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1

Zur Syntax von Parenthesen


Karin Pittner, Stuttgart

erschienen 1995 in: Linguistische Berichte 156, 85-108.


(nur noch Formatierung geä ndert)
Abstract

The article deals with the syntax of parentheticals with special regard to their position and their relations to the
surrounding clause. On the basis of scope data it is argued that, contrary to common assumptions, some
parentheses can have a place in the constituent structure of the surrounding clause. With regard to binding,
various types of parentheses behave differently. It is shown that certain constructions commonly regarded as the
result of extraction exhibit the characteristics of constructions with V-1-parentheses. It emerges that parentheses
cannot be characterized uniformly on a syntactic level.
The second part of the paper deals with the possibilities to characterize parentheses on other levels of text
description. The result is that parentheticals typically contain information units with a secondary value.

0. Einleitung
In diesem Aufsatz sollen die syntaktischen Eigenschaften der als "Parenthesen" oder auch "Einschübe"
bezeichneten Einheiten untersucht werden. Dabei wird sich zeigen, daßdie gemeinhin unter Parenthesen
subsumierten Strukturen überhaupt keine einheitlichen syntaktischen Eigenschaften aufweisen. Die hä ufig
behauptete und als Definitionskriterium eingesetzte strukturelle Unabhä ngigkeit gegenüber dem Trä gersatz
erweist sich dabei als ä ußerst problematisch und gilt zumindest für einen Teil der Einschübe nicht.
Wenn man das heterogene Verhalten verschiedener Typen von Parenthesen berücksichtigt, zeigt sich, daß
bestimmte Konstruktionen, die bislang meist als Extraktionskonstruktionen gedeutet wurden, die Eigenschaften
von Konstruktionen mit V-1-Parenthesen aufweisen.
Da die Parenthese keine syntaktisch homogene Erscheinung darstellt, werden die Möglichkeiten ausgelotet, ihr
eine einheitliche Charakterisierung auf anderen Ebenen der Textbeschreibung zukommen zu lassen, wobei
insbesondere die Ebenen der Illokutionsstruktur und der Informationsstruktur beleuchtet werden. Dabei zeigt
sich, daßdie Ebene der Informationsstruktur von Texten die relevante Beschreibungsebene darstellt.
1. Charakterisierungen von Parenthesen
Bevor die syntaktischen Eigenschaften von Parenthesen untersucht werden, sollen zunä chst einige in der
Literatur genannte Eigenschaften auf ihre Brauchbarkeit hin geprüft werden.
1.1 Intonatorische bzw. graphematische Markierung
Es gibt verschiedene Mittel, die eingesetzt werden können, um Parenthesen in der geschriebenen und in der
gesprochenen Sprache als solche kenntlich zu machen. In der Schriftsprache werden Einschübe durch Kommas,
Klammern oder Gedankenstriche gekennzeichnet. In der gesprochenen Sprache ist der Einschub durch Pausen
davor und danach sowie durch ein insgesamt schnelleres Sprechtempo gekennzeichnet. Detaillierte Aussagen
dazu finden sich in der Untersuchung von Winkler (1969:282). Er hat anhand von Sprecherbeobachtungen her-
ausgefunden, daßbei den Einschüben der Spannungsbogen der Satzintonation unterbrochen und nach dem
Pittner: Parenthesen - 2 -

Einschub fortgeführt wird. Der Einschub selbst bildet eine Art Mulde oder gelegentlich auch eine Kuppe.
Wä hrend des Einschubs lä ßt sich ein schnelleres Sprechtempo beobachten. Nach dem Einschub findet sich ein
stä rkerer Gliederungsabschnitt als davor.
Altmann (1981) geht an verschiedenen Stellen auf Parenthesen ein. Hinsichtlich ihrer intonatorischen
Markierung vermerkt er, daßdiese der der Appositionen entspricht und durch deutliche Pausen davor und
danach, eine gesenkte Stimmlage, schnelleres oder langsameres Sprechen gekennzeichnet ist, so daßinsgesamt
der Eindruck einer "zurückgenommenen Artikulation" entsteht (Altmann 1981: 62, 65, s.a. Uhmann 1992:
317ff.).
1.2 Strukturelle Unabhä ngigkeit vom Trä gersatz
Neben der angesprochenen intonatorischen oder graphematischen Markierung wird die strukturelle
Unabhä ngigkeit der Parenthesen von ihrem Trä gersatz als Kriterium genannt. Laut Definition von Bußmann
2
( 1990:560) ist eine Parenthese ein "in einen Satz eingefügter selbstä ndiger Ausdruck (Wort, Wortfolge oder
Satz), der strukturell unabhä ngig vom Gesamtgefüge" ist. Dies ist auch die bei Heidolph/Flä mig/Motsch
(1981:760) vertretene Meinung: Parenthesen seien "nicht syntaktisch einbezogen". Ebenso beschreibt Bayer
(1973:200) Parenthesen als "syntaktisch nicht angeschlossene, funktional selbstä ndige Sequenzen" im Satz, "die
nicht als dessen Teil beschrieben werden können", wie er nachdrücklich vermerkt. Auch Altmann (1981: 64f.,
340) schließt jede syntaktische Funktion der Parenthese im umhüllenden Satz aus.
Im Gegensatz dazu findet sich in einer frühen Untersuchung der Parenthesen von Schwyzer (1939) die Aussage,
daßes auch Parenthesen gibt, die sich auf ein einzelnes Wort des Satzes beziehen sowie "Satzgliedparenthesen".
Bei diesen handelt es sich um Satzglieder, somit Teile des umhüllenden Satzes, die als Parenthesen
gekennzeichnet sind. Auch von Winkler (1969) werden zahlreiche Formen der Einschübe erwä hnt, die durchaus
als Teil des umgebenden Satzes fungieren können, formal jedoch als Einschübe gekennzeichnet sind.
Folgende Beispiele sollen illustrieren, daßes durchaus Einheiten mit der oben angesprochenen intonatorischen
bzw. graphematischen Markierung gibt, die als Teil des umgebenden Satzes analysiert werden können.
- parenthetisch eingeschobene Satzglieder
(1) Das waren Ereignisse, die - manchmal auch nur für wenige Tage - für Schlagzeilen sorgten.
(2) Wir haben für diesen Bereich der Strukturbildung - im Anschlußan Bierwisch (1980) - die
Bezeichnung Ä ußerungsbedeutungsstruktur gewä hlt.
- parenthetisch eingeschobene Attribute
(3) Diese - durch zahlreiche Forschungsansä tze gesicherte - Erkenntnis nimmt auch dort einen zentralen
Platz ein.
- parenthetisch eingeschobene Partikeln, hier Gradpartikel
(4) Denn nicht zuletzt liegt es - auch - daran, wie wir Sachen anpacken, wie wir mit unserem Leben
umgehen.
- appositive Einschübe:
(5) Hans, ein guter Esser, langte krä ftig zu.
In diesen Sä tzen hat der Einschub die Funktion eines Satzglieds, eines Attributs, die Funktion einer
Pittner: Parenthesen - 3 -

Fokuspartikel oder einer Apposition. Wenn man solche Erscheinungen aus den Parenthesen ausgrenzen will, so
bleibt zumindest zu konstatieren, daßsie die oben genannte Markierung der Parenthesen aufweisen. Es zeigt sich
also eine Diskrepanz zwischen dem unter 1.1 und dem in diesem Abschnitt genannten Kriterium: viele der
entsprechend markierten Sequenzen weisen keine strukturelle Unabhä ngigkeit vom Trä gersatz auf, sondern
lassen sich als Teil davon interpretieren.
1.3 Kohä renz der Illokutionstypen
Ein weiteres in der Literatur genanntes Kriterium soll hier als "Kohä renz der Illokutionstypen" bezeichnet
werden. Dieses Kriterium wird u.a. von Tappe (1981) genannt, der Strukturen vom Typ wer glaubst du hat
recht? als Fä lle von Extraktion aus einem eingebetteten V-2-Komplement erklä rt und sie von parenthetischen
Strukturen, in diesem Fall einem eingeschobenen glaubst du, abgrenzen will. Tappe beobachtet, daßbei
parenthetischen Einschüben der vom Verb bezeichnete Illokutionstyp mit dem vom umgebenden Satz indizierten
Illokutionstyp übereinstimmen muß. Vgl. dazu die folgenden Beispiele von Tappe (1981:204):
(6) a. Hans - so sagt Karl - hat Fritz getroffen.
b. *Hans - so fragt Karl - hat Fritz getroffen.
c. *Wen - so sagt Karl - hat Fritz getroffen?
d. Wen - so fragt Karl - hat Fritz getroffen?
Dagegen besteht keine solche Restriktion bei den von Tappe als Fä lle von Extraktion aus einem eingebetteten
Verbzweitsatz analysierten Strukturen (vgl. Tappe 1981: 204):
(7) a. Wen sagt Karl hat Fritz getroffen?
b. Wen meint Karl hat Fritz getroffen?
c. Wen fragt Karl hat Fritz getroffen?
Allerdings ist diese Kohä renz der Illokutionstypen keine Eigenschaft von Parenthesen generell, wie Tappes
2
Ausführungen vermuten lassen. Schon für die von ihm auch erwä hnten Parenthesen mit wie gilt keine
entsprechende Restriktion:
(8) a. Hast du - wie Otto erzä hlt hat - tatsä chlich ein 5-Gä nge-Menü gekocht?
b. Haben Sie, wie Kohl vorgeschlagen hat, Plä ne zur Steuererhöhung diskutiert?
c. Sind die Bilder tatsä chlich gefä lscht, wie die Polizei gemeint hat?
Darüberhinaus gilt die entsprechende Restriktion auch für V-1-Parenthesen nicht, wie die folgenden Beispiele
demonstrieren, in denen der Gesamtsatz ein Fragesatz ist, die Verben in den Parenthesen jedoch assertive
Sprechakte bezeichnen:
(9) Wer hat Fritz getroffen, sagt/behauptet/meint Karl?
Dieses Kriterium kann daher gar nicht für die von Tappe angestrebte Abgrenzung der Extraktionsstrukturen von
Konstruktionen mit einer V-1-Parenthese herangezogen werden. Die beobachtete Kohä renz der Illokutionstypen
ist keine Eigenschaft von Parenthesen generell. Sie gilt nicht für wie-und V-1-Parenthesen, sondern nur für die
so-Parenthesen.
Von den drei bisher genannten Eigenschaften von Parenthesen gilt also die dritte nicht generell. Bei der
Diskussion des syntaktischen Verhaltens der Parenthesen wird sich zeigen, daßauch das zweite genannte
Pittner: Parenthesen - 4 -

Kriterium, die strukturelle Unabhä ngigkeit vom Trä gersatz, nicht unproblematisch ist und zumindest für einen
Teil der unter "Parenthesen" subsumierten Strukturen nicht gilt.
2. Syntaktische Eigenschaften von Parenthesen
2.1 Stellung von Parenthesen
Zur Stellung von Parenthesen findet sich in den neueren Arbeiten zum Thema nur wenig, da diese sich in erster
Linie mit den kommunikativen Funktionen der Einschübe befassen. Am explizitesten ist hier Altmann (1981),
der für die Stellen, an denen Parenthesen auftreten können, den Begriff "Parenthesennische" geprä gt hat. Solche
Parenthesennischen sind nach Altmann die Stellen vor oder nach dem finiten Verb, die Satzgliedgrenzen im
3
Mittelfeld und die Position am Satzende.
Diese Auffassung mußin zweierlei Hinsicht modifiziert werden: Zum einen treten die eingeschobenen Attribute
an denselben Stellen innerhalb eines Satzglieds auf wie "normale", also nicht eingeschobene Attribute auch. Zum
anderen scheinen diese Beobachtungen für redekommentierende Einschübe (s. 3.1) gar nicht zu gelten, da diese
4
durchaus innerhalb von Satzgliedern auftreten können. Vgl. dazu die folgenden Beispiele.
Parenthese innerhalb einer Nominalphrase:
(10) Angesichts der, wie er meint, Vergeblichkeit seiner naturschützenden Aufklä rungsarbeit hat sich
Horst Stern aufs belletristische Altenteil zurückgezogen.
(11) Sicherlich ist dieser - wenn man so will - offizielle Rückblick nur ein Teil dessen, was 1992 für jeden
von uns bedeutete.
(12) [Sie] hat ganz offenbar die SPD in Hessen und die - im Vergleich zu Berlin sei es erlaubt -
Provinzialitä t Wiesbadens unterschä tzt.
(13) Es ist schon erstaunlich, wie aus dem katholischen München die - so der Spiegel - "Hauptstadt eines
schweigenden Volksbegehrens nach ganzheitlicher Besonnung" wurde.
(14) Noch öfter spreizte er Mittel- und Zeigefinger zum Victory-Zeichen, um der Welt zu zeigen, daßer
sich der - wie er sagt - "Rachejustiz" der Bundesrepublik nicht beugen will.
Parenthese innerhalb einer Prä positionalphrase:
(15) Schließlich ist für unseren Textwiedergabetext die Anhä ufung von - wie man sie nennen könnte -
textorganisierenden Verben charakteristisch. (Antos 1982:60)
(16) Einer der Berater sucht promovierte oder gar habilitierte Juristen und Ö konomen mit - so der Text
seiner Stellenanzeige - guten schriftlichen Ausdrucksformen, möglichst Publikationserfahrung.
Es ist zu vermuten, daßdiese Stellungsbesonderheit auf den metakommunikativen Charakter der
redekommentierenden Einschübe zurückzuführen ist. Diese Einschübe können sich auf einzelne Teile einer
Phrase oder einzelne Wörter beziehen. Es ist prinzipiell möglich, daßsie direkt vor dem "Bezugselement"
auftreten - ungeachtet der üblichen Konstituenten- und Satzgliedgrenzen. Und oft ist diese Stellung in der Tat
nötig, damit ihr Bezug korrekt hergestellt werden kann. Würde man die redekommentierenden Einschübe in den
obigen Beispielen verschieben, so würde sich damit ihr Bezug ä ndern, er könnte nicht mehr korrekt rekonstruiert
werden.
Auch die Stellungsmöglichkeiten von Parenthesen sind also vielfä ltiger als oft angenommen wird. Sie können
Pittner: Parenthesen - 5 -

nicht auf die Konstituenten- bzw. Satzgliedgrenzen beschrä nkt werden.


2.2 Parenthesen als skopustragende Elemente
Als Skopusträ ger oder Bereichsträ ger werden gemeinhin solche Elemente bezeichnet, die einen gewissen
semantischen Einflußbereich haben, der weitgehend durch ihre Stellung im Satz determiniert wird und sich
durch Umstellung verä ndern kann. Dazu gehören quantifizierende Ausdrücke, bestimmte Partikeln wie z.B.
Gradpartikeln (Fokuspartikeln) und die Negationspartikel nicht sowie auch bestimmte Adverbiale.
Daßder Bezug der Parenthesen in den Beispielen (10) bis (14) sich verä ndern würde, wenn sie umgestellt
werden würden, deutet darauf hin, daßes sich hier auch um Skopusträ ger handeln könnte.
Das folgende Beispiel demonstriert, daßParenthesen - zumindest teilweise - zu den Elementen gehören, die je
nach Stellung ihren Skopus verä ndern.
(17) a. Ob Bonnard ein moderner Maler sei oder, wie Picasso meinte, gerade nicht, das besch ä ftigt heute
niemanden mehr.
b. Ob Bonnard (1 wie Picasso meinte) ein moderner Maler sei, oder (2 wie Pi casso meinte) gerade
nicht, das beschä ftigt (3 wie Picasso meinte) heute niemanden mehr (4 wie Picasso meinte).
In Position 1 bezieht sich der wie-Einschub auf den ersten Teilsatz, in Position 2 auf den zweiten, in Position drei
auf den dritten. In Position 4 ist der Bezug nicht eindeutig: es können der letzte Teilsatz oder mehrere der
vorangegangenen Teilsä tze sein.
Als Bereichs- oder Skopusträ ger kann der redekommentierende Einschub mit anderen Skopusträ gern wie z.B.
der Negationspartikel interagieren.
(18) a. Kohl wird, wie die Opposition vorschlug, nicht die Steuern erhöhen.
b. Kohl wird nicht, wie die Opposition vorschlug, die Steuern erhöhen.
In (18a) liegt die Negationspartikel im Skopus des Einschubs, d.h. die Opposition hat vorgeschlagen, die Steuern
nicht zu erhöhen. (18b) ist dagegen in dieser Hinsicht nicht eindeutig. Hier kann die Negation aus der Ä ußerung
der Opposition stammen oder auch nicht.
Eindeutig ist die Interpretation immer dann, wenn die wie-Parenthese der Negationspartikel vorangeht.
(19) Wie die Opposition vorschlug, wird Kohl die Steuern nicht erhöhen.
Auch in Kombination mit anderen Skopusträ gern, wie Gradpartikeln und bestimmten Adverbialen, zeigen sich
ä hnliche Effekte:
(20) a. Wir werden auch/nur die Steuern erhöhen, wie Kohl vorschlug.
b. Wir werden ,wie Kohl vorschlug, auch/nur die Steuern erhöhen.
c. Wie Kohl vorschlug, werden wir auch/nur die Steuern erhöhen.
(21) a. Wir werden morgen, wie Eva prophezeit hat, abreisen.
b. Wir werden, wie Eva prophezeit hat, morgen abreisen.
In (20b) und (20c) gehört der durch die Gradpartikel ausgedrückte Einschlußoder Ausschlußvon Alternativen
zu Kohls Vorschlag, in (20a) dagegen nicht notwendigerweise. Ganz ä hnlich sind die Verhä ltnisse in (21): In
(21b) gehört das Temporaladverbial zu Evas Vorhersage, in (21a) dagegen nicht unbedingt.
Zur Syntax von Parenthesen ist bislang - auch aus generativer Sicht - erstaunlich wenig geschrieben worden.
Pittner: Parenthesen - 6 -

Eine Ausnahme bildet McCawley (1982). Er plä diert dafür, daßParenthesen direkt vom Satzknoten dominiert
5
werden, was auch dann gelte, wenn sie mitten im Satz erscheinen. Seiner Auffassung nach lä ßt ihr Auftreten
die ursprüngliche Konstituentenstruktur unverä ndert. Dies müßte dann aber zu einer eindeutigen Interpretation
von (18b), (20a) und (21a) führen. Die Ambiguitä t dieser Sä tze zeigt jedoch, daßder wie-Einschub auch so
interpretiert werden kann, daßbestimmte Elemente nicht in seinem Skopus sind, was in einem
Konstituentenstrukturmodell voraussetzt, daßder Einschub "tiefer" im Strukturbaum hä ngt als diese Elemente.
Die Tatsache, daß(18b) im Gegensatz zu (18a) ambig ist, was die Skopusverhä ltnisse zwischen
Negationspartikel und wie-Einschub betrifft, deutet darauf hin, daßdie c-Kommando-Verhä ltnisse nicht allein
entscheidend sind. Im Rahmen eines Grammatikmodells, das wie von Chomsky vorgeschlagen eine eigene
Ebene für die Festlegung des Skopus von Quantoren u.ä . vorsieht (die Ebene der "Logischen Form"), können
diese Ambiguitä ten durch die Möglichkeit einer Anhebung des Einschubs auf dieser Ebene erfaßt werden. Ein
entsprechender Vorschlag zur Darstellung des Skopus von Satzadverbien findet sich bei Hetland (1992). Für das
von ihr postulierte "Satzadverb-Raising" bilden CP und DP Grenzknoten (d.h. Satz- und NP-Knoten im
traditionellen Sinn), über die nicht hinwegbewegt werden kann. Zumindest ä hnlich sind auch die Verhä ltnisse
6
bei diesen Einschüben: Sie können maximal Skopus über den ganzen Teilsatz haben, in dem sie auftreten bzw.
bei DP-internem Auftreten über die ganze DP. (18a) ist demzufolge eindeutig, weil auch nach einer Anhebung
des Einschubs die Skopusverhä ltnisse gleich bleiben, in (18b) ä ndern sie sich dagegen. Hier bewirkt die Anhe-
bung, daßder Einschub Skopus über die Negation erhä lt.
In jedem Fall stellt sich jedoch die Frage, ob diese Einschübe tatsä chlich syntaktisch unabhä ngig vom
umgebenden Satz sind, da der Skopus von Elementen nach weitverbreiteter Auffassung durch ihren Platz in der
7
Konstituentenstruktur bestimmt wird. Daßder Skopus der wie-Einschübe sich mit ihrer Position im Satz ä ndert,
lä ßt also nur den Schlußzu, daßer durch den Platz in der Konstituentenstruktur bestimmt wird, was wiederum
8
voraussetzt, daßdiese Einschübe einen Platz in der Konstituentenstruktur haben. Hierbei handelt es sich jedoch
um eine Besonderheit der wie-Einschübe, bei so- und V-1-Parenthesen finden sich keine vergleichbaren Effekte.
Von einer strukturellen Unabhä ngigkeit vom umgebenden Satz kann bei den wie-Einschüben daher nicht die
Rede sein oder es müßte dann zumindest prä zisiert werden, was noch damit gemeint sein soll.
2.3 Das syntaktische Verhä ltnis zum Trä gersatz
Die Antwort auf das syntaktische Verhä ltnis der parenthetischen Einschübe zum Trä gersatz fiel bislang meistens
sehr vage aus. Von den Grammatiken wird es zwischen Koordination und Subordination angesiedelt.
Heidolph/Flä mig/Motsch (1981:293) vermerken, daßParenthesen als attributive Erweiterungen von
Nominalphrasen auftreten können und stellen fest: "Solche Parenthesen haben sehr unterschiedliche Formen und
sehr unterschiedliche Beziehungen zum Matrixsatz." An anderer Stelle werden sie nur wenig konkreter: Wie die
asyndetische Verbindung sei die parenthetische Eingliederung "nicht im strikten Sinn parataktisch", "aber auch
nicht als rein hypotaktisch anzusehen" (1981:190). Ä hnlich ambivalent sieht Heringer (1988:774) das Verhä ltnis
zwischen Parenthese und Trä gersatz, nä mlich als "Mischform zwischen Koordination und Subordination".
Daßdie Antwort so vage ausfä llt, mag daran liegen, daßdie Frage nach den syntaktischen Beziehungen der
Parenthesen zum Restsatz von der falschen Voraussetzung ausgeht, daßes "die Parenthese" als einheitliches
Pittner: Parenthesen - 7 -

Phä nomen gibt. Ein weiterer Grund kann natürlich sein, daßdas Thema in den erwä hnten Grammatiken nur am
Rande gestreift wird und keine Daten diskutiert werden, die Hinweise über die syntaktischen Beziehungen der
Parenthesen zum Trä gersatz geben könnten.
Ein Eigenschaft, die in dieser Hinsicht aufschlußreich sein kann, ist das Verhalten der Parenthesen bezüglich
Bindung. In der Literatur wird diese Eigenschaft von verschiedenen Autoren untersucht, allerdings mit sehr
unterschiedlichen Ergebnissen: Tappe (1981) und Grewendorf (1988) finden Hinweise auf ein Verhalten der
Parenthesen als subordinierte Strukturen, Haider (1993a) stellt Matrixsatz-Eigenschaften der Parenthesen fest.
Nach Prinzip C der Bindungstheorie müssen referentielle Ausdrücke frei sein, d.h. sie dürfen nicht mit einem sie
c-kommandierenden Ausdruck koindiziert, also referenzidentisch sein. Ein Pronomen im Nebensatz kann als mit
einem referentiellen Ausdruck im Matrixsatz koreferent interpretiert werden. Ein referentieller Ausdruck im
Nebensatz kann dagegen nicht mit einem Ausdruck im Matrixsatz koindiziert sein, wie die folgenden Beispiele
illustrieren:
(22) a. Hans hat gesagt, daßer kein Geld hat.
i i
b. Daßer kein Geld hat, hat Hans gesagt.
i i
c. *Er hat gesagt, daßHans kein Geld hat.
i i
d. *DaßHans kein Geld hat, hat er gesagt.
i i
Allerdings lä ßt sich beobachten, daßsich in dieser Hinsicht nicht alle Nebensä tze gleich verhalten, da manchmal
auch die Abfolge eine Rolle spielt:
(23) a. *Er hat ein Schnitzel gegessen, weil Peter Hunger hatte.
i i
b. Weil Peter Hunger hatte, hat er ein Schnitzel gegessen.
i i
Adverbialsä tze verhalten sich hier anders als Subjekt- und Objektsä tze. Haider (1993b:175) schrä nkt die
Gültigkeit von Prinzip C daher auf Argumente ein.
Von verschiedenen Autoren wurde beobachtet, daßsich die mit so eingeleiteten Parenthesen wie auch die V-1-
9
Parenthesen bezüglich Bindung wie Matrixsä tze verhalten (Mrotzek 1991, Haider 1993a:188). Die folgenden
Beispiele von so-Einschüben verhalten sich in dieser Hinsicht wie die Matrixsä tze in (22):
(24) a. Er hat, so meint Hans , kein Geld.
i i
b. *Hans hat, so meint er , kein Geld.
i i
Allerdings ist auch das wieder keine Eigenschaft von Parenthesen generell, wie ein Vergleich mit wie-
Einschüben zeigt, die sich in dieser Hinsicht eher wie Nebensä tze verhalten:
(25) a. *Er hat kein Geld, wie Hans meinte.
i i
b. *Wie Hans meinte, hat er kein Geld.
i i
Tappe (1981), der diese Eigenschaft bei den wie-Einschüben beobachtet, zieht sie als Argument dafür heran, daß
die Strukturen vom Typ wer glaubst du hat recht nicht als Parenthese-Konstruktionen erklä rt werden können, da
sich parenthetische Einschübe bezüglich Bindung anders verhalten. Tappe geht jedoch anscheinend von der
Annahme aus, daßsich alle Parenthesen gleich verhalten und übersieht dabei, daßdie so-Einschübe bezüglich
Bindung andere Eigenschaften haben. Zur Abgrenzung der Extraktions-Konstruktionen von Konstruktionen mit
parenthetischem so- bzw. V-1-Einschub ist dieses Kriterium daher nicht geeignet, da die erwartete Umkehrung
Pittner: Parenthesen - 8 -

der Bindungsverhä ltnisse zwischen Extraktions- und parenthetischer Konstruktion gar nicht stattfindet. In dieser
10
Hinsicht verhalten sich beide Konstruktionstypen vielmehr gleich.
(26) a.*Wen sagt er , hat Otto gesehen?
i i
b. Wen sagt Otto , hat er gesehen?
i i
(27) a. *Wie gedenke Karl , so fragte sie ihn , den Abend zu verbringen?
i i
b. Wie gedenke er , so fragte sie Karl , den Abend zu verbringen?
i i
Schon ein Vergleich des syntaktischen Verhaltens der so- und der wie-Einschübe bezüglich Bindung zeigt, daß
die Frage, ob Parenthesen sich eher wie Matrix- oder wie subordinierte Sä tze verhalten, falsch gestellt ist. Die
unterschiedlichen Ergebnisse von Tappe (1981) und Grewendorf (1988) einerseits und Haider (1993a)
andererseits rühren also vor allem daher, daßTappe wie-Einschübe, Haider jedoch so-Einschübe und V-1-
Parenthesen berücksichtigt. Das heterogene Verhalten der verschiedenen Einschübe deutet darauf hin, daßden
Parenthesen keine einheitliche syntaktische Charakteristik zukommt.
Wenn man die in diesem Abschnitt und die in 1.3 gewonnenen Ergebnisse zusammenfaßt, so ergibt sich, daßV-
1-Parenthesen sich hinsichtlich Pronominalisierung und Ü bereinstimmung im Illokutionstyp nicht von
Extraktionsstrukturen unterscheiden, wie Tappe nachzuweisen suchte. Tappe ging dabei davon aus, daßalle
Parenthesen ein syntaktisch einheitliches Verhalten aufweisen, was durch einen Vergleich der von ihm
herangezogenen so- und wie-Parenthesen widerlegt wird. Die folgende Tabelle gibt eine Ü bersicht über die
11
verschiedenen Parenthesen und deren unterschiedliche Eigenschaften in diesen Punkten:
Extraktion und wie-Parenthese so-Parenthese
Eigenschaften V-1-Parenthese
Matrixsatzverhalten
bezüglich Bindung + - +
Ü bereinstimmung - - +
im Illokutionstyp
Die Abgrenzung von Extraktionskonstruktionen zu Parenthese-Konstruktionen ist also neu zu überdenken, da die
bisher vorgebrachten Argumente die erforderliche Abgrenzung nicht zu leisten vermögen.
2.4 Parenthese oder Extraktion?
Wenn man eine Parenthese-Analyse für die Konstruktionen des Typs wer glaubst du hat recht nicht ausschließen
kann - und alle Argumente dagegen scheinen einer nä heren Betrachtung nicht standzuhalten - dann könnte man
erwarten, daßdie beiden unterschiedlichen Analysemöglichkeiten - Parenthese und Extraktion - auch
unterschiedliche Interpretationen liefern. Wenn man also eine systematische Ambiguitä t finden könnte, die mit
den beiden unterschiedlichen Strukturen einhergeht, wä re das ein Hinweis darauf, daßtatsä chlich zwei
verschiedene Strukturen existieren. Ein Satz wie (28) ist jedoch völlig eindeutig.
(28) Wer glaubst du hat recht?
Dieser Satz weist eine Lesart auf: Es handelt sich um eine Frage nach einer subjektiven Einschä tzung des
Angesprochenen. Die Wortfolge glaubst du kommt hier in ihrer semantischen Wirkung einem Satzadverbial wie
deiner Meinung nach o.ä . sehr nahe.
Folgender Satz ist dagegen tatsä chlich ambig, und zwar unabhä ngig davon, ob die Parenthese vor dem Finitum
Pittner: Parenthesen - 9 -

steht (wo man auch Extraktion annehmen könnte) oder an einer anderen Stelle im Satz:
(29) a. Wer sagte Anna hat recht
b. Wer hat recht sagte Anna
In einer der Lesarten beinhaltet der Satz eine Redewiedergabe: Anna mußeine gleich- oder ä hnlichlautende
Frage gestellt haben (Interpunktion wie in 30a'). In der anderen Lesart handelt es sich um eine Frage nach dem
Inhalt einer Ä ußerung von Anna. Die aktuelle Sprechhandlung ist eine Frage, die Ä ußerung, nach der gefragt
wird, dagegen eine Aussage (Interpunktion wie in 30a'').
(30) a. Wer hat recht sagte Anna
a'. "Wer hat recht?", sagte Anna.
a''. Wer hat recht, sagte Anna?
Wer sich daran stört, daßhier das Verb sagen mit einer Frage kombiniert wird (das ist möglich, wenn man den
Ä ußerungsakt als solchen wiedergibt und auf die spezielle Illokution keinen Wert legt), kann folgendes Beispiel
vergleichen:
(31) a. Wer hat recht fragte Anna
a'. "Wer hat recht?", fragte Anna.
a''. Wer hat recht, fragte Anna?
(Anna könnte z.B. gefragt haben: Hat Hans recht?)
Hier besteht dieselbe Ambiguitä t zwischen Redewiedergabe (31a') und der Frage nach dem Inhalt einer
Ä ußerung von Anna (31a'').
Die vermeintlichen Extraktionsstrukturen sind ambig (sofern sie ein verbum dicendi enthalten), doch beide
Lesarten finden sich in zweifelsfreien Parenthese-Konstruktionen. Die Ambiguitä t kann also nicht auf
Parenthese- vs. Extraktionsanalyse zurückgeführt werden.
Zweifel an Extraktionsanalysen schürt auch das Verb fragen. Für das Verb fragen sollte eine Extraktionsanalyse
völlig ausgeschlossen sein:
(32) Wen, fragte sie, kennst du schon lange?
Das Verb fragen lä ßt keine V-2-Komplemente zu und kann daher auch keine entsprechende Extraktion zulassen.
Voraussetzung für die Extraktion aus einem V-2-Satz ist ja, daßdas entsprechende Verb überhaupt ein V-2-
Komplement zulä ßt. Demnach sind entsprechende Strukturen mit fragen immer als Parenthesen zu erklä ren.
Wenn dies generell richtig ist, dann hat man neben der Verschiebbarkeit von Parenthesen ein weiteres Kriterium,
um Parenthese- von Extraktionskonstruktionen zu unterscheiden. Wenn sich nä mlich das Verb fragen in eine
zweifelhafte Konstruktion einbauen lä ßt, hat man damit nachgewiesen, daßdie Parenthese-Analyse nicht
ausgeschlossen ist.
Wie ich versucht habe zu zeigen, sind bis jetzt keine zwingenden Gründe gegen eine Parenthese-Analyse
vorgebracht worden. Es ist daher sehr sinnvoll, sich für Daten, die unter einer Extraktionsanalyse sehr schwierig
zu erklä ren sind, noch einmal die Parenthese-Lösung überlegen. Ein Problem für Extraktionsanalysen besteht
darin, daßzwar eine Extraktion durch mehrere Sä tze hindurch möglich ist (33b), aber keiner dieser Sä tze ein
subordinierendes Element enthalten darf (33a). Diese Restriktion, die unter einer Extraktionsanalyse sehr
Pittner: Parenthesen - 10 -

schwierig zu erklä ren ist (s. dazu Staudacher 1990, Müller/Sternefeld 1990, Haider 1993a), ergibt sich aus einer
Parenthese-Analyse von selbst.
Die Wortfolgen sagte sie und glaubte er in (33b) weisen alle Eigenschaften von Parenthesen auf: Sie sind jeweils
verschiebbar (illustriert in 33b' und 33b'') und die Verben können jeweils durch fragen ersetzt werden (33b'''),
vgl. hingegen (33a') und (33a''). Diese Eigenschaften können durch eine Extraktionsanalyse nicht adä quat erfaßt
werden, sie sprechen für eine Parenthese-Analyse.
Unter dieser Analyse lä ßt sich eine ganz einfache Voraussage machen, nä mlich daßalle diese Sä tze so gut oder
so schlecht sind wie die entsprechenden umrahmenden Sä tze ohne die Parenthesen. (33a) ist ohne die Wortfolge
sagte sie ungrammatisch, wenn dagegen in (33b) die beiden Parenthesen wegfallen, ist der Restsatz
grammatisch.
(33) a. *Wer sagte sie, daßer glaube, könne ihm da noch helfen?
a'. *Wer daßer glaube, könne ihm da noch helfen, sagte sie?
a.'' *Wer fragte sie, daßer glaube, könne ihm da noch helfen?

b. Wer sagte sie, glaube er, könne ihm da noch helfen?


b'. Wer glaube er, könne ihm da noch helfen, sagte sie?
b''. Wer sagte sie, könne ihm da noch helfen, glaube er?
b'''. Wer sagte/fragte sie, glaube/frage er, könne ihm da noch helfen?
Mein Fazit ist also, daßes sich bei den fraglichen Konstruktionen um Parenthese-Konstruktionen handelt, wofür
nicht zuletzt auch die allgemein übliche Zeichensetzung spricht.
Die Argumentation für eine Extraktionsanalyse, wie sie im wesentlichen auf Tappe (1981) zurückgeht, basierte
auf der Annahme, daßsich alle von ihm berücksichtigten Parenthesetypen, so-, wie- und V-1-Parenthesen, gleich
verhalten müßten. Berücksichtigt man dagegen das unterschiedliche syntaktische Verhalten der verschiedenen
Parenthesetypen, so zeigt sich, daßV-1-Parenthese-Konstruktionen dieselben Eigenschaften aufweisen wie die
Konstruktionen, die als Ergebnis von Extraktion aufgefaßt werden.

Wie sich in diesem Abschnitt zeigte, gehören zu den Parenthesen sowohl Strukturen, die sich eher wie
Hauptsä tze, als auch solche, die sich eher wie Nebensä tze verhalten, explizit koordinierte Elemente sowie
solche, die überhaupt nicht als Teil des umgebenden Satzes beschrieben werden können.
Da es hier nicht das Ziel ist, die Vielfalt der Parenthesen und deren syntaktische Eigenschaften zu beschreiben,
sollen hier nur noch einige Beispiele gegeben werden. Schon erwä hnt wurde, daßsich so- und V-1-Parenthesen
wie Matrixsä tze verhalten, mit wie eingeleitete Parenthesen dagegen wie Nebensä tze. (34) enthä lt eine
Parenthese, die explizit koordiniert ist, (35) eine Parenthese, die gar nicht als Teil des umgebenden Satzes
beschrieben werden kann.
(34) Zum Erkenntnis-Set von Heide Pfarr gehört - und das war wohl das eigentlich Verhä ngnisvolle -
außerdem nicht, daßman in der Politik Seilschaften bilden muß.
(35) Die Entscheidung ließen sich die Köchinnen (damals gab es noch keine Hobbyköche und
Pittner: Parenthesen - 11 -

Hausmä nner) nicht von einem Kochbuch vorschreiben.


Hier sollte aufgezeigt werden, daßder Begriff "Parenthese" keine syntaktisch homogene Erscheinung
bezeichnet. Im folgenden soll dafür argumentiert werden, daßes sich bei den Parenthesen um ein Phä nomen
handelt, das primä r auf der Ebene der Informationsstruktur von Texten anzusiedeln ist.
3. Parenthesen und Textstruktur
Nachdem sich gezeigt hat, daßParenthesen keine einheitliche syntaktischen Eigenschaften aufweisen, sollen die
Möglichkeiten ausgelotet werden, sie als eine bestimmte Form der Textstrukturierung zu charakterisieren. Dabei
sollen drei in der Literatur erwä hnte Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, nä mlich erstens, daß
Parenthesen generell metakommunikative Einheiten sind, zweitens daßsie auf der Ebene der Illokutionsstruktur
oder drittens daßsie auf der Ebene der Informationsstruktur von Texten einheitlich charakterisiert werden
können.
3.1 Parenthesen als metakommunikative Einheiten
Bayer (1973) geht davon aus, daßalle Parenthesen auf einer anderen Kommunikationsebene als die umgebenden
Sä tze fungieren; sie dienen der Gliederung und Organisation der Kommunikation und können dazu beitragen, die
Situation zur Erreichung eines optimalen Kommunikationseffekts zu steuern. Diese Funktion erfüllen sie in
zweifacher Hinsicht: Zum einen kann ihre Funktion primä r kontaktbezogen sein, d.h. sie dienen dazu, den
Kontakt zum Adressaten herzustellen und aufrechtzuerhalten. Zum anderen treten sie in kommentierender
Funktion auf, wobei sich dieser Kommentar entweder auf die Nachrichtenform, den Inhalt der Nachricht oder
aber das verwendete Zeichensystem beziehen kann (Bayer 1973: 98).
DaßParenthesen "auf einer anderen Kommunikationsebene" als die umgebenden Sä tze fungieren, kann jedoch
nicht generell gelten, da es durchaus Einschübe gibt, die auf derselben propositionalen Ebene stehen wie die
umgebenden Sä tze. Diese "propositionalen Einschübe" fügen der Proposition des Satzes zusä tzliche Information
hinzu: Sie enthalten entweder eine eigene Proposition, die die Proposition des umgebenden Satzes kommentiert
oder ergä nzt oder Elemente, die die Proposition des umgebenden Satzes ergä nzen, vgl. die folgenden Beispiele:
(36) Das waren Ereignisse, die - manchmal auch nur für wenige Tage - für Schlagzeilen sorgten.
(37) Wir haben für diesen Bereich der Strukturbildung - im Anschlußan Bierwisch (1980) - die
Bezeichnung Ä ußerungsbedeutungsstruktur gewä hlt.
(38) Diese - durch zahlreiche Forschungsansä tze gesicherte - Erkenntnis nimmt auch dort einen zentralen
Platz ein.
(39) Denn nicht zuletzt liegt es - auch - daran, wie wir Sachen anpacken, wie wir mit unserem Leben
umgehen.
(40) Hans, ein guter Esser, langte krä ftig zu.
(41) Für uns (West-)Deutsche ist das ganz selbstverstä ndlich.
Bayers Beobachtung gilt nur für die Parenthesen bzw. Einschübe, die hier als "redekommentierend" und
"kontaktbezogen" bezeichnet werden. Zu den kontaktbezogenen Einschüben gehören im wesentlichen
Anredenominative und Interjektionen, die der Gesprä chssteuerung dienen. Sie sollen im folgenden
12
unberücksichtigt bleiben.
Pittner: Parenthesen - 12 -

Wä hrend die propositionalen Einschübe eine Erweiterung der inhaltlichen Information eines Satzes darstellen,
geben die redekommentierenden Einschübe nicht zusä tzliche propositionale Informationen, sondern
kommentieren die Ä ußerungen als solche. Man kann sie daher auch "metasprachlich" oder "metakommunikativ"
nennen.
Redekommentierende Einschübe können auftreten
· mit Bezug auf die Illokution: die Bedingungen für die Ä ußerung selbst werden thematisiert.
(42) Wo bist du denn, wenn ich fragen darf, so lange gewesen?
13
· als Kommentar zur Formulierung: hier wird die konkrete Wortwahl kommentiert. In (43) begründet
der Sprecher die Wahl eines bestimmten Wortes, ebenso in (44) und (45), wo der Sprecher jeweils die Wahl
eines bestimmten Wortes mit deutlich negativen Konnotationen kommentiert.
(43) Natürlich (um auch einmal ein natürlich zu riskieren) sind Hauscheids Kalendergeschichten Parodien.
(44) Ich wünsche dieser Ziege (ich mußsie so nennen, das macht mir Luft!) alles, nur nichts Gutes.
(45) [Sie] hat ganz offenbar die SPD in Hessen und die - im Vergleich zu Berlin sei es erlaubt -
Provinzialitä t Wiesbadens unterschä tzt.
· als Redeeinleitung zu (direkt oder indirekt) wiedergegebenen Ä ußerungen
(46) Asylbewerbern, so ihr Vorschlag, könnte die Sozialhilfe durchaus um 25 Prozent gekürzt werden.
(47) Der Minister hat, wie gestern verlautete, von der ganzen Sache nichts gewußt.
Auch Redeeinleitungen können zu den redekommentierenden Einschüben gerechnet werden, da der Sprecher
durch sie den Inhalt seiner eigenen Ä ußerung als den einer anderen Ä ußerung (in der Regel eines anderes
Sprechers) kennzeichnet.
· Verweis auf andere Ä ußerungen
(48) Dieser Schlußist, wie wir oben bereits erwä hnten, nicht ganz richtig.
(49) Diese These ist - und das wird unten noch auszuführen sein - in der Form nicht haltbar.
Redekommentierende Einschübe können auf Ä ußerungen in demselben Text verweisen, und dienen dann der
Textorganisation14 bzw. der Verbesserung der Textkohä renz oder sie stellen einen Bezug zu anderen
Ä ußerungen in anderen Texten oder Situationen her.
Wie in diesem Abschnitt gezeigt wurde, haben Parenthesen also nur teilweise metakommunikative Funktionen,
da sie auch auf derselben propositionalen Ebene stehende Informationen enthalten können. Auch in der
"Metakommunikativitä t" liegt daher keine allgemeingültige Eigenschaft von Parenthesen.
3.2 Parenthesen und Illokutionsstruktur
Wä hrend sich die Sprechakttheorie ursprünglich fast ausschließlich mit den Illokutionen einzelner Sä tze
beschä ftigte, gab es spä ter Bestrebungen, das Konzept der Sprachhandlung und der Illokution auch für die
Beschreibung von Textstrukturen fruchtbar zu machen. Eine Grundannahme hierbei ist, daßTexte komplexe
sprachliche Handlungen darstellen, die sich aus einer Abfolge von Teilhandlungen zusammensetzen. Eine
weitere Annahme bei der Beschreibung der Illokutionsstruktur von Texten ist, daßIllokutionen nicht einfach
gleichwertig aneinandergereiht werden, sondern hierarchisch geordnet sind. In jeder Sprechhandlungssequenz
und damit in jedem Text gibt es mindestens eine Illokution, die eine dominierende Rolle spielt, wä hrend andere
Pittner: Parenthesen - 13 -

Illokutionen eher stützende Funktion haben und die erfolgreiche Ausführung einer dominierenden Illokution
sichern sollen. Eine solche stützende Funktion haben z.B. Begründungen, die für eine Bitte vorgebracht werden
15
u.ä ..
Bassarak (1987) untersucht die kommunikativen Funktionen von Parenthesen, wobei er vor allem satzförmige
Parenthesen berücksichtigt. Er geht davon aus, daßdie Einschübe eigene Illokutionen aufweisen, was sich u.a.
darin zeigt, daßeingeschobene Sä tze einen anderen Satzmodus aufweisen können als ihre Trä gersä tze.
(50) Diese Gesellschaft - wer kann sich an alle Gä ste erinnern? - feierte ziemlich lautstark.
Ein Ergebnis von Bassaraks Untersuchung ist, daßdie in Parenthesen ausgeführten Sprechhandlungen
durchwegs Nebenhandlungen sind, d.h. sie sind weniger wichtig als die im umgebenden Satz ausgeführte
Sprechhandlung und sie dienen dazu, diese zu stützen und deren Erfolg zu sichern.
Bei den Nebenhandlungen unterscheidet Bassarak koordinierte und subsidiä re illokutive Handlungen.
Koordinierte Handlungen stellen eine zusä tzliche Prä dikation zu einer NP im Trä gersatz dar und sind oft sogar
explizit koordinativ verknüpft. Subsidiä re Handlungen hingegen stützen den Erfolg der dominierenden
illokutiven Handlung. Sie sollen die intendierte Hörerreaktion herbeiführen, indem sie verstehens-, motivations-
und ausführungsstützend wirken (Bassarak 1987: 168ff.).
Da jedoch nicht alle Einschübe satzförmig sind, sondern auch einzelne Satzglieder, Wörter, ja sogar einzelne
Morpheme eingeschoben auftreten können, stellt sich die Frage, ob Bassaraks Beschreibung der
kommunikativen Funktion von Parenthesen nicht auf alle Einschübe anwendbar ist. Wenn auch (noch) keine
völlige Einigkeit darüber besteht, welche sprachlichen Einheiten eine eigene Illokution aufweisen können, so ist
die am weitesten verbreitete Meinung, der ich mich hier anschließen möchte, die, daßdiese Einheit in der Regel
der selbstä ndige Satz ist. Es spricht nichts dafür, daßdie Einschübe in (36) - (41) eigenstä ndige Illokutionen
darstellen.
Allerdings kann man einwenden, daßdie Parenthesen durch ihre besondere intonatorische Markierung insofern
"illokutionsfä hig" sind, als sie auch ein eigenes, vom Trä gersatz verschiedenes Tonmuster aufweisen können.
Das gilt auch für die kleinsten einschiebbaren Einheiten, einzelne Wörter und Morpheme.
(51) Denn nicht zuletzt liegt es - auch? - daran, wie wir Sachen anpacken.
(52) Für uns (West?-)Deutsche ist das ganz selbstverstä ndlich gewesen.
Daßeinzelne Wörter oder Wortteile ein eigenes Tonmuster aufweisen, dürfte jedoch eher einen Ausnahmefall
darstellen. Auch andere illokutive Indikatoren, wie performative Formeln, bestimmte Partikeln und die
Wortstellung, entfallen hier weitgehend. Es erscheint daher nicht sehr sinnvoll, anzunehmen, daßdurch die
Parenthese-Markierung generell eine zweite Illokution ins Spiel kommt, also z.B. zwei Aussagen gemacht
werden. Vielmehr wird innerhalb einer Illokution durch die Parenthesemarkierung eine andere
Informationsgewichtung hergestellt.
Parenthesen können also eigene Illokutionen beinhalten, sie müssen es jedoch nicht, da auch zahlreiche
sprachliche Einheiten parenthetisch eingeschoben sein können, die keine eigene Illokution beinhalten. Auch auf
der Ebene der Illokutionsstruktur von Texten lassen sich Parenthesen also nicht einheitlich charakterisieren.
3.3 Parenthesen und Informationsstruktur
Pittner: Parenthesen - 14 -

Von verschiedenen Autoren wird angenommen, daßes neben der Illokutionsstruktur eines Textes noch eine
Ebene der Informationsstruktur gibt (z.B. Brandt 1990, Brandt/Rosengren 1991). W ä hrend die
Illokutionsstruktur als Basiseinheit die Illokution hat und die Illokutionen und deren Beziehungen untereinander
beinhaltet, ist die Basiseinheit der Informationsstruktur die Informationseinheit. Als Informationseinheit gelten
16
dabei diejenigen Einheiten eines Textes, die eine eigene Fokus-Hintergrund-Gliederung aufweisen. Die Ebene
der Informationsstruktur stellt in gewisser Weise das globale Gegenstück zur Informationsgewichtung in kleinen
Einheiten durch die Fokus-Hintergrund-Gliederung dar. Wie innerhalb eines Satzes oder kleineren Einheiten
bestimmte Elemente hervorgehoben werden können, wä hrend andere in den Hintergrund treten, so spielen auch
auf Textebene bestimmte Informationen eine wichtigere Rolle als andere. In der Beschreibungsebene
"Informationsstruktur" wird also eine bestimmte Form der Textstrukturierung erfaßt. Die Einführung dieser
Textebene ist im wesentlichen dadurch motiviert, daßes Einheiten gibt, die zwar eine eigene Fokus-
Hintergrund-Gliederung aufweisen, jedoch keine eigenstä ndigen Illokutionen darstellen, so daßsie auf der
Ebene der "Illokutionsstruktur" nicht adä quat erfaßt werden können (s. dazu ausführlicher Brandt 1990 und
1994). Für diese Einheiten wird der Begriff der "Informationseinheit" verwendet.
Der Begriff der Informationseinheit findet sich auch schon bei Pheby (1981). Das Korrelat der
17
Informationseinheit auf der intonatorischen Ebene ist ihm zufolge (1981:865) die sogenannte Tongruppe. Eine
Tongruppe kann durch linguistische Pausen davor und danach gekennzeichnet sein, mußes aber nicht.
Entscheidend für ihre Definition ist vielmehr, daßinnerhalb der Tongruppe nur ein Tonmuster auftreten kann
(fallend, steigend oder gleichbleibend) und nur eine Tonsilbe, auf der das Tonmuster realisiert wird. Der
Tonsilbe entspricht der Informationsschwerpunkt (oder Fokus). Eine Tongruppe enthä lt somit nur einen
Informationsschwerpunkt, d.h. nur eine Fokus-Hintergrund-Gliederung.
Ein einfacher Satz kann dabei eine Informationseinheit beinhalten oder mehrere. Auch komplexe Sä tze können
entweder eine oder mehrere Informationseinheiten beinhalten. Vgl. dazu die folgenden Beispiele (// kenn-
zeichnet die Grenzen der Informationseinheiten):
(53) a. //Wir möchten mit dem Zug fahren, der nicht so voll ist.//
b. //Wir möchten mit dem Zug fahren,// der nicht so voll ist.//
Hier bewirkt die unterschiedliche Informationsgliederung den Unterschied zwischen einem restriktiven und
einem nicht-restriktiven Relativsatz. In Satz (53a), der eine Informationseinheit enthä lt, ist der Relativsatz
restriktiv, wä hrend er in Satz (53b), der zwei Informationseinheiten enthä lt, nicht-restriktiv ist.
Die intonatorische bzw. graphematische Kennzeichnung der Einschübe spricht also dafür, daßdiese eigene
18
Informationseinheiten darstellen. Daher gehe ich mit Brandt (1990) davon aus, daßdie Einschübe auf der
Ebene der Informationsstruktur eigene Informationseinheiten darstellen. Dadurch, daßbestimmte Elemente als
Einschub gekennzeichnet sind, werden sie als eigene Informationseinheiten gewichtet.
In Ansä tzen ist diese Erkenntnis auch in der traditionellen Auffassung enthalten, daßEinschübe
19
"Nebengedanken" oder "Zwischengedanken" beinhalten. Wenn Sä tze eingeschoben auftreten, werden sie
dadurch als weniger wichtige Informationen gekennzeichnet. Hier bedeutet der Einschub also eher eine
Abwertung des Gewichts der Information gegenüber dem frei vorkommenden, selbstä ndigen Satz. Wie die
Pittner: Parenthesen - 15 -

Illokutionen sind auch die Informationseinheiten in einem Text nicht gleichwertig, es gibt Haupt- und
Nebeninformationen. Ein eingeschobener Satz enthä lt eine Nebeninformation.
Den Begriff der "Nebeninformation" versucht Brandt (1994:28f.) anhand eines Ansatzes zur Textbeschreibung
von Klein/V. Stutterheim (1992) zu prä zisieren. Die beiden genannten Autoren gehen davon aus, daßein Text
eine Antwort auf eine reale oder fiktive Frage, die sog. "Quaestio", darstellt. Durch diese Quaestio ist einerseits
vorgegeben, welche Informationen im Text gegeben werden müssen, andererseits ergeben sich daraus auch
gewisse Beschrä nkungen für die Anordnung der Informationen. Anhand der Quaestio lä ßt sich in Texten eine
"Hauptstruktur" und eine "Nebenstruktur" unterscheiden. Zur Hauptstruktur eines Textes gehören Informationen
mit direktem Bezug auf die Quaestio, wä hrend die Nebenstruktur "zusä tzliche, referentiell an die Hauptstruktur
angebundene Informationen" beinhaltet (Brandt 1994:28).
Als Nebeninformationen betrachtet Brandt die Informationen, "die nicht durch die Quaestio eines Textes
festgelegt sind, sondern [...] im Laufe des Textherstellungsprozesses hinzukommen und sich im Normalfall auf
einzelne Informationen der Hauptstruktur beziehen". (Brandt 1994:29)
DaßParenthesen Nebeninformationen enthalten, bedeutet nun nicht, daßsie generell weniger wichtig sind als
entsprechende nicht parenthetisch markierte Einheiten. Parenthetisch eingeschobene Sä tzen haben zwar in der
Regel weniger Gewicht als eingeschobene Sä tze, die nicht eingeschoben sind. Bei den nicht-satzförmigen
Einschüben hat die Kennzeichnung als Nebeninformation jedoch eine andere Wirkung. Werden einzelne Wörter
oder Phrasen, die ja normalerweise Teil einer größeren Informationseinheit sind, als Einschub gekennzeichnet,
so werden sie dadurch zu einer eigenen Informationseinheit aufgewertet. Dadurch entsteht manchmal der
Eindruck der Hervorhebung.
Damit soll aber selbstredend nicht gesagt werden, daßparenthetische Einschübe die einzige Möglichkeit sind,
bestimmte Informationseinheiten als Nebeninformation zu kennzeichnen. Auch Exkurse, die z.B. durch ü brigens
oder nebenbei gesagt eingeleitet sind, haben ganz klar den Status von weniger wichtigen Informationen.
Selbstä ndige Sä tze, die nicht innerhalb eines Trä gersatzes auftreten, können z.B. durch Einklammerung als
Nebeninformation gekennzeichnet sein. Die Parenthesen erfordern jedoch, wie Bassarak (1987:175) bemerkt,
weniger kommunikationstechnischen Aufwand als z.B. ein Exkurs, bei dem "hinterher die Referenzsträ nge der
Haupthandlung neu gesetzt bzw. explizit wiederaufgenommen werden müssen."
Um Parenthesen von anderen Formen der Nebeninformationen abzugrenzen, engt Brandt (1990) den Parenthese-
Begriff auf in andere Informationseinheiten eingeschobene Nebeninformationen ein. Damit wird die Möglichkeit
satzinitialer und satzfinaler Parenthesen ausgeschlossen. Für Parenthesen, die die Form selbstä ndiger Sä tze
haben, ist eine solche Einschrä nkung notwendig, da man andernfalls parenthetisch eingeschobene Sä tze nicht
von aneinandergereihten Sä tzen unterscheiden könnte. Doch für bestimmte redekommentierende Einschübe ist
dies zu restriktiv, da es nachgestellte V-1-Parenthesen sowie auch vorangestellte "parenthetische Adverbiale" mit
der entsprechenden intonatorischen Markierung gibt:
(54) Er werde sich das noch mal überlegen, sagte Peter.
(55) Um es noch einmal deutlich zu sagen: Ich mache da nicht mehr mit.
Satzinitiale und satzfinale Parenthesen, die nicht die Form selbstä ndiger Sä tze aufweisen, sollten daher nicht
Pittner: Parenthesen - 16 -

ausgeschlossen werden.
Es scheint auch nicht für alle redekommentierenden Einschübe notwendig zu sein, daßsie intonatorisch deutlich
abgegrenzt werden, eine eigene Fokus-Hintergrund-Gliederung aufweisen, und somit eine eigene
Informationseinheit darstellen. Zumindest wie- und V-1-Einschübe können auch intonatorisch in den Trä gersatz
20
integriert und somit Teil einer größeren Informationseinheit sein. Auch Brandt (1993) weist darauf hin, daßes
öfters im Ermessen des Lesers/Hörers liegt, ob er eine Einheit intonatorisch abgegrenzt und somit als eigene
Informationseinheit oder als Teil einer größeren Informationseinheit auffassen will. Es gibt hier durchaus
Ü bergansbereiche, wo die Gliederung zu Informationseinheiten überhaupt oft nicht aus der Intonation bzw.
Interpunktion alleine ersichtlich ist, sondern sich erst aus dem sprachlichen Kontext und dem Vorwissen des
Lesers ergibt.
Wie ist es aber zu erklä ren, daßbestimmte Einschübe (V-1- und wie-Einschübe) intonatorisch in den Satz
integriert sein können? M.E. nä hern sich diese Parenthesen in ihrer Funktion den Satzadverbialen bzw.
"Sprechakt-Adverbialen" an (s. dazu ausführlicher Pittner 1994a). Schon Jackendoff (1972) weist auf die
Gemeinsamkeiten zwischen bestimmten Typen von Parenthesen und Satzadverbialen hin, die u.a. darin
bestehen, daßbeide die umgebenden Sä tze als Argumente nehmen. Auch die Skopusphä nomene sowie die
mögliche Vorfeldstellung der wie-Einschübe stellen eine Gemeinsamkeit mit den Satzadverbialen dar. Nach der
hier vertretenen Definition der Parenthesen sind diese Elemente also nur dann parenthetisch eingeschoben, wenn
sie entsprechend intonatorisch abgegrenzt sind.
Wä hrend bestimmte Elemente schon deswegen als Einschübe zu erkennen sind, weil sie nicht Teil des
umgebenden Satzes sein können, ist bei den Typen von Parenthesen, die als Teil des umgebenden Satzes
beschrieben werden können, die intonatorische/graphematische Kennzeichnung (mit einem gewissen
Interpretationsspielraum des Adressaten) das einzige Kriterium für die Zuordnung zu den Parenthesen.
Die Ansiedlung des Phä nomens "Parenthese" auf der Ebene der Informationsstruktur von Texten erscheint
vielversprechend, weil dadurch eine Einengung des Parenthese-Begriffs auf solche Elemente, die nicht als Teil
des Trä gersatzes beschrieben werden können, vermieden wird. Eine solche Einengung hinterlä ßt eine
terminologische Lücke dahingehend, wie andere als Einschübe markierte Sequenzen zu bezeichnen sind.
Zusammenfassend lä ßt sich feststellen, daßEinschübe eigenstä ndige Illokutionen beinhalten können, zahlreiche
Einschübe jedoch keine eigenstä ndige Illokution aufweisen. Sie sind daher nicht, wie Bassarak annimmt,
generell "Nebenhandlungen". Dagegen stellen sie in der Regel eigene Informationseinheiten dar, die weniger
wichtig sind. Die kommunikative Funktion der Einschübe lä ßt sich daher allgemein als "Nebeninformation"
charakterisieren.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
Von drei in der Literatur erwä hnten Eigenschaften von Parenthesen, nä mlich ihre intonatorischen bzw.
graphematischen Markierung, ihre strukturelle Unabhä ngigkeit vom Trä gersatz und die Kohä renz im
Illokutionstyp, erwiesen sich die beiden letzteren als nur für bestimmte Parenthesen gültig.
Die Stellungsmöglichkeiten von Parenthesen sind vielfä ltiger als bislang angenommen, sie können die üblichen
Satzglied- und Konstituentengrenzen durchbrechen. Skopusdaten wurden herangezogen, um zu zeigen, daß
Pittner: Parenthesen - 17 -

bestimmte Parenthesen (wie-Einschübe) einen Platz in der Konstituentenstruktur von Trä gersä tzen einnehmen
können, mithin Parenthesen nicht generell strukturell unabhä ngig vom Trä gersatz sind.
Zur Klä rung des syntaktischen Verhä ltnisses zwischen Parenthese und Trä gersatz wurden Bindungsdaten
herangezogen, wobei sich gezeigt hat, daßParenthesen sich in dieser Hinsicht nicht einheitlich verhalten:
Bestimmte Einschübe (so- und V-1-Parenthesen) verhalten sich wie Matrixsä tze, andere (wie-Einschübe) wie
subordinierte Strukturen.
Eine eingehende Untersuchung des syntaktischen Verhaltens der verschiedenen Parenthesetypen zeigt, daßdie
meist als Extraktionskonstruktionen gedeuteten Strukturen die Eigenschaften von Konstruktionen mit V-1-
Parenthesen aufweisen.
Da die Parenthesen kein einheitliches syntaktisches Verhalten aufweisen, wurden die Möglichkeiten untersucht,
die Parenthesen auf anderen Ebenen der Textbeschreibung zu charakterisieren. Sie sind weder generell
"metakommunikativ" noch generell "Nebenhandlungen", wohingegen sie auf der Ebene der Informationsstruktur
als "Nebeninformationen" beschrieben werden können.
Anmerkungen

1 Für ihre Hinweise zu einer früheren Fassung dieses Aufsatzes möchte ich den beiden (anonymen)
Gutachtern danken.
2 Auch Grewendorf (1988:84) sieht darin eine generelle Eigenschaft von Parenthesen: "Bei Parenthesen gilt
strenge Kohä renz zwischen dem Satztyp des Matrixsatzes und dem Hauptverb der Parenthese."
3 Auch Fanselow/Felix (1987/II:31) vertreten die Auffassung, daß Parenthesen nur an
Konstituentengrenzen auftreten können.
4 Bei diesen Beispielen handelt es sich, soweit nicht anders angegeben, um schriftliche Belege aus
Zeitungsartikeln.
5 Einen anderen Weg schlä gt Espinal (1991) vor: Sie nimmt an, daß Parenthesen einen eigenen
Strukturbaum haben, der nicht von einem Knoten des umrahmenden Satzes dominiert ist. Um den besonderen
Eigenschaften von Sä tzen mit Parenthesen gerecht zu werden, hä lt sie dreidimensionale syntaktische
Reprä sentationen für notwendig. Auf ihre Vorschlä ge möchte ich an anderer Stelle eingehen.
6 Auf die Nä he von Einschüben wie ich meine, glaube ich etc. zu Satzadverbien wie vielleicht, vermutlich,
möglicherweise u.ä . hat Lang (1981) hingewiesen. Im Gegensatz zu den Satzadverbien können Einschübe dieser
Art jedoch nach der Negation auftreten, ohne daß dies eine besondere Kontrastierung (gekennzeichnet durch
einen Kontrastakzent) voraussetzt.
7 Einen Ü berblick über neuere Theorien zum Skopus gibt Pafel (1993). Er entwirft am Beispiel des
Quantoren-Skopus ein Multi-Faktor-Konzept, das neben dem Platz in der Konstituentenstruktur noch das
Gewicht von anderen Faktoren, wie inhä rente Eigenschaften der Quantoren, syntaktische Funktionen und
thematische Relationen, berücksichtigt. Anhand dieser Faktoren können, wenn sie richtig gewichtet sind, die
Skopusverhä ltnisse korrekt erfaßt werden. Die Gewichtung rä umt dem Platz in der Konstituentenstruktur die
überragende Rolle ein.
8 Einen Unterschied in der Interpretation der Parenthese in folgendem Satzpaar beobachtet Haider (p.M.):
(i) Kohl wird, wie die Opposition vorschlug, keine Steuer erhöhen.
(ii) Kohl wird keine Steuer, wie die Opposition vorschlug, erhöhen.
Wä hrend der Einschub in (i) mit Bezug auf den ganzen Satz interpretiert werden kann, besteht in (ii) die starke
Tendenz, ihn als Modaladverbial zu interpretieren. Auch diese Unterschiede in der Interpretation weisen darauf
hin, daß Parenthesen einen bestimmten Platz in der Konstituentenstruktur von Trä gersä tzen einnehmen können
und dementsprechend interpretiert werden.
9 Reinhart (1983) macht auf eine Lesart (bei vergleichbaren Parenthesen im Englischen mit V-2-Stellung)
aufmerksam, bei der sich die Parenthese nicht wie ein Matrixsatz verhä lt. Dies gilt dann, wenn es sich nicht um
Redewiedergabe handelt, sondern die Parenthese ä hnlich wie ein Satzadverbial als Bewertung der Ä ußerung des
aktuellen Sprechers fungiert.
10 Vgl. die Kritik bei Mrotzek (1991), die mir für diesen Abschnitt einige Anregungen gegeben hat.
Möglicherweise sind Koreferenz- und Bindungsdaten nicht rein syntaktisch zu erklä ren, sondern auch
pragmatisch bedingt. Für den Argumentationszusammenhang hier spielt dies jedoch keine entscheidende Rolle,
so daß hierzu auf Kempson (1988) verwiesen werden kann, die Pronominalisierung im Rahmen der
Relevanztheorie von Sperber & Wilson (1986) erklä rt.
11 In Pittner (1994a) habe ich dafür argumentiert, daßdiese und weitere Unterschiede zwischen so- und wie-
Parenthesen darauf zurückzuführen sind, daßerstere mit direkter Redewiedergabe in enger Verbindung stehen,
wä hrend letztere eher lose einen Bezug zu einer anderen Ä ußerung herstellen, der keine Identifikation der beiden
Ä ußerungen beinhaltet.
12 Zu gesprä chssteuernden Partikeln (Interjektionen) s. Willkop (1988), zu Anredenominativen (unter der
Bezeichnung "vokativische NPn") Altmann (1981). Auch Versprecher und Korrekturen werden hier nicht
behandelt. Zu Korrekturen s. Ortner (1985).
13 Antos (1982) beschä ftigt sich mit "formulierungskommentierenden Ausdrücken", Brandt/Rosengren
(1991) nennen sie "formulierungsstützende Ausdrücke".
14 Brandt/Rosengren (1991) sprechen von "sequenzierungsstützenden Ausdrücken".
15 Zur Illokutionsstruktur von Texten s. Heinemann/Viehweger (1991: 58ff. und 104ff.) sowie die dort
zitierte Literatur.
16 Eine ä hnliche Idee findet sich in Chafes (1985) Begriff von "idea units". Im prototypischen Fall weisen
sie eine einzige Intonationskontur mit satzfinaler Intonation auf, können davor und danach durch Zögern, kurze
Pausen abgetrennt sein. Es handelt sich um einen Teilsatz, der ca. 7 Wörter umfaßt und etwa 2 Sekunden lang
Pittner: Parenthesen - 19 -

dauert.
17 Vgl. hierzu die Diskussion der "Intonationsphrase" bei Uhmann (1991:120ff.)
18 Natürlich kann ein Einschub - wenn er entsprechend lang genug ist - auch mehrere Informationseinheiten
enthalten.
19 Schwyzer (1939) zufolge steht in der Parenthese ein "Zwischengedanke oder Nebengedanke, der sich in
einen vor sich gehenden Gedankenablauf eindrä ngt". Er sieht darin eine Erscheinung des sukzessiven und
assoziativen Denkens (1939: 32f.). Die Parenthese sei also "der sprachliche Reflex der Kreuzung eines Haupt-
und eines Begleitgedankens" (1939: 45).
20 Diesen Hinweis verdanke ich einem der Gutachter.

Literaturhinweise

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2
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