I. Komparatistik.
Zur Geschichte des Faches
Die Vergleichende Literaturwissenschaft als universitäre Institution beginnt in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Geburtsort der Komparatistik ist Frankreich (an
der Universität Sorbonne wurde der erste Lehrstuhl für Vergleichende
Literaturforschung eingerichtet).
Heute ist die Komparatistik ein nicht mehr wegzudenkender Zweig an fast allen
Universitäten der Welt.
ICLA: International Comparative Literature Association
EΕΓΣΓ: Ελληνική Εταιρεία Γενικής και Συγκριτικής Γραμματολογίας
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Περιοδικό: Σύγκριση / Comparaison / Comparison:
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DGAVL: Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende
Literaturwissenschaft
II. Typen des Vergleichs
Zwei Typen des Vergleichs nach Peter V. Zima: Komparatistik (1992)
1. Der genetische Vergleich
Analogien / Ähnlichkeiten aufgrund direkter oder
indirekter Beeinflussung
(Kontaktstudien)
direkte Kontakte
indirekte Kontakte
2. Der typologische Vergleich
Zu 1. Der genetische Vergleich ist der erste und einfachste Typ des Vergleichs
zwischen zwei oder mehreren Werken. Der genetische Vergleich basiert auf direkten
oder indirekten Kontakten und Einflüssen zwischen Autoren. Wie verarbeitet z.B.
James Joyce in seinem Roman Ulysses Homers Odyssee? Wie Goethe in seiner
Iphigenie auf Tauris (1779) die Iphigenie bei den Taurern von Euripides?
Hierbei handelt es sich um direkte Kontakte.
Von einem indirekten Kontakt läßt sich sprechen, wenn z. B. ein Autor durch die
Lektüre eines anderen Autors mit einem dritten Autor bekanntgemacht oder von ihm
beeinflusst wird. Es findet in diesem Fall also eine Vermittlung durch eine
zwischengeschobene Instanz statt. Es kann z.B. vorkommen, dass ein Autor eindeutig
zu Schopenhauer oder zu Karl Marx Stellung nimmt, obwohl er dessen Schriften nur
durch einen anderen Autor, nicht durch eigene Lektüre kennengelernt hat.
Zu 2. Der typologische Vergleich: Analogien aufgrund ähnlicher
Produktionsbedingungen
Der typologische Vergleich basiert nicht auf Kontakten, sondern auf Analogien. Man
vergleicht also Autoren, die ein gemeinsames Umfeld haben, ohne dass sie direkten
oder indirekten Einfluss aufeinander hatten. In diesem Fall spricht man von
Kontextanalogien.
Unter Kontext verstehen wir den breiteren Kulturrahmen in den die zu vergleichende
Werke eingegliedert sind, z.B. politische, soziale Analogien, die zur Entstehung von
ähnlichen literarischen Erscheinungen führen. Ein Beispiel dafür wäre die literarische
Gestaltung des Großstadtmotivs bei Autoren zw. denen keine Einflüsse bestehen. Man
kann z.B. die folgenden Romane miteinander vergleichen, die alle als Hintergrund die
Urbanisierung, die Entstehung von Großstädten haben:
Charles Dickens' Hard Times (1854), Δύσκολοι καιροί
Emile Zolas Paris-Roman (1897) aus der Trilogie Les Trois Villes Παρίσι,
Τρεις Πόλεις
John Dos Passos' Manhattan Transfer (1925)
Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz (1929)
III. Einfluss. Rezeption.
Zentrale Begriffe für die Komparatistik
Einfluss:
Wirkung fremder Texte und Autoren auf die Textgenese.
Der älteste komparatistische Begriff und der ursprüngliche Anwendungsbereich
der Komparatistik. Der Begriff steht im engen Zusammenhang mit der Entstehung
und der Entwicklung der Komparatistik. Einflussstudien stellten die
Voraussetzung für die Betrachtung der Literatur auf einer übernationalen Ebene
dar.
Brunel, Pichois und Rousseau definieren den Einfluss als den feinen und
mysteriösen Mechanismus durch welchen ein Werk zur Entstehung eines anderen
beiträgt.
Einflüsse sind oft unbewusst und sie können von einem literarischen Werk
stammen, von einem Autor oder von einer Epoche oder von einer Strömung. Es
kann aber auch von außerliterarischen Quellen stammen, aus der Kunst z.B. oder
aus der Wissenschaft.
Um den Begriff Einfluss näher bestimmen zu können, ist es notwendig ihn von
anderen ähnlichen Begriffen zu unterscheiden:
Mimesis. Nachahmung. In diesem Fall folgt der Autor getreu der
Textorganisation eines früheren Werkes.
Im Gegensatz zur Mimesis, stellen wir Einflüsse bei Werken fest, die einen
persönlichen Ton und Charakter haben, bei Werken, die trotz der feststellbaren
Einflüsse, repräsentativ für ihre Autoren bleiben. Im Falle des Einflusses haben
wir eine produktive, schöpferische Behandlung/ Bearbeitung des Fremden.
Die Einflüsse sollten auch von Parallelphänomenen wie die Analogien
unterschieden werden. Analogien haben wir, wenn die Ähnlichkeiten
zwischen Texten nicht auf Kontakt und Einflüsse zurück zu führen sind,
sondern auf ähnliche Produktionsbedingungen. "The Rime of the Ancient
Mariner" ("Ballade vom alten Seemann") von Samuel Taylor Coleridge und Ο
Κρητικός von Dionyssios Solomos haben ähnliche Motive: Schiffbruch,
Gefahr, Abenteuer, Visionen und Phantasmen. Es steht fest, dass der eine
Dichter das Werk des anderen nicht kannte, die Ähnlichkeiten sind auf den
gemeinsamen romantischen Hintergrund zurück zu führen. Zwischen den
Texten besteht kein direkter Kontakt.
Die Einflussstudien sind immer engverbunden mit Quellenforschung.
Bei der älteren Komparatistik wurden diese Forschungen positivistisch getrieben,
und rein genetisch als Ursache – Wirkung verstanden. Bei diesen älteren Studien
wurde das erste Werk immer höher bewertet. Die Macht/ die Stärke, die
Herrschaft der gebenden, der beeinflussenden Kultur.
Die Komparatistik kommt so langsam in eine Sackgasse.
Von den Einflussstudien zur Rezeption.
Rezeptionstheorie.
Hauptvertreter: Hans Robert Jauss (In den 60er Jahren des vorigen Jh.)
Jauss wollte die Literaturgeschichtsschreibung durch die Einführung einer dritten
Instanz erneuern: des Lesers. Literaturgeschichte wird von Jauss als ein
dynamischer Prozess aufgefasst, an dem drei Faktoren gleichwertig beteiligt sind:
Autor, Werk und Leser.
Literaturgeschichtsschreibung sollte also -nach Jauss- nicht nur die Entstehung,
sondern auch die Rezeption, die Aufnahme der Werke berücksichtigen.
Literaturgeschichtsschreibung sollte die Geschichte des Dialogs zw. Produktion
und Rezeption darstellen.
Formen der Rezeption
1. Passive Rezeption. Die Aufnahme eines Werkes vom anonymen
Lesepublikum.
2. Reproduzierende Rezeption. Darunter verstehen wir die Texte, die als
Vermittlung zwischen Werk und Publikum fungieren (z.B. Kritik, Kommentar,
Rezension)
3. Produktive Rezeption
Die produktive Rezeption ist die Aufnahme eines literarischen Werkes von
Autoren und Dichtern, die dadurch angeregt ein neues Werk schaffen.
Dieser Aspekt der Rezeption ist für die Komparatistik relevant. Die produktive
Rezeption wird von Jauss als literarische Kommunikation aufgefasst. Das neue
Werk ist als Antwort auf die Fragen zu verstehen, die das erste Werk offen ließ.
Aufgabe der Vergleichenden Literaturwissenschaft ist das Spiel von Frage und
Antwort, den Dialog zwischen den literarischen Werken aufzudecken.
Die Unterscheidung zwischen Einfluss und Rezeption ist nicht immer leicht. Im
Allgemeinen können wir sagen dass der Einfluss oft unbewusst ist, entsteht ohne
den Willen des Autors, während die Rezeption eine bewusste Auseinandersetzung
mit dem vorherigen Werk ist.
An dieser Stelle erwähnen wir eine interessante Theorie für die Einflüsse:
Harold Bloom, The anxiety of influence: A Theory ofPoetry, 1973) (dt.:
Einflussangst. Eine Theorie der Dichtung, gr.: Η αγωνία της επίδρασης. Μια
Θεωρία για την Ποίηση).
Das Verhältnis des jüngeren Autors zu seinem poetischen Vater ist Harold Bloom
zufolge, antagonistisch und beschreibbar auf der Basis des Freudschen
Ödipuskomplexes. Der moderne Autor leidet, weil er spät zur Welt, spät in die
Geschichte gekommen ist. Mit seinen großen Vorfahren steht er in einem
Abhängigkeitsverhältnis von denen er sich zu befreien sucht. Jeder neue Text –so
Bloom- ist immer ein Ausdruck der Selbstbehauptung. Die Einflussangst ist der
Motor, das Motiv für Originalität.