wird. Auch wenn es sich streng genommen weniger
um das Phänomen der Segregation (= ungleichmäßige Verteilung der (Wohn-)Standorte
sozialer Gruppen in einer Stadtagglomeration), sondern um die Konzentration vor allem
sozial Benachteiligter handelt, löst eine erhöhte Konzentration dieser sozialen Gruppen
(Armuts- oder armutsnahe Bevölkerung aus Arbeitslosen resp. Sozialhilfeempfängern/
innen, ältere Menschen, Zuwanderer in einzelnen Nachbarschaften, formal wenig gebildete
16
Hierbei überlagern sich mittels der IuK-Medien gebildete Informationsnetze mit face-to-face-Kontakten in
den Restaurants, Kneipen und „Locations“, bei denen Vertrauen, Respekt und Kreativität „erzeugt“ wird. Wie
das Wechselverhältnis der unterschiedlichen Kommunikationsformen in ihrer Überlagerung und wechselseitigen
Bedingtheit strukturiert ist, ist m. E. noch nicht erforscht.
40
17
Das unterstellt, dass im Wesentlichen von diesem Kreis Segregationsforschung betrieben wird.
41
seiner territorialen Festlegung, die durch spezifische Sozialstrukturen (in der Regel unter-
schiedliches Ausmaß von Konzentrationen) bestimmt ist. Ist man an der residenziellen
Segregation in ihrer Bedeutung für soziale Prozesse resp. an dem Verständnis der Ursa-
chen von (möglicherweise unerwünschten) Konzentrationen sozialer Gruppen im Raum
interessiert, so muss man die soziale Bedeutung des Raumes in Betracht ziehen, wie es
Hamm (1982) bereits frühzeitig eingefordert hat (s. o.).
Also: Weder die Ungleichheitsforschung noch die sozialwissenschaftlichen Bedeu-
tungen des Raumes für die soziale Organisation haben in die Segregationsforschung,
die gerade einen – oftmals als problematisch angesehenen – Aspekt gesellschaftlicher
Organisation im Raum thematisiert, einen angemessenen Eingang gefunden. Vor diesem
Hintergrund ist dann die geringe Reflexion der Zuweisungsprozesse in Teilterritorien nicht
mehr überraschend.
42
18
Auch wenn sich für ein Quartier empirisch solche Umkipp-Punkte ex post eindeutig bestimmen lassen,
ist fraglich, was dies für die Prognose in anderen Gebieten bedeutet. Da die Menschen nicht auf statistische
Größen reagieren, sondern auf eigene Interpretationen von störender Fremdheit, helfen hier meines Erachtens
Wahrscheinlichkeiten und generalisierende Aussagen nur wenig.
19
Diese Unterscheidung variiert häufig mit der Raumvorstellung: Folgt man dem Container-Modell, dann
sind Segregations- und Konzentrationsmuster nichts anderes als ein gut messbares Abbild sozialer Ungleichheit;
folgt man hingegen der Vorstellung eines gesellschaftlichen Raumes, dann ist das Segregations- und Konzent-
rationsmuster nicht nur der Ausdruck gesellschaftlicher Kräfte und sozialer Prozesse, in denen sozialräumliche
Nähen ausgehandelt werden und der Umgang mit sozialer Verschiedenheit auf engstem Raum zum Ausdruck
kommt, sondern gleichzeitig ein Prozess der Reproduktion sozialer Ungleichheit (vgl. Bourdieu 1991; Anhut,
Heitmeyer 2000).
43
stehen nach Häußermann und Siebel (1990: 5) drei Arten von Prozessen: die ökonomische
Spaltung nach Eigentum, Einkommen und der Position auf dem Arbeitsmarkt, die soziale
Spaltung nach Bildung, sozialer Integration und Position auf dem Wohnungsmarkt sowie
die kulturelle Spaltung nach ethnischer Zugehörigkeit, Religion und normativen Orien-
tierungen. Marcuse (1989) geht von einer in spezifische Quartiere zerfallenden Stadt
aus (‚quartered city‘). Ihn interessieren dabei vor allem die funktionalen Zuordnungen
der Bewohner/innen über den Arbeitsmarkt einer ‚global city‘ und die infrastrukturelle
Ausstattung der einzelnen Quartiere.
44
der Wissenschaft noch unbeantwortet: Wie viel Konzentration ist für wen positiv und
wie „feinkörnig“ soll die Mischung unterschiedlicher Gruppen sein? Wichtiger dürfte
jedoch sein, wie die Inter-Gruppen-Beziehungen tatsächlich gestaltet werden.
■ In der Segregationsforschung wird die ungleichmäßige Verteilung der Wohnstandorte
in einer Stadtregion analysiert – andere Formen der Raumnutzung bleiben dabei unbe-
rücksichtigt. Aktionsräume wurden in den 1970er-Jahren allenfalls in ihrer formalen Form
sozial selektiv untersucht, nicht aber, was Überschneidungen, Parallelitäten bedeuten.
Insbesondere die selektive Nutzung des öffentlichen Raumes (Plätze, Parks, Straßen)
wurde in seiner (des-)integrativen Nutzung selten analysiert. Wie kann der „öffentliche
Raum“ integrativ wirksam sein? Durch seine Ausstattung (materielles Substrat), durch
die Vielzahl sozialer Gruppen resp. eine möglichst hohe Homogenität (Symbolik),
durch Partizipationsprozesse bei deren (Um-)Gestaltung oder Betreuung oder sind
es die subjektiven, jedoch gruppenspezifischen Konstruktionen von raumbezogener
Qualität, die bedeutsam dafür sind, sich den Raum (zumindest temporär) anzueignen?
(Vgl. Dangschat et al. 2006.)
■ Welches Integrationsmodell gilt als „Leitkultur“ – das des ‚melting pot‘ oder das der
‚salad bowl‘? Die Entscheidung darüber steht in einem engen Zusammenhang mit den
Konzentrationsmustern sozialer (Rand-)Gruppen. Denn folgt man den ‚melting-pot‘-
Vorstellungen, dann verbieten sich ethnische Konzentrationen oder auch bestimmte
Szene-Viertel, während nach der ‚salad-bowl‘-Vorstellung gerade die sozial-räumliche
Distanzierung von Klassen, sozialen Lagen und sozialen Milieus sinnvoll ist. Aus der
Tradition der Integrationsforschung, stärker aber noch als normativer Hintergrund der
Handelnden im politisch-administrativen System, ist die Sichtweise die des ‚melting pot‘
– diese Position haben aber die klassischen Einwanderungsländer in ihrer Leitkultur
längst aufgegeben. Das in Kanada entwickelte Bild der multikulturellen Gesellschaft
verfolgt eindeutig das ‚salad-bowl‘-Modell und auch Siebel (1997) schreibt von der
Notwendigkeit einer „binnenintegrativen Segregation“, d. h. einem gewissen Grad an
(überwiegend freiwilliger) Segregation, die jedoch über eine Klammer gemeinsamer
Werte zusammengehalten wird. Dem steht die Furcht vor „Parallelgesellschaften“
gegenüber, wie sie vor allem von Heitmeyer (1998) formuliert werden – wie berechtigt
dies sein kann, zeigen die jüngsten Pogrome in den Niederlanden.
■ Wenn die bestehenden und deskriptiv bekannten Muster der Segregation nach
sozioökonomischen Kategorien durch solche nach soziokulturellen Gesichtspunkten
überlagert werden, entsteht daraus eine Verschärfung bestehender Ungleichheitslagen
oder gibt es eher kompensatorische Wirkungen?
■ Aktuell wird intensiv über „kreative Milieus“/„Klassen“ resp. „kreative Industrien“ und
„lernende Regionen“ gesprochen, sei es, um sie als neues Phänomen zu beschreiben
oder aber, um sie im Sinne der Standortsicherung und -entwicklung zu instrumenta-
lisieren. Bislang ist wissenschaftlich wenig über deren Entstehungsbedingungen und
Stabilisierung, ihre Raum- und Zeitmuster bekannt. Inwiefern sich diese neuartigen
sozialräumlichen Konfigurationen im Sinne von „Industrien“ oder aber zu zivilgesell-
schaftlichen Formationen nutzen und entwickeln lassen, ist noch wenig untersucht
worden.
45
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50
Gliederung
1 Entraumstimmung
1.1 Verlust von Ferne
1.2 Verlust von Nähe
1.3 Verlust von ganzheitlicher Wahrnehmung
1.4 Verlust von Vielfalt
1.5 Verlust von konkreter Erfahrung
1.6 Verlust von Verankerung
1.7 Verlust von Entscheidungsmacht
1.8 Zusammenfassung
2 Raum ist ... nicht
2.1 Typologie von Raumbegriffen
2.2 Zusammenfassung
3 Neue Räume – neue Raumbezüge
Literatur
Fahrrad fahren sei nicht nur gefährlich und ungesund, weil es Schwindsucht fördere und
durch die Erschütterung die inneren Organe verletze, sondern auch – insbesondere bei
Frauen – schamlos und moralisch anrüchig, vergleichbar der Trunksucht oder der Spiel-
leidenschaft (vgl. Timm 1984).
Die Verteufelung der neuen Technologie galt nicht nur dem Gerät, dessen Beherr-
schung in der Form des Hochrads tatsächlich nicht ganz ungefährlich war, sondern auch
der neuen, einfach zugänglichen Möglichkeit der schnellen Raumüberwindung und der
neuen Freiheit, die sich damit eröffnete.
Von starken Worten und emotional aufgeladenen Bildern waren drohende Verän-
derungen der räumlichen Organisation der Gesellschaft schon immer begleitet. Eine
„Vernichtung des Raums“ wurde zu Beginn des Einsatzes und der massenhaften Verbrei-
tung der Schienentechnologie ebenso vorausgesagt wie „das Ende des Raums“ angesichts
der massenhaften Verbreitung der I & K-Technologie. Die Raumwirkungen des „electronic
space“ würden die durch Eisenbahn und Auto ausgelösten bei Weitem übertreffen.
Immer wieder herrscht Entraumstimmung. Und wie die Endzeitstimmung ist sie durch-
setzt von nostalgischen, reaktionären und apokalyptischen Stimmungsbildern.
51
1 Entraumstimmung
Die Sammlung der Argumente wird zeigen, wie widersprüchlich die Befunde sind und
dass Bedeutungsverlust und -gewinn oft nur zwei Seiten der gleichen Entwicklungs-
tendenz sind. Der „Verlust von Ferne“ ist durch die gestiegene Möglichkeit der Erreich-
barkeit jedes Punktes der Welt gleichzeitig ein „Verlust von Nähe“, da Erreichbarkeit unter
den Bedingungen der Ausdehnung und Vergrößerung von Entfernungen stattfindet.
Enträumlichung hat eine negative Konnotation. Es sei etwas verloren gegangen, was
vorher da war, wird unterstellt. Die folgenden Argumentationslinien werden analog dazu
unter dem Heading „Verlust“ kurz skizziert.
52
54
55
56
57
2
Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit zur Vermeidung von Push- und
Pulleffekten.
58
Prägung durch das „New Public Management“ des schlanken Staats aus. Aufgabenreform
durch Konzentration auf Kernkompetenzen, externe Strukturreform durch neue Rahmen-
bedingungen für staatliches Handeln und Binnenmodernisierung durch Verwaltungsre-
form haben in allen europäischen Ländern Sparpakete, die Ausgliederung von staatlichen
Betrieben und deren Übergabe an Private oder „Private-Public-Partnerships“ und den
Ersatz von hoheitsstaatlicher Regulierung durch privatrechtlich fundierte Verhandlungs-
verfahren gebracht. Das bedeutet den Ersatz staatlicher bzw. gesellschaftspolitisch moti-
vierter Handlungslogiken durch privatwirtschaftliche. Ob die Übergabe bisher von der
öffentlichen Hand wahrgenommener Aufgaben an diese Handlungslogik mehr Effizienz
bringt, bleibt noch zu untersuchen. Das ökonomische Effizienzkonzept ist jedenfalls als
Lösung von Verteilungs- und Gerechtigkeitsproblemen wenig hilfreich (Dumjovits 2002).
Raumbezogene Politik als Organisation und Koordination unterschiedlicher Nutzungs-
ansprüche an den Raum verliert durch den Verzicht auf territoriale Verantwortung an
Entscheidungsmacht.
1.8 Zusammenfassung
Lassen sich die augenfälligen Veränderungen der räumlichen Organisation der Gesell-
schaft als Enträumlichung interpretieren? Dies schon allein deswegen nicht, weil die
empirische Evidenz für beides – sinkende und steigende Raumbedeutung – spricht. Es ist
daher nicht verwunderlich, dass den Pro-Argumenten eben so viele Contra-Argumente
gegenüberstehen.
Nicht Bedeutungslosigkeit des „Raums“, sondern neue Formen räumlicher Arbeits-
teilung und der räumlichen Determination sozialer Prozesse konstatiert Castells: „Die
Arbeits- und Leistungsanforderungen sind im Hochtechnologiebereich und in Bereichen
der traditionellen Produktion für sich nicht nur verschieden, sie schließen sich sogar
gegenseitig aus. Daher muss der produktive und reproduktive Raum für hochqualifizierte
Ingenieure und Wissenschaftler verschieden von dem sein, der für ungelernte Frauen und
ethnische Minderheiten gebraucht wird. (...)“. Neu ist, dass „(...) räumlich unterschiedliche
Einheiten in Echtzeit durch den Gebrauch derselben Technologien, die sie produzieren
helfen, zusammenarbeiten. Hier ist wiederum nicht ein gegebenes Standortmuster
kennzeichnend, sondern der simultane Prozess der Differenzierung und der Verbindung
zwischen verschiedenen Elementen der Produktion und des Managements mittels der
Kommunikationsflüsse. (...) Nicht die Enträumlichung folgt daraus, sondern die Schaffung
einer neuen Form von Raum, die sich von den historisch determinierten, ortsbezogenen
Formen der räumlichen Determination unterscheidet“ (Castells 1991: 142).
Gegen die These von der Überlagerung/Kolonialisierung der realen durch die virtuelle
Raumerfahrung wird die These von der Erweiterung des Erfahrungsspektrums (Meurer
1994) gestellt.
Aus raumsoziologischer Sicht wird gegen den behaupteten Verlust von Kontinuitäts-
und Konsistenzgefühlen eingewandt, dass Fragmentierung und Einheitlichkeit nur zwei
Aspekte ein und desselben Prozesses sind und dass zwischen den Fragmenten durch-
aus neue Beziehungen entstehen können. „Der ‚Raum‘ ist die Vielfalt der miteinander
verflochtenen ‚Räume‘. Dieser Verflechtungszusammenhang ist, wie Castells hervorhebt,
über Bewegungen (Ströme) organisiert. Die Ströme heben den Bezug zu konkreten Orten
59
nicht auf, sie produzieren vielmehr drei unterschiedliche Formen von Orten: flüchtige Orte
im Netz, privilegierte Orte und periphere Orte (...). Neu ist vielmehr eine Bezugnahme auf
Raum im Sinne immer schneller werdender Verknüpfungen einzelner Räume, sodass die
Vorstellung, im einheitlichen, homogenen Raum zu leben, allein nicht mehr sinnstiftend
ist. Neuartig sind auch die Bedingungen einer verinselten, räumlichen Sozialisation. Neu ist
schließlich auch, dass einfache Modelle von größer und kleiner werdenden Einheiten nicht
mehr greifen, da mehr Ebenen gleichzeitig betrachtet werden müssen“ (Löw 2001: 111).
Die widersprüchliche Interpretation der Veränderung der Mensch-„Raum“-Beziehung
liegt aber nicht nur an der Widersprüchlichkeit der Entwicklung, sondern auch an der
unreflektierten Mischverwendung verschiedener Raumbegriffe. Einmal wird „Enträum-
lichung“ aus der abnehmenden Bedeutung der Distanz zwischen Punkten auf der Erd-
oberfläche durch die Verfügbarkeit über Raumüberwindungstechnologien abgeleitet. Ein
anderes Mal wird auf die neuen Möglichkeiten bzw. Einschränkungen der Raumerfahrung
Bezug genommen. Wieder andere Enträumlichungsthesen argumentieren mit dem eman-
zipierten, handlungsfähigen Individuum, das sich über materiell-physische Gegebenheiten
und die von ihnen ausgehenden Handlungsbeschränkungen hinwegsetze.
Bemerkbar ist eine Fetischisierung der Raumüberwindungstechnologien und eine
Dämonisierung des Virtuellen: Sinnlich-anschaulich ist gut, virtuell ist schlecht. Als ob das
konkrete „Dortsein“ automatisch dazu führte, das Wesen hinter den Erscheinungen oder
die Funktionale, in welche die Wirklichkeit gerutscht ist, zu erkennen. Eine gut gemachte
Sendung à la „Am Schauplatz“ kann mehr über die Wirklichkeit eines konkreten Orts
vermitteln als die persönliche Anwesenheit. Noch nie waren so viele Menschen an so
vielen Orten konkret anwesend, ohne etwas über sie zu erfahren.
Was durch die keineswegs vollständige Aufzählung der aus der Veränderung der
sozialen und räumlichen Organisation der Gesellschaft abgeleiteten Thesen über die
Raumbedeutung aber insbesondere deutlich wird, ist, dass sich die Befunde von einem
ganz bestimmten Verständnis von „Raum“ herleiten.
60
Diese Raumauffassung entspricht in etwa der der traditionellen Geografie, die mit einem
zweidimensionalen, territorialen Raumbegriff operiert und Raum als einen bestimmten
Ausschnitt auf der Erdoberfläche betrachtet, auf dem Objekte in einer bestimmten Ent-
fernung zueinander angeordnet sind (Gebirge) oder wurden (Einfamilienhäuser). Gefragt
wird nach der Nähe bzw. Ferne der Dinge zueinander, nach der Dichte der Anordnung,
den Möglichkeiten der Bewegung zwischen den Dingen.
Ein weiterer gebräuchlicher – aus der Naturwissenschaft entlehnter – Raumbegriff ist der
dreidimensional gedachte Behälterraum. Es ist dies die Anwendung des Begriffs Raum auf
das „existierende Unding, das übrigbleibt, wenn man gleichsam aus einem Gebirgsraum
das Gebirge herausnimmt“ (Weichhart 2000: 39). Für Newton war dieser Raum eine Art
dreidimensionaler Container, in den alles Materielle eingebettet ist. Raum ist nach dieser
Auffassung eine der Körperwelt übergeordnete bzw. sie umgebende Realität und existiert
als eigenständige – ontologische – Struktur. „Im Gegensatz zum ersten Verwendungs-
modus des Wortes Raum, der auf die Gesamtheit der Dinge verweist, die auf der Ober-
fläche oder im Container in einem bestimmten Abstand voneinander vorhanden sind
bzw. angeordnet wurden, abstrahiert dieser Raumbegriff von der Füllung und meint den
Behälter selbst. Raum und Rauminhalt sind definitorisch entkoppelt. Daraus ergibt sich,
dass der Raum als etwas Leeres vorgestellt werden kann, in das man was hineingeben kann.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht widerlegt wurde der dreidimensionale Raum durch die
Konzeption eines vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums“ (Weichhart 2000: 40).
Bei beiden handelt es sich um materielle Raumbegriffe. Ihre Anwendung führte und
führt entweder dazu, der Kategorie Raum jeden Erklärungswert für soziales Verhalten
abzusprechen oder abweichendes soziales Verhalten sehr direkt mit der Umwelt in Zusam-
menhang zu bringen. Die Regionalsoziologie bezeichnet als (Untersuchungs-)Raum ein
abgegrenztes Gebiet, in dem nach bestimmten Strukturmerkmalen gesucht wird, oder
bildet unterschiedlich große Räume aus sozialen Strukturmerkmalen (das Gebiet mit
einer Arbeitslosenquote über 10 %). Die meisten der Anwendungen basieren auf einer
„Entkoppelung der Konstitution des ‚Raumes‘ von dem Funktions- und Entwicklungs-
zusammenhang seines gesellschaftlichen ‚Inhalts‘“ (Läpple 1991: 191). Raum wird als
Abgrenzung für ein empirisches Forschungsfeld behandelt und nicht als Erkenntnisobjekt
an sich. Bewegungen oder Veränderungen finden nur in ihm (bzw. besser gesagt auf ihm
– dem Territorium) statt, er selbst bewegt sich nicht. Falls der Raum als Erkenntnisobjekt
nicht überhaupt total ausgeblendet ist, hat die räumliche Komponente der Wirklichkeit
den Status einer Umweltbedingung, eines Behälters für gesellschaftliche Inhalte. Auch
die Raumbegriffe, mit denen in der Ökonomie operiert wird (vgl. Läpple 1991), sind weit-
gehend chorische oder Behälterraum-Konzepte. Raum ist ein zu überwindendes Hindernis,
das durch Ausbau der Verkehrsinfrastruktur überwunden werden kann, oder ein Ort, den
man durch Ressourcenkonzentration ausstaffieren kann. Neben der Distanz (Transport-
kosten) begründet die Kategorie „Standort“ die optimale, naturräumlich gegebene bzw.
geschaffene Anordnung von Dingen in optimaler Entfernung, Vor- bzw. Nachteile für die
Produktion und Distribution von Gütern.
Für traditionelle, den Raum als Platz oder Behälter materiell-physischer Artefakte
betrachtende Raumbegriffe sind Distanz, Dichte, Grenze und Standort die zentralen
Kategorien zur Beschreibung räumlicher Verhältnisse. Es werden Referenzschemata
61
62
3
Vergleiche auch den Beitrag von Jens Dangschat in diesem Band.
63
Ein weiterer komplexer Raumbegriff ist der des Raums als „action setting“.4 Er umfasst
sowohl den Handlungsrahmen als auch die ablaufenden Prozesse und Sinnzuwei-
sungen durch Akteure. „Unter einem ‚action setting’ können wir eine Konfiguration von
austauschbaren menschlichen Akteuren, spezifischen Handlungsvollzügen und einem
materiellen wie sozialen Kontext verstehen, die als integraler Systemzusammenhang den
Ablauf bestimmter Handlungsprogramme ermöglicht. Dabei werden die Interaktionen
der Akteure gleichsam synchronisiert und in den materiellen wie sozialen Kontext der
Handlungsbühne eingebunden“ (Weichhart 1996).
4
Der Begriff ist an den in der Verhaltensforschung üblichen Begriff ‚behaviour setting‘ angelehnt, ohne die
deterministische Vorstellung vom Primat der Umwelt zu übernehmen.
5
Strukturen sind Inhalt und Medium sozialer Prozesse, sie determinieren das Handeln und werden gleichzeitig
durch das Handeln produziert (Giddens 1984).
64
Im Konzept der „Dualität“6 wird die Trennung der beiden analytischen Kategorien
Raum und Soziales aufgegeben. Räumliche wie soziale Strukturen hätten einen „dualen“
Charakter: Raum ist das Produkt sozialer Verhältnisse, in seiner Gestalt spiegeln sich
gesellschaftliche Beziehungen wider, gleichzeitig stellt die hergestellte räumliche Struk-
tur eine objektive Beschränkung oder günstige Voraussetzung für das Handeln dar und
neue soziale Verhältnisse her. Raum- und Sozialwissenschaftler/innen gehen dann von
der notwendigen Verschmelzung beider Kategorien aus. „The social and the spatial are
inseparable“ (Massey 1992). Man müsse statt von Raum als eigenem Seinsbereich, der
dem Seinsbereich Soziales bzw. soziales System gegenübersteht, von Räumlichkeit sozialer
und kultureller Phänomene sprechen und diese Gegenüberstellung aufgeben. Die Debatte
vom Primat des Raums oder der Gesellschaft wird für fruchtlos erklärt und stattdessen
von einer „dialektischen Verschränkung“ von räumlichen und sozialen Strukturen im
gesellschaftlichen Leben gesprochen.
Die Konzeptualisierung als „untrennbar“ oder „verschränkt“ stellt hohe Anforderungen
an die Forschung. Wie sollen die Wirkungen und Wirkungsweisen dieser Verschränkung
aufgefunden werden, wenn nicht beide „Partner“ in ihrer spezifischen Gestalt, Eigen-
gesetzlichkeit und Eigenwilligkeit betrachtet werden? Sie werden ja auch in der Realität
jeder für sich wahrgenommen. Die Erforschung der handlungsstrukturierenden bzw.
raumstrukturierenden Wirkungen setzt daher eine analytische Trennung voraus, um
Hypothesen und Befunde über die Wechselbeziehung bilden zu können.
6
Dabei wird oft auf die „Dualität der Struktur“ von Giddens Bezug genommen.
65
wird. (...) Eine zentrale Kritik an dieser Konzeptualisierung von Räumen als eine Verding-
lichung zu Orten und Territorien ist also, dass diese Denkfigur ausschließt, dass durch
die Aktivität verschiedener gesellschaftlicher Teilgruppen an einem Ort oder auf einem
Territorium mehrere Räume entstehen können. Ferner wird die Bedeutung symbolischer
Verknüpfungen nicht berücksichtigt“ (Löw 2001: 64).
Im Gegensatz dazu stehen relationale Raumkonzepte. Demnach ist Raum eine stets
neu zu produzierende und reproduzierte relationale (An-)Ordnung sozialer Güter und
Menschen (Lebewesen) an Orten, in deren Konstitution Menschen in zweifacher Hinsicht
einbezogen sind. „Zum einen können sie ein Bestandteil der zu Räumen verknüpften
Elemente sein, zum zweiten ist die Verknüpfung selbst an menschliche Aktivität gebun-
den“ (Löw 2001: 224). Räume sind nicht a priori vorhanden, sondern müssen aktiv durch
Syntheseleistungen, durch die klassen-, geschlechts- und kulturspezifisch vorstrukturierten
Interaktionen, Wahrnehmungen, Erinnerungen (re-)produziert werden. Das heißt aber
auch, dass nicht ein Raum, sondern verschiedene Räume entstehen, solche für bestimmte
Funktionen und solche, die Menschen/Gruppen/Gesellschaft zu schaffen in der Lage
sind. „Die Chancen, Raum zu konstituieren, können aufgrund geringerer oder größerer
Verfügungsmöglichkeiten über soziale Güter, aufgrund von geringerem oder breiterem
Wissen, aufgrund geringerer oder höherer Verfügungsmöglichkeiten über soziale Posi-
tionen oder/und aufgrund von Zugehörigkeit bzw. Nicht-Zugehörigkeit dauerhaft begüns-
tigt oder benachteiligt sein“ (Löw 2001: 228). Wissen, Macht, Geld oder Rang konstituieren
unterschiedliche Räume, die wieder als beschränkte Handlungsbedingungen die weitere
Raumkonstitution einschränken.
2.2 Zusammenfassung
Raumbegriffe sind mehr oder weniger gelungene Hilfskonstruktionen zur Reduktion
der Komplexität der Realität. Es gibt daher nicht den „Raum“, sondern problembezogen
mehrere „Räume“ und einen Wandel der Raumbedeutung. Jeder Raumbegriff hat einen
bestimmten, mehr oder weniger beschränkten Erklärungswert. Wenn es um die Senkung
von Transportkosten geht, ist es sinnvoll, sich über die Veränderung von Distanzen, wenn
es um die Senkung von Infrastrukturkosten geht, ist es sinnvoll, sich über die künstliche Peri-
pherisierung durch flächenfressende Siedlungsentwicklung den Kopf zu zerbrechen.
Tatsächlich existieren viele Raumbegriffe nebeneinander. Die – weitgehend unreflek-
tierte – Mischverwendung führt daher zu unterschiedlichen Diagnosen über die Verän-
derungen der räumlichen und sozialen Organisation der Gesellschaft und deren Konse-
quenzen. Es handelt sich aber weniger um eine „Krise des Raums“, sondern vielmehr um
eine latente, und im Fall von radikalen Entwicklungsschüben zugespitzte, Erklärungskrise.
Die Veränderung der empirisch evidenten Mensch-„Raum“-Beziehungen verlangte aber,
die sozial vorgegebenen Raumvorstellungen, die sich in einem bestimmten historischen
Zusammenhang entwickelt haben, zu revidieren und weiterzuentwickeln. Das ist nur mit
einem komplexen, relationalen Raumkonzept möglich. Seine Merkmale sind:
■ Raum ist nicht etwas an sich Existierendes, sondern ein Prozess der permanenten
(Re-)Produktion.
66
7
Während das Gefälle zwischen den EU-Mitgliedsländern geringer geworden ist.
67
Die Veränderungen der räumlichen Organisation der Gesellschaft können nicht als
Enträumlichung, sondern als Pluralisierung der Produktions- und Reproduktionsbedin-
gungen für die Raumschaffung bezeichnet werden. Geht man unter Anwendung eines
komplexen und relationalen Raumbegriffs davon aus, dass es Menschen sind, die jede/r
für sich und als Gesellschaft durch ihre Syntheseleistung, durch Handlungsweisen und
mittels eines Regulierungs- und Symbolsystems Raum schaffen, ist die Frage müßig, ob der
Raum seine Bedeutung als Bezugs- und Orientierungssystem verloren hat. Wo Mensch/
Gesellschaft ist, ist auch Raum.
Die interessanten Fragen sind andere: Ist die durch klassen-, geschlechts- und kultur-
spezifisch vorstrukturierte Interaktionen, Wahrnehmungen und Erinnerung geschaffene
relationale Anordnung sozialer Güter und Menschen an Orten geeignet? Ist sie brauch-
bar für das Handeln (agieren, denken, kommunizieren) in all den vielfältigen, für den
Lebensvollzug sinnvollen, notwendigen und erfreulichen Formen, wie wohnen, arbeiten,
Freunde treffen, einkaufen, zur Schule gehen, spielen, sporteln, und in den verschiedenen
Lebensphasen und -lagen, wie jung sein, alt sein, krank sein, arm sein?
Sind die geschaffenen Nutzungsstrukturen,8 die Planungsrichtlinien, Entscheidungs-
prozesse oder Eigentumsstrukturen,9 sind die ästhetischen Normen und affektiven Auf-
ladungen von räumlichen Konfigurationen10 geeignet? Sind sie durch barrierefreie Bewe-
gung im Raum, Zugang und Erreichbarkeit von Infrastruktur in überwindbarer Distanz,
Hochwasserschutz, flächensparende Siedlungsentwicklung, Beteiligung an Planungs- und
Entscheidungsprozessen u. v. m. brauchbar, um Gesundheit, Bildung, Erholung, Sicherheit,
Arbeitsmöglichkeiten für die Bevölkerung sicherzustellen?
Welche Gruppen von Menschen, welche Teilbereiche der Gesellschaft, sind an der
Raumbildung aktiv beteiligt, welche sind von der Raumbildung (weitgehend) ausgeschlos-
sen, in ihrer Syntheseleistung beschränkt?
Solche Fragen sind nicht generell mit ja oder nein zu beantworten. Entstanden sind
mehr Handlungsmöglichkeiten und mehr Handlungsbeschränkungen.
Einerseits bedeuten die pluralen Raumkonfigurationen für das – im historischen Pro-
zess – immer gestaltungsfähigere Individuum im Prinzip eine Erweiterung der Handlungs-
möglichkeiten. Den Verlust von Ferne können viele Menschen als Bereicherung erleben,
den Verlust von Nähe locker wegstecken, die fragmentierten Räume zusammenfügen,
Un-Räume problemlos überspringen. Sie können Räume je nach Bedarf bewusst wählen
und verlassen. Das große Angebot und die Möglichkeit der freien Partnerwahl ermöglicht
die Liebesheirat mit dem Raum, Mehrfachloyalität und Scheidung. Das Mehr an Autono-
mie und Optionen stellt eine Erweiterung des Erfahrungshorizonts dar. Real und virtuell
können „grenzenlos“ viele Räume zu einem passenden Kaleidoskop zusammengesetzt
werden, virtuelle Realitäten können die Beziehung zum realen Raum noch verstärken. Es
8
Als Repräsentanten des materiell-physischen Substrats von Räumlichkeit.
9
Als Repräsentanten des Regulierungssystems von Räumlichkeit.
10
Als Repräsentanten des Symbolsystems.
68
entstanden und entstehen immer neue Möglichkeiten der Raumschaffung für Menschen.
Sie können quasi wie „Barmixer“ von Räumen agieren.
Andererseits entstanden und entstehen gleichzeitig immer neue Handlungsbeschrän-
kungen, die soziale Ungleichheit verstärken. Diese Tendenz kann auch als „Entgesellschaft-
lichung des Raums“ bezeichnet und der These von der „Enträumlichung der Gesellschaft“
entgegengestellt werden. Sie beschreibt den Tatbestand, dass immer mehr Räume für
eine Vielfalt von Lebensvollzügen ungeeignet (gemacht) werden und Menschen von der
Raumbildung ausschließen.
Ungeeignete Räume und Raumbildungsprozesse sind: Periphere und peripherisierte
Regionen, die keine Arbeits- und Versorgungsmöglichkeiten mehr bieten, Mobilität erzwin-
gen und/oder die weitere Entleerung von Regionen fördern; die räumliche Konzentration
von sozial Benachteiligten in innerstädtischen Wohngebieten, die Unterversorgung mit
Infrastruktur und Vernachlässigung produziert und einen Teufelskreis von Benachteiligung
in Gang setzt – benachteiligte Gebiete benachteiligen; die Schaffung von innerstädtischen
Erlebniswelten, die Gentrifizierung und die Verdrängung von sozial Schwächeren an den
Stadtrand fördert; die Konzentration von Einkaufserlebniswelten in den suburbanen Gebie-
ten, die Verkehr erzeugt, die ökonomische Basis der Nahversorger in den Innenstädten
zerstört und Kommunikationsnetze zerreißt; monostrukturelle Tourismusregionen, die
Infrastrukturversorgung den Bedürfnissen der Tourismusindustrie unterwerfen und gewach-
sene ökonomische und soziale Strukturen in den betroffenen Regionen zerstören; sich im
Stadtumland ausbreitende Einfamilienhaus-Siedlungen, die enorme, von der Gesellschaft
zu tragende Infrastrukturkosten verursachen, gesellschaftlichen Raum „fressen“ und die
Gesellschaft privatisieren. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Sie zeigen auf,
dass die Produktion und Reproduktion von Raum vielfach in einer Form vor sich und in
eine Richtung geht, die der „Entfaltung der Gesellschaft im Raum“ – Credo der Profession
Raumordnung – zuwiderläuft.
Für eine vielfältige Raumnutzung, für selbstbestimmtes Platzieren und Synthetisieren
fehlen unter diesen Bedingungen vielen gesellschaftlichen Gruppen die Voraussetzungen.
Zur Ungleichheitsursache Armut gesellt sich die Ungleichheitsursache Ausschluss von der
Raumbildung, mangelnde Mobilität, Beschränkung der Gestaltungs- und Definitionsmacht
von Räumen. Davon betroffen sind Kinder und Jugendliche, Erziehende, ältere Menschen
und ausgegrenzte ethnische Gruppen.
Raumordnung und Raumplanung hätten die Aufgabe, die Möglichkeit zur Raumbildung
für alle gesellschaftlichen Gruppen sicherzustellen. Dafür fehlen unter den Bedingungen
der Deregulierung, Privatisierung und Unterwerfung von immer mehr Lebensbereichen
unter eine ökonomisch definierte Effizienzlogik immer mehr die Voraussetzungen. Täglich
entstehen weitere geeignete und ungeeignete Räume, werden Menschen/Gruppen zur
Raumbildung animiert und von ihr ausgeschlossen. Wie das Match steht und ausgeht,
ist ungewiss.
69
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70
71
Gliederung
1 Soziale Ausgrenzung und Wohnquartier
2 Hamburg: Stadt des neuen wirtschaftlichen Wachstums, Stadt der neuen Armut
2.1 St. Pauli und Mümmelmannsberg: Armut in unterschiedlichen Quartieren
3 Wahrnehmung von Ausgrenzungsbedrohung: Welchen Einfluss übt das Quartier aus?
4 Wahrnehmung der Quartiere: Gibt es typische Unterschiede?
5 Wer kann im Quartier zusätzliche finanzielle Ressourcen mobilisieren, wer nicht?
6 Schlussbemerkung
Literatur
72
73
1
Ein solches Bewusstsein von Ausgrenzungsbedrohung oder gar Ausgrenzung ist nicht gleichzusetzen mit
einer eigenständigen „Kultur der Armut“ oder „Kultur der Abhängigkeit“, wie sie bisweilen im Zusammenhang
mit der Diskussion um die Herausbildung einer „Underclass“ in den USA angenommen werden. Ausgren-
zungsbewusstsein meint hier die Wahrnehmung einer besonderen Form von Ungleichheit, die aus verwehrten
Teilhabemöglichkeiten entsteht.
74
weil bei ihnen der tägliche Weg zur Arbeit entfällt. Soziale und räumliche Lage sind daher
in diesen Fällen besonders eng verzahnt.
Soziale Kontakte in der Nachbarschaft können Arbeitsgelegenheiten auf dem formellen
oder informellen Arbeitsmarkt vermitteln. Sie können aber auch, wenn sie sich zu sehr
auf Leute in ähnlicher Lage konzentrieren, von Informationen ausschließen und Möglich-
keiten der wechselseitigen materiellen Hilfe beschränken. Subkulturen der Armen, die aus
räumlicher Nähe erwachsen, können helfen, die Lebenssituation zu ertragen, es aber auch
erschweren, sie zu überwinden. Wohnungsqualität und Infrastruktur des Wohngebiets
beeinflussen den Lebensstandard, die institutionellen Angebote vor Ort (Bildungseinrich-
tungen, Beratungsstellen, medizinische Versorgung) die Lebens- und Partizipationschancen
(vgl. Kronauer 2002: 218). Angesichts der Vielfalt von Einflussmöglichkeiten besteht aller-
dings noch immer erhebliche Unklarheit darüber, wie Wohnquartiere und Armutslagen
aufeinander einwirken. In der Stadtforschung gibt es dazu vor allem zwei Thesen.
Die erste behauptet einen „Konzentrationseffekt“. Sie geht davon aus, dass, je höher die
Armutsdichte in einem Viertel ist, desto größer auch die zusätzliche Benachteiligung sei,
die daraus für die armen Bewohner erwächst. William Julius Wilson hat dieses Argument
anhand empirischer Untersuchungen, die er in erster Linie in Chicago durchgeführt hat,
am konsequentesten entwickelt (vgl. Wilson 1987 und 1996). Nach seiner Überzeugung
bildet die sozialräumliche Isolation das entscheidende Bindeglied zwischen Arbeitsmarkt
und Nachbarschaft. Wenn die Armen und Arbeitslosen weitgehend unter sich bleiben,
werden Beziehungen abgeschnitten, die in Erwerbsarbeit führen könnten. Darüber hinaus
stellt sich ein Sozialisationseffekt ein. Die Jugendlichen im „Getto“ verlieren den Kontakt
zu erwerbstätigen Erwachsenen, die sie durch ihr Vorbild auf ein Arbeitsleben vorbe-
reiten. Die Benachteiligung am Arbeitsmarkt wird auf diese Weise durch die räumliche
Konzentration der Benachteiligten weiter verstärkt. Die Formierung einer gesellschaftlich
ausgegrenzten „Underclass“ ist die Folge.
Zweifel an dieser These betreffen vor allem die Übertragbarkeit der amerikanischen
Befunde auf europäische Verhältnisse. Die Armutsdichte ist hier in der Regel geringer,
dementsprechend die soziale Diversität der Viertel größer.2 Ebenfalls geringer ist der Grad
der „rassischen“ bzw. „ethnischen“ Segregation. Darüber hinaus stammen die meisten
amerikanischen Befunde aus einer Zeit, in der dort die Armutsquartiere systematisch von
Staat und privaten Investoren boykottiert bzw. aufgegeben wurden, mit verheerenden
Folgen für den Zustand des Wohnungsbestandes und die Versorgung mit öffentlichen und
privaten Dienstleistungen. Sozialstaatliche Interventionen in den Wohnungsmarkt haben
in Deutschland bislang amerikanische Ausmaße von Segregation und physischem Verfall
in innerstädtischen Quartieren verhindert. Gleichwohl finden sich auch hier Hinweise
darauf, dass die Armutsdichte in einer Nachbarschaft einen Einfluss auf die Dauer des
Sozialhilfebezugs hat (vgl. Farwick 2001). Warum dies der Fall ist, wurde bislang allerdings
noch nicht überzeugend geklärt.
Die zweite These stellt einen „Quartierstypeneffekt“ fest. Demzufolge sind weniger
die Zahl und der Anteil der Armen an einer bestimmten Quartiersbevölkerung für die
2
Wilson und andere Autoren, die seine Thesen überprüfen, gehen von Armutsdichten von 40 % aus.
75
Lage der armen Bevölkerungsgruppen von Bedeutung als die funktionale Ausrichtung
und die dadurch beeinflusste soziale Zusammensetzung des Quartiers. Viertel mit einer
gemischten Nutzung (Wohnungen, Gewerbe, Dienstleistungen) und einer zentralen Lage
eröffnen demnach Arbeitslosen und Armen mehr Möglichkeiten als monofunktional allein
auf das Wohnen angelegte Großsiedlungen am Rand der Stadt. Sie bieten mehr formelle
und informelle Arbeitsgelegenheiten, mehr unterstützende soziale Beziehungen und sie
werden in der Regel weniger diskriminiert. Vor allem in der europäischen Diskussion über
städtische Armut und Ausgrenzung ist diese Auffassung weit verbreitet.
Die These von der Bedeutung unterschiedlicher sozialer Quartiersmerkmale für die
Erfahrung und Bewältigung von Armut und Ausgrenzung bildete auch den Ausgangs-
punkt der hier vorgestellten Untersuchungen in Hamburg. Die beiden Stadtviertel, die
wir für die Untersuchung auswählten – St. Pauli und Mümmelmannsberg – entsprechen
unterschiedlichen Quartierstypen im oben angegebenen Sinn: St. Pauli dem gemischt
genutzten, innerstädtischen Wohn- und Arbeitsquartier, Mümmelmannsberg der als reines
Wohngebiet genutzten Großsiedlung in Randlage. Um unsere Ausgangsfragen empirisch
beantworten zu können, mussten wir sie allerdings weiter spezifizieren. Die folgenden
vier Fragen leiteten unsere Untersuchung an:
2. Welchen Einfluss übt das Wohnquartier auf die Erfahrung von Ausgrenzungsbedrohung
aus?
Hier nahmen wir an, dass das Quartier eine wichtige Rolle spielt, wobei wir davon
ausgingen, dass das innerstädtische, gemischte Viertel eher vor Ausgrenzungserfahrung
schützt, die Großsiedlung dagegen die Ausgrenzungserfahrung verstärkt.
76
Wohngebiet dafür bietet. Wieder nahmen wir an, dass die Großsiedlung weniger Mög-
lichkeiten als das gemischte Quartier zur Verfügung stellt.
Bevor ich auf die Befunde der Studien eingehe, seien kurz die Untersuchungsorte vorge-
stellt, in denen sie gewonnen wurden – Hamburg und die beiden ausgewählten Viertel.
78
tischen Stadtregierung, ein Symbol des Fortschritts. Es sollte, wie viele ähnliche Projekte
in anderen Städten auch, die innerstädtische Wohnungsnot lindern und Familien mit
niederem und mittlerem Einkommen mit komfortablen und erschwinglichen Wohnungen
am Stadtrand, in einer quasi suburbanen Umgebung, versorgen. Eine Reform-Gesamt-
schule wurde gebaut und ist bis heute eine zentrale Einrichtung des Viertels. Kindergarten,
Einkaufs- und Gesundheitszentrum machten Mümmelmannsberg zu einem weitgehend
autarken Wohngebiet, allerdings strikt getrennt von den Arbeitsplätzen seiner Bewohner.
Zunächst war die Arbeit nur mit dem eigenen Auto über die angeschlossene Autobahn
oder gegebenenfalls mit dem Bus zu erreichen. Erst seit 1990 verbindet eine U-Bahn-Linie
das Quartier mit dem Stadtzentrum.
Die soziale Zusammensetzung des Viertels veränderte sich in den Achtzigerjahren.
Leerstände nahmen zu und wurden von der Stadt mit der Zuweisung von Sozialhilfeemp-
fängern verringert. Mittlerweile war auch das stadtplanerische Konzept der Großsiedlungen
in die Schusslinie der Kritik geraten. Mümmelmannsberg wandelte sich in der öffentlichen
Wahrnehmung vom städtebaulichen „Modell“ zum „Problemquartier“. Der erste offizielle
Hamburger Armutsbericht zeichnete vom Stadtteil ein Bild des Elends und der Hoffnungs-
losigkeit (vgl. BAGS 1993). Im Anschluss an die deutsche Vereinigung stoppte allerdings
ein Wohnungsmangel den Exodus der Mittelklasse und kehrte den Trend um. Dennoch
liegen Arbeitslosigkeit und Armut weiterhin deutlich über dem Hamburger Durchschnitt.
Etwa 15 % der Bewohner Mümmelmannsbergs bezogen Mitte der Neunzigerjahre Sozial-
hilfe. Migranten stellten 1997 27 % der Bevölkerung. Trotz beträchtlicher Investitionen der
Stadt in die Verschönerung des Stadtteils, vor allem der Grünflächen, und in die Gesamt-
schule vor Ort und trotz des insgesamt guten äußeren Zustands der Gebäude hat sich
am schlechten Ruf, den Mümmelmannsberg außerhalb des Bezirks hat, wenig geändert.
Entgegen diesem Ruf gibt es zudem ein bemerkenswertes lokales Leben. Verschiedene
Institutionen, finanziert von den Kirchen und der Stadt, organisieren überdies Angebote
für Jugendliche und alleinerziehende Mütter. Wie St. Pauli hat auch Mümmelmannsberg
eine eigene Dienststelle des Sozialamts. Klagen in unseren Interviews, insbesondere von
Frauen, galten vor allem den unzureichenden Einkaufsmöglichkeiten im Quartier.
79
3
Die erste Studie war von der Volkswagenstiftung finanziert worden und wurde in Zusammenarbeit mit
Berthold Vogel und Oliver Callies am SOFI durchgeführt. 1997 und 1998 befragten wir insgesamt 97 Langzeit-
arbeitslose und Sozialhilfebezieher bzw. Sozialhilfebezieherinnen (60 % Männer, 90 % deutscher Abstam-
mung). Etwa die Hälfte von ihnen gehörte der Altersgruppe zwischen 35 und 49 Jahren an, 15 % waren älter
als 50 Jahre. Ebenfalls die Hälfte der Befragten hatte keine berufliche Ausbildung. 84 % waren länger als ein
Jahr arbeitslos gemeldet, 88 % erhielten Sozialhilfe (vgl. Kronauer und Vogel 2003). Die zweite Studie fand
im Rahmen des von der Europäischen Union geförderten Forschungsverbunds URBEX (Spatial Dimensions of
Urban Social Exclusion and Integration) statt, in dem Forscher aus sechs Ländern Quartiere in elf europäischen
Großstädten untersuchten. Neben einer Aufarbeitung statistischer Daten zu Hamburg und den Untersuchungs-
gebieten befragten wir im Jahr 2000 53 weitere Bewohner der beiden Quartiere – langzeitarbeitslose, deutsche
Männer, alleinerziehende Frauen, die Sozialhilfe erhielten, und arbeitslose Migranten. Um die Vergleichbarkeit
mit der ersten Studie zu gewährleisten, griffen wir eine Reihe von Fragen, die wir dort gestellt hatten, wieder
auf. Stärker als in jener Studie konzentrierten wir uns aber auf die Ressourcen, die die Befragten jeweils vom
Staat, dem (formellen und informellen) Arbeitsmarkt und von sozialen Nahbeziehungen mobilisieren konnten
(vgl. Dorsch et al. 2000; Kronauer et al. 2001). Peter Noller, Rolf Keim und Berthold Vogel arbeiteten mit mir
an dieser Untersuchung.
4
Um die Antworten vergleichen zu können, bedienten wir uns eines dicht strukturierten Frageleitfadens, in
dem die Frageformulierungen und die Reihenfolge vorgegeben waren, von den Interviewern aber zusätzliche
Nachfragen gestellt werden sollten. Es handelte sich um offene Interviews. Antwortalternativen waren nicht
vorgegeben.
80
Drei oder vier positive Antworten auf diese Fragen interpretierten wir als Anzeichen
für ein umfassendes („starkes“) Gefühl der sozialen Ausgrenzung oder Ausgrenzungsbe-
drohung, zwei positive Antworten als Gefühl einer „partiellen“ Ausgrenzung oder Aus-
grenzungsbedrohung, eine oder keine positive Antwort als keine oder allenfalls schwache
wahrgenommene Bedrohung.
Unsere Erwartung, dass ein starkes objektives Risiko am Arbeitsmarkt mit dem Gefühl,
von sozialer Ausgrenzung bedroht oder betroffen zu sein, einhergeht, bestätigte sich.
Etwa drei Viertel der Befragten äußerten, gemessen an unseren Indikatoren, starke oder
partielle Ausgrenzungserfahrungen. Was wir allerdings nicht erwartet hatten, war eine
deutliche Differenz zwischen den Geschlechtern, die unserer hypothetischen Annahme
widersprach. Während sich die Antwortmuster der Männer etwa gleichmäßig über die
Kategorien „stark“, „partiell“ und „schwach/keine“ hinweg verteilten, fielen 60 % der Ant-
worten der Frauen in die Kategorie „starke“ Ausgrenzungserfahrung, während nur 13 %
keine solche Erfahrung angaben oder lediglich in einer Dimension.5 Familiäre Unterstützung
schwächte das Bedrohungsgefühl sowohl bei Männern wie Frauen etwas ab, verheiratet zu
sein bedeutete jedoch keinen Schutz. Nicht allein zu leben half Männern gegen das Gefühl
der Ausgrenzungsbedrohung, nicht jedoch Frauen. Auch Kinder zu haben bedeutete für sie
wenig Hilfe gegen dieses Gefühl. Wie zu erwarten, bestand für Männer wie Frauen eine
enge Verbindung zwischen der Dauer von Arbeitslosigkeit und Sozialhilfebezug sowie der
eigenen Chancenbewertung am Arbeitsmarkt und der Stärke der Erfahrung von sozialer
Ausgrenzung. Jedoch fühlten sich Frauen von Anfang an, auch bei kürzerer Dauer der
Arbeitslosigkeit und des Sozialhilfebezugs, in umfassenderer Weise bedroht als Männer.
Dass Kinder so wenig ein Gegengewicht gegen das Gefühl der Ausgrenzungsbedrohung
bei den Alleinerziehenden darstellen, hat sicherlich einen wesentlichen Grund in den
starken finanziellen Belastungen und der stigmatisierenden Behördenabhängigkeit, mit
der die Frauen konfrontiert sind, wenn sie ihrer besonderen Verantwortung für die Kinder
nachkommen wollen.
Welchen Einfluss übt das Quartier, in dem die Befragten jeweils wohnen, auf das Gefühl
der Ausgrenzungsbedrohung aus? Um dies herauszufinden, verbanden wir unsere oben
dargelegten Indikatoren mit der Antwort auf eine weitere Frage – auf die Frage nämlich,
ob unsere Gesprächspartnerinnen und partner im Quartier wohnen bleiben wollten oder
lieber wegziehen würden. Wir nahmen an, einen deutlichen Zusammenhang zwischen
der jeweiligen Ausprägung des Gefühls sozialer Ausgrenzung und der Bewertung des
Wohnquartiers vorzufinden.
Tatsächlich jedoch zeigte sich der erwartete Zusammenhang nur in einem der beiden
Quartiere, St. Pauli, und auch dort nur für bestimmte Gruppen. Insgesamt jedoch fiel
der Einfluss des Quartiers auf die Ausgrenzungserfahrung weit schwächer aus, als wir
gedacht hatten.
Für Frauen aus St. Pauli, die sich in den meisten Ausgrenzungsdimensionen beeinträch-
tigt fühlten, bestätigte sich der negative Quartierseffekt. Sie äußerten auch den starken
5
Die Angaben beziehen sich auf die erste Studie, ein ähnliches Bild ergab sich aber auch in der URBEX-
Untersuchung.
81
Wunsch, das Viertel zu verlassen. Bei zwei anderen Kategorien von Befragten deutete
sich ein umgekehrter Zusammenhang an. Sie erlebten und nutzten St. Pauli als eine Art
schützender Umwelt. Während mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit in der Regel
die Ausgrenzungserfahrungen umfassender wurden, fand sich in St. Pauli eine Gruppe
langzeitarbeitsloser Männer, die nach einer Erwerbslosigkeit von mehr als fünf Jahren deut-
lich weniger über Ausgrenzungserfahrungen berichteten. Offenbar hatten sie es geschafft,
sich mit ihrer Lage mehr oder weniger abzufinden. St. Pauli bot das soziale Umfeld, das
ihnen dies ermöglichte. Die Tatsache, dass viele Arbeitslose und Arme im Viertel leben,
schützte sie in einem gewissen Maß vor bedrohlichen sozialen, zur Selbstrechtfertigung
zwingenden Konfrontationen. Zur zweiten Kategorie gehörte ein junger Mann, der sich
der Alternativszene zurechnete. Die Distanz gegenüber der Mehrheitsgesellschaft war
hier bewusste Haltung. Sie fand ihre Bestätigung im Kreis Gleichgesinnter, die in St. Pauli
einigermaßen ungestört dem von ihnen gewählten Leben nachgehen konnten.
Für die meisten Männer unserer Befragung in St. Pauli aber bestand kein erkennbarer
Zusammenhang zwischen ihrer Wahrnehmung des Quartiers und der Erfahrung von
Ausgrenzung. Sie erlebten sich als mehr oder weniger von Ausgrenzung betroffen oder
bedroht, obwohl sie – oder besser: unabhängig davon, dass sie – angaben, in St. Pauli
leben und nicht wegziehen zu wollen. Noch schärfer trat die jeweilige Unabhängigkeit
von Ausgrenzungs- und Quartierserfahrung in Mümmelmannsberg hervor. Unter den
Männern, die hier den Wunsch äußerten, das Viertel zu verlassen, waren gerade diejeni-
gen stark vertreten, die sich am wenigsten als von Ausgrenzung bedroht erlebten. Und
auf der anderen Seite: Diejenigen, die umfassende Ausgrenzungserfahrungen äußerten,
wollten in den meisten Fällen durchaus im Viertel wohnen bleiben. Das galt für Frauen
wie Männer gleichermaßen.
Dies legt eine wichtige Schlussfolgerung nahe. Ausgrenzungs- und Quartierserfah-
rungen sind in einem erheblichen Maße voneinander „entkoppelt“. Nur unter besonderen
Umständen verstärken Erfahrungen mit den Lebensumständen im Quartier in der Tat
das Gefühl, von Ausgrenzung bedroht zu sein, oder schwächen es ab. Beispiele hierfür
zeigen sich in unserer Untersuchung allerdings nur in einem der beiden Stadtviertel und
bei Minderheiten der Befragten. Bei der Mehrheit wird vor allem etwas anderes deutlich.
Die Ausgrenzungserfahrungen, die wir mit unseren Fragen zu erfassen suchten, bilden sich
weitgehend vor einem Erfahrungshorizont heraus, der über die Institutionen und Alltags-
beziehungen im Quartier hinausreicht. Sie beziehen sich u. a. auf die gesellschaftliche (und
als solche individuell verinnerlichte) Bedeutung von Erwerbsarbeit, auf Ungleichheiten am
Arbeitsmarkt, wohlfahrtsstaatliche Regelungen und Ämter und verallgemeinerte Maßstäbe
des Lebensstandards. So wenig Arbeitslosigkeit und Armut „quartiersgemacht“ sind, so
beschränkt sind offenbar auch die Möglichkeiten unserer Befragten, der Bedrohung durch
soziale Ausgrenzung vom Quartier aus etwas entgegenzusetzen.
Heißt dies, dass die Lebensbedingungen im Wohnviertel für die Bewältigung von Armut
und Arbeitslosigkeit bedeutungslos sind? Keineswegs. Sie können die Lage auch jenseits
der Ausgrenzungsfrage durchaus erleichtern oder aber noch niederdrückender machen.
Darum wird es im Folgenden gehen.
82
6
Auch diese Angaben stammen aus der ersten Studie. Die Verteilung der Antworten im URBEX-Sample fiel
ähnlich aus: Sechzehn Befragte in St. Pauli wollten bleiben, fünfzehn in Mümmelmannsberg. Fünf wollten St.
Pauli gerne verlassen, sieben in Mümmelmannsberg. Jeweils fünf Personen betonten ihre Zwiespältigkeiten in
dieser Frage.
83
84
Damit wird verständlich, warum in unserer ersten Studie drei Viertel der Frauen, die wir
in Mümmelmannsberg interviewten, fast alle Mütter, angaben, im Viertel wohnen bleiben
zu wollen. In der zweiten Studie fiel das Urteilsbild bei den Frauen etwas gemischter aus,
das der Männer dagegen positiver. Aber auch dabei zeigt sich der starke Einfluss von
Haushaltsform und familiärer Anbindung: Die Hälfte der langzeitarbeitslosen Männer aus
dem Viertel, die wir in dieser Studie befragten, hatten Kinder und/oder lebten in einem
gemeinsamen Haushalt mit der Partnerin.
St. Pauli dagegen ist kein Wohnumfeld, das von Familien geprägt wird oder ihnen zuträg-
lich wäre. Die meisten (deutschen) Bewohner leben allein, Männer ebenso wie Frauen.
Zudem ist es innerhalb des Spektrums seiner Armutsbevölkerung ein Viertel, das sehr viel
stärker Männern entgegenkommt und entspricht als Frauen. In beiden Studien erklärte
die große Mehrheit der Männer, dass sie in St. Pauli bleiben wollten, viele der Befragten
identifizierten sich dabei ausgesprochen mit dem Viertel. Bei den Frauen dagegen gingen
die Meinungen sehr viel stärker auseinander und sie äußerten sich insgesamt deutlich zwie-
spältiger. St. Pauli bietet vor allem solchen Menschen Überlebensnischen, die sich schon
lange an den Rändern der „Arbeitsgesellschaft“ bewegen – die immer wieder arbeitslos
waren oder einen sozialen Abstieg hinter sich haben, der sich über längere Zeit hinweg
erstreckte. Gelegentlich gewährt es allerdings auch Zuflucht vor kritischen Begegnungen
mit alten Bekannten, wenn ein plötzlicher Absturz zu verkraften ist. Wenn man in St. Pauli
Hilfe braucht, sind es Freunde, an die man sich wendet, weit mehr als Verwandte.
Unsere Befunde zwingen dazu, die Voraussetzungen der These vom „Quartierstypen-
effekt“ zu überdenken. Wenn wir Nachbarschaften oder Quartiere vergleichen, dann
haben wir es nicht allein mit den Wirkungen unterschiedlicher Nutzungsweisen und
physischer Strukturen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe (in unserem Fall: Lang-
zeitarbeitslose und Sozialhilfebezieherinnen) zu tun. Stattdessen vergleichen wir sowohl
verschiedene Quartierstypen als auch verschiedene Populationen. Unterschiedliche
Quartiere ziehen unterschiedliche Bevölkerungen an, und dies gilt in erheblichem Maße
auch für die Armen. Viele von ihnen landen in einem bestimmten Viertel aus mehr oder
weniger zufälligen Gründen – etwa weil anderswo gerade keine Wohnung zu dem Preis
verfügbar war. Diese Effekte müssten sich aber auf längere Sicht ausgleichen und können
deshalb die deutlichen Unterschiede, auf die wir gestoßen sind, nicht erklären. Andere
arme Bewohner werden auf administrativem Weg in ein Viertel eingewiesen. Aber viele
treffen auch eine Wahl, obgleich die Wahlmöglichkeiten aus finanziellen Gründen stark
eingeschränkt sind. Unterschiedliche Stadtviertel kommen deshalb auch unterschiedlichen
Bedürfnissen armer Bewohner entgegen.
Zu dieser Feststellung gibt es aber auch eine Kehrseite. Beide Quartiere machen es
solchen Bewohnern zusätzlich schwer, die die spezifischen Ressourcen, die das Viertel
jeweils bietet, nicht nutzen können oder deren Bedürfnisse auf kein „Angebot“ im Viertel
stoßen. Die Befragten, die lieber aus St. Pauli weggezogen wären, hatten in den meisten
Fällen zwei Merkmale gemeinsam. Sie waren früher in (scheinbar) stabilen Arbeitsver-
hältnissen beschäftig gewesen und hatten dann einen scharfen biografischen Einschnitt
erlebt, verbunden mit einem sozialen Abstieg. Und sie waren nicht freiwillig nach St. Pauli
gezogen, sondern weil sie keine Alternative dazu sahen. Aus beiden Gründen konnten
85
oder wollten sie nicht Teil eines der in St. Pauli ansässigen Milieus werden. Sie erleben
sich als Außenseiter unter Außenseitern. Demzufolge spielen nicht allein Geschlecht und
aktuelle Haushaltsform, sondern auch die Lebensgeschichte eine entscheidende Rolle,
wenn es um die Beurteilung der Lebensbedingungen in St. Pauli geht.
In Mümmelmannsberg wiederum sind es, wie wir gesehen haben, vor allem Frauen und
Männer mit Kindern und familiärer Einbindung, die die baulichen und infrastrukturellen
Angebote der Großsiedlung schätzen können. Für alleinstehende, arbeitslose Männer
dagegen, die zudem keine Verwandtschaft im Viertel haben, ist diese ganz auf räumliche
Trennung und funktionale Ergänzung von Arbeit und Familie angelegte Welt völlig sinnlos
und zusätzlich belastend. Kurz: Quartiere üben nicht nur keine einheitlichen Wirkungen
auf ihre armen Bewohner aus. Sie erzeugen vielmehr häufig geradezu gegensätzliche
Effekte. Dieselben Lebensbedingungen, die es einer Kategorie von Armen erleichtern
können, mit ihrer Lage fertig zu werden, können unter Umständen eine andere zusätzlich
belasten oder gar ihre Ausgrenzung verstärken.
86
87
6 Schlussbemerkung
Die Ausgangsfrage dieses Beitrags war, was unterschiedliche Lebensbedingungen im
Wohnquartier für Menschen bedeuten, die sich mit Armut, Langzeitarbeitslosigkeit und
der Bedrohung durch soziale Ausgrenzung auseinandersetzen müssen. Weder die These
vom „Konzentrationseffekt“ noch die vom „Quartierstypeneffekt“ war in der Lage, die
komplexen Beziehungen zwischen Haushaltsformen, Biografien und Geschlecht auf
der einen Seite und Wohnbedingungen und sozialen Beziehungen im Quartier auf der
anderen, auf die wir in unserer Untersuchung gestoßen sind, angemessen zu erklären. Im
Verlauf der Darstellung und Diskussion ergaben sich drei Schlussfolgerungen. Sie haben
wichtige Implikationen für die politische Auseinandersetzung mit Armut in städtischen
Wohngebieten.
Erstens: Quartiere, die sich im Hinblick auf ihre Geschichte, ihre funktionale Nutzung,
ihre Infrastruktur und ihre Bausubstanz unterscheiden, ziehen auch unterschiedliche
Armutspopulationen an und kommen unterschiedlichen Bedürfnissen armer Bewoh-
ner entgegen. Selbst Arme treffen häufig Entscheidungen hinsichtlich des Quartiers, in
dem sie wohnen und wohnen wollen – auch wenn dies nur eine sehr eingeschränkte
Entscheidung zwischen Wohngebieten mit erschwinglichem Wohnraum sein kann.
Politische Intervention sollte anerkennen, dass es keinen speziellen „Quartierstyp“ gibt,
der den Bedürfnissen aller armen Bevölkerungsgruppen am ehesten gerecht werden
kann. Aber sie kann auch die Tatsache, dass Bewohner Entscheidungen getroffen haben
und weiter treffen, zum Ausgangspunkt für quartiersbezogene Unterstützung nehmen.
Denn „Entscheidung“ ist nur dann ein sinnvoller Begriff, wenn eine Wahl zwischen Quar-
tieren besteht, die jeweils auf eigene Weise einen angemessenen Mindeststandard an
Wohnungs- und Gebäudequalität, physischer Infrastruktur und institutioneller Versorgung
(insbesondere Schulen) aufweisen und zugleich ein sicheres Wohnumfeld gewährleisten.
Dies setzt private und öffentliche Investitionen sowie wohlfahrtsstaatliche Präsenz voraus.
In unserem Fall konnten die Befragten die Lebensbedingungen in beiden Quartieren nur
deshalb überwiegend positiv bewerten, weil es keine vom Staat „aufgegebenen“ Viertel
sind – wobei allerdings vor allem in St. Pauli bereits massive Klagen über den Zustand
des Viertels geäußert wurden.
Zweitens: Lebensbedingungen in Quartieren mit einem hohen Anteil von Arbeitslosen
und Armen wirken auf ihre Bewohner häufig zwiespältig. Merkmale des Quartiers, die
bestimmte arme Bewohnergruppen als positiv und unterstützend erleben, können für
andere das Leben weiter erschweren oder gar soziale Ausgrenzung verschärfen. Im Fall
von Mümmelmannsberg kommt die auf Familien zugeschnittene physisch-soziale Anlage
88
der Großsiedlung den arbeitslosen Frauen mit Kindern entgegen, bei den arbeitslosen
Männern ohne Familienanschluss aber droht sie die Isolation zu verstärken. Vom „Mili-
euschutz“, den St. Pauli armen Bewohnern bieten kann, fühlen sich wiederum diejenigen
ausgeschlossen und dadurch zusätzlich belastet, die die lebensgeschichtlichen Voraus-
setzungen der Zugehörigkeit nicht teilen. Politische Intervention muss derartige Zwie-
spältigkeiten, gerade was die Folgen des eigenen Handelns betrifft, soweit wie möglich
zur Kenntnis nehmen und berücksichtigen.
Drittens: Quartierserfahrung und Ausgrenzungserfahrung sind in einem erheblichen
Maße voneinander unabhängig. Die Lebensbedingungen im Quartier können unter
Umständen die Erfahrung von sozialer Ausgrenzung verschärfen, aber nur in seltenen
Fällen kompensieren. Denn Armut und Langzeitarbeitslosigkeit, die wesentlichen Quellen
von Ausgrenzungserfahrungen, haben ihre Ursachen außerhalb des Quartiers. Nur in einer
quartiersübergreifenden Politik können sie deshalb auch angegangen werden.
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90
Gliederung
1 Einleitung
2 Soziale Integration
2.1 Segregation und Konzentration in der Großwohnsiedlung
3 Soziale Identität
3.1 Umkehrung der Etablierten-Außenseiter-Beziehung
4 Raum und soziale Ungleichheit
4.1 Stadtteil als sozialer Raum
5 Konfliktlinien
Literatur
1 Einleitung
Zwei Erfahrungen beeinflussen den folgenden Beitrag zur Theorie und Methode der
Analyse sozialer Strukturen und Beziehungen in einer städtischen Großwohnsiedlung. Es
ist zunächst die Erfahrung unseres methodologischen Ansatzes der Analyse sozialer Milieus
im gesellschaftlichen Strukturwandel, die sich im Begriff des relationalen Paradigmas (vgl.
Vester et al. 2001) zusammenfassen lässt. Im Unterschied zur Soziologie sozialer Ungleich-
heit und zu Sozialstrukturanalysen im engeren Sinn, die primär an sozialen Standards von
Individuen und Gruppen ausgerichtet sind, stehen im Mittelpunkt unseres Erkenntnis-
interesses die sozialen Beziehungen und positionsbedingten Probleme von sozialen
Gruppen. Aus dieser Milieuperspektive zielen wir auf die informellen, nicht immer sogleich
sichtbaren, aber im Alltag und seinen Hierarchien wirksamen Kommunikations- und
Interaktionsmuster der Menschen in ihren sozialräumlichen Bezügen. Entgegen linearen
und nicht selten eindimensionalen Vorstellungen gesellschaftlicher Entwicklung verweist
das relationale Paradigma auf unterschiedliche Entwicklungspfade alltagsweltlicher und
politischer Verarbeitung gesellschaftlicher Strukturbrüche, wie sie uns in Gestalt vielschich-
tiger sozialer Segregations- und Konzentrationsprozesse im Städtischen begegnen.
Die zweite in diesen Beitrag einfließende Erfahrung basiert auf einer daran anschlie-
ßenden Untersuchung eines jener Stadtteile, die in den 1960er- und 70er-Jahren als
Großsiedlungen an den Rändern bundesdeutscher Städte errichtet wurden und nun als
Problemviertel oder gar als soziale Brennpunkte öffentliches Interesse erregen. In unserem
Fall handelt es sich um den hannoverschen Stadtteil Vahrenheide, der Ende der 1950er-
Jahre für mehr als 20.000 Menschen geplant worden war, in kleinerem Maßstab für etwa
12.000 Einwohner mit überwiegend öffentlichen Wohnungsbaumitteln in den 1960er- und
zu Beginn der 1970er-Jahre realisiert wurde und seit 1998, bezogen auf seinen östlichen
Teil, als Sanierungsgebiet ausgewiesen ist (vgl. Geiling et al. 1999; 2001; 2002). Unsere
91
Untersuchung sollte den Akteuren der Sanierung Hinweise geben auf soziale Strukturdaten
und auf das mehr oder minder gelingende Zusammenspiel von Bewohnerschaft, lokalen
Initiativen, Vereinen, städtischen Einrichtungen und Gremien.
Die Komplexität sozialer Integrationsprobleme in der Stadt, so unsere These, lässt sich
über die Analyse von Strukturen und Lebenswelten einzelner Stadtteile exemplarisch
dann erfassen, wenn diese auf möglichst kleinräumiger Datenbasis in der Verknüpfung mit
qualitativen Untersuchungsmethoden erfolgt. Der hier auch theoretisch skizzierte Ansatz
reicht über vordergründige, überwiegend an den Merkmalen systemischer Integration
orientierte Segregationsanalysen hinaus. Er richtet sich auf den Problemzusammenhang
sozialer Integration in ihren sozialräumlichen Bezügen, in ihren Dimensionen alltags-
kultureller Identitäten und erfahrbarer lokaler Machtbeziehungen. Raum ist damit für uns
eine Dimension der sozialen Praxis. In diesem Sinne ist Raum eine disponible und strate-
gisch nutzbare Ressource ökonomischer, kultureller und politischer Interessen. Als sozial
konstituiertes und somit historisches Produkt ist Raum in seiner Vergegenständlichung und
Nutzung eine beeinflussbare und zugleich aber auch soziales Verhalten beeinflussende
Dimension. Raum stellt sich dar als prekärer Kontext von strukturierten und strukturierenden
Interessen und Bedürfnissen und verweist als Repräsentations- und Handlungsrahmen (vgl.
Läpple 1991) auf Muster sozialer Praxis.
Nachfolgend wird zunächst skizziert, was soziale Integration in der Stadt heißen kann.
Aus der exemplarischen Perspektive einer Großwohnsiedlung erhalten die damit verbunde-
nen aktuellen Probleme eine spezifische Gestalt sozialer Segregation und Konzentration.
Danach wird entlang von kleinräumigen Daten und Beobachtungen auf die Selbst- und
Fremdwahrnehmung sozialer Milieus im Stadtteil eingegangen. Daraus ergeben sich Hin-
weise auf die für lokale soziale Integration bedeutsamen Muster und Probleme sozialer
Identitätsbildung. Zuletzt werden über qualitativ erhobene Befunde nicht minder bedeut-
same Strukturen stadtteilspezifischer Machtverhältnisse identifiziert und im Licht der zuvor
aufgegriffenen Dimensionen sozialer Segregation und Identitätsbildung diskutiert.
2 Soziale Integration
Die Chancen der Individualisierung und der Freiheit zur bürgerlichen Selbstverwirklichung
kennzeichnen im Idealfall Städte als sogenannte Integrationsmaschinen. Jedoch ist die
bis heute gängige Vorstellung positiver städtischer sozialer Integration – zum Ausdruck
gebracht als städtische Erfahrung und Qualität von Vielfalt, Toleranz, „Stadtluft macht
frei“ (Weber 1985: 742) – nicht der eigentliche Motor dieser Integrationsmaschine.
Insbesondere Simmel (1903) hat darauf hingewiesen. Er verstand Stadt als Ausdruck
gesamtgesellschaftlicher Strukturmerkmale. Die Stadt stellte sich für ihn als idealtypischer
Ort kapitalistischer Geldwirtschaft dar, wo sich die sozialen Beziehungen der Menschen in
Analogie zu denen von Marktteilnehmern rein sachlich und völlig entpersönlicht gestalten.
In dieser Marktorientierung kommt die Stadt ohne ein über den realen Interessen schwe-
bendes geistiges Zentrum oder moralisches Medium aus, welches für soziale Integration
verantwortlich wäre. Stattdessen war städtische soziale Integration für Simmel nur in der
Gestalt vorstellbar, dass unabhängige bürgerliche Individuen sich aufgrund wechselsei-
tiger ökonomischer Interessen verständigen können. Analog zu dieser rein funktional und
92
nicht mehr persönlich begründeten Integration werden die von Simmel zugleich für das
städtische Verhalten als typisch angesehenen Formen der Distanz, Blasiertheit und Diffe-
renz als Selbstschutz bzw. als integraler Bestandteil des dem hektischen Marktgeschehen
gleichgesetzten städtischen Zusammenlebens begriffen.
Diese auch als mutualistische Form des Leben und leben lassen vorstellbare typisch
städtische Gestalt sozialer Integration funktioniert jedoch nur unter den Bedingungen
gelungener „systemischer Integration“ (Lockwood 1979), wenn also für die Menschen
der gleichberechtigte Zugang zum Markt und zur Bürgerschaft gewährleistet ist. Soziale
Integration in der Stadt bzw. die bürgerliche Selbstverwirklichung als Freiheit zur Diffe-
renz kann aus dieser wirtschaftsliberal inspirierten systemischen Perspektive nur dann
gelingen, wenn das Individuum mit allen Möglichkeiten und Rechten in diesen sozialen und
politischen Kontext städtischer Vergesellschaftung eingebunden ist. Allein unter diesen
Bedingungen kann die großstädtische Gleichgültigkeit zur Tugend und die urbane
Anonymität zur Freiheit werden (vgl. Häußermann 1995: 94). Mit dieser struktur-
analytischen These städtischer Integration kann zwar nicht erklärt werden, warum dennoch
persönlich gefärbte soziale Beziehungen und moralische Regelungen im Sinne von Durk-
heims (1988/1902) „organischer Solidarität“ in der Stadt gelebt werden (siehe dazu hier
Abschnitt 3), aber sie stellt Stadt abseits negativer oder positiver Idealisierungen in den
gesamtgesellschaftlichen Kontext systemischer Einflüsse.
Nun ist die in den Phasen der prosperierenden Wirtschaft – wenn auch immer nur mit
Einschränkungen – funktionierende Integrationsmaschine mit der strukturellen Massen-
arbeitslosigkeit seit Mitte der 1970er-Jahre ins Stocken geraten. Mittlerweile geben Berichte
aus deutschen Städten (Bartelheimer 1997; Podszuweit, Schütte 1997; Häußermann,
Kapphan 2000; Buitkamp 2001) Hinweise auf zunehmende Ausgrenzungserfahrungen,
insbesondere bei Dauerarbeitslosen, Alleinerziehenden und Migranten. Ausgrenzung
bezeichnet dabei die zunehmende Abkopplung vom Arbeitsmarkt, hohe Hürden zum
gesellschaftlichen Institutionengefüge, Verfestigung sozialer Isolation und häufige Stig-
matisierungserfahrungen. Sie stellt sich als Problem sozialer Integration, Identität und
Machtverhältnisse dar. Ausgrenzungs- und Armutsphänomene finden sich in deutschen
Großstädten nicht durchgängig, sondern erscheinen in spezifischen Segregationsmustern.
Davon betroffen sind vor allem zentrumsnahe ehemalige Arbeiterstadtteile, schlichte
Wohnsiedlungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit und periphere Großsiedlungen
der 1960er- und 1970er-Jahre.
Die Außenwahrnehmung entsprechender Stadtteile und seiner Bewohnerschaften
ist in der Regel orientiert an Vorgaben, die die Mehrheitsgesellschaft als Maßstab für
gelungene soziale Integration in Anspruch nimmt und die im Sinne Simmels als Bedingungen
systemischer Integration bezeichnet werden können. Die Arbeitslosen- und Sozialhilfeemp-
fängerzahlen widersprechen diesem Anspruch gelungener sozialer Integration ebenso wie
die relativ hohen Anteile von Nicht-Deutschen ohne bürgerlich-politische Rechte. Daran
anknüpfende öffentliche Diskussionen schließen aus den vorliegenden Datenbefunden auf
vermeintliche Unzulänglichkeiten der dortigen Menschen wie auch auf die als grundsätzlich
defizitär wahrgenommenen und sich entsprechend negativ auf ihre Bewohnerschaften
auswirkenden Stadtteile in ihrer Gesamtheit. In diesem Zusammenhang liegt es nahe,
93
dass sich uns mit dieser öffentlichen Skandalisierung von Integrationsproblemen, die in
Gestalt der Verwahrlosung und Anomie ins Spiel gebracht werden, die aus der Diskussion
um die Gettos und die „new underclass“ in den USA (Wilson 1993) bekannten Theoreme
und Schlussfolgerungen aufdrängen, ohne dass wir die spezifischen Bedingungen in
unseren Großwohnsiedlungen hinreichend wahrgenommen haben. Davor ist die Frage
zu stellen, ob die in der Regel stigmatisierenden Außenwahrnehmungen solcher Stadt-
teile der Mehrdimensionalität von sozialen, ökonomischen und kulturellen Formen der
Integration und Ausgrenzung überhaupt gerecht werden können. Denn selbst in dem
hier diskutierten hannoverschen Stadtteil Vahrenheide sind zwei Drittel der Bewohner in
der Lage, ihr Leben ohne staatliche Transferleistungen zu bewältigen. Sie repräsentieren
unterschiedliche soziale Milieus, die über die diskriminierende Außenwahrnehmung ihres
Stadtteils hinaus ihre jeweils eigenen Formen der Binnenwahrnehmung entwickeln und
darüber das lebensweltliche Mit- und Gegeneinander strukturieren.
94
Die hier ausgewählten Quartiere befinden sich im Westen (1201), Nordosten (1206)
und Südosten (1204) Vahrenheides und repräsentieren deutlich unterschiedene soziale
Lagemerkmale. Das nicht im Sanierungsgebiet liegende Quartier 1201 stellt sich als Reihen-
haussiedlung mit einigen wenigen Zeilenbauten dar. Es ist in den 1950/60er-Jahren erbaut
worden, ebenso wie das überwiegend aus Zeilenbauten bestehende Quartier 1206 und
Teile des Quartiers 1204, welches allerdings Anfang der 1970er-Jahre um 18-geschossige
Hochhauskomplexe erweitert wurde. Sowohl die Alters- und Familienstrukturen als auch
die Quote der Nicht-Deutschen, Sozialhilfebezieher und Arbeitslosen zeigen, gemessen
an den Bedingungen systemischer Integration, ein außerordentliches West-Ost-Gefälle,
das jeder einheitlichen Klassifizierung des Stadtteils widerspricht.
Am deutlichsten wird dies mit der Belegrechtsquote von 0 % in 1201 und 91,1 %
in 1204 ausgedrückt. Bewohner mit geringen oder keinen Chancen auf dem freien
Wohnungsmarkt sind von der städtischen Belegrechtspolitik in 1204 konzentriert. Dies
betrifft Arbeitsmigranten ebenso wie unterschiedliche Flüchtlingsgruppen und Aussiedler,
die in diesem Quartier mit 59,8 % den autochthonen Deutschen, die dazu noch zu 25
% sozialstaatliche Transferleistungen beziehen, als Mehrheit gegenübertreten. Verglichen
95
mit den polarisierenden Merkmalen zwischen den Quartieren 1201 und 1204 zeigt das
Quartier 1206 auf den Stadtteil bezogen durchschnittliche Werte, die – bis auf die relativ
niedrige Sozialhilfequote der Nicht-Deutschen in diesem Quartier – nahezu doppelt so
hoch ausfallen wie entsprechende Durchschnittswerte in der Stadt Hannover.
Die sich in dieser differenzierten Perspektive darstellende stadtteilspezifische soziale
Segregation und Konzentration verweist darauf, dass es entgegen der einhelligen Außen-
wahrnehmung des Stadtteils vielfältige positionsbedingte Binnenwahrnehmungen gibt,
die auch von den unterschiedlichen Quartiersbedingungen (Reihenhäuser, Zeilenbauten,
Hochhauskomplex) mitgeprägt werden. Es ist anzunehmen, dass in Vahrenheide milieu-
spezifische Wahrnehmungen, Probleme und Bewältigungsmuster existieren, die in ihrer
jeweiligen Strukturierung mehr über Integration und Ausgrenzung vermitteln können als
stadtteilbezogene Durchschnittswerte von sozialen Lagemerkmalen. Alltagsweltliche Struk-
turen im Stadtteil wie auch die nachfolgend diskutierten Identitäts- und Machtprobleme
konturieren sich zunächst über kleinräumige Datenbestände.
3 Soziale Identität
Gegen die Gedankenlosigkeit, mit der in den 1960er-Jahren viele städtische Großsied-
lungen über Interessen und Bedürfnisse der Menschen hinweg gebaut wurden, setzte
Mitscherlich (1965) seine „Anstiftung zum Unfrieden“. Er richtete die Aufmerksamkeit
auf individual- und sozialpsychologische Dimensionen des sozialen Zusammenlebens in
der Stadt, die trotz faszinierender Arbeitsteilung, erweiterter Konsumchancen, techno-
logischer Fortschritte und gelingender systemischer Integration das Alltagsleben der
Menschen belasteten. Seine kritische Auseinandersetzung mit Besitz an städtischem
Boden, Bodenspekulationen, Konsumzwängen und Vernachlässigung von Kindern zielte
auf die gesellschaftliche Anerkennung von Gelegenheiten und Räumen der Reflexion
abseits der Hektik systemischer Zwänge. Nur auf äußere Reize zu reagieren, ständig neuen
Verhaltenszumutungen ausgesetzt zu werden und mit dem rasenden Tempo system-
bedingter Flexibilisierungsanforderungen nur unbewusst umgehen zu können, widersprach
nach Mitscherlich den Voraussetzungen individueller Integration, nämlich gegensätzliche
Erfahrungen bewusst wahrnehmen, selbstbestimmt zulassen und darüber in relativer
Autonomie reflektieren zu können.
Hier wird eine Dimension sozialer Integration thematisiert, die über die von Simmel in
idealtypischer Weise gefasste Integrationsleistung der Stadt hinausweist. Denn Wettbewerb
und Arbeitsteilung als zentrale Dimension systemischer Integration vermögen immer nur
kurzlebige und äußerliche Verbindungen herzustellen. Ökonomische Tauschverhältnisse
waren allein nie in der Lage, soziale Kohäsion zu begründen und Formen der alltags-
weltlichen Vergemeinschaftung hervorzurufen. Dementsprechend hat Durkheim (1988
[1902]: 259 f.) seinen Begriff der „organischen Solidarität“ verstanden: „Denn wenn das
Interesse die Individuen auch einander näher bringt, so doch immer nur für Augenblicke;
es kann zwischen ihnen nur ein äußeres Band knüpfen [...] Denn wo das Interesse allein
regiert, ist jedes Ich, da nichts die einander gegenüberstehenden Egoismen bremst, mit
jedem anderen auf Kriegsfuß.“ Er verweist stattdessen auf die kohäsiven Kräfte der über
die Arbeitsteilung begründeten korporativ gefassten Berufsgruppen: „Sobald aber die
Gruppe gebildet ist, entsteht in ihr ein moralisches Leben, das auf natürliche Weise den
96
Stempel der besonderen Bedingungen trägt, in denen es entstanden ist [...] und infolge-
dessen entsteht ein Korpus moralischer Regeln.“ (Ebd.: 55 f.).
Im Anschluss an Simmel hatte schon Park (1925) aus der Perspektive der amerikanischen
Stadt Chicago darauf hingewiesen, dass kohäsive moralische und politische Regelungen
des städtischen Gleichgewichts benötigt werden, um ökonomische Ungleichheiten,
kulturelle Fremdheiten und damit verbundene Integrationsprobleme bewältigen zu können.
So sind es auch noch gegenwärtig die in den sozialen und ethnischen Milieus entwickelten
sozialen Beziehungen und kohäsiven Formen der „Vergemeinschaftung“ (Weber 1985:
21), von denen aus die Menschen versuchen, den ökonomischen Verhaltenszumutungen
zu begegnen. Erweisen diese sich als unzumutbar, wirken die anonymen Mechanismen
systemischer Arbeitsteilung und Konkurrenz mehr oder minder ausgrenzend, geraten die
kohäsiven Kräfte des Alltagslebens unter Druck, zerfallen und lassen sich kaum wieder
rekonstituieren.
In Zeiten wirtschaftlichen Wachstums und Arbeitskräftemangels konnte Mitscherlichs
Kritik an den neuen Großsiedlungen und an ihren soziale Isolierung verursachenden
Maßverhältnissen und Strukturen noch verdrängt werden, weil zunächst die Wohnungsnot
abgemildert werden konnte und die nachholende Modernisierung jede soziale Problem-
lage als kurzfristig reparabel erscheinen ließ. 35 Jahre später jedoch gewinnt Mitscherlichs
Kritik neue Aktualität. Mehr denn je scheinen heute Reflexions- und Erfahrungsräume
gebraucht zu werden, um über soziale und kulturelle Grenzen hinaus Vergemein-
schaftungen als Bestandteil sozialer Integration zu ermöglichen. Die Umstrukturierungen
auf dem Arbeitsmarkt und die sie begleitenden Migrationsprozesse haben mittlerweile
zu einer Vervielfachung sozialer Ungleichheit und neuer Verhaltenszumutungen, nicht
zuletzt im Kontext ethnisch-kultureller Heterogenität, geführt (vgl. Geißler 2002).
Dadurch geprägte Erfahrungen werden vor allem in den zuvor schon kritisierten
Großsiedlungen gelebt, deren mangelnde Infrastrukturen sich bis heute kaum verbessert
haben, deren Wahrnehmungsraum nach Maßgabe der üblichen Funktionstrennung
reduziert ist auf eintönige Zeilenbebauung, kaum nutzbares Abstandsgrün und auto-
gerechte Gestaltung, und deren Bausubstanz häufig stark sanierungsbedürftig geworden
ist. Aus Mitteln des sozialen Wohnungsbaus finanziert, besteht der Großteil des dortigen
Wohnungsbestandes aus Sozial- und Belegrechtswohnungen, über die die städtischen
Wohnungsverwaltungen verfügen. In der Regel dienen diese Siedlungen als Entlastungs-
räume, die das übrige Stadtgebiet freihalten von sozial unterprivilegierten Gruppen, die
– wie in Vahrenheide – auf Grund ihrer sozialen und kulturellen Heterogenität kaum in
der Lage sind zu kohäsiven Anstrengungen.
97
Erfahrungen mit sozialer Unsicherheit und mit der Ethnisierung sozialer Konflikte spitzen
sich in diesen Quartieren und Stadtteilen immer dann zu, wenn die Mehrheitsverhältnisse
umkippen, wenn sich die Etablierten-Außenseiter-Beziehungen umkehren.
Dazu gehören die Veränderungen der ohnehin in diesen Siedlungen schwach aus-
geprägten lokalen Geschäftswelt, die Konfrontation sich in der Minderheit sehender
älterer deutscher Bürger mit jungen Migrantenfamilien, die Auseinandersetzungen um
die Gestaltung öffentlicher Räume und die daran anschließenden Rangeleien um lokale
kulturelle Ressourcen in der Freizeit, Kinderbetreuung, Schule, Ausbildung und Religion.
Da es in Deutschland aufgrund des restriktiven Staatsbürgerschaftsrechts kaum Chancen
einer integrativen politischen Kultur gibt (vgl. Schulte 2000; Bukow, Yildiz 2002), werden
die alltäglichen Konfliktlinien nicht selten auf der Ebene gegenseitiger Vorurteile und
Ressentiments abgehandelt und fördern die Ausprägung strikter Identitätspolitiken (vgl.
Heitmeyer, Anhut 2000).
Quelle: Eigene Berechnungen anhand von Grundlagen der Statistikstelle der Stadt Hannover (Datenbezug: 31.12.2000)
Lesebeispiel: In der Altersgruppe 3–6 Jahre haben 53,2 % die deutsche Staatsangehörigkeit, einschließ-
lich der Aussiedler, die an der gesamten Gruppe der Drei- bis Sechsjährigen einen
Anteil von 3,3 % haben.
Die nach Deutschen, Aussiedlern und Nicht-Deutschen aufgeführten Anteile der Alters-
gruppen in Vahrenheide (Tab. 2) vermitteln einen Eindruck, wie es um das Verhältnis von
Mehrheit und Minderheit bestellt ist. Während schon in Tab. 1 aufgezeigt wurde, dass im
Stadtteil überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche leben und unterdurchschnittlich
viele Menschen im erwerbsfähigen Alter, wird nun zudem deutlich, dass in den jüngeren
Generationen bis zum Alter von 26 Jahren die traditionellen Mehrheitsverhältnisse längst
gewechselt haben. Werden die in der Alltagswahrnehmung von autochthonen Deutschen
mit jungen Migranten häufig in einen Topf geworfenen jugendlichen Aussiedler gesondert
berücksichtigt, wird die Umkehrung der Mehrheitsverhältnisse noch drastischer. Erst bei
den Altersgruppen der Erwachsenen und insbesondere bei denen der über 60-Jährigen
98
zeigen sich in Vahrenheide Verhältnisse, die sich dem städtischen Durchschnitt annähern
und somit gewohnten Wahrnehmungsperspektiven und Erfahrungen entsprechen.
Für den Stadtteil in seiner Gesamtheit bedeutet dies, dass im Alltagsleben aufgrund des
ungewöhnlich hohen Anteils von Kindern und Jugendlichen nicht nur altersspezifische
Konfliktlinien anzunehmen sind, sondern darüber hinaus auch ethnische, da der Großteil
der jungen Menschen von den älteren Einwohnern als Nicht-Deutsche wahrgenommen
wird. Was aber Tab. 2 insbesondere deutlich macht, ist, dass es in diesem Stadtteil kein
Zurück mehr geben wird zur gewohnten Wahrnehmungsperspektive älterer Deutscher
entlang einer Sozialstruktur ähnlich der 1960er-Jahre. Die Zukunft des Stadtteils wird
auch in den fortgeschritteneren Altersgruppen von Mehrheitsverhältnissen bestimmt
sein, wie sie sich heute schon in den jüngeren Generationen darstellen. Im Prozess einer
sozialen Sanierung, wie es derzeit in Vahrenheide versucht wird, ist diese Zukunft den
Sanierungsakteuren nur schwer zu vermitteln, zumal die politisch aktive Bürgerschaft
sich allein aus den Quartieren und den sozialen Milieus rekrutiert, deren lebensweltliche
Wahrnehmung eher abseits sozialer Probleme und in Abgrenzung zur Alltagswelt der
Nicht-Deutschen geprägt ist.
Quelle: Eigene Berechnungen anhand von Grundlagen der Statistikstelle der Stadt Hannover (Datenbezug: 31.12.2000)
Lesebeispiel: Im Quartier 1206 besteht die Altersgruppe 3–6 Jahre zu 55,7 % aus Deutschen (einschließl.
Aussiedler) und zu 44,3 % aus Nicht-Deutschen. Von allen Angehörigen dieser Altersgruppe
im Quartier 1206 sind 2,3 % Aussiedler.
Wie die aktuellen Wahrnehmungen von Mehrheit und Minderheit sich innerhalb der
nach sozialen und ethnischen Merkmalen segregierten Quartiere des Stadtteils (siehe
Tab. 1) unterscheiden, zeigt die vorstehende Tab. 3. Deutlich wird, dass das bürger-
liche Quartier 1201 in den einzelnen Altersgruppen mit weit unterdurchschnittlichen
Anteilen von Nicht-Deutschen bewohnt wird. Dabei wird insbesondere in den älteren
Altersgruppen kaum jemals eine Gelegenheit zu interkulturellen Kontakten innerhalb
des Quartiers bestehen. Auffällig ist, und dies gilt auch für vergleichbare Stadtteile und
Quartiere im übrigen Gebiet der Stadt Hannover (vgl. Buitkamp 2000: 81), dass die sich
hier in einer absoluten Minderheiten-Position befindlichen Nicht-Deutschen häufiger von
Arbeitslosigkeit betroffen sind als in Stadtteilen und Quartieren mit eigenen Netzwerken
und Milieuzusammenhängen.
99
100
wahrgenommen werden, verprellt. Die älteren Deutschen sind dann bald wieder unter
sich und beklagen ihre Nachwuchsprobleme.
Hier prallen zwei Welten aufeinander. Häufig verfügen die jungen Nicht-Deutschen
über nur mangelhafte Deutschkenntnisse und sind in öffentlicher Kommunikation und
Selbstdarstellung von Unterlegenheitsgefühlen geprägt. Sie fühlen sich im Stadtteilleben
mit ihren Interessen und Bedürfnissen nicht hinreichend bestätigt. Weder spiegeln sich
ihre ästhetisch-kulturellen Vorstellungen und Ideen in eigenen Räumen oder Symbolen,
noch verfügen sie, vergleichbar mit der Vereinskultur zumeist älterer Deutscher, über
selbstbestimmte Einrichtungen und Institutionen. Überwiegend sehen sie sich in defizitärer
Position. Dies reicht von alltäglichen Erfahrungen persönlicher Abwertung, z. B. durch die
zur Ordnung rufenden etablierten Erwachsenen, bis hin zu fehlender Anerkennung in den
Einrichtungen der Freizeit, Erziehung, Ausbildung und Erwerbsarbeit. Rückzüge in ethnisch
und sprachlich homogene Gruppen, Sprachverweigerung und Abschottung gegenüber
anderen Lebensentwürfen und kulturellen Mustern können die Folge sein. Dabei werden
eigene Fähigkeiten und Potenziale unterschätzt und unmittelbar erlebte Verhaltensformen
unreflektiert übernommen, so dass die Chancen für das notwendige Erlernen weiter rei-
chender sozialer und kultureller Kompetenzen sich immer weiter reduzieren.
101
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103
104
105
Im Feld der traditionalen Respektabilität (oben links) dominieren die Traditionsvereine der
zumeist älteren Deutschen aus Vahrenheide. Dazu gehören einige wenige Fachgeschäfte,
die katholische Kirche und die CDU. Hier überwiegen die relativ wenigen Angehörigen
des bürgerlichen Milieus und des traditionellen und kleinbürgerlichen Arbeitnehmer-
milieus, die den Stadtteil mit aufgebaut haben und sich heute in der Defensive wahr-
nehmen. Abgrenzungen werden deutlich zu den Migranten und zu den Kindern und
Jugendlichen des Stadtteils, die sich in den unteren Feldern repräsentiert sehen.
Im (oberen mittleren) Feld der sozialpolitischen Patronage finden sich Einrichtungen
und Organisationen, die im Stadtteil Hegemonie ausüben, weil sie die politischen Mehr-
heitsverhältnisse und die Agenda lokaler Diskussionen dominieren. Dazu gehören die
SPD, die Wohnungsbaugesellschaft GBH, die Arbeiterwohlfahrt (AWO) sowie auch die
evangelische Kirchengemeinde. In den alltäglichen sozialen Beziehungen stehen sie zur
Bevölkerungsmehrheit in Vahrenheide in Distanz, gehören jedoch zu den Initiatoren und
Unterstützern der Einrichtungen in den unteren Feldern.
Im (oberen rechten) Feld der konzeptorientierten Distinktion sind politische Gruppie-
rungen wie FDP, Grüne, Einrichtungen der Bürgerbeteiligung und auch das Gymnasium
versammelt. In ihnen bewegen sich nur kleine Gruppen der lokalen Einwohnerschaft, deren
engagierte Personen über umfangreiche soziale Kompetenzen, sprachliches Geschick und
Selbstbewusstsein verfügen. Noch deutlicher als die Einrichtungen des Feldes der sozial-
politischen Patronage sind ihre Alltagsbeziehungen von sozialer Distanz zu den übrigen
Einwohnern geprägt, auch wenn sie bereit sind, sich für den Stadtteil, allerdings vornehmlich
aus ihren eigenen moralischen und politischen Perspektiven heraus, einzusetzen.
In diesem Raumschema fallen Einrichtungen auf, die sich keinem der Felder eindeutig
zuordnen lassen. Dies gilt beispielsweise für die Sahlkamphäuser unten links, in denen stark
unterprivilegierte Deutsche leben, ebenso wie für die Baptisten in der Mitte rechts, die
sich gegenüber der Stadtteilöffentlichkeit abschotten. Zwischen den Feldern vermittelnd
sind Schulen, Qualifizierungsprojekte, Bürgerforum und Sanierungskommission platziert;
so auch die Koordinierungsrunde, ein seit mehr als 20 Jahren bestehendes Gremium aus
Mitarbeitern sozialer Einrichtungen. Es steht in relativer Spannung zu den hegemonialen
Ansprüchen der Institutionen aus Politik und Verwaltung der oberen, insbesondere rechten
Hälfte des sozialen Raums. Diese halten den sozialpädagogisch Beschäftigten nicht selten
ineffektive und Vorschriften negierende Arbeit im Umgang mit den sozialen Problem-
gruppen vor, während jene umgekehrt eine politisch und verwaltungsintern induzierte
mangelhafte Ressourcenausstattung beklagen.
5 Konfliktlinien
An die vorangegangenen Befunde und an das Schema des sozialen Raums anknüpfend
offenbaren sich mit der Großwohnsiedlung Hannover-Vahrenheide typische Konfliktlinien.
Das Verhältnis zwischen Gesamtstadt und Stadtteil ist davon geprägt, dass gesamtstädtische
Probleme sozialer und ethnischer Integration von Politik und Verwaltung in vergleichbaren
Großwohnsiedlungen konzentriert sind. Hier ist der Anteil von Wohnungen mit städtischen
Belegrechten um ein Dreifaches höher als in der Gesamtstadt, und die Sozialhilfe- und
Arbeitslosenquote der Bewohnerschaft ist doppelt so hoch. Die entsprechenden Quoten
106
107
Dementsprechend verstehen und gestalten sie ihre Einrichtungen eher als Rückzugsorte
denn als auf den gesamten Stadtteil ausgerichtete Integrationsinstanzen.
Der Generationenkonflikt wird zudem durch Formen der ethnischen Segregation über-
lagert. 31 % Nicht-Deutsche aus mehr als 40 Nationen sowie 11 % deutsche Aussiedler
konzentrieren sich in den jüngeren Alterskohorten, während die autochthone deutsche
Bevölkerung überwiegend in den älteren Geburtsjahrgängen anzufinden ist. In den
oberen Feldern des sozialen Raums finden sich kaum Personen mit Migrationshintergrund.
Insbesondere den zunehmend soziale und materielle Sicherheit gewinnenden türkischen
Milieus fehlen öffentliche Orte und Gelegenheiten zu gesellschaftlicher und kultureller
Repräsentanz. Mit Blick auf das Geschlechterverhältnis zeigt sich, dass insbesondere nicht-
deutsche Männer in den intermediären Einrichtungen des Stadtteils fehlen. Lediglich der
von Türken getragene Demokratische Kulturverein hat im sozialen Raum Berührungspunkte
mit dem oberen mittleren Feld, insbesondere nach Unterstützung durch die evangelische
Kirche und einige Sanierungsakteure. Die katholische Kirche kann einen Teil der Aussied-
lerbevölkerung integrieren, während die Baptistengemeinde und der russisch geprägte
Seniorenklub an vergleichbaren Angeboten nicht interessiert sind.
Grundsätzlich auffällig ist das erhebliche Machtgefälle im Stadtteil. Die in den oberen
Feldern des sozialen Raums repräsentierten älteren Deutschen dominieren mit ihren
Repräsentanten die lokale kulturelle und politische Öffentlichkeit. Dazu gehören auch die
Akteure der Stadtteilsanierung, die in den Einrichtungen und Gremien, wie Sanierungsbüro,
Sanierungskommission und Bürgerforum, ihre Distanz zum alltagskulturellen Stadtteil-
geschehen nicht reduzieren können, da sich nur ein äußerst geringer Teil der Bevölkerung
aus den unteren Feldern des sozialen Raums für Beteiligungsangebote gewinnen lässt.
Dies betrifft auch die auf Bewohnerbeteiligung ausgerichteten Projekte „sozialer
Sanierung“ (vgl. Becker, Löhr 2000), die mit Problemen der Bereitschaft zum Engagement
kämpfen. Angesichts der unterschiedlichen Interessen der äußerst heterogenen Bewoh-
nerschaft werden diejenigen Aktiven, die nicht zu den Repräsentanten der deutschen
Mehrheitsbewohner zählen, nicht selten auch noch als Vertreter von Partikularinteressen
gehandelt. Dies passiert immer dann, wenn ihre Vorstellungen mit vermeintlich politischen
und finanziellen Sachzwängen kollidieren, die häufig schon zuvor unter Ausschluss der in
der Regel sprachlosen betroffenen Bewohnergruppen in unumstößliche Vorhaben und
Planungen eingegangen sind.
Aber auch beteiligungsorientierte Maßnahmen, wie die Einrichtung und der Ausbau
integrativer Schulformen, sozialstaatlicher Betreuungseinrichtungen und diverser
baulicher und sozialer Sanierungsinitiativen, stoßen an Grenzen, wenn es darum geht, den
nicht-deutschen Ethnien und Kulturen Selbstdarstellungs- und Entwicklungsmöglichkeiten
zuzugestehen. Dies betrifft sowohl die Gestaltung und Symbolik des öffentlichen Raums
als auch Hilfestellungen bei der autonomen Gestaltung kultureller Handlungsspielräume.
Diese werden trotz veränderter Mehrheitsverhältnisse aus den traditionellen hegemoni-
alen Strukturen heraus, also von der relativen Minderheit älterer autochthoner Deutscher,
definiert. Wird berücksichtigt, dass z. B. im Stadtteil Vahrenheide nahezu ein Drittel der
Bewohner über keinen politischen Bürgerstatus verfügt und 30 % der Deutschen auf
sozialstaatliche Transferleistungen angewiesen sind, ist zudem vorstellbar, dass politische
108
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110
Gliederung
1 Einleitung
2 Gesellschaftliche Integration und Exklusion
2.1 Die Rolle von Stadtquartieren für Prozesse gesellschaftlicher Integration
2.2 Brücken – Stadt – Mauern
3 Fallstudien
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Das Schanzenviertel – urban und funktionsgemischt
3.2.1 Das Amüsier- und Arbeiterviertel: ein Rückblick
3.2.2 Vom Problemviertel zum aufstrebenden Szenestadtteil
3.2.3 Die lokal verankerte Ökonomie des Viertels
3.2.4 Mögliche Gefährdungen – zwischen Yuppiesierung und Amüsierviertel
3.3 Steilshoop – die stigmatisierte Mustersiedlung im Grünen
3.3.1 Ökonomische Strukturen Steilshoops
3.3.2 Soziale Konflikte im öffentlichen Raum
3.3.3 Trotz Sanierung und „Nachbesserungen“ erneut die Gefahr eines sozialen Verfalls
4 Schlussbemerkungen
Literatur
1 Einleitung
Städte haben – zumindest historisch – bei gesellschaftlichen Integrationsprozessen eine
entscheidende Rolle gespielt. Die wesentlichen Institutionen und Medien moderner
gesellschaftlicher Integration, so unter anderem Recht und Geld, die Güter- und Arbeits-
märkte, das politische Bürgerrecht, die Polarität und die Wechselbeziehung zwischen
öffentlicher und privater Sphäre, Formen öffentlicher Fürsorge sowie die vielfältigen
„Expertensysteme“ (Giddens 1995), haben sich historisch in den Städten, der Wiege der
Moderne, herausgebildet.
Welche Integrationsleistungen erbringen jedoch Städte heute, nachdem sie nicht mehr
exklusive Orte der Moderne sind, da die Modernisierung längst ein flächendeckendes
Phänomen ist und mit der Entstehung staatlich verfasster Gesellschaften die Nationalstaaten
als die „neuen Machtbehälter“ an die Stelle der Städte getreten sind (vgl. Giddens 1992:
252)? Die Antwort auf diese Frage ist in der gegenwärtigen Diskussion sehr umstritten.
Noch fraglicher ist, welche Integrationsleistungen Stadtquartiere oder Stadtteile haben
oder haben können. Die sozialwissenschaftliche Diskussion ist gegenwärtig zudem sehr
viel stärker auf Fragen der sozialen Ausgrenzung und die Gefährdung der sozialen Einheit
der Stadt fokussiert (vgl. dazu u. a. Heitmeyer 1998; Herkommer 1999; Kronauer 2002).
Soziale Integration ist bisher – so Richard Sennett (2000: 431) – „kein gut durchdachtes
Thema“.
111
In der Nachkriegszeit schien das Verhältnis von Stadt und sozialer Integration noch
unproblematisch zu sein, und das, obwohl Westdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg
mit rund zwölf Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen konfrontiert wurde. Unter den
Sonderbedingungen der deutschen Rekonstruktionsära vollzog sich die Integration dieser
Menschen im Kontext des „goldenen Zeitalters“ industriell-kapitalistischer Entwicklung
mit seinem historisch einmaligen ökonomischen Wachstum ungewöhnlich schnell. Der
Zustrom von Vertriebenen und Flüchtlingen war möglicherweise sogar eine wichtige
Voraussetzung für diese beispiellose ökonomische Expansionsphase. Die ökonomische und
soziale Integration dieser Menschen hat die westdeutsche Gesellschaft deutlich verändert:
„Der Prozess der Eingliederung förderte die Verstädterung und vor allem die Konzen-
tration der Bevölkerung auf bestimmte Ballungsgebiete“ und machte aus Westdeutsch-
land eine „mobile Gesellschaft“ (Abelshauser 2004: 315). Das mit der ökonomischen
Expansion der Nachkriegszeit verbundene ökonomische Wachstum hat über Jahrzehnte
hinweg für die Mehrheit der Bevölkerung zu einer steigenden Kaufkraft und dadurch zu
einer allgemeinen Aufstiegserwartung geführt, also der Vorstellung, dass es – unter der
Voraussetzung der Teilhabe an Erwerbsarbeit – in Zukunft allen immer besser gehen
würde. Zu den sozialstaatlichen Arrangements des deutschen Wohlfahrtsstaates gehörte
zudem die implizite Garantie der Vollbeschäftigung, verbunden mit einem flankierenden
Netz wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen.
Unter diesen Bedingungen bot die Stadt – trotz sich abzeichnender Krisen – das glaub-
würdigste Versprechen auf eine Chance zur Teilhabe an Arbeit, Einkommen und sozialem,
kulturellem und politischem Leben. Sie bot soziale und kulturelle Nischen, in denen das
Fremd- und Anderssein eher geduldet wurde und ausgehalten werden konnte als in den
überschaubaren und engen Gemeinwesen einer Kleinstadt oder ländlichen Siedlung.
Typisch für die moderne Stadt war schon immer die spannungsvolle Gleichzeitigkeit von
räumlicher Nähe und sozialer Distanz, von Segregation und Integration, von Vertrautheit
und Anonymität, von der Freiheit von sozialer Kontrolle und der Möglichkeit zur Identifi-
kation mit einem Ort, an dem man erkannt wird und andere wieder erkennt.
Mit diesem Urbanitätskonzept verbindet sich die Hoffnung auf eine „Kultur der Diffe-
renz“: die Stadt als der mögliche Ort eines zivilisierten Nebeneinanders von sonst unter-
schiedlichen und sich nicht selten gegenseitig abstoßenden sozialen Gruppen. „Angesichts
der faktisch zunehmenden ökonomischen Integration konnte die soziale Indifferenz zur
Tugend werden. Gleichgültigkeit, Differenzierung von Lebensstilen und Individualisierung
als Form der sozialen Integration einerseits, ökonomisches Wachstum, Arbeitsteilung und
soziale Sicherung als Form der systemischen Integration andererseits – dies sind die zwei
Seiten von Urbanität als Vergesellschaftungsform“ (Häußermann 1998: 158).
In den vergangenen Jahren wurde jedoch die mögliche Integrationsleistung der Stadt
zunehmend skeptisch beurteilt (vgl. u. a. Heitmeyer 1998). Ausschlaggebend dafür sind
vor allem die vielfältigen sozialen und politischen Folgen eines tief greifenden wirtschaft-
lichen und gesellschaftlichen Wandels, den man zunächst als Transformation von einer
Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft charakterisieren kann. Durch die Wechsel-
wirkung von wirtschaftlichem Strukturwandel, Globalisierung, Auflösung der tradierten
wohlfahrtsstaatlichen Arrangements, Migrationsprozessen und demographischem Wandel
hat sich die sozialökonomische und politische Situation in den Städten tief greifend
112
gewandelt. Die Städte, die lange Zeit uneingeschränkt als Zentren ökonomischer Dynamik
und erfolgreicher gesellschaftlicher Integration galten, sind heute einer schwerwiegenden
Problemkumulation ausgesetzt. In den Stadtregionen stieg die Arbeitslosigkeit in den
letzten beiden Jahrzehnten stark an bzw. verfestigte sich in der Form einer anhaltenden
Massenarbeitslosigkeit auf einem hohen Niveau. Dabei steht dem massenhaften Anstieg
der Arbeitslosigkeit seit 1980 in Westdeutschland erstaunlicherweise kein Rückgang,
sondern ein – wenn auch geringer – Zuwachs an Arbeitsplätzen gegenüber. Trotz Globa-
lisierung und neuer Technologien hat die Beschäftigung auf gesamtwirtschaftlicher und
stadtregionaler Ebene nicht ab-, sondern – wenn auch nur geringfügig – zugenommen.
Da die neu entstandenen Arbeitsplätze weniger von Arbeitslosen als von neu auf dem
Arbeitsmarkt auftretenden, meist höher qualifizierten Arbeitssuchenden besetzt wurden,
kam es in den Städten zu einer folgenschweren Entkopplung von Beschäftigungsentwick-
lung und Arbeitslosigkeit (vgl. Läpple 2003: 156 ff.). Diese Entkopplung von Beschäftigten-
entwicklung und Arbeitslosigkeit ist vor allem durch Trends beim Arbeitskräfteangebot
geprägt: Neben den geburtenstarken Jahrgängen, die in den 1980er-Jahren das erwerbs-
fähige Alter erreicht haben und damit das Erwerbspotenzial ansteigen ließen, führten vor
allem die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit und Zuwanderungen zu einer Erhöhung
des Arbeitskräfteangebots (vgl. Läpple 2003: 157).
Die Arbeitsmarktentwicklung führte nicht nur zu einer Verschärfung sozialer Ungleich-
heit und der Entstehung und Verfestigung struktureller Armut, sondern – nicht zuletzt
durch die Entkopplung von Beschäftigungsentwicklung und Arbeitslosigkeit – zu einer
dauerhaften Ausgrenzung sozialer Gruppen aus einer regelmäßigen Erwerbsarbeit und
damit tendenziell auch aus der Teilhabe an dem sozialen, kulturellen und politischen
Leben der Stadt.
Der städtische Arbeitsmarkt, der zentrales Element gesellschaftlicher Systemintegration
war, erweist sich für einen Teil der Gesellschaft als ein Mechanismus der Desintegration. Zu
den Problemen des Arbeitsmarktes kommen noch die Erosion der Familie, eines anderen
Kernbereiches gesellschaftlicher Integration, sowie Wohnungsprobleme – vor allem als
Resultat des Rückzugs der „öffentlichen Hand“ aus der Wohnungsversorgung –, wodurch
Ungleichheiten am Arbeitsmarkt und am Wohnungsmarkt wieder stärker ineinander-
greifen (vgl. Kronauer 2004: 37). Staat und Kommunen können unter dem ökonomischen
Druck leerer Kassen die sozialstaatliche Fürsorge nicht entsprechend der Problemlagen
ausbauen, sondern fahren sie zurück, wodurch sich neben der zeitlichen Verdichtung
eine sozialräumliche Kumulation der Probleme ergibt und – verstärkt über sozial selektive
Migration – die Stadtquartiere zu den eigentlichen Problemfeldern werden.
Auf dieser stadträumlichen Ebene gibt es gegenwärtig nicht nur Arbeitslosenquoten von
18 Prozent, sondern von bisweilen 50 oder 60 Prozent und mehr. Ganze Stadtquartiere
werden von der Dynamik des Erwerbslebens abgekoppelt. „Aus dem Strudel multipler und
kumulativer Benachteiligung, der mit dem unfreiwilligen Wohnen in solchen Quartieren
verbunden ist, gibt es nach einer gewissen Zeit kein Entkommen mehr“ (Häußermann
2000: 21). Angesichts dieser Problemkonstellation stellt Hartmut Häußermann (1998: 160)
die These auf: „Die sozialräumliche Struktur der Städte könnte selbst zu einer Ursache für
soziale Ausgrenzung werden.“ Nach seiner Einschätzung gibt es überall in den Großstädten
„Anzeichen dafür, dass die alte Integrationsmaschine nicht mehr funktioniert und dass
113
darüber die Kultur der Indifferenz in Frage gestellt wird. Urbanität als Lebensweise scheint“
– so Häußermann – „in eine tiefe Krise zu geraten“ (Häußermann 1998: 170).
Diese Position zum Verhältnis von Stadt und gesellschaftlicher Integration veranlasst
Thomas Krämer-Badoni (2002: 74) zu der Frage: „Sind es tatsächlich die Städte, die eine
Integrationsleistung erbringen?“ Und er hat auf diese Frage eine eindeutige Antwort: „1.
Seit der Auflösung der Stadt als politische Einheit ist es der Nationalstaat mit seiner politisch
ausformulierten und rechtlich sanktionierten Gesellschaftspolitik, der über die politischen
Formen der Integration entscheidet. 2. Integration bezieht sich nicht auf eine soziale Einheit
‚Stadt‘, sondern auf die Mehrdimensionalität gesellschaftlichen Lebens. Integriert in eine
Gesellschaft werden Menschen über ihre Teilhabe an den verschiedenen gesellschaftlichen
Funktionssystemen, an Bildung, Wirtschaft, Familie, Recht und anderen. Es handelt sich
um Funktionssysteme, an deren Gestaltung die ‚Stadt‘ einen allenfalls marginalen Anteil
hat“ (Krämer-Badoni 2002: 74).
Auf den ‚ersten Blick‘ haben beide Positionen etwas Plausibles. Es ist ja offensichtlich,
dass die Formen der kumulativen Benachteiligung und die damit verbundenen Prozesse
der sozialen Ausgrenzung vor allem räumlich konzentriert in bestimmten Stadtteilen
auftreten. Andererseits ist auch nicht zu leugnen, dass die Stadt auf die verschiedenen
Integrationsinstanzen, die Teilhabe vermitteln, relativ wenig Einfluss hat. Wie lässt sich
dieser Gegensatz lösen?
Die Frage nach den Integrationsformen und Integrationsleistungen von Städten, insbe-
sondere von Stadtteilen oder Stadtquartieren, wird im Zentrum unseres Beitrages stehen.
Dabei wollen wir die Diskussion um die Integrationsleistung und das mögliche Integra-
tionsversagen der Stadt um eine Dimension erweitern, die unseres Erachtens bislang zu
kurz gekommen ist: um den Aspekt der endogenen Regenerationsfähigkeit von Stadtteilen
und Quartieren bzw. ihre Anpassungsfähigkeit an neue soziale, ökonomische und kulturelle
Prozesse und Herausforderungen (vgl. dazu Bahrdt 1974a: 179 ff.).
114
Vulnerabilität steht für Gefährdungslagen, die einer Exklusion oder sozialen Ausgrenzung
vorgelagert sind.
Eine Schlüsselrolle bei Prozessen der Integration oder Exklusion nimmt – wie wir bereits
gesehen haben – der Arbeitsmarkt ein. Allerdings führt Arbeitslosigkeit nicht unmittelbar zur
Exklusion. Erst wenn diese Form des Ausschlusses aus dem Funktionssystem der Erwerbs-
arbeit sich zeitlich verfestigt und mit andern Ausschlussprozessen kumuliert, hat es Sinn,
von Exklusion zu sprechen. „Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten in den Diskussionen
um ‚Exklusion‘ und ‚Ausgrenzung‘, zu betonen, dass es sich dabei um ‚multi-dimensionale’
Prozesse handelt,“ (vgl. Kronauer 2004: 44). Mehrdimensionalität und Prozesscharakter
sind wesentliche Charakteristika von gesellschaftlicher Integration und Exklusion.
Entsprechend der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften erfolgt Integra-
tion nicht in „die“ Gesellschaft, sondern über sehr unterschiedliche Integrationsinstanzen
und -medien in die verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft: in das Bildungssystem
und die Sprachkultur, den Arbeitsmarkt und den Wohnungsmarkt, in das Gesundheits-
system, in familiäre und freundschaftliche Beziehungen, in das politische System etc.: „Die
verschiedenen Integrationsinstanzen vermitteln also gesellschaftliche Einbindung und
Teilhabe auf unterschiedliche Weisen (so wird die Erwerbsarbeit über Märkte zugeteilt,
soziale Rechte sind dagegen an den Bürgerstatus gebunden), sie leisten jeweils eigen-
ständige Beiträge zur Integration und sind zugleich aufeinander angewiesen. … Keine der
Integrationsweisen für sich allein gewährleistet Zugehörigkeit und Teilhabe, jede kommt
mit ihrer eigenen ‚Logik‘ ins Spiel“ (Kronauer 2004: 44). Gleichzeitig kennt die Moderne
und insbesondere die moderne Stadt nur Formen „unvollständiger Integration“ (Bahrdt
1974b: 63). Bahrdt verdeutlicht das Konzept der „unvollständigen Integration“ an dem
paradigmatischen Beispiel der Integration in den Markt: „Ein Markt ist kein geschlossenes
System, in das alle Mitglieder vollständig integriert sind. Weder sind die Personen, die auf
dem Markt mitspielen, vollständig in das Marktgeschehen einbezogen … Noch auch ist
ihr Verhalten auf dem Markt durch dessen Ordnung vollständig festgelegt“ (Bahrdt 1974b:
63).1 Im Gegensatz zu traditionalen Gesellschaften, wo wir mit Formen einer „vollstän-
digen Integration“ in ein geschlossenes System konfrontiert sind, unterliegt Integration
in der modernen Gesellschaft keinem festen, vorgegebenen Schema, wodurch auch
erst Individualisierungsprozesse möglich werden. Die „unvollständige“ (oder in unserer
Terminologie: „offene“) Integration bildet nach Bahrdt (1974b: 63) zugleich „die negative
Voraussetzung der Öffentlichkeit“.
Die plurale und offene Integration in verschiedene Funktionsbereiche macht gesell-
schaftliche Integration auch relativ robust. Krisenerscheinungen oder ein mögliches
Versagen von Personen in einzelnen Funktionsbereichen führen nicht zwangsläufig zum
Scheitern der Integration in andere Funktionsbereiche. In der modernen Gesellschaft
gibt es nicht das „Phänomen eines uno actu erfolgenden Kompaktausschlusses aus der
Gesamtgesellschaft“ (Stichweh 2005: 52), wie dies beispielsweise in Stammesgesell-
schaften möglich war.
1
Der Grundgedanke, der dem Bahrdt’schen Konzept der „unvollständigen Integration“ zugrunde liegt,
erscheint uns außerordentlich wichtig. Gleichwohl verwenden wir im Folgenden für den gleichen Sachverhalt
lieber die Formulierung „offene Integration“, um deutlich zu machen, dass damit kein „Mangel“ im Sinne von nicht
vollständig, sondern vor allem eine Möglichkeit im Sinne einer Offenheit für andere Optionen gemeint ist.
115
116
Der Stadt bzw. dem Stadtteil kommt nicht nur eine wichtige Rolle bei der „strukturellen“
Ermöglichung einer „synchronen Inklusion“ zu, sondern auch bei der Herausbildung
entsprechender subjektiver Fähigkeiten und einer entsprechenden Bereitschaft, die räum-
lich verfügbaren Integrationsstrukturen nutzen zu wollen und zu können bzw. sich in die
dazu erforderlichen Verhaltensweisen einzufügen. Der Stadtteil übernimmt in diesem
Kontext u. a. die Funktion eines gemeinsamen Lernraumes – insbesondere für implizites
„soziales Wissen“ und die Entwicklung von Vertrauensbeziehungen. Dies gilt vor allem
für die Einübung des täglichen Umgangs mit Fremden in der Form einer „höflichen Nicht-
beachtung“ (vgl. Giddens 1996: 104). Nach Giddens stützt sich die „Vielfalt der Begeg-
nungen, aus denen das tagtägliche Leben in der anonymen Umgebung moderner sozialer
Tätigkeiten besteht“ (ebd.), auf das Phänomen der „höflichen Nichtbeachtung“.
Die elementare Situation dieser Umgangsform mit Fremden ist die Begegnung von zwei
Menschen auf dem Bürgersteig einer Großstadt. Sie nähern sich und gehen aneinander
vorbei, ein Vorgang, der sich täglich millionenfach abspielt. Gleichwohl ist dieser Vorgang
voraussetzungsvoll und folgenreich zugleich: „Die höfliche Nichtbeachtung ist die grund-
legendste Art der gesichtsabhängigen Bindungen, die unter Modernitätsbedingungen
bei Begegnungen mit Fremden eine Rolle spielen. Dazu gehört nicht nur der Einsatz
des Gesichts selbst, sondern auch der subtile Umgang mit der Haltung und Stellung des
Körpers, um so auf Straßen, in öffentlichen Gebäuden … oder sonstigen Veranstaltungen
die Botschaft zu senden: ‚Du kannst mir vertrauen, ich habe keine feindseligen Absichten‘“
(ebd.: 105 f.). In diesem Sinne kann die gesichtsabhängige Umgangsform einer „höflichen
Nichtbeachtung“ als eine allgemeine Vorbedingung eines sozialen Vertrauens charakteri-
siert werden, das wiederum Voraussetzung für eine zivile Urbanität bzw. ein zivilisiertes
Nebeneinander von unterschiedlichen oder von sich gegenseitig abstoßenden sozialen
Gruppen ist.
117
beruhen. Sie halten aber nicht nur zusammen, sondern schließen das Beziehungsnetz
tendenziell auch nach außen hin ab. Der Horizont des Wissens von Akteuren, die allein
im Schnittpunkt von „starken Verbindungen“ stehen, ist eingeschränkt auf die Neuigkeiten,
die sie von ihren engeren Freunden oder Partnern erfahren (Wegener 1987: 278). Damit
eingeschliffene Beziehungsmuster und Verbindungen nicht in ihrer Binnenperspektive
befangen bleiben, brauchen sie „schwache Verbindungen“, bzw. Brückenbeziehungen
zu anderen Netzwerken. Die „Stärke der schwachen Verbindungen“ (Granovetter 1973:
1364) besteht darin, den engen Horizont der Akteure auszuweiten, um die Quellen
und den Fluss der Informationen und Ressourcen zu vergrößern. Es geht dabei z. B. um
Informationen über Jobs oder die „richtigen“ Kinderbetreuungsplätze, um Anregungen
und Ideen für die Gründung eines Unternehmens, Informationen über geeignete Wohn-
und Gewerberäume, mögliche Unterstützer, Partner und potenzielle Aufträge.
Gelegenheiten zum Knüpfen „schwacher Verbindungen“ gibt es insbesondere in der
Stadt, schließlich tritt die Stadt – im Unterschied zu einer dörflichen Gemeinschaft – ihren
Bewohnern zuallererst als ein Ort von Fremden gegenüber. Unternehmen bietet die Stadt
eine spezifische soziale Infrastruktur aus Institutionen wie Kammern und Verbänden; jeder
Wirtschaftsbereich verfügt über eigene spezifische öffentliche Foren und Treffpunkte,
vom Unternehmerstammtisch über die freiwillige Feuerwehr bis hin zum „Jour fixe“, an
dem sich die interessierten Akteure einer Branche oder einer sozialen Gruppe an einem
bestimmten Ort versammeln; und nicht zuletzt bieten kompakte und nutzungsgemischte
Stadtteile mit einem vitalen „Bürgersteigleben“ (Jacobs 1963) ihren Nutzern die Möglich-
keit zum Knüpfen vielfältiger „schwacher Verbindungen“. Die Stadt wirkt wie ein riesiger
„Zufallsgenerator” (Grabher 1994), der ein Reservoir an ungebundenen und nicht von
vornherein instrumentalisierten Ressourcen bildet, die für eine Vielzahl noch unbestimmter
Zwecke einsetzbar sind.
Die für die Stadt typische unvollständige oder offene Integration, die trotz Fremdheit und
Distanz Kontakt und Kommunikation zustande kommen lässt und im Prinzip eine Pluralität
von Entwicklungsoptionen bietet, verfügt damit über eine Vielzahl von Ansatzpunkten, die
gegen Einschließungs- und Ausgrenzungseffekte aktiviert und mobilisiert werden können.
So betrachtet liegt die Herausforderung einer „offenen Stadt“ darin, sowohl Räume für
lokale und sich selbst stützende Gemeinschaften zu schaffen als auch Verbindungen
zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Ressourcen zu unterstützen. Es geht
sowohl um explizite Kooperationen zwischen Akteuren, die sich durch wechselseitiges
Vertrauen und ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl zu einer Wertegemeinschaft
ergeben, als auch darum, einen Pool an spezialisierten und komplementären Ressourcen
zu unterstützen, auf den verschiedene Akteure gemeinsam zugreifen können: Camagni
(2000) sieht darin die Möglichkeit zur impliziten Kooperation zwischen Akteuren in Form
von „sozialisierten Produktionsmitteln“ wie z. B. einem qualifizierten Arbeitsmarkt oder
einer ausgeprägten Zulieferer- und Kooperationsstruktur.
Explizite Kooperationen auf der Grundlage wechselseitigen Vertrauens und gemein-
samer professioneller Werte und Orientierungen sind zwangsläufig selektiv und tendieren
dazu, andere auszuschließen. Implizite Kooperationen dagegen zeichnen sich durch ihre
118
Offenheit aus. Der Ressourcenpool hat den Charakter einer öffentlichen Infrastruktur, auf
die im Prinzip jeder zugreifen kann.
Unsere analytische Perspektive richtet sich folglich auf die Kräfte und Strukturen, die
auf ein Aufbrechen der Exklusionsmechanismen hinwirken und die sozialen und öko-
nomischen Strukturen von Stadtteilen und Quartieren an externe und übergeordnete
Entwicklungszusammenhänge anschließen können.
3 Fallstudien
3.1 Vorbemerkungen
Am Beispiel zweier sehr unterschiedlicher Stadtteile Hamburgs werden wir versuchen
aufzuzeigen, dass es lokal sehr verschiedene Integrationsmuster und damit auch sehr unter-
schiedliche Wirkungszusammenhänge gibt, die mögliche Ausgrenzungsprozesse sowohl
verstärken als auch abpuffern können. Es soll deutlich gemacht werden, dass spezifische
Ausprägungen eines Stadtteils die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bewohner verbes-
sern können, dass der Stadtteil aber auch einen negativen Einfluss für bestimmte Bewohner
haben kann; d. h. dass er Ausgrenzungssituationen auch verschärfen und gesellschaftliche
Entwicklungsprozesse blockieren kann. Das für die Stadt charakteristische „Mosaik aus
kleinen Welten“ (Park) bietet einerseits eine vertraute „Heimat“ und damit Schutz vor der
Gefahr des Absturzes in persönliche und soziale Katastrophen. Die „Binnenintegration“
kann jedoch auch zum Problem werden, wenn ein Stadtteil stigmatisiert und ausgegrenzt
wird oder sich selbst nach außen abschottet und neue Akteure und Ideen fernhält. Wer
nur im Fokus von bereits bekannten und vertrauten Meinungen und Handlungsmustern
steht, bekommt weniger oder kaum Anregungen von außen und hat damit auch weniger
Chancen, anders zu handeln als in den gewohnten Mustern und Konventionen.2 Diese
Einschließungsmechanismen können zu lokalen Entwicklungsblockaden führen und ganze
Stadtteile sozial und ökonomisch von der Entwicklungsdynamik der Stadt abkoppeln. Die
Folge ist eine Vertiefung der sozialen Spaltung in der Stadt.
Diese Überlegungen sollen am Beispiel zweier diametral entgegengesetzter Typen
von Stadträumen entfaltet werden: Am Typus des innenstadtnahen und funktionsge-
mischten Stadtteils und am Typus der Großsiedlung. Auf der Grundlage von empirischen
Fallstudien zu den genannten Stadträumen wollen wir zeigen, dass die Stadt keine in sich
homogene „städtische Gesellschaft“ und soziale Einheit darstellt, der man eine genuine
städtische Integrationskraft unterstellen könnte, dass es aber durchaus spezifische urbane
Wirkungszusammenhänge gibt, die große Bedeutung für die Ausprägung gesellschaft-
licher Integrationsprozesse haben und die auch im Rahmen von Strategien zur sozialen
Stadtentwicklung aufgegriffen werden können.
Unser Beitrag stützt sich auf verschiedene Untersuchungen, die am Institut für Stadt-
und Regionalökonomie und -soziologie der Technischen Universität in Hamburg-Harburg
2
Dabei spielt es prinzipiell keine Rolle, ob die Abschließung die Folge von Zwang, Diskriminierung und
Armut ist oder die Folge einer freiwilligen und selbst organisierten sozialen Absonderung.
119
3
Dabei handelt es sich
- zum einen um ein Gutachten für die Stadtentwicklungsbehörde Hamburg über die Beschäftigungswir-
kungen wohnungsnaher Betriebe (Läpple D., Walter, G. 2000: Arbeiten im Stadtteil – Beschäftigungswirkungen
wohnungsnaher Betriebe, hrsg. von der Stadtentwicklungsbehörde Hamburg).
- zum andern um ein Gutachten über „die soziale Verträglichkeit der Messeerweiterung Hamburg (Breckner,
I., Walter, G., Witthöft, G. (2000): Gutachten für die Stadtentwicklungsbehörde Hamburg zur „sozialen Verträg-
lichkeit der Messeerweiterung Hamburg“, unveröffentlichte Druckschrift).
4
Die Daten beziehen sich auf den Stadtteil St. Pauli und entstammen der im Internet zugänglichen
Version der „Stadtteil-Profile“ (2004a): [Link]
/statistisches_landesamt/profile/[Link]. Das Schanzenviertel ist ein Quartier innerhalb des Stadtteils.
Aktuelle kleinräumlichere Daten über die soziale Struktur sind in Hamburg nicht erhältlich.
120
mit ihren Angeboten z. T. auf den Schlachthof bezogen, haben sich in den Werkstätten
der Hinterhöfe und in den Erdgeschosszonen der gründerzeitlichen Blockrandbebauung
niedergelassen. Ihnen verdankt das Viertel seine bis heute erhaltene gewerblich-hand-
werkliche Atmosphäre. Etwa zeitgleich entwickelte sich das Schanzenviertel zu einem
wichtigen Amüsierviertel der Stadt, dessen Hauptattraktionen bis zum Zweiten Weltkrieg
die als Zirkusbau erstellte Schilleroper und vor allem das „Concerthaus Flora“, das erste
Varietétheater Deutschlands, waren.
121
Dienstleister als „multikulturelles und urbanes Viertel, ein bisschen vergleichbar mit Soho
in London“ (Läpple, Walter 2000: 30–31).
Als Resultat der tradierten Funktionsmischung und der behutsamen Stadterneuerungs-
prozesse gibt es heute im Schanzenviertel ein vielfältiges Angebot an gewerblich nutz-
baren Flächen, vom Ladenlokal bis zum Loft, von der Werkstatt bis zur Büroetage. Es gibt
mehrere Zentren, die Gründern aus unternehmensnahen Dienstleistungen, den Medien
und der Kultur- und Musikbranche geeignete Räume und Infrastrukturen für den Schritt in
die Selbstständigkeit bieten, mehrere Gewerbehöfe sowie Einkaufsstraßen von überregi-
onaler Bedeutung. Das Angebot an Läden und neu eröffneten Kneipen und Restaurants
zieht zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten verschiedene Ströme von Menschen
aus anderen Teilen der Stadt und aus dem Umland in den Stadtteil.
Eine besondere Anziehungskraft scheint das Viertel für Jüngere auch als Ort zum
Wohnen zu haben. Die 25- bis 40-Jährigen stellen 43 % der Wohnbevölkerung, während
im Durchschnitt Hamburgs lediglich rund 26 % dieser Altergruppe angehören.5 Das
Schanzenviertel ist also ein ausgesprochen „junges“ Viertel, in dem sich offensichtlich
trotz seines sozialen Konfliktstoffes eine sehr rege und zahlungskräftige Nachfrage nach
Wohnraum artikuliert:
„Wenn ich im Schanzenviertel eine Wohnung annonciere oder ich gebe es an einen
Makler, dann melden sich 50 Leute. 30 kucken sich das an, 10 wollen das haben. Die
Leute, die das haben wollen, sind alles Leute die Geld haben, die kommen meistens aus
der Werbung, IT-Branche, usw. Architekten, Grafikdesigner und was weiß ich“. (Immo-
bilienbesitzer im Schanzenviertel).6
Die ungebrochene Attraktivität des Viertels u. a. für Studenten, aber auch für arrivierte
soziale Gruppen, die jenseits der Normalität eines bürgerlichen Alltags neue Lebens- und
Arbeitsformen suchen, zeigt sich auch in seinem statistischen Bild. Im Schanzenviertel
sind lediglich 37 % der Bewohner verheiratet und 52 % sind ledig. Fast 60 % der Bewoh-
ner leben in Ein- und Zweipersonenhaushalten.7 Im Hinblick auf die schulischen und
beruflichen Bildungen zeigt das Schanzenviertel ein sehr heterogenes Bild. Typisch für
das Schanzenviertel ist das „Sowohl-als-auch“: Es gibt dort sowohl sehr viel gering oder
schlecht qualifizierte Arbeitnehmer, als auch viele gut ausgebildete und akademisch
qualifizierte Bewohner. Es gibt sowohl relativ viele Selbstständige und Freiberufler als auch
viele Un- und Angelernte.
Die für das Schanzenviertel typische Mischung aus Wohn- und Gewerberaum, aus
Zuwanderern und Studenten, einkommensschwachen und -starken Gruppen sowie
traditionellem Gewerbe, Handwerk und Einzelhandel einerseits und modernen Dienst-
5
Die Angaben beziehen sich auf das Gutachten zur „sozialen Verträglichkeit der Messeerweiterung
Hamburg“.
6
Das Zitat stammt aus einem Interview, das im Rahmen des Gutachtens über die „Soziale Verträglichkeit
der Messeerweiterung Hamburg“ geführt wurde.
7
Die statistischen Angaben basieren auf der Untersuchung: Läpple, W., Walter, G. (2000): Arbeiten im Stadtteil
– Beschäftigungswirkungen wohnungsnaher Betriebe, Gutachten im Auftrag der Stadtentwicklungsbehörde.
122
leistungen andererseits ist nicht das bruchlose „Erbe“ der gründerzeitlichen Stadtstruk-
turen. Die Entwicklung dieser sozialen und ökonomischen Diversität ist eng mit einer
sozialen Bewegung gegen eine einseitige Ausrichtung der Stadterneuerung verbunden,
die auf die Erneuerung der physischen Substanz der Stadt nach den Städtebauleitbildern
der 1960er- und 1970er-Jahre drängte.
Durch Hausbesetzungen und das Reklamieren von Mitspracherechten bei der Sanierung
konnten tatsächlich mehrere große Abriss- und Umnutzungsprojekte der Stadtplanung
verhindert und die gründerzeitlichen Strukturen des Quartiers weitgehend erhalten werden.
Sich einzumischen und Belange von Bewohnern und Gewerbetreibenden „von unten“
zu formulieren und in Sanierungsbeiräten, Runden Tischen und Stadtteilinitiativen einzu-
bringen, gehört bis heute zu den „urbanen Tugenden“ im Schanzenviertel. Die teilweise
heftig geführten öffentlichen Auseinandersetzungen um stadtplanerische Konzepte und
alternative Nutzungsideen haben eine soziale, ökonomische und räumliche Infrastruktur
geschaffen, in der sich verschiedene soziale und gewerbliche Milieus, vielfältigste infor-
melle Beziehungen und eine große Offenheit gegenüber anderen sozialen Gruppen
entfalten konnten.
Heute spielt sich auf den Straßen des Schanzenviertels in geradezu idealtypischer
Weise das urbane „Bürgersteigleben“ ab, das Jane Jacobs beschrieben hat. Die viel-
fältigen Waren- und Dienstleistungsangebote des Viertels – vom Fleischer und Bäcker über
Friseure, Mieterberatung und Copyshops bis zur Kneipe oder dem durchgehend geöffneten
Imbiss – sind einerseits wichtige Bestandteile einer Versorgungsstruktur, die lange Wege
überflüssig macht. Diese urbane Versorgungsstruktur ist sowohl für die weniger mobilen
Bevölkerungsgruppen von hoher Bedeutung als auch für die hoch mobilen Professionals,
deren Lebensorganisation durch eine „Verflüssigung“ der funktionalen, räumlichen und
zeitlichen Grenzen zwischen Arbeitswelt und Lebenswelt geprägt ist (vgl. Läpple 2005a).
Andererseits bilden die Läden, Restaurants, Kneipen und Dienstleistungsbetriebe auch
Orte der Kommunikation. Beim Bäcker, Friseur oder im Coffeeshop trifft man sich, erfährt
Neues aus den professionellen Milieus oder kann sich über die jüngsten Vorfälle in der
(Stadt-)Politik echauffieren.
Auch Bettler und Obdachlose gehören zum Straßenleben. Gerade deren tägliche
Präsenz wird zwar nicht selten als Zumutung erlebt, aber zugleich scheinen solche
Begegnungen auch den Nährboden für die Aufrechterhaltung einer „höflichen Nicht-
beachtung“ (Giddens) und vielleicht sogar einer alltäglichen Toleranz zu bereiten, die sich
u. a. dadurch zeigt, dass man hier „den Obdachlosen in die Augen (schaue), auch wenn
man nicht jedem von ihnen etwas geben könne“ (KulturSpiegel 6/2005: 13).
123
8
Wir sprechen bewusst von „lokal verankerten Betrieben“ und nicht von „lokaler Ökonomie“, weil wir
zwar davon ausgehen, dass die Betriebe ihre Standorte im Stadtteil haben, jedoch nicht einzig und allein von
den lokalen Austauschverhältnissen leben können. Es handelt sich dabei nicht um einen von der globalen
Ökonomie unabhängigen Wirtschaftkreislauf. Die Stadtteil- und Quartiersbetriebe werden trotz ihrer lokalen
Orientierung und Einbettung in ihrer Entwicklung in vielfältiger Weise von überregionalen und selbst globalen
Bezügen beeinflusst. Diese reichen von der „globalen Warenwelt“ des Einzelhandels über die transnationalen
Bezüge der Migrantenökonomie bis hin zur virtuellen Vernetzung von Kleinbetrieben im World Wide Web.
Die überregionalen und internationalen Zusammenhänge ändern jedoch nichts an der Dominanz ihrer lokalen
Einbettung. Das Konzept der lokal verankerten Ökonomie betont das Spannungsverhältnis zwischen lokalen
Einbettungsformen und translokalen Wirkungszusammenhängen, mit denen nicht nur Gefahren, sondern auch
Chancen verbunden sind (vgl. Läpple 2005b: 28).
124
Viertel kommen, gibt es ein davon abweichendes Angebot, das den distinktiven Konsum-
mustern und Lebensstilen einer kaufkräftigen und trendbewussten Konsumentengruppe
eher entspricht. Das Schanzenviertel ist inzwischen eine Hochburg für Nachtschwärmer
und kaum ein anderes Viertel kann eine vergleichbare Dichte von Restaurants so vieler
unterschiedlicher Kulturen vorweisen.
9
Die Daten zur Sozialstruktur des Stadtteils Steilshoop entstammen der im Internet zugänglichen
Version der „Stadtteil-Profile“ (2004b): [Link]
/statistisches_landesamt/profile/[Link].
125
Abb. 1: Steilshoop
126
Steilshoop wurde in der Zeit zwischen 1969 und 1975 geplant und errichtet. Das
städtebauliche Konzept ist von einer Abwendung von den strengen und orthogonal
formierten Zeilen des 1960er-Jahre-Städtebaus geprägt. Ein Team aus international renom-
mierten Architekten10 versuchte stattdessen durch eine weiträumige, nahezu geschlos-
sene Blockrandbebauung „Urbanität durch Dichte“ zu erzeugen.
Steilshoop ist zudem vom städtebaulichen Leitbild der Funktionstrennung geprägt.
Zwar hatte die Planung die zeitlich parallele Entwicklung eines Gewerbegebietes in der
angrenzenden Nachbarschaft vorgesehen, aber die strenge Zonierung in Wohn- und
Gewerbegebiet verstärkt nur den dominierenden Eindruck einer funktionalen Ordnung,
die darauf ausgerichtet ist, die Mischung und Reibung zweckfremder Nutzungen zu
verhindern.
Diese Ordnung setzt sich auch innerhalb der Siedlung fort. Die Frei- und Grünflächen
befinden sich ausnahmslos in den halb-privaten Blockinnenbereichen, Straßen dienen
ausschließlich Verkehrszwecken, davon getrennt durchziehen Fußwege die Baublöcke.
Geschäfte und Dienstleistungen befinden sich separat in einem zentral gelegenen, nach
außen hin geschlossen und abgeschirmt wirkenden Einkaufszentrum. Weil ein geplanter
Schnellbahnanschluss bis heute nicht gebaut wurde, ist die Siedlung nur über das Busnetz
an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen. Um von Steilshoop in die Ham-
burger City zu kommen, benötigt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen 28 und
37 Minuten reine Fahrzeit.
Wie in vielen anderen Großsiedlungen ist diese Zonierung jedoch zum Problem
geworden. Weil alle Räume – von der „Funktionsküche“ bis zum Einkaufszentrum – genau
bestimmten und klar definierten Zwecken gewidmet sind, gibt es nur wenig Gelegenheiten,
zu denen sich verschiedene Menschen mit jeweils unterschiedlichen Absichten, Zwecken
und Zielen „zufällig“ und zwanglos zusammenfinden können. In der Folge davon existie-
ren in Steilshoop fast nur Nutzungsräume, in denen sich jeweils spezifische, dem Zweck
entsprechende Handlungsmuster entwickeln können und geduldet werden. Ansonsten
aber ist der öffentliche Raum in Steilshoop kein Ort des ziellosen Spazierengehens und
schon gar kein Ort zum Verweilen. Da sich niemand ohne Ziel und Zweck im öffentlichen
Straßenraum aufhält, werden diejenigen, die diese Regel brechen, mit Argwohn und
Misstrauen betrachtet oder aber der Regelverstoß wird umgehend durch die Beseitigung
der Nischen behoben – so wurden beispielsweise Bänke entfernt, die zu Treffpunkten für
ausgiebigen Alkoholkonsum geworden waren.
10
U. a. Candilis, Josic, Woods (Berlin/Paris) und John Suhr (Hamburg).
127
ein Ort des Konsums und der Erledigung anderer Besorgungen. Wer das Zentrum nicht
zum Konsumieren betritt und sich nur darin aufhält, um Zeit zu verbringen – allein oder
mit anderen – zieht den Argwohn und das Misstrauen der Sicherheitskräfte auf sich und
muss damit rechnen, aus dem Zentrum verwiesen zu werden.
Das Einkaufszentrum ist nahezu durchgängig mit Filialbetrieben belegt; es gibt kaum
inhabergeführte Betriebe. Zwar arbeiten in den Ladengeschäften und Filialen der Siedlung
vor allem Leute aus Steilshoop – und diese lokalen Arbeitplätze sind nicht hoch genug
einzuschätzen –, doch für die strategische Führung der Läden spielt die lokale Einbindung
keine Rolle. Filialen werden mit dem Ziel gegründet, die lokale Kaufkraft der Siedlung
abzuschöpfen. Wenn übergeordnete Gründe die Schließung der Filiale rational erscheinen
lassen, wird sie geschlossen. Aus der Sicht der Führung bestehen deswegen auch keine
anderen Bindungen an die Siedlung als die spezifischen Kaufkraftpotenziale.
Lediglich in der Ringstraße, die um das Einkaufszentrum herumführt, haben sich auf
einem kleinen Abschnitt in den ausgebauten Erdgeschosszonen der Wohnblocks einige
Betriebe niedergelassen, die von ihren Inhabern selbst geführt werden. Die meisten von
ihnen fühlen sich jedoch in ihrer Existenz durch die schwierigen Bedingungen des sozialen
Umfeldes bedroht: dem Vandalismus in Form von Zerstörungen und Graffiti und dem stetig
schwächer werdenden lokalen Absatzmarkt aufgrund der sinkenden Kaufkraft.
Sowohl die Filialen des Einkaufszentrums als auch die inhabergeführten Betriebe am
Rande des Zentrums leben ausschließlich von der Kundschaft aus der Siedlung. Es gibt
keine Attraktion, die über die Siedlung hinaus Kunden anziehen könnte. Einkommens-
und Kaufkraftverluste innerhalb der Siedlung können daher auch nicht von außen ausge-
glichen werden. Soziale Erosionsprozesse betreffen unter diesen Umständen den gesam-
ten Einzelhandel. Außerdem ist die Nachfrage aufgrund der homogenen sozialen Struktur
kaum differenziert. Weder im Preis, noch im Stil oder Geschmack der Waren lassen sich
verschiedene Konsummuster ablesen. Es gibt offensichtlich für eine kundenorientierte
Segmentierung des Angebotes keine Möglichkeit, auf deren Grundlage sich bessere
Entwicklungsperspektiven für den Handel und das Handwerk eröffnen ließen.
Ein ganz anderes Segment ökonomischer Aktivitäten befindet sich in dem Gewerbe-
gebiet, das durch eine Hauptverkehrsader von der Siedlung getrennt liegt. Auch dieser
Bereich ist kein öffentlicher Ort, der zu etwas anderem als zum Arbeiten in Anspruch
genommen werden kann. Der Rhythmus dieses Gebietes wird vom Beginn und Ende der
Arbeitszeiten strukturiert. Davor und danach sind die Straßen leer.
Für die Betriebe bietet der Standort jedoch einige Vorteile. So konnte man hier nach den
eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen bauen, man hat einen guten Verkehrsanschluss
und liegt im Vergleich zu anderen Gewerbegebieten noch relativ nah an zentralen
Bereichen der Stadt. Für den Großteil der im Gewerbegebiet ansässigen Betriebe spielt
der Stadtteil als Absatzmarkt jedoch keine Rolle. Einige Handwerksbetriebe, die sich im
Zuge des Siedlungsbaus in den 1970er-Jahren niedergelassen haben und von der großen
Nachfrage nach Bau- und Ausbauleistungen profitieren konnten, mussten schnell neue
Absatzmärkte finden, weil der Stadtteil alleine keine dauerhafte betriebliche Entwicklung
zuließ.
128
Ein Großteil der heute ansässigen Betriebe kam aus den innenstadtnahen gründer-
zeitlichen Stadtteilen in das Gewerbegebiet. Die Verlagerungen wurden in der Regel
notwendig, weil die beengten Räume am alten Standort keine Erweiterung mehr zuließen.
Die Betriebe befinden sich in Wachstumsphasen oder sie haben sich auf einem relativ
hohen Niveau konsolidiert. Bei ihnen handelt es sich zum großen Teil um mittelständische
Unternehmen, die im Vergleich zu den Filialen des Einkaufszentrums über sehr viel mehr
Mitarbeiter verfügen. Abgesehen von dem unsicheren sozialen Raum und den vielen
Einbrüchen und Diebstählen, sind die Betriebe mit dem Standort zufrieden.
11
Angaben über das Einkommen in den Stadtteilen werden in den „Stadtteil-Profilen“ des Statistischen
Landesamtes Hamburg veröffentlicht, sie beziehen sich jedoch ausschließlich auf das Jahr 1995. Kurz vor der
Welle neuer Medien- und IT-Dienstleistungen lag das durchschnittliche Einkommen der Bewohner St. Paulis sogar
unter dem von Steilshoop ([Link]
12
Das Zitat stammt aus der Untersuchung über die „Beschäftigungswirkungen wohnungsnaher Betriebe“
(Läpple, Walter 2000: 87).
129
Dass voneinander abweichende Lebensstile so sehr ins Gewicht fallen, hängt nicht
zuletzt auch mit dem sozialen Raum der Siedlung zusammen. Das Problem Steilshoops
lässt sich wie folgt charakterisieren: Die sozialräumliche Organisation der Siedlung engt die
Bewohner weitgehend auf einerseits ausgewählte und ausschließende private Beziehungen
in Cliquen, Freundes- und Bekanntenkreisen oder in der Verwandtschaft ein oder führt
andererseits zu sozialer Abgeschiedenheit. Gerade damit aber werden die gegenseitigen
Abgrenzungen der sozialen Gruppen vertieft und die Chancen sinken, dass vereinzelte
Kollektive, Familien oder Individuen in einen sozialen Zusammenhang gebracht werden.
Erforderlich für die Entwicklung von „weak ties“ wären niedrig-schwellige Alternativen zur
privaten Gemeinschaft bzw. der sozialen Isolation.
Ein Beispiel aus der Siedlung mag dies verdeutlichen: Die im großzügigen Blockinneren
im Stil von Parks angelegten grünen Hofbereiche bieten insbesondere Eltern und Kindern
viele Gelegenheiten für engere Gemeinsamkeit mit der Nachbarschaft: Spielplätze,Grill-
möglichkeiten und eine Möblierung, die das Beisammensein nahelegt. Aber es gibt keine
Läden dort, keine Unternehmen oder Infrastruktur irgendwelcher Art. Wenn die Eltern ihre
Kinder in den Hof bringen, um dort mit anderen Eltern oder Kindern Kontakt zu bekom-
men, müssen sie – wenn sie den weiten Rückweg in die eigene Wohnung scheuen – in
die Wohnungen ihrer Bekannten gehen, um sich beispielsweise im Winter aufzuwärmen
oder ihre Kinder sauber zu machen. Es ergibt sich auf diese Weise im Kreise der Bekannten
ein geselliges Leben. Aber bereits die Nachbarn aus dem angrenzenden Baublock passen
nicht mehr in diese private Geselligkeit. Die Höfe werden als ein erweiterter Privatbereich
wahrgenommen, der anderen eine Grenze vermittelt: Sie sind hier nicht erwünscht.
Gäbe es eine Ansammlung von öffentlichen Treffpunkten, wie beispielsweise Imbisse,
Gaststätten oder Läden, dann könnten die Zusammenkünfte ganz anlassbezogen und
unverfänglich auf einer öffentlichen Basis stattfinden und jeder könnte sich am Ort auf-
halten, egal ob er zu dem einen oder anderen engeren Zirkel von Nachbarn oder Freunden
dazugehört.
Die Abgrenzung von den anderen Bewohnern der Siedlung und der Rückzug in die
„eigenen vier Wände“ sind Phänomene, die Steilshoop seit seiner Gründung begleiten.
Diese Anonymität ist auch ein Grund dafür, dass die sozial mobilen Bewohner die Sied-
lung verlassen und damit die weniger Mobilen, die auf die Unterstützung der Wohnungs-
ämter bei der Zuweisung von Wohnraum angewiesen sind, zurücklassen. Entwicklungs-
optionen in der Siedlung, die von den Bewohnern selbst entworfen und getragen werden,
bleiben die Ausnahme. Seit der Gründung der Siedlung arbeiten deswegen Sozialarbeiter,
Beschäftigungsträger und andere Akteure aus der gemeinwesenorientierten Arbeit daran,
dass die sozialen Verhältnisse der Siedlung für die Bewohner erträglich bleiben. Die Sied-
lung ist damit auf einen beständigen Ressourcentransfer von außen angewiesen. Ohne
diesen Transfer hätten auch die wenigen selbst organisierten Initiativen von Bewohnern,
Lehrern, Erziehern und anderen Akteuren aus der Gemeinwesenarbeit kaum eine Chance
gehabt.
130
13
Siehe Presseerklärung des Elternrates der integrierten Gesamtschule Steilshoop:
[Link]
131
Netzwerke waren in der Vergangenheit meist auf Ressourcen und Hilfeleistungen aus
professionellen und übergeordneten Entwicklungszusammenhängen angewiesen, die jetzt
schrittweise zurückgeführt werden. Selbst organisierte Netzwerke basieren auf „sozialem
Kapital“, d. h. auf einem dauerhaften Engagement von Gruppen von Bewohnern, die
über Durchsetzungsvermögen und Verbindungen verfügen. Dieses „soziale Kapital“ ist
in Steilshoop im Vergleich zum Schanzenviertel jedoch relativ gering ausgeprägt.
Zwar engagieren sich in Steilshoop viele Lehrer, Erzieher und Beschäftigungsträger für
das Gemeinwesen. Ihre Ressourcen sind aber institutionalisiert: In den Strukturen von
Schulen, Beschäftigungsagenturen, Alten- oder Jugendeinrichtungen. Im Rahmen ihrer
professionellen Funktionen stehen ihnen Arbeitsplätze, gewisse Sachmittel und Arbeits-
kontexte zur Verfügung, wenn auch in immer geringerem Umfang. Wenn diese extern
bereitgestellten Ressourcen jedoch durch staatliche und kommunale Sparmaßnahmen
stark eingeschränkt werden oder wegfallen, werden die Möglichkeiten sozialer Integra-
tion in dem Stadtteil erheblich geschwächt. Das Leben im Stadtteil droht damit zu einer
zunehmenden Beschränkung der Lebenschancen seiner Bewohner zu werden.
4 Schlussbemerkungen
In der Einleitung zu diesem Beitrag haben wir darauf hingewiesen, dass sich die sozialen
Probleme der Städte im Stadtraum in unterschiedlicher Weise manifestieren. So führt die
sozialräumliche Konzentration und Kumulation der Erscheinungsformen einer persistenten
Massenarbeitslosigkeit mit anderen Formen sozialer Benachteiligung dazu, dass Stadtquar-
tiere zu den eigentlichen Problemfeldern werden. Wie bereits ausgeführt, sind die von
uns vorgestellten Quartiere zumindest auf statistischer Ebene von der Arbeitslosigkeit und
den damit verbundenen Problemen ähnlich stark betroffen. Beide Quartiere gelten in der
öffentlichen Wahrnehmung als „Problemstadtteile“. Allerdings zeigt ein genauerer Blick,
dass die übergeordneten Problemkonstellationen (krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung,
Arbeitslosigkeit, Armut) auf der lokalen Ebene des Stadtteils unterschiedliche Auswirkungen
und Folgen haben. Die innerstädtischen Quartiere (vom Typ Schanzenviertel) eröffnen
beispielsweise sehr viel größere Möglichkeiten für die Entwicklung sozialer Netzwerke,
für Beschäftigungsmöglichkeiten vor Ort, für kollektive Lernprozesse sowie unterschied-
liche „Überlebensstrategien“. Großsiedlungen dagegen können allein schon aufgrund
ihrer strikten Funktionstrennung kaum Beschäftigungsmöglichkeiten vor Ort anbieten.
Die vorherrschende Lebensweise ist eher privatistisch und auf Familienbeziehungen
ausgerichtet. Da die Großsiedlungen allerdings immer noch über einen hohen Anteil
an Sozialwohnungen verfügen, bieten sie den von Arbeitslosigkeit betroffenen Familien
bisher noch eine weit sicherere Wohnperspektive als die innerstädtischen Quartiere, wo
die Wohnungsversorgung allein über den Markt vermittelt ist.
Interessant ist die Konfrontation unserer unterschiedlichen Beurteilung der beiden
Stadtquartierstypen mit den Forschungsergebnissen von Martin Kronauer und Berthold
Vogel, die im Rahmen eines Forschungsprojektes versucht haben, in Bewohnerbefragungen
zu klären, wie innerstädtisches Quartier und wie Großsiedlungen von ihren jeweiligen
Bewohnern, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, bewertet werden (s. dazu den Beitrag
von Martin Kronauer in diesem Band). Kronauer und Vogel kommen in ihrer Untersuchung
zu dem folgenden Ergebnis: „Die Arbeitslosen unserer Befragung in Mümmelmannsberg
132
(einer Hamburger Großsiedlung – d. V.) und St. Pauli sind überraschend einig, wenn es
um die Bewertung ihres jeweiligen Wohnquartiers geht. Die deutliche Mehrheit in beiden
Stadtvierteln äußert sich überwiegend positiv, wenn sie in den Interviews auf ihr Wohnfeld
angesprochen werden“ (Kronauer; Vogel 2001: 51).
Die beiden Forscher kommentieren dieses Ergebnis wie folgt: „Unsere Vermutung,
dass die periphere Siedlung Mümmelmannsberg als ‚monofunktionales Quartier‘ deutlich
schlechter abschneiden würde als das innenstadtnahe und ‚multifunktionale‘ Altbauquartier
St. Pauli, bestätigte sich nicht“ (Kronauer; Vogel 2001: 51). Sie machen jedoch deutlich,
dass hinter dieser ähnlichen Bewertung sehr unterschiedliche Beurteilungskriterien stehen,
die wiederum das Resultat sehr unterschiedlicher Lebensbedingungen sind. Mit anderen
Worten, in den unterschiedlichen Quartierstypen leben unterschiedliche Bevölkerungs-
populationen mit sehr unterschiedlichen Lebenslagen und Bedürfnissen. Durch die spe-
zifische Ausprägung der Quartiere wurden im Laufe der Zeit Menschen mit bestimmten
Lebenslagen und Lebensstilen angezogen bzw. abgestoßen, wodurch sich wiederum die
sozial selektive Ausprägung der Quartiere verstärkt hat. Wie wir am Beispiel von Steilshoop
gezeigt haben, werden diese sozialräumlichen Selektionsprozesse zusätzlich durch insti-
tutionelle Arrangements wie die amtliche Zuweisung von Sozialwohnungen verstärkt.
Quartiere unterscheiden sich nicht nur in ihren funktionalen Strukturen, ihren baulich-
architektonischen Merkmalen, ihrer Geschichte sowie ihrer sozialen Zusammensetzung,
sondern Stadtquartiere sind auch Ausdruck unterschiedlicher Integrationsmuster oder
Integrationsmodi. In unseren Ausführungen zur gesellschaftlichen Integration haben wir
bereits aufgezeigt, dass es in modernen Gesellschaften keine Integration in „die“ Gesell-
schaft gibt, sondern dass gesellschaftliche Einbindung und Teilhabe über die Integration
in die verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft vermittelt werden, also beispielsweise
die gleichzeitige Integration in den Arbeitsmarkt, den Wohnungsmarkt, in sozialstaatliche
Arrangements, familiäre Beziehungen und/oder soziale Netze. Das Gelingen einer der-
artigen gleichzeitigen oder simultanen Multiinklusion erfordert eine komplexe Vermittlung
zwischen strukturellen Inklusionsangeboten und den jeweiligen subjektiven Erfordernissen
nach Teilhabe und Einbindung. Das heißt: Die strukturellen Angebote systemischer Integra-
tion müssen mit den jeweils unterschiedlichen Formen alltäglicher Lebensführung sowie
den subjektiven Fähigkeiten der Menschen in Übereinstimmung gebracht werden. Oder
mit der Begrifflichkeit von Giddens: Die strukturellen Funktionsweisen der Systemintegra-
tion (in die verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft) bedürfen der alltagsweltlichen
Vermittlung durch die Sozialintegration (auf der Ebene von face-to-face-Interaktionen).
Für die Lösung dieses Integrationsproblems haben sich vor allem zwei paradigmatische
Modelle herausgebildet, die wiederum mit unseren beiden Quartierstypen korrespon-
dieren. Zunächst zum ersten Integrationsmodus, dem fordistisch-wohlfahrtsstaatlichen
Integrationsmodell. Im fordistischen Entwicklungsmodell dominiert die Strategie der Stan-
dardisierung und Normierung. Der Standardisierung der Produktionsprozesse entspricht
die Standardisierung der gesellschaftlichen Zeitorganisation und der Arbeitsarrangements.
Standardisierung und Normierung der Arbeit verdichten sich im sogenannten „Normal-
arbeitsverhältnis“. Sein wesentliches Merkmal ist eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung,
die arbeits- und sozialrechtlich abgesichert ist. Das Normalarbeitsverhältnis impliziert
eine klare Trennung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, woraus wiederum eine
133
klare Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern resultiert. Es weist den Männern die
„Ernährerrolle“, also die materielle Versorgung der Ehefrau und Kinder zu, den Frauen
hingegen die „Hausfrauenrolle“, die allenfalls eine Zuverdienerrolle zulässt. Durch entspre-
chende sozialstaatliche Arrangements, kulturelle Normen und Leitbilder wird das Regime
der Massenproduktion verknüpft mit dem Modell eines standardisierten Lebens- und
Konsummodells. Die diesem Integrationsmodus idealtypisch entsprechenden Wohnformen
sind zum einen das Eigenheim im suburbanen Raum und zum anderen die Wohnung in
der Großsiedlung des sozialen Wohnungsbaus am Rande der Stadt. Die Raumstruktur ist
durch eine klare funktionale und räumliche Trennung der Arbeitswelt von der Lebenswelt
geprägt, was wiederum seinen Ausdruck in der Entmischung städtischer Funktionen durch
eine stadträumliche Zonierung findet. Das Problem der „gleichzeitigen Multiinklusion“
wird im Rahmen dieses fordistischen Integrationsmodus durch eine Standardisierung und
Normierung der Arbeitswelt und eine durch sozialstaatliche Arrangements abgesicherte
Lebens- und Konsumweise gelöst, die räumlich in eine weitgehend standardisierte Wohn-
und Siedlungsstruktur eingebunden ist.
Durch diese wohlfahrtsstaatlich-fordistischen Inklusionsarrangements mit ihren spezi-
fischen Formen der Standardisierung und Normierung wird die besondere Qualität der
Stadt mehr oder weniger entwertet. Die auf räumlicher Dichte basierenden Inklusions-
angebote der Stadt werden auf standardisierte und zonierte Arbeits- und Lebensräume
jenseits der sozialen und kulturellen Zumutungen der tradierten Stadt verlagert.
Die Großsiedlung Steilshoop ist Ausdruck und Resultat eines derartigen fordistisch-
wohlfahrtsstaatlichen Integrationsmodells. Sie wurde Ende der 1960er-Jahre in Zeiten der
Vollbeschäftigung gebaut, zur raschen Versorgung der Bevölkerung mit preisgünstigem
Wohnraum. In diesem Sinn ist das Siedlungsbauprojekt durchaus erfolgreich gewesen,
denn es gelang tatsächlich, den Wohnungsmarkt in den unteren Preissegmenten zu
entlasten und ein breites Angebot an Wohnraum für Beschäftigte in den Großverwaltungen
und der fordistischen Industrie zur Verfügung zu stellen. Mit der zyklenübergreifenden
Weltwirtschaftskrise der 1970er- und 1980er-Jahre geriet auch das fordistisch-wohlfahrts-
staatliche Integrationsmodell in die Krise. In den folgenden Jahrzehnten war es Prozessen
der Deregulierung, Flexibilisierung und Neuformierung unterworfen. Im Rahmen dieses
Strukturwandels setzte sich nicht nur eine Erosion des Normalarbeitsverhältnisses durch,
sondern es „verflüssigten“ sich zunehmend auch die funktionalen, räumlichen und zeit-
lichen Grenzen zwischen Arbeits- und Lebenswelt. Zunehmend zeigte sich jedoch, dass
die – unter fordistischen Entwicklungsbedingungen – funktionale Leistungsfähigkeit des
monofunktionalen Stadtquartiers in krassem Widerspruch steht zu den Anpassungs-
erfordernissen der neuen ökonomischen und sozialen Situation.
Die strikte Trennung von Arbeitswelt und Lebenswelt wurde nicht nur zu einem funk-
tionalen, sondern auch zu einem mentalen Problem. Das Stadtquartier bietet kaum Arbeits-
gelegenheiten und es gibt auch „kaum Gelegenheiten, wo Arbeitslose und diejenigen, die
morgens zu Arbeit fahren und abends zu ihren Familien zurückkehren, im Viertel in Kontakt
treten könnten. Umso schärfer treten damit auch die Unterschiede in der Lebensweise
von Arbeitslosen und Erwerbstätigen hervor“ (Kronauer 2004: 52).
Es gibt, wie dargestellt, kaum Brückenbeziehungen: weder innerhalb der Siedlung, in
der sich die kulturell homogenen Milieus in ihre privaten Räume zurückziehen, wodurch es
134
auch kaum zufällige soziale Begegnungen zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus gibt,
noch gibt es in Steilshoop entwickelte soziale Brücken nach außerhalb – nach Steilshoop
„verirrt“ sich so schnell niemand, sofern er oder sie nicht von Amts wegen in die Siedlung
„hineinverlegt“ wurde. Dadurch betreten auch selten andere Akteure den Raum. Das heißt,
auf der Ebene des gelebten Alltags im Stadtteil finden sich nur wenige Anstöße für neue
Aktivitäten oder Entwicklungen. Vielmehr sind derartige Impulse auf die regulativen Inte-
grationsbemühungen von außen beschränkt: Sozialarbeit, Sozialhilfe und Arbeitsamt. Sie
bilden mehr oder weniger die einzigen Brückenbeziehungen nach „draußen“. Damit die
sozialen Verhältnisse der Siedlung für die Bewohner erträglich bleiben, ist das Quartier auf
einen beständigen sozialstaatlich finanzierten Ressourcentransfer von außen angewiesen.
Dadurch wird allerdings auch die sich abzeichnende Erosion der tradierten sozialstaatlichen
Arrangements für den Stadtteil zu einer besonders starken Bedrohung.
Das Gegenmodell zum dem fordistisch-wohlfahrtsstaatlichen Integrationsmodell bildet
das urbane, postfordistische Integrationsmodell, für das das Schanzenviertel beispielhaft
steht. Mit ihrer hochspezialisierten Arbeitsteilung und ihrer sozialen und kulturellen
Heterogenität waren Städte schon immer privilegierte Orte für komplexe gesellschaftliche
Integrationsprozesse. In städtischen Räumen verdichten sich ausdifferenzierte gesellschaft-
liche Strukturen und sehr unterschiedliche Alltagsroutinen an einem Ort. In diesem Sinne
charakterisiert Nassehi Städte als räumlich dichte Form verschiedener Inklusionsangebote,
-möglichkeiten und -zwänge, die eine „ökologische Bedingung dafür zu sein (scheint),
dass die moderne Gesellschaft auf eine strikte Koordination von Inklusionsangeboten
verzichten kann“ (Nassehi 2002: 224). Man könnte auch sagen, dass die besondere Inte-
grationskraft der Städte das Resultat eines räumlich konzentrierten „Überschusses“ an
Inklusionsangeboten ist, dem wiederum eine räumlich konzentrierte Nachfrage nach immer
stärker ausdifferenzierten Formen gesellschaftlicher Teilhabe gegenübersteht.
Die mit der Krise des Fordismus verbundenen Wandlungsprozesse führen u. a. zu
neuen Arbeitsformen und neuen Formen der Alltagsorganisation, die durch eine enge
Verflechtung von beruflichem, sozialem und persönlichem Leben charakterisiert sind.
Dies führt dazu, dass sich die räumliche und zeitliche Trennung der Sphären der Arbeit,
des Wohnens und der Freizeit auflöst. Dadurch gewinnt die Stadt nicht nur als Arbeitsort,
sondern auch als Wohnort und Lebensraum wesentlich an Attraktivität, wodurch auch
Formen des urbanen Integrationsmodells mit seinen räumlich verdichteten Inklusions-
angeboten wieder deutlich aufgewertet werden.
Die funktionsgemischten innerstädtischen Quartiere bieten nicht nur ein breites Angebot
an Beschäftigungsmöglichkeiten, sondern auch vielfältigste Dienstleistungen vor Ort:
Einkaufsmöglichkeiten, Betreuungsangebote für Kleinkinder, Schulen für unterschiedliche
Begabungen, eine differenzierte Gesundheitsversorgung und vielfältige soziale und kultu-
relle Netzwerke (vgl. Läpple 2005). Die offensichtliche Attraktivität des Schanzenviertels für
verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Betriebe – für die Professionals und Betriebe
der neuen Kultur- und Wissensökonomie ebenso wie für Verlierer des Strukturwandels
– ist Ausdruck der Neubewertung der Stadt mit ihren vielfältigen Inklusionsangeboten
und Inklusionsmodi. Zwar sieht sich das Schanzenviertel auf der sozialstatistischen Ebene
mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie Steilshoop – Arbeitslosigkeit und Integration
von ethnischen Minderheiten –, aber auf der alltagspraktischen Ebene ergeben sich im
135
136
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137
138
Im Zentrum des Beitrags steht die Frage, wie sich die neuen Gesellschaftsstrukturen in
Form neuer residenzieller Wohnstandortmuster im urbanen Raum abbilden. Es stellt sich
heraus, dass für das Wohnstandortverhalten der Haushalte neben den Bedingungen des
Wohnungsmarktes sowohl die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Lage als auch
die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Modernisierungsstufe von ent-
scheidender Bedeutung ist.
Der theoretisch postulierte Zusammenhang zwischen Sozial- und Raumstrukturen bestä-
tigt sich für die Unterteilung der Stadtgesellschaft nach Schichten: Die Bevölkerungsgruppen
am oberen und unteren Ende der sozialen Leiter weisen die größten Unterschiede in ihrer
Wohnstandortverteilung auf. Die in neuerer Zeit wieder zunehmende soziale Polarisierung
spiegelt sich also im Raum in Form von deutlich voneinander getrennten und unterschiedlich
im Raum verteilten Wohnstandorten der gegensätzlichen sozialen Lagen wider.
Sozial homogene Viertelstrukturen sind am ehesten für die Ober- und nur bedingt für
die Unterschicht festzustellen. Für letztere sind neben den sozial einheitlich strukturierten
Arbeiter- und Industriequartieren auch sozial homogene Blockstrukturen in benachteiligten
Wohnlagen verschiedener Quartiere typisch. Die Mittelschicht wohnt sehr gleichmäßig
über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Der Vergleich der unterschiedlichen Lebensformen
der drei sozialen Lagen zeigt zudem, dass für alle Schichten die größten soziokulturellen
Unterschiede der Modernisierungsstufen (postmodern vs. traditionell) die jeweils größten
Wohnstandortunterschiede mit sich bringen.
139
Die Bildung von neuartigen residenziellen Strukturmustern, wie sie eher als insel-
artig-heterogene und weniger flächenhafte Anordnungen der Wohnstandorte in den
raumtheoretischen Abhandlungen beschrieben werden (vgl. Castells 1994; Krätke 1996;
Marcuse 1995), hängen nicht ausschließlich mit der gesellschaftlichen Modernisierung
zusammen. Denn daneben spielen auch Faktoren des Wohnungsmarktes und der
Wohnungspolitik eine entscheidende Rolle: Während die postmoderne Oberschicht
relativ frei von finanziellen Zwängen ihre individuellen Wohnortwünsche in verschiedenen
luxussanierten Baublöcken in unterschiedlichen Wohnquartieren befriedigen kann, steht
der traditionellen Unterschicht (meist ärmere Familienhaushalte) Wohnraum außer-
halb der Arbeiter- und Industriequartiere allenfalls in bestimmten ungünstig gelegenen
Baublöcken zur Verfügung.
140
141
Tatsächlich hat mit den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte das
Wohnstandortverhalten der städtischen Bevölkerung einen Wandel erfahren: Bei einer
für große Bevölkerungsteile erhöhten Wahlfreiheit auf dem Wohnungsmarkt bestimmen
heute je nach individuellem Lebenszyklus und sozialem Status neben ökonomischen vor
allem ästhetische und kulturelle Kriterien die Wohnstandortwahl (vgl. Helbrecht 1997).
Für bestimmte Sozialgruppen ist heute nicht mehr die sozial einheitliche Struktur und das
Prestige eines gesamten Stadtviertels wichtig, sondern die Qualität des unmittelbaren
physisch-materiellen Wohnumfelds. Räumliche Folge der gesellschaftlichen Hetero-
genisierung in eine Vielzahl von sozioökonomischen Subgruppen ist die Auflösung der
klassischen, sozial relativ homogenen Viertelstrukturen der Industriegesellschaft in eine
kleinräumige Fragmentierung der Wohnbevölkerung in ein „Mosaik inselhaft verteilter
sozialer Welten“, wie sie schon von Wirth (1938) im Kontext „ethnischer Dörfer“ auf-
gezeigt wurde. Helbrecht (1997: 11) erkennt in den neuen residenziellen Stadtstrukturen
in Angloamerika die „Auflösung der Lehrbuch-Geometrien der Zonen und Sektoren“ und
die Entstehung eines kleinteiligen Mosaiks sozialer Inseln, die durch eine neue räumliche
Nähe gegensätzlicher Sozialstrukturen gekennzeichnet sind.
Die zweite Bedeutung von Raum als Rahmenbedingung für soziale Prozesse manifestiert
sich im Zusammenhang zwischen der Konstellation physisch-räumlicher Strukturmuster
und der räumlichen Organisation der sozialen Welt. Für die vorliegende Fragestellung
ist vor allem die unterschiedliche Wohnqualität der Stadträume als Bestimmungsfaktor
für die räumliche Verteilung der Wohnbevölkerung zu sehen. Das bedeutet, dass die
Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Wohnstandort nicht rein sozial motiviert ist
(beispielsweise der Wegzug einheimischer Gruppen bei hohem Ausländeranteil), sondern
mit beeinflusst durch die jeweilige physisch-materielle Wohnstandortqualität.
3 Hypothesen
Der Studie liegen folgende Hypothesen zugrunde:
1. Der Trend zur sozialen und räumlichen Heterogenisierung bzw. Aufsplitterung ist
nicht nur qualitativ-deduktiv (und damit notwendigerweise auf kleine Untersuchungs-
einheiten beschränkt), sondern auch quantitativ-induktiv auf der Basis relevanter
Daten der amtlichen Statistik mit stadtweitem Raumbezug nachweisbar.
2. Ähnlichkeiten im Wohnstandortverhalten manifestieren sich nicht mehr klassen- oder
schichtspezifisch, sondern beziehen sich auf den schichtübergreifenden Lebens-
formentyp.
2.a Das Wohnstandortverhalten von Gesellschaftsgruppen der gleichen Modernisie-
rungsstufe (z. B. der Gruppe der „Postmodernen“) ähnelt sich, auch wenn man
unterschiedliche soziale Lagen miteinander vergleicht.
2.b Sozialgruppen, die soziokulturell am weitesten voneinander entfernt sind, woh-
nen am wenigsten wahrscheinlich in gleichen Stadtteilen, d. h. ihre Segregations-
werte sind am höchsten (man spricht hier von sozialräumlicher Polarisierung).
3. Je „modernisierter“ eine Gesellschaftsgruppe ist, desto eher sind für sie „neue“, d. h.
heterogen-inselartige residenzielle Raummuster festzustellen (d. h. relativ niedrige
142
4 Methodisches Vorgehen
Ermittlung der neuen Sozialgruppen
Ziel der Untersuchungen ist nicht die Nachbildung von sozialwissenschaftlichen Lebens-
stilgruppen in Basel mit Daten der amtlichen Statistik, sondern die stadtweite Dokumen-
tation des Wohnstandortverhaltens der neuen Gesellschaftsgruppen als Sekundäranalyse
der Schweizer Volkszählungsdaten (für 1990). Daher kommt das in der Lebensstilforschung
übliche Klassierungsverfahren der Clusteranalyse in der vorliegenden Studie aufgrund der
andersartigen Fragestellung und Datengrundlage nicht infrage. In Anlehnung an sozial-
wissenschaftliche Lebensstilansätze wird daher ein Konzept der Gesellschaftsgliederung
entworfen, das auf den Merkmalen des verfügbaren Datensatzes basiert. Ähnlich der
durch bestimmte Verhaltens- und Wertekriterien beschriebenen Lebensstilgruppen der
sozialwissenschaftlichen Literatur können so mit Variablen ähnlicher Aussagekraft aus dem
Datenpool der Amtlichen Statistik (Bundesamt für Statistik 1993) bestimmte Sozialgruppen
ermittelt werden.2 Diese werden hier „Lebensformengruppen“ genannt, um sie begrifflich
eindeutig von den sozialwissenschaftlichen Lebensstiltypen abzugrenzen. Der Schwei-
zer Zensus stellt eine umfassende, flächendeckende und regelmäßige (alle zehn Jahre)
statistische Primärerhebung der Schweizer Bevölkerung (Personen und Haushalte) sowie
der Gebäude und Wohnungen des Landes dar. Die Daten werden als Vollerhebung auf
Personenbasis mittels Personenfragebogen erfasst. Der Zensus bezieht sich auf Angaben
zu Alter, Geschlecht, Zivilstand, Heimat, Wohnort, Wohnort vor fünf Jahren, Stellung im
Haushalt, Konfession, Sprache, Erwerbssituation, Ausbildung, Arbeitsweg.
Aufgrund des hier verwendeten Gesellschaftskonzepts (für eine überblickartige Dar-
stellung siehe Abb. 1) differenzieren sich zehn Lebensformengruppen nach individuellen
Einstellungen oder Verhaltensmustern auf der Grundlage ihrer Zugehörigkeit zu Gesell-
schaftsschichten (Ober-, Mittel- und Unterschicht) aus. Sie lassen sich bezüglich ihres
„gesellschaftlichen Transformations- oder Modernisierungsgrades“ kategorisieren in
■ traditionell (Menschen, die in familiären Bindungen verankert sind und für die bestimmte
soziokulturelle Normen Bedeutung haben, verbunden mit einer traditionellen Rollen-
aufteilung der Ehepartner),
■ modern (Menschen, die in irgendeinem Punkt vom traditionellen oder postmoder-
nen Schema abweichen; sie kombinieren durch ihre Lebensweise traditionelle und
(post-)moderne Wertvorstellungen) und
2
Dieser Schritt ist selbstverständlich auch von Pragmatismus geprägt, denn obwohl man sich insbesondere
für den postmodernen Typ Merkmale der Wertvorstellungen wünschen würde, soll mit diesem Beitrag deutlich
gemacht werden, dass es möglich ist, auch mit den klassischen Merkmalen der amtlichen Statistik zu hilfreichen
Aussagen zu den neuen Formen ungleicher Verteilung der Wohnstandorte im Raum zu kommen.
143
Abb. 1: Zusammensetzung der zehn Lebensformengruppen aus dem Grad der gesell-
schaftlichen Transformation und der sozialen Lage
144
145
146
1 und 100 annehmen. Je höher der Indexwert ist, desto größer ist die relative Ungleich-
verteilung im Raum (IS = 0: die betrachtete Gruppe ist in allen räumlichen Einheiten ent-
sprechend ihres Anteils in der Gesamtstadt vertreten; IS = 100: die betrachtete Gruppe
ist gegenüber allen anderen Gruppen maximal ungleich verteilt, d. h. sie konzentriert sich
in jedem Stadtgebiet, in dem sie vorkommt, zu 100 %).
Einschränkungen: Die Homogenität von Baublöcken als Untersuchungseinheit ist nicht
garantiert, da unterschiedliche Wohnsituationen von Straßenseiten oder Hinterhoflagen
nicht berücksichtigt werden. Der Segregationsindex ist „nur“ ein Maß für die Ungleichver-
teilung bezogen auf eine bestimmte Raumeinheit, er lässt keine Aussagen über die Lage
der einzelnen sozialen Gruppen im Stadtgebiet zu. Für konkret raumbezogene Aussagen
wird dieses räumlich abstrahierte Ergebnis durch eine Verortung der räumlichen Konzent-
rationen der Wohnstandorte im Stadtraum ergänzt. Die kartographische Darstellung der
anteilsmäßigen Verteilung (quantile Klassierung) der einzelnen Merkmalsgruppen erfolgt
mittels des Geoinformationssystems ArcView®.
147
6 Ergebnisse
148
Die überwiegende Mehrheit der Haushalte jeder Sozialschicht gehört der modernen
Lebensformengruppe an.
Die einzelnen Modernisierungsstufen setzen sich aus folgenden Haushaltstypen (vgl.
Tab. 1) zusammen:
■ Die postmoderne Teilgruppe besteht mehrheitlich (76 %) aus vollerwerbstätigen
Einpersonenhaushalten ohne Konfession. Vollerwerbstätige Nichtfamilienhaushalte
Nicht-Verwandter sind mit einem Anteil von 13 % vertreten, unverheiratete Paare
(„Konsensualpaare“) ohne Kinder mit 11 %.
■ Die größte Teilgruppe der modernen Transformationsstufe sind Ehepaare mit und ohne
Kind(er) mit (ehemals) erwerbstätiger, erwerbsloser oder in Ausbildung stehender
Zusatzperson, 23 % mit vollerwerbstätiger bzw. 13 % mit arbeitsuchender Referenz-
person. Größere Anteile haben zudem teilerwerbstätige Einpersonenhaushalte (18
%) und vollerwerbstätige Einpersonenhaushalte, die einer Konfession angehören (15
%). 7 % der modernen Haushalte sind Alleinerziehende. Anteile mit 3 % haben ver-
witwete Einpersonenhaushalte in Ausbildung, Rente oder auf Stellensuche. Mit je 2 %
sind teilerwerbstätige Nichtfamilienhaushalte Nicht-Verwandter und vollerwerbstätige
Nichtfamilienhaushalte Nicht-Verwandter mit Konfession vertreten.
Abb. 3: Zusammensetzung der Haushalte von Basel-Stadt aus den zehn Lebens-
formengruppen (1990)
■ Die traditionelle Sektion setzt sich mehrheitlich (51 %) aus verwitweten Einpersonen-
haushalten mit Konfession zusammen, die im Rentenstatus oder erwerbslos sind. Nächst
größere Teilgruppe (mit 42 %) sind Ehepaare mit und ohne Kind(er) mit vollerwerbstäti-
ger Referenzperson und im Haushalt tätiger Zusatzperson. 6 % der Traditionellen sind
Ehepaare mit und ohne Kind(er) mit erwerbsloser, in Ausbildung oder im Rentenstatus
stehender Referenzperson und im Haushalt tätiger Zusatzperson, die einer Konfession
angehören. Verwitwete, vollerwerbstätige Einpersonenhaushalte mit Konfession stellen
mit 2 % die kleinste Teilgruppe dar.
149
Der für das Durchschnittsalter erkannte Zusammenhang zwischen sozialer Lage und
Modernitätsstufe kann für die Geschlechterzusammensetzung nicht festgestellt werden.
Während bei der Mittelschicht die Geschlechterzusammensetzung der Referenzpersonen
mit 66 % Männer und 34 % Frauen für alle Modernitätsstufen übereinstimmt, weist bei der
Oberschicht die traditionelle Teilgruppe mit 99 % die höchsten und die postmoderne mit
73 % die niedrigsten Männeranteile auf. Das Geschlechterverhältnis der postmodernen
und traditionellen Teilgruppen der Unterschicht ist genau umgekehrt: Höchste Männerquo-
ten der postmodernen Teilgruppe (75 %) mit hohen Anteilen an alleinstehenden jungen
Männern stehen hier höchsten Frauenquoten der traditionellen Modernitätsstufe (74 %)
mit hohen Anteilen an alleinstehenden Witwen im Rentenalter gegenüber. Die Verteilung
der Geschlechter wird also eher durch die Schicht als durch den Modernisierungsgrad
determiniert.
■ Nationalität der RP: Die Mehrheit aller sozialen Lagen setzt sich aus Schweizern
zusammen, allerdings nehmen deren Anteile mit niedriger werdender sozialer Lage
ab, während die Anteile an Süd- und Südosteuropäern zunehmen. Bei der Gruppe der
„Marginalisierten“ fällt auf, dass sie sich sehr heterogen aus vielen Nationalitätengruppen
– relativ vielen Schweizern und Mittel- und Nordeuropäern, aber auch hohen Anteilen
an Süd- und Südosteuropäern – zusammensetzt. Dies hängt damit zusammen, dass
diese in sich sehr inhomogene Sozialgruppe zum Teil aus sozial degradierten Schweizern
und Mitteleuropäern besteht und zum Teil aus Nationalitätengruppen, denen aufgrund
soziokultureller Einschränkungen der Zugang zu höheren Sozialschichten versperrt
ist.
Der Anteil an Schweizern nimmt für alle sozialen Lagen von der traditionellen zur
modernen und postmodernen Modernitätsstufe ab. Das heißt, die Schweizer sind
stärker religiös gebunden bzw. leben eher nach traditionellen Wertvorstellungen als
die übrigen Mittel- und Nordeuropäer.
Die höchsten Anteile an Südeuropäern verzeichnen die postmoderne (33 %) und
moderne Unterschicht (18 %), gefolgt von der postmodernen (8 %) und modernen
Mittelschicht (5 %). Dies ist mit den hohen Anteilen an unverheirateten Arbeitnehmern
dieser Migranten der ersten Einwanderungswelle in die Schweiz und dem daraus resul-
tierenden anderen Altersaufbau zu erklären. Die Gruppe der Südost- und Osteuropäer
als Hauptmigranten der derzeitigen Einwanderungswelle verzeichnet höhere Anteile
nur bei der Unterschicht und den „Marginalisierten“. Die Nationalität bestimmt also
nur die Zugehörigkeit zu einer Sozialschicht, nicht die Zugehörigkeit zu einer Moder-
nisierungsstufe.
■ Umzugsfreudigkeit: Am wenigsten mobil sind die traditionellen Teilgruppen, was hier
insbesondere auf einen Alterseffekt zurückzuführen ist. Innerhalb dieser Modernitäts-
stufe nehmen die Anteile an Haushalten, die in den letzten fünf Jahren nicht umgezogen
sind, von der Ober- über die Mittel- zur Unterschicht zu. Mit abnehmendem sozioöko-
nomischen Kapital verringern sich die Möglichkeiten der räumlichen Mobilität. Diese
ist also neben der Lebensform auch eine Frage der Schichtzugehörigkeit.
151
152
postmoderne Oberschicht festzustellen (siehe Abb. 5). Diese drei Gruppen wohnen
also in tendenziell heterogen strukturierten Stadtvierteln, innerhalb dieser aber in sozial
eher einheitlichen Baublöcken. Für die postmoderne Oberschicht steht offensichtlich
geeigneter Wohnraum, beispielsweise luxuriöse Wohnungen in vielen Stadtvierteln,
aber dort nur in bestimmten Baublöcken zur Verfügung. Die traditionelle Unterschicht
ist auch deshalb in vielen Stadtvierteln vertreten, da viele Verwitwete teilweise noch in
den „familienfreundlichen“ Quartieren wohnen.
■ Sozial homogene Viertelstrukturen. Eine soziale Homogenität ist dagegen auf Quartier-
und Baublockebene eher für die moderne Oberschicht, die postmoderne Unterschicht
und, am stärksten ausgeprägt, für die traditionelle Oberschicht zu beobachten (siehe
Abb. 6). Ganz offensichtlich steht für diese Gruppen ein geeigneter Wohnraum nur
in bestimmten Quartieren zur Verfügung. So ist beispielsweise die postmoderne
Unterschicht aufgrund knapper finanzieller Mittel auf preisgünstige Klein- und Kleinst-
wohnungen des unteren Wohnungsmarktsegments beschränkt.
153
Ein Vergleich der beiden „Enden der sozialen Leiter“ zeigt auf beiden Maßstabs-
niveaus einen spiegelbildlichen Trend: Während bei der Oberschicht die traditionelle
Teilgruppe die höchsten Segregationswerte aufweist, ist diese Tendenz (bei jeweils
ähnlichen Segregationswerten) bei der Unterschicht für die postmoderne Untergruppe
festzustellen. Beide Bevölkerungsteilgruppen wohnen in ihren jeweiligen – sozial eher
homogen strukturierten – „traditionellen“ Quartieren, d. h. in gehobeneren Wohnvier-
teln respektive in Arbeiter- und Industriequartieren.
Die beschriebenen Unterschiede zwischen den Gruppen sind jedoch stark abhängig
von der Maßstabsebene der Betrachtung; hohe Segregationswerte auf Blockebene müssen
nicht unbedingt hohe Segregationswerte auf der Quartiersebene mit sich bringen. Es gibt
offensichtlich Lebensformengruppen, deren Wohnstandortwahl entscheidend durch den
Quartierscharakter beeinflusst wird (das gilt vor allem für die traditionelle Ober- und die
postmoderne Unterschicht), für andere ist die Wohnqualität des einzelnen Baublocks resp.
der Gebäude wichtiger (vor allem für die postmoderne Oberschicht und die traditionelle
Unterschicht).
154
Bezieht man den Vergleich zwischen den sozialen Lagen mit ein (siehe Tab. 4), so stellt
man fest, dass die Dissimilaritätswerte für alle Modernisierungsstufen an beiden Enden der
sozialen Leiter (Vergleichspaar Oberschicht vs. Unterschicht) mit Abstand am höchsten
sind.
155
156
157
6.4 Ausblick
Eine Raumplanungspolitik, die sich in erster Linie an einer Steigerung der Attraktivität von
Wohnquartieren für einkommensstarke Bevölkerungsgruppen (gute Steuerzahler) orien-
tiert, um diese an den städtischen Wohnort zu binden, unterstützt eine Verfestigung oder
Verstärkung sozialräumlicher Unterschiede im urbanen Raum. Diese Tatsache kann nicht
länger übersehen werden und die verantwortliche Verwaltung und Kommunalpolitik sollte
sich diesem Interessenkonflikt stellen, anstatt die Zusammenhänge länger zu negieren
und damit billigend in Kauf zu nehmen. Die von den Aufwertungsprozessen ausgelöste
Verdrängung „unerwünschter Bevölkerungsgruppen“ verursacht sozialräumliche Folgen,
die ihrerseits nur schwer in den Griff zu bekommen sind.
Eine angemessene soziale Mischung kann dagegen dadurch unterstützt werden,
dass geeigneter und bezahlbarer Wohnraum gerade in den Stadtquartieren verfügbar
gemacht wird, die besonders stark von Segregation betroffen sind (in Basel sind dies vor
allem die traditionellen Oberschicht- und – etwas weniger ausgeprägt – die Arbeiter- und
Industrieviertel).
Die vorliegende Arbeit zeigt auch, welche der „sozial bessergestellten“ Lebens-
formengruppen sich einer „sozialräumlichen Durchmischung“ nicht entziehen: Vor
allem die postmoderne Oberschicht und die postmoderne und moderne Mittelschicht –
3
Für genauere Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen residenziellen Segregationsmustern und
der Wohnumfeldqualität vgl. Eder (2004).
158
Sozialgruppen also, die man in den durch Arme, Ausländer, Alte und Arbeitslose („A-Stadt“)
belasteten Städten halten will. Um dieses Ziel der Stadtentwicklungsplanung zu erreichen,
sollte man neben den bisher gebauten respektive modernisierten Luxuswohnungen für
Alleinstehende oder Doppelverdienende ohne Kinder (DINKS) der Oberschicht vermehrt
auch Wohnungen für mittelständische Familienhaushalte in verschiedenen Stadtquartieren
zur Verfügung stellen.
Greifen der Staat respektive die Kommunen also mit regulierenden Wohnbauprogram-
men in die gesellschaftlichen und sozialräumlichen Ausdifferenzierungsprozesse ein,
könnten beispielsweise Familienhaushalte mit unterschiedlichem Einkommen in unmit-
telbarer Nachbarschaft wohnen. Auf diese Weise hätte die Realisierung des erwünschten
räumlichen Nebeneinanders verschiedener Sozialgruppen größere Erfolgschancen.
Maßnahmen mit dieser Zielsetzung sind in Basel-Stadt im Rahmen des „Aktionsprogramms
Stadtentwicklung“ mit der Zusammenlegung von Kleinwohnungen zu hochwertigen
Familienwohnungen beispielsweise im Matthäusquartier bereits punktuell eingeleitet
worden.
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159
160
Gliederung
1 Stadterneuerung im Transformationsprozess
2 Eine spezifische „soziale Mischung“
3 Von Szene zu Szene
4 Das neue Sanierungsregime
5 Was ist neu an der Stadterneuerung?
6 Personengebundene Ressourcen
7 Umzugsbewegungen
8 Veränderungen im Bezirk Prenzlauer Berg
9 Erklärungen
10 Perspektiven: nach dem Ende der öffentlichen Förderung
Literatur
Die Periode starker staatlicher Regulation – in Deutschland seit den 1920ern bis in die
1970er-Jahre des 20. Jahrhunderts – war von dem Bemühen um eine keynesianische
Steuerung der Wirtschaftsentwicklung und von einer zunehmenden Beteiligung der
Lohnabhängigen am Wirtschaftsergebnis geprägt. Diese Periode wird heute als eine
Epoche des ‚Fordismus‘ bezeichnet. Die Realeinkommen stiegen in der Bundesrepublik
Deutschland bis zum Ende der 80er-Jahre kontinuierlich an. Die ‚Staatsquote’ wurde
erhöht, und die Sozialleistungen wurden verbessert. Zur Förderung der wirtschaftlichen
Entwicklung verwendete der Staat einen Großteil seines Budgets für den Ausbau und
die Modernisierung der Infrastruktur, wobei die Stadterneuerung eine bedeutsame Rolle
spielte. Der wachsende Wohlstand war begleitet von einem steigenden Verlangen nach
‚Demokratisierung‘ politischer Entscheidungsprozesse – besonders spektakulär und von
vielen Bürgerinitiativen gefordert war die Mitbestimmung über Ziele und Verfahren der
Stadterneuerung. Die zentrale Rolle, die der Staat im fordistischen Steuerungsmodell
einnahm, spiegelte sich in der Organisation der Stadterneuerung – und daher richtete sich
das Partizipationsbegehren vor allem gegen den Staat bzw. gegen die von ihm beauftragten
Sanierungsträger (vgl. Häußermann, Holm, Zunzer 2002: 14 ff.).
In der postfordistischen Phase reduziert sich die Bedeutung des Staates als Zentrum der
Organisation der Stadtentwicklung, Entscheidungen werden dezentralisiert und an nicht-
staatliche Akteure delegiert. Gleichzeitig nimmt der staatliche Anteil an den finanziellen
1
Eine frühere Fassung dieses Beitrages wurde in der Zeitschrift „Die alte Stadt“ (31. Jg., Heft 1) veröffent-
licht.
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Aufwendungen für die Stadterneuerung ab. Dies hat Konsequenzen für die Erreichung
der Ziele der Stadterneuerung und für die Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung. Da der
Schwerpunkt der Stadterneuerung seit der Wiedervereinigung eindeutig in die neuen
Bundesländer verlagert wurde, sind bei der Betrachtung der „postfordistischen“ Praxis
allerdings auch einige Besonderheiten zu beachten, die spezifisch beim Anpassungspro-
zess der vormals staatsozialistisch gesteuerten Städte auftreten. Im Folgenden sollen die
Veränderungen in der Organisation der Stadterneuerung in „postfordistischen“ Zeiten
am Beispiel Berlin-Prenzlauer Berg dargestellt werden.
1 Stadterneuerung im Transformationsprozess
Im Prozess der Stadterneuerung in den neuen Bundesländern überlagern sich verschiedene
Entwicklungen, deren Effekte schwierig auseinanderzuhalten sind.
1. Man hatte es dort in der Regel mit Altbaugebieten zu tun (vgl. Schumann, Marcuse
1991), die sich im Jahr 1990 in einem Zustand des großflächigen Verfalls befanden,
wie es ihn in den Städten im Westen Deutschlands nur selten gegeben hatte, als dort
in den 60er-Jahren die große Welle der Stadtsanierung einsetzte.
2. Auch ohne stadtpolitischen Eingriff setzte in den ostdeutschen Altbaugebieten nach
der Vereinigung eine große Veränderungsdynamik ein: Die Haushalte hatten – nach
Einkommen unterschiedlich – nach 40 Jahren staatlicher Wohnungszuweisung nun die
freie Wahl über ihren Wohnstandort, und sie machten davon auch frühzeitig Gebrauch
– zumal das Angebot an Neubauwohnungen rasch wuchs.
3. Die Altbaubestände hatten in der Wohnungspolitik der DDR eine geringe Wert-
schätzung genossen. Bis zu den 80er-Jahren bestand die SED-Politik darin, diese
Bestände vollkommen abzureißen und durch einen neuen ‚sozialistischen‘ Wohnungs-
bau zu ersetzen. Die Restitution von Privateigentum im Immobilienbereich (vgl. Dieser
1996; Reimann 2000), d. h. die Rückgabe von verstaatlichten Immobilienbeständen an
die früheren Besitzer, führte in vielen Fällen zu konfliktreichen Auseinandersetzungen
mit den Mietern, die bis zur Vereinigung nur eine sehr niedrige Miete bezahlt hatten
und unkündbar waren.
4. Gleichzeitig differenzierten sich wegen des tief greifenden sozioökonomischen
Wandels, der mit der politischen Transformation einherging, die sozialen Lagen der
Bewohner stärker aus: Bewohner, die unter den neuen Bedingungen beruflich fest Fuß
fassten, erlangten bisher nicht gekannte Entscheidungsmöglichkeiten über ihre eigenen
Lebensumstände, während für andere aufgrund von Arbeitsplatzverlust und beruflicher
Dequalifizierung ein Leben mit niedrigem Einkommen in einer Umwelt begann, die in
zunehmendem Maße nach der Kaufkraft strukturiert wurde (vgl. Häußermann, Kapphan
2000).
5. Schließlich entstand mit dem „Systemwechsel“, der mit der Wiedervereinigung ver-
bunden war, auch ein Machtkampf, der von einem Kulturkonflikt überlagert war. Mit der
Ausweitung sämtlicher rechtlicher Regelungen aus den alten auf die neuen Bundesländer
waren für alle Verfahren plötzlich „Wessis“ die Experten. Mit der Restitution von Privat-
eigentum erlangten frühere Eigentümer, die aus der DDR nach Westdeutschland geflo-
162
hen waren, wieder die Verfügungsgewalt über ihre Immobilien. Wurden Mietshäuser
verkauft, waren in der Regel Immobiliengesellschaften oder Eigentümergemeinschaften
aus den alten Bundesländern die Käufer, die durch lukrative Steuervergünstigungen als
Investoren angelockt worden waren. Mit den neuen Eigentümern wurden auch andere
Vorstellungen über „zeitgemäßen“ Ausstattungsstandard und über die Ästhetik von
Wohnungen und Gebäuden importiert. Zwar wurden die rasch einsetzenden Pro-
zesse von Instandsetzung und Modernisierung von der überwiegenden Mehrheit der
Bewohner begrüßt, aber die damit verbundenen Mieterhöhungen standen natürlich
von Beginn an unter Kritik (vgl. Holm 2004). Da auf Mentalitäten und Gewohnheiten
im Zuge des einsetzenden Investitionsbooms wenig Rücksicht genommen wurde,
drückten Begriffe wie „Kolonisierung“, „Anschluss“ oder „westlicher Imperialismus“
eine offene oder untergründige Entfremdung gegenüber dem schnellen Wandel aus
(vgl. Häußermann 2000; Rehberg 2000).
Nahezu alles, was vor 1989 bis zur Erstarrung stabil gewesen war, geriet in Bewegung
(vgl. Häußermann 1996). Wie sich dies in einem innerstädtischen Altbaugebiet in Ostberlin
auswirkte und welche Folgen dies für die soziale Zusammensetzung der Wohnbevölkerung
hatte, ist Gegenstand der folgenden Darstellung. Das besondere Interesse dieses Beitrags
richtet sich auf die neuen Formen der politischen Steuerung der Stadterneuerung, die sich
insbesondere hinsichtlich der Trägerschaft von den bekannten Sanierungsprozessen in den
alten Bundesländern unterschied. Leitende Fragestellung dabei ist, inwieweit es gelang, die
doppelte Zielsetzung zu verwirklichen: einerseits einen Prozess der baulichen Erneuerung
anzustoßen und gleichzeitig die soziale Zusammensetzung der Quartiersbevölkerung
zu erhalten. Der folgenden Analyse liegen Fallstudien zugrunde, die im Berliner Bezirk
Prenzlauer Berg2 in einem Sanierungsgebiet durchgeführt wurden.3
163
Wohnungen hatten zum Zeitpunkt der Vereinigung noch Einzelofenheizung, kein Bad
und häufig nur eine Toilette im Treppenhaus für mehrere Mietparteien gemeinsam. Viele
Bewohnerinnen und Bewohner hatten mit den geringen Mitteln, die ihnen in der zentral
gelenkten Planwirtschaft der DDR zur Verfügung standen, versucht, die Wohnqualität zu
erhöhen, indem sie Gasöfen einbauten, die durch die Außenwand entlüftet wurden. Auch
wurden irgendwo in der Wohnung Badewannen oder in der Küche Duschkabinen aufge-
stellt, jedoch waren solche Ausstattungsgegenstände nur einer Minderheit zugänglich.
Aufgrund dieser Situation war es zur DDR-Zeit wenig erstrebenswert, in einem Altbau
zu wohnen. Die Möglichkeit angeboten zu bekommen, in eine Neubauwohnung in eine
der großen Plattenbausiedlungen am Stadtrand umzuziehen, galt als erstrebenswertes
Privileg. Vor allem junge Familien mit Kindern kamen bevorzugt in diesen Genuss. Da
jedoch bis zum Ende der DDR die Nachfrage das Angebot bei weitem überstieg, mussten
viele, die eigentlich lieber umgezogen wären, in den Altbaugebieten wohnen bleiben.
„Unfreiwillige“ Bewohner/innen gab es aber auch noch aus anderen Gründen: Wer z.B.
einen Ausreiseantrag gestellt hatte, konnte sich jeden Gedanken an eine Neubauwoh-
nung aus dem Kopf schlagen. Auch alten Leuten und so genannten Asozialen („Assis“),
z. B. „Arbeitsverweigerern“ oder Alkoholkranken, wurde die Möglichkeit eines Umzugs
dauerhaft verweigert. Damit wurden ‚soziale Probleme‘ von den Neubaugebieten fern-
gehalten (vgl. Hannemann 1996).
Andererseits aber entwickelte sich in den Altbaugebieten auch ein spezifisches Milieu
aus solchen Bewohnerinnen und Bewohnern, die das Wohnen in einem Plattenbau
ablehnten und/oder die eine oppositionelle Haltung zum SED-System eingenommen
hatten, oder die aufgrund künstlerischer Neigungen oder sonstiger Unangepasstheit
das Leben in einem Gebiet vorzogen, in dem politische Nonkonformität nicht so stark
sanktioniert wurde. Da die Altbaugebiete auf Abbruch standen, entwickelten sich Teile
von Prenzlauer Berg im sozialräumlichen System der Stadt zu Nischen, in denen neben
alternativen Milieus auch „Normalfamilien“, alte Leute, Künstler, Lebenskünstler und
Ausgegrenzte lebten (Kil 1992; 1996).
Da etwa 20 % der Altbauwohnungen leer standen, weil sie für unbewohnbar erklärt
worden waren, konnten Wohnungen auch ohne Zuweisung durch die Kommunale
Wohnungsverwaltung bezogen werden. Man stellte einfach seine Sachen in eine solche
Wohnung, stellte die Bewohnbarkeit notdürftig her und meldete sich nach einiger Zeit bei
der Kommunalen Wohnungsverwaltung an (vgl. Felsmann, Gröschner 1999).
Für politische Dissidenten/innen oder kulturelle Abweichler aus der DDR-Provinz
wurde der Bezirk Prenzlauer Berg ein Ort, den man bewusst ansteuerte, wenn man dem
„genormten Alltag“ der DDR entgehen wollte. Es gab Dichterlesungen und Liederabende
in Privatwohnungen, auch Kneipen dienten als Treffpunkte der lokalen „Szene“.
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Mit der baulichen Erneuerung setzte auch eine höhere Mobilität ein. Viele Mieterinnen
und Mieter verließen aus eigener Entscheidung das Gebiet oder wurden durch den Moder-
nisierungsprozess verdrängt, die alte Subkultur verlor immer mehr ihre Träger. Durch den
Zuzug von Studierenden und finanziell Etablierten aus Westberlin und aus den westlichen
Bundesländern begann sich ein neues Milieu zu entwickeln, das von vielen bereits früher
ansässigen Bewohnern/innen als Entfremdung oder sogar Enteignung empfunden wurde.
Die Bewohner/innen, die sich in der DDR wie die Eigentümer/innen ihrer Wohnungen
fühlen konnten und die in der Subkultur auch Gefühle politischer Autonomie entwickelt
hatten, mussten nun zusehen, wie sich nach und nach ein neues Verfügungsregime und
eine neue, stark kommerziell geprägte Infrastruktur etablierten.
Mit fortschreitender Entscheidung über die Restitutionsanträge verschwanden die
unkontrollierten und für spontane Nutzungen zugänglichen Nischen immer mehr. Durch
die Mietgesetzgebung der Bundesregierung stiegen die Mieten auch in solchen Woh-
nungen, in denen keine neuen Investitionen vorgenommen worden waren, sodass die
Räume für ‚wilde‘ Nutzungen und selbstbestimmte Projekte weitgehend mittelloser Akti-
vistinnen und Aktivisten zusehends enger wurden. In der Gegend um den Kollwitzplatz
hat sich im Laufe der Zeit eine neue Gewerbestruktur etabliert, zu der neben Restaurants
verschiedenen Niveaus auch Espresso- und Sushi-Bars, Musik-Kneipen, Einzelhandel für
einen distinguierten Geschmack sowie Weinhandlungen und Trödelläden gehören. Da
bereits zu DDR-Zeiten der gewerbliche Mittelstand ausgetrocknet und die kleinteilige Ein-
zelhandelsstruktur zerstört worden war, bedeutet diese Entwicklung zwar nicht die Zerstö-
rung einer lokalen Tradition, sie setzte jedoch deutliche Zeichen einer neuen Entwicklung.
In den modernisierten Altbauten hat sich eine Gastronomie etabliert, die allein aufgrund
ihres quantitativen Angebots auf eine überregionale Nachfrage angewiesen ist.
Anziehend wirkte der Bezirk vor allem auf Träger solcher Lebensstile, die „bürgerli-
che“ Bezirke wie Wilmersdorf oder Zehlendorf meiden, die etablierten modernisierten
Altbaubestände von Charlottenburg und Schöneberg umgehen und eine Affinität zu den
sozial immer noch heterogenen und von den Transformationsprozessen geschüttelten
Quartieren im Ostteil haben. So hat sich in weiten Teilen des Bezirks Prenzlauer Berg
inzwischen eine Mischung aus Ost und West ergeben, eine durchschnittlich sehr junge
Bevölkerung mit vielen Kindern – und immer noch gibt es Orte, in denen unkonventionelle
Kulturprojekte Raum finden.
Handelt es sich bei diesem Wandel um den inzwischen vielfach beschriebenen Prozess
der Gentrifikation, der gekennzeichnet ist durch die Vertreibung bzw. Verdrängung
einer einkommensschwachen Schicht durch den Zuzug neuer Bewohner mit höherem
Einkommen? (Blasius, Dangschat 1990; Friedrichs, Kecskes 1996; Friedrichs 2000) Hat
hier der wieder eingesetzte Kapitalismus mit dem gnadenlosen Wirken ökonomischer
Mechanismen eine spezifisch ostdeutsche Kiezkultur zerstört? Wie hat die Politik rea-
giert, welchen Schutz konnte sie den Bewohnern/innen bieten? Wie hat sich die „soziale
Zusammensetzung“ verändert?
Die politische Steuerung stand nach der Wende vor einer fast unlösbar erscheinenden
Aufgabe: Sie musste dafür sorgen, dass die Altbauten vor dem Verfall bewahrt, möglichst
nach historischen Vorbildern rekonstruiert und die Wohnverhältnisse auf ein modernes
166
Niveau angehoben wurden – und sollte gleichzeitig dafür sorgen, dass Bewohner/innen
nicht vertrieben oder verdrängt wurden, dass also die Gebietsbevölkerung vor den nega-
tiven Konsequenzen einer ökonomisch aufwendigen Erneuerung in Schutz genommen
wird. Ob und wie dies gelang, soll im Folgenden diskutiert werden.
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mer werden zu den zentralen Akteuren, bei denen die Entscheidung über das Ob, Wann
und Wie der baulichen Erneuerung liegt, und die sich auch mit den Bewohnerinnen und
Bewohnern über diese Fragen auseinandersetzen müssen.
Das Instrumentarium, das die öffentliche Verwaltung einsetzt, besteht überwiegend aus
rechtlichen Regelungen, mit denen das Investitionsverhalten der privaten Eigentümer im
Sinne der Sanierungsziele beeinflusst werden soll. Private Investitionen zur Verbesserung
der Wohnverhältnisse in Mietshäusern werden vorgenommen, wenn sie eine Rendite
versprechen. Da das notwendige Investitionsvolumen als sehr hoch, die Zahlungsfähigkeit
der Bewohner aber als ziemlich niedrig eingeschätzt wurde, wurden, um die Investiti-
onstätigkeit rasch in Gang zu bringen, bereits 1990 im Gesetz zur Förderung von Inves-
titionen in den neuen Bundesländern sehr weitgehende Abschreibungsmöglichkeiten
eingeführt, durch die Verluste bei Vermietung und Verpachtung mit anderen Einnahmen
gegengerechnet werden konnten. Damit wurden Reduktionen bei der Einkommensteuer
in erheblichem Umfang möglich – natürlich nur bei Personen, die auch hohe Steuerzah-
lungen hätten leisten müssen.
Diese Regelung hatte einen weitreichenden Eigentümerwechsel in den ostdeutschen
Altbaugebieten zur Folge. Nahezu alle Altbauten hatten bis 1990 unter staatlicher Verwal-
tung gestanden. Diejenigen Gebäude, die sich rechtlich noch in der Hand von privaten
Eigentümern befanden, wurden rasch an diese zurückgegeben. Im Übrigen konnten
– zurückreichend bis zum 10. Januar 1933 – die früheren Eigentümer einen Antrag auf
„Restitution“ ihres Eigentums stellen, wenn dieses ohne formelles Enteignungsverfahren
in „Volkseigentum“ überführt worden war bzw. wenn sie unter Zwang unter Wert hatten
verkaufen müssen. Dies war bei jüdischen Eigentümern in der NS-Zeit die Regel und
bei „Republikflüchtlingen“ zur DDR-Zeit ebenfalls oft der Fall. Die früheren Eigentümer
boten ihr wiedergewonnenes Hauseigentum dann in der Regel zum Verkauf an, wobei
sie bis zur Mitte der 90er-Jahre erhebliche Preise erzielten, weil die Aufkäufer/innen auf
erhebliche Wertzuwächse spekulierten. Da Investitionen durch das Fördergebietsgesetz
großzügig über Steuerersparnisse subventioniert wurden, sammelten Developer bzw.
gewerbliche Investoren Kapitalanteile von solchen Geldgebern ein, die aufgrund ihres
hohen Einkommens auch von der Steuerbefreiung besonders profitieren konnten; solche
wohnten überwiegend im westlichen Teil Deutschlands. Die neuen Privateigentümer in den
ostdeutschen Altbaugebieten kamen also überwiegend aus dem Westen – und sie waren
an hohen Investitionen interessiert, weil dann ihr Steuervorteil umso höher ausfiel.
Das Sanierungsrecht, das ursprünglich für Quartiere entworfen worden war, in denen
die Hauseigentümer keine Investitionen mehr vorgenommen und die Häuser hatten
verfallen lassen, wandelte sich unter diesen Bedingungen zu einem Kontrollinstrument,
mit dem die steuerlich angereizten Investitionen an die sozialen Ziele der kommunalen
Stadterneuerungspolitik angepasst werden sollten. Intendiert wurde sozusagen ein „sozial
domestizierter Investitionsboom“.
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In dieser Organisation nimmt der Staat bzw. die Stadt eine zentrale Stelle ein: Er beauftragt einen Sanierungsträger und stattet
ihn mit den rechtlichen Kompetenzen und finanziellen Mitteln aus, um die Stadterneuerung durchzuführen. Dieser führt die
Verhandlungen mit den Betroffenen, also mit den Privateigentümern von Boden und Gebäuden sowie mit den Bewohnern.
Private Grundstücke werden aufgekauft oder enteignet, um die Sanierung „in einem Zug“ realisieren zu können. Nach Abschluss
des Verfahrens können die erneuerten oder ersetzten Gebäude wieder an private Eigentümer verkauft werden. Die Bewohner
werden als Betroffen informiert, gehört und – je nach ihrer politischen Durchsetzungsmacht – in unterschiedlichem Umfang
beteiligt. Planung, Organisation der Bauarbeiten und die Umsetzung von Bewohnern und Betrieben sowie der Beteiligungsver-
fahren liegen sämtlich in der Hand des Sanierungsträgers.
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Im Modell der neuen Erneuerungsstrategie sind die Eigentümer in das Zentrum des Prozesses gerückt, sie haben weitgehend
die Rolle des Sanierungsträgers übernommen. Die Rolle des vom Staat eingesetzten „Sanierungsbeauftragten“ ist auf die
Beratung der Eigentümer, auf die Organisation (und Beeinflussung) von Abstimmungsprozessen zwischen der städtischen
Verwaltung und den verschiedenen Akteuren sowie auf die – angesichts der geringen dafür zur Verfügung stehenden Mittel
allerdings marginalen – Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur beschränkt. Der Sanierungsbeauftragte plant, begleitet und
überwacht die Erneuerung in den Häusern, die mit umfangreichen öffentlichen Mitteln saniert werden. Die Mieterberatung
übernimmt in diesen Häusern die Beratung der Mieter, die Vermittlung zwischen Eigentümern und Mietern sowie die Organi-
sation der Umsetzung von Bewohnern, falls dies wegen umfangreicher Bauarbeiten notwendig wird. Das Ergebnis kommt im
Wesentlichen durch direkte Verhandlungen zwischen Mietern und Eigentümern zustande, deren Ergebnis von der öffentlichen
Verwaltung genehmigt werden muss. Die Einhaltung dieser Vereinbarungen bleibt allerdings der Wachsamkeit und der Durch-
setzungskraft der Mieter überlassen, denn nach Erteilung der Genehmigung wandern die rechtlichen Fragen aus dem Bereich
des öffentlichen Rechts in den Bereich des Zivilrechts und werden eine private Angelegenheit, die zwischen Eigentümern und
Mietern geregelt werden muss.
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6 Personengebunde Ressourcen
Neben den in der Durchführung und Organisation begründeten Faktoren (Modernisie-
rungsintensität, Verhältnis zwischen Verwaltung und Eigentümern, Organisation der
Mieter usw.) sind es vor allem individuelle Ressourcen, die den Erfolg von Bewohnern
im Erneuerungsprozess beeinflussen. Nicht nur die Verfügbarkeit von Geld entscheidet
über Auszug und Verbleib oder über Zufriedenheit und Frust. Insbesondere Bewohner mit
sozialen und kulturellen Ressourcen haben gute Möglichkeiten, ihre Interessen durchzu-
setzen. Es existiert ein deutlicher Zusammenhang zwischen Bildung, sozialer Kompetenz
und Erfolg im Modernisierungsprozess. Vor allem Studierende und Hochschulabsolventen
waren besser in der Lage, die Verhandlungssituation als eine solche zu erkennen und
Forderungen zu formulieren, während gerade ältere Haushalte und Arbeiterfamilien sich
der Situation weitgehend wehrlos ausgeliefert sahen.
Neben dem Erkennen eines Handlungsspielraums waren vor allem die Verhandlungs-
fähigkeiten der Mieter im direkten Kontakt mit den Eigentümern ausschlaggebend für
das Ergebnis. Während sich einige Mieter voll und ganz auf die Mustervereinbarungen
der Mieterberatung verließen, versuchten andere in mehreren Verhandlungsrunden
eigene Vorstellungen durchzusetzen. Insbesondere die Drohung einer Zustimmungs-
verweigerung, aber auch die eigenständige Zuarbeit mit Vorschlägen für bauliche Maß-
nahmen erwiesen sich dabei als Vorteil. Voraussetzung für den Erfolg waren neben einer
allgemeinen Kommunikationsfähigkeit auch fachliche Fertigkeiten. Zum Teil wurden
dazu Anwälte und Architekten aus dem Bekanntenkreis konsultiert. Dazu gehörte auch
die Fähigkeit, bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote zu erkennen und zu
nutzen. Die Verfügbarkeit der Netzwerke erweist sich also als wichtige Ressource für die
Durchsetzung eigener Interessen.
Beispielhaft sei hier die Einschätzung der Mieterberatung durch zwei Haushalte im
gleichen Haus zitiert: Eine Arbeiterfamilie, er Elektriker und sie arbeitslose Verkäuferin auf
der einen, und auf der anderen Seite ein berufstätiger Sozialpädagoge und eine kurz vor
dem Studienabschluss stehende Germanistin. Beide Haushalte wohnten in übereinander
liegenden, gleich geschnittenen Wohnungen. Beide waren formal in denselben Ablauf
des Modernisierungsprozesses eingebunden. Doch die Zufriedenheit mit dem Ergebnis
könnte nicht unterschiedlicher sein: In der Wohnung der Arbeiterfamilie sind Kunststoff-
fenster eingebaut, die sich im Oberlicht nicht öffnen lassen. Der Esstisch steht jetzt in der
Wohnstube, da durch die „zeitgemäße Einbauküche“ in der Küche nicht mehr genügend
Platz ist; im Bad weisen die Fliesen Schäden auf – „ich glaub, die haben da ganz billiges
Zeug genommen“. Die Mietsteigerung auf die Mietobergrenze wird als merklicher finan-
zieller Einschnitt bewertet. Insgesamt sind die beiden sehr unzufrieden, „sobald sich was
Billigeres findet, ziehen wir aus“. Ganz anders eine Etage höher: die frisch abgeschliffenen
Dielen „passen gut zu den erhaltenen Holzfenstern“, die Küche wurde um die bisherige
Speisekammer erweitert, sodass jetzt mehr Platz für einen Esstisch vorhanden ist. Die
Fliesen im Bad haben sich die Mieter selbst ausgesucht. Eine Mietsteigerung hatte es nicht
gegeben. „Der Eigentümer hat es noch nicht geschafft, eine ordentliche Schlussabrech-
nung zu fertigen. Ohne die kann er auch die Miete nicht erhöhen. Und wenn, gilt ja erst
mal die Mietobergrenze – für fünf Jahre“. Gesamturteil über die Erneuerungsmaßnahme:
„Doch, wir sind sehr zufrieden“.
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Wie man an diesem Beispiel zeigen kann, sind die Chancen der Durchsetzung von
eigenen Interessen in der Stadterneuerung recht ungleich verteilt. Die Individualisierung der
Beteiligung bei der Wohnungsmodernisierung führt zu einem hoch selektiven Prozess.
7 Umzugsbewegungen
Die Bevölkerungsveränderungen bewegten sich zwischen den beiden Polen ‚Verdrängung‘
auf der einen Seite und ‚freie Entscheidung zum Wegzug‘ auf der anderen Seite. Zwischen
diesen beiden Polen liegt ein Bereich, in dem beide Dimensionen bei den Wegzugsent-
scheidungen eine Rolle spielen. Dabei können folgende Abstufungen unterschieden
werden:
■ Umzugszwang durch direkte Verdrängung
■ Umzugswunsch, ausgelöst durch die Modernisierung
■ Umzug wegen Entfremdung durch die Veränderungsdynamik des Gebietes
■ „Vergoldete Verdrängung“ (Wegzug bei Abstandszahlung)
■ freiwillige Wegzüge
Jene Bewohner, die bereits mit der ersten Ankündigung einer bevorstehenden Moder-
nisierung wegziehen, erscheinen als freiwillige Kapitulierer. Diese Bewohner wogen
zwischen anderweitigen Angeboten des Wohnungsmarktes und dem Stress einer bevor-
stehenden Modernisierung ab. Weitere Gründe waren mangelndes Vertrauen in die
vorhandenen Schutzinstrumente bzw. mangelnde Kenntnis derselben. Das Ausmaß der
Aufwertung der Gebiete wird oft als stärker wahrgenommen, als es objektiv der Fall war.
Veränderungen des Gebietscharakters und der vertrauten Nachbarschaft, gemischt mit
Vorbehalten gegenüber den neuen Bewohnern, die als Fremde wahrgenommen werden,
spielten bei vielen Altbewohnern eine wichtige Rolle für die Entscheidung, aus dem Gebiet
fortzuziehen (vgl. Dörries 1998).
Als nicht „verdrängt“ sind außerdem jene zu bezeichnen, die hohe Kompensations-
zahlungen für den Verzicht auf ihr Wohnrecht aushandelten. Dabei kann es sich durchaus
um ansehnliche Summen handeln, denn die Gewinne, die Eigentümer beim Verkauf einer
leerstehenden Wohnung erzielen konnten, waren sehr hoch.
Als tatsächlich ‚verdrängt‘ sind jene Bewohner zu bezeichnen, die mit der verhand-
lungsorientierten Organisation der Stadterneuerung nicht zurechtkommen, weil sie
ihre Verhandlungschancen nicht wahrnehmen (können) und auch die bezirklichen Bera-
tungsangebote nicht als Hilfe herbeiziehen (können). Das sind jene, denen die beratende
und moderierende Arbeit der Mieterberatung wenig nützt, weil sie deren Ratschläge nicht
in eigenes Handeln umsetzen können und die einer weitergehenden Unterstützung durch
Dritte bedürfen. Wer seine Rechte nicht nachhaltig vertreten kann, muss später wegen
einer für ihn zu hohen Miete das Feld räumen.
Bei einer verhandlungsorientierten Stadterneuerung wird für die Entscheidung über
den Verbleib soziales und kulturelles Kapital bisweilen wichtiger als ökonomisches Kapital.
Soziale Kompetenzen, die Kenntnis der eigenen Rechte und das Wissen um Beratungs- und
175
a) Wohnungsbestände
Wohnungen mit wenigen Zimmern und großzügigen Wohnflächen sind im Altbaubestand
häufig vertreten. Vor allem für die „Neuen Haushaltstypen“ (vgl. Häußermann, Siebel
1996), aber auch für diejenigen, die zunehmend häufiger und länger zu Hause arbeiten,
gelten die flexibel nutzbaren und teilweise repräsentativen Gründerzeitbauten gerade in
ihrer dichten innerstädtischen Umgebung als einer der bevorzugten Wohnorte. Zustand,
Haustechnik und Ausstattung entsprachen in der ersten Hälfte der 90er-Jahre zwar noch
nicht modernen Wohnansprüchen, aber gerade diese Merkmale sind durch bauliche
Aufwertungsmaßnahmen veränderbar.
Die Wohnhäuser der Gründerzeitviertel sind überwiegend im Besitz privater Eigen-
tümer. Etwa die Hälfte aller Grundstücke wurde verkauft, der spekulative Bodenpreis
war Anfang der 1990er-Jahre sehr hoch und sank im Verlauf der letzten Jahre wieder.
Diese Ausgangslage ließ in den Gründerzeitvierteln einen großen Veränderungsdruck
erwarten. Die ältesten Gebäude mit dem höchsten Erneuerungsbedarf wiesen attraktive
Wohnungsschnitte auf. Trotz der beschlossenen Begrenzung durch die Mietobergrenzen
bestimmen die Umlagemöglichkeiten von Modernisierungskosten den Mietpreis der
Wohnungen der Bestandsmieter. Bei Neuvermietungen haben sich für das Segment der
modernisierten Altbauwohnungen mittlerweile Marktpreise durchgesetzt, die über dem
Berliner Durchschnitt für vergleichbare Wohnqualität liegen. Der Durchführungsstand der
Stadterneuerung liegt inzwischen bei mehr als der Hälfte des Bestandes. Innerhalb von
nicht einmal 10 Jahren ist etwa jede zweite Wohnung modernisiert worden.
b) Soziale Zusammensetzung
Die Veränderungen der Bewohnerzusammensetzung im Bezirk Prenzlauer Berg gingen mit
einem negativen Wanderungssaldo nach 1993 einher. Die Zahl der Einwohner ist seitdem
von etwa 146.000 auf etwa 130.000 (im Jahre 2000) zurückgegangen. Damit haben sich
Trends der Bevölkerungsentwicklung aus den 70er- und 80er-Jahren fortgesetzt. Begleitet
176
war der Bevölkerungsverlust von einer wachsenden Mobilität. Rechnerisch gesehen ist
pro Jahr etwa jeder vierte Bewohner an Fort- und Zuzügen beteiligt. Die Mobilitätsraten
sind etwa drei- bis viermal so hoch wie zu DDR-Zeiten.
In der Zeit von 1991 bis 2000 nahm die Zahl der neuen Haushaltstypen zu: Der Anteil
der Ein-Personen-Haushalte stieg von gut einem Drittel auf deutlich über die Hälfte aller
Haushalte. Die Verringerung der Haushaltsgrößen ist bei einem weitgehend stabilen Woh-
nungsschlüssel verbunden mit einem Anstieg im Wohnflächenverbrauch pro Einwohner.
Rein rechnerisch wohnt etwa die Hälfte aller Singles in Wohnungen mit mehr als einem
Raum. Die Verringerung der Zahl der großen Haushalte (vier und mehr Personen) von
15 % auf 5 % kann neben der allgemeinen Verringerung der Zahl der großen Haushalte
als eine Anpassung an den Bestand interpretiert werden.
Ausgehend von einer altersmäßig relativ heterogenen Bevölkerung hat sich die Bewoh-
nerschaft des Bezirkes deutlich verjüngt. Der Anteil der 25- bis 45-Jährigen ist in den
90er-Jahren von etwa einem Drittel auf über die Hälfte angestiegen. In der ersten Hälfte
der 90er-Jahre hat insbesondere die Zahl der 25- bis 30-Jährigen deutlich zugenommen,
ist aber seit 1997 leicht zurückgegangen. Die 30- bis 45-Jährigen konnten hingegen ab
1995 überdurchschnittliche Zuwächse verzeichnen.
Der hohe Anteil von Studierenden ist der Hinweis darauf, dass im Bezirk ein bildungs-
struktureller Statussprung stattgefunden hat. Trotz sinkender Einwohnerzahlen hat sich die
absolute Zahl der Bewohner erhöht, die einen Schulabschluss mit Hochschulreife (Abitur)
erworben haben. Während alle anderen Schulabschlüsse inzwischen unter den Werten
von 1991 liegen, gaben 1999 doppelt so viele Personen das Abitur als höchsten Schulab-
schluss an. Mit dieser Entwicklung nimmt der Bezirk Prenzlauer Berg eine Sonderstellung
in Berlin ein. Sowohl im Ost- als auch im Westteil der Stadt nahm die durchschnittliche
Anzahl von Personen mit Abitur lediglich um etwa ein Drittel zu.
Eine ähnliche Tendenz zeigt sich in der Zahl von Personen mit Hochschulabschlüssen.
Während alle anderen Berufsausbildungsabschlüsse in ihrer Zahl stagnieren oder rückläufig
sind, hat sich die Anzahl von Personen mit Hochschulabschlüssen im Gebiet seit 1991
mehr als verdoppelt. Jeder vierte Erwachsene des Bezirks hatte im Jahr 2000 studiert. In
der deutlichen Zunahme des Anteils von Personen mit Hochschulabschluss unterscheidet
sich der Bezirk Prenzlauer Berg von der Entwicklung in allen anderen Bezirken Berlins.
Prenzlauer Berg besitzt also eine hohe Attraktivität für Zuziehende mit hohem Bildungs-
grad. Darüber hinaus sehen Studierende nach Abschluss ihres Studiums den Bezirk nicht
mehr nur als Zwischenstation ihrer Wohn- und Berufskarriere an, sondern ein Teil von
ihnen richtet sich dauerhaft ein.
Die Verteilung der Einkommen im Bezirk zeigt eine polarisierte Struktur, bleibt
jedoch in ihrer Gesamtheit unter dem Ostberliner Durchschnitt. Die größten Ein-
kommensunterschiede bestehen zwischen den bereits sanierten und weiterhin unsanier-
ten Häusern. Die Bewohner der bereits modernisierten Häuser – unabhängig, ob neu
hinzugezogen oder Altmieter – haben höhere Einkommen als die durchschnittliche
Bevölkerung der Sanierungsgebiete. Die neue Sozialstruktur zeigt sich also vor allem in den
sanierten Häusern. Die Anteile der Mieter, die nach der Modernisierung neu in das Haus
gezogen sind, liegen in unseren untersuchten Fallbeispielen bei ca. 65 %. Abzüglich der
177
Leerstandsquoten in unsanierten Beständen ist im Zuge der Modernisierung also etwa die
Hälfte der Bewohnerschaft ausgezogen. Die Mobilität in den Modernisierungsbeständen
war etwa vier Mal so hoch wie im Bezirksdurchschnitt.
Ein städtebaulicher Eingriff wie Sanierung hat eine Veränderung der Wohnverhältnisse
und der Wohnumgebung zum Ziel. Durch diesen Eingriff sehen sich viele Haushalte vor
einer Frage, die sie ohne diesen Eingriff vielleicht nie gestellt hätten: Welche Alternativen
zu den gegenwärtigen Wohnbedingungen gibt es? Will ich auf jeden Fall im Quartier
bleiben? Dadurch werden Denk- und Entscheidungsprozesse angestoßen, die zu einer
zwar unfreiwillig begonnenen, aber im Ergebnis dann doch nicht unwillkommenen Ver-
änderung führen können.
Die Individualität jeder Mobilitätsentscheidung und jedes einzelnen Modernisierungs-
vorgangs sowie die zahlreichen Faktoren, die Verlauf und Ergebnisse der Modernisierung
bestimmen, schlagen sich in einem kleinräumig differenzierten Ergebnis nieder. Weder
findet eine flächendeckende Verdrängung und Aufwertung noch ein umfassender Erhalt
der Bevölkerungsstruktur statt. Mit den herkömmlichen Gentrifikations-Theorien, die den
sozialen Wandel durch die privatwirtschaftlich betriebene Aufwertung der Bausubstanz
mit nachfolgenden Mietpreissteigerungen begründen (vgl. Smith, Williams 1989), lassen
sich diese Entwicklungen nicht erklären.
9 Erklärungen
Mit der Verhandlungsorientierung in der Stadterneuerungsstrategie hat der Staat Steue-
rungspotenziale abgegeben. Eine Realisierung der ambitionierten Ziele der Stadterneue-
rung, besonders des sozialen Ziels (Erhalt der Zusammensetzung der Gebietsbevölkerung),
war unter den gegebenen Voraussetzungen nur durch die indirekte Förderung über die
Sonderabschreibungen überhaupt denkbar. In der Konsequenz heißt das zum einen, dass
das Erneuerungsverfahren auf anlageorientierte, von staatlich beeinflussten Investitions-
bedingungen aktivierte Eigentümertypen ausgerichtet war. Der finanzielle Spielraum,
den Eigentümer unter diesen Konditionen hatten, ermöglichte es ihnen, die bezirklichen
Auflagen, wie etwa das Einhalten von Mietobergrenzen, zu realisieren. Die Deckungslücke
zwischen der Mietobergrenze und der Kostenmiete konnte durch die Steuerersparnisse
ausgeglichen werden.
Wenn man die Stadterneuerung in ihrem Erfolg nach der Erfüllung der selbst gesteckten
Ziele bewertet, war sie im Hinblick auf das Erreichen des baulichen Zieles sehr erfolgreich,
im Hinblick auf das soziale Ziel jedoch weniger. Allerdings muss man bei der Frage nach
dem Gelingen der „Quadratur des Kreises“ auch in Erwägung ziehen, dass die Ziele
möglicherweise kaum erreichbar waren.
Die Analyse des Sanierungs- und Modernisierungsprozesses zeigte, dass die Mieter
tatsächlich zunehmend zu einem Verhalten als Unternehmer ihrer eigenen Lebensbedin-
gungen gezwungen werden. In diesem Prozess ist – weil die Sanierungsverwaltung durch
die Genehmigungspflicht den Mietern eine Verhandlungsmacht gegeben hat – nicht das
ökonomische Kapital entscheidend, sondern das kulturelle und soziale Kapital, über das
die Mieter verfügen. Der Staat zog sich aus dem Erneuerungsprozess nicht vollkommen
zurück, sondern bot durch seine rechtliche Intervention den Mietern Schutz vor öko-
178
nomischem Druck. Die Realisierung dieses Schutzes ist aber dem Verhalten und dem
Verhandlungsgeschick der Mieter überlassen.
Die „alte“ fordistische Sanierung hatte in der Regel dazu geführt, dass nach der Sanierung
nur noch ein geringer Anteil der früheren Mieter im Gebiet wohnte, dass aber die neuen
Bewohner doch wieder der gleichen Schicht angehörten. Im neuen Sanierungsregime
werden die Personen potenziell besser geschützt, aber aufgrund der Selektivität der indi-
viduellen Verhandlungen werden die sozial und kulturell weniger kompetenten Bewohner
verdrängt. Man kann sagen, dass die alte Sanierung zwar eine Verdrängung der Personen
bewirkt hat, aber die soziale Zusammensetzung der Quartiersbevölkerung doch geschützt
hat. Demgegenüber führt das neue Sanierungsregime zu einem Schutz der Personen, aber
zu einer Verdrängung der unteren und sprachlich inkompetenteren sozialen Schicht.
179
und Modernisierungsrecht, das die Duldungspflichten der Mieter regelt, ihnen darüber
hinaus aber keinen Verhandlungsspielraum gibt. Die Eigentümer haben dann das Recht,
einen „ortsüblichen“ zeitgemäßen Standard zu realisieren, dessen Definition letztlich in
Gerichtsverhandlungen festgelegt wird. Die Stadterneuerungspolitik hat dann als „Politik“
abgedankt, denn wie noch ein öffentliches Interesse durchgesetzt werden soll, ist nicht
mehr erkennbar.
Da die Absicherung der Sozialverträglichkeit auf „Zuckerbrot“ (attraktive Steuerver-
zichte) und „Peitsche“ (Mietobergrenzen, Modernisierungsgenehmigung) basierte, ist sie
seit dem Auslaufen der besonderen Abschreibungsmöglichkeiten kaum noch zu erreichen.
Die diffizile Balance zwischen baulicher Erneuerung und Erhaltung der Bevölkerungszu-
sammensetzung gerät deutlich aus dem Gleichgewicht. Der Staat ist weiterhin auf private
Investitionen für die bauliche Erneuerung angewiesen, aber er hat faktisch keine Instru-
mente mehr, den Erhalt der Bevölkerungszusammensetzung auch nur anzuzielen.
Die postfordistische Stadterneuerung zeichnet sich also durch einen weitgehenden
Verlust staatlicher Steuerungsmöglichkeiten und durch eine Individualisierung von „Betrof-
fenheiten“ aus. Die Vertretung von Mieterinteressen wird in private Verhandlungen bzw.
ins Rechtssystem verlagert und damit der politischen Sphäre entzogen. War für die for-
distische Stadterneuerung staatliche Unterstützung beim Interessenausgleich zwischen
Bewohnern und Investoren selbstverständlich, so ist dieser nunmehr von den individuellen
Fähigkeiten betroffener Mieter abhängig. Eine kollektive Vertretung ihrer Interessen gibt
es nicht mehr.
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181
Annette Spellerberg
Gliederung
1 Einleitung
2 Datenbasis und Methode
3 Ergebnisse: Lebensstilspezifische Raumnutzung
3.1 Lebensstiltypologie
3.2 Lebensstile im städtischen und ländlichen Kontext
3.3 Erklärungskraft von Lebensstilen, Schicht und Haushaltsform für den Wohnstandort
3.4 Wohnlage versus Wunschlage
4 Zusammenfassung
Literatur
1 Einleitung
Informationen zur Siedlungsstruktur der Bevölkerung beruhen in der Regel auf Daten, die
die amtliche Statistik bereitstellt, d. h. dass sie nach Haushaltsgröße, Alter, Familienstand,
Berufsstatus und Einkommensklasse differenziert wird. In klassischen stadtökologischen
Analysen, die auf die Chicagoer Schule zurückgehen, werden Städte in Zonen, Cluster oder
Sektoren unterteilt und je nach sozialer Schicht, Ethnie und Haushaltsform der Bewohner
charakterisiert – in Kombination mit bestimmten baulichen bzw. landschaftlichen Merk-
malen (Park, Burgess, Mckenzie 1925; Friedrichs 1988). Angesichts der Differenzierung
der Haushalts- und Familienkonstellationen sowie der Pluralisierung der Lebensstile
erscheint für eine differenzierte Einschätzung des Wohnens jedoch eine Reflexion über
und Erweiterung der sozialstrukturellen Kategorien angebracht. Folgende Entwicklungen
lassen sich festhalten:
Die Familie erfährt nach wie vor hohe Wertschätzung, quer durch alle Altersgruppen,
aber trotzdem werden Familien seltener, sie bilden nur noch ein Drittel aller Haushalte.
Ein größerer Bevölkerungsanteil – auch der Verheirateten – bleibt kinderlos; es besteht
eine größere Wahlfreiheit bei den persönlichen Lebensformen; und das Altern der Bevöl-
kerung führt zu einem Anstieg der Einpersonenhaushalte. Alleinlebende, nichteheliche
Lebensgemeinschaften, Alleinerziehende, das empty nest, Verwitwete usw. stellen mitt-
lerweile die Mehrzahl der Haushalte – und die Anzahl der Wechsel von Haushaltsformen
im Lebensverlauf steigt.
Die Ausbreitung von „neuen Haushaltstypen“ und vor allem von kleinen Haushalten
geht nicht generell mit steigendem Bedarf nach kleinen Wohnungen einher. Mittlerweile
lebt im Durchschnitt jede Person auf knapp 40 qm Wohnfläche und die sogenannte
Grundausstattung (Innen-WC, Bad, Heizung) ist nahezu flächendeckend vorhanden. Es
182
183
184
1994; Klee 2001). Diese Untergliederung bietet zudem unmittelbar Anschluss an die
aktuelle raumsoziologische Diskussion, in der prozessuale Aspekte der Raumaneignung,
die Konstitution von Raum in symbolischer Hinsicht sowie die individuellen Syntheseleis-
tungen bei der Herstellung von Raum in den Vordergrund der wissenschaftlichen und
individuellen Betrachtung rücken (Löw 2001). Raum wird der Argumentation Löws folgend
im Zusammenspiel von individuellen Ressourcen, Habitusstrukturen der Beteiligten und
institutionellen Vorgaben (Gesetze, Normen, Regelungen) angeeignet. Die Lebensstilfor-
schung und die Raumsoziologie verbindet damit das Anliegen, individuelle Präferenzen,
Ressourcen und gesellschaftliche Strukturen in ihrem Zusammenwirken zu ergründen.
Die Wohnstandortwahl richtet sich selbstverständlich nicht nur nach dem Bedürfnis,
verwandte Lebensstile im Wohngebiet anzutreffen oder eine Wohnung mit bestimmten
Grundrissen zu beziehen. Berufliche Mobilität, unzureichende Informationen, Preisstruk-
turen, Erbschaften oder mangelnde Angebote erzwingen in der Regel Kompromisse
beim Wohnen. Da das Gut „Wohnung“ nach marktwirtschaftlichen Kriterien vergeben
wird und zudem die Haushaltszusammensetzung von entscheidender Bedeutung für
den Wohnstandort ist, stellt sich die Frage, ob die ermittelten – zudem grobmaschigen
– Lebensstiltypen überhaupt dazu beitragen können, Unterschiede bei der Standortwahl
zu erfassen. Auch wenn sich lebensstiltypische Muster finden lassen, ist zumindest zu
prüfen, ob hierfür nicht Einkommensunterschiede oder Haushaltsstrukturen der jeweiligen
Lebensstiltypen verantwortlich sind. In diesem Zusammenhang wird in diesem Beitrag die
folgende forschungsleitende Hypothese geprüft, dass
a) Lebensstilgruppen sich in spezifischer Weise im Raum verteilen, d. h. sich empirisch im
Hinblick auf ihre Wohnstandorte und ihre Wohnwünsche unterscheiden,
b) individuelle Vorlieben bei der Standortwahl zum Ausdruck kommen. Das heißt, dass
die Klassifikation der Bevölkerung nach Lebensstilen empirisch einen eigenständigen
Erklärungsbeitrag für die Erklärung von Wohnstandorten leistet, auch wenn Einkommen,
Schichtzugehörigkeit und Haushaltsform kontrolliert werden, und dass
c) sich Lebensstiltypen in ihrer Stilisierungsneigung und Quartierstypen in ihrem Image
unterscheiden, d. h., dass je nach Quartierstyp die Aussagekraft der Lebensstiltypologie
variiert.
Im Blickpunkt des Interesses steht zunächst die Stadt-Land-Verteilung, bevor innerstäd-
tische Gebiete differenzierter untersucht werden. Dabei geht es nicht nur um die faktische
Verteilung nach Gebietstypen, sondern auch um Wohnbedürfnisse im Hinblick auf die
Wohnlage. Subjektive Informationen, d. h. evaluative Aspekte, werden damit ebenfalls
berücksichtigt. Ich verbinde hiermit zwei Zielrichtungen: zum einen, auf das Lebensstilkon-
zept in der Stadt- und Regionalsoziologie hinzuweisen, und zum anderen, repräsentative
Informationen für die aktuelle raumsoziologische Diskussion bereitzustellen.
185
1
Hier kam eine kondensierte Fassung des Lebensstilfragebogens von 1993 zum Einsatz, der von der Autorin
entwickelt wurde und Bestandteil des Wohlfahrtssurvey 93 war, eine Repräsentativbefragung zur Lebensqualität
in West- und Ostdeutschland (Leitung W. Zapf, R. Habich, H.-H. Noll; zu Ergebnissen vgl. Zapf, Habich 1996).
2
Aus heutiger Sicht ist zu betonen, dass sich die Rahmenbedingungen für die untersuchten Zusammenhänge
seit dem Erhebungszeitraum wesentlich verändert haben und dass damit eine Verallgemeinerung der Ergebnisse
nicht vollkommen möglich ist.
186
187
3.1 Lebensstiltypologie
In diesem Beitrag, in dem Wohnlagen und Wunschlagen im Mittelpunkt stehen, konzent-
riere ich mich auf Westdeutschland. In aller Kürze werden im Folgenden die ermittelten
Lebensstile vorgestellt.
3
Bei der Typenbildung wurde ein zweistufiges Verfahren gewählt: Die Daten wurden vor den eigentlichen
Clusteranalysen zunächst mit Hauptkomponentenanalysen (und anschließender Varimax-Rotation) vorstrukturiert
– getrennt für die jeweils sieben Fragebatterien und für West- und Ostdeutsche. Die individuellen Faktorwerte bil-
deten sodann den Ausgangspunkt für die iterativen Clusteranalysen. Als Programm wurde „CLUSTAN“ verwendet
(Wishart 1987). Das Programm CLUSTAN erlaubt ein partitionierendes, iteratives Verfahren (nach dem sogenannten
„k-means-Algorithmus“): In einem ersten Schritt werden die Fälle einer bestimmten Anzahl Clustern zugeordnet
(z. B. nach dem Zufallsprinzip). Wenn ein Fall eine größere Änlichkeit zu einem anderen Cluster hat, wird er
umgruppiert und die Clusterzentren werden neu berechnet. Dies geschieht so lange, bis die größtmögliche
Homogenität der Cluster erreicht ist. Optimierungskriterium ist bei den hier vorgenommenen Analysen die
Euklidische Distanz, die die quadrierten Abweichungen eines jeden Falles zum Clusterzentrum misst, zu dem
er gehört. In einem nächsten Rechenschritt werden die beiden einander ähnlichsten Cluster zu einem fusioniert,
wobei die Ähnlichkeiten der Fälle nach dem gewählten Gütekriterium wiederum neu berechnet und umgrup-
piert werden.
Das Erkenntnisinteresse besteht darin, in sich homogene und voneinander klar zu unterscheidende Lebens-
stiltypen (Cluster) herauszufiltern. Ein vorgeschaltetes statistisches Kriterium über die „ideale“ Lösung bietet
die Fehlerquadratkurve (nach dem „Ward“-Verfahren), die eine zusätzliche Entscheidungshilfe bot. Es war für
West- wie für Ostdeutschland auszumachen, dass bei einer Clusteranzahl von elf für West- und zehn für Ost-
deutschland die Cluster homogener waren als bei vorhergehenden Lösungen.
Als eine weitere Hilfe bietet CLUSTAN die Möglichkeit, nach bestimmten Zuordnungskriterien von entge-
gengesetzten Klassifikationen auszugehen (size- and shape-Koeffizienten) und diese Startpositionierungen zum
Ausgangspunkt des oben beschriebenen, iterativen Verfahrens zu verwenden. Die jeweils ermittelten Summen
der Euklidischen Distanzen können mit denen, die sich aus zufällig ermittelten Startpositionen ergeben, vergli-
chen werden. Stimmen die Werte von drei unterschiedlichen Ausgangspartitionierungen überein, ist von einem
lokalen optimalen Ergebnis auszugehen. Dieses Verfahren habe ich angewandt.
Die Lösungen von 12 bis zu 7 Clustern wurden inhaltlich interpretiert. Es zeigen sich bestimmte Kerne (Hoch-
kultur, Volkskultur, Jugendformen, Sport- und Sachorientierungen), die sich bei einer größeren Clusteranzahl
ausdifferenzieren. Bei der detaillierten Interpretation der Typen zeigten sich bei der 11er- und 10er-Lösung zu
große Ähnlichkeiten zweier Typen. Inhaltlich-interpretative Gründe gaben letztendlich den Ausschlag für die
Lösung von neun Clustern in West- wie in Ostdeutschland (auf Basis der zufälligen Startpartitionierung). Bei den
westdeutschen Ergebnissen kam die 10er-Lösung nicht in Betracht, weil ein Cluster lediglich 13 Fälle enthielt.
188
189
In der oben stehenden Abbildung 1 sind die ermittelten Lebensstilgruppen nach den
sozialstrukturellen Kriterien angeordnet, nach denen Lebensstile sich am stärksten von-
einander unterscheiden: Alter und Bildung. Der Zusammenhang zwischen Einkommen
und beruflichem Status und Lebensstilen ist gegeben, diese Variablen sind jedoch nicht
die wichtigsten für die Lebensstilzugehörigkeit.4 Nach übereinstimmenden empirischen
Ergebnissen der Lebensstilforschung sind heute das Alter und die kulturelle Kompetenz,
also die Bildung, die entscheidenden Faktoren zur Bestimmung und Differenzierung
von Lebensstilzugehörigkeiten. Die Beherrschung kultureller Codes und Kompetenzen,
altershomogene Gruppierungen und auch geschlechtsspezifische Erfahrungen prägen
die Lebensstilzugehörigkeit stärker als die finanziell verfügbaren Mittel und der berufliche
Status (vgl. Georg 1998; Hartmann 1999; Schulze 1992; Spellerberg 1996).5 Die vertikale
Hierarchie wird mehrfach gebrochen und ist im Alltag immer weniger sichtbar.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit beschränke ich die Ergebnisdarstellung auf kontrast-
reiche Lebensstilgruppen:
■ Hochkulturell interessierter Niveautyp (berufs- und erfolgsorientiert, interessiert an
klassischer Musik, Oper, Theaterbesuchen und politikorientierter Mediennutzung, gut
gebildet, wohlhabend, häufig in der Lebensphase „empty nest“)
■ Moderner Selbstverwirklichungstyp (berufs- und erlebnisorientiert, vielseitig aktiv
bei Sport, Kultur und Geselligkeit, jung, gut gebildet, wohlhabend, keine dominante
Familienform)
■ Sachlich-pragmatische Qualitätsbewusste (Interesse an Sport, Informationen, Wei-
terbildung und Computern, kultureller Konsum unwichtig, mehr Männer als Frauen,
häufig Familienhaushalte)
■ Unterhaltungs- und Erlebnistyp (freizeit- und spannungsorientiert, Geselligkeit und
Medien in der Freizeit, jung, häufig Männer, häufig ledig, ohne Kinder, niedrigere Bil-
dung, Einkommen weit gestreut, häufig berufstätig)
■ Traditionelle Integrierte (hilfsbereit, sicherheitsorientiert, sparsam, triviale und volks-
tümliche Kulturprodukte, häuslich, mehr Frauen, gemischte Altersgruppen, niedrigere
Bildung)
■ Passiver, zurückgezogen lebender Typ (desinteressiert an Kultur- und Stilfragen, sozial
wenig integriert, ältere Menschen, geringere Bildung, geringes Einkommen)
Der hochkulturell interessierte Niveautyp (als Streben nach Rang in Anlehnung an
die Etikettierung von Gerhard Schulze) gehört zu den in beiden Landesteilen sozial
besser Gestellten. Sie sind im Hinblick auf dem Wohnungsmarkt häufig Eigentümer
4
In der Umfrage sind 5,5 % der Befragten Ausländer (n=105). Sie bilden kein eigenes Cluster, sondern
konzentrieren sich auf einige Typen: Den höchsten Anteil weisen die Erlebnisorientierten mit 11 % auf, die tra-
ditionellen Integrierten haben einen Anteil von 9 % und die zurückgezogen Lebenden von 7 %. In den anderen
Gruppen sind sie unterrepräsentiert.
5
Der Bildungsabschluss ist zwar das entscheidende Kriterium für die berufliche Laufbahn, er ist jedoch eine
multidimensionale Größe, die über die reine berufliche Verwertung hinausweist. Zugangschancen zum und Nut-
zungsmöglichkeiten des Freizeit- und Kulturbereichs sind maßgeblich durch Bildungsabschlüsse strukturiert.
190
ihrer Wohnungen und entsprechend gut mit Wohnraum versorgt. Diese Gruppe spielt
ihren sozialstrukturellen Merkmalen gemäß bei Suburbanisierungsfragen eine Rolle. Die
beiden relativ jungen Gruppen „Moderner Selbstverwirklichungstyp“ und „Erlebnistyp“
erfahren in der Debatte um Gentrifikation besondere Aufmerksamkeit, während die
beiden letztgenannten, traditioneller eingestellten und eher unauffälligen Gruppen „Sozial
Integrierter, sicherheitsorientierter Typ“ und „Zurückgezogener Typ“ nicht im Lichte der
wissenschaftlichen Debatte stehen. Allein aus demografischen Gründen (es handelt sich
um eine ältere und umfangreiche Gruppe) werden ihre Bedürfnisse jedoch an Bedeu-
tung auf dem Wohnungsmarkt gewinnen. Auch der „Sachorientierte Typ“ in West- und
in Ostdeutschland spielt in der Debatte um Lebensstile und Wohnen keine große Rolle.
In diesem Beitrag möchte ich die Chance einer repräsentativen Studie nutzen, auch für
diese auf den ersten Blick unscheinbaren Gruppen Aussagen im Hinblick auf Wohnorte
und Wohnbindungen treffen zu können.
191
Quelle: Datenbasis: Projekt: Lebensstile, Wohnbedürfnisse und Mobilitätsbereitschaft, Sowi-Bus 1996; Cramer’s V: ,13
Quelle: Datenbasis: Projekt: Lebensstile, Wohnbedürfnisse und Mobilitätsbereitschaft, Sowi-Bus 1996; Cramer’s V: ,14
192
Der moderne Selbstverwirklichungstyp ist eher ein Großstadttyp. In Citylagen und der
inneren Stadt lebt er häufiger als der Durchschnitt, während er seltener in Dörfern wohnt.
Ein Drittel aller befragten Citybewohner gehört dieser Lebensstilgruppe an. Großstädte
bieten dieser Gruppe offensichtlich nach wie vor bessere Bedingungen als Mittelstädte
oder kleinere Gemeinden. Wie aus Publikationen über Gentrifikation bekannt ist, bevor-
zugen diese jungen, allein bzw. mit Partner/in lebenden, gut qualifizierten und einkom-
mensstarken Personen pulsierende Innenstadtlagen. Entsprechend leben nahezu doppelt
so viele des Selbstverwirklichungstyps wie im Bevölkerungsdurchschnitt im Quartierstyp
„gemischtes, innerstädtisches Gebiet“. Bei einem Anteil von immerhin 22 % befinden
sich die Wohnungen aber auch in kleineren Orten, und weitere 23 % wohnen zudem in
städtischen Neubaugebieten mit nur wenigen Gewerbebetrieben (nicht ausgewiesen). Bei
erkennbarer Affinität zum städtischen Leben hat sich ein nicht unerheblicher Teil dieses
Lebensstiltyps für homogene Wohnstandorte jenseits der Innenstadt entschieden.
Der junge erlebnisorientierte Unterhaltungstyp wohnt im Vergleich zum Selbstverwirk-
lichungstyp seltener in Citylagen und häufiger im Umland, am Stadtrand und im weiteren
Innenstadtbereich. Drei Viertel wohnen als Mieter in Häusern mit mindestens vier Mietpar-
teien. In Dörfern ist der Erlebnis- und Unterhaltungstyp deutlich unterrepräsentiert. Dieser
Typ favorisiert wie der Selbstverwirklichungstyp die gemischten städtischen Quartiere.
Auch der junge erlebnisorientierte Lebensstiltyp entspricht bei der Wahl des Wohnquartiers
tendenziell den aus der Gentrifikationsdebatte geprägten Erwartungen.
Der sachorientierte und wenig stilbetonte Typ weist als einziger der sechs ausgewie-
senen Gruppen keine spezifische Verteilung auf. Die relative Indifferenz gegenüber stilis-
tischen und kulturellen Aspekten des Alltags äußert sich auch in geringer ausgeprägten
Präferenzen für einen bestimmten Ortstyp. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang,
dass die sachorientierten Pragmatischen in Großsiedlungen überrepräsentiert sind. Groß-
siedlungen unterliegen einem negativen Image, sodass Distinktionsgewinne bei diesem
Standort kaum zu erzielen sind. Das Ergebnis stützt die These der geringen Stilisierungs-
neigung dieses Lebensstiltyps.
Die beiden traditionelleren Typen „Sozial Integrierte“ und „Zurückgezogen Lebende“
wohnen vergleichsweise häufig in Dörfern und kleineren Orten. Der Anteil von Mietern
liegt dabei mit 62 % bzw. 59 % jeweils über dem westdeutschen Durchschnitt (53 %
in der Umfrage). Die auf den Nahbereich und lokalen Umkreis hin orientierten sicher-
heitsorientierten sozial Integrierten benötigen Gleichgesinnte und Betätigungsraum am
Wohnort, die in dichtbesiedelten und heterogenen städtischen Gebieten schwieriger zu
erreichen sind.
Festgehalten werden kann, dass je nach Ortstyp die Lebensstiltypen in spezifischer
Weise gewichtet sind: In Städte zieht es eher hochkulturelle und junge, außerhäuslich
aktive Lebensstiltypen und kleinere Orte werden eher von traditionelleren Lebensstilgrup-
pen bevorzugt. Nicht für alle Lebensstiltypen können klare Entscheidungen zugunsten
von Großstadt, Kleinstadt und Dorf sowie für bestimmte Quartiere identifiziert werden.
Den sozialräumlichen Phänomenen von Suburbanisierung und Gentrifikation sind zwar
bestimmte Gruppen zuzurechnen, es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die Mehr-
heit der jeweiligen Lebensstiltypen nicht in den ihnen zugedachten Lagen wohnt.
193
1
: Schicht gebildet anhand des Schulabschlusses (3 Stufen) und der Berufsposition (5 Stufen nach der Skala: Autonomie in der
Tätigkeit nach Hoffmeyer-Zlotnik)
Quelle: Datenbasis: Projekt: Lebensstile, Wohnbedürfnisse und Mobilitätsbereitschaft, 1996; Cramer’s V: 0,11
Die Tabelle zeigt, dass untere Prestigeschichten in Dörfern und städtischen Mischge-
bieten überrepräsentiert sind, während ranghöhere Schichten in Neubaugebieten einen
Schwerpunkt aufweisen, im Übrigen aber breit gestreut sind.6
Auf den ersten Blick scheint damit die Lebensstiltypologie Unterschiede beim Wohnen
besser als klassische Ungleichheitsdimensionen aufdecken zu können. Um die Hypothese
b zu prüfen, dass die Lebensstiltypologie unter Kontrolle des Einkommens und auch der
Haushaltsform aussagekräftig ist, wird in einem Modell berechnet (logistische Regression),
ob und wie weit die Wahrscheinlichkeit steigt, bei Kenntnis des Einkommensniveaus, des
6
Wird das Einkommen separat betrachtet, so ergibt sich ein noch schwächerer Zusammenhang
(Cramer’s V: 0,08). Allein im Hinblick auf das innerstädtische Altbauquartier in Westdeutschland ist eine Tendenz
zu beobachten, und zwar ein steigender Anteil mit höherem Einkommen: 5 % bei Personen im untersten Ein-
kommensquintil im Unterschied zu 14 % im höchsten Quintil.
194
1: Das Vergleichsmodell hat den Wert 0, Freiheitsgrade: Lebensstile DF=6, Haushaltskontext DF=7, Referenzkategorie: höchste
Ausprägung, d. h. die drei hier nicht ausgewiesenen Typen bei der Variable Lebensstil und Familien mit Schulkindern beim
Haushaltskontext. Einkommen und Schicht sind als kontinuierliche Variablen in das Modell einbezogen worden.
*: statistisch signifikant auf dem 10 %-Niveau, ** 5 % bzw. ***1 %-Niveau. Die Wald-Statistik folgt einer chi²-Verteilung und
entspricht dem quadrierten t-Wert des jeweiligen Koeffizienten. Die Höhe der Effekt-Koeffizienten (Exp(b)-Werte) geben an, in
welchem Verhältnis die Chancen steigen, in einem innerstädtischen Mischgebiet bzw. im Umland zu wohnen im Vergleich zur
Referenzkategorie, die den Wert 1 erhält. Werte zwischen 0 und 1 verringern die Chance entsprechend.
7
Bei der Klassifikation des Haushaltstyps wird idealtypisch nach einem Lebenslauf differenziert: Alleinlebende
bis 60, jüngere Zweipersonenhaushalte, Zweipersonenhaushalte, 40–59 Jahre, Haushalte mit Kleinkindern und
mit Schulkindern und ältere Person zu zweit bzw. allein im Haushalt.
8
Effektkoeffizient Exp(b) = ,51; Wald-Statistik: 7,94***
195
1: Das Vergleichsmodell hat den Wert 0, Freiheitsgrade: Lebensstile DF=6, Haushaltskontext DF=7, Referenzkategorie: höchste
Ausprägung, d. h. die drei hier nicht ausgewiesenen Typen bei der Variable Lebensstil und Familien mit Schulkindern beim
Haushaltskontext: Einkommen und Schicht sind als kontinuierliche Variablen in das Modell einbezogen worden.
*: statistisch signifikant auf dem 10 %-Niveau, ** 5 % bzw. ***1 %-Niveau. Die Wald-Statistik folgt einer chi²-Verteilung und
entspricht dem quadrierten t-Wert des jeweiligen Koeffizienten. Die Höhe der Effekt-Koeffizienten (Exp(b)-Werte) geben an, in
welchem Verhältnis die Chancen steigen, in einem innerstädtischen Mischgebiet bzw. im Umland zu wohnen im Vergleich zur
Referenzkategorie, die den Wert 1 erhält. Werte zwischen 0 und 1 verringern die Chance entsprechend.
9
Effektkoeffizient Exp(b) = 1,42; Wald-Statistik: 3,06*
10
Hier wird dichotomisiert, ob die Befragten in einem innerstädtischen Mischgebiet wohnen oder nicht bzw.
im Umland/am Stadtrand wohnen oder nicht.
196
schichten sinkt bei den mit Gewerbe durchmischten Quartieren. In diesen Gebieten zeigt
sich darüber hinaus eine spezifische Struktur sowohl nach Haushaltskontext als auch nach
Lebensstil, wobei der Haushalt deutlich höheres Gewicht hat als der Lebensstil (Chi²: 44,3
versus 17,1).
197
erheblichen Teil der Bevölkerung die Standortwahl den Wohnwünschen nicht optimal
angepasst werden kann. Die Antworten auf die Frage, wo man am liebsten wohnen möchte,
geben Aufschluss über die ideale Wohnlage der Lebensstiltypen.11
Auf der Wunschliste oben stehen in der Bevölkerung das Land und die Kleinstadt,
gefolgt von Mittelstädten und dem Umland größerer Städte bzw. dem Stadtrand. Dieses
Ergebnis deckt sich mit der faktischen Entwicklung, nach der Dörfer seit geraumer Zeit
ein Bevölkerungswachstum verzeichnen, unabhängig davon, ob sie sich in der Nähe von
Städten befinden (Johaentges 1996). Das Wohnen in Großstädten ist damit im Vergleich
zu „Land“ und „Kleinstadt“ weniger attraktiv, dies aber ist vor allem auf die nicht groß-
städtischen Befragten zurückzuführen.12
Die oben vorgestellten Ergebnisse werden hier weitgehend bestätigt: Der jüngere
Selbstverwirklichungstyp bevorzugt überdurchschnittlich häufig städtische Lagen, dabei
jedoch häufiger die ruhigeren Lagen im Umland oder am Stadtrand. Auch der hochkul-
turell orientierte Typ schätzt insbesondere das Umland größerer Städte. Bemerkenswer-
terweise ist es jedoch der junge erlebnisorientierte Typ, der am häufigsten den Stadtrand
als Wohnort bevorzugt – auch wenn sich ein überdurchschnittlich hoher Anteil Citylagen
vorstellen kann. Die beiden traditionelleren, sicherheitsorientierten Typen bevorzugen
mehrheitlich kleine Orte.
Am häufigsten stimmt bei den sicherheitsorientierten, traditionellen, sozial Eingebun-
denen die ideale Lage mit dem Wohnort überein (bei 53 %), insbesondere bei Stadtrand-
bewohnern (neun von zehn) und Dorfbewohnern (sieben von zehn). Die Integration in
die Gemeinde scheint besonders an diesen Standorten gut zu gelingen. Diese Gruppe ist
11
Im Hinblick auf die Dimensionen, die räumliches Verhalten kennzeichnen (interaktives, expressives, eva-
luatives und kognitives), ist hier die evaluative Dimension angesprochen.
12
Detaillierte Analysen zum Verhältnis von Wohnlage und Wunschlage und Auswirkungen auf Wohnzufrie-
denheiten im Ost-West-Vergleich sind zu finden in: Böltken, Schneider, Spellerberg 1998.
198
ferner mit dem Wohnort sehr zufrieden, insbesondere wird mit einem Wert von 8,5 auf
einer Skala von 0 bis 10 die Nachbarschaft sehr positiv bewertet. Mehr als vier von zehn
vergeben hier den Höchstwert 10.
Quelle: Datenbasis: Projekt: Lebensstile, Wohnbedürfnisse und Mobilitätsbereitschaft, Sowi-Bus 1996; Cramer’s V: .11
Werden die Standorte in eher ländliche und eher städtische Wohngebiete dichotomi-
siert, so zeigt sich beim Selbstverwirklichungstyp ein ambivalentes Bild. Zum einen zählt
diese Gruppe häufig zu den Stadtbewohnern, zugleich möchte die Hälfte der Städter der
Stadt den Rücken kehren. Das Verhältnis bei den Dorf- und Umlandbewohnern ist deutlich
günstiger, etwa 5:1 von Befürwortern zu Wegstrebenden. Auch beim jüngsten Typ, den
Erlebnisorientierten, ergibt sich ein uneinheitliches Bild: Dorfbewohner streben zu einem
vergleichsweise hohen Anteil das Stadtleben an (Verhältnis 2:1 von Ortsbefürwortern zu
Ortsmüden), aber von den Stadtbewohnern zieht es die Hälfte in ruhigere Lagen (20 %
Übereinstimmung von Lage und Wunschlage, 26 % Diskrepanz).
Über alle Wohnlagen betrachtet, stimmen bei weniger als einem Drittel dieser Gruppe
(31 %) Wohnort und Wunschort überein (43 % im Durchschnitt). Dieser Typ wohnt häufig
im Mietgeschossbau und in Großstädten – umso bemerkenswerter ist es, dass gerade diese
junge Gruppe ausgesprochen häufig ein Eigenheim anstrebt: acht von zehn des „Selbst-
verwirklichungstyps“ sehen in einem Ein-/Zweifamilienhaus (einschl. Bauernhaus, 24 %)
das Idealhaus. Zugleich sollte ein solches Haus überdurchschnittlich häufig am Stadtrand
oder im Umland gelegen sein. Dies scheint eine adäquate Vorstellung zu sein, weil bei
drei Vierteln des am Stadtrand wohnenden Selbstverwirklichungstyps der Wunschort dem
Wohnort entspricht. Trotz des hohen Verdienstes und der hohen kulturellen Kompetenzen
hat es die Gruppe zu dem erfassten Zeitpunkt ihrer Wohnbiografie nicht geschafft, ihre
Wohnwünsche zu realisieren. Sie sind entsprechend häufig unzufrieden mit den Wohn-
bedingungen, insbesondere mit den Umweltbedingungen am Ort.
Dies ist insofern ein für den Wohnungsmarkt besonders relevanter Befund, als diese
Gruppe nach Lebensalter, Bildung und Einkommen in hohem Maße in der Lage sein dürfte,
die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schließen, sich in der Nähe großstädti-
scher Vielfalt nach dem privaten Rückzugsraum von Einfamilienhäusern umzusehen und
damit den Suburbanisierungsprozess weiter zu verstärken. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist
199
umso höher, als diese Gruppen in außerordentlich hohem Maß Umzugsabsichten äußert:
36 % geben an, in den nächsten zwei Jahren umziehen zu wollen.
Hierauf Bezug nehmende Modelle sind in Großstädten entwickelt worden. Berlin hat
beispielsweise einen Architekturwettbewerb unter dem Motto „Das städtische Haus“
durchgeführt, in dem dazu aufgerufen wurde, für 2.000 DM pro Quadratmeter Eigenheime
bzw. Eigentumswohnungen von etwa 100 Quadratmetern Wohnfläche zu entwerfen. Die
Gesamtkosten für das Eigenheim sollen 300.000 DM nicht übersteigen. Es ist anvisiert,
bis zum Jahr 2000 an fünf innerstädtischen Standorten (Zehlendorf, Köpenick, Marzahn,
Hohenschönhausen und Hellersdorf) jeweils 30 bis 100 Wohnungen dieses preisgünstigen
Typs entstehen zu lassen (Süddeutsche Zeitung vom 12.03.1998, S. IV).
Umgekehrt bevorzugen traditionelle und einfache, häusliche Lebensstilgruppen das
Leben auf dem Dorf und haben dies auch häufiger realisiert, sodass die Diskrepanzen in
diesen Gruppen geringer ausfallen. Bei unterschiedlichen Wohnerfahrungen und quer
durch alle Lebensstiltypen scheint sich – mit unterschiedlicher Gewichtung – die Stadt-
Land-Bewegung durchzusetzen.
4 Zusammenfassung
Ausgangsthese dieses Beitrags ist, dass sich anhand von Lebensstilen spezifische Wohn-
verhältnisse und Wohnbedürfnisse identifizieren lassen. Im ersten Teil des Beitrags
wurden sozialstrukturelle Wandlungsprozesse skizziert, die die Bedeutung des Lebens-
stilkonzepts für stadt- und regionalsoziologische Fragen erläutern. Im zweiten Teil wurde
eine bundesweite Repräsentativbefragung zu Lebensstilen und Wohnbedürfnissen sowie
das empirische Vorgehen der Typenbildung vorgestellt. Die Lebensstiltypologie teilt die
Bevölkerung ein in homogene Gruppen, die auf Basis von kulturellem Geschmack, Frei-
zeitaktivitäten und Lebenszielen gebildet werden. Die Ergebnisdarstellung bezieht sich
auf Wohnstandorte, d. h. eine unterschiedliche Verteilung von Lebensstilen im Raum, und
auf Wohnwünsche im Hinblick auf die Wohnlage.
Die Ergebnisse zeigen, dass zwar Lebensstilgruppen nicht exklusiv in bestimmten
Wohngebieten anzutreffen sind, dass sich jedoch Schwerpunkte erkennen lassen. Ein
„Hochkulturell interessierter Typ“ lebt vorzugsweise am Rand von Großstädten und dabei
in Neubauwohngebieten. Bei einem in eher kleinen Gemeinden lebenden Typ „Traditi-
onell, sozial Integriert“ zeigen sich die größten Übereinstimmungen zwischen Wohnort
und Wunschort und auch eine hohe Wohnzufriedenheit. Auch der „Zurückgezogen
lebende Typ“ lässt sich eher in ländlichen Gebieten finden – wo er auch leben möchte.
Ein sachorientierter, pragmatischer und qualitätsbewusster Typ findet sich breitgestreut
in allen Ortstypen, wobei er auch Großsiedlungen nicht meidet, in innerstädtischen, mit
Gewerbe gemischten Gebieten jedoch seltener wohnt.
Bei den Wohnbedürfnissen herrscht weitgehende Übereinstimmung und zwar nicht nur
für ansonsten kontrastierende Lebensstilgruppen, sondern auch für West- und Ostdeutsche
(Böltken, Schneider, Spellerberg 1999). Auch wenn der moderne Selbstverwirklichungstyp
die Stadtnähe sucht, so möchte er doch mehrheitlich nicht in städtischen Verhältnissen
wohnen. Als Ideal gelten für diesen Typ offensichtlich die Wohnverhältnisse des hochkul-
200
turell interessierten Typs, der sich ein Haus am Stadtrand leisten kann und die städtischen
Einrichtungen nutzt. Die Lebensstiltypen bilden offensichtlich keine neuen Muster der
Raumnutzung aus – bzw. die möglicherweise vorhandenen sind auf dieser allgemeinen
Standortebene nicht zu identifizieren (vgl. Helbrecht 1997). In der lebensstilspezifischen
Kombination von Wohnerfahrungen, Perspektiven und Bewertungskriterien werden
zugleich lebensstilspezifische Profile sichtbar, die in biografischer Hinsicht plausibel
erscheinen, damit auch auf aktuellen Problemdruck und Handlungsbedarf auf dem
Wohnungsmarkt aufmerksam machen. Handlungsrelevant werden die Wohnwünsche vor
allem dann, wenn sie mit hoher Unzufriedenheit mit den aktuellen Wohnbedingungen
zusammenfallen, wie dies bei den jüngeren Typen gegeben ist. Sie sind am häufigsten
mit Umzugsüberlegungen befasst.
Die Tendenz der Stadtbewohner, Innenstädte mehrheitlich nicht länger als Wohnort
zu wählen, deckt sich mit aktuellen Ergebnissen der Wohnungsmarktbeobachtung, z. B.
am Beispiel von Dortmund, die „gängige Klischeevorstellungen vom ‚Auszug der Reichen
und Kinderreichen‘ (widerlegen). ... Zweipersonenhaushalte bilden die stärkste Gruppe. ...
Offensichtlich ziehen vergleichsweise viele Paare ins Umland bevor sie Kinder bekommen.“
(Kreibich 1999: 136 f.) Die wichtigsten Gründe für Randwanderungen liegen dabei nicht in
der Bildung von Eigentum, sondern im Wunsch, im Grünen zu wohnen bzw. weniger Lärm
und saubere Luft um sich zu haben. Volker Kreibich interpretiert die Randwanderung zwar
mit einem möglichen Kinderwunsch, die Informationen aus der Lebensstilstudie sprechen
bei den jungen Gruppen angesichts geringer Familienorientierung jedoch nicht notwen-
digerweise für eine Familiengründung. Entscheidend ist, dass der Wunsch dominiert, sich
in ökologischer Hinsicht und auch im Hinblick auf die Wohnfläche zu verbessern. Der
Problemdruck durch anhaltende Suburbanisierung (bzw. Desuburbanisierung) mit den
damit verbundenen negativen Konsequenzen des Flächenverbrauchs und steigenden Ver-
kehrsaufkommens wird in absehbarer Zeit nicht abnehmen, sofern nicht entsprechende
Angebote auf dem innerstädtischen Wohnungsmarkt vorliegen.
In logistischen Regressionen wurde auch statistisch geprüft, inwieweit die gefundenen
Standortunterschiede auf lebensstilspezifische Entscheidungen zurückgehen, auf materielle
Ressourcen oder den Haushaltskontext der Befragten. Nach den Ergebnissen sind das
Einkommen und der berufliche Status bei der dargestellten Gemeinde- und Quartierstypik
kaum aussagekräftig. Der Wohnungsmarkt wird von vielfältigen Faktoren gesteuert, und die
hier besprochene Gebietstypik weist eine so differenzierte Bevölkerungsstruktur auf, dass
die sozialstrukturelle Gliederung der Bevölkerung räumlich kaum zum Ausdruck kommt.
Über eine Segregation nach Nationalität bzw. ethnischer Herkunft kann hier angesichts
der geringen Anzahl von Ausländern, die sich zudem auf bestimmte Lebensstilgruppen
verteilen, keine Aussagen getroffen werden. Der Einfluss von Einkommen und Berufs-
prestige kommt in stadtteilbezogenen Untersuchungen, wie sie in anderen Beiträgen
dieses Bandes vorgestellt werden, möglicherweise besser zum Ausdruck.
Das Lebensstilkonzept und die Klassifikation nach Haushaltstypen (in Anlehnung an
Lebensphasen) sind bei den vorgestellten Analysen tragfähiger als die ungleichheitsorien-
tierten Kategorien. Die statistischen Auswertungen lassen zugleich den Schluss zu, dass
auch diese Klassifikationen der Bevölkerung die Verteilung auf bestimmte Wohnorte und
201
Quartiere nur in begrenztem Maße erklären können. Auffällig sind einzelne Untergruppen,
wie z. B. junge Alleinlebende, der Erlebnistyp und die hochkulturell Interessierten, während
beispielsweise zurückgezogen Lebende sich nicht danach unterscheiden, ob sie auf dem
Land oder in der Stadt bzw. in städtischen Mischgebieten oder im Umland wohnen.
Die Hypothese, dass Lebensstile mit unterschiedlicher Raumnutzung in Zusammen-
hang stehen, kann vor dem Hintergrund dieser Untersuchung dahingehend reformuliert
werden, dass einige Lebensstiltypen Affinitäten zu bestimmten Standorten aufweisen,
andere jedoch breit verteilt sind. In vielen Quartierstypen leben die Lebensstilgruppen
nicht stark segregiert voneinander und nicht bei allen Lebensstilgruppen sind Standort-
präferenzen ausgebildet.
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse kann ein dreistufiges Analyseraster für stadtsozio-
logische und stadtplanerische Studien vorgeschlagen werden: Für ökonomisch orientierte
Problemstellungen (Marktsegmentationen) sind herkömmliche Schichtmodelle (bzw.
Klassenlagen und Einkommen) wichtig. Mit dem zweiten, bekannteren Konzept des
Haushaltskontexts bzw. der Lebensphasen kann insbesondere die Wohnungsversorgung
aufgeschlüsselt werden, da Erfordernisse und Ansprüche beim Wohnen deutlicher mit den
Etappen im Lebensverlauf variieren. Mit dem dritten, aufwendiger zu erhebenden Lebens-
stilkonzept können weiterführende Ergebnisse bei der Untersuchung von Einschätzungen
und Bewertungen, symbolischen und ästhetischen Aspekten des Standorts, von Netzwer-
ken und Kontakten gewonnen werden. Das skizzierte dreistufige Raster dürfte auch für
Praktiker auf dem Wohnungsmarkt interessant sein, um die an Bedeutung gewinnenden
kulturellen Aspekte bei sozialräumlichen Planungen berücksichtigen zu können.
Im folgenden möchte ich eine Studie von Martin Albrow zitieren, in der deutlich wird,
dass bei zukünftigen Forschungen nicht die Typik eines Wohnquartiers das entschei-
dende Kriterium im Zusammenhang mit Lebensstilen bilden sollte, sondern die Formen
der Gemeinschaftsbildung von Bewohnern eines Quartieres weiterführend sein dürften.
Über die Handlungen im Quartier, am Wohnort, in der Region sowie über „Tele-Kon-
takte“ sind weitergehende Lebensstilunterschiede zu erkennen. So variieren Kontakte
zu Nachbarn unserer Studie entsprechend deutlich mit der Lebensstilzugehörigkeit.
Während die Hochkulturellen enge Kontakte pflegen, verhalten sich Selbstverwirklicher
den Quartiersbewohnern gegenüber distanziert. Dies trifft auch für Stadtrandbewohner
dieses jungen Typs zu.
Albrow und sein Team haben in dem Londoner Bezirk Tooting (Wandsworth) Bin-
dungen an den Wohnort, Netzwerke, Konsum- und Freizeitmuster sowie Wahrnehmungen
untersucht und festgestellt, dass der gleiche Ort ganz unterschiedliche Bedeutung für die
Befragten hat und zugleich ausgesprochen positiv und negativ bewertet wird. Die Nähe
zum Londoner Zentrum macht ihn für Bessergestellte attraktiv, und als „zone of transition“
bilden Ausländer einen hohen Bevölkerungsanteil. „Für einige ist es eine alte Gemeinschaft,
für andere ist es eine neue Stätte der Gemeinschaft, die ihre kulturellen Wurzeln in Indien
hat. Für einige ermöglicht Tooting Freizeitaktivitäten mit Gleichgesinnten, für andere ist
es ein Ort zum Schlafen und mit Zugang nach London.“ (Albrow 1997: 308 f.) Während
manche Menschen sich hier nur mit der privaten Wohnung verbunden fühlen, nutzen
andere den öffentlichen Raum, und beide Gruppen können Kontakte mit Personen in
202
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204
205
Gliederung
1 Vorbemerkungen
2 Worüber Sozialwissenschaftler/innen häufig verkürzt und daher unzureichend berichten –
die aktuellen Entwicklungstendenzen in den (Stadt-)Gesellschaften
3 Was Ungleichheits- und Stadtforscher/innen zu wenig wissen – aktuelle Strukturen sozialer
Ungleichheit
4 Was Stadtforscher/innen kaum wahrnehmen – Beschreibung der relevanten Ausdifferen-
zierung städtischer Gesellschaften in ihren Mustern der Verräumlichung durch amtliche
Statistiken
5 Zwischen „objektiven“ Behältern und subjektiven Konstruktionen sozialräumlicher Qualität
6 Worüber gestritten wird – die Bewertung der Segregations- und Konzentrationsmuster der
Stadtgesellschaften
7 Was gesteuert werden sollte – die Frage der funktionalen und sozialen Mischung
8 Die „neuen Kreativen“ – Renaissance der (Innen-)Städte?
9 Was wir häufig überschätzen – die Integrationslust und das Integrationsvermögen der
Stadtbevölkerung
10 Die Hebel I: Belegungspolitik und kleinräumige funktionale Mischung
11 Die Hebel II: Die Gestaltung des (öffentlichen) Raumes und öffentlicher Einrichtungen
12 Die Hebel III: Die Partizipation
13 Die Hebel IV: Die Einbeziehung der Verantwortung der lokal gebundenen Ökonomie
14 Zusammenfassung
Literatur
1 Vorbemerkungen
Nach einer längeren Phase zunehmender finanzieller Absicherung unterer Einkommens-
gruppen sowie gesellschaftlicher Integration in den Nachkriegsjahrzehnten differenzieren
sich moderne Gesellschaften seit den 1970er- resp. 1980er-Jahren verstärkt wieder nach
sozioökonomischen und soziokulturellen Kategorien aus. Diese in der Fachwelt weit-
gehend geteilte Einschätzung bedeutet aber auch, dass die zunehmend auftretenden
Polarisierungen der Einkommen und Heterogenisierungen der sozialen Milieus zu neuen
räumlichen Segregations- und Konzentrationsmustern der Wohnbevölkerung führen
werden. Insbesondere in Großstadtagglomerationen kommt es bereits gegenwärtig ver-
1
Wir danken insbesondere Dieter Läpple und Annette Spellerberg für ihre Kommentare und Korrekturvor-
schläge zu diesem Beitrag.
206
2
Zentrale treibende Kräfte sind hierbei die ökonomische Umstrukturierung, die veränderte Regulation der
Arbeitsverhältnisse und Absicherung sozialer Risiken, deren Ursachen und Steuerung weitgehend außerhalb der
Kommunen und Regionen liegen, sich dennoch in ihren problematischen Erscheinungsformen in spezifischen
(peripheren) Regionen resp. Stadtquartieren zeigen (vgl. Dangschat 1995, 1999a; Häußermann 2000; Kronauer
2002 – siehe auch die Beiträge von Kronauer, Geiling sowie Läpple, Walter in diesem Band).
207
und Vermögen zwischen den Gebieten. Dies zeigt sich nicht nur in den ökonomisch
„schwächelnden“ Regionen, sondern tritt auch in den wenigen prosperierenden Groß-
städten/Stadtregionen (München, Hamburg, Düsseldorf, Rhein-Main und Leipzig) auf.
Die Befürchtung besteht (seit der Deutsche Städtetag den Begriff „Sozialer Brennpunkt“
im Jahr 1987 verwendete), dass die Menschen in den von finanzieller Knappheit, von
Sozialhilfebezug, aber auch von hohen Ausländeranteilen geprägten Quartieren durch
das Leben in diesen – oftmals „überforderten Nachbarschaften“ – zusätzlich benach-
teiligt werden, woraus sich Sozialisationsdefizite und Integrationsprobleme ergeben
können (vgl. Alisch, Dangschat 1998).
2. Ein deutlich geringerer Teil der Beiträge widmet sich der Frage der soziokulturellen
Ausdifferenzierung, die in der Soziologie mit Konzepten der sozialen Milieus, der
Lebensweisen und Lebensstile gefasst werden (vgl. Hradil 1990, 1992; Klocke 1993;
Konietzka 1995; Richter 1994; Helbrecht 1997; Schneider, Spellerberg 1999; Rink
2002; siehe auch die Beiträge von Dangschat und Geiling in diesem Band). Sozialwis-
senschaftliche Studien und vor allem die Markt- und politische Meinungsforschung
betonen sehr stark, dass die alten Kategorien sozialer Ungleichheit (also Klasse, Schicht,
aber auch Geschlecht und Alter) an Bedeutung dafür verlieren, die Wertemuster, Ein-
stellungen zu Einzelaspekten und insbesondere das Verhalten in ihrer (zunehmenden)
gesellschaftlichen Ausdifferenzierung zu beschreiben, zu kategorisieren, zu erklären
oder gar zu prognostizieren.
Neben einer angemessenen Wahl der Kategorien, Theorien und empirischen
Überprüfungsmöglichkeiten der bestehenden Differenzierung innerhalb von Stadtge-
sellschaften bestand die Herausforderung für die Arbeitsgruppe im zweiten Schritt darin,
diese Überlagerungen traditioneller und neuer Formen gesellschaftlicher Ausdifferen-
zierung in ihrer Übertragung auf Siedlungs- und Raumnutzungsmuster zu erfassen (übli-
cherweise in Kategorien der Konzentration und Segregation). Die Analyse dieser neuen
Muster führt zwangsläufig zur Frage der Bewertung dieser neuen Muster – diese ist in
stadtsoziologischen Kreisen in den letzten Jahren in Bewegung geraten – und daher auch
zu der Frage, wie diese im Sinne der Unterstützung erwünschter und der Vermeidung
unerwünschter Formen der Konzentration planerisch, politisch oder zivilgesellschaftlich
beeinflusst werden können.
Daher war das Erkenntnisinteresse des Arbeitskreises „Soziale Lagen, Lebensstile und
Siedlungsstrukturen“ vor allem darauf gerichtet,
a) wie die Gesellschaft in ihren Ungleichheitsstrukturen und -prozessen zu (er)fassen ist:
Sollte man von einer Rückkehr resp. einem Wieder-sichtbar-Werden der Klassenstruk-
turen (siehe den Beitrag von Kronauer in diesem Band) oder von einer Entstrukturie-
rung und Entbettung jenseits von Klasse und Schicht, d. h. von einer individualisierten
Gesellschaft ausgehen? Bilden sich bereits neue Formen der sozialen Schließung heraus
– womöglich auch aufgrund der veränderten Segregationsmuster? (Siehe den Beitrag
von Dangschat in diesem Band);
b) ob diese Muster mehrdimensionaler sozialer Ungleichheit durch „Spiegelungen“
unmittelbar in den Raum übertragen werden oder ob durch die Verräumlichung ver-
208
209
Die „Nebel zu lichten“ – und damit eine effektivere Vorgehensweise in der kommunalen
und regionalen Steuerung zu erreichen – ist eng damit verbunden, dass
a) von einem veränderten Verständnis von Raum ausgegangen wird, bei dem soziale Pro-
zesse im Zusammenhang mit den Prozessen der Raumaneignung (und Identifikation)
und der Raumgestaltung gesehen werden (siehe den Beitrag von Holzinger in diesem
Band);
b) eine Erweiterung der Methoden durch (qualitative) Formen der Sozialraumanalyse vorge-
nommen wird und diese Ergebnisse im Sinne einer Triangulation und Mehrebenenana-
lyse auf die vorhandenen (quantitativen) Daten bezogen werden (vgl. Riege, Schubert
2002; Krummacher et al. 2003),
c) eine erweiterte/veränderte Rolle von Planung und Wissenschaft im Sinn eines action-
research‘-Ansatzes eingenommen wird, wodurch ein gegenseitiges Verstehen verschie-
dener „Welten“ erleichtert wird (vgl. Reason, Bradbury 2001; Astleithner, Hamedinger
2003) und
d) die Zielsetzung weg von Output-Kenngrößen struktureller Veränderungen hin zu einer
Outcome-Orientierung entwickelt wird, bei der ein kollektives, an den gesellschaftlichen
Raum gebundenes soziales Kapital in Form zivilgesellschaftlicher ‚thickness‘3 entwickelt
werden kann (vgl. Schur 2003).
Entsprechend dieser Strukturierung werden in diesem Kapitel nun die Erkenntnisse quer
zu den Beiträgen zusammengestellt, bisweilen etwas zugespitzt (Pkt. 1–8) und in ihrer
Planungsrelevanz eingeordnet (Pkt. 9–12).
3
Hiermit soll explizit auf den Begriff der ‚institutional thickness‘ Bezug genommen werden, der von Amin,
Thrift (1995) eingeführt wurde, um die Synergieeffekte eines abgestimmten und aufeinander bezogenen institu-
tionellen Handelns im Zuge neuer Management-Modelle als Zielgröße „lernender Regionen“ oder innovativer
Institutionen zu bestimmen.
210
4
Schon im Übergang in das 20. Jahrhundert hatte der Soziologe Georg Simmel die Gesellschaft als eine
eingeordnet, die sich von den „rostigen Ketten“ der normativen Vorgaben durch die Kirche und ständische
Organisation befreit habe und in eine kapitalistische Form einer Industriegesellschaft hinüberwechsele.
211
haben sich Ansätze der Marktforschung und der Erforschung der politischen Präferenzen
durchgesetzt (vgl. SINUS Sociovision 2003). Diese Ansätze arbeiten in Umfragen mit
einem größeren Set an Fragen nach Einstellungen und Verhaltensweisen. Dadurch entsteht
ein multidimensionaler Raum, der mittels der Anwendung entsprechender methodischer
Verfahren auf handhabbare Größen (Faktoren oder Cluster) reduziert wird. Aufgrund
der Anwendung solcher multivariaten Verfahren entsteht jedoch ein anders gelagertes
Problem, denn sie sind von der Art und der Zahl der berücksichtigten Merkmale und den
Verteilungen in den jeweiligen Stichproben abhängig (vgl. Blasius 1994). Damit kommt
jede Analyse zu einem eigenen Ergebnis bezüglich der Zahl der Faktoren resp. Cluster,
deren Namen und Inhalten, was für eine Anwendung in der Praxis eher verwirrend ist.
Die Wissenschaft in Deutschland bedient sich zunehmend eines empirischen Modells,
das in der Marktforschung, in der Konsumforschung und für Wahlprognosen entwickelt
wurde. In dieses Modell gehen sowohl die alte Schichtungs-Skala (Vertikale) als auch eine
gesellschaftliche Innovationsskala (Horizontale) ein.5
Die Gesellschaftsdiagnosen und Deutungsangebote an die Gesellschaft, insbeson-
dere an die planerische und politische Praxis, sind dann irreleitend (und eigentlich
verantwortungslos), wenn sie die bestehenden Vorurteilsstrukturen aus Ängsten und
Hoffnungen bedienen, die aber ohnehin schon sehr „wirkmächtig“ sind. Es ist also eine
allgemeine Vorsicht geboten, in dieser Situation mehrfacher dynamischer Umbrüche die
Interpretationen aus der Sozialwissenschaft anzunehmen, denn sie bergen zu sehr die
Gefahr, „gefiltert“ dargestellt zu sein – was beispielsweise von Schönwandt (2000; 2002:
54–57) als eine der Denkfallen des Planungsprozesses beschrieben wird.
Dieser Vorbehalt gilt selbstverständlich auch für die in diesem Band zum Ausdruck
kommenden Deutungsangebote gesellschaftlicher Entwicklung – was das Argument
wachsender gesellschaftlicher Gegensätze nicht verharmlosen soll.
5
Mittlerweile hat hierbei eine institutionelle Ausgründung stattgefunden: Dieser Zweig des Sinus-Instituts
heißt nun Sinus-Sociovision und die Postmaterialismus-Skala, die als kulturelle Skala der y-Achse bis zum Jahr
2002 diente, wurde durch eine „Innovationsskala“ ersetzt, was durch die Betonung der „Bastel-Existenzen“
wiederum zu neuen Milieuclustern und -bezeichnungen geführt hat (vgl. Sinus Sociovision 2003).
212
Mit der breiten Akzeptanz der These der Entstrukturierung und Individualisierung
wurde das Schwergewicht der akademischen Ungleichheitsforschung in Deutschland
auf die Konzepte der sozialen Milieus und Lebensstile gelenkt (vgl. Hradil 1990, 1992;
Konietzka 1995; Berger, Vester 1998). In diesem Diskurs wird von einer „Pluralisierung“
von Lebensstilen ausgegangen, welche gegenüber einer „verfestigten Gesellschaft“ eine
Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten und eine Ausdifferenzierung von Lebensent-
würfen bedeutet. Die zunehmende Wahl- und Entscheidungsfreiheit der Individuen drückt
sich in distinktiven Lebensstilen aus, für welche die Wohnortwahl sowie die Ausstattung
und Ausgestaltung der Wohnung zu zentralen Elementen der Inszenierung werden (vgl.
Bourdieu 1991; Noller 1999).
Mit diesem Ansatz können zwar generelle Zusammenhänge zwischen der Wohnstandort-
wahl und der Zuordnung nach Makromilieus hergestellt werden, doch bleiben die
Informationen aufgrund des Mangels an kleinräumigen Daten vorläufig bezüglich der
Mikrostandorte noch vage (vgl. Schneider, Spellerberg 1999; Spellerberg 20046). Noch
ist nicht geklärt, ob zur Wahl eines Wohnstandortes eher das Einkommen und Vermögen,
das Alter und die Position im Lebenszyklus, die berufliche Position oder die Bildung oder
eben bestimmte Wertekonstellationen als Basis von Milieus ausschlaggebend sind. Eine
weitere offene Frage ist: wenn das Set an Variablen, welches den Wohnstandort bestimmt,
umfangreicher wird, entstehen daraus eher homogene Wohnquartiere oder heterogene in
bestimmten Merkmalskombinationen, die sich einerseits als hoch integrativ, andererseits
aber als Orte von „Parallelgesellschaften“ darstellen?
Wir standen im Arbeitskreis der Individualisierungsthese, d. h. der Vorstellung, dass
Gesellschaften hochgradig bis völlig entstrukturiert seien (vgl. Beck 1985), eher skep-
tisch gegenüber, da Arbeitslosigkeit und Prekarisierung von Arbeitsmarktsegmenten die
sozioökonomischen Ungleichheiten wieder vertiefen und da askriptive Kategorien der
Ungleichheit (wie beispielsweise Geschlecht und ethnischer Hintergrund, aber auch die
Herkunft) für die Verteilung der sozialen Ungleichheit offensichtlich wieder wichtiger
werden. Im Arbeitskreis gingen wir eher von einem Modell der Überlagerung der Wirk-
samkeit verschiedener Ungleichheits-Modelle aus (siehe den Beitrag von Dangschat in
diesem Band): Klassenunterschiede scheinen noch immer resp. wieder stärker im Arbeits-
und Wohnungsmarkt zu gelten, die zudem zunehmend seltener durch wohlfahrtsstaatli-
che Praktiken ausgeglichen werden. Diese sozioökonomisch geprägten Muster werden
insbesondere von der Mitte des gesellschaftlichen Aufbaus an aufwärts durch kulturelle
Distinktionsmuster überlagert, die auf unterschiedlichen Wertemustern aufbauen. Will
man sich nicht auf eine genaue Kombination materieller und kultureller Ungleichheiten
resp. eine theoretisch-normative Etikettierung festlegen, spricht man in den Sozialwissen-
schaften von sozialen Lagen (vgl. Hradil 1987, 1990).
6
Auch der Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung (vhw) versucht, einen praxisnahen
Ansatz zu entwickeln, indem das auf räumlich hoch aggregierten Daten basierende SINUS-Modell (Makro-
Milieus) mit weiteren, der Marktforschung zur Verfügung stehenden Daten verknüpft und über eine kleinräumig
differenzierte Betrachtung auf die Mikro-Ebene „heruntergezont“ wird. Hierzu ist der vhw Kooperationen mit
Berlin, Essen, Hannover, Köln und München sowie der Arbeitsgemeinschaft Brandenburger Städte (ARGE-REZ)
eingegangen (vgl. Rohland, Hallenberg 2004).
213
214
215
vor allem auf Gemeindeebene zu investieren. Der vhw (Bundesverband für Wohneigentum
und Stadtentwicklung) bemüht sich in Kooperation mit Sinos Sociovision bereits um eine
kleinräumige Erfassung wohnungsbezogener Informationen – beide sollten allerdings eine
größere Nähe zu grundlagenforschenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
suchen. Ob es hierbei eine Interventions- und Mediationsmöglichkeit für die ARL, das difu
oder andere „Schnittstellen“-Institutionen gibt, sollte näher betrachtet werden.
Dass amtliche Statistiken wenig über die Gesellschaft aussagen, ist in Fachkreisen
bekannt – dennoch werden daraus keine Konsequenzen gezogen. Weder können
Sozialwissenschaftler/innen in geeigneter Weise ihre Theorien entwickeln und empirisch
testen, noch besitzen (Stadt-)Verwaltungen die Voraussetzung dafür, gesellschaftliche
Prozesse angemessen zu steuern7 – sie verharren im Nebel der Vermutungen. Wäre ein
vergleichbar großes Defizit an Nichtwissen in anderen Wissenschaftsbereichen und Poli-
tikfeldern im Bewusstsein der Fachleute – der Protest der Wissenschaft, die Forderungen
der Unternehmen und die politischen Aufträge sähen anders aus. Ausgerechnet für die
Gesellschaft in ihren Ungleichheitskategorien gilt das nicht, obwohl dies im Bedeutungs-
spektrum allen Tuns der öffentlichen Hände obenan stehen sollte.
Es muss also die Frage erlaubt sein, warum bei der Überschreitung einer Menge
Feinstaubs oder der Lärmbelastung eine ganze Apparatur gesetzlicher Verordnungen, Inves-
titionen in Anlagen und technologischer Innovationen greift, während eine Polarisierung
der Gesellschaft (beispielsweise durch Schwellenwerte einer nicht zu überschreitenden
Arbeitslosigkeitsquote, der Drop-Out-Quote des Bildungssystems oder der Konzentration
sozial benachteiligter Gruppen in Wohnquartieren) schulterzuckend oder „mit Besorgnis“
oder „mit Bedauern“ zur Kenntnis genommen werden, ohne dass die Ursachen hierfür
bekämpft werden. Eine solche „Schwellenwert-Debatte“ hätte vor allem eine symbolische
und diskursive Bedeutung – sie wäre theoretisch ähnlich schwach gehärtet wie Grenzwerte
nach dBA, Milligramm Feinstaub und die Zahl der Pkw pro Stunde.
7
Dies setzt allerdings voraus, dass es diesen Anspruch innerhalb der Planung (noch) gibt, denn Misserfolge
in der Vergangenheit, die unzureichende Datenlage und der allenfalls eingeschränkte Einfluss auf die Ursachen
der Prozesse gesellschaftlicher Veränderungen haben diesen Anspruch stark relativiert.
216
217
umfangreichere Möglichkeiten. Schließlich wird aus den empirischen Arbeiten der letzten
Jahre innerhalb der Stadt- und Regionalsoziologie deutlich: place matters. Orte sind nicht
unabhängig von ihren Inhalten zu betrachten; physisch-materielle Räume und soziale
Prozesse sind miteinander verflochten; der Grad des Einflusses von Orten/Territorien
auf soziales Verhalten und umgekehrt ist immer in soziale Prozesse eingebettet und von
gesellschaftlichen Strukturmerkmalen der Akteure und Akteurinnen abhängig, d. h. vor
allem von Kategorien sozialer Ungleichheit.
Damit wirken Orte/Territorien mit ihren Qualitäten (politisch, soziostrukturell, ökono-
misch, physisch, symbolisch, netzwerkartig, interaktiv, etc.) auf die Ungleichheitsstrukturen,
was sich wiederum etwa auf die Integrations- resp. Konfliktbereitschaft innerhalb eines
Stadtteils auswirken kann. Orte/Territorien können in diesem Zusammenhang zu einer
umkämpften Identitäts-Ressource werden, wenn individuelle Ängste und Desintegrations-
erfahrungen groß sind (vgl. Bourdieu 1991). Nach Anhut, Heitmeyer (2000b) bekommt
der öffentliche Raum in benachteiligten Quartieren eine stärker identitäts-stablisierende
Funktion von denjenigen sozialen Gruppen zugeschrieben, die eine ungenügende funk-
tional-individuelle Systemintegration (bürgerliche Rechte, Arbeits- und Wohnungsmarkt,
Bildungs-, Gesundheitssystem und soziale Sicherung) erfahren haben – aber auch hierbei
variieren soziale Gruppen und die Qualität öffentlicher Einrichtungen (siehe den Beitrag
von Kronauer in diesem Band). Der Stadtteil ist daher mit seinen Qualitäten eine poten-
zielle Ressource und ein Erfahrungsraum, der durch Außen- und Binnenwahrnehmungen
in starkem Maße mitbestimmt wird (vgl. Madanipour 2005).
8
Eine ähnlich gemeinte Unterscheidung nahm Heitmeyer (1998) durch sein Gegensatzpaar von „strukturell“
(negativ) und „prozessbedingt“ (positiv) vor.
218
den Arbeitsmarkt und die nachlassende wohlfahrtsstaatliche Regulation und b) vor allem
durch die Filtering-Prozesse aufgrund der sozial selektiven Fortzüge aus den ehemals
sozial gemischten Wohngebieten, d. h. die „Freiwilligkeit“ der Wohnstandortwahl der
Fortziehenden trägt zur Zunahme sozial-räumlicher Ausdifferenzierung bei, die sich für
die unteren Schichten als „Falle“ herausstellen kann.
Die Spanne der Einschätzung der sozial-räumlichen Konzentration der nach Einkom-
mens-, Schichtungs- und ethnischen Kategorien Benachteiligten seitens der wissenschaft-
lichen Fachleute reicht
■ von Segregation als direktem Ausdruck gesellschaftlicher Segmentation/Desintegration
(Friedrichs 1985: 80)
■ über die Warnung vor Parallelgesellschaften (Heitmeyer 1998)
■ bis zur Einschätzung, dass solche Politik- und Planungsstrategien, die Segregationen
verhindern, letztlich einem eigen-ethnischen Interesse an Ausgrenzung dienen (Häußer-
mann 1998) (vgl. zur Debatte Dangschat 2004).
Die meisten Politiker/innen und die Vertreter/innen der einschlägigen Fachverwaltungen
der EU-Nationalstaaten und der Kommunen sind jedoch der Meinung, dass das Problem
der Armut vor allem ihre hohe räumliche Konzentration sei – vor diesem Hintergrund ist
eine De-Segregierungspolitik nachvollziehbar, wie sie vermutlich am intensivsten in den
Niederlanden und Großbritannien betrieben wird. Wissenschaftliche Untersuchungen
haben jedoch gezeigt, dass Antworten auf die Frage, ob es negative Nachbarschaftseffekte
gäbe, vor allem davon abhängen, was die entsprechenden Wissenschaftler/innen darunter
verstehen – zumindest sind die strukturellen Nachbarschaftseffekte eher schwach.
Die empirische Forschung zur Wirksamkeit von territorialen settings auf Integra-
tionsprozesse kommt daher zu unterschiedlichen Ergebnissen. Farwick (2001) macht
beispielsweise deutlich, dass die Frage, ob Armutsquartiere – als Orte des sozialen Lernens
– als problematisch oder konfliktreich erfahren werden und welchen Einfluss die räumliche
Konzentration von armen und sozial ausgegrenzten Menschen auf die Möglichkeit zur
Integration in die „Mehrheitsgesellschaft“ habe, weniger von der numerischen Konzent-
ration der als sozial problematisch erachteten sozialen Gruppen abhängig ist, sondern vor
allem von der Einbindung in Vergemeinschaftungs- und Vergesellschaftungsmöglichkeiten,
die der Stadtteil anbietet. Auch Anhut, Heitmeyer (2000b) kommen zu dem Schluss, dass
der relative Ausländeranteil selbst kaum einen Einfluss auf die Integration habe; bedeutsam
ist jedoch, wenn eine der Zuwanderungsgruppe ähnlich groß ist wie oder größer als die
der Autochthonen. Bedeutsamer als Anteile von Ethnien oder Nationalitäten sei hingegen
das politische und soziale Klima vor Ort, das vor allem durch die Art der Inter-Gruppen-
Beziehungen bestimmt wird resp. diese erst ermöglicht (vgl. Anhut, Heitmeyer 2000a).
Also: Nicht das Potenzial zu sozialen Kontakten durch die räumliche Nähe ist relevant,
sondern ob die sozialen Kontakte tatsächlich genutzt werden, die vielfältigen Integrati-
onsbemühungen auch zu unterstützen.
Wie bedeutsam Inter-Gruppen-Beziehungen sind, wird in den Ansätzen zur „Sozialen
Stadt“ deutlich. Denn hier wird sowohl seitens der Wissenschaft darauf hingewiesen, wie
wichtig kontextuelle, ortsgebundene Ressourcen für die individuelle Bewältigung von
219
Armutssituationen und sozialer Ausgrenzung sind, als auch seitens der (lokalen) öffent-
lichen Verwaltung versucht, ressortübergreifend die Mittel und Instrumente einzusetzen,
zu koordinieren und zu optimieren. Dass es bei der „horizontalen“ und „vertikalen“
Politikverflechtung noch massive Probleme gibt, wird seit Jahren bei Evaluationen und
Benchmarking-Verfahren festgestellt (vgl. Parkinson 1998; Aehnelt u. a. 2004; Breitfuss
u. a. 2004).
Atkinson, Kintrea (2004) spitzen die Negativ-Alternativen für sozial Benachteiligte
zu: In den Armutsgebieten lebend, fehlen ihnen häufig privatwirtschaftlich oder öffent-
lich bereitgestellte Infrastrukturen, die zudem häufig unterdimensioniert, in schlechtem
Zustand und/oder personell überfordert sind; aber sie sind meist in lokale, funktionierende
Netzwerke eingebunden, welche den Zugang zu informeller Beschäftigung, zu sozialen
Kontakten, zu preiswerten Produkten, zu billigen Unterkunftsmöglichkeiten etc. möglich
machen, also als soziales Kapital auch ökonomisch wirksam gemacht werden können
(‚coping‘) (siehe auch den Beitrag von Kronauer in diesem Band).
Leben die sozial Benachteiligten hingegen in Mittelschichtgebieten, dann ist die
infrastrukturelle Versorgung deutlich besser, jedoch die Einbindungen in die lokal veran-
kerten Netzwerke sind eher lose und partikular. Wenn nun in diesen Gebieten die Zugänge
zu den Infrastrukturen stärker in die Verantwortung der Zivilgesellschaft gelegt werden
(beispielsweise durch ein notwendiger werdendes höheres Engagement der Eltern in
Schulen, in Nachbarschafts- und Selbsthilfe oder durch die Privatisierung des Postservices),
dann wirken die kaum ausreichenden Einbindungen in die freiwilligen sozialen Netzwerke
eher ausgrenzend (vgl. auch Häußermann, Siebel 2002).
Die „neuen Armutskonstellationen“ sind also im wissenschaftlichen Diskurs in ihrer
integrationshemmenden Wirkung umstritten. Skepsis sollte vor allem darin bestehen, ob
es mit den kommunalen Steuerungsmöglichkeiten gelingt, die „Problem-Haushalte“ im
Stadtgebiet so umzuverteilen, dass daraus überwiegend Vorteile entstehen. Die zweite
Frage bleibt, ob man es sollte. Sicherlich ist es sinnvoll, mit den bestehenden sozial-räum-
lichen Konstellationen umzugehen und den sozialen Gruppen die Integrationschancen auf
gesamtstädtischer Ebene zu verbessern – dazu bedarf es jedoch breiterer Konstellationen
in Politik und Verwaltung als bisher.
Ein neues Element brachte Siebel (1997b) mit dem Begriff der „binnenintegrativen
Segregation“ in die Diskussion ein. Diese Sichtweise öffnet den Blick auf das Verhältnis
aus der Möglichkeit des (zeitweisen?) Auseinander-Rückens und des Sich-aus-dem-Weg-
Gehens, ohne dass ein Zerfall der Stadtgesellschaft die Folge wäre. Die entscheidende
Frage ist damit aber ebenfalls angesprochen: Wer sorgt mit welchen Möglichkeiten für
den Zusammenhalt einer sich vielfältig ausdifferenzierenden Gesellschaft – d. h. es ist
damit die Rolle der (Stadt-)Planung angesprochen (siehe unter Abschnitte 9 bis 12). Es ist
bei Häußermann und Siebel auch nicht mehr von „Polarisierung der großen Städte“ die
Rede (vgl. Häußermann, Siebel 1987: 44–90), sondern von der „Kultur der Differenz und
Indifferenz“ (Häußermann 1995: 94).
Inwieweit sich eine Konzentration der neuen Lebensstil- und Milieugruppen positiv
auswirkt, ist bislang erst ansatzweise untersucht worden (vgl. Blasius, Dangschat 1994;
Dangschat 1994). Um die neuen Zeitmuster (Tages-, Wochen- und Monatszeiten) „leben“
220
7 Was gesteuert werden sollte – die Frage der funktionalen und sozialen
Mischung
Damit ist die normative Frage des Anlasses, des Zeitpunktes, der Richtung, der Art und
der Intensität möglicher planerischer Eingriffe angesprochen – Bezüge, die im „Konsens
der Fachleute“ über einen langen Zeitraum als eindeutig erschienen. Heute ist das „wie“,
„wohin“ und „womit“ von Stadt- und Regionalplanung zumindest umstritten. Das Spektrum
reicht dabei von der existenziellen Frage danach, ob eine Stadt- und Regionalplanung
überhaupt noch gebraucht werde, bis hin zu einem Diskurs darüber, welche Art von
Planung für welche Aufgabenstellung als angemessen erscheint.
Drei Elemente scheinen sich im reflektierten Fachdiskurs mittlerweile durchgesetzt zu
haben:
■ die Entscheidungen der Vergangenheit, Bezug nehmend auf die (Magna) Charta von
Athen, funktionsgetrennte städtische Teil-Realitäten zu bauen, sollten endgültig als Fehler
erkannt sein – ob dieses nun allein mit zu hohem Verkehrsaufkommen, mit volkswirt-
schaftlichen resp. kommunalen Kosten, mit hohen Belastungen der Umwelt, mit der
Forderung nach nachhaltiger Entwicklung, mit der putzig-kleinstädtischen Ideologie des
‚new urbanism‘, des ‚smart growth‘ oder den Leitbildern der „Stadt der kurzen Wege“
resp. der „dezentralen Zentralisierung“ begründet wird.
9
Die Pioniere der Gentrifikation wurden lange lediglich in ihrer normativen Verfasstheit als unkonventionell,
non-konform, risikofreudig und „moderat abweichend“ beschrieben, nicht aber in ihrer ökonomischen und sozial
innovativen Kraft. Dieser Perspektivenwechsel ist Folge der „neuen Aufmerksamkeit“ für die Kreativpotenziale
einer wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft (vgl. Schur 2002; Dangschat 2006; Läpple 2005; siehe auch
den Beitrag von Läpple, Walter in diesem Band).
221
■ Mit baulichen Mitteln (Städtebau und Architektur) kann weder die Gesellschaft „repa-
riert“, noch der Kontext für eine „bessere Gesellschaft“ erschaffen werden. Schlechte
Architektur sowie schlechter Städte- und Landschaftsbau können aber gesellschaft-
liche Entwicklungen verhindern resp. Desintegration unterstützen, während „gute
bauliche Lösungen“ lediglich eine gute Voraussetzung dafür sind, von der Gesellschaft
angenommen und in integrativem Sinne genutzt zu werden. Hochhäuser und Beton
machen also ebenso wenig krank oder kriminell, wie guter Städtebau die Gesellschaft
zusammenbringt.
■ Stadtplanung und Kommunalpolitik können daher nicht verhindern, dass sich Gesell-
schaften entsprechend ihrer Ungleichheiten und gruppenspezifischen Konstruktionen
über wahrgenommene Ungleichheiten ungleich im (städtischen) Raum verteilen – sei
es bei der Wahl des Wohnstandortes, des Ortes der Freizeitgestaltung oder des Auf-
enthalts im öffentlichen Raum. Trotz gegenteiliger Auffassung wird das Auseinander-
driften der Gesellschaft stadtplanerisch resp. durch Wohnungsbelegungspolitik noch
unterstützt.
Wenn diese drei Positionen befürwortet werden, sollte das Schwergewicht der Stadt-
planung darin liegen, in fachlichem und finanziellem Austausch mit anderen Ressorts
dafür zu sorgen, dass die bestehenden sozial-räumlichen Strukturen nicht „gefährlich“
oder „gefährdend“ werden. Das betrifft im ersten Schritt das „Kerngeschäft“ der Stadt-
planung: Auf die funktionale und materielle Qualität der baulichen und infrastrukturellen
Ausstattungen sollte geachtet werden (‚hardware‘). Zusätzlich sollten im Rahmen neuer
Steuerungsmöglichkeiten (horizontale Vernetzung, vertikale Vernetzung, Partizipation
der Bewohner/innen, Einbeziehen der (lokalen) Ökonomie) zusätzliche Akteure/Akteu-
rinnen in die Verantwortung der Gestaltung von Mikro-Standorten eingebunden werden
(‚corporate local responsibility‘). Schließlich sollten in Kooperation mit Sozialarbeit im
weitesten Sinne und Künstler/innen Anregungen zur Nutzung der städtischen Räume
gegeben werden, um eine gesellschaftliche Kohäsion unterschiedlicher Lebensstil-Gruppen
zu unterstützen (‚software‘). Stadtplanung verschiebt sich damit zusehends von einem
Ingenieurfach (als das es überwiegend noch gelehrt wird und zumeist auch institutionell
verankert ist!) zu einer Disziplin, die über die traditionell verpflichtende Abwägung der
Interessen hinaus den Ausgleich von Interessen um eine möglichst vielfältige Nutzung von
Orten moderiert (‚enabling‘).
Diese Integration unterschiedlicher sozialer Strukturen und Interessen vor Ort wird
jedoch durch die gegenwärtige Stadtentwicklung unterlaufen, die im starken Maße von
Developern und Investoren bestimmt wird. Denn wurde früher nach Funktionen getrennt
sowie nach sozialen Gruppen eher integrierend geplant und gebaut, so werden heute zwar
verstärkt wieder nutzungsgemischte städtebauliche und funktionale Strukturen hergestellt,
sie sind jedoch zumeist an der engen sozioökonomischen und/oder soziokulturellen
Bandbreite der ökonomisch erfolgreichen „neuen Dienstleistenden“ ausgerichtet.
222
10
Hier sollte man – analog zur Gentrifizierung – zwei Typen von Stadtteilen unterscheiden: einerseits „jünger
gewordene bürgerliche Stadtteile“ (wie Schwabing in München oder Harvestehude und Eppendorf in Hamburg)
und andererseits „aufgewertete ehemalige Arbeiterquartiere“ (Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Scheunenviertel in
Berlin, Kölner Südstadt, Frankfurter Nordend oder Sachsenhausen, Westliche Innere Stadt in Hamburg etc.).
223
deren Flexibilisierung den ARL-Band von Henckel, Eberling 2002), in den Alltagsroutinen
und in den über Generationen eingeübten Formen des Lebens in Partnerschaften, Familien
und Freundeskreisen.
Die Hoffnung für eine Renaissance der (Innen-)Städte durch die „neuen Kreativen“ (vgl.
Läpple 2005a) beruht somit auf drei wichtigen Elementen, die für das neue Regulations-
regime des städtischen Post-Fordismus unabdingbar scheinen:
a) in flexiblen Formen der Arbeitszeit mit Akteuren mit hoher Selbstständigen-Mentalität
und einem hohen Anteil an wissensbasierten Jobs,
b) in neuen Formen der Vergemeinschaftung in Freundeskreisen, Übernahme zivilgesell-
schaftlicher Aufgaben und neuen Formen von Partnerschaften mit der Folge neuer
sozialer Milieus und Lebensstile und
c) in neuen Formen flexibler städtischer Governance, welche einerseits die vertikale und
horizontale Integration verstärken, breitere Kreise in kommunalpolitische Entschei-
dungen einbinden, aber eben auch mit einer Stadt- und Regionalplanung, die ebenfalls
in der Lage ist, ihre Instrumente und Planungsprozesse angemessen zu flexibilisieren
(strategische Orientierung, Masterplan-Skizzen statt bunter Pläne mit Gesetzescharakter,
mehrfarbig angelegter Flächen in Nutzungsplänen, Diskurs statt Top-down-Entschei-
dungen, Einbinden der lokalen Ökonomie in die Verantwortung für den Mikro-Standort
etc.) (s. u. Abschnitt 12).
Zu einer Renaissance für die Innenstädte können die Kreativ-Milieus jedoch nur dann
beitragen, wenn sie entsprechende Arbeitsorte vorfinden (zu Lofts umgebaute Fabriken
und Lagerhallen, Hinterhöfe, Dachgeschosse, leer stehende Ladenlokale oder ‚start-up-
buildings‘), wenn die umliegenden Dienstleistenden entsprechende Öffnungszeiten und
Angebote haben (Frühstück bis 16 Uhr, warmes Essen schon um 5 Uhr und noch um 3
Uhr), wenn die Menschen jenseits der traditionellen Routinen in der Lage sind, den Alltag
flexibel zu gestalten (der hat dann nicht notwendigerweise mehr nur 24 Stunden und ein
Dienstag muss sich nicht mehr vom Sonntag unterscheiden, Schlafengehen kann um 6
Uhr sein etc.) und wenn die unterschiedlichen Gruppen in „Parallelgesellschaften mit
sinnvollen Überschneidungen“ zu leben gelernt haben.
Unter diesen Bedingungen heißt Renaissance: Es vernetzt sich eine neue Dienstleistungs-
ökonomie unterschiedlichster Sparten auf engstem Raum in flexiblen, auch von Zufälligkei-
ten lebenden Netzwerken, welche den Standort wieder in Wert setzen und kulturell neu
positionieren, die bestehenden Infrastrukturen besser auslasten resp. erweitern und den
Raum für neue Lebensstile und soziale Milieus öffnen. Die vielfältigen Angebote aus
Erwerbsarbeits-, Reproduktions- und Freizeit sind eine gute Voraussetzung dafür, das
Eigen-Bild zusammenzubasteln, temporär flexibel zu halten und expressiv nach außen
zu zeigen („Lebensstilisierung“) – ganz so wie die Theoretiker der Individualisierungsthe-
sen die neue Herausforderung benennen. Offen bleibt der „planerische Rahmen“, denn
einerseits verursacht die ökonomische Aufwertung einen Spekulations- und Verdrängungs-
druck (Gentrifikation), andererseits benötigen die Großstädte solche ‚vibrant places‘ um
im Standortwettbewerb zu bestehen, denn diese Orte lassen sich nicht nur touristisch
hervorragend vermarkten, sie sind zudem Anziehungspunkte für weitere „Individualisten“
der Kreativ-Milieus.
224
Aufgrund des fiskalischen und ökonomischen Drucks der Städte werden die ‚creative
capacities‘ dieser ‚creative milieus‘ jedoch häufig zu rasch und zu einseitig ausschließlich
unter dem Blickwinkel der ‚creative industries‘, also der raschen ökonomischen Verwert-
barkeit gesehen. Wie Läpple, Walter in ihrem Beitrag zeigen können, wird am Beispiel
des Schanzenviertels deutlich, dass die „kreativen Milieus“ neben dem Beitrag für die
lokale Ökonomie zudem einen hohen Beitrag dafür leisten können, dass im Quartier
Verantwortung für die Entwicklung der Nachbarschaft übernommen wird und dass trotz
unterschiedlicher ökonomischer Positionen und politischer Weltanschauungen Parallel-
gesellschaften entstehen können, die einander brauchen – auch wenn es nur darum geht,
sich vor einer abgeschabten Kulisse der Arbeiter/innenkultur, den Graffiti als Zeichen
einer Hip-Hop-Kultur resp. in einem modisch-architektonisch gestylten Fabrik-Milieu als
‚creative milieus‘ zu inszenieren.
‚Creative Industries‘ bilden nur dann Orte aus, wenn es räumlich daneben und temporär
sich überlagernd andere Formen der Kreativität gibt, die nicht mit der oder gegen die Logik
des kapitalistischen Marktes arbeiten, wo die Lust am Augenblick mehr Wert verspricht
als die Diskussion mit dem Anlagen- oder der Steuerberater/in. ‚Creative Industries‘, die
ihrerseits als Innovations-Pool für den Mainstream arbeiten, sind auf frische Ideen und
lustvolle Inszenierungen nicht nur im Sinne unmittelbarer ökonomischer Verwertbarkeit
angewiesen, sondern auch auf die Erfindungen im Umgang mit Fairness beim Schaffen
kollektiver Güter, das gemeinsame Erleben kreativer Momente und die Brainstorms durch
„Spinnereien“.
11
Beim Begriff „Integration“ soll an dieser Stelle nicht eindeutig zwischen multikultureller Eigenständigkeit
(‚urban mosaic‘) und Assimilation (‚melting pot‘) unterschieden werden; vielmehr ist hier der Umgang mit „den
Anderen“ in städtischen sozial-räumlichen Milieus (im Treppenhaus, im Wohnumfeld, im öffentlichen Raum
etc.) gemeint.
225
einer souveränen Nutzung der Vielfalt des städtischen Raumes (vgl. Häußermann 1995)
– auch dieses kann sich dahingehend auswirken, dass die Stadtteile sich in Konkurrenz
um die Einzigartigkeit sozioökonomisch und soziokulturell auseinander entwickeln (wie
unter dem Stichwort der Gentrifikation hinreichend beschrieben).
An dieser Stelle sei zudem auf einen meist blinden Fleck der Segregations-Debatte
hingewiesen, denn der Druck, mit möglichst vielen, möglichst unterschiedlichen Men-
schen im Alltag gut auskommen zu sollen, lastet vor allem auf den Menschen, die untere
sozioökonomische Ränge innehaben: Die Arbeit der Integration der Zugewanderten wird
„vor Ort“ geleistet und die Hilfen von außen gehen zunehmend von einem zivilgesell-
schaftlichen Engagement auch von den sozialen Gruppen aus, die wenig Zeit, Geld und
Selbstvertrauen haben, sich nicht gut in der Sprache des Aufnahmelandes ausdrücken
können und womöglich ganz andere Formen des Interessenausgleichs eingeübt haben,
als an Runden Tischen zu sitzen und Arbeitsgruppen zu bilden.
Die Mittel- und erst recht die Oberschichten entziehen sich aufgrund der Freiheitsgrade
ihrer Wohnstandortwahl dieser täglichen zivilgesellschaftlichen Aufgabe zur gesellschaft-
lichen Integration. Auf der anderen Seite setzen sie jedoch die Standards einer „gelungenen
Integration“ (vgl. Dangschat 1999b). Die Konzentration von den sozialen Gruppen, die
im Verdacht stehen, auffällig zu sein – und nur über diese wird die Sorge mangelnder
Integrationsmöglichkeiten verbreitet – steht dann im Mittelpunkt der Bekämpfung künftiger
Entwicklung resp. der innovativen Programmatik des ‚empowerments‘.
Wurde bis hierher der Stand der Humangeografie, Stadt- und Regionalsoziologie sowie
der Ungleichheitsforschung in seinen Erkenntnissen und Forschungsdefiziten dargestellt, so
sollen in den folgenden Punkten die Möglichkeiten zur Beeinflussung der Zusammenhänge
zwischen sozialen Lagen, Lebensstilen und Siedlungsformen thematisiert werden.
226
der Menschen selbst gegenüber „Anderen“ zu groß sind.12 Gerade die Mittelschichten
haben sich rasch aus den Großsiedlungen verabschiedet, was dort zu einer Abwärtsspirale
geführt hat, und auch in den behutsam erneuerten innenstadtnahen Wohnquartieren ist
die Modernisierung oft zum Startsignal einer Gentrifizierung geworden.
Neben einem sozialen Mix ist vor allem auch auf einen funktionalen Mix zu achten,
denn der Prozess des sozialen Herabfilterns wird nicht nur durch die Vorbehalte gegenüber
den Nachbarn, sondern auch durch das Fehlen von Arbeitsplätzen, haushaltsbezogenen
Dienstleistungen und kulturellen Einrichtungen beschleunigt (siehe den Beitrag von Läpple,
Walter in diesem Band).
Da man bei einem Zusammenleben unterschiedlicher sozialer Gruppen mit sehr
unterschiedlichen Reaktionen rechnen muss,13 ist bei der Frage nach der „geeigneten“
sozialen Mischung auch der Maßstab relevant. Soll das „ideale Mischungsverhältnis“ auf
der Ebene eines Hauses, eines Blockes, eines Viertels gesucht und gefunden werden? Mit
diesen Fragen war die Sozialwissenschaft bereits in den 1970er-Jahren konfrontiert worden
(wie viele Haushalte mit Zuwanderern pro Treppenhaus?) und sollte sie auch jetzt nicht
mit „Eindeutigkeiten“ im Sinne der ‚Tipping Theorie‘ beantworten.
Da sich in der Stadtsoziologie mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt haben dürfte,
dass Anteilswerte einer sozialen Gruppe k(aum)einen Hinweis auf das Ge- resp. Misslingen
einer gesellschaftlichen Integration liefern (als frühes Beispiel vgl. Alpheis 1990; vgl. aktu-
eller Heitmeyer, Anhut 2000b), sollte die „ideale Mischung“ grundsätzlich vor Ort ermittelt
und „gefunden“ werden. Die „Lösung“ wird jedoch allenfalls ein Fließgleichgewicht der
jeweiligen Interessen sein, die sich aufgrund einer veränderten Zusammensetzung der
Wohnbevölkerung und/oder von Entwicklungen exogener Größen (Arbeitsmarkt, staatli-
che/kommunale Inter vention, Wohlstandsentwicklung, sozioökonomische Polarisierung
etc.) immer wieder vor Ort neu ergeben. Auf der gesamtstädtischen Ebene sollten unter-
schiedliche „Körnungen“ sozialer Mischung möglich sein, um ganz unterschiedlichen
Bedürfnissen nach „Abstand“ und sozialer Schließung entgegenkommen zu können.
Wenn sich die Schere der Einkommen und Vermögen öffnet und der Arbeitsmarkt für
sozial benachteiligte Gruppen allenfalls für prekäre Jobs offen ist, dann wird sich das in
Großstädten immer wieder in Armutsgebieten zeigen – und diese sind immer wieder die
gleichen, auch wenn sie über Jahre hinweg thermo-saniert, begrünt, verkehrsberuhigt und
12
Inwieweit sich die kommunale Strategie in der Tübinger Südstadt, als Developer aufzutreten, mit den
Planwertgewinnen Zwischennutzungen zu finanzieren resp. Darlehen zu ermöglichen und die Grundstücke
nur an Endnutzer weiterzugeben, als integrationsfördernd auswirken wird, wird die Zeit zeigen müssen – hier
wurde dem Ansatz der sozialen Mischung jedenfalls konsequent gefolgt (vgl. Feldtkeller 2001).
13
Die Kontakthypothese – sie besagt, dass Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund die
gegenseitigen Vorurteile dann am schnellsten abbauen, wenn sie einen intensiven (positiven) sozialen Kontakt
haben –, auf die die Befürworter des ‚social mix‘ setzen, funktioniert bei sozial benachteiligten Gruppen eher
schlecht, während sie bei den bildungsbürgerlichen Mittelschichten – die diese Standards zwar setzen, aber
nicht leben wollen und müssen – deutlich besser funktioniert. Ein Grund hierfür ist sicherlich auch, dass in der
Regel diese sozialen Kontakte zwischen der bildungsbürgerlichen Mittelschicht und den Zugewanderten die
Ausnahme sind, weil man selten nebeneinander wohnt oder miteinander arbeitet. Bei schwer zu ertragender
Nähe zu „Anderen“ schlägt die soziale Beziehung leicht in einen Konflikt um, was dann den Integrationsbemü-
hungen zuwider läuft. (Vgl. Dangschat 1998; Häußermann, Siebel 2002; Siebel 2005.)
227
14
Ähnliches ist beispielsweise aus Jugendzentren, von Spiel- und Sportplätzen bekannt, wo nach Geschlecht,
Ethnie, Alter und Milieu unterschiedliche Jugendgruppen um ihren Raum (der Anerkennung) kämpfen, ihn
besetzen, verteidigen und „markieren“ (vgl. Deinet 2002; Deinet, Krisch 2002).
228
229
die als (zu) gering eingeschätzten eigenen Spielräume oder persönliche Erfahrungen mit
zumindest in Teilen ergebnisoffenen Verfahren.
Umgekehrt werden Partizipationsprozesse von Kommunalpolitiker/innen und Planer/
innen häufig erst dann in Entscheidungsfindungsprozessen eingesetzt, wenn wesentliche
„Eckpunkte“ verwaltungsintern oder gegenüber Investoren bereits mühsam ausgehandelt
wurden. Hat ein verwaltungsinterner oder parteiübergreifender Abstimmungsprozess
erst einmal stattgefunden, ist es eher unwahrscheinlich, dass dieser aufgrund von Ideen,
Vorschlägen oder Kritikpunkten von Laien noch einmal hinterfragt wird. Solche „Beteili-
gungsprozesse“ sollen formal bereits bestehende Entscheidungen lediglich „legitimieren“,
unterstützen damit jedoch eher eine Politik(er/innen)- und Verwaltungs-Verdrossenheit.
Häufig fühlen sich insbesondere Kommunalpolitiker/innen auf der untersten Ebene in
ihren Entscheidungsbefugnissen herausgefordert und bedroht, weil sie den Eindruck haben,
ohnehin nur wenig entscheiden zu können. Das Subsidiaritätsprinzip sowie Prozesse
der Verwaltungsmodernisierung sollten es jedoch mit sich bringen, dass Entscheidungs-
befugnisse und auch die Mittel hierfür innerhalb der Verwaltungsstrukturen nach unten
delegiert werden. Wenn das nicht geschieht, wird die Offenheit für Partizipationsverfahren
behindert, denn nur wer weitere Spielräume in seinem Zuständigkeitsbereich erhält, wird
in der Lage sein, daraus etwas nach unten (innerhalb der Verwaltung) oder nach außen in
Partizipationsprozesse zu delegieren. In dieser unklaren Situation wird es zudem häufig
verabsäumt oder übergangen, die „Spielregeln“ der Partizipationsverfahren eindeutig
festzulegen. (Was ist das Ziel? Welche Entscheidungsspielräume gibt es? Was sollte nicht
mehr hinterfragt werden?) Die Rahmenbedingungen klar zu kommunizieren gehört jedoch
zu den wichtigsten Voraussetzungen einer gelungenen Partizipation.
Der breiten Forderung, dass man auch diejenigen stärker berücksichtigen solle, die
üblicherweise in Beteiligungsverfahren unterrepräsentiert sind (Kinder, Jugendliche, ältere
Menschen, Menschen mit Zuwanderungshintergrund, resp. Geschlecht – in Abhängigkeit
von den Themenstellungen), stehen jedoch in der Regel eher unzureichende Bemühungen
der Verwaltungen entgegen, für eine stärkere Ausgewogenheit zu sorgen. Es reicht eben
nicht, Hauswurfsendungen in vier bis sechs Sprachen in die Briefkästen zu stecken,
sondern es geht vor allem darum, zu verstehen, dass die verschiedenen Kulturen und
sozialen Milieus auf die gleiche Herausforderung ungleich reagieren – jedenfalls nicht
alle das am Maßstab der deutschen Mittelschicht orientierte Zusammensitzen in Vollver-
sammlungen oder Arbeitsgruppen als die geeignete Form der Problemlösung ansehen.
Schließlich ist zu berücksichtigen, dass es – solange es ein Recht, aber keine Pflicht auf
Beteiligung gibt – Menschen gibt, die schlichtweg an dem Thema zu wenig interessiert
sind, als dass sie dafür ihre Freizeit aufwenden wollen, oder die negative Erfahrungen
gemacht haben. Ähnlich ist die Situation bei politischen Wahlen, bei denen mehr als ein
Drittel das Wahlrecht nicht wahrnimmt und in manchen Quartieren zudem ein Großteil
der Bevölkerung nicht wahlberechtigt, gleichwohl aber von kommunalpolitischen Ent-
scheidungen tangiert ist.
Ein weiterer Hinderungsgrund, Partizipationsverfahren in einer „neuen Planungskultur“
einzusetzen, ist die Überfrachtung und Überforderung dieser Maßnahmen. Wenn sich eine
Kommune zu einem Partizipationsverfahren durchringt, verlangt sie als Auftraggeberin
230
häufig zu viel in zu kurzer Zeit, was das gesamte Vorgehen leicht überfordern kann und
sich kontraproduktiv auswirkt. Die Auftragnehmer/innen tragen oft zu dieser Überfrach-
tung bei, weil dieser Markt hart umkämpft ist und sie vielfach den Ehrgeiz haben, ‚alle
Register‘ ziehen zu wollen. Überfordert sind Partizipationsveranstaltungen häufig in ihrer
Erwartung an das Ergebnis, die meist inhaltlich hochgesteckt wird und innerhalb eines (zu)
kurzen Zeitraumes erreicht werden soll.
Mit einer angemessen eingesetzten Partizipation (Umfang und Intensität der Ein-
flussnahme von außen) ist man jedoch sicherlich in der Lage, kommunalpolitische und
planerische Entscheidungen im Sinne eines verbreiterten Demokratieverständnisses zu
unterstützen und ist – bei entsprechender Breite der Beteiligung – zudem in der Lage,
einen Beitrag zur Integration einer Stadtgesellschaft zu leisten.
15
Auch dass letztlich im Zuge der Verwaltungsmodernisierung die ressort- und ebenenübergreifende Zusam-
menarbeit der Verwaltungseinheiten als eine Form der Ausweitung von partizipativen Ansätzen gesehen werden
kann, wird häufig ebenfalls übersehen, gleichwohl wird an dieser Stelle hierauf nicht näher eingegangen (vgl.
hingegen Bogomil 2002; Dangschat 2007a).
16
Die allgemeine Feststellung, dass zumal unter dem Vorzeichen einer um sich greifenden Globalisierung
„die Wirtschaft“ allgemeinen Zwängen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit mit entsprechenden Folgen
für die Standortbindung ausgesetzt sei, entbehrt jeder empirischen Basis; sie beschränkt sich vor allem auf
Großbetriebe, nur in Ausnahmefällen bezieht sich dies auch auf die KMUs. Wie Läpple (2000) zeigen konnte,
sind etwa 17 Prozent aller Beschäftigten einer städtischen Ökonomie eher standortgebunden.
17
Eine Vorreiterrolle haben in Deutschland sicherlich die Initiativen im Rahmen des „startsocial“-Programmes
bewirkt; vgl. [Link]
231
14 Zusammenfassung
Über soziale Milieus und Lebensstile zu diskutieren hat Konjunktur. Das liegt zum einen an
dem offensichtlich ‚wahren Kern‘, denn die traditionellen sozioökonomischen Merkmale
sozialer Ungleichheit und die in den amtlichen Statistiken ausschließlich vertretenen Merk-
male der soziodemografischen Strukturierung haben einen großen Teil ihrer Erklärungs-
kraft für binnengesellschaftliche Unterschiede der Einstellungen und Verhaltensweisen
eingebüßt. Soziale Milieus beschreiben hingegen Wertegemeinschaften, die, auch wenn
sie sich soziostrukturell vielseitig zusammensetzen, nicht völlig unabhängig von sozialen
und demografischen Kontexten bestehen. Mit den Lebensstilen geht man hingegen auf die
Erscheinungsform von Moden, komplexen Handlungsbündeln und Verhaltensmustern ein.
Dass diese Kategorien „neuer sozialer Ungleichheiten“ neben Einkommen, Bildung und
Haushaltsgröße zunehmend zu Bestimmungsfaktoren der Wohnstandortwahl geworden
sind, ist vorerst eine plausible Vermutung, denn bislang wurden solche soziokulturellen
Segregations- und Konzentrationsmuster noch nicht nachgewiesen. Hier sollten kommu-
nale Verwaltungen ihren Informationsbedarf überprüfen – erste Ansätze sind für einige
deutsche Städte in der Zusammenarbeit mit dem vhw zu sehen.
Ein weiterer Grund für die Konjunktur von Milieu- und Lebensstil-Ansätzen liegt in der
„Ökonomie der Aufmerksamkeit“, die auch die Wissenschaft bestimmt, d. h. nachdem
die Konsum- und Wahlforschung diese Kategorien entdeckt und Hradil (1987) sie in
seiner Habilitation wissenschaftlich „geadelt“ hatte, gilt es als Standard, diese Begriffe zu
verwenden. Die Angebote für Milieu- und Lebensstil-Systeme seitens der Wissenschaft
sind methodisch bedingt sehr vielfältig und tragen daher häufig zur Verunsicherung resp.
zur Beliebigkeit der begrifflichen Verwendung bei (vgl. Blasius 1994). Da die theoretische
Fundierung vorerst noch vage ist (Ausnahmen bilden Bourdieu und die Hannoveraner
Forschungsgruppe agis) oder häufig auf Theorie ganz verzichtet wird, indem ein faktori-
18
Ein erstes BID-Modell in Deutschland wurde im Frühjahr 2005 in Hamburg-Bergedorf eingeführt, nachdem
das Bundesland Hamburg als erstes die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen hatte.
232
alanalytischer Ansatz gewählt wird,19 ist hier noch eine Menge sozialwissenschaftlicher
Ungleichheitsforschung notwendig.
Darüber hinaus sollte die Ungleichheitsforschung der Verteilung sozialer Gruppen im
Raum eine stärkere Aufmerksamkeit widmen, denn die Muster der Wohnstandorte in
großstädtischen Agglomerationen sind mehr als nur die Spiegelung der unterschiedlichen
Ressourcen und Constraints sowie der unterschiedlichen Machtstrukturen innerhalb
der Gesellschaft – also nicht nur Indikator, wie es die klassische Chicagoer Schule der
Humanökologie ansah (vgl. Bourdieu 1991; Dangschat 1996). Benachteiligende Wohn-
und Wohnumfeldsituationen sind nicht nur Ausdruck der sozialen Lage, sondern sie
verschärfen die Ungleichheitsstrukturen zusätzlich (darauf haben Alisch, Dangschat 1983,
1998 ebenso wie Häußermann, Siebel 2002 hingewiesen).
Bei der (modischen) Befassung mit kulturellen Mustern (soziale Milieus) und den Erschei-
nungsformen sozialer Ungleichheit (Lebensstile) darf in Gesellschaftsanalysen jedoch
nicht übersehen werden, dass auch die traditionellen sozioökonomischen Unterschiede
innerhalb moderner Gesellschaften wieder zunehmen. Auch wenn sie neue Formen
annehmen, sollten sich Sozialwissenschaftler/innen nicht dazu verleiten lassen, dies alles
als „individuell bestimmt“ anzusehen.
Diese akademischen Diskussionsfelder berühren vorerst die der Kommunalpoliti-
ker/innen sowie der Stadt- und Regionalplaner/innen nur am Rande. Das Problem der
Berufsgruppen, welche wesentlich die Rahmenbedingungen der Siedlungsformen setzen
und damit die Möglichkeiten von (Stadt-)Gesellschaften beeinflussen, sich im Raum zu
organisieren, ist ein noch grundlegenderes, denn die amtlichen Statistiken, auf die sie
üblicherweise zurückgreifen, geben keinen Hinweis auf die aktuellen soziokulturellen
Ausdifferenzierungen und kaum einen auf die neuerlichen Zunahmen sozioökonomischer
Ungleichheit. Das Denken und Handeln in den traditionellen Kategorien von Sozialpolitik
oder Förderschienen (Kinder, Jugendliche, ältere Menschen, junge Familien, Zuwanderer/
innen etc.) verstellt den Blick darauf, welch dichter Nebel sich um die aktuellen Tendenzen
gesellschaftlicher Aus-, Um- und Neu-Strukturierung gelegt hat.
Vor diesem Hintergrund gibt es jedoch Eindeutigkeiten im normativen Feld der Bewer-
tung der räumlichen Konzentration von solchen Personengruppen, die als „problematisch“
angesehen werden und deren Konzentration an wenigen Orten Sorge bereitet (zusätzliche
Benachteiligung?). Aber auch hier kann die Sozialwissenschaft gegenwärtig keine ein-
deutigen Antworten oder Empfehlungen an die Praxis liefern, denn die Einschätzung, ob
der sozial-räumliche Kontext bedeutsam ist und wie, ist umstritten. Überspitzt formuliert:
Die unterschiedlichen methodischen und theoretischen Zugangsweisen erzeugen unter
Umständen mehr Varianz als die Umstände selbst. Trotz dieser gewissen Unsicherheit in
diesen unübersichtlichen gesellschaftlichen Situationen erscheint uns der Ansatz, bei dem
die zwischen strukturellen Merkmalen (Sozialstruktur, Wohnbaustruktur, Infrastruktur,
ökonomische Struktur etc.) und möglicherweise abweichenden Verhaltensweisen ver-
19
Diese Einschätzung bedeutet, dass sich die Autoren der Arbeitsgruppe von empirizistischen „Theorien“ eher
distanzieren, die aus statistischen Zusammenhängen beliebiger Merkmalskombinationen gewonnen werden,
auch wenn sich die Faktor- resp. Clusterstrukturen als durchaus stabil erweisen können.
233
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Kurzfassungen/Abstracts
Jens S. Dangschat
Soziale Ungleichheit, gesellschaftlicher Raum und Segregation
Der Autor stellt in seinem Beitrag einen Abriss der aktuellen Positionen in der bundesdeut-
schen Ungleichheitsforschung dar, die keineswegs von einem einheitlichen Bild geprägt
ist. Das Dilemma vergrößert sich vor allem dadurch, dass die Ungleichheitsforschung prak-
tisch ohne einen Raumbezug agiert, wodurch weder die strukturellen Benachteiligungen
durch den Wohnstandort (Infrastruktur, Wohnbaustruktur, soziales Umfeld) berücksichtigt
werden, noch die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Nutzung des Raumes resp. der
Identifikation mit ihm. Umgekehrt wird in der Segregationsforschung die Komplexität
gesellschaftlicher Ausdifferenzierungen vernachlässigt, indem man sich auf die Daten
bezieht, die flächendeckend in der amtlichen Statistik erhältlich sind. Am Ende des Beitrages
wird auf die meist übergangene normative Frage des „idealen Integrationskonzeptes“
eingegangen, was wiederum auf das „ideale Ausmaß“ sozial-räumlicher Ungleichheiten
einen zentralen Einfluss hat.
240
Elisabeth Holzinger
Raum verloren, Räume gewonnen – Veränderungstendenzen der räumlichen
Organisation der Gesellschaft
Die Veränderungen der räumlichen Organisation der Gesellschaft werden oft als Bedeu-
tungsverlust des Raums für Mensch und Gesellschaft, als „Enträumlichung“ interpretiert.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den verschiedenen Deutungen des Mensch-Raum-Ver-
hältnisses. Es wird darauf hingewiesen, dass Bedeutungsverlust und Bedeutungsgewinn
von Räumen nebeneinander bestehen und dass die unterschiedlichen Befunde auf die
– meist unreflektierte – Anwendung unterschiedlicher Raumkonzepte zurückzuführen
sind. Unter Anwendung eines relationalen Raumkonzepts werden die vor sich gehenden
Veränderungen des Mensch-Raum-Verhältnisses als Pluralisierung der Produktions- und
Reproduktionsbedingungen für die Raumschaffung mit einer Tendenz zur „Entgesell-
schaftung des Raums“ beschrieben. Durch die Ausbreitung von für eine Vielzahl von
Lebensvollzügen ungeeigneten Räumen und den Ausschluss von Menschen/sozialen
Gruppen von der Raumbildung und Raumaneignung entstehen neue Formen sozialer
Ungleichheit, die die Raumordnung als Gesellschaftspolitik fordern und vor neue He-
rausforderungen stellen.
241
and reproduction for the creation of space with a tendency towards the social disengage-
ment with space, referred to as Entgesellschaftung. Expansion into spaces unsuitable for a
whole range of social processes and real-life modes coupled with the exclusion of human
beings and social groups from the processes of forming and acquiring space are giving rise
to new forms of social inequality which represent new demands and challenges for spatial
planning as an area of social policy.
Martin Kronauer
Quartiere der Armen: Hilfe gegen soziale Ausgrenzung oder zusätzliche
Benachteiligung?
Der Autor geht der Frage nach, wie die Menschen, welche am Arbeitsmarkt hohen
Risiken ausgesetzt sind, die Bedrohung durch Armut und soziale Ausgrenzung erfahren
und bewältigen und welchen Einfluss dabei die Lebensbedingungen in Stadtteilen mit
überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit und Armut ausüben. Das Ergebnis empirischer
Untersuchungen in zwei Stadtteilen in Hamburg ist, dass die Beziehungen zwischen Aus-
grenzungs- und Armutserfahrungen und dem Quartier sehr viel komplexer sind, als es die
These vom „Quartierstypeneffekt“ (etwa: funktional gemischte Innenstadtquartiere bieten
bessere Möglichkeiten zur Bewältigung der Situation von Armut und sozialer Ausgren-
zung als monofunktionale Großwohnsiedlungen) erwarten lässt. In dem Beitrag wird
deutlich, dass unterschiedliche Quartierstypen für unterschiedliche Armutspopulationen
bezogen auf ihre Lebensbedingungen unterstützend oder benachteiligend sein können,
woraus sich dann wieder Konzentrationsprozesse unterschiedlicher Armutspopulationen
erklären lassen.
242
Heiko Geiling
Probleme sozialer Integration, Identität und Machtverhältnisse in einer
Großwohnsiedlung
Die Komplexität sozialer Integrationsprobleme in städtischen Großwohnsiedlungen wird
am Beispiel des am Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ beteiligten Stadtteils Hannover-
Vahrenheide dargestellt. Der Beitrag fasst eine Untersuchung zusammen, die kleinräumige
Sozialstrukturanalysen mit qualitativen Methoden der Befragung und Beobachtung zu
einer neuen Methode der Sozialraumanalyse verbunden hat. Theoretisch und methodisch
wird erläutert, wie über die allgemeinen Befunde städtischer sozialer Segregation hinaus
stadtteiltypische Konfliktlinien identifiziert und dargestellt werden können. Alltagskulturell
praktizierte soziale Distanzen und Nähebeziehungen werden damit ebenso kenntlich
gemacht wie politisch wirksame Ressourcen- und Machtverteilungen im Stadtteil.
243
244
groups” analysed, selection criteria are derived from sociological attempts to characterise
life styles. The central concern of this paper is the question of how the phenomenon of new
societal structures manifests itself in the form of new residential patterns regarding place of
residence in an urban area. With regard to the behaviour of households in choosing where
to live, it is evident that this decision is critically determined not only by the situation on
the housing market and the social status of the household, but also by how it ranks itself
within society in terms of modernity.
Hartmut Häußermann
Segregation – Partizipation – Gentrifikation. Zur Bedeutung von kulturellem
Kapital in der Stadterneuerung
Der Autor analysiert in seinem Beitrag, welche Auswirkungen die Veränderung der
Organisation der Stadterneuerung für die soziale Zusammensetzung und die Partizipa-
tionsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger im Sanierungsprozess hat. Am Beispiel
des Stadtteils Berlin-Prenzlauer Berg wird deutlich gemacht, wie der Wechsel von einem
staatlich zentrierten, fordistischen Stadterneuerungsregime zu einem verhandlungsorien-
tierten, post-fordistischen Stadterneuerungsregime die Position der Mieter im Erneuerungs-
prozess verändert, wobei deren kulturelles und soziales Kapital eher über die erfolgreiche
Durchsetzung ihrer Interessen entscheidet als das ökonomische Kapital. Die Analyse zeigt,
dass das neue Sanierungsregime mehr die Personen als die vorhandene soziale Schicht
schützt und dass es zu einer Verdrängung der unteren sozialen Schichten kommt.
Annette Spellerberg
Lebensstile im sozialräumlichen Kontext: Wohnlagen und Wunschlagen
In dem Beitrag wird das Lebensstilkonzept für die Untersuchung sozialräumlicher Phä-
nomene herangezogen. Es wird empirisch geprüft, ob Lebensstile auch unabhängig von
klassischen Ungleichheitskriterien die Wahl des Wohnstandorts erklären können und ob
245
Life styles in the context of social space: actual and preferred locations for
living
This paper draws on the concept of life styles in order to investigate social-space phenomena.
It examines whether life styles, independently of classical inequality criteria, are capable
of explaining the choice of where to live, and whether any lifestyle-specific requirements
are identifiable. The database is provided by a representative poll carried out in western
Germany with over 2,000 respondents. Results are presented on urban-rural distribution and
on inner-city residential locations for six selected life-style groups (high-culture type; modern
self-realisational type; pragmatic, quality-conscious type; entertainment and experience type;
traditionally integrated type; and passive, reclusive type). Even though there are differences
in the distribution of these life-style types over the location types, clear locational patterns
are not evident for every life-style group (e.g. pragmatic type). In multi-variant models, sum-
marising this representative and thus supra-locally relevant study, it becomes apparent that
the nature of the household or family unit is just as powerful an indicator for the choice of
place of residence as income or professional prestige.
246
„contrat de villes“ in Frankreich). Schließlich wird das Potenzial der Standorte der „neuen
sozialen Milieus“, der Kreativ-Netzwerke vor allem vor dem Hintergrund analysiert, wie
sie die Möglichkeit dafür verbessern, in den Stadtvierteln die lokale Zivilgesellschaft zu
stärken.
247
230
Die Zusammenhänge zwischen Lebensstilen, sozialen Lagen und Siedlungsstrukturen in Stadtregionen
sind bisher kaum interdisziplinär untersucht worden. Die Mitglieder des Arbeitskreises verfolgten
daher das Ziel, einen Beitrag zum Abbau dieses Forschungsdefizits zu leisten. Auf empirischer wie
theoretischer Ebene untersuchten sie die Wechselwirkungen zwischen konkreten Räumen und
Phänomenen der sozialen Ungleichheit. Dabei interessierte vor allem, wie soziale Ungleichheit
bezogen auf sozioökonomische und soziokulturelle Strukturen entsteht und wie sie sich in Lebens-
stilen und sozialen Milieus niederschlägt und weiterentwickelt. Eine zentrale Frage war darauf
gerichtet, inwieweit sich soziale Ungleichheit in Stadtvierteln „spiegelt“ und inwiefern Stadträume
das Verhalten unterschiedlicher sozialer Gruppen prägen.
Darüber hinaus ging es darum, aus den Forschungsergebnissen Anhaltspunkte abzuleiten, wie die
Stadt- und Regionalplanung mit Konzentrationen „neuer“ und „alter“ sozialer Ungleichheit umgehen
sollte. Im Vordergrund stand die Frage, wie soziale Ungleichheiten und deren Verräumlichung zu
bewerten sind, welcher Handlungsbedarf sich daraus für die institutionellen Akteure ergibt und wie
sich planerische Interventionen auf Prozesse der sozialräumlichen Strukturierung auswirken. Lebensstile, soziale Lagen
Interdisciplinary studies into the relationships between life styles, social position and settlement
structures in urban regions have to date been sparse. In this light, members of the working group
und Siedlungsstrukturen
have set out to make a contribution to filling this gap in research. Working on both the empirical
and the theoretical levels, they examined the interactions between actual locations and phenomena
of social inequality. One central subject of interest was just how social inequality arises in respect Jens S. Dangschat, Alexander Hamedinger (Hrsg.)
of socio-economic and socio-cultural structures – and subsequently continues to develop – and
the way in which it is reproduced in life styles and social milieus. One key question concerned the
extent to which social inequality is “reflected” in urban neighbourhoods and to what extent urban
spaces shape the behaviour of different social groups.
A second concern is to make use of the research findings to derive possible strategies to help urban
and regional planning in dealing with concentrations of “new” and “old” social inequality. The
ISBN: 978-3-88838-059-4
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