Prof. Dr.
Peter Gallmann 2022
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell)
G1 Satzklammer und Felder
Die unterschiedlichen Formen der deutschen Sätze lassen sich auf ein gemeinsames
Grundmuster zurückführen. Es ist geprägt von der sogenannten Satzklammer. Diese ist
bestimmt für die Verbformen des Prädikats (oder für Subjunktionen; siehe unten). Die
Satzglieder besetzen das Vor- und das Mittelfeld (zur Möglichkeit weiterer Felder siehe
unten). Es ergibt sich so das folgende topologische Satzmodell (kurz: topologisches Modell,
daneben auch: Feldermodell):
(1) Vorfeld linke Satzklammer Mittelfeld rechte Satzklammer
Satzklammer
Vorfeld und linke Satzklammer sind zahlenmäßig festgelegt:
– Vorfeld: genau 1 oder 0. Das heißt: je nach Satztyp 1 Satzglied oder leer (nicht vor-
handen).
– Linke Satzklammer: genau 1 oder 0. Das heißt: je nach Satztyp 1 Wortform (finites
Verb oder Konjunktion) oder leer (nicht vorhanden).
Ohne Beschränkung:
– Mittelfeld: 0 bis ∞ = beliebige Anzahl Satzglieder (Begrenzung: Verstä ndlichkeit).
– Rechte Satzklammer: 0 bis ∞ = beliebige Anzahl Verbformen (Begrenzung: Verstä nd-
lichkeit; de facto sind Sätze mit mehr als 5 Verbformen nicht mehr verständlich).
G2 Die drei Satzformen
Wie schon im vorangehenden Abschnitt indirekt angesprochen, steht das finite Verb im
Deutschen teils in der linken, teils in der rechten Satzklammer. Wenn man außerdem das
Vorfeld berücksichtigt, ergeben sich drei Satzformen. Deren traditionelle Bezeichnungen
sind etwas ungenau (»Verb« meint hier »finites Verb«):
1. Verbzweitsatz (genauer: Finitumzweitsatz):
Vorfeld + finites Verb in der linken Satzklammer = finites Verb an zweiter Stelle
2. Verberstsatz (genauer: Finitumerstsatz):
Kein Vorfeld + finites Verb in der linken Satzklammer = finites Verb an erster Stelle
3. Verbletztsatz (genauer: Finitumletztsatz)
Finites Verb in der rechten Satzklammer = finites Verb an letzter Stelle
Je nach Besetzung der in den Definitionen nicht erwähnten Felder können sich sich dann
noch Unterarten ergeben, vgl. insbesondere bei den Verbletztsätzen (siehe → Abschnitt
G 2.3).
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 2
G 2.1 Finite Verbform an zweiter Stelle (Verbzweitsatz)
Verbzweitsatz = Vorfeld + finites Verb in der linken Satzklammer:
(2) Vorfeld finite Verbform Mittelfeld übrige Verbformen
Satzklammer
Aussage-Hauptsatz:
(3) a. [Susanne] legt [das Buch] [auf den Tisch].
b. [Susanne] will [das Buch] [auf den Tisch] legen.
Ergänzungsfragesatz:
(4) [Welches Buch] hätte [Susanne] [auf den Tisch] legen sollen?
Nebensatz (genaue Bezeichnung: uneingeleiteter Verbzweitnebensatz):
(5) (Otto warnte, …) [Fritzchen] spiele [wieder] [mit dem Aschenbecher].
Nebensätze dieser Art hängen oft von Verben des Denkens und Sagens ab, im letzte-
ren Fall liegt eine Erscheinung der indirekten Rede vor. Man kann sie meist probe-
weise durch Nebensätze mit dass ersetzen (→ Abschnitt G 2.3).
Das Vorfeld ist nicht für das Subjekt reserviert, es können auch andere Satzglieder dort
stehen. Den Ausschlag gibt die erwünschte Informationsstruktur (zum Beispiel bekannte
vs. neue Information; siehe auch → Abschnitt G 4):
(6) a. [Fritzchen] sollte [nicht] [mit dem vollen Aschenbecher] spielen.
b. [Mit dem vollen Aschenbecher] sollte [Fritzchen] [nicht] spielen.
c. [Womit] spielt [Fritzchen] [jetzt]?
G 2.2 Finite Verbform an erster Stelle (Verberstsatz)
Das Vorfeld ist leer (bzw. ist nicht vorhanden), das finite Verb besetzt die linke Klammer:
(7) finite Verbform Mittelfeld übrige Verbformen
Satzklammer
Entscheidungsfragesatz:
(8) Liegt [das Buch] [auf dem Tisch]?
Imperativsatz:
(9) a. Leg [das Buch] [auf den Tisch]!
b. Lass [das Buch] [auf dem Tisch] liegen!
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Nebensatz (genaue Bezeichnung: uneingeleiteter Verberstnebensatz):
(10) Sollte [das Buch] [auf dem Tisch] liegen, … (kannst du es liegen lassen.)
Solche Nebensätze haben ein ähnliches Bedeutungsspektrum wie wenn-Sätze (→ Er-
satzprobe); insbesondere treten sie oft als Bedingungssätze (Konditionalsätze) auf.
G 2.3 Finite Verbform an letzter Stelle (Verbletztsatz)
Sätze mit finiter Verbform an letzter Stelle sind gewöhnlich Nebensätze. (Es gibt allerdings
auch Nebensätze mit Personalform an erster und zweiter Stelle; siehe vorangehend.)
Man kann zwei Unterarten unterscheiden:
a) Bei der einen Unterart ist die linke Satzklammer mit einer Subjunktion (unterordnen-
den Konjunktion) besetzt; man spricht dann von einem Subjunktionalnebensatz (oder
Konjunktionalnebensatz). Das Vorfeld ist leer (bzw. ist nicht vorhanden):
(11) Subjunktion Mittelfeld alle Verbformen
Satzklammer
Subjunktionalnebensatz (Konjunktionalnebensatz):
(12) a. (Ich ärgere mich, …) weil [das Buch] [auf dem Tisch] liegt.
b. (Ich sehe, …) dass [Susanne] [das Buch] [auf dem Tisch] liegen lässt.
Gelegentlich erscheinen auch entsprechende Hauptsätze (oft als Ellipsen aufgefasst):
(13) a. Dass [du] [mir] [nicht] einschläfst!
b. Ob [Anna] [noch] kommt?
b) Bei der anderen Unterart enthält das Satzglied im Vorfeld ein Satzglied mit einem be-
sonderen Pronomen; man spricht dann auch von einem Pronominalnebensatz. Nach der
Semantik kann man zusätzlich unterscheiden zwischen Pronominalnebensätzen mit ei-
nem Relativpronomen (= Relativsatz) oder Pronominalnebensätzen mit einem Interroga-
tivpronomen (= Fragenebensatz). In Frage kommen auch entsprechende Artikelwörter
wie welche sowie Adverbien, zum Beispiel wie, wo, wohin, warum, womit, worauf …
(14) Vorfeld ___ Mittelfeld alle Verbformen
Satzklammer
Pronominalnebensatz (Semantik: Relativsatz):
(15) a. (Ich brauche das Buch, …) das ___ [Susanne] [auf den Tisch] legt.
b. (Das ist das Buch, …) [auf dessen letzter Seite] ___ [ich] [das Zitat] fand.
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Pronominalnebensatz (Semantik: Fragenebensatz):
(16) a. (Ich frage mich, …) [in welchem Buch] ___ [Anna] [dieses Zitat] fand.
b. (Ich frage mich, …) [worauf] ___ [Susanne] [das Buch] legen will.
In der Standardsprache ist die linke Satzklammer bei Pronominalsätzen leer. Im Früh-
neuhochdeutschen sowie in bestimmten heutigen Varietäten des Deutschen finden sich
aber Pronominalsätze mit zusätzlicher Subjunktion. Internetbelege (2016):
(17) a. Vielleicht findet sich ja bei euch jemand der wo das jetzt liest und …
b. Kannst Du mir sagen, aus welchem Grund dass Du die Bremsen entlüften willst.
Solche Muster treten auch in anderen Sprachen auf. Aus diesem Grund überwiegt in der heutigen Fachliteratur die
metaphorische Sprechweise, dass die linke Satzklammer bei standardsprachlichen Pronominalsätzen leer ist (die Al-
ternative wäre: gar nicht vorhanden). Siehe dazu auch das → Skript S sowie → das Skript W (Abschnitt 9.2). Die früher
öfter zu findende Annahme, dass die einleitenden Satzglieder nicht das Vorfeld, sondern die linke Satzklammer beset-
zen, wird heute kaum mehr vertreten.
G3 Infinite Verbalphrasen (Infinitiv-, Partizipphrasen)
Fügungen mit einer infiniten Verbform als Kern (infinite Verbalphrasen, je nachdem Infi-
nitivphrasen oder Partiziphrasen) weisen gewöhnlich weder ein Vorfeld noch eine linke
Satzklammer auf. Außerdem fehlt das Subjekt (beziehungsweise: ist hinzuzudenken).
(18) Mittelfeld infinite Verbform(en)
Infinitivphrase als Hauptsatz:
(19) [Flasche] [vor Gebrauch] schütteln!
Und als Nebensatz (= Infinitivnebensatz, = satzwertige Infinitivphrase/-gruppe):
(20) (Ich rate dir, …) [die Flasche] [vor Gebrauch] zu schütteln.
Partizipphrase in der Funktion eines Nebensatzes (Partizipnebensatz):
(21) [Unsanft] [aus ihren Träumen] gerissen, … (schaute Anna auf die Uhr.)
Es gibt immerhin Konstruktionen mit einer Subjunktion in der linken Satzklammer. Das
Vorfeld ist auch dann leer (bzw. nicht vorhanden):
(22) Subjunktion Mittelfeld infinite Verbform(en)
Satzklammer
Subjunktionale Infinitivphrase in der Funktion eines Nebensatzes:
(23) Ohne [auf den Verkehr] zu achten, … (rannte Otto über die Straße.)
Subjunktionale Partizipphrase in der Funktion eines Nebensatzes:
(24) Obwohl [noch] [ganz] verschlafen, … (dachte Anna an ihren Termin.)
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G4 Zur Besetzung des Vorfelds
Zunächst ist noch einmal feststellen, was schon in → G 2.1 angesprochenen worden ist:
Das Vorfeld ist im Deutschen nicht für das Subjekt reserviert! Das heißt, das Deutsche
ist nicht wie zum Beispiel das Englische oder das Französische eine sogenannte SVO-
Sprache. (SVO = Subjekt – Verb – Objekt; mit »Verb« ist auch hier das finite Verb ge-
meint; siehe → G 2.)
Wichtig für DaF/DaZ: Wenn ein anderes Satzglied das Vorfeld besetzt, steht das Subjekt
nach dem finiten Verb im Mittelfeld. Das Subjekt kann im Deutschen nicht zu zweit mit
einem anderen selbständigen Satzglied im Vorfeld stehen:
(Nicht:) [Am Abend], [ich] gehe [in die Stadt] .
(Sondern:) [Am Abend] gehe [ich] [in die Stadt] .
Für die Besetzung des Vorfeldes gelten im Deutschen die folgenden Regeln:
In Aussagesätzen (→ G 2.1) wird die Besetzung des Vorfeldes von der Informations-
verteilung im Satz bestimmt, und diese hängt wiederum von der Informationsvertei-
lung im ganzen Text ab. Am Anfang von Texten stehen oft Satzglieder im Vorfeld, die
einen zeitlichen, örtlichen oder personellen Rahmen setzen. Bei Sätzen im Textinnern
knüpft das Satzglied im Vorfeld vorwiegend an die vorangegangenen Äußerungen an,
nimmt also Vorerwähntes wieder auf:
(25) a. [Susanne] hat [ein Geschenk] ausgesucht.
[Das Geschenk] ist [für ihren Freund] .
[Es] ist [federleicht] .
b. [Gestern] war [Peter] [im Schwimmbad] .
[Er] war [drei Stunden] [dort] .
[Dann] ging [er] [ins Kino] .
In Pronominalsätzen (→ G 2.3) beherbergt das Vorfeld die für diese Sätze spezifischen
Phrasen. Diese Phrasen haben dann eine Doppelnatur: Sie sind einerseits »Nebensatz-
einleiter« (ähnlich wie die Subjunktionen), zugleich aber auch Satzglieder (anders als
die Subjunktionen):
(26) a. [Was] soll [ich] mitbringen?
b. (Sag mir, …) [was] _ [ich] mitbringen soll.
c. (Das ist alles, …) [was] _ [ich] mitbringen kann.
d. (Dort steht das Zeug, …) [das] _ [ich] mitbringen muss.
(27) a. [Auf welcher Seite] steht [die Formel] ?
b. (Ich weiß nicht, …) [auf welcher Seite] _ [die Formel] steht.
c. (Das ist das Kapitel, …) [auf dessen erster Seite] _ [die Formel] steht.
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G5 Zur Abfolge der Satzglieder im Mittelfeld
Im Deutschen gibt es eine Grundabfolge der Satzglieder. Sie lässt sich am besten in Sätzen
mit einer vergleichweise einfachen Felderstruktur und einer »unauffälligen« Informa-
tionsstruktur nachweisen. Im Deutschen sind das Subjunktionalnebensätze (siehe
→ G 2.3). In solchen Sätzen stehen die Satzglieder normalerweise alle im Mittelfeld (zur
Möglichkeit der Ausklammerung siehe → G 7.2).
(28) Subjunktion Mittelfeld alle Verbformen
Subjunktionalnebensätze haben also die folgenden Eigenschaften:
Die Sätze werden von einer Subjunktion eingeleitet (= linke Satzklammer)
Das Mittelfeld enthält gewöhnlich ein Subjekt (es gibt aber auch subjektlose Sätze mit
finitem Verb).
Das ranghöchste Verb in der rechten Satzklammer ist finit.
Für Sätze dieser Art gilt die folgende Grundabfolge:
(29) SOV = Subjekt – Objekt – Verb
Beispiele (das zweite mit weiteren Satzgliedern):
(30) a. (Ich sah, …) dass [Fritzchen] [den Aschenbecher] ausleerte.
b. (Ich sah, …) dass [Anna] [ihrem Söhnchen] [einen Kuss] [auf die Stirn] gab.
Eine noch einfachere Struktur haben infinite Verbalphrasen (→ G 3). Diesen fehlt das Sub-
jekt (bzw. dieses ist hinzuzudenken), es bleibt eine OV-Struktur (Objekt – Verb):
(31) Mittelfeld infinite Verbform(en)
Zum Beispiel:
(32) den Aschenbecher ausleeren
Die Abfolge der Satzglieder und damit auch die Abfolge Subjekt – Objekt kann im Deut-
schen leicht abgewandelt werden. Dabei spielen außer der Informationsstruktur noch
andere Faktoren eine Rolle (Duden-Grammatik 2016: Randnummern 1352–1368). Ten-
denzen (links > rechts):
1. Kasus bei Ergänzungen: Subjekt (Nom.) > Dativobjekt > Akkusativobjekt > Rest (das
ist nicht anderes als eine Präzisierung der Grundformel SOV)
2. Informationsverteilung (Achtung: überlappende Kategorien der Beschreibung):
a. bekannt > neu
b. Thema > Rhema
c. Topic > Comment
d. Hintergrund > Fokus
3. Definitheit:
a. definit > indefinit
b. (Mit Zusatzfaktor Betonung:) unbetonte Personalpronomen > andere NPs
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 7
4. Andere semantische Faktoren:
a. Lexikalische Semantik: belebt > unbelebt
b. Bezugsphrase > Prädikativ
c. Adverbialien: je nach Unterart (siehe Duden-Grammatik)
G6 Zusammenhänge zwischen den Satzformen
Zwischen den drei Satzformen besteht ein struktureller Zusammenhang, der in der wis-
senschaftlichen Grammatik mit einer Metapher beschrieben wird, nämlich mit Bewegung.
Diese Metapher wird immer dann herangezogen, wenn man komplexere Strukturen in
einem logischen Sinn aus einfacheren herleiten kann.
In Infinitivphrasen stehen die Satzglieder vor dem Infinitiv, d.h. in der rechten Satzklam-
mer. Also typische Abfolge Objekt – Verb (OV; siehe → G 5):
(33) Mittelfeld infinite Verbform(en)
Einen ähnlichen Aufbau haben Subjunktionalsätze mit finitem Verb: Die Verbformen ste-
hen alle in der rechten Satzklammer, die Satzglieder (darunter auch das Subjekt) stehen
davor. Die Grundabfolge im Mittelfeld ist Subjekt – Objekt – Verb (SOV; siehe → G 5):
(34) Subjunktion Mittelfeld alle Verbformen
Pronominalsätze lassen sich damit erklären, dass das Satzglied mit dem »besonderen«
Pronomen vom Mittelfeld ins Vorfeld bewegt wird. Auf die Besetzung der linken Satz-
klammer wird dann in der Standardsprache verzichtet (→ G 2.3):
(35) Vorfeld _____________ Mittelfeld alle Verbformen
Bei Verberstsätzen wird das finite Verb (und zwar nur das finite Verb!) von der linken in
die rechte Satzklammer bewegt:
(36) finite Verbform Mittelfeld übrige Verbformen
Bei Verbzweitsätzen werden sowohl ein Satzglied als auch das finite Verb bewegt:
(37) Vorfeld finite Verbform Mittelfeld übrige Verbformen
Verbzweitsätze haben aus dieser Sicht also die komplexeste Struktur. Was wie ein Nach-
teil klingen mag, ist aber ein Vorteil: Man kann bei Sätzen mit Vorfeld die Informations-
struktur besonders gut anzeigen; siehe oben, → G 4.
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 8
Fazit: Die Struktur des deutschen Satzes erschließt sich am besten von Infinitivphrasen
oder Subjunktionalsätzen aus. Wer diese Strukturen verstanden hat, versteht schnell
auch die anderen:
(38) a. jedem Kunden einen Gutschein geben
b. Wenn der Geschäftsführer jedem Kunden einen Gutschein gibt …
c. (Der Kunde, …) dem ___ der Geschäftsführer _____ einen Gutschein gab
d. Der Geschäftsführer gibt _____ jedem Kunden einen Gutschein ____
e. Jedem Kunden hat der Geschäftsführer _____ einen Gutschein gegeben _____
Die Struktur deutscher Hauptsätze kann also mit folgender Formel beschrieben werden:
(39) SOV + Verbzweitbewegung + Vorfeldbewegung
(Oder noch kürzer:) SOV + V/2 + Vorfeld
G7 Zusätzliche Felder: Vorvorfeld, Nachfeld, Nachnachfeld
G 7.1 Das Vorvorfeld (linkes Außenfeld)
Sätze können um einen zusätzlichen Bereich noch vor dem Vorfeld erweitert sein; man
spricht dann von einem Vorvorfeld oder einem linken Außenfeld. Das Vorvorfeld ist
stimmlich vom Vorfeld abgesetzt; in geschriebener Sprache steht ein Komma, zuweilen
auch ein Doppelpunkt oder ein Gedankenstrich:
(40) Vorvorfeld | Vorfeld linke Satzklammer Mittelfeld rechte Satzklammer
Satzklammer
Im Vorvorfeld können Ausdrücke stehen, die das Thema (Topic) im Sinne der Textlin-
guistik nennen.
– In den folgenden Beispielen werden sie von einem Pronomen oder einem Adverb im
Vor- oder Mittelfeld wieder aufgenommen:
(41) a. [Diesem Kerl] , [ich] werde [dem] [nie mehr] [etwas] ausleihen !
b. [Diesem Kerl] , [dem] werde [ich] [nie mehr] [etwas] ausleihen !
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 9
Weitere Beispiele:
(42) a. [Politik] , [damit] will [Anna] [nichts] zu tun haben.
b. [Am Brunnen vor dem Tore] , [da] steht [ein Lindenbaum].
c. [Den ganzen Tag in der Sonne sitzen] , [das] wollte [ich] [schon lange].
– Das sogenannte freie Thema wird im Rest des Satzes nicht in einem wörtlichen Sinn
wieder aufgenommen (aber der Satz führt natürlich etwas dazu aus):
(43) [Apropos Naturschutz] : [Die Stadt] will [hier] [eine Straße] bauen.
Im Vorvorfeld können außerdem Ausdrücke stehen, die den Rest des Satzes kommen-
tieren:
– Sprechereinstellung:
(44) a. [Zugegeben] , [Anna] spielt [wirklich gut] [Schach].
b. [Um es freundlich auszudrücken] , [Ottos Geschmack] ist [ungewöhnlich].
– Irrelevante Faktoren:
(45) [Wer auch immer anruft] – [ich] nehme [nicht] ab!
Schließlich können im Vorvorfeld exklamative Ausdrücke stehen, zum Beispiel Anre-
denominative und Interjektionen, teilweise auch in mehr oder weniger enger Kombi-
nation:
(46) a. Hallo, Anna , ich bin im Hinterhof !
b. Ach Anna , wenn du wüsstest!
G 7.2 Nachfeld und Nachnachfeld
Nach der rechten Satzklammer können weitere Bestandteile des Satzes stehen. Man kann
hier zwei Felder unterscheiden:
Das Nachfeld ist wie das Vorfeld semantisch enger mit den vorangehenden Bestand-
teilen des Satzes verbunden; es ist daher intonatorisch bzw. orthografisch nicht davon
abgesetzt (außer teilweise bei Nebensätzen, vgl. dort auch die obligatorische Komma-
setzung).
Das Nachnachfeld oder rechte Außenfeld ist hingegen sehr viel lockerer mit den vor-
angehenden Teilen verbunden.
Zu bedenken ist, dass im Fall von Nebensätzen, die ja intonatorisch oft ein gewisses Ei-
genleben haben, nicht immer ohne Weiteres klar ist, ob sie das Nachfeld oder das Nach-
nachfeld (das rechte Außenfeld) besetzen.
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 10
G 7.2.1 Das Nachfeld
Zuweilen werden Wortgruppen nachgestellt, die semantisch zum Prädikat oder zu einem
der Satzglieder im Mittelfeld gehören. Man spricht hier auch von Ausklammerung. Sicht-
bar wird dies nur, wenn die rechte Satzklammer überhaupt besetzt ist. Man nimmt an,
dass die Wortgruppen ein Feld besetzen, das eng zum Mittelfeld gehört, eben das Nach-
feld:
(47) Vorfeld linke Satzklammer Mittelfeld rechte Satzklammer Nachfeld
Satzklammer
Die Ausklammerung tritt zum einen oft bei Präpositionalphrasen auf. Die Ausklamme-
rung ist hier ein stilistisches Mittel, das in konzeptionell mündlicher Sprache etwas häu-
figer auftritt als in konzeptionell schriftlicher.
Mit finiter Verbform an zweiter Stelle:
(48) a. Normale Stellung: [Erstaunt] sah [sie] [sich] [in der Gegend] um.
b. Ausgeklammert: [Erstaunt] sah [sie] [sich] um [in der Gegend].
Mit finiter Verbform an erster Stelle:
(49) a. Normale Stellung: Fang [endlich] [mit der Arbeit] an!
b. Ausgeklammert: Fang [endlich] an [mit der Arbeit] !
Mit finiter Verbform an letzter Stelle:
(50) a. Normale Stellung: Als [er] [endlich] [mit der Arbeit] anfing, …
b. Ausgeklammert: Als [er] [endlich] anfing [mit der Arbeit], …
!!! Es gibt hier keine strikten Regeln, gerade die Schule muss hier vor rigider Korrektur-
praxis gewarnt werden.
Zum anderen werden Vergleichsausdrücke mit als sehr oft nachgestellt, die Einbettung
im Mittelfeld ist zwar möglich, hier aber selbst in konzeptioneller Schriftlichkeit seltener.
Auch hier ist vor überflüssigen Korrekturen in der Schule zu warnen.
(51) a. Normale Stellung: [Tanja] ist [schneller] [als Judith] gerannt.
b. Ausgeklammert: [Tanja] ist [schneller] gerannt [als Judith].
(52) a. Normale Stellung: Obwohl [Tanja] [schneller] [als Judith] rannte, …
b. Ausgeklammert: Obwohl [Tanja] [schneller] rannte [als Judith], …
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 11
Schließlich stehen auch bestimmte Nebensätze im Nachfeld des übergeordneten Satzes:
(53) a. [Der Fahrer] hatte [nicht] gesehen, [dass die Ampel rot war].
b. [Anna] will [sich] [morgen] [ein Kabel] kaufen, [das lang genug ist].
Die Nebensätze haben ihrerseits eine Felderstruktur (Verschachtelung; hier nicht darge-
stellt; siehe → Abschnitt G 2.3 sowie Skript zum Nebensatz).
G 7.2.2 Das Nachnachfeld oder rechte Außenfeld
Das Nachnachfeld oder rechte Außenfeld ist vom Rest des Satzes abgesetzt, in der Münd-
lichkeit erkennbar an der Intonation, in der Schriftlichkeit am Komma (oder an einem
anderen passenden Satzzeichen, etwa einem Gedankenstrich).
Eine Auswahl typischer Konstruktionen, die im Nachnachfeld erscheinen:
Hervorgehobene Satzglieder mit einem vorausweisenden (kataphorischen) Aus-
druck, etwa einem Pronomen, im Vor- oder Mittelfeld:
(54) a. [Dem] werde ich garantiert nichts zahlen, [diesem Betrüger].
b. Ich habe [ihn] endlich gefunden, [den Zettel].
Ausdrücke, die ein Element im Mittelfeld präzisieren, oft verdeutlicht durch eine ein-
leitende Partikel):
(55) a. Anna hatte [eine Überraschung] dabei, nämlich [das vermisste Bild].
b. Anna hatte [eine Überraschung] dabei – [das vermisste Bild].
Ausdrücke, die das Vorangehende ergänzen, ebenfalls oft mit einer Einleitung:
(56) a. Agnes konnte endlich ausschlafen, und zwar [bis 12 Uhr Mittag].
b. Claudia hatte die ganze Nacht gelesen, und zwar [einen dicken Krimi].
Kommentierende Ausdrücke, zum Beispiel Nominalgruppen im Nominativ (soge-
nannte absolute Nominative):
(57) Ich hatte einen Pullover mitgenommen – [eine reine Vorsichtsmaßnahme].
Weiterführende Nebensätze:
(58) Helen wollte sich die Haare blau färben, [was ihren Eltern gar nicht passte].
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 12
G8 Beiordnende Konjunktionen
Beiordnende Konjunktionen, die sich auf den ganzen Satz beziehen, können sich an das
Vorfeld anlehnen. (Sie stehen also nicht im Vorvorfeld!)
(59) a. Und [Fritzchen] will [schon wieder] [mit dem Aschenbecher] spielen.
b. Aber [Großvater] raucht [trotzdem] [seine Zigarren.
Der Übergang zu den Partikeln ist fließend. Viele Partikeln können sich an ein Satzglied
anlehnen und sind dann Bestandteil eines Feldes (die Partikeln selbst zählen nicht als
Satzglieder). Inhaltlich unterscheiden sich die folgenden Versionen nicht entscheidend
vom letzten Satz des vorangehenden Beispielblocks:
(60) a. [Großvater] aber raucht [trotzdem] [seine Zigarren.
b. [Großvater] raucht aber [trotzdem] [seine Zigarren.
In Sätzen ohne Vorfeld lehnen sich die beiordnenden Konjunktionen an die linke Satz-
klammer an:
(61) a. Doch als [Fritzchen] [schon wieder] [den Aschenbecher] ausleerte, …
b. Und vergiss [den Zettel] [nicht]!
G9 Anhang: Zur Abfolge der Prädikatsteile
Zu den Auffälligkeiten des Deutschen gehört, dass die Prädikatsteile in zwei Positionen
erscheinen können, nämlich in der linken und in der rechten Satzklammer, wobei zwi-
schen den beiden Klammern Satzglieder stehen können (= Mittelfeld). Die Verteilung der
Verbformen richtet sich nach der grammatischen Abhängigkeit. Siehe dazu die folgenden
Schemata, in denen mit 1, 2, 3 usw. der Grad der Abhängigkeit bezeichnet wird: Verb Nr. 1
ist das ranghöchste; in ausgebauten Sätzen ist es immer finit. Von Verb Nr. 1 hängt Verb
Nr. 2 ab – usw.; von Rang 2 an handelt es sich um infinite Verbformen (je nachdem, ge-
steuert vom übergeordneten Verb: reiner Infinitiv, Infinitiv mit zu oder Partizip II). Dabei
werden die Verben in der rechten Satzklammer von rechts her eingefüllt.
Finite Verbform an zweiter Stelle (linke Satzklammer):
(62) Vorfeld _1_ Mittelfeld _5_4_3_2_
(63) a. Der Hund spielt₁ im Garten.
b. Der Hund hat₁ im Garten gespielt₂.
c. Der Hund wird₁ im Garten gespielt₃ haben₂.
d. Diese Nachricht könnte₁ Sie überraschen₂.
e. Diese Nachricht könnte₁ Sie überrascht₃ haben₂.
f. Ihr seid₁ wohl davon überrascht₃ worden₂.
g. Ihr scheint₁ davon überrascht₄ worden₃ zu sein₂.
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 13
Finite Verbform an erster Stelle (linke Satzklammer):
(64) _1_ Mittelfeld _5_4_3_2_
(65) a. Spielt₁ der Hund im Garten?
b. Hat₁ der Hund im Garten gespielt₂?
c. Wird₁ der Hund im Garten gespielt₃ haben₂?
d. Könnte₁ diese Nachricht Sie überraschen₂?
e. Könnte₁ diese Nachricht Sie überrascht₃ haben₂?
f. Seid₁ ihr davon überrascht₃ worden₂?
g. Könntet₁ ihr davon überrascht₄ worden₃ sein₂?
Finite Verbform an letzter Stelle (rechte Satzklammer); Pronominal- oder Subjunkti-
onalsätze.
(66) Vorfeld _0_ Mittelfeld _5_4_3_2_1_
(67) Subjunktion Mittelfeld _5_4_3_2_1_
Beispiele mit Subjunktionalsätzen:
(68) a. … weil der Hund im Garten spielt₁.
b. … weil der Hund im Garten gespielt₂ hat₁.
c. … weil der Hund im Garten gespielt₃ haben₂ wird₁.
d. … weil diese Nachricht Sie überraschen₂ könnte₁.
e. … weil diese Nachricht Sie überrascht₃ haben₂ könnte₁.
f. … weil ihr davon überrascht₃ worden₂ seid₁.
g. … weil ihr davon überrascht₄ worden₃ zu sein₂ scheint₁.
Bei Prädikaten mit mehreren Infinitiven finden sich teils fakultativ, teils obligatorisch Ab-
weichungen von der Normabfolge der Prädikatsteile. Betroffen ist die rechte Satzklam-
mer. Dazu gehören auch Prädikate mit Ersatzinfinitiv anstelle eines Partizip II. Die Bei-
spiele zeigen jeweils erst einen Verbletztsatz (x), dann einen Verbzweitsatz (x’).
Fakultativ bei Wahrnehmungsverben (mit AcI; → Skript K):
(69) a. … weil Anna den Hund bellen₃ gehört₂ hat₁.
a’. Anna hat₁ den Hund bellen₃ gehört₂.
b. … weil Anna den Hund hat₁ bellen₃ hören₂.
b’. Anna hat₁ den Hund bellen₃ hören₂.
Mischungen sind ungrammatisch, z.B.:
(70) * … weil Anna den Hund bellen₃ hören₂ hat1.
Obligatorisch bei Perfekt und Plusquamperfekt von Modalverben, außerdem in Kon-
struktionen mit lassen (mit AcI, hier nicht dargestellt; → Skript K):
(71) a. * … weil Anna den Wecker stellen₃ gesollt₂ hätte₁.
a’. * Anna hätte₁ den Wecker stellen₃ gesollt₂.
b. … weil Anna den Wecker hätte₁ stellen₃ sollen₂ / … weil Anna hätte₁ den Wecker
stellen₃ sollen₂.
b’. Anna hätte₁ den Wecker stellen₃ sollen₂.
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 14
Fakultativ im Futur I von Wahrnehmungs- und Modalverben:
(72) a. … weil Otto das Rätsel nicht lösen₃ können₂ wird₁.
a’. Otto wird₁ das Rätsel nicht lösen₃ können₂.
b. … weil Otto das Rätsel nicht wird₁ lösen₃ können₂.
b’. Otto wird₁ das Rätsel nicht lösen₃ können₂. (Äußerlich wie a’!)
(73) a. … weil Otto dich sicher kommen₃ hören₂ wird₁.
a’. Otto wird₁ dich sicher kommen₃ hören₂.
b. … weil Otto dich sicher wird₁ kommen₃ hören₂.
b’. Otto wird₁ dich sicher kommen₃ hören₂. (Äußerlich wie a’!)
Futur II (Kombination der vorangehenden Regeln):
(74) a. … weil Anna den Hund bellen₄ gehört₃ haben₂ wird₁.
a’. Anna wird₁ den Hund bellen₄ gehört₃ haben₂.
b. … weil Anna den Hund wird₁ haben₂ bellen₄ hören₃.
b’. Anna wird₁ den Hund haben₂ bellen₄ hören₃.
(75) a. * … weil Otto das Rätsel nicht wird₁ lösen₄ gekonnt₃ haben₂.
a’. * Otto wird₁ das Rätsel nicht lösen₄ gekonnt₃ haben₂.
b. … weil Otto das Rätsel nicht wird₁ haben₂ lösen₄ können₃.
b’. Otto wird₁ das Rätsel nicht haben₂ lösen₄ können₃.
G Das topologische Satzmodell (Feldermodell) 15
G 10 Hinweise auf Fachliteratur
Empfehlung
Wöllstein, Angelika (2010): Topologisches Satzmodell. Heidelberg: Winter (= Kurze Ein-
führungen in die germanistische Linguistik (KEGLI), Band 8).
Wöllstein, Angelika (Hrsg.) (2015): Das topologische Modell für die Schule. Unter Mitar-
beit von Saskia Schmadel. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren (= Thema
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