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Die Vergleiche de Sprachwisse Schaft

linguistics

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DIE VERGLEICHENDE SPRACHWISSENSCHAFT

Weltweit gibt es insgesamt etwa 6000 verschiedene Sprachen. Diese Zahl kann nicht
genauer bestimmt werden, einerseits weil es Gebiete gibt, die sprachwissenschaftlich sehr
schlecht erforscht sind, anderseits weil es keine eindeutigen Kriterien gibt, um einzelne
Sprachen voneinander abzugrenzen. Wann eine Sprache als Sprache bezeichnet wird, basiert
sehr oft auf politischen Kriterien. Sprachen lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen:

Das Erkenntnisziel der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft besteht darin,


historische und prähistorische Zusammenhänge zwischen Sprachen aufzuweisen. Von
besonderem Interesse sind genetische (auch “genealogische”) Beziehungen, denn sie gestatten
es, die Sprachen in Sprachfamilien zu gliedern. Insofern nimmt die historisch-vergleichende
Sprachwissenschaft einen (zur Sprachtypologie) alternativen Ansatz zu dem Problem, Ordnung
in die Vielfalt der Sprachen zu bringen. Sie versucht, die Sprachen der Welt auf möglichst
wenige Familien zurückzuführen.

Ein wesentlicher Bestandteil der historisch-vergleichenden Methode ist die


Rekonstruktion von Ursprachen. Eine Ursprache (engl. protolanguage) ist eine Sprache, aus der
sich andere Sprachen entwickelt haben. Z.B. ist (Vulgär-)Lateinisch die Ursprache der
romanischen Sprachen. Die meisten Ursprachen, mit denen Linguisten rechnen, sind
rekonstruiert. Sie sind aber zu unterscheiden von der Ursprache der Menschheit, von der über
Biolinguistik die Rede ist und die nicht mit der historisch-vergleichenden Methode
rekonstruiert werden kann.

Eine Sprachfamilie ist eine Menge von Sprachen, die von einer gemeinsamen Ursprache
abstammen, also genetisch verwandt sind. Darin unterscheiden sie sich von den Sprachen, die
zum selben Sprachtyp gehören. Diese können zwar auch genetisch verwandt sein; aber das ist
nicht das Kriterium ihrer Zugehörigkeit zum selben Typ. Es gibt ungefähr 250 nicht
nachweislich miteinander verwandte Sprachfamilien, inkl. isolierte Sprachen, auf der Welt.

Genetische Verwandtschaft wird normalerweise in Form eines Stammbaums dargestellt,


wie auch in der menschlichen Genealogie. Der Stammbaum ist das Modell der genetischen
Sprachverwandtschaft schlechthin. Allerdings gibt es eine weitere Form der historischen
Verwandtschaft, die Lehnverwandtschaft.

1
SPRACHTYPOLOGIE

Die Sprachtypologie ist ein Forschungsfeld der Linguistik. Es gibt seit langem Versuche,
Weltsprachen zu klassifizieren. Seit dem 14. Jahrhundert wurden verschiedene Klassifikationen
vorgenommen, als insbesondere die Ähnlichkeiten zwischen Sprachen, die zu indogermanische
Sprachfamilie gehören, festgestellt wurden.

Sprachen können nach der Wortstellung im einfachen Aussagesatz in Typen unterteilt


werden, wobei man nur die Position von Subjekt, (finitem) Verb und Objekt berücksichtigt.
SVO- und SOV-Stellung sind mit Abstand am häufigsten anzutreffen; OSV und OVS sind
extrem selten. Das Deutsche gehört mit vielen anderen Sprachen wie Englisch, Finnisch zum
SVO-Typ, obwohl es im Nebensatz eine andere Wortstellung zeigt.

Ein anderes Einteilungsschema geht der Frage nach, mit welchen Mitteln grammatische
Kategorien im Satz ausgedrückt werden, das heisst dass morphologisch-syntaktische
Gesichtspunkte im Vordergrund stehen. Demzufolge unterscheidet man die Sprachtypen
isolierend, agglutinierend, flektierend und polysynthetisch. Das Deutsche gehört zum
flektierenden Typ, denn grammatische Kategorien werden durch Flexionsendungen am Ende
des Wortes oder durch Stammvariation angezeigt. Diese Endungen drücken mehrere
Kategorien gleichzeitig aus. Dadurch entsteht ein grammatisches und inhaltliches Netz von
Beziehungen zwischen den Wörtern. Sprachen, die ähnlich verfahren, sind indoeuropäische
Sprachen z. B. Französisch, Russisch oder Albanisch.

Die in der Welt gesprochenen Sprachen werden im Allgemeinen auf zwei Arten
klassifiziert.

1. in Bezug auf die Form (morphologisch)


2. in Bezug auf die Quelle (den Stamm)(genetisch).

Die Grundmerkmale der zweiten sind die Hauptmerkmale der Sprachen in Bezug auf die
Form, die in dieser Richtung zwischen den Sprachen auftreten.

Die frühesten Versuche der Klassifikation gehört zu den Typologien von August Wilhelm
Schlegel und Wilhelm von Humboldt. Sie teilten die Sprachen aufgrund morphologischer
Kriterien in synthetische und analytische Sprachen ein. Die heutige Klassifikation, die Sprachen
nach Form oder Struktur in Gruppen unterteilt, basiert jedoch auf August Schleicher. August
Schleicher ist einer der bekanntesten deutschen Sprachwissenschaftler. Er gilt als Begründer

2
der “Stammbaumtheorie” in der vergleichenden Sprachforschung und zusammen mit Franz
Bopp als Wegbereiter der Indogermanistik.

Nach Schleicher werden Weltsprachen in der morphologischen Klassifikation in drei


Hauptteile unterteilt:

1. Isolierende Sprachen
2. Zusammenfügende Sprachen
3. Flektierende Sprachen

Dieses Schema, das die Sprache nach ihrer morphologischen Eigenschaften unterteilt, gilt
auch heute.

1. Isolierende Sprachen
Das typischste Merkmal der Sprachen in dieser Gruppe ist, dass es keine Beugung
gibt. sein wichtigstes Beispiel ist Chinesisch. Die Wörter bleiben unverӓndert in einem Satz,
ohne dass sie denkliniert werden. Wörter kommen neben anderen Wörtern und auf diese Weise
nehmen sie unterschiedliche Bedeutungen und Aufgaben an. Auf Chinesisch, das der
Hauptvertreter dieser Gruppe ist, ist die Betonung sehr wichtig. Ein einzelnes Wort spiegelt
viele verschiedene Bedeutungen wider, wenn es in verschiedenen Tönen ausgesprochen wird,
und das ist auch in der Schrift möglich. Auf diese Weise kann man mit einem Wort manchmal
10-15 verschiedene Bedeutungen ausdrücken.

Beispiel:
- /wo şiye/: Ich schreibe.
wo: ich/ şiye: schreiben
- /wo bŭ şiye/: ich schreibe nicht
- /wo şiye mŭ/: schreibe ich?
- /wo şiye lı/:ich habe geschrieben.

In der chinesischen Schrift wird jedes Wort durch ein Zeichen dargestellt. Wörter wie
Sonne, Mond, Tiere werden durch Figuren ausgedrückt. die Änderung des Wortes Sonne im
Laufe der Zeit ist wie im Beispiel:

3
Neben Chinesisch können auch Vietnamesisch und einige afrikanische Sprachen in dieser
Sprachgruppe(isolierende Sprachen) berücksichtigt werden.

2. Zusammenfügende Sprachen.
Wir können Zusammenfügende Sprachen mit der allgemeinsten Definition ausdrücken:
Verknüpfung anderer Mopheme und Wörter. Das bekannteste Beispiel dafür ist Türkisch. In
Sprachen dieser Gruppe werden an der Wortwurzel Suffixe angehӓngt, die unterschiedliche
Bedeutungen und Funktionen hinzufügen. Diese angehӓngten Wörter sind eng miteinander
verbunden, so dass ihre Artikulation nicht sichtbar sind. Durch das Hinzufügen von Morphemen
mit unterschiedlichen Aufgaben sehen wir, dass viele Begriffe durch Wurzeln ausgedrückt
werden können, die unverändert bleiben.
Wie schon es gesagt wurde Türkisch ist das beste Beispiel dieser Gruppe;
z.B das Verb “gezmek” und das Nomen “baş”. Indem diesen Wörtern verschiedene
Morpehemen angehӓngt werden, kann man viele andere Wörter ableiten.

- gez – dir- il – e – bil – me – si


- baş – la – t – tır – dık – tan – (sonra).
Dieses Merkmal der türkischen Sprache bot ihm ein breites Spektrum an
Ausdrucksmöglichkeiten. Dies erleichtert das Auffinden von Ausdrücken der Fremden
Begriffe.
Unter den verbundenen(zusammenfügenden) Sprachen gibt es auch andere Ural-Altai-
Sprachen als Türkisch.

3. Flektierende Sprache
Bevor wir die Sprachen in dieser Gruppe diskutieren, wäre es nützlich, sich mit dem
Begriff “Flexion” oder mehr umfassende “Beugung” zu befassen.

4
Beugung ist die Änderung des Vokals in der Wortwurzel, insbesondere in der Wurzel
während der Konjugation. Gleiches gilt für die Pluralformen von Substantiven. Im Gegensatz
zum Türkischen werden mit der Änderung der Verbwurzel und mit der Änderung der Wurzel
von Substantiven in flektierenden Sprachen unterschiedliche Wörter erstellt.
Arabisch ist das charakteristischste Beispiel für flektierende Sprachen. Sehen wir jetzt ein
Beispiel dafür an:

iale:ee:gmlmaneaedi:ga:le/:‫قال‬
ianeaedi:gnle(ider l :iule :yeiulmi:‫يقل‬

aer :islmeile :yaugali:‫قل‬

Beachten Sie, wӓhrend der Vokal in der Vergangenheitsform als lange /a/ steht, verӓndert
es sich in der Gegenwarstform als lange /u/. Und im Imperativ ist es jetzt als kurze /u/.
Während Arabisch eine Sprache mit einer flektierenden Wurzel ist, gibt es auch Sprachen
mit einem flektierenden Stamm. Indo-germanische Sprachen sind diese artigen Sprachen.

5
GENETISCHE VERWANDTSCHAFT DER SPRACHEN

„Genetisch“bezeichnet in der Linguistik allgemein eine Klasse von Fragestellungen und


Problemen, welche bestimmte Aspekte der Entstehung oder Herkunft einer Sprache betreffen.
Sprachen, die auf eine gemeinsame Ursprache zurückgeführt werden können, bezeichnet man
als genetisch verwandt. Genetisch miteinander verwandte Sprachen fasst man zu einer
Sprachfamilie oder, allgemeiner, zu einer genetischen Einheit zusammen. Beide werden über
das Merkmal der gemeinsamen Neuerungen (z. B. in Phonologie, Wortbildung, Morphologie)
definiert. Die genetische Sprachverwandtschaft stellt sich üblicherweise in der Form eines
Stammbaums dar (Stammbaumtheorie). Man bezeichnet deshalb Sprachen dann als verwandt,
wenn sie von einer gemeinsamen Ursprache oder Grundsprache abstammen.

Stammbaumtheorie

Die Stammbaumtheorie in der Linguistik wurde von August Schleicher Mitte des 19.
Jahrhunderts entwickelt. Er ging davon aus, dass sich Sprachen analog der Evolution
biologischer Arten aus Ursprachen (Protosprache) entwickeln. Danach verhalten sich die
Beziehungen und Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Sprachen genau so wie die Relationen
der Arten in der Biologie, die sich in Form von phylogenetischen Stammbäumen darstellen
lassen.

Stammbaummodelle sind hierarchische Modelle, in denen sich Tochtersprachen


„genetisch“ zusammenhängend aus Elternsprachen entwickeln. So sind die romanischen
Sprachen Tochtersprachen von Latein, Latein ist eine Tochtersprache von Italisch, Italisch eine
Tochtersprache des Indogermanischen. Stammbaummodelle werden heute verwendet, um die
Beziehungen zwischen Sprachen darzustellen und sie zu gruppieren.

Dieses Verhältnis wird mit den Metaphern Sprachfamilie, Mutter- und Tochter- bzw.
Schwestersprachen beschrieben. Unter Ursprache versteht man eine Sprache, die schriftlich
nicht belegt sein muss, die aber aufgrund von lautlichen, morphologischen und lexikalischen
Entsprechungen ihrer Tochtersprachen rekonstruiert werden kann.

Wie schon gesagt wurde, ist das Vorbild der genetischen Verwandtschaft ganz
offensichtlich die Evolution der Arten im biologischen Sinne. Hier ist es so, daß wenn eine Art
sich erst einmal in zwei weitere aufgespalten hat, diese nie mehr fusionieren können. Es ist also
ein Modell, das Sprachverwandtschaft als stufenweise Spaltung konzipiert. Der Fall ist am
klarsten verwirklicht, wenn eine Sprachgemeinschaft sich teilt, die Teile nach verschiedenen

1
Seiten abwandern, sich in einiger Entfernung voneinander niederlassen, nie mehr miteinander
zu tun bekommen und fortan ihre Sprache getrennt weiterentwickeln. Der Fall dürfte in der
Menschheitsgeschichte gelegentlich vorgekommen sein. Er liegt z.B. vor, wenn Nomaden in
alle Himmelsrichtungen ziehen, dann aber am Ziel seßhaft werden, wie es mindestens teilweise
die Indogermanen gemacht haben. Häufig aber halten die verschiedenen Gruppen doch
kommunikativen Kontakt miteinander, so wie es z.B. in der Romania nach Auflösung des
Lateinischen und in der Slavia nach Auflösung des Urslavischen gewesen ist. Solange ein Volk
nomadisch ist, hat es ständig wechselnden Kontakt mit anderen Völkern und, was die Sache
besonders kompliziert, gelegentlich nach langer Zeit noch einmal Kontakt mit demselben Volk.
Unter solchen Umständen können die Sprachen nachträglich einander ähnlicher werden. Dies
kann das Stammbaummodell nicht beschreiben.

Wellentheorie

Dem Stammbaummodell wird (1856 von Johannes Schmidt) die Wellentheorie


gegenübergestellt. Es wird ein Areal vorausgesetzt, das sprachlich homogen oder
schlimmstenfalls von wechselseitig verständlichen Varietäten – im einfachsten Falle Dialekten
– besetzt ist. An einer Stelle wird eine sprachliche Neuerung (gleich welcher Art) eingeführt.
Sie breitet sich nach allen Richtungen aus und erreicht irgendwo den Rand ihres
Wirkungsgebiets, ähnlich wie ein ins Wasser geworfener Stein Wellen in konzentrischen
Kreisen erzeugt, die in der Entfernung verebben.

Ähnlichkeiten zwischen Sprachen müssen nicht auf gemeinsamer Herkunft aus einer
Ursprache beruhen, es gibt daneben auch Gemeinsamkeiten, die aus Sprachkontakt herrühren
oder aus inneren Gesetzmäßigkeiten von Sprachen desselben Sprachtyps.

Durch jeden solchen Vorgang entsteht eine kreisförmige Linie in der Sprachlandschaft
dergestalt, daß ein bestimmtes sprachliches Merkmal auf ihrer einen Seite auf eine Weise, auf
ihrer anderen Seite auf andere Weise ausgeprägt ist. Eine solche Linie ist eine Isoglosse. Als
relevante sprachliche Merkmale kommen Erscheinungen auf allen sprachlichen Ebenen in
Betracht. Es gibt z.B. eine quer durch den deutschen Sprachraum verlaufende Isoglosse,
nördlich deren man Mostrich, südlich jedoch Senf sagt. Eine andere, weit bekanntere Isoglosse
ist die Benrather Linie, nördlich deren man maken, südlich jedoch machen sagt. Diese Isoglosse
wird oft stellvertretend für die Ausdehnung der hochdeutschen Lautverschiebung und also die
Unterscheidung zwischen Niederdeutsch und Mittel-/Oberdeutsch genommen. Aber der
Unterschied zwischen /k/ und /x/ ist ein sprachliches Merkmal, und der zwischen /p/ und /f/
2
oder zwischen /t/ und /s/ ist ein anderes. Für jedes gibt es eine Isoglosse. Manche Isoglossen
verlaufen in konzentrischen Kreisen, manche koinzidieren bzw. bündeln sich. In solchen Fällen
prägen sich Unterschiede zwischen sprachlichen Varietäten aus. Neuerungen können jedoch
auch an verschiedenen Orten im Sprachgebiet aufkommen und sich über verschiedene Teile
davon verbreiten. Im Ergebnis kann ein Dialekt (und in der Folge dann vielleicht eine Sprache)
eine Neuerung mit einem zweiten, eine andere Neuerung jedoch mit einem dritten Dialekt
teilen. Das folgende Schema stellt dies stark vereinfacht dar.

Das Schema kann als eine Darstellung der inneren Gliederung der romanischen Sprachen
gelten. Es zeigt, daß es drei Herde für Neuerungen gab, nämlich im Westen, im Zentrum und
im Osten. Dies führt zu zwei einander überlappenden Einteilungen:

 Westromania vs. Ostromania,


 Zentralromania vs. Randromania.

Es resultieren vier Untergruppen (in Klammern annähernde geographische


Entsprechungen):

1. West-Rand-Romanisch (Iberoromanisch)
2. West-Zentral-Romanisch (Galloromanisch)
3. Ost-Zentral-Romanisch (Italoromanisch)
4. Ost-Rand-Romanisch (Balkanromanisch)

3
Die Pointe ist, daß Randromanisch Gemeinsamkeiten aufweist, die nicht durch
gemeinsame Neuerungen entstanden sind (was angesichts geographischer Isolierung auch
schwerlich möglich wäre). Vielmehr rühren sie daher, daß die Randgebiete die Neuerungen des
Zentralromanischen nicht mitgemacht, also gemeinsame Archaismen bewahrt haben.

Sprachfamilien

Die Sprachen der Welt lassen sich in Sprachfamilien aufteilen. Eine Sprachfamilie ist
eine Gruppe genetisch verwandter, das heißt von einer gemeinsamen Vorgängersprache
(Grundsprache, Protosprache, Ursprache, Gemeinsprache) abstammender Sprachen. Manche
Forscher akzeptieren eine genetische Einheit (Sprachfamilie) nur dann, wenn zwischen ihren
Mitgliedern regelmäßige Lautentsprechungen feststellbar sind (z.B. die Lautverschiebungen
vom Indogermanischen zum Germanischen, und vom Germanischen zum Althochdeutschen.).
Joseph Harold Greenberg definiert Sprachfamilien vor allem durch lexikalische Vergleiche, zu
denen möglichst viele Sprachen eines Gebiets oder sogar Kontinents herangezogen werden. Die
genetische Klassifikation steht in Abgrenzung zur typologischen Klassifikation nach
Merkmalen der Sprache, und ebenso zur geographischen Klassifikation in Sprachbünde. In
manchen Fällen lässt sich diese Ursprache zu weiten Teilen durch Vergleich der einzelnen
Sprachen rekonstruieren. Die Liste der Sprachfamilien ist ungefähr nach der Zahl der
Muttersprachler der Gesamtfamilie geordnet. Entsprechend der von August Schleicher
entwickelten Stammbaumtheorie findet man in der jeweiligen Sprachfamilie ihre Zweige und
Unterzweige, bis man zu einzelnen Sprachen, deren Dialektgruppen und Dialekten kommt.
Nicht in Sprachfamilien einzuordnen sind, wie der Name schon sagt, isolierte Sprachen. Ferner
entziehen sich die Kreolsprachen völlig dem Konzept der genetischen Sprachverwandtschaft.

Sprachfamilien der Kontinente

Afrika: Niger-Kongo Sprachen, Afroasiatische Sprachen, Nilo-Saharanische Sprachen,


Khoisan-Sprachen.

Asien: Sino-tibetische Sprache, indogermanische Sprachen, Drawidische Sprachen,


Afroasiatische Sprachen, Austroasiatische Sprachen, Turksprachen, Uralische Sprachen,
Mongolische Sprachen, Mandschu-tungusische Sprachen, Kartwelische Sprachen.

Australien: Indogermanische Sprachen, Australische Sprachen (dies ist keine


Sprachfamilie)

4
Europa: Indogermanische Sprachen, Uralische Sprachen, Turksprachen, Kartwelische
Sprachen, Dagestanische Sprachen, Nachische Sprachen, Abchasisch-adygeische Sprachen.

Nordamerika: Indogermanische Sprachen, Uto-aztekische Sprachen, Maya-Sprachen,


Na-Dene-Sprachen, Algonkin-Sprachen, Salish-Sprachen, Wakash-Sprachen, Muskogee-
Sprachen, Sioux-Sprachen, Irokesische Sprachen, Caddo-Sprachen, Hoka-Sprachen, Penuti-
Sprachen, Mixe-Zoque-Sprachen, Totonakische Sprachen, Kiowa-Tano-Sprachen, Oto-
Mangue-Sprachen, Eskimo-aleutische Sprachen.

Ozeanien: Austronesische Sprachen, Papua-Sprachen, Indogermanische Sprachen.

Südamerika: Indogermanische Sprachen, TupiFukki-Guarani-Sprachen, Quechua-


Sprachen, Kiowa-Tano-Sprachen, Kiowa-Tano-Sprachen, Oto-Mangue-Sprachen,
Misumalpan-Sprachen, Chibcha-Sprachen, Pano-Sprachen, Karaibische Sprachen, Mataco-
Guaicuru-Sprachen, Arawak-Sprachen, Araukanische Sprachen, Ge-Sprachen.

Die Ausbreitung der europäischen Sprachen in andere Kontinente durch die neuzeitliche
Kolonisierung (etwa seit 1500 nach Chr.) wird bei der Zuordnung der Sprachfamilien zu den
geographischen Großräumen nicht berücksichtigt. Insbesondere werden also Englisch,
Spanisch, Portugiesisch und Französisch zu den 'eurasiatischen' Sprachen gezählt, obwohl sie
heute weltweit verbreitet sind . Eurasien als Stammkontinent umfasst hier Europa und das
asiatische Festland. Eine Aufteilung in 'europäische' und 'asiatische' Sprachen macht wegen der
vielen übergreifenden Gruppen - z.B. Indogermanisch, Uralisch, Turkisch, Kaukasisch - keinen
Sinn. Die Inselwelt Südostasiens (Philippinen, Indonesien, Neuguinea) und die malaysische
Halbinsel werden zum Großraum Indo-Pazifik gerechnet. Die afrikanischen Sprachen umfassen
die gesamte afroasiatische Sprachfamilie, also auch die semitischen Sprachen des Nahen
Ostens.

5
Die indogermanische Sprachfamilie

Ausgehend von seinen evolutionstheoretischen Überlegungen entwickelte August


Schleicher das Stammbaummodell der indogermanischen Sprachfamilie.

Eine der erwähnten Sprachfamilien ist die indogermanische. Mit ihr befaßt sich seit
Beginn des 19. Jh. eine besondere Ausprägung der historisch-vergleichenden
Sprachwissenschaft, die Indogermanistik. Folgende Graphik zeigt die Verbreitung der
Sprachfamilie über Europa und Asien etwa zum Ausgang der Antike.

Indogermanische Sprachfamilie

Indoeuropäisch (auch indogermanisch genannt) ist der Name einer Sprachfamilie, die
sich zunächst über Europa und weite Teile Südasiens ausbreitete und deren Abkömmlinge heute
aufgrund des Kolonialismus auf der ganzen Welt zu finden sind. Die indoeuropäischen
Sprachen werden (vor allem wegen der weltweiten Bedeutung des Englischen) von mehr als

1
zwei Milliarden Menschen gesprochen und bilden damit die am weitesten verbreitete
Sprachfamilie der Welt. Die (meist als proto-indoeuropäisch bezeichnete) Elternsprache wurde
vermutlich vor dem Jahr 3000 vor Chr. gesprochen und hat sich im Laufe des 4. bis 2.
Jahrtausends schrittweise in verschiedene Sprachen aufgespaltet. Dieser Prozess war jedenfalls
zu der Zeit, aus der die frühesten schriftlichen Dokumente der griechischen, anatolischen und
indo-iranischen Sprachen stammen, im Wesentlichen schon abgeschlossen, also spätestens
zwischen 2000 und 1000 v. Chr. Dabei verlief die Entwicklung in den einzelnen Regionen
durchaus unterschiedlich. Als die “Balkansprachen” schon längst ausdifferenziert waren, sich
also bereits zu eigenen Sprachen entwickelt hatten, bildeten die westindogermanischen
Sprachen noch immer einen einheitlichen Sprachraum.

Das Verhältnis der Sprachen zueinander, ihre Verwandtschaft miteinander und vieles
andere lassen sich auf verschiedene Weisen darstellen. Eine der bekanntesten - und auch
anschaulichsten - Methoden bildet ein Sprachbaum, wie er auch auf anderen Gebieten
entsprechende Anwendung findet. Dabei stellt der Stamm die indogermanische Ursprache dar,
die vor rund 6.000 Jahren gesprochen wurde. Diese Ursprache hatte – wie heutige Sprachen
auch - verschiedene Dialekte, aus denen sich im Laufe der Zeit die unterschiedlichen Sprachen
(Äste) entwickelten, die sich im Laufe der Zeit ihrerseits in Generationen von Tochtersprachen
(Zweige) spalteten. Dieser Stammbaum - so einfach das Modell auch ist - verdeutlicht sehr
anschaulich:

 die Herkunft einer Sprache,


 ihre Entwicklung,
 den Grad ihrer Verwandtschaft zu anderen Sprachen,
 die zeitliche Reihenfolge ihrer Abspaltung von der jeweiligen Sprache, sowie
 schematisch die ungefähre geographische Lage der Sprache in Eurasien.

Innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie sind einige Sprachen enger miteinander


verwandt, als es die Grafik vermuten lässt (wohl aufgrund gemeinsamer Geschichte)

2
Dass viele Sprachen Europas sehr große Ähnlichkeiten miteinander aufweisen, war den
Menschen schon vor vielen Jahrhunderten aufgefallen. Es war offensichtlich, dass z.B.
Französisch, Spanisch, Italienisch und die anderen romanischen Sprachen eindeutig auf das
Lateinische zurückgehen. Dies ergab sich nicht nur (indirekt) aus der Ähnlichkeit Tausender
von Wörtern der romanischen Sprachen mit der lateinischen Ursprungssprache, sondern auch
(direkt) aus der reichhaltig vorhandenen, lückenlosen Literatur, die ohne Unterbrechung bis in
die römisch/lateinische Zeit/Sprache zurückreichte. Als man jedoch im Rahmen der
Kolonisierung Indiens durch die Engländer feststellte, dass auch viele Dialekte Indiens und vor
allem die “heilige Sprache” Sanskrit ganz frappierende Ähnlichkeit mit vielen europäischen
Sprachen aufwies, begann man mit gezielter Forschung. Die Erkenntnis und die Nachweise,
dass diese äußerst unterschiedlichen Sprachen Mitglieder einer einzigen Familie sind, wurden
im Wesentlichen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesammelt. Der umfangreiche
Bestand an Literatur in Sanskrit und Altgriechisch zeigt typische Züge der grundlegenden
indogermanischen Formen auf und beweist eine gemeinsame Ursprache. Denn wenn mehrere
Sprachen Ähnlichkeiten aufweisen, die ganz signifikant über das Maß hinausgehen, mit dem
nach den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeit zu rechnen ist, mussten sie miteinander verwandt
sein, also von einer vielleicht nicht mehr existierenden gemeinsamen Ursprache abstammen.
Bereits seit dem 1. Drittel des 19. Jahrhunderts war die enge Verwandtschaft zwischen Sanskrit,
Altgriechisch und Latein erwiesen. Frühe Sanskrit-Grammatiker hatten die Bestandteile ihrer
alten Sprache systematisch klassifiziert. Zu diesen Arbeiten kamen umfassende
grammatikalische und phonetische Vergleiche europäischer Sprachen. Aus zahlreichen
Untersuchungen konnten genauere Schlussfolgerungen hinsichtlich Lautung und Grammatik

3
der angenommenen Ursprache (Protoindogermanisch) gezogen werden, so dass man zur
Rekonstruktion einer hypothetischen Sprache und zu Schätzungen ihrer Aufspaltung in
verschiedene Sprachen gelangte. Heute ist bewiesen, dass Griechisch, Hethitisch und Sanskrit
bereits um 2000 v. Chr. als eigenständige Sprachen existierten. Die Merkmale, durch die sie
sich unterscheiden, deuten jedoch darauf hin, dass ungefähr 1000 Jahre vorher, also um 3000
v. Chr., noch eine einheitliche Ursprache existiert haben muss. Zu den heutigen Erkenntnissen
hinsichtlich der Entwicklung und des Charakters des Indogermanischen gelangte man
schließlich, als die Entzifferung der hethitischen Texte gelang (die erst 1915 als indogermanisch
identifiziert wurden) und durch die Entdeckung des Tocharischen, einer Sprache, die im
Mittelalter im chinesischen Teil Turkestans gesprochen und 1908 als indogermanisch
identifiziert wurde.

Die Zweige des Indogermanischen in alphabetischer Folge

Zu den indogermanischen Sprachen gehören die folgenden Gruppen lebender und


ausgestorbener (†) Sprachen:

 Albanisch
 Anatolische Sprachen †
 Armenisch
 Baltische Sprachen: Ostbaltische und Westbaltische Sprachen
 Germanische Sprachen: Nord-, Ost- und Westgermanische Sprachen
 Griechisch
 Illyrisch †
 Indoiranische Sprachen: Indoarische Sprachen, Iranische Sprachen, Nuristani
Sprachen
 Italische Sprachen: Latino-faliskische Sprachen (mit Latein und den romanischen
Sprachen), Oskisch-umbrische Sprachen †
 Keltische Sprachen: Britannische Sprachen, Goidelische Sprachen, Gallo-
lepontische Sprachen
 Phrygisch †
 Slawische Sprachen: Ostslawische Sprachen, Westslawische Sprachen, Südslawische
Sprachen
 Thrakisch †

4
 Tocharisch †
 Venetisch †

Die 1. oder germanische Lautverschiebung wurde erstmals von Jacob Grimm


beschrieben; daher auch Grimm's Law. Bei dieser Verschiebung werden die indoeuropäischen
Verschlusslaute regelmässig umgewandelt. Die betroffenen Phoneme kann man in 3 Gruppen
zusammenfassen:

 Die stimmlosen Plosive p, t, k werden zu stimmlosen Frikativen f, þ, x.


 Der Reibelaut x verändert sich im Anlaut zum Hauchlaut h.
 Die stimmhaften Plosive b, d, g werden stimmlos p, t, k.

Die behauchten, stimmhaften Plosive bh, dh, gh verlieren die Behauchung (Aspiration)
und werden zu stimmhaften Frikativen, die später im Germanischen als stimmhafte Plosive b,
d, g realisiert werden.

Die Ursachen der 1. Lautverschiebung sind unklar und die Datierung ist umstritten. Da
aber kein lateinisches Lehnwort im Germanischen diese Veränderungen zeigt, endet sie mit
ziemlicher Sicherheit vor dem Kontakt der Germanen mit den Römern (ca. 500-300 v. Chr.).

Lateinisch, Griechisch und Altindisch zeigen keine 1. LV, im Unterschied zu den


germanischen Tochtersprachen Englisch, Deutsch, Schwedisch und Gotisch.

- P, t, k – f, þ, x = germ
 Pater (lat.) – father (engl.)
 Tres (lat.) – three (engl.)
 Centrum (let.) – hundert (dt)

- B, d,g – p,t,k = germ


 Kardia (gr.) – heart (engl.)
 Genu (lat.) – knie (dt)

- . bh,, dh gh – b, d, g,= germ.


 (aind.) Bhrātar- (engl.) brother
 (aind.) Dhuhitar- (engl.) daughter,

5
Entwicklung der Indogermanischen Sprachen

Die Weiterentwicklung der indogermanischen Sprachen ist ganz allgemein und bis in die
jüngste Zeit (praktisch bis in die Gegenwart) vor allem von einem ständigen Verfall der Flexion
gekennzeichnet. Man ist sich sicher, dass die indogermanische Grundsprache stark flektierend
war, da es auch die sehr alten Sprachen wie Sanskrit, Avestisch und Altgriechisch sind. Der
Formenreichtum war dabei fast unüberschaubar: Es gab:

 3 Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum)


 Mindestens 8 Kasus: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Lokativ,
Instrumentalis, Ablativ - evt. als 9 Fall den Allativ (in griechischen Verben noch
greifbar)
 Auch das Verbsystem besaß zahlreiche Formen, die wir im Deutschen heute nicht
mehr kennen - erst recht nicht im Französischen und schon gar nicht im Englischen -
und die auch die klassischen Sprachen (Altgriechisch, Latein) zum Teil bereits
verloren hatten: Formen für Aspekt, Modus, Tempus, Genus, Person und Numerus,
usw.
 Verschiedene grammatikalische Formen eines Wortes wurden oft durch Ablaut
(Vokalwechsel) gekennzeichnet. Der Wurzelvokal änderte sich systematisch, um
Kontraste wie Singular und Plural oder Präsens und Präteritum anzuzeigen, wie es im
Deutschen noch heute häufig geschieht, etwa bei Mutter/Mütter oder gehen/ging. Im
Vergleich dazu haben relativ moderne Sprachen wie Englisch, Französisch und
Persisch Flexionen weitgehend abgebaut und sich unter Zuhilfenahme von
präpositionalen Konstruktionen und Hilfsverben zu einer analytischen Bauweise hin
entwickelt. Der Flexionsverfall ist im Wesentlichen dadurch entstanden, dass im Lauf
der Zeit viele Wörter ihre Endsilben verloren haben, z.B. wegen ungenauer
Aussprache der Endsilben beim schnellen Sprechen bzw. im Rahmen der
Vereinfachung bei Sprachkontakten und allgemein beim Erlernen einer Sprache.
Generell gilt:
 Moderne Wörter der indogermanischen Sprachen sind deshalb meist wesentlich
kürzer als ihre Vorfahren in der Ursprache. Sie haben insbesondere den größten Teil
der (teilweise sehr umfangreichen) Endungen verloren.

1
 Zum Ausgleich haben zahlreiche Sprachen neue Formen (insbesondere
Hilfsverben,wie sein und haben) und grammatikalische Unterscheidungsmerkmale
(insbesondere Präpositionen) ausgebildet.

Die 1. oder germanische Lautverschiebung wurde erstmals von Jacob Grimm


beschrieben; daher auch Grimm's Law. Bei dieser Verschiebung werden die indoeuropäischen
Verschlusslaute regelmässig umgewandelt. Die betroffenen Phoneme kann man in 3 Gruppen
zusammenfassen:

• Die stimmlosen Plosive p, t, k werden zu stimmlosen Frikativen f, þ, x.

• Der Reibelaut x verändert sich im Anlaut zum Hauchlaut h.

• Die stimmhaften Plosive b, d, g werden stimmlos p, t, k.

Die behauchten, stimmhaften Plosive bh, dh, gh verlieren die Behauchung (Aspiration)
und werden zu stimmhaften Frikativen, die später im Germanischen als stimmhafte Plosive b,
d, g realisiert werden.

Die Ursachen der 1. Lautverschiebung sind unklar und die Datierung ist umstritten. Da
aber kein lateinisches Lehnwort im Germanischen diese Veränderungen zeigt, endet sie mit
ziemlicher Sicherheit vor dem Kontakt der Germanen mit den Römern (ca. 500-300 v. Chr.).

2
Lateinisch, Griechisch und Altindisch zeigen keine 1. LV, im Unterschied zu den
germanischen Tochtersprachen Englisch, Deutsch, Schwedisch und Gotisch.

- P, t, k – f, þ, x = germ

• Pater (lat.) – father (engl.)

• Tres (lat.) – three (engl.)

• Centrum (let.) – hundert (dt)

- B, d,g – p,t,k = germ

• Kardia (gr.) – heart (engl.)

• Genu (lat.) – knie (dt)

- . bh,, dh gh – b, d, g,= germ.

• (aind.) Bhrātar- (engl.) brother

• (aind.) Dhuhitar- (engl.) daughter,

Die germanische Sprachfamilie

Das Germanische ist ein Sprachzweig des Indoeuropäischen und lässt sich in drei
Untergruppen einteilen: Ost-, West- und Nordgermanisch. Diesen lassen sich folgende ältere
Dialekte bzw. Einzelsprachen zuordnen: Gotisch, Altenglisch, Altfriesisch, Altniederfränkisch,
Altniederdeutsch, Althochdeutsch und Altnordisch.

Wann sich diese Dialekte genau herausgebildet haben, ist nicht genau bestimmbar. Das
Gotische ist jedenfalls aus der Mitte des 4. Jahrhunderts in einer Bibelübersetzung nachweisbar.
Damit ist es die am frühesten belegte germanische Einzelsprache, heute allerdings ohne
modernen Vertreter. Seit dem 12. Jahrhundert ist das Altnordische in Skandinavien (v.a. Island)
überliefert, von welchem die heutigen skandinavischen Sprachen abstammen. Ab dem 8.
Jahrhundert ist das Althochdeutsche in grossen Teilen des heutigen hochdeutschen

3
Sprachgebietes nachweisbar. Altniederfränkisch ist die nur spärlich belegte Vorstufe des
Niederländischen; Altniederdeutsch ist die Vorstufe des Niederdeutschen, dem heute der Status
eines Dialektes zukommt

Charakteristisch für die germanischen Sprachen ist die systematische Umgestaltung des
indoeuropäischen Konsonantensystems durch die 1. Lautverschiebung, die Festlegung des
Wortakzentes auf die erste bzw. die Stammsilbe ist und die Herausbildung der schwachen
Verben und die Reduktion der indoeuropäischen 8 auf 4 Kasus.

Das Germanische ist ebenfalls eine rekonstruierte Sprache, das sich aus den ältesten
Sprachstufen der germanischen Einzelsprachen ableiten lässt. Aber im Gegensatz zu den
«Indoeuropäern» sind die Germanen historisch fassbar: Ab dem 3. Jahrhundert berichten

4
griechische und römische Autoren über germanische Stämme und diese Quellen überliefern uns
indirekt germanischen Wortschatz.

Eine weitere Quelle für die Rekonstruktion sind Entlehnungen in Nachbarsprachen.


Interessante Beispiele finden sich im Finnischen, fin. kuningas (König) aus germ. *kuningaz,
fin. rengas (Ring) aus germ. *hrengaz, denn sie haben eine altertümlichere Form bewahrt als
die germanischen Einzelsprachen.

Verwandtschaft zu anderen Sprachfamilien

Es sind viele Möglichkeiten einer Verwandtschaft der Indogermanischen Ursprache zu


anderen Sprachen vorgeschlagen worden. Die wohl wahrscheinlichste Hypothese ist die einer
Indouralischen Sprachfamilie, einer Verbindung zwischen den indogermanischen und den
Uralischen Sprachen. Frederik Kortlandt, der prinzipiell einer Verbindung zustimmt, schließt,
dass "die Lücke zwischen uralisch und indogermanisch riesig ist", während Lyle Campbell, ein
bekannter Sprachwissenschaftler, der sich mit den uralischen Sprachen beschäftigt, jede Art
einer Verbindung ausschließt. Andere Vorschläge sehen die indogermanische Ursprache als
Indouralische Sprache mit kaukasischem Substrat; oder man verbindet indogermanisch und
uralisch mit den altaischen Sprachen und anderen asiatischen Sprachfamilien, wie koreanisch
und japanisch, was schlussendlich auf eine einzige ProtoWorld-Familie hinausläuft.

Sprachbünde innerhalb der indogermanischen Sprachen

Im Folgenden werden einige Sprachbünde innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie


kurz näher erläutert. Sie zeigen exemplarisch, wie relativ unterschiedliche Sprachen (ein
Sprecher der eine Sprache kann den Sprecher der anderen Sprache nicht auf Grund der
genetischen Verwandtschaft verstehen) sich grammatisch angleichen.

Der Balkansprachbund

Zum „Balkansprachbund“ werden vor allem Albanisch, Rumänisch (eine romanische


Sprache) sowie die zwei slawischen Sprachen Bulgarisch und Mazedonisch gezählt; auch das
Neugriechische teilt gewisse Züge dieser Sprachen. Die zu diesem Sprachbund gerechneten
Sprachen gehören zwar alle zur indogermanischen Sprachfamilie, stammen aber aus
unterschiedlichen Zweigen. Dennoch teilen sie einige Besonderheiten miteinander, die sich,
soweit bekannt, erst relativ spät herausgebildet haben und in früheren Sprachstufen wie dem

5
Altgriechischen, dem Latein und dem Altkirchenslawischen noch nicht vorhanden gewesen
waren. Am wichtigsten sind folgende Merkmale:

 nachgestellte (postponierte) Artikel, vergleiche rumänisch lup „Wolf“ vs. lup-ul „der
Wolf”.
 das Fehlen der Kategorie Infinitiv
 das Futur wird mit dem jeweiligen Verb für „wollen“ umschrieben.

Der baltische Sprachbund


Manchmal spricht man vom baltischen Sprachbund, zu dem die drei baltischen Sprachen
sowie einige russische und weißrussische Dialekte gehören. Folgende Merkmale sind für die
Sprachen dieses Sprachbunds typisch:
 eine Reihe von periphrastischen Perfekttempora (z.B. litauisch esu/buvau/busiu
ėjęs/beeinąs);
 häufiger (überdurchschnittlicher) Gebrauch von Partizipien;
 unpersönliche passive Konstruktionen (oft mit Agens; auch im Polnischen, dort aber
meist ohne Agens);
 der Nominativ als Objektfall (Patiens) beim Infinitiv (z.B. russisch корова надо
подоить; здесь дорога видеть). Man vermutet, dass diese Gemeinsamkeiten auf ein
baltisches Substrat zurückgehen.

Der Alpensprachbund
In der letzten Zeit wird der so genannte Alpensprachbund erforscht, dem einige
oberdeutsche und (räto-)romanische Dialekte vor allem in der Schweiz angehören. Als typische
Merkmale dieses Sprachbunds gelten zum Beispiel:
 Passiv mit kommen (z.B. die Tante kommt gebaut);
 Futur mit kommen (z.B. das kommt heuer zum Auszahlen);
 Dativkodierung durch Präpositon+Dativ (gib's an/in der Tante);
 geminierte Pronomina (betont+klitisch; vor allem im (Höchst-)Alemannischen, aber
seltener auch im Südbairischen, z.B. mir hamma). Auf dem Gebiet des historischen
Karantanien werden ähnliche Interferenzerscheinungen für Südbairisch, Friaulisch
und teilweise auch Slowenisch beobachtet.

6
Ural-altaische Sprachen

Die ural-altaische Sprachgruppe (auch: Ural-altaische Hypothese) war das Resultat der
wissenschaftlichen Erforschung einer möglichen genetischen Verwandtschaft zwischen den
altaischen und den uralischen Sprachen. Die ural-altaische Hypothese wird heute von manchen
wissenschaftlicher Seite vollständig abgelehnt. Dennoch existieren etliche Verbindungen
zwischen den uralischen und den altaischen Sprachen.

Die meiste und ernsthafte vor allem ältere Forschungen deuten auf eine Ur-
Verwandtschaft zwischen uralisch-altaischen und ihre Subsprachen untereinander. Die
Forschungen sollten die Linguisten dazu führen, Altaischen eine Grundsprache zu erklären. Es
bleibt nur zu sagen, dass einige Forscher die beiden auf sehr großem Areal verteilten Sprachen
(Altaisch und Uralisch) keiner Verwandtschaft zu messen wollen. Anderseits gibt es
Forschungen, die ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen uralischen und indogermanischen
Sprachgruppen versuchen.

Ihrem grammatikalischen Bau nach gehören Turksprachen zu den agglutinierenden


(anklebenden) Sprachen. Bei diesen Sprachen werden neuen Wortformen durch Agglutination
der Suffixe (und Präfixe) an den unveränderlichen Wortstamm gebildet. Zu den
agglutinierenden Sprachen gehören neben den Turksprachen (Türkisch, Tatarisch) Mongolisch,
Magyarisch (Ungarisch), Finnisch und einige Dialekte Tibets. Türkisch gehört genetisch
innerhalb der großen Sprachfamilien zur (ural)-altaischen Sprachgruppe. Während
Türkeitürkisch und Mongolisch der altaischen-Gruppe zugerechnet wird, gehören Finnisch,
Ungarisch, Samisch, Estnisch und Samojedisch zum uralischen Sprachzweig. Die uralischen
Sprachen bilden eine Familie von 34 Sprachen, die miteinander verwandt sind und insgesamt
von rund 20 Millionen Menschen gesprochen werden. Sie erstrecken sich über weite Teile des
nördlichen Eurasiens. Die uralischen Sprachen gliedern sich in zwei große Zweige: die
finnisch-ugrischen Sprachen und die samojedischen Sprachen im Uralgebiet in Nordsibirien.
Nach der Verwandtschaftshypothese u.a. von Björn Collinder, Ruhlen gehören zum Uralischen
als ein dritter Zweig auch die jukagrischen Sprachen.

1
Wenn man mit dem „nackten Verstand“ die genannten Übereinstimmungen überdenkt,
kommt man zu dem Schluss, dass doch die Verwandtschafts-Hypothese stärkere Nachweise
vorweist als die Gegen-Hypothese. Hinzu kommt noch in diesen Sprachen übrigens, die
Vokalharmonie, der agglutinierende Satzbau, das Fehlen eines grammatikalischen Artikels, das
Kasussystem und Betonung auf der ersten Silbe. Viele Wissenschaftler weisen die
Übereinstimmungen auf die Sprachkontakte hin. Durch Sprachkontakte werden mehr oder
weniger Wortbestand getauscht, doch nicht Satzbau und nicht all die grammatikalische
Grundlagen und die Prägung der Sprachen.

Uralische Sprachen mit ihren beiden Hauptzweigen (Finnisch-ugrisch, Samojedisch), die


ursprünglich im Uralgebiet, zu beiden Seiten des Uralgebirges, zwischen den Flüssen Vjatka
und Kama, Nebenflüsse der Wolga, beheimatet waren, werden heute zum allergrößten Teil nur
noch in Ungarn, in Finnland und in Estland verwendet. Das Finnische und Ungarische, die zu
den europäischen Kultursprachen zählen, haben keine indogermanische Herkunft. Das
Estnische, das dem Finnischen nahe steht, und das Samische, das in Schweden, Norwegen und
Finnland gesprochen wird, gehören beide zur finnisch-ugrischen Sprachgruppe.

Japanisch und Koreanisch gehören ebenfalls ihrem grammatikalischen Bau nach zu den
agglutinierenden Sprachen der ural-altaischen Sprachengruppe und verwenden modifizierte
chinesische Zeichen. Darüber hinaus zeichnen sie weitere strukturelle Übereinstimmungen mit
den altaischen Sprachen. Allerdings wird die mögliche Verwandtschaft zwischen dem

2
Koreanischen und Japanischen zur ural-altaischen Sprachfamilie weiterhin diskutiert. Dennoch
wurden die strukturellen Ähnlichkeiten dieser Sprachen bis jetzt von niemandem in Frage
gestellt. Auf jeden Fall ist es noch ungeklärt, ob die Übereinstimmungen zwischen Ural-
Altaischen und Ural- Jukagirischen Sprachgruppen auf einer gemeinsamen Abstammung oder
auf gegenseitige Einflussnahme beruhen.

Turksprachen

Die Turksprachen, in wörtlicher Übersetzung aus der türkischen Turkologie auch


„türkische “ oder „Türksprachen“ genannt, sind eine eng verwandte Sprachfamilie. Sie gehören
dem Sprachbund der Altaisprachen an. Alternative Benennungen sind auch „Turktatarisch“
„Turk-Tatarisch“, “Turkotatarisch”, “Turko-Tatarisch“, “Turkomongolisch“ und
“TurkoMongolisch” bekannt. In den turksprachigen Staaten, autonomen Republiken und
Regionen erfolgt sprachlich, ähnlich wie auch in anderen Sprachen, keine Unterscheidung
zwischen den Wortstämmen „Turk-“ und „Türk-“. Die Anzahl der Muttersprachler aller
turkstämmigen Nationen, Volksgruppen und Minderheiten betrug 1990 laut Vereinten
Nationen ca. 165 Millionen. Heute geht man von etwa 180 Millionen Muttersprachlern aus. Die
UNESCO hatte in den 1980er Jahren ermittelt, dass für die Turksprachen eine Sprecherzahl
von rund 200 Millionen angenommen werden kann, wenn die Personen hinzugezählt werden,
die eine Turksprache als Zweit- oder Drittsprache sprechen. Heute kann aufgrund des
Bevölkerungswachstums von einer höheren Zahl ausgegangen werden.

Die Turksprachen sind in Sibirien und Zentralasien (wohl im Raume des Altai) entstanden
und haben sich in weite Gebiete Asiens und Europas ausgedehnt.

Die einzelnen Turksprachen und ihre Einteilung

Grundsätzlich ist die Abgrenzung dessen, was eine Sprache ausmacht, häufig eine Frage
regionaler historischer Entwicklung, politischer Entscheidungen oder auch wissenschaftlicher
Übereinkunft. Doch gibt es – aufgrund verschiedener Ansätze – in Bezug auf die Turksprachen
(im Gegensatz zu anderen Sprachen) keinerlei einheitliche Klassifizierungen. Vielmehr spielen
hier subjektive Faktoren eine große Rolle. Die unten benannten Sprachen sind überwiegend
Schriftsprachen oder Sprachen staatlich anerkannter ethnischer Gruppen. Andere turkologische
Ansätze lassen die Zahl der Sprachen deutlich geringer werden oder verweisen auf weitere

3
Sprachen, die in der Liste nicht erwähnt sind. Gemäß einer häufigen Einteilung werden
folgende Gruppen unterschieden:

 Oghusische Sprachen (Südwest-Gruppe): Türkisch und Aserbaidschanisch,


Turkmenisch, Gagausisch und Krimtatarisch. Gruppe der südlichen Turksprache
(oghusisch): Qalay-Türkisch, Chorassan-Türkisch, Afscharisch, Kaschgaisch.
 Uyghurische (Uigurische) Sprachen (Südost-Gruppe): Usbekisch, Neu-Uigurisch
 Kyptschak-bulgarische Gruppe (Alte Nordwest-Gruppe): Tschuwaschisch.
 Kyptschakische (Kiptschakische) Sprachen (Nordwest-Gruppe): Baschkirisch,
Karaimisch, Karakalpakisch, Karatschai-Balkarisch, Kasachisch, Kirgisisch,
Kumykisch, Nogaisch, Tatarisch, Meschetisch.
 Sibirische Turksprachen (nördliche Turksprachen): [Link] Turksprachen:
Dolganisch, Jakutisch; 2.Südsibirische Turksprachen: Altaisch, Chakassisch,
Schorisch, Tofalarisch/Karagassisch, Tuwinisch und Tschulim-Tatarisch.

Eine weitere Einteilung der Turksprachen fußt allein auf der geografischen Verbreitung.
Sie eilt die Turksprachen in westliche, östliche, nördliche und südliche Turksprachen ein. Man
kann turksprachige Gruppen allerdings auch nach ihren Heimatländern einteilen und würde so
folgende Klassifizierung erhalten: Aserbaidschan-Türkisch, Balkan-Türkisch, Iran-Türkisch,
Irak-Türkisch, Syrien-Türkisch und Türkei-Türkisch. Zu den Turksprachen zählen auch das
Salarische und das West-Yugurische in der Volksrepublik China. Krimtschakisch, das auch als
Variante des Krimtatarischen betrachtet werden kann, wird entweder der oghusischen oder der
kyptschakischen Gruppe zugerechnet. Aber auch die Zuordnung der Dialekte des Altaischen ist
noch heute stark umstritten. Es gibt eine Reihe historischer und ausgestorbener Sprachformen.
Erwähnt werden sollten die einst in Sibirien und Zentralasien gebräuchlichen Sprachen
Alttürkisch, Altuigurisch, Choresm-Türkisch und Karlukisch, aber auch das spätere
Kyptschakische, Tschagataische und das Osmanische. Ferner sind vermutlich die ebenfall
ausgestorbenen Sprachen der Hunnen und Awaren überwiegend als Turksprachen anzusehen.

Wichtige und aussterbende Sprachen

Einige der größten Turksprachen, die auch den Status von Amtssprachen von Staaten
haben sind Türkisch, Aserbaidschanisch, Turkmenisch, Usbekisch, Kasachisch und das eng
verwandte Kirgisische. Den Status von regionalen Amtssprachen haben zum Beispiel auch die

4
Sprachen Baschkirisch und Tatarisch. Aussterbende Turksprachen sind Karaim,
Krimtschakisch, Schorisch und Tofalarisch (Karagassisch).

Vergleichende Betrachtung der Turksprachen

Die heutigen Turksprachen haben sich allesamt aus der alttürkischen Sprache entwickelt.
Dabei entwickelten sich im Laufe der Zeit fünf große Sprachgruppen. Diese Gruppen können
wieder in zwei große Sprachgebiete zusammengefasst werden: in das ogurische Sprachgebiet,
das aus den alten Westdialekten des Göktürkischen gebildet wurde, und in das oghusische
Sprachgebiet, dessen Wurzeln in den alten Ostdialekten des Göktürkischen liegen. Trotz der
geographischen Verbreitung ihrer Siedlungsgebiete sind sich die Turksprachen untereinander
noch sehr ähnlich. Wird die Schreibweise des modernen Türkischen (Türkeitürkisch) auf diese
Sprachen angewendet, so wird diese Verwandtschaft wieder offensichtlich. Es sollen im
folgendem Kapitel folgende Turksprachen miteinander verglichen werden: Türkisch,
Aserbaidschanisch, Turkmenisch, Tatarisch, Kasachisch, Kirgisisch, Usbekisch und Uigurisch.

Die oben aufgeführten Sprachen haben eines gemeinsam. Sie sind Staats- oder
Landessprachen unabhängiger Staaten oder autonomer Gebiete. Auch die nachfolgenden
Sprachen sind Amtssprachen autonomer Republiken in der Russischen Föderation. Innerhalb
der Turksprachen gelten sie jedoch als „Exoten“. Aufgrund der langen Trennung von den
anderen Turksprachen haben sie einen „Sonderweg“ eingeschlagen. Diese Sprachen sind Saqa-
Jakutisch und Tschuwaschisch.

Lautliche und grammatische Merkmale

Turksprachen sind durch eine starre Satzkonstruktion gekennzeichnet, an deren Ende in


der Regel ein Verb (Tätigkeitswort) steht. Nachsilben (Suffixe), identisch wie im finno-

5
ugrischen Sprachzweig, spielen eine zentrale Rolle bei der Bildung grammatischer Formen.
Dies wird Agglutination genannt. In Turksprachen gibt es anders als im Deutschen kein
grammatisches Geschlecht. Ein lautliches Merkmal vieler Turksprachen ist die Vokalharmonie.
In zahlreichen Turksprachen kommen in einem einzelnen Wort entweder nur die Vokale
(Selbstlaute) a, o, u und ı (phonetisch [ɯ]) oder ä, ö, ü und i vor. Auch die von diesen Vokalen
eingebundenen Konsonanten (Mitlaute) unterscheiden sich voneinander. Die meisten
Turksprachen sind, wie schon erwähnt, einander so ähnlich, dass sich ihre Sprecher
untereinander ohne weiteres verständigen können. Mit Sprechern einer kleineren oder
entlegenen Turksprache ist eine mündliche Verständigung zwar mit großen Schwierigkeiten
verbunden, aber ebenfalls möglich. Hierzu trägt natürlich – neben den ererbten
Gemeinsamkeiten – auch die lange arabisch-persische Prägung von Wortschatz und Idiomatik
bei, die alle Turksprachen außer den nördlichen Turksprachen durch den Islam erfahren haben.
Für die turkotatarischen Sprachen kommen die übernommenen Teile der russischen Lexik
hinzu. Trennend wirkt sich seit den 1930er Jahren die Tendenz aus, Neuwörter ohne Rücksicht
auf die übrigen Turksprachen zu bilden.

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ugrischen Sprachzweig, spielen eine zentrale Rolle bei der Bildung grammatischer Formen.
Dies wird Agglutination genannt. In Turksprachen gibt es anders als im Deutschen kein
grammatisches Geschlecht. Ein lautliches Merkmal vieler Turksprachen ist die Vokalharmonie.
In zahlreichen Turksprachen kommen in einem einzelnen Wort entweder nur die Vokale
(Selbstlaute) a, o, u und ı (phonetisch [ɯ]) oder ä, ö, ü und i vor. Auch die von diesen Vokalen
eingebundenen Konsonanten (Mitlaute) unterscheiden sich voneinander. Die meisten
Turksprachen sind, wie schon erwähnt, einander so ähnlich, dass sich ihre Sprecher
untereinander ohne weiteres verständigen können. Mit Sprechern einer kleineren oder
entlegenen Turksprache ist eine mündliche Verständigung zwar mit großen Schwierigkeiten
verbunden, aber ebenfalls möglich. Hierzu trägt natürlich – neben den ererbten
Gemeinsamkeiten – auch die lange arabisch-persische Prägung von Wortschatz und Idiomatik
bei, die alle Turksprachen außer den nördlichen Turksprachen durch den Islam erfahren haben.
Für die turkotatarischen Sprachen kommen die übernommenen Teile der russischen Lexik
hinzu. Trennend wirkt sich seit den 1930er Jahren die Tendenz aus, Neuwörter ohne Rücksicht
auf die übrigen Turksprachen zu bilden.

6
SOZIOLINGUISTIK

Die Soziolinguistik ist diejenige Teildisziplin der Sprachwissenschaft, die sich mit der
Frage beschäftigt, inwieweit gesellschaftliche und soziale Faktoren und Sprache bzw.
Sprachgebrauch einander reziprok beeinflussen. Sie untersucht die Zusammenhänge zwischen
Sprache und Gesellschaft und die Art und Weise, auf welche bestimmte Sprecher sich ihrer
Sprache bedienen. Dabei spielen auch viele außersprachliche Faktoren wie beispielsweise
Alter, Geschlecht, Schicht oder Berufszugehörigkeit und Ausbildung der Sprecher eine Rolle.
So versucht diese Wissenschaft, die charakteristischen Merkmale des Sprachgebrauchs
bestimmter Sprecher auszumachen und sie in Beziehung zu dessen Lebensumständen zu setzen.

Die Soziolinguistik hat starken Bezüge zu ihrer Nachbarwissenschaft, der Soziologie. Die
Erforschung der innerhalb einer bestimmten Sprachgemeinschaft konkret gegebenen
Sprachrealitӓt ist einerseits Basis, andererseits Kontrollinstanz für wissenschaftliche Aussagen
über Sprache.

Die Ausbildung eines eigenstӓndigen soziolinguistischen Arbeitsbereichs muss im


Zusammenhang mit dem sich verӓndernden sozialen und gesellschaftspolitischen
Selbstverstӓndnis der Sprachwissenschaft in den spӓten 60er und frühen 70er Jahren gesehen
werden.

Die erste soziolinguistische Welle: Theoriebildung, Methodendiskussion

Bernsteins Defizittheorie

Die Anfӓnge der germanistischen Soziolinguistik in den 60er Jahren sind stark mit dem
Namen von Basil BERNSTEIN verbunden, haben also englische Wurzeln. Berstein, der selbst
nicht Sprachwissenschaftler, sondern Soziologie ist, geht in seiner soziolinguistischen Theorie
von der Hypothese aus, dass sich aus der sozioökonomischen Schichtung einer
Sprachgemienschaft eine entsprechende Differenzierung im sprachlichen Verhalten der
Sprecher und Sprecherinnen ergibt. Die zentrale Unterscheidung ist dabei zwischen

a) Eleborierten Code, der dem normalen Sprachgebrauch der Oberschicht bzw.


Mittelschicht entspricht
b) Restringierten Code, der dem Sprachgebrauch der Unterschicht entspricht.

1
Diese beiden Codes sind beschreibbar in Form von spezifischen sprachlichen
Charakteristika. Etwas simplifiziert ausgedrückt lӓsst sich als zentrale Aussage der Theorie
Bernsteins festhalten, dass die Sprachverwendung der Mittelschicht sich von der
Sprachverwendung der Untetschicht in folgenden Dimensionen unterscheidet:

- Explizitheit
- Grammatische Korrektheit
- Logische argumentative Strukturiertheit

Sprachlich festgemacht werden diese Parameter einerseits am Umfang und an der


Zusammensetzung des Worschatzes sowie an der Varianz der Wortwahl, andererseits an der
syntaktischen Struktur und an den Formen sprachlicher Verknüpfung von Sӓtzen z.B. an der
Hӓufigkeit und an der spezifischen Auswahl von Konjunktionen.
Die Verknüpfung zwischen sozioökonomischen Verhӓltnissen und sprachlichem
Verhalten ergibt sich für Bernstein aus den unterschiedlichen familiӓren Kontexten und
Sozialisationssituationen, in denen Kinder der Unterschicht bzw. Mittelschicht Sprache
erlernen. Das Modell, vom Bernstein hier ausgeht, korreliert den restringierten Code mit einem
statusorientierten Kommunikationsverhalten, in welchem sprachliche Argumentationen oder
Differenzierungen eine geringe Rolle spielen, wӓhrend der elaborierte Code an ein
personenorientiretes Kommunikationsverhalten gebunden ist, in welchem der sprachlicen
Argumentation sowie dem Aushandeln von Meinungen ein hoher Stellenwert zukommt.

Sprachliche Differenz vs. soziale Differenz: Zur Problematik der


Differenzkonzeption
Die Grundannahme der Differenztheorie, dass die für unterschiedliche soziale
Sprechergruppen typischen Sprachgebrauchsformen in bezug auf die Breite und
Differenziertheit der Ausdrucksmöglichkeit sowie hinsichlich der Erfassung logischer
Zusammanhӓnge funktional ӓquivalent sind, wird die Grundlage der modernen Soziolinguistik,
auch dort, wo nicht mehr die soziale Schicht sondern andere aussersprachliche Faktoren
berücksichtigt werden.

2
Sprachsoziologie
Die Sprachsoziologie hat die Funktion und den Stellenwert der Sprache insgesamt zum
Gegenstand und bewertet das Sprechverhalten je nach Kommunikationssituation. Ihre Daten
erhebt die Sprachsoziologie durch Fragebögen und Interviews und ermittelt somit bestimmte
Regeln und Muster, die das Sprachverhalten je nach seinem Kontext aufweist. Die Fragebögen
und Interviews werden also dergestalt ausgewertet, dass wiederkehrende Schemata in
Abhängigkeit von der jeweiligen Situation und der spezifischen Umgebung des Sprechers
festgehalten werden können. Somit versucht die Sprachsoziologie, die unterschiedlichen
Funktionen von Sprache in der Kommunikation an außersprachlichen, auch nonverbalen
Faktoren festzumachen und damit zu erklären, warum das Sprechverhalten einer Person je nach
den unterschiedlichen Situationen, in denen sie sich befindet, variiert.

Soziolinguistik als Varietӓtenlinguistik


Wenn wir heute von Soziolinguistik sprechen, so ist damit nicht mehr nur der
Zusammenhang von Sprache und sozialer Schicht angesprochen, sondern zunӓchst einmal
jegliche Form von Sprachbetrachtung, in deren Zentrum die Frage nach dem Einfluss sozialer
Faktoren auf die Sprache bzw. Das Sprazhverhalten der untersuchten Sprecher und
Sprecherinnen steht. Die Faktoren, die hier interessieren, sind insofern soziale Faktoren, als
damit bestimmte Lebensweisen, spezifische Formen des kommunikativen Umgangs und
charakteristische Erfahrungshorizonte der jeweiligen Sprecher und Sprecherinnen erfasst sind.
Dies gilt auch, wenn die berücksichtigen Faktoren zunӓchst eigentlich biologischer oder
demographischer Natur sind. Denn das Faktum, dass jemand als Mann oder als Frau lebt, auf
dem Land oder in einer Grossstadt wohnt, alt oder jung ist.
Die Variationslinguistik, welche man auch als soziale Dialektologie bezeichnet,
untersucht Variationen des Sprachgebrauchs auf syntaktischer, grammatikalischer,
lexikalischer, pragmatischer, phonetisch-phonologischer und morphologischer Ebene und
versucht, einen Zusammenhang zwischen diesen sprachlichen Eigenheiten und den
persönlichen Umständen eines Sprechers herzustellen, indem auch dessen Umfeld,
Erfahrungen, Werte und Normen sowie weitere außersprachliche Faktoren in die Untersuchung
mit einbezogen werden. Auch in der Variationslinguistik werden gewisse Regeln und Muster
herausgearbeitet, die festhalten sollen, wie und unter welchen Umständen sich der sprachliche
Ausdruck eines Sprechers im Hinblick auf situativ unterschiedliche Gegebenheiten verändert.
Dies geschieht mit Hilfe spezieller soziolinguistischer Interviews, denen im Gegensatz zu den

3
Interviews der Sprachsoziologie nicht nur empirische sondern auch individuelle Aussagekraft
zukommt. Insbesondere wird dabei also auf die soziale Komponente sprachlicher
Besonderheiten eines Sprechers Bezug genommen. Es ist daher für den Variationslinguisten
auch relevant, wie sich ein Sprecher in einer Sprachgemeinschaft verhält, z.B. wann und wo er
sich einer formellen oder informellen Sprache bedient. Daher sind die soziolinguistischen
Interviews bemüht, eine möglichst natürliche Sprachsituation zu ergründen.

Konversationsanalyse
Bei der Konversationsanalyse handelt es sich um das Studiengebiet der Soziolinguistik,
das die Struktur eines Gesprächs ergründet, z.B. wie und wie lange eine Äußerung vollzogen
wird und wann ein Sprecherwechsel erfolgt. Dabei wird auch auf die nicht sprachlichen
Interaktionen der Sprecher Rücksicht genommen. Denn in der Konversationsanalyse wird der
Gesprächsablauf als ein Produkt des Zusammenwirkens von sowohl sprachlichen als auch
kognitiven und soziokulturellen Komponenten betrachtet, die es zu interpretieren gilt. Hierzu
werden Daten in natürlichen Kontexten erhoben. Dabei wird darauf geachtet, dass die Sprecher
in ihrem sprachlichen und nicht sprachlichen Verhalten so beobachtet werden können, dass sie
sich normal geben. Aus den so gewonnenen Daten erstellt die Konversationsanalyse Regeln,
die dem sprachlichen Austausch so ein sinnvoll organisiertes Gespräch mit Hilfe von
Interaktionen ermöglichen sollen. Dabei werden die kommunikativen Fähigkeiten eines
Sprechers in den Vordergrund gestellt, die eben nicht nur durch sprachliche sondern auch durch
nonverbale Interaktionen sichtbar werden.

Ethnographie der Kommunikation


Die Ethnographie der Kommunikation ist ein Forschungsansatz, der teilweise auch mit
dem der Konversationsanalyse gleichgesetzt bzw. Diesem untergeordnet wird. Dennoch
werden auch bei dieser Orientierung der Soziolinguistik zu differenzierende Schwerpunkte
gesetzt und andere Methoden angewandt. Auch hier wird kommunikatives Verhalten
bestimmter Gruppen im Hinblick auf soziologische Aspekte wie deren Schichtzugehörigkeit
oder deren Situation untersucht und beschrieben, die dann jeweils gewissen Registern
zugeordnet werden. In der Feldforschung, d.h. in der Beobachtung von Sprechereignissen in
einer natürlichen, realen und nicht konstruierten Umgebung gelangt die Ethnographie der
Kommunikation durch sogenannte teilnehmende Beobachtung zu ihren Daten.
Sprachgemeinschaften, die als Gruppen von Sprechern verstanden werden, welche

4
regelmäßigen (Sprach-) Kontakt zueinander pflegen, werden also über einen längeren Zeitraum
hinweg beobachtet, indem die Beobachtenden direkt am täglichen sozialen Leben und den
damit verbundenen Interaktionen dieser Sprachgemeinschaften teilnehmen. Auf diese Weise
werden natürlich nicht nur rein sprachliche Besonderheiten im Kontext erfasst. Es können auch
viele kommunikative Mittel, z.B. auf nonverbaler Ebene dokumentiert werden. All diese
Verhaltensweisen sind in der Ethnographie der Kommunikation Grundlagen für das Erkennen
gewisser Regelmäßigkeiten des Sprachgebrauchs im Austausch innerhalb einer
Sprachgemeinschaft. So ist es für den Ethnographen möglich, das spezifische
Kommunikationsverhalten eines Sprechers in einen jeweils unterschiedlichen sozialen Kontext
unter Berücksichtigung der Relevanz aller dabei mitwirkenden Faktoren einzuordnen.

5
HISTORIELINGUISTIK

Auf die Frage, seit wann man von einer eigentlichen Sprachwissenschaft sprechen könne,
lautet eine der Standardantworten: seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit dieser Datierung
meint man den Beginn der sogenannten historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft.
Massgeblich zu disem Anfang beigetragen hat die Entdeckung der wissenschaftliche Beweis
der historischen Verwandschaft der indogermanischen Sprachen.

Historische – vergleichende Sprachwissenschaft meint die Erforschung der Vorstufen


unserer heutigen Sprachen unter dem besonderen Gesichtswinkel der
Verwandschaftsverhӓltnisse. Sie hat das 19. Jahrhundert, was Sprachforschung anbelangt, sehr
stark dominiert.

Die bekannten philologischen Fӓcher (Germanistik, Romanistik, Anglistik, Slawistik)


etabilierten sich auf Sprache als eigenstӓndige Wissenschafts- und Studienrichtungen. In der
Philologie, d.h. in der Beschӓftigung mit Texten ӓlterer Sprachstufen, gehen die Wissenschaft
von der ӓlteren Literatur und die Wissenschaft von der ӓlteren Sprache eng zusammen, wobei
sprachhistorische Forschung zuerst nicht so sehr um ihrer selbst willen betrieben wird, sondern
vor allem als Hilfswissenschaft, die mit Wörterbüchern und Grammatiken ӓlterer Sprachstufen
notwendige Mittel bereitstellt zum Verstӓndnis alter Texten und damit Mittel zum Verstӓndnis
der Vorstufen eigenen Sprach- und kulturgemeinschaft. Die alten Sprachstufen werden zudem
selber als eine Art Text verstanden: Im Wortschatz, in den morphologischen und syntaktischen
Möglichkeiten, im rekonstruierten Lautstand versucht man, etwas vom Geist der vergangenen
Zeiten zu lesen.

Aus dieser Blütezeit der Philologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erwachsen und
die weitaus meisten Kentnisse, die wir von ӓlteren Stufen unserer Sprachen auch heute noch
haben. Sie sind festgehalten in Grammatiken und Wörterbüchern ӓlterer Sprachepochen (für
das Deutsche: Gotisch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Deutsch der Lutherzeit) und in
grossen Sprachgeschichten, die den ganzen Bogen der Zeiten übersprannen.

Die Historizitӓt von Sprache. Synchronie und Diachronie in der


Sprachforschung

Was meinen wir eigentlich, wenn wir hier von Historiolinguistik sprechen? Man kann
versuchen, die Sprache vergangener Epochen, z.B. das Deutsche um 1200, darzustellen. Solche

1
Forschung unterscheidet sich im Prinzip nicht von Forschungen zur Gegenwartssprache, ausser
dass sich ihr ein gravierendes methodisches Problem stellt: es ist der Daten, die verglichen mit
einem Projekt der Beschreibung aktueller Sprachzustӓnde beschrӓnkt, einseitig und
unzuverlӓssiger, deutungsbedürftiger sind. Allemal ist aber auch solche Rekonstruktion
historischer, vergangener Sprachstufen eine Beschreibung von Sprachzustӓnden und mithin
synchrone Sprachforschung.

Diachron wird eine Sprachbetrachtung erst dann, wenn sie ihren Blick auf das richtet, was
zwischen synchronen Zeitschnitten liegt: auf den Wandel der Sprache. Diachroner
Sprachforschung wird zum Problem, was eigentlich unmittelbar empirisch evident ist: dass und
wie und warum sich (historische Einzel-) Sprachen ӓndern und dass Einzelsprachen mithin eben
grundsӓtzlich historische, d.h. in der Zeit sich wandelnde, gewordene und werdende
Gegenstӓnde sind.

Der zentrale Sachverhalt diachroner Sprachbetrachtung, das Faktum nӓmlich, dass


Sprachen sich verӓndern, kann nun nach verschiedenen Gesichtspunkten nӓher untersucht
werden:

1- Was wandelt sich einer Sprache?


2- Mit welcher Geschwindigkeit und innerhalb welcher Grenzen wandeln sich
Sprachen?
3- Wie beschreibt man Sprachwandeln?
4- Warum wandeln sich Sprachen?
5- Wie wird Sprachwandel von den Sprachbenützerinnen und Sprachbenützern
wahrgenommen?
6- Haben Sprachen einen Ursprung? Sterben Sprachen?

1. Was wandelt sich einer Sprache?


Der tatsӓchliche Wandel von Sprachen ist mehr oder weniger evident. Wenn die
Behauptung aufgestellt wird, die deutsche Sprache habe sich in ihrer Geschichte verӓndert und
verӓndere sich noch, wird man kaum verlangen, dass die Behauptung argumentativ weiter
abgestüzt wird. Diese Behauptung wird ein ungültiges Wort, solange es nicht unterstützt wird.
Beispielsweise kann man eine Zeitungsmeldung von 1863 zeigen:

2
Kein kompetenter Deutschsprechender wird die geringste Mühe haben, diesen Text als
deutschen zu erkennen. Vieles an ihm ist uns absolut vertraut. Daneben aber hat der Text auch
einiges, das uns befremdet. Diesem Eindruck liegt wohl ein stillschweigender Vergleich
zugrunde zwischen diesem Text und einem entsprechenden Text von heute, von welchem
letzteren wir aufgrund unserer tӓglichen Texterfahrung eine Art Idealbild oder Muster im Kopf
haben. Nehmen wir nun einmal an, in diesem Vergleich zeige sich der Wandel des Deutschen
zwischen 1863 und heute: Was heisst es dann nun also, dass das Deutsche sich zwischen 1863
und heute verӓndert hat?

Es begegnet uns hier die Ureigenheit jeden Wandels, die schon der griechische Philosoph
Heraklit in das Paradox gefasst hat: “Du steigst und du steigst nicht zweimal in den gleichen
Fluss.” Gemeint ist damit der Widerspruch von Gleichheit und Ungleichheit in jedem Wandel:
Wir können von einem Ding nur dann sagen, es habe sich verӓndert und sei also nicht mehr das
Gleiche, wenn wir es gleichzeitig noch als das Gleiche erkennen. Ich kann jeden Tag im
gleichen Fluss baden, aber der Fluss ist nicht zweimal der Gleiche.

Ein möglicher Ausweg aus diesem Paradox sieht so aus: Wir konzipieren den fraglichen
Gegenstand als komplexen, als zusammengesetzten Gegenstand, so dass wir dann sagen
können, dass im Laufe seines Wandels einiges gleich geblieben ist und einiges sich verӓndert
hat. Für unseren Gegenstand Sprache können wir das Paradox dann folgendermassen
sprachtheoretisch lösen: Wir fassen eine Sprache auf als einen Komplex von Teilsystemen von
Einheiten und Regeln. Insbesondere unterscheiden wir:

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- Teilsysteme von Einheiten und Regeln für die grammatische Korrektheit von
sprachlichen Ausdrücken (phonologische, morphologische, syntaktische,
semantische Regeln)
- Teilsysteme von Regeln der pragmatischen Angemessenheit von
Ausdrucksverwendungen (angemessene Verwendung von Ausdrücken in bestimmten
Textsorten, in bestimmten Situationen)

Zur Erklӓrung unserer zwiespӓltigen Erfahrung mit dem Text von 1863 können wir nun
die folgende Hypothese wagen: Hinter dem sprachlichen Ereignis von 1863 stecken
weitesgehend dieselben Einheiten und Regeln, die auch noch die Einheiten und Regeln des
Deutschen von heute sind. Insbesondere herrscht weitesgehende Identitӓt der Enheiten und
Regeln, die die Grammatikalitӓt der Ausdrücke determinieren. Ein Urteil von der Art “Das wӓre
heute ungrammatisch” ist über keine Stelle im Text möglich. Das Befremden mag hingegen
herrühren
- Von bestimmten Wörtern und Wortkombinationen, die wir zwar vielleicht noch
kennen, die wir aber nicht mehr brauchen: am h. Christtag; Nachtlager; fiel in
Wahnsinn; schnitt ihr die Kehle ab.
- Von syntaktischen Konstruktionen, die wir in einem Exemplar dieser Textsorte eher
nicht erwarten: um ein Nachtlager bittend.
- Schliesslich von dem, was wir einmal ganz global den Stil nennen wollen, d.h. die
ganze Art der sprachlichen “Inszenierung” der Geschichte nach überkommenen
literarischen Vorbildern, mit Aufbau von Sprannung und Lösung derselben. Oder der
Schlussatz. Oder die Verwendung des Tempus.

Dabei ist es unbedingt so, dass man solche sprachlichen Elemente heute nicht mehr
produzierte. Was es heute vielleicht nicht mehr gibt, ist vielmehr die spezifische Mischung der
Elemente. Und vor allem: Solche Sprache findet sich heute nicht mehr in Zeitungen.
Fazit: Es sind die Sprachverwendungsregeln, die pragmatischen Regeln, die uns zu einem
situations- und funktionsspezisifischen Sprachgebrauch anleiten, die sich stark verӓndert haben.
So müssen wir differenzieren, wenn wir behaupten, zwischen 1863 und heute habe sich die
deutsche Sprache gewandelt: Wir haben niemals einfach eine ganz andere Sprache. Verӓndert
haben sich nur gewisse Einheiten und Regeln in bestimmten Bereichen. Sehr viele Einheiten
und Regeln, ja ganze Bereiche sind unverӓndert geblieben.

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In welcher Geschwindigkeit und innerhalb welcher Grenzen wandeln sich
Sprachen?

Sprachwandel ist partieller Einheiten und Regelwandel. Mit diesem Konzept wird
Sprachwandel prinzipiell quantifizierbar: Ein starker Wandel wӓre ein Wandel vieler Einheiten
und Regeln, ein schwacher Wandel ein Wandel weniger Einheiten und Regeln. Unter
Berücksichtigung des Faktors Zeit gelangen wir zur Metapher der Geschwindigkeit: Eine
Sprache wandelt sich schnell, wenn sich viele Einheiten und Regeln pro Zeitenheit verӓndern,
und langsam, wenn es nur wenige sind.
Das scheint ganz einfach zu sein. Doch müssen wir hier differenzieren: Von heute aus
zurickgeblickt in die Sprachgeschichte gewinnen wir einerseits den Eindruck einer
kontinuierlichen Abstandsvergrösserung: Auf der Zeitachse rückwӓrts erweisen sich immer
mehr Einheiten und Regeln anders als die heutigen. Dabei scheint Sprachgeschichte ein
gerichteter, irreversibler Prozess zu sein; Annӓherung bei gleichzeitiger zeitlicher Entfernung
beobachten wir kaum je.
Dieses Bild der prinzipiellen Kontinuitӓt der Abstandsvergrösserung wird aber immer
wieder von veritablen Brüchen gestört: Unser Blick in die Vergangenheit begegnet eigentlichen
Verstehensschwellen, über die hinaus unser ungeschultes Verstӓndnis alter Texte jedesmal um
einiges stӓrker beeintrӓchtigt ist. In der Sprachgeschichte des Deutschen haben wir solche
Schwellen etwa zwischen Früh-Neuhochdeutsch und Mittelhochdeutsch (d.h. im
Spӓtmittelalter). Ein solcher Bruch oder eine solche Verstehensschwelle könnte einfach so
erklӓrt werden, dass sich da plötzlich viele Einheiten und Regeln in kurzer Zeit gewandelt
haben. Die Verstehensschwellen entstünden durch eine Art von Sprachrevolutionen, wie man
sie an den Übergӓngen zwischen den Epochen vermuten muss, die uns die Sprachegeschichten
des Deutschen in ziemlich einheilliger Manier prӓsentieren:
- Althochdeutsch 750 n. Chr. – 1050
- Mittelhochdeutsch 1050 – 1350
- Früh-Neuhochdeutsch 1350 – 1650
- Neuhochdeutsch 1650 - Gegenwart

Nun ist jedoch sicher nicht jeder Einheiten- und Regelbereich gleich relevant für das
Verstӓndnis von Sprache. Vielmehr sind hier ganz erhebliche Unterschiede auszumachen: So
scheinen Änderungen im phonologischen System einer Sprache systematisch zwar vielleicht
nebensӓchlich, für das Verstehen jedoch sind sie zentral, und Verstehensbarrieren bauen sich

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sehr schnell auf durch phonologische Verӓnderungen: Gleiche Wortformen werden nicht mehr
wiedererkannt. So ist es also zu einfach, Sprachwandel nur der Menge der betroffenen Einheiten
und Regeln zu quantifizieren. Es kommt auch darauf an, welche Einheiten Regeln sich
verӓndern.
Damit kommen wir zu einem anderen Punkt. Der Blick auf der Zeitachse zurück in die
Geschichte einer Sprache zeigt uns nicht nur, dass mit zunehmendem Zeitabstand auch immer
mehr Einheiten und Regeln anders sind, sondern auch, dass gewisse Bereiche sehr viel
konstanter und gewisse andere einem sehr schnellen Wandel unterworfen sind. Graammatische
Regeln (besonder im Beeich der Morphologie und Syntax) sind sehr viel stabiler als
beispielsweise die Wortsemantik, als stilistische Regeln, als Regeln der Sprachverwendung.
Dieser Befund korrespondiert einmal mit der Tatsache, dass wir es in der Grammatik einer
Sprache mit einem sehr viel geschlosseneren System von Regeln zu tun haben als etwa im
Wortbestand, in der Wortbedeutung und in der Pragmatik. Wӓhrend der Wortschatz, die
Wortsemantik und pragmatische Regeln weitgehend erlernt werden, bildet sich eine Grammatik
auf der Basis einer angeborenen Universalgrammatik dank eines bestimmten sprachlichen
Inputs lediglich aus.
Die Hypothese von der Universalgrammatik liefert uns ein weiteres Stichwort. Es fӓllt
uns schwer, uns einen sprachlichen Bereich zu denken, der nicht der zeitlichen Verӓnderung
unterworfen wӓre, wenn auch die Geschwindigkeit der Verӓnderungen zwischen den Bereichen
erheblich variiert. Es wӓre nun aber vor dem Hintergrund der sprachwissenschaftlichen
Forschung der letzten Jahrzehnte höchst fragwürdig, wenn wir annӓhmen, dass den
prinzipiellen Möglichkeiten sprachlichen Wandels nicht zugleich auch prinzipielle Grenzen
gesetzt wӓren. Sprachliche Universalien, d.h. Eigenschaften, die allen menschlichen Sprachen
zukommen, sind gleichzeitig auch der Rahmen, innerhalb dessen eine Sprache sich Wandeln
kann, gleichgültig, worin man diese Universalien begründet: in den Erbanlagen des Menschen
oder in gewissen universalen Kommunikationsbedingungen, denen Sprachen zu genügen
haben.
Solche Prinzipien oder Universalien bilden dabei nur die eine Beschrӓnkung für
Sprachwandel, sie stellen gleichsam Abschrankungen eines Weges dar. Es ist jedoch auch zu
vermuten, dass die Verӓnderungen selber in bestimmten Schrittfolgen verlaufen, die
keineswegs beliebig sind: Eine bestimmte Regel wird nicht beliebig durch eine bestimmte
andere Regel abgelöst werden können; eine bestimmte Wortbedeutung kann sich nicht von
heute auf morgen in eine beliebige andere Wortbedeutung wandeln, vielmehr geschieht
wortsemantischer Wandel als Verengung, als Erweiterung, als Verschiebung; im Extremfall

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kann durch einen metaphorischen Prozess eine sehr starken Bedeutungsverӓnderung passieren,
doch ist selbst in diesem Bereich lӓngst nicht alles möglich, wie man aus der
Metaphernforschung leicht ersehen kann.

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