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Synonym e

Die Verwendung von Synonymen ist entscheidend für eine abwechslungsreiche Wortwahl in der natürlichen Sprachgenerierung, jedoch ist ihre Kontextabhängigkeit eine Herausforderung für traditionelle Lexika. Ein vorgeschlagenes Verfahren nutzt Aktivationsausbreitungsprozesse in einem semantischen Netz, um verschiedene Formulierungsalternativen zu generieren und Kriterien zur Auswahl der geeignetsten Synonyme zu diskutieren. Die Arbeit beleuchtet die Schwierigkeiten bei der Ermittlung und Auswahl von Synonymen sowie deren Einfluss auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit von Texten.

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Synonym e

Die Verwendung von Synonymen ist entscheidend für eine abwechslungsreiche Wortwahl in der natürlichen Sprachgenerierung, jedoch ist ihre Kontextabhängigkeit eine Herausforderung für traditionelle Lexika. Ein vorgeschlagenes Verfahren nutzt Aktivationsausbreitungsprozesse in einem semantischen Netz, um verschiedene Formulierungsalternativen zu generieren und Kriterien zur Auswahl der geeignetsten Synonyme zu diskutieren. Die Arbeit beleuchtet die Schwierigkeiten bei der Ermittlung und Auswahl von Synonymen sowie deren Einfluss auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit von Texten.

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Synonyme bei der Erzeugung, Generierung

und Produktion natürlicher Sprache

Stephan Mehl

Gerhard-Mercator-Universität -GHS- Duisburg, Computerlinguistik,


D-47048 Duisburg

Zusammenfassung. Für eine abwechslungsreiche Wortwahl ist die Verwendung


von Synonymen unerläßlich. Allerdings sind Synonymierelationen wegen ihrer
Kontextabhängigkeit in traditionellen Lexika nur schwer exakt darstellbar. Außer-
dem tragen nicht alle Synonyme in gleicher Weise zur Lesbarkeit und Verständ-
lichkeit eines Textes bei. Zur Berücksichtigung der Kontextabhängigkeit wird ein
Verfahren vorgestellt, das anhand von Aktivationsausbreitungsprozessen auf einem
semantischen Netz verschiedene Formulierungsalternativen vorschlägt. Sodann
werden Kriterien diskutiert, die eine Auswahl unter diesen Alternativen ermögli-
chen.

Abstract. Varying words in natural language generation requires the use of syn-
onyms. In traditional dictionaries, however, the formal representation of synonyms
is difficult due to their dependence on context. In addition to that, not all synonyms
enhance the readability and comprehensibility of a text equally well. It is proposed
to take the context of synonyms into account by using a spreading activation
mechanism in a semantic network. Several criteria are discussed to choose among
the so-obtained alternatives.

1. Problemstellung
Was die Rolle des Lexikons betrifft, so besteht das Hauptproblem bei der maschi-
nellen Generierung natürlicher Sprache seit jeher darin, für einen vorgegebenen In-
halt das passende Wort zu finden. Dies gilt für alle Bereiche der Sprachgenerierung,
von Informationssystemen bis hin zur Maschinellen Übersetzung. In diesem Beitrag
sollen die Anforderungen an ein gutes System noch etwas höher geschraubt werden:
Wäre es nicht wünschenswert, statt nur eines einzigen inhaltlich passenden Wortes
mehrere zur Verfügung zu haben, aus denen man das syntaktisch oder stilistisch
geeignetste auswählen kann? Bei der Generierung von Antworten in einem
Dialogsystem könnte dann z.B. statt
Das gesuchte Buch befindet sich im Handapparat Informatik. Dieser befindet
sich in Raum LF245. Das Gebäude LF befindet sich an der Lotharstraße,

1
zwischen der Bibliothek und der Mensa. Ein Informationsblatt mit den
genauen Benutzungsbedingungen befindet sich an der Tür des Raums LF
244.
eher der folgende Text erzeugt werden:
Das gesuchte Buch steht im Handapparat Informatik. Dieser ist in Raum
LF245 untergebracht. Das Gebäude LF liegt an der Lotharstraße, zwischen
der Bibliothek und der Mensa. Ein Informationsblatt mit den genauen
Benutzungsbedingungen hängt an der Tür des Raums LF 244 aus.
Im Bereich der Verben ist die Notwendigkeit besonders groß, Synonyme zur Ver-
fügung zu haben, weil hier in weitaus geringerem Maße als bei den Nomina Pro-
formen verwendet werden können. Allerdings ist es nicht damit getan, einfache Li-
sten von synonymen Verben ins Lexikon aufzunehmen. Einige der mit der Ermitt-
lung von Synonymen verbundenen Schwierigkeiten werden im folgenden in Ab-
schnitt 2 diskutiert.
Neben der stilistischen Variation gibt es übrigens auch andere Gründe dafür, daß
ein Synonym besser als ein anderes geeignet sein könnte, einen bestimmten Inhalt
auszudrücken. So können sich verschiedene Verben darin unterscheiden, wie sie
dieselben Kasusrollen auf Valenzstellen abbilden. Wie in Abschnitt 3 gezeigt wird,
können dieser und andere Unterschiede dazu führen, daß das eine Verb zu mißver-
ständlicheren oder schwerer lesbaren Texten führt als das andere. - Abschnitt 4
schließlich zeigt Möglichkeiten auf, die in den Abschnitten 2 und 3 beschriebenen
Desiderate in einer Implementierung zu realisieren.

2. Ermittlung von Synonymen


Die genaue Repräsentation von lexikalischen Informationen in einem Sprachgene-
rierungssystem hängt von dessen Aufgabenstellung und Architektur ab. Grob ver-
einfachend, enthalten alle Systeme eine Transferkomponente, die die Ausdrücke ei-
ner natürlichen Quellsprache oder einer formalen semantischen Repräsentations-
sprache auf Lexeme der Zielsprache abbildet. An dieser Stelle wäre die Existenz al-
ternativer Synonyme festzustellen. Um von der konkreten Gestalt dieser Transfer-
komponente zu abstrahieren, wird im folgenden einfach davon ausgegangen, es
seien Synonymiebeziehungen in einem umfassenden Lexikon (des Deutschen) dar-
zustellen, unabhängig von deren Beziehung zu einer inhaltlichen Vorgabe.
Das zentrale Problem bei der Darstellung von Synonymierelationen besteht in der
semantischen Kontextabhängigkeit der Synonymie. Im obigen Beispiel wurde sich
befinden ersetzt durch stehen, untergebracht sein, liegen und aushängen. Diese
Lexeme sind jedoch untereinander keineswegs synonym, sie stellen nur in speziel-
len Kontexten eine Alternative zu sich befinden dar: ein Gebäude, das sich an ei-
nem bestimmten Ort befindet, liegt dort, ein Buch steht, ein Informationsblatt an
einer Tür hängt aus, ein Informationsblatt auf einem Tisch liegt aus etc. Bei einer
engen Auslegung des Polysemiebegriffs könnte man sagen, daß sich die Bedeutung
von sich befinden je nach Kontext leicht verschiebt, was sich an der unterschiedli-
chen Paraphrasierbarkeit durch Synonyme zeigt (vgl. Wichter 1988). Alternativ
könnte man eine "Kernbedeutung" von sich befinden ("an einem bestimmten Ort
sein") annehmen und argumentieren, daß es etwa von außersprachlichem Wissen

2
über die Position des Informationsblatts abhängt, welches Verb (aushängen vs.
ausliegen) als Paraphrase benutzt werden kann. In beiden Fällen kann das Lexikon
nicht einfach eine Reihe von Synonymen auflisten, sondern es sind Kontextangaben
nötig, um die jeweils passenden ermitteln zu können. Im einfachsten Fall handelt es
sich dabei um Kollokationsangaben, die explizit in Lexika verzeichnet sind, weil
bei ihnen das abhängige Element eine spezielle, nur auf das dominierende Element
bezogene Bedeutung bekommt (z.B. die Uhr steht, vgl. Hausmann 1985).
Im folgenden wird der Begriff der Synonymie so weit gefaßt, daß auch solche
Verben darunter fallen, die zwar dasselbe Prädikat über denselben Argumenten aus-
drücken, den semantischen Kasusrahmen syntaktisch jedoch völlig unterschiedlich
realisieren. Beispiel: wir haben nichts mit dieser Angelegenheit zu tun - diese
Angelegenheit betrifft uns nicht.
Das Paar betreffen - mit etwas zu tun haben ist ein Beispiel dafür, daß häufig
nicht zwei Lexeme derselben Wortart synonym sind, sondern zwei Syntagmen, die
möglicherweise eine unterschiedliche syntaktische Gestalt haben. Hierzu gehören
feste Syntagmen (planen - im Schilde führen) ebenso wie Funktionsverbgefüge:
sich auswirken könnte durch Auswirkungen haben und dieses wiederum durch
Folgen haben ersetzt werden (dagegen ist sich auswirken nicht synonym zu folgen).
Um eine größere Freiheit bei der Textplanung zu erreichen, ist es sinnvoll, auch
Nominalisierungen mit einzubeziehen: Inhaltlich gesehen, besteht kein Unterschied
zwischen die Auswirkungen dieser Veränderung auf die Distribution und diese
Veränderung wirkt sich auf die Distribution aus. Stilistisch sind Nominalisierungen
zwar verpönt, sie sind aber nützlich zur Erreichung einer knapperen Darstellung
eines Sachverhalts durch Vermeidung der Aneinanderreihung von Nebensätzen.
Über die Verwendung von Synonymen hinaus gibt es weitere Mittel, um
Abwechslung in die Bezeichnung desselben Gegenstandes bzw. derselben Hand-
lung zu bringen. Ein gängiges Mittel ist die Verwendung von Ober- oder von
Unterbegriffen; bei den Unterbegriffen muß natürlich kontrolliert werden, ob sie
zutreffen, und die Oberbegriffe könnten zu Verwechslungen mit anderen möglichen
Referenzobjekten führen. Im Rahmen dieser Arbeit wird daher nur der einfachere
Fall der Synonymie betrachtet.

3. Auswahl aus verschiedenen Alternativen


Angenommen, für einen gegebenen Kontext seien mehrere alternative Synonyme
ermittelt worden; z.B.
das Buch steht im Handapparat/ist Teil des Handapparats/ist im Handapparat zu
finden
das Gebäude liegt an der Lotharstraße/ist an der Lotharstraße gelegen;
das Informationsblatt hängt aus/ist ausgehängt/ist angeschlagen
Im folgenden werden Kriterien vorgeschlagen, nach denen eines von mehreren für
einen bestimmten Kontext ermittelten Synonymen ausgewählt werden kann.

3.1 Allgemeine Kriterien

3
Stilistische Angemessenheit: Synonyme, die einer unpassenden Stilebene, einem
bestimmten Soziolekt etc. angehören, sollten ausgeschlossen werden. Oft handelt es
sich hier allerdings nicht um binäre, sondern um graduelle Bewertungen: Vergli-
chen mit der Formulierung
ein Informationsblatt mit den Benutzungsbedingungen hängt an der Tür aus
wäre ein Blatt mit den Benutzungsbedingungen hängt an der Tür salopper, die
Benutzungsbedingungen werden durch Aushang an der Tür bekanntgegeben
formeller. Wenn aber nicht gerade eine saloppe und eine formelle Formulierung
miteinander kombiniert werden, wären beide Varianten in dem obengenannten Text
durchaus noch akzeptabel.

Syntaktische Komplexität: Durch ihre Gestalt ergeben sich bei manchen Lexemen
syntaktisch komplexere Strukturen als bei anderen. So ist etwa die Aktivform das
Gebäude liegt dem Zustandspassiv das Gebäude ist gelegen vorzuziehen (wobei in
diesem Beispiel noch stilistische Unterschiede hinzukommen). Das Buch ist im
Handapparat des Instituts für Informatik im Gebäude LF an der Lotharstraße zu
finden wird durch die späte Nennung des Verbs schwerer verständlich als Das Buch
steht im Handapparat des Instituts für Informatik im Gebäude LF an der
Lotharstraße.
Syntaktisch unterschiedliche (und damit eventuell unterschiedlich leicht verständ-
liche) Strukturen ergeben sich auch aus der unterschiedlichen Zuordnung der
semantischen Kasus- zu den syntaktischen Valenzrahmen bei verschiedenen
Lexemen. So unterscheiden sich aushängen und anschlagen dadurch, daß beide
zwar einen Valenzrahmen aufweisen, bei dem das Patiens durch eine
Akkusativergänzung wiedergegeben wird, aushängen darüber hinaus in derselben
Bedeutung aber noch einen zweiten Valenzrahmen mit einem Patiens im Nominativ
aufweist. Es erlaubt daher auch dann eine Aktivkonstruktion, wenn kein Agens zur
Verfügung steht:
Das Informationsblatt hängt an der Tür aus.
Das Informationsblatt ist an der Tür ausgehängt.
*Das Informationsblatt schlägt an der Tür an. (vgl. die Tür schlägt an der
Wand an)
Das Informationsblatt ist an der Tür angeschlagen.
Das heißt nicht, daß eine Passivformulierung automatisch abzulehnen wäre; aus
Variationsgründen kann sie durchaus angebracht sein, wenn nicht weitere Faktoren
gegen sie sprechen (z.B. ein umfangreiches Mittelfeld wie oben im Handapparat-
Beispiel, das Subjekt und Verb zu weit voneinander trennt). Letzteres kann jedoch
erst im Zuge der syntaktischen Generierung entschieden werden.

3.2 Präferierte Valenzrahmen

In verschiedenen sprachpsychologischen Untersuchungen (beginnend mit Ford et


al. 1982 sowie Connine et al. 1984) wurde festgestellt, daß nicht alle Valenzrah-
men, die ein bestimmtes Verb zuläßt, denselben Stellenwert haben. So kann ein be-
stimmtes Komplement beispielsweise optional sein, aber dennoch mehr oder weni-
ger stark erwartet werden. Anders ausgedrückt: Ein Verb mit einer optionalen Prä-
positionalergänzung läßt zwei verschiedene Valenzrahmen zu, einen mit und einen

4
ohne diese Präpositionalergänzung; diese beiden Valenzrahmen können unter-
schiedlich hohe Wahrscheinlichkeitswerte haben. Diese Wahrscheinlichkeitswerte
äußern sich in der Interpretation bestimmter syntaktisch mehrdeutiger Sätze. Bei-
spiel (Ford et al. 1982): Sowohl in
The woman wanted the dress on that rack.
als auch in The woman positioned the dress on that rack.
kann in the rack als Ergänzung des Verbs oder als Attribut zu dress interpretiert
werden. Einer Gruppe von Versuchspersonen wurden diese und ähnliche Sätze zu-
sammen mit zwei möglichen Paraphrasen vorgelegt mit der Bitte, anzugeben, wel-
che der beiden Interpretationen ihnen zuerst eingefallen war. Bei want entschieden
sich 90% der Versuchspersonen für die Attributlesart (The woman wanted the dress
which was on that rack) und 10% für die Komplementlesart (The woman wanted it
(the dress) on that rack). Bei position war das Verhältnis umgekehrt (30% für die
Attribut-, 70% für die Komplementlesart). - Ähnliche Präferenzen wurden nicht nur
bei Valenzrahmen, sondern auch bei Kasusrahmen nachgewiesen (Pritchett 1987).
Natürlich können solche lexikalischen Präferenzen durch andere Faktoren annulliert
werden (etwa wenn der erste Satz eine Antwort auf die Frage Where shall I put the
dress? darstellt). Falls solche Faktoren jedoch fehlen oder erst später nachge-
schoben werden, führen sie zur Konstitution einer bestimmten Interpretation, die
möglicherweise später mühsam revidiert werden muß. Zur Vermeidung von
falschen Interpretationen sollten solche Interpretationsstrategien daher bei der Ge-
nerierung antizipiert werden.
Bei want wird die Situation dadurch erschwert, daß die beiden Valenzrahmen
zwei verschiedenen Lesarten zuzurechnen sind: In der Attributlesart bedeutet want
"besitzen wollen", in der Komplementlesart "wollen, daß etwas geschieht" (The wo-
man wanted the dress to be positioned on the rack.) Von daher fällt want eher unter
die nun folgende Diskussion der Lesartenpräferenz bei Polysemen.

3.3 Mehrdeutige Wörter

Wesentlich deutlicher als die in 3.2 beschriebenen lexikalischen Präferenzen sind


die Unterschiede, die zwischen den einzelnen Lesarten eines Homonyms oder Poly-
sems bestehen. Die Begründung für die Relevanz dieser Unterschiede ist dieselbe
wie in 3.2: Sind in der Menge der Synonyme, von denen eines auszuwählen ist,
solche, die in einer unpräferierten Lesart verwendet werden müßten, so sind dieje-
nigen vorzuziehen, bei denen die präferierte Lesart zum Tragen kommt. Auf diese
Weise lassen sich Mißverständnisse nach Möglichkeit vermeiden.
Eine bestimmte Lesart kann aus verschiedenen Gründen präferiert werden (vgl.
Small/Cottrell/Tanenhaus 1988): weil sie grundsätzlich am häufigsten benutzt wird
("dominance"), weil sie am besten zum jeweiligen Kontext paßt ("salience") oder
weil das betreffende Wort kürzlich schon in dieser Lesart verwendet wurde
("recency"). Nach Möglichkeit sollten Homonyme und Polyseme nur dann bei der
Generierung eingesetzt werden, wenn die verwendete Lesart allen drei Kriterien
genügt oder wenn das zutreffende Kriterium so stark ist, daß die übrigen keine
Rolle mehr spielen. Einige Beispiele:
Dominanz: Vom Informationsgehalt her dürften die beiden folgenden Formulie-
rungen annähernd gleich sein:

5
Ein Anschlag neben der Bibliothek informiert über eventuelle Änderungen.
Informationen über eventuelle Änderungen sind neben der Bibliothek an-
geschlagen.
Die beiden Sätze unterscheiden sich jedoch dadurch, daß bei dem oberen gleich
zwei Lexeme in einer ungewöhnlichen Lesart verwendet werden, während bei dem
unteren lediglich die dominanten Lesarten zum Tragen kommen. Anschlag wird
meist in der Bedeutung Angriff benutzt, und bei informieren wird das Subjekt übli-
cherweise eher durch das Agens denn durch das Instrument gebildet. Die geringe
Dominanz der hier intendierten Lesart von Anschlag wird zwar durch deren größe
Salienz kompensiert; trotzdem wirkt der zweite Satz verständlicher als der erste.
Salienz: Der Handapparat, in dem das gesuchte Buch steht, ist selbstverständlich
eine Handbibliothek und nicht etwa ein Telefonhörer (oder was sonst noch in einem
technischen Fachwörterbuch als Bedeutung dieses Wortes verzeichnet sein mag). Je
nach Kontext sind bestimmte Bedeutungen eines Wortes eher zu erwarten als
andere, unabhängig von den klassischen Selektionsrestriktionen, nach denen ein
Verb möglicherweise nur mit bestimmten Lesarten eines polysemen Nomens kom-
binierbar ist.
Recency: Wird ein Polysem zweimal kurz nacheinander verwendet, so ist zu
erwarten, daß es in beiden Fällen dieselbe Bedeutung hat. Texte wie der folgende
sollten daher vermieden werden:
Das Buch befindet sich im Handapparat Informatik. Dieser befindet sich
jedoch derzeit in Auflösung, so daß das Buch erst in der nächsten Woche zur
Verfügung stehen wird.

4. Implementierung
In Abschnitt 3 wurden verschiedene Kriterien dargestellt, nach denen aus einer Li-
ste von Synonymen eine Auswahl getroffen werden kann. Viele dieser Kriterien
liefern graduelle statt binärer Bewertungen, und viele stehen in wechselseitigen
Abhängigkeitsverhältnissen. Abschnitt 2 hob das Problem hervor, angesichts der
Kontextabhängigkeit von Wortbedeutungen überhaupt erst zu Listen von Synony-
men zu kommen. Im folgenden wird eine Implementierung dargestellt, die beide
Problemfelder zu erfassen versucht.
Das Problem der Kontextabhängigkeit der Wortbedeutungen wird ausführlich in
Mehl 1993 diskutiert. Dort wird vorgeschlagen, das Bedeutungsspektrum eines Po-
lysems nicht künstlich in verschiedene Lesarten aufzuteilen, sondern durch ein Netz
von semantischen Relationen darzustellen. Nach diesem Modell soll die kon-
textabhängige Konstitution einer Wortbedeutung durch einen Aktivationsausbrei-
tungsprozeß auf diesem Netz repräsentiert werden, bei dem die von einem Wort-
knoten ausgehenden semantischen Relationen ein unterschiedlich starkes Gewicht
erhalten.
Für unsere Zwecke sind besonders die Synonymierelationen interessant, die Be-
standteil dieses Netzes sind. Abb. 1 stellt einige dieser Synonymien in stark verein-
fachter Form dar, zusammen mit syntagmatischen Kasusrelationen und Hypony-
mien. Aus Gründen der Übersichtlichkeit sind andere Kanten desselben Netzes in
Abb. 2 getrennt aufgeführt, nämlich solche, in denen sitzen, stehen und liegen nicht
synonym zu sich befinden sind, sondern hyponym ("sich in einer bestimmten Stel-

6
lung befinden"). So kann man von einem Buch auch dann sagen, es stehe in der
Bibliothek (sei Bestandteil dieser Büchersammlung), wenn es tatsächlich in dem
Raum, in dem diese Büchersammlung untergebracht ist (der sog. Bibliothek), auf
dem Tisch liegt. Das in Mehl 1993 beschriebene Netz repräsentiert insbesondere
die Bedeutungsverwandtschaft zwischen diesen Verwendungsweisen von stehen
etc., die sich z.B. darin ausdrückt, daß eine Äußerung wie
Dieses Buch steht im Handapparat, und zwar im linken Regal oben.
als wohlgeformt und nicht als zeugmatisch betrachtet wird.
einsitzen
Person Gefängnis

LOC
OBJ
sitzen

LOC
stehen Bibliothek Handapparat
sich befinden LOC
OBJ
enthalten
OBJ Sammlung
Buch
OBJ
untergebracht sein

Gebäude LOC
LOC liegen OBJ

Ort gelegen sein OBJ


LOC Synonymie
[Link].
Hyponymie
Abb. 1

Sitzgelegenheit
LOC
sitzen
OBJ Person

Regal
LOC
sich befinden
stehen

OBJ Buch

OBJ

liegen Tisch
LOC

Abb. 2

7
Der Aktivationsausbreitungsprozeß bewirkt, daß diejenigen semantischen Relatio-
nen, die auf Pfaden zwischen den Eingabewörtern liegen, gegenüber den anderen
Relationen hervorgehoben werden. Unterschiedliche Kombinationen von Eingabe-
wörtern führen damit zu unterschiedlichen Aktivationsmustern. Eine Synonymiere-
lation wird nur dann als in einem bestimmten Kontext vorliegend angesehen, wenn
sie durch die Eingabe der Wörter dieses Kontexts aktiviert wird. Ob z.B. die For-
mulierung ein Buch steht als synonym oder als hyponym zu ein Buch befindet sich
betrachtet werden muß, hängt davon ab, ob als Ortsangabe Bibliothek oder Regal
etc. genannt wird. Der Aktivationsausbreitungsmechanismus sorgt dafür, daß die
Synonymie- bzw. Hyponymiekanten zwischen stehen und sich befinden entspre-
chend mehr oder weniger stark aktiviert werden. Umgekehrt trägt Bibliothek nur in
Verbindung mit Buch zur Aktivierung der Synonymiekante bei; in Verbindung etwa
mit Staubsauger (Der Staubsauger steht in der Bibliothek.) wird stehen als
hyponym zu sich befinden erkannt. - Ein zweites Beispiel: untergebracht sein zählt
nur in Verbindung mit Sammlung o.ä. als synonym zu sich befinden, nicht aber z.B.
in Verbindung mit Hotelgast (ein in einem Hotelzimmer untergebrachter Hotelgast
befindet sich trotzdem nicht ständig dort).
Die unterschiedlich starke Aktivierung einer Relation durch den Kontext
reflektiert die Salienz der durch diese Relation repräsentierten Lesart. Das
Aktivationsniveau einer Kante bleibt über einen gewissen Zeitraum erhalten, bevor
es langsam absinkt; damit wird auch dem Recency-Effekt Rechnung getragen. Die
Dominanz einer Lesart schließlich wird durch eine spezielle Gewichtung der
Kanten dargestellt, die in den Aktivationsausbreitungsprozeß eingeht. So erhält bei-
spielsweise die Kante sitzen - Gefängnis eine deutlich niedrigere Bewertung als
sitzen - Sitzgelegenheit; dies bedeutet, daß es einer ausdrücklichen Erwähnung von
Gefängnis (oder zumindest von Straftat, Verbrecher o.ä.) bedarf, um das Verb
sitzen als "im Gefängnis sitzen" zu interpretieren. Ohne eine solche explizite
Kontextangabe wird sitzen als "auf einer Sitzgelegenheit sitzen" verstanden (z.B. in
Der moderne Mensch sitzt zuviel.).
Die exakten numerischen Bewertungen der Kanten nach Ablauf der Aktivations-
ausbreitung hängen von einer Reihe von Parametern wie z.B. der Netzgröße ab
(vgl. Mehl 1993). Im folgenden werden diese Bewertungen daher zu Vergleichs-
zwecken auf eine Skala von 0 bis 10 abgebildet.
Um die übrigen in Abschnitt 3 genannten Kriterien zur Auswahl zwischen ver-
schiedenen Synonymen einsetzen zu können, werden die Knoten folgendermaßen
annotiert:
- stilistische Neutralität: eine Bewertung zwischen 0 (= zu salopp oder zu formell)
und 3 (=neutral)
- Allgemeinverständlichkeit: eine Bewertung zwischen 0 (nur in Fachtexten ver-
wendbar) und 3 (=allgemein bekannt). Bei Bewertungen <3 wird zusätzlich
vermerkt, zu welcher Fachsprache das Wort gehört.
- Valenzrahmen: Jeder Verbknoten erhält eine Liste der jeweils möglichen Valenz-
rahmen, versehen mit einer Präferenzbewertung zwischen 0 (= möglichst zu
vermeiden) und 3 (= nach Möglichkeit zu verwenden). Für jeden Valenzrahmen
werden die zugehörigen möglichen Kasusrahmen angegeben, ebenfalls jeweils
mit einer Präferenzbewertung versehen. Aufgrund der Zuordnung von Kasus- zu
Valenzrahmen ist es beispielsweise möglich, die Kanten (enthalten OBJ: Buch,

8
LOC: Bibliothek) durch Die Bibliothek enthält das Buch, die synonyme
Formulierung (stehen OBJ: Buch, LOC: Bibliothek) durch Das Buch steht in
der Bibliothek zu realisieren.
Schließlich geht in die Entscheidung noch die Komplexität der erzeugten syntakti-
schen Struktur ein (z.B. Vermeidung von Passivformulierungen). Zu Demonstrati-
onszwecken wird diese Komplexität im folgenden Beispiel mit einer Bewertung
zwischen 0 und 6 versehen.
Auf dieser Basis läuft die Generierung verschiedener Formulierungen folgender-
maßen ab:
Im Zuge der Inhaltsfestlegung werden Konzepte bestimmt, die auf ausgewählte
Lexeme und deren Rollen abgebildet werden. Beispiel: (sich befinden OBJ: Buch,
LOC: Handapparat), Fokus auf Buch. Ausgehend von den drei Knoten, die diesen
Lexemen zugeordnet sind, wird ein Aktivationsausbreitungsprozeß in Gang gesetzt,
der als Alternative zu sich befinden die Synonyme stehen und enthalten ermittelt. In
diesem einfachen Beispiel kommt bei jedem der Lexeme nur ein Valenzrahmen in
Betracht. Die Einzelbewertungen ergeben folgendes Resultat:

sich befinden: stilistische Neutralität 2, Allgemeinverständlichkeit 3, Valenz- und


Kasusrahmen 3. Verb und Komplemente passen gut zusammen, Das Buch be-
findet sich läßt jedoch mehrere Interpretationen offen (das Buch befindet sich
auf dem Weg zum Buchbinder/in schlechtem Zustand etc.), von denen keine do-
minant ist. Kantenbewertung daher: 8. Syntaktische Realisierung mit dem er-
wünschten Fokus: 5 (Punktabzug wegen Reflexivität). Gesamtpunktzahl: 21.

stehen: stilistische Neutralität 3, Allgemeinverständlichkeit 3, Valenz- und Kasus-


rahmen 3. Verb und Komplemente passen gut zusammen, Das Buch steht läßt
eine weitere Interpretationen offen (das Buch steht im Regal), die aber eng mit
der hier intendierten verwandt ist. Kantenbewertung 10. Syntaktische Realisie-
rung mit dem erwünschten Fokus: 6. Gesamtpunktzahl: 25.

enthalten sein: stilistische Neutralität 2, Allgemeinverständlichkeit 3, Valenz- und


Kasusrahmen 3. Verb und Komplemente passen gut zusammen, keine weiteren
Interpretationsmöglichkeiten. Kantenbewertung 10. Syntaktische Realisierung
mit dem erwünschten Fokus: 3 (wegen des Fokus Passivformulierung: das Buch
ist im Handapparat enthalten). Gesamtpunktzahl: 21.

Gesamtbewertung: Als präferierte Erstreferenz ergibt sich Das Buch steht im


Handapparat. Als Folgereferenz kann eine der beiden anderen Formulierungen
verwendet werden (z.B. es befindet sich dort noch bis zum Ende des Sommer-
semesters; der Handapparat befindet sich ... ).

5. Ausblick
Die in Abschnitt 4 verwendeten numerischen Bewertungen sollen lediglich einen
Eindruck davon geben, wie die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte For-
mulierung vom Wechselspiel verschiedener Einflußgrößen abhängt. Zur Zeit laufen
genauere Untersuchungen zur Modellierung dieses Wechselspiels. Aus dem in

9
Mehl 1993 dokumentierten semantischen Netz stehen hierzu nur ca. 130 Synony-
mierelationen zur Verfügung. Dieses Inventar wird jedoch ergänzt durch ca. 6000
Synonymien, die automatisch aus dem Duden - Deutschen Universalwörterbuch ex-
trahiert wurden (Mehl 1994) und an ausgewählten Stellen gezielt manuell ergänzt
werden, vor allem durch komplexere Syntagmen.
Leider beschäftigen sich nur wenige Veröffentlichungen mit der Problematik der
parallelen Untersuchung von Formulierungsalternativen. Besonders im lexikali-
schen Bereich geben sich viele Verfahren mit der erstbesten Lösung zufrieden -
wenn überhaupt Alternativen vorgesehen sind. Für den Bereich der Syntax be-
schreibt Ward 1992 ein Verfahren, das die Auswahl einer syntaktischen Konstruk-
tion ebenfalls mit Hilfe eines Aktivationsausbreitungsmechanismus steuert. Wie
oben in Abschnitt 3 dargestellt wurde, ist die Interaktion von lexikalischen und syn-
taktischen Realisierungsentscheidungen ein zentrales, wenn auch schwer zu reali-
sierendes Element des Generierungsprozesses. - Hovy 1988 untersucht ebenfalls
Formulierungsalternativen unter Verwendung einer Architektur ineinander verzahn-
ter Prozesse, konzentriert sich aber auf solche Varianten, die unterschiedliche
pragmatische Vorgaben realisieren (z.B. verschiedene Wertungen ausdrücken,
emotional unterschiedlich gefärbt sind etc.).
Um eine weitergehende Vielfalt von Formulierungen zu ermöglichen, muß das
Lexikon in eine Repräsentation von Handlungszusammenhängen eingebettet
werden, die über das hier beschriebene semantische Netz weit hinaus geht. Hier
wird das Problem angesprochen, wie Textplanung und Realisierung, denen die
stilistische Ausgestaltung obliegt, und die Inhaltsfestlegung miteinander zu
koordinieren sind.

Literatur:
1. Connine, C./Ferreira,F./Jones,C./Clifton, C./Frazier,L. 1984: Verbframe preferences: De-
scriptive norms. Journal of Psycholinguistic Research 13, S. 307-319.
2. Ford, Marilyn/Bresnan,Joan/Kaplan,Ronald 1982: A Competence-Based Theory of
Syntactic Closure. In: J. Bresnan (Hrsg.): The mental representation of grammatical
relations. Cambridge, MA: MIT Press, S. 727-796.
3. Hausmann, Franz Josef 1985: Kollokationen im deutschen Wörterbuch. In: H. Bergen-
holtz/[Link] (Hrsg.): Lexikographie und Grammatik. Tübingen: Niemeyer, S.
118-129.
4. Hovy, Eduard H. 1988: Generating natural language under pragmatic constraints.
Hillsdale: Lawrence Erlbaum.
5. Mehl, Stephan 1993: Dynamische semantische Netze. Zur Kontextabhängigkeit von
Wortbedeutungen. St. Augustin: infix.
6. Mehl, Stephan 1994: Automatic acquisition of lexical-semantic relations from machine-
readable dictionaries. In: René Dirven/Johan Vanparys (Hrsg.): New Approaches to
the Lexicon. Frankfurt: Peter Lang.
7. Pritchett, Bradley L. 1987: Garden path phenomena and the grammatical basis of
language processing. Diss. Harcard, Univ., University Microfilms.
8. Small, Steven/Cottrell, Garrison/Tanenhaus,Michael (Hrsg.) 1987: Lexical Ambiguity
Resolution. Hillsdale: Lawrence Erlbaum.
9. Ward, Nigel 1992: A parallel approach to syntax for generation. Artificial Intelligence 57,
S. 183-225.

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10. Wichter, Sigurd 1988: Signifikantgleiche Zeichen. Tübingen: Narr.

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