Die Entdeckung der Currywurst
Novelle
Bearbeitet von
Uwe Timm
1. Auflage 2014. Taschenbuch. 272 S. Paperback
ISBN 978 3 423 21908 2
Format (B x L): 9,2 x 14,4 cm
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In Erinnerung an seine Kindheit macht sich
der Erzåhler auf die Suche nach der ehemali-
gen Besitzerin einer Imbissbude am Hambur-
ger Groûneumarkt. Er findet die hochbetagte
Lena Brçcker in einem Altersheim und erfåhrt
die Geschichte ihrer »schænsten Jahre« und
wie es zur Entdeckung der Currywurst kam.
Der Bogen spannt sich weit zurçck in die letz-
ten Apriltage des Jahres 1945 ¼
Uwe Timm wurde am 30. Mårz 1940 in Ham-
burg geboren. Er studierte Philosophie und
Germanistik in Mçnchen und Paris. Seit 1971
lebt er als freier Schriftsteller in Mçnchen.
Uwe Timm
Die Entdeckung
der Currywurst
Novelle
Deutscher Taschenbuch Verlag
Fçr
Hans Timm
(1899±1958)
1
Vor gut zwælf Jahren habe ich zum letzten Mal
eine Currywurst an der Bude von Frau Brçcker
gegessen. Die Imbiûbude stand auf dem Groû-
neumarkt ± ein Platz im Hafenviertel: windig,
schmutzig, kopfsteingepflastert. Ein paar bor-
stige Båume stehen auf dem Platz, ein Pissoir
und drei Verkaufsbuden, an denen sich die
Penner treffen und aus Plastikkanistern alge-
rischen Rotwein trinken. Im Westen graugrçn
die verglaste Fassade einer Versicherungsge-
sellschaft und dahinter die Michaeliskirche,
deren Turm nachmittags einen Schatten auf
den Platz wirft. Das Viertel war wåhrend des
Krieges durch Bomben stark zerstært worden.
Nur einige Straûen blieben verschont, und in
einer, der Brçderstraûe, wohnte eine Tante
von mir, die ich als Kind oft besuchte, aller-
dings heimlich. Mein Vater hatte es mir ver-
boten. Klein-Moskau wurde die Gegend ge-
nannt, und der Kiez war nicht weit.
Spåter, wenn ich auf Besuch nach Hamburg
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kam, bin ich jedesmal in dieses Viertel gefah-
ren, durch die Straûen gegangen, vorbei an
dem Haus meiner Tante, die schon vor Jahren
gestorben war, um schlieûlich ± und das war
der eigentliche Grund ± an der Imbiûbude
von Frau Brçcker eine Currywurst zu essen.
Hallo, sagte Frau Brçcker, als sei ich erst
gestern dagewesen. Einmal wie immer?
Sie hantierte an einer groûen guûeisernen
Pfanne.
Hin und wieder drçckte eine Bæden Sprçh-
regen unter das schmale Vordach: eine Feldpla-
ne, graugrçn gesprenkelt, aber derartig læchrig,
daû sie nochmals mit einer Plastikbahn abge-
deckt worden war.
Hier geht nix mehr, sagte Frau Brçcker,
wåhrend sie das Sieb mit den Pommes frites
aus dem siedenden Úl nahm, und sie erzåhlte,
wer inzwischen alles aus dem Viertel wegge-
zogen und wer gestorben sei. Namen, die mir
nichts sagten, hatten Schlaganfålle, Gçrtelro-
sen, Alterszucker bekommen oder lagen jetzt
auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Frau Brçcker
wohnte noch immer in demselben Haus, in
dem frçher auch meine Tante gewohnt hatte.
Da! Sie streckte mir die Hånde entgegen,
drehte sie langsam um. Die Fingergelenke wa-
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ren dick verknotet. Is die Gicht. Die Augen
wollen auch nicht mehr. Nåchstes Jahr, sagte
sie, wie jedes Jahr, geb ich den Stand auf,
endgçltig. Sie nahm die Holzzange und griff
damit eine der selbst eingelegten Gurken aus
dem Glas. Die haste schon als Kind gern ge-
mocht. Die Gurke bekam ich jedesmal gratis.
Wie håltste das nur in Mçnchen aus?
Imbiûstånde gibts dort auch.
Darauf wartete sie. Denn dann, und das
gehærte mit zu unserem Ritual, sagte sie: Jaa,
aber gibts da auch Currywurst?
Nein, jedenfalls keine gute.
Siehste, sagte sie, schçttete etwas Curry in
die heiûe Pfanne, schnitt dann mit dem Mes-
ser eine Kalbswurst in Scheiben hinein, sagte
Weiûwurst, grausam, und dann noch sçûer
Senf. Das veddelt einen doch. Sie schçttelte
sich demonstrativ: Brrr, klackste Ketchup in
die Pfanne, rçhrte, gab noch etwas schwarzen
Pfeffer darçber und schob dann die Wurst-
scheiben auf den gefåltelten Pappteller. Das is
reell. Hat was mitm Wind zu tun. Glaub mir.
Scharfer Wind braucht scharfe Sachen.
Ihr Schnellimbiû stand wirklich an einer
windigen Ecke. Die Plastikbahne war dort, wo
sie am Stand festgezurrt war, eingerissen, und
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hin und wieder, bei stårkeren Bæen, kippte eine
der groûen Plastik-Eistçten um. Das waren
Reklametische, auf deren abgeplattetem Eis
man die Frikadellen und, wie gesagt, diese ganz
einmalige Currywurst essen konnte.
Ich mach die Bude dicht, endgçltig.
Das sagte sie jedesmal, und ich war sicher,
sie im nåchsten Jahr wiederzusehen. Aber in
dem darauffolgenden Jahr war ihr Stand ver-
schwunden.
Daraufhin bin ich nicht mehr in das Viertel
gegangen, habe kaum noch an Frau Brçcker
gedacht, nur gelegentlich an einem Imbiûstand
in Berlin, Kassel oder sonstwo, und dann
natçrlich immer, wenn es unter Kennern zu
einem Streit çber den Entstehungsort und das
Entstehungsdatum der Currywurst kam. Die
meisten, nein, fast alle reklamierten dafçr das
Berlin der spåten fçnfziger Jahre. Ich brachte
dann immer Hamburg, Frau Brçcker und ein
frçheres Datum ins Gespråch.
Die meisten bezweifelten, daû die Curry-
wurst erfunden worden ist. Und dann noch
von einer bestimmten Person? Ist das nicht
wie mit Mythen, Mårchen, Wandersagen, den
Legenden, an denen nicht nur einer, sondern
viele gearbeitet haben? Gibt es den Entdecker
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der Frikadelle? Sind solche Speisen nicht kol-
lektive Leistungen? Speisen, die sich langsam
herausbilden, nach der Logik ihrer materiellen
Bedingungen, so wie es beispielsweise bei der
Frikadelle gewesen sein mag: Man hatte Bro-
treste und nur wenig Fleisch, wollte aber den
Magen fçllen, da bot sich der Griff zu beidem
an und war noch dazu voller Lust, man muûte
das Fleisch und das Brot ja zusammenman-
schen. Viele werden es getan haben, gleich-
zeitig, an verschiedenen Orten, und die un-
terschiedlichen Namen bezeugen es ja auch:
Fleischbengelchen, Boulette, Fleischpflanzerl,
Hasenohr, Fleischplåtzchen.
Schon mæglich, sagte ich, aber bei der Curry-
wurst ist es anders, schon der Name verråt
es, er verbindet das Fernste mit dem Nåch-
sten, den Curry mit der Wurst. Und diese
Verbindung, die einer Entdeckung gleichkam,
stammt von Frau Brçcker und wurde irgend-
wann Mitte der vierziger Jahre gemacht.
Das ist meine Erinnerung: Ich sitze in der
Kçche meiner Tante, in der Brçderstraûe, und
in dieser dunklen Kçche, deren Wånde bis zur
Lamperie mit einem elfenbeinfarbenen Lack
gestrichen sind, sitzt auch Frau Brçcker, die
im Haus ganz oben, unter dem Dach, wohnt.
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Sie erzåhlt von den Schwarzmarkthåndlern,
Schauerleuten, Seeleuten, den kleinen und
groûen Ganoven, den Nutten und Zuhåltern,
die zu ihrem Imbiûstand kommen. Was gab
es da fçr Geschichten. Nichts, was es nicht
gab. Frau Brçcker behauptete, das låge an
ihrer Currywurst, die læse die Zunge, die
schårfe den Blick.
So hatte ich es in Erinnerung und begann
nachzuforschen. Ich befragte Verwandte und
Bekannte. Frau Brçcker? An die konnten sich
einige noch gut erinnern. Auch an den Imbiû-
stand. Aber ob sie die Currywurst erfunden
habe? Und wie? Das konnte mir niemand
sagen.
Auch meine Mutter, die sonst alles mæg-
liche und das bis ins kleinste Detail im Ge-
dåchtnis hatte, wuûte nichts von der Erfin-
dung der Currywurst. Mit Eichelkaffee habe
Frau Brçcker lange experimentiert, damals
gabs ja nichts. Eichelkaffee habe sie, als sie
ihre Imbiûbude nach dem Krieg eræffnete,
ausgeschenkt. Meine Mutter konnte mir so-
gar noch das Rezept nennen: Man sammelt
Eicheln, trocknet sie in der Backræhre, ent-
fernt die Fruchtschale, zerkleinert und ræstet
die Fruchtkerne sodann. Danach wird noch
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die çbliche Kaffee-Ersatz-Mischung zugesetzt.
Der Kaffee war etwas herb im Geschmack.
Wer den Kaffee çber einen långeren Zeitraum
trank, verlor, behauptete meine Mutter, lang-
sam den Geschmack. Der Eichelkaffee hat die
Zunge regelrecht gegerbt. So konnten Eichel-
kaffeetrinker in dem Hungerwinter 47 sogar
Sågespåne in das Brot einbacken, und es mun-
dete ihnen wie ein Brot aus bestem Weizen-
mehl.
Und dann gab es da noch die Geschichte
mit ihrem Mann. Frau Brçcker war verheira-
tet? Ja. Sie hat ihn eines Tages vor die Tçr ge-
setzt.
Warum? Das konnte meine Mutter mir
nicht sagen.
Am nåchsten Morgen fuhr ich zur Brçderstra-
ûe. Das Haus war inzwischen renoviert wor-
den. Der Name von Frau Brçcker stand ± was
ich erwartet hatte ± nicht mehr am Klingel-
brett. Die ausgetretenen hælzernen Treppen-
stufen waren durch neue, mit Messingstreifen
beschlagene, ersetzt, das Licht im Treppenhaus
war hell und lieû mir Zeit, die Treppen bis oben
hochzusteigen. Frçher leuchtete es nur 36 Stu-
fen lang. Als Kinder liefen wir um die Wette
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gegen das Licht die Treppe hoch, bis zur ober-
sten Etage, wo Frau Brçcker wohnte.
Ich ging durch die Straûen des Viertels,
schmale baumlose Straûen. Hier wohnten
frçher Hafen- und Werftarbeiter. Inzwischen
waren die Håuser renoviert und die Wohnun-
gen ± die City ist nicht weit ± luxuriæs aus-
gestattet worden. In den frçheren Milch-,
Kurzwaren- und Kolonialwarenlåden hatten
sich Boutiquen, Coiffeurs und Kunstgalerien
eingerichtet.
Nur das kleine Papierwarengeschåft von
Herrn Zwerg gab es noch. In dem schmalen
Schaufenster stand inmitten von angestaub-
ten Zigarren-, Zigarillo- und Stumpenkisten
ein Mann mit Tropenhelm, in der Hand hielt
er eine lange Pfeife.
Ich fragte Herrn Zwerg, ob Frau Brçcker
noch lebe, und wenn, wo.
Was wollen Sie denn, fragte er mit geballtem
Miûtrauen. Der Laden ist schon vermietet.
Ich erzåhlte ihm, als Beweis dafçr, daû ich
ihn von frçher her kenne, wie er einmal, es
muû 1948 gewesen sein, auf einen Baum ge-
stiegen sei; der einzige Baum hier in der Ge-
gend, der nicht in den Bombennåchten abge-
brannt oder spåter nach dem Krieg zu Brenn-
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holz zersågt worden war. Es war eine Ulme.
Auf die war eine Katze vor einem Hund ge-
flçchtet. Sie war hoch und immer hæher gestie-
gen, bis sie nicht mehr zurçckklettern konnte.
Eine Nacht hatte sie im Baum gesessen, auch
den folgenden Vormittag noch, dann war Herr
Zwerg, der bei den Sturmpionieren gedient
hatte, unter den Augen vieler Neugieriger dem
Tier nachgestiegen. Die Katze war aber vor
ihm hæher und noch hæher in die Baumkrone
geflçchtet, und plætzlich saû auch Herr Zwerg
hoch oben im Baum und konnte nicht mehr
heruntersteigen. Die Feuerwehr muûte kom-
men und holte mit einer Leiter beide, Herrn
Zwerg und die Katze, aus dem Baum. Meiner
Erzåhlung hatte er schweigend zugehært. Er
drehte sich um, nahm sein linkes Auge heraus
und putzte es mit einem Taschentuch. Das
waren Zeiten, sagte er. Er setzte sich das Auge
wieder ein und schnupfte sich die Nase aus. Ja,
sagte er schlieûlich, ich war çberrascht, als ich
so weit oben saû, konnte von oben die Distanz
nicht recht abschåtzen.
Er war von den alten Bewohnern der letzte
in dem Haus. Vor zwei Monaten hatte ihm
der neue Hausbesitzer eine Mieterhæhung
angekçndigt. Die war nicht mehr bezahlbar.
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Wçrd ja noch weitermachen, auch wenn ich
nåchstes Jahr achtzig werd. Kommt man so
ja unter die Leute. Rente? Schon. Verhungern
kannste nich davon, aber leben auch nich.
Jetzt kommt hier ne Vinothek rein. Dachte
zuerst, is so was wie n Musikgeschåft. Frau
Brçcker? Nee, is schon lange weg. Die is be-
stimmt schon nicht mehr.
Ich habe sie dann doch noch getroffen. Sie
saû am Fenster und strickte. Die Sonne schien
abgemildert durch die Stores. Es roch nach
Úl, Bohnerwachs und Alter. Unten im Emp-
fang saûen rechts und links an den Korridor-
wånden viele alte Frauen und ein paar alte
Månner, Filzhausschuhe an den Fçûen, ortho-
pådische Manschetten an den Hånden, und
starrten mich an, als håtten sie seit Tagen auf
mein Kommen gewartet. 243 hatte mir der
Pfærtner als Zimmernummer gesagt. Ich war
zum Einwohnermeldeamt gegangen, dort hat-
te man mir ihre Adresse gegeben, ein stådti-
sches Altersheim in Harburg.
Ich habe sie nicht wiedererkannt. Ihr Haar
war, schon als ich sie zuletzt gesehen hatte,
grau, aber jetzt war es dçnn geworden, ihre
Nase schien gewachsen zu sein, auch das
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Kinn. Das frçher leuchtende Blau ihrer Augen
war milchig. Allerdings waren ihre Fingerge-
lenke nicht mehr geschwollen.
Sie behauptete, sich deutlich an mich erin-
nern zu kænnen. Kamst als Junge auf Besuch,
nich, und hast bei der Hilde iner Kçche geses-
sen. Spåter warste manchmal am Imbiûstand.
Und dann bat sie mich, mein Gesicht anfassen
zu dçrfen. Sie legte das Strickzeug aus den
Hånden. Ich spçrte ihre Hånde, ein flçchtig
tastendes Suchen. Zarte, weiche Handflåchen.
Die Gicht is weg, dafçr kann ich nix mehr
sehen. Gibt eben so was wie n allmåchtigen
Ausgleich. Hast ja keinen Bart mehr, auch das
Haar nich mehr so lang. Sie blickte hoch und in
meine Richtung, aber doch ein wenig an mir
vorbei, als stçnde hinter mir ein anderer. Neu-
lich war einer da, sagte sie, der wollte mir ne
Zeitschrift andrehn. Ich kauf nix.
Sobald ich sprach, korrigierte sie den Blick
und sah mir manchmal in die Augen. Ich
wollte nur etwas fragen. Ob ich das richtig in
Erinnerung håtte, daû sie kurz nach dem
Krieg die Currywurst erfunden habe.
Die Currywurst? Nee, sagte sie, ich hab
nur nen Imbiûstand gehabt.
Einen Moment lang dachte ich, es wåre
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besser gewesen, sie gar nicht besucht und ge-
fragt zu haben. Ich håtte dann weiter eine
Geschichte im Kopf gehabt, die eben das ver-
band, einen Geschmack und meine Kindheit.
Jetzt, nach diesem Besuch, konnte ich mir
genausogut irgend etwas ausdenken.
Sie lachte, als kænne sie mir meine Ratlo-
sigkeit, ja meine Enttåuschung, die ich nicht
verbergen muûte, ansehen.
Doch, sagte sie, stimmt, will mir hier aber
keiner glauben. Die haben nur gelacht, als ich
das erzåhlte. Haben gesagt, ich spinne. Jetzt
geh ich nur noch selten runter. Ja, sagte sie,
ich hab die Currywurst entdeckt.
Und wie?
Is ne lange Geschichte, sagte sie. Muûte
schon n biûchen Zeit haben.
Hab ich.
Vielleicht, sagte sie, kannste nåchstes Mal n
Stçck Torte mitbringen. Ich mach uns n Kaffee.
Siebenmal fuhr ich nach Harburg, sieben
Nachmittage der Geruch nach Bohnerwachs,
Lysol und altem Talg, siebenmal half ich ihr,
die sich langsam in den Abend ziehenden
Nachmittage zu verkçrzen. Sie duzte mich.
Ich siezte sie, aus alter Gewohnheit.
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Man wartet ja auf nix, sagte sie, und dann
nix mehr sehen. Siebenmal Torte, siebenmal
schwere, sçûmassive Keile: Prinzregenten, Sa-
cher, Mandarinensahne, Kåsesahne, sieben-
mal brachte ein freundlicher Zivildienstlei-
stender namens Hugo rosafarbene Pillen gegen
zu hohen Blutdruck, siebenmal çbte ich mich
in Geduld, sah sie stricken, schnell und gleich-
måûig klapperten die Nadeln. Das Vorderteil
eines Pullovers fçr ihren Urenkel entstand vor
meinen Augen, ein kleines Strickkunstwerk,
eine Wollandschaft, und håtte mir jemand er-
zåhlt, das sei das Werk einer Blinden, ich håtte
es nicht geglaubt. Zuweilen hatte ich den Ver-
dacht, sie sei gar nicht blind, aber dann tastete
sie sich wieder an die Stricknadeln im Pullover
heran und erzåhlte weiter, zuweilen unterbro-
chen, wenn sie nachdenklich die Maschen
zåhlte, den Rand befçhlte, nach dem anderen
Faden tastete ± sie muûte ja mit zwei, manch-
mal sogar mit mehr Fåden arbeiten ±, die Na-
del langsam, aber zielgenau in die Maschen
einfçhrte, in sich versunken und doch çber
mich hinwegsah, um sodann ohne jede Hast,
aber auch ohne zu stocken die Strickarbeit wie-
deraufzunehmen, erzåhlte von notwendigen
und zufålligen Ereignissen, wer und was alles
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eine Rolle gespielt hatte bei der Entdeckung
der Currywurst: ein Bootsmann der Marine,
ein silbernes Reiterabzeichen, zweihundert
Fehfelle, zwælf Festmeter Holz, eine whisky-
trinkende Wurstfabrikantin, ein englischer
Intendanturrat und eine englische rotblonde
Schænheit, drei Ketchupflaschen, Chloroform,
mein Vater, ein Lachtraum und vieles mehr.
Das alles erzåhlte sie stçckchenweise, das En-
de hinausschiebend, in kçhnen Vor- und
Rçckgriffen, so daû ich hier auswåhlen, begra-
digen, verknçpfen und kçrzen muû. Ich lasse
die Geschichte am 29. April 1945, an einem
Sonntag beginnen. Das Wetter in Hamburg:
çberwiegend stark bewælkt, trocken. Tempe-
ratur zwischen 1,9 und 8,9 Grad.
2.00: Hitlers Trauung mit Eva Braun. Trau-
zeugen sind Bormann und Goebbels.
3.30: Hitler diktiert sein politisches Testa-
ment. Groûadmiral Dænitz soll seine Nach-
folge als Staatsoberhaupt und Oberbefehls-
haber antreten.
5.30: Die Englånder gehen bei Artlenburg
çber die Elbe.
Hamburg soll als Festung bis zum letzten
Mann verteidigt werden. Barrikaden werden
gebaut, der Volkssturm wird aufgerufen, der
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Heldenklau geht durch die Krankenhåuser,
das letzte, das allerletzte, das allerallerletzte
Aufgebot wird an die Front geworfen, so auch
der Bootsmann Bremer, der in Oslo im Stab
des Admirals die Seekartenkammer geleitet
hatte. Dort war er seit Frçhjahr '44 so gut wie
unabkæmmlich gewesen, bis er Heimaturlaub
bekam und auch gefahren war, nach Braun-
schweig. Er hatte seine Frau besucht und sei-
nen knapp einjåhrigen Sohn zum ersten Mal
gesehen und sich çberzeugen kænnen, daû er
zahnte und Papa sagen konnte. Dann hatte er
sich wieder auf die Rçckreise zu dem Seekar-
tenmagazin gemacht, war in einem çberfçllten
Personenzug bis Hamburg gekommen, von
dort mit einem Militårlaster nach Plæn gefah-
ren, am nåchsten Tag von einem Pferdefuhr-
werk nach Kiel mitgenommen worden, von
wo aus er sich nach Oslo einzuschiffen gedach-
te. In Kiel war er aber zu einer Panzerjagd-Ein-
heit abkommandiert worden und nach einer
dreitågigen Ausbildung an der Panzerfaust
nach Hamburg befohlen worden, wo er sich
bei seiner neuen Einheit melden muûte, die im
Endkampf in der Lçneburger Heide eingesetzt
werden sollte.
Gegen Mittag war er in Hamburg ange-
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kommen, hatte etwas von seiner Marschver-
pflegung, zwei Scheiben Kommiûbrot und
eine kleine Dose Leberwurst, gegessen und
war durch die Stadt gegangen. Er kannte
Hamburg von frçheren Besuchen, konnte die
Straûen aber nicht wiedererkennen. Einige
Fassaden waren stehengeblieben, dahinter die
borstig ausgebrannte Turmruine der Katha-
rinenkirche. Kalt war es. Eine von Nord-
westen herantreibende Wolke schob sich der
Sonne entgegen. Bremer sah auf der Straûe
den Schatten auf sich zuwandern, und er er-
schien ihm wie ein dunkles Vorzeichen. Am
Straûenrand zerschlagene Ziegel, verkohlte
Balken, Bruchstçcke von Sandsteinquadern,
die einmal das Portal eines Hauseingangs
gewesen waren, noch stand ein Teil der Trep-
pe, aber sie fçhrte ins Nichts. Wenige Men-
schen waren auf der Straûe, zwei Frauen
zogen eine kleine Handkarre, ein, zwei Wehr-
machtslaster mit Holzvergasern fuhren vor-
bei, ein von einem Pferd gezogenes Drei-
radauto. Bremer erkundigte sich nach einem
Kino. Man schickte ihn zu Knopfs Lichtspiel-
halle auf der Reeperbahn. Er ging zum Mil-
lerntor, dann zur Reeperbahn. Nutten stan-
den, grau und abgehårmt, in den Hauseingån-
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