Hesse
Hesse
Hasse
Cleofide
Opera seria
C
Carus 50.704/03
Inhalt
Fassung der Uraufführung Dresden 1731 Vorwort / Foreword / Avant-propos V
Libretto X
Singstimmen:
Cleofide (Soprano), indische Königin, Sinfonia
Poros treue Geliebte 1. Allegro assai 1
Poro (Alto), König eines anderen Teils Indiens, 2. Andante 4
eifersüchtiger Geliebter Cleofides 3. Minuetto – Presto 6
Erissena (Soprano), Poros Schwester,
heimlich verliebt in Alessandro
Alessandro (Alto), König der Makedonier Atto Primo
Gandarte (Soprano), General der Armee von Poro Scena I
Timagene (Alto), Alessandros General 4. Recitativo (Poro, Cleofide) 7
Fermatevi, codardi!
Chor:
Chor von Indern, Griechen, Faunen und Nymphen 5. Aria (Cleofide) 10
Statisten: Che sorte crudele
Indische und makedonische Soldaten, Matrosen,
Gefährten, Diener, Tempeldiener und Bacchanten Scena II
6a. Recitativo (Gandarte, Poro) 14
Ort: Am Ufer des Hydaspes und in Cleofides Schloss Fuggi, mio re
Zeit: Im Sommer des Jahres 326 v. Chr., nach der Schlacht
am Hydaspes Scena III
6b. Recitativo (Poro, Timagene, Alessandro) 15
Orchester: In vano, empia fortuna
Flauto I/II
Oboe I/II 7. Aria (Poro) 20
Corno I/II Vedrai con tuo periglio
Tromba I/II
Violino I/II Scena IV
Viola 8. Recitativo (Timagene, Erissena, Alessandro) 23
Bassi Questa, che ad Alessandro
(Violoncello, Contrabbasso, Arciliuto, Fagotto, Cembalo)
9. Aria (Alessandro) 25
Vil trofeo d’un’alma imbelle
Aufführungsdauer: ca. 240 Minuten
Scena V
10. Recitativo (Timagene, Erissena) 28
Oh rimprovero acerbo
Scena VI
12. Recitativo (Timagene) 33
Ma qual sorte è la mia!
II Carus 50.704/03
17. Aria (Cleofide) 48 Scena II
Se mai turbo il tuo riposo 30b. Recitativo 88
(Erissena, Poro, Gandarte)
Scena IX Poro, Gandarte, arriva Alessandro
18a. Recitativo (Poro, Erissena) 51
Erissena, che dici? 31. Aria (Gandarte) 89
Appena Amor sen nasce
Scena X
18b. Recitativo (Gandarte, Poro, Erissena) 52 Scena III
Dove, mio re? 32a. Recitativo (Erissena, Poro) 93
Germano, anch’io vorrei
19. Aria (Poro) 54
Se possono tanto due luci vezzose Scena IV
32b. Recitativo (Poro) 94
Scena XI No, no, quella incostante
20. Recitativo (Gandarte, Erissena) 56
Principessa adorata 33. Aria (Poro) 94
Generoso risvegliati, o core
21. Aria (Erissena) 59
Vuoi saper se tu mi piaci? Scena V
34. Marcia 97
Scena XII
22. Recitativo (Gandarte) 62 35. Recitativo 98
Perché senz’opra (Cleofide, Alessandro, Timagene)
Signor, l’India festiva
23. Aria (Gandarte) 63
Voi, che adorate il vanto 36a. Recitativo (Gandarte) 100
Seguitemi, o compagni
Scena XIII
24. Recitativo (Alessandro, Timagene) 68 Scena VI
Alla tua fede, amico 36b. Recitativo (Cleofide, Poro) 100
Dove, mio ben?
Scena XIV
25. Marcia degl’Indiani 69 37. Duetto (Cleofide, Poro) 104
Sommi dèi, se giusti siete
26a. Recitativo 70
(Cleofide, Alessandro, Timagene) 38a. Recitativo (Cleofide, Poro) 104
Generoso Alessandro Ah! mio ben
Scena XI
Atto Terzo 64b. Recitativo (Cleofide) 190
Scena I Secondate, gran numi
52. Recitativo 150
(Erissena, Gandarte) 65. Aria (Cleofide) 191
Dunque vive il germano? Perder l’amato bene
IV Carus 50.704/03
Vorwort
Im umfangreichen Opernschaffen von Johann Adolf Hasse Für die Aufführung von Cleofide lag kein direkter Anlass
nimmt Cleofide einen besonders wichtigen Platz ein. Ihre vor, doch fand sie auf den Tag genau zwölf Jahre nach der
Aufführung in Dresden am 13. September 1731 war ein Aufführung von Lottis Teophane statt, die anlässlich der
Meilenstein in der Geschichte der Musik in der sächsischen Hochzeitsfeierlichkeiten des Jahres 1719 erklungen war.
Residenzstadt. Sie markiert den Anfang einer neuen Epo- Dies war sicherlich kein Zufall, sondern stellte eine be-
che, die mit Recht als „Ära Hasse“ bezeichnet wird. Gleich- wusste Anknüpfung dar. Auch der dabei betriebene Auf-
zeitig ist sie auch einer der Höhepunkte eines langen Wegs wand war vergleichbar: Die Gesamtkosten der Produktion
zur dauerhaften Etablierung eines festen italienischen beliefen sich, trotz aller Sparbemühungen, auf über
Opernensembles in Dresden. 11.000 Taler. Acht Szenenbilder und kostbarste Ausstat-
tung wurden verwendet und für die Massenszenen sogar
Nach ersten Anläufen Ausgang des 17. Jahrhunderts und eine speziell trainierte Kompanie Soldaten abkomman-
einem neuen Versuch im Zusammenhang mit der Hochzeit diert.
von Kurprinz Friedrich August (Sohn Augusts des Starken)
mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha im Doch war es primär nicht dieser Aufwand, sondern die mu-
Jahre 1719 wurde seit Ende 1723 der Plan umgesetzt, in sikalische Qualität, die zu dem enormen Erfolg der Auf-
Italien junge, hoffnungsvolle Talente im Auftrag des sächsi- führung beitrug. Hasse konnte in Dresden hinsichtlich der
schen Hofes ausbilden zu lassen. Die neuen Sänger sollten Gesangssolisten und der Instrumentalisten der Hofkapelle
Ende der 1720er Jahre nach Dresden kommen, doch wie- auf ein erstklassiges Ensemble zurückgreifen. Die Sänger
derholt auftretende Finanzierungsschwierigkeiten verzö- waren erfahrene Virtuosen (Faustina und Campioli) oder
gerten ihre Ankunft bis 1730. Um diese Zeit musste auch aber junge, doch hervorragend ausgebildete Talente (Anni-
die Leitung der Hofkapelle wegen einiger Todesfälle neu bali, Rochetti, Cattanea), denen die einzelnen Nummern
besetzt werden (Oberkapellmeister Schmidt und der Kon- buchstäblich „auf den Leib geschrieben“ waren. Daher
zertmeister Woulmyer [Volumier] starben beide 1728, und sind alle Gesangspartien der Oper technisch wie musika-
1729 verstarb auch Kapellmeister Heinichen). lisch sehr anspruchsvoll. Die Anzahl der den Darstellern zu-
gedachten Arien spiegelt – wie damals üblich – ihre Rang-
Bei der Auswahl möglicher Nachfolger im Amt des sächsi- folge (Titelrolle Cleofide 6 Arien, Alessandro und Poro je-
schen Hofkapellmeisters favorisierte man Johann Adolf weils 5 Arien, Erissena und Gandarte jeweils 4 Arien und
Hasse. Dieser in Bergedorf bei Hamburg geborene Musiker Timagene 3 Arien). Natürlich war Hasse bestrebt, seine
kam nach ersten Engagements als Sänger in Hamburg und Frau Faustina über alle Maßen glänzen zu lassen. So ist die
Braunschweig/Wolfenbüttel um die Mitte der 1720er Jahre Titelpartie der Cleophis die technisch schwierigste und dra-
nach Italien und machte sich bald einen Namen als Opern- matisch vielseitigste von allen. Cleofides Arien wurden auch
komponist; überdies konvertierte er dort zum Katholizismus. an dramaturgisch besonders wichtigen Stellen platziert
Nach den ersten Erfolgen in Neapel wechselte er nach Vene- (z. B. als allererste und allerletzte Arie der Oper sowie am
dig, in die damalige Hochburg der Opernmusik. Dort wurde Ende des zweiten Aktes) und gehören zu den musikalischen
ihm das Angebot gemacht, als Kapellmeister nach Dresden Höhepunkten der Oper. Zum Erfolg des Werkes trug nicht
zu kommen, da man davon ausging, dass ein katholischer zuletzt auch die Wiederverwendung mehrerer zugkräftiger
Deutscher, der Musik im modernsten italienischen Stil Stücke aus früheren Opern bei.
schreiben konnte, den Bedürfnissen des sächsischen Hofs
am besten entsprechen würde. Hasse nahm das Angebot Hasse nutzte für seine Komposition in vollem Maß die Vor-
zunächst an, brach aber im Mai 1730 den Vertrag und wei- züge des Dresdner Orchesters, in dem einige der besten
gerte sich, nach Sachsen zu reisen, da er zwischenzeitlich die Musiker der damaligen Zeit spielten (darunter der Geiger
berühmte Sängerin Faustina Bordoni kennen gelernt hatte. Pisendel, der Flötist Quantz und der Lautenist Weiss). Die-
Ein lukrativer Heiratsvertrag sah vor, dass Hasse sie für die se hervorragenden Instrumentalisten wurden in mehreren
Dauer ihres Engagements in Italien nicht allein lassen durfte. Nummern mit Solopartien bedacht, wie die Arien mit dem
Zwar hatte er mit seinem Verhalten seine sächsischen Ver- solistischen Einsatz von Flöten, Oboen, Hörnern oder – als
handlungspartner vor den Kopf gestoßen, doch er blieb als Dresdner Besonderheit – einer Theorbe belegen. Aber auch
Kandidat für die Kapellmeisterstelle im Gespräch. Im Som- die nicht solistischen Partien sind durchaus anspruchsvoll
mer 1731 kam er, von Faustina begleitet, nach Dresden, um und verlangen vom Orchester ein hohes Maß an Können
die Oper Cleofide aufzuführen. Die Verbindung Hasses mit und Einfühlungsvermögen. So sind zum Beispiel die oft pa-
einer so brillanten Sängerin wie Faustina hatte man mittler- rallel zur Gesangstimme geführten Partien der hohen Strei-
weile als Glücksfall erkannt und bemühte sich nun nachhal- cher in Artikulation und Ausdruck genau mit dieser abzu-
tig darum, beide für Dresden zu verpflichten. Doch die Be- stimmen. Die vorliegende, erste gedruckte Ausgabe der
stallung Hasses als Kapellmeister sollte erst nach dem Tod Oper beruht im Wesentlichen auf den Originalstimmen der
August des Starken im Jahr 1733 erfolgen. Nicht zuletzt er- Uraufführung von 1731 und übernimmt die während der
hielt das Künstlerehepaar auf diese Weise auch die Gelegen- Probenarbeit ins Notenmaterial eingetragenen zusätzlichen
heit, ihren in Italien mittlerweile eingegangenen Verpflich- Bezeichnungen. Dies, verbunden mit den modernen Er-
tungen nachzukommen. So begann die eigentliche „Ära kenntnissen der historischen Aufführungspraxis, ermög-
Hasse“ in Dresden offiziell zwar erst 1734, doch ist Cleofide licht den heutigen Interpreten eine gute Annäherung an
von 1731 als ihr erster Höhepunkt zu verstehen. das ursprüngliche Klangbild.
Carus 50.704/03 V
Das Libretto der Oper basiert auf Pietro Metastasios Ales-
sandro nell’ Indie, das auf antike Berichte über Alexander
den Großen und seine Kämpfe gegen den indischen König
Poros zurückgeht. Im barocken Sinne schuf Metastasio ein
fiktives Drama über Liebe, Eifersucht und Verrat. Lediglich
die wiederholten Kämpfe und ihre grausame Heftigkeit
entsprechen der historischen Wirklichkeit. Die Charaktere
der einzelnen Protagonisten sind (im Gegensatz zu der
recht komplizierten Handlung mit mehreren Handlungs-
strängen, Verwechslungen, Überraschungen etc.) relativ
einfach konzipiert. Man kann sogar jedem Charakter einen
einzigen beherrschenden Affekt zuordnen. Bei Cleophis ist
es die Liebe, bei Poros Eifersucht, bei Alexander Großmut,
bei Gandartes Treue, bei Eryxene Schwärmerei und schließ-
lich bei Timagenes Heimtücke.
VI Carus 50.704/03
Foreword rather a conscious attempt to establish the link between
the two events. The expenditure for the latter event was
Cleofide occupies a particularly important place among the comparable; the total cost of the production, despite ef-
many operas of Johann Adolf Hasse. Its performance in forts to economize, amounted to more than 11,000 talers.
Dresden on the 13 September 1731 was a milestone in the Eight scenic artists and expensive settings were used, and
musical history of the Saxon capital. It marked the beginning a company of soldiers were specially trained for the crowd
of a new epoch, which justifiedly was called the “Hasse scenes.
era”. It was also one of the high points on the long road
leading to the establishment of a permanent Italian opera Nevertheless it was not primarily this extravagance but the
ensemble in Dresden. work’s musical qualities to which the production owed its
enormous success. Hasse had at his disposal in Dresden a
After tentative proposals at the end of the 17th century, first-class ensemble of vocal soloists and the instrumental-
and a new beginning in connection with the marriage of ists of the Hofkapelle. The singers were experienced virtu-
the Electoral Prince Friedrich August (the son of Augustus osi (Faustina and Campioli) or young, but excellently
the Strong) to the Austrian Emperor’s daughter Maria trained talents (Annibali, Rochetti, Cattanea), for whom
Josepha in 1719, at the end of 1723 a plan took shape to their numbers were written specifically to exploit their abil-
train young, promising talents in Italy on behalf of the ities. All the voice parts in the opera are both technically
Court of Saxony. The new singers were to come to Dresden and musically very challenging. The number of arias allot-
late in the 1720s, but repeated financial difficulties delayed ted to each character reflects – as was customary at that
their arrival until 1730. About that time the direction of the time – their relative importance (title role Cleofide 6 arias,
Hofkapelle had to change hands owing to deaths (both the Alessandro and Poro 5 arias each, Erissena and Gandarte 4
chief Kapellmeister Schmidt and the concertmaster Woul- arias each, and Timagene 3 arias). Naturally Hasse strove
myer [Volumier] died in 1728, and Kapellmeister Heinichen to make his wife Faustina shine as a brilliant star. Therefore
died in 1729). the title role of Cleofide is the most technically difficult and
dramatically varied of all the roles. Cleofide’s arias were
The candidate selected for the position of Kapellmeister also placed at dramaturgically crucial points (e.g. as the
was Johann Adolf Hasse. This musician, born at Bergedorf first and last arias of the whole opera, and at the end of the
near Hamburg, began his career as a singer with his first second act), and they are among the musical high points of
engagements in Hamburg and Brunswick/Wolfenbüttel, the opera. The quality of the music was also enhanced by
then in the mid 1720s he went to Italy, and soon made his the fact that Hasse re-used in this opera several of his beat
name as an opera composer; moreover he converted to pieces from earlier works.
Catholicism. After his first successes in Naples he moved to
Venice, which was at that time the operatic capital. There Hasse made full use of the excellence of the Dresden or-
he was offered the position of Kapellmeister in Dresden; it chestra, which included some of the finest musicians of the
was considered that a Catholic German, who could write day (among them the violinist Pisendel, the flutist Quantz,
music in the latest Italian manner, was best equipped to and the lutenist Weiss). These outstanding instrumental-
satisfy the requirements of the Saxon Court. Hasse initially ists were given solo parts in several of the numbers, which
accepted the offer, but in May 1730 he annulled the con- featured arias with obbligato flutes, oboes, horns or – ex-
tract, as he was unwilling to travel to Saxony. He became ceptional in Dresden – a theorbo. The tutti passages are al-
acquainted with the celebrated singer Faustina Bordoni, so very demanding, requiring from the orchestra a high
and a lucrative marriage contract stipulated that Hasse was degree of skill and sensitivity. For example, passages for
not to leave her alone for the duration of her current en- the high stringed instruments are often parallel with the
gagement in Italy. Although he had offended his contract voice line, and need to match it exactly in articulation and
partner, he still remained a candidate for the position of expression. This, the first published edition of the opera, is
Kapellmeister. During the summer of 1731, accompanied based principally on the original parts used at the world
by Faustina, he went to Dresden to perform the opera Cle- première in 1731, and it includes additional markings in-
ofide. Hasse’s connection with so brilliant a singer as serted in the parts during the rehearsals. This fact, togeth-
Faustina was recognized as very promising, and efforts er with modern understanding of historical performance
were made to secure both of them for Dresden. However, practice, enables performers of today to approach closely
Hasse’s appointment as Kapellmeister was delayed until the original concept of sound.
1733, following the death of Augustus the Strong. This de-
lay allowed the artistic couple to fulfill engagements in The opera’s libretto was based on Pietro Metastasio’s
Italy to which they were committed. Therefore the „Hasse Alessandro nell’ Indie, derived from ancient stories con-
era“ in Dresden did not officially begin until 1734, but its cerning Alexander the Great and his battles against the
first high point had been the performance of Cleofide in Indian King Poro. In the baroque manner Metastasio cre-
1731. ated a fictitious drama concerning love, jealousy and
treachery. Only the battles and their cruel violence are his-
The production of Cleofide was not connected with any torically factual. The characters of the protagonists are (in
particular event, but it took place 12 years to the day after contrast to the complicated plot with several dramatic
the performance of Lotti’s Teophane during the wedding strands, confusions, surprises, etc.) are conceived to be rel-
festivities in 1719. This was certainly not a coincidence, but atively straightforward. One can even attribute to each
Ce ne fut pourtant pas en premier lieu la profusion de Dans le remaniement du sujet pour la représentation de
moyens qui assura le succès considérable de la prestation 1731 par Michelangelo Boccardi, le rôle de Cleofide passe
mais ses qualités musicales. A Dresde, Hasse pouvait comp- plus au premier plan. Toutefois, ce remaniement ne va pas
ter sur un ensemble de premier rang avec les solistes vocaux sans problème. On a l’impression qu’il a été fait en toute
et les instrumentistes de la chapelle de la cour. Les chan- hâte et devient toujours plus négligent vers la fin. Quel-
teurs étaient des virtuoses chevronnés (Faustina et Campio- ques-unes des circonstances dramatiques que Métastase
li) ou encore de jeunes talents d’excellente formation (An- relie entre elles dans leur causalité et leur logique sont ar-
nibali, Rochetti, Cattanea), pour qui les différents numéros rachées à leur contexte dans la version de Boccardi et ont
étaient littéralement écrits « sur mesure ». C’est pourquoi perdu leur caractère logique. Dans la Scène 1 de l’Acte III
toutes les parties vocales de l’opéra sont des plus exigentes par exemple a lieu un entretien entre Erissena et Gandarte,
techniquement et musicalement. Le nombre des arias attri- le confident et général de son frère Poro. Dans l’original de
buées aux interprètes reflète – comme c’était l’usage alors – Métastase, il s’agit d’un entretien entre Erissena et Poro
le rang qu’ils tenaient (rôle-titre Cleofide 6 arias, Alessandro lui-même. Les mots de Poro, ses sentiments de haine
et Poro chacun 5 arias, Erissena et Gandarte chacun 4 arias meurtriers envers Alexandre semblent plutôt déplacés et
et Timagene 3 arias). Bien sûr, Hasse chercha par tous les sans grand sens dans la bouche de Gandarte, il est difficile
moyens à faire briller sa femme Faustina. Le rôle-titre de de les comprendre dans le contexte. Si l’on envisage de fai-
Cleofide est ainsi le plus difficile techniquement et le plus re des coupures pour permettre une représentation éven-
riche de tous en facettes dramatiques. Les arias de Cleofide tuelle de l’œuvre, il faut donc absolument tenir compte des
sont aussi placées à des endroits dramaturgiquement pri- fils individuels de l’action dramatique.
mordiaux (p. ex. la toute première et l’ultime aria de l’opé-
ra ainsi qu’à la fin de l’Acte II) et font partie des points cul- Dans la traduction allemande du livret, ces indications de
minants musicaux de l’opéra. La qualité musicale n’en fut mise en scène sont en chevrons qui ont été reprises du livret
pas moins encore augmentée par le fait que Hasse avait re- original de Métastase afin d'éclairer le déroulement de l'ac-
pris plusieurs de ses meilleurs morceaux d’œuvres anté- tion ; ces indications ne figurent pas chez Boccardi/Hasse.
rieures.
Pour des informations plus détaillées, nous renvoyons à
Pour sa composition, Hasse exploita pleinement les atouts l’avant-propos et au Rapport critique de l’éditeur dans la
de l’orchestre de Dresde dans lequel jouaient quelques-uns partition qui figure en tant que Volume I/1 de l’Édition cri-
des meilleurs musiciens de l’époque (parmi eux le violoniste tique « Johann Adolf Hasse, Œuvres » (Carus 50.704).
Pisendel, le flûtiste Quantz et le luthiste Weiss). Ces instru-
mentistes hors pair se virent confier des parties en solo dans Hambourg, février 2006 Zenon Mojzysz
plusieurs arias et des arias se virent dotées du soutien soliste Traduction : Sylvie Coquillat
de flûtes, de hautbois, de cors ou – spécificité de Dresde –
d’une théorbe. Les parties non solistes sont elles aussi très
exigentes et demandent à l’orchestre un haut niveau de vir-
tuosité et de sensibilité. Par exemple les parties des cordes
aiguës souvent parallèles à la voix doivent concorder exacte-
ment avec celle-ci dans l’articulation et l’expression. La pre-
mière édition imprimée présente de l’opéra repose pour l’es-
sentiel sur les parties originales de la création de 1731 et re-
prend les mentions supplémentaires inscrites dans le
matériau musical pendant le travail de répétition. Ceci, allié
aux connaissances modernes de la pratique d’exécution his-
torique permet à l’interprète d’aujourd’hui une bonne ap-
proche de l’image sonore originale.
Carus 50.704/03 IX
Cleofide
ERSTER AKT CLEOPHIS POROS
Ach, du Starrkopf! Oh, wie viel Not und Mühe wird es dich noch
1. Szene Ich weiß, dass ich unschuldig bin, du weißt es kosten, eh du mich besiegst!
ebenso; wisst nicht auch Ihr es, Ihr Götter?
Schlachtfeld an den Ufern des Hydaspes. Umge- TIMAGENES
stürzte Zelte und Wagen, versprengte Soldaten, POROS Auf, Makedonier, entwaffnet
Waffen, Fahnen und andere Überbleibsel des Schweig, du Treulose. die Makedonier rücken gegen Poros vor
von Alexander geschlagenen Heeres des Poros. Undankbare, lass mich in Ruhe. mit Gewalt diesen Frechen!
im Begriff wegzugehen
POROS, dann CLEOPHIS POROS
CLEOPHIS Ach! widrige Sterne!
POROS Grausamer, halt ein! Oh Gott! Ist mein großer Das Schwert lässt mich im Stich.
Bleibt stehen, Feiglinge! Ach! durch Flucht wird Schmerz
das Leben schlecht erkauft. ihn zurückhaltend ALEXANDER
Wird also auch im Himmel Alexander so ge- noch nicht genug an Unglück. Gefechtspause nach dem Gemetzel!
fürchtet, dass er zu seinen Gunsten die Götter <zu Timagenes>
ungerecht machen kann? POROS Versammle
Ach! sterben sollte man und dem Triumph des Belästige mich nicht länger; lass mich allein. die zerstreuten Truppen und zügele
Siegers das größte Beutestück entziehen. ihr Verlangen nach weiteren Siegen!
Genug schon hat gelebt, CLEOPHIS
wer als freier Mensch stirbt. Welch grausames Schicksal TIMAGENES
Zieht das Schwert, wird aber von Cleophis für eine wunde Seele, Den Befehl führe ich aus.
davon abgehalten, sich umzubringen. für ein treues Herz, geht ab
Vorwürfe des Undanks
CLEOPHIS vom Liebsten zu hören, POROS
Halt ein! Was tust du? nicht aussprechen zu können (Dies also ist der Rivale.)
Welcher Zorneswahnsinn, die eigenen Leiden.
du meines Herzens Seele, trübt deine Sinne? Sich unschuldig zu fühlen ALEXANDER
am Liebeszorn, Krieger, wer bist du?
POROS zu schweigen und zu erleiden
Weshalb willst du, dass ich lebe? das Toben der Eifersucht, POROS
Oder kommst du, Cleophis, mich auch noch zu ist eine so barbarische Qual, Wenn du nach meinem Namen fragst:
verhöhnen? dass mir das Herz zerreißt ich heiße Hasbytes; nach meiner Heimat:
Vergeblich, Königin, stellst du dich meinem vor wildem Schmerz. am Ganges erblickte ich den ersten Tag;
schicksalsschweren Los entgegen: beliebt es dir, meine Sorgen zu wissen:
niemals mangelt es einem Verzweifeltenan 2. Szene aus alter Neigung bin ich des Poros Anhänger
Wegen zum Tod. und dein Feind.
POROS und GANDARTES
CLEOPHIS ALEXANDER
Beruhige dich, Liebster, leb wenigstens GANDARTES (Welch kühne Rede!) Und welche Kränkungen
für meine Liebe, Herr! Ich Elende, Fliehe, mein König, es naht schon die feindliche erlittest du durch mich?
was bleibt mir noch zu hoffen, Schar … Nimm dies, und gib mir eilends
wenn der unheilvolle Tod dich von mir reißt? dein königliches Diadem: so täuscht sich POROS
wenigstens der Feind. Die, die auch der Rest der Welt erleidet.
POROS sie tauschen den Helmschmuck Denn welche Gründe verleiten Alexander,
Genügt dir nicht Alexander? Der Sieger hat in Auroras1 Ländern den Frieden zu stören?
mehr Macht als ein Unglücklicher. POROS Jeder Flecken dieser Welt
Leb doch, Treulose, leb für seine Liebe! Treuer Freund! ist dir schon tributpflichtig,
So möge meine Krone und die ganze Welt ist zu wenig für deinen
CLEOPHIS dein ehrenhaftes Haupt schmücken und Durst?
Welch ungerechte Vorwürfe! ein gutes Vorzeichen sein für deine künftige Sind denn die Söhne von Jupiter2 so unmensch-
Verbann, mein schöner Abgott, Würde; lich?
aus deinem eifersüchtigen Herzen aber mein Unglück möge sie dir nicht bringen.
diesen Argwohn, ALEXANDER
und wenn dir alles das nicht genügt, GANDARTES Du täuschst dich, Hasbytes.
was ich dir als Probe einer treuen Liebe gegeben Sei mein Schicksal wie auch immer: Ich suche einzig,
habe, mit Mut und Kraft wird ihm die Tapferkeit um meine Ruhmestaten zu vollenden,
so sprich … sag mir … was verlangst du? eines treuen Vasallen begegnen. einen ebenbürtigen Gegner, der sich mit mir misst.
Dann sehen wir, wer von uns mehr ungerecht geht ab
ist und wer mehr liebt. POROS
3. Szene Vielleicht findest du ihn in Poros.
POROS
Ja, für eine Liebende halte ich dich, POROS, TIMAGENES mit Gefolge, dann ALEXANDER
doch verliebt in Alexander und untreu ALEXANDER Welche Gefühle weckten
gegenüber Poros. in ihm meine Siege?
POROS
CLEOPHIS Vergebens glaubst du, ruchloses Schicksal, POROS
So ist es nicht; du täuschst dich, o du mein Schatz, meinen Mut zu schwächen. Neid, doch keine Furcht.
Amor weiß es, der Himmel weiß es … im Begriff zu gehen
ALEXANDER
POROS TIMAGENES Hat denn sein Unglück ihn
Die Eide einer undankbaren Frau werden im Halt an, Krieger, und überlass mir nicht gedemütigt?
Himmel nicht gehört; dies unnütze Schwert.
ich weiß, dass du mir untreu bist.
X Carus 50.704/03
POROS ERYXENE ein wilderes Herz. Sind aber
Im Gegenteil, es erzürnt ihn; (O Götter! alle Griechen so?
und vielleicht schwört er gerade jetzt den Was geschieht nun mit Eryxene!)
heimatlichen Göttern, TIMAGENES
deinen Locken die Lorbeeren zu entreißen, ALEXANDER (Einfältige!) Genau so.
und zwar an denselben Altären, Wer hat die Unschuldige
welche die Furcht der Sterblichen deinem mit solchen Ketten beladen? ERYXENE
Namen weiht. Wäre auch ich doch wenigstens
TIMAGENES als eine Griechin geboren!
ALEXANDER Diese hier – eigentlich des Poros
Ein solch großer Held in Indien? In griechischer Untertanen, aus Neigung aber TIMAGENES
Wiege geboren zu werden hätte er verdient. die deinigen – hatten die Absicht, Und was wäre schöner daran,
dir ein Hilfsmittel zum Sieg anzubieten. von anderen Ufern zu stammen?
POROS
Du glaubst also, dass einzig unter ALEXANDER ERYXENE
Makedoniens Himmel Helden gedeihen? Auch Nichtswürdige! Trockne die Augen, o Prinzessin. Dann hätte auch Eryxene ihren Alexander.
hier weiß man, was Ruhm bedeutet, Dein Schicksal wird nicht so sein, dass man es
und rechnet ihn sich zur Ehre an: beweint. TIMAGENES
auch der Hydaspes hat seine Alexander. Andere Feinde nahmen deine Schönheit Ich bin ebenfalls ein Grieche:
zum Anlass, dich zu beleidigen. Alexander aber und von meinen Gefühlen …
ALEXANDER wird durch dein Antlitz zum Respekt genötigt.
Glücklicher Poros ERYXENE
ob solch herrlicher Untertanen. Zu deinem Herrn ERYXENE Entweder ist Alexander kein Grieche oder du
kehre frei zurück und sag ihm, (Welch liebliche Reden!) bist es nicht.
er solle sich nur für besiegt erklären,
vom Schicksal oder von mir. TIMAGENES TIMAGENES
Dann wird der alte Friede (Ich bin schon nahezu verliebt). Sag mir wenigstens, was unterscheidet
in sein Reich zurückkehren: ihn denn so sehr von mir.
andere Bedingungen behalte ich mir nicht vor. ALEXANDER
Den Ruchlosen aber, o Timagenes, ERYXENE
POROS lege man doppelt so schwere Ketten an, Er hat in seiner Erscheinung das gewisse Etwas,
Wenn du mich als Botschafter wie man sie ihr abnehme. Dann sollen die das du nicht hast.
für solcherart Vorschläge willst: Treulosen mit Eryxene zu Poros zurückkehren,
dann hast du dir einen ungeeigneten gewählt … sie in die Freiheit, jene zur Bestrafung. TIMAGENES
<zwei aus dem Gefolge binden Eryxene Ach! schon ist dein Herz voll Liebeskummer …
ALEXANDER los und ketten die Inder an>
Einen edlen immerhin. Dem Gefangenen ERYXENE
gewähre man freien Abzug. Doch die kampfer- ERYXENE Ich und Liebeskummer? Heerführer, du irrst dich.
probte Seite soll ihre Beschwerung haben und Großmütige Gnade!
nicht wehrlos bleiben. Wer verliebt ist, spricht wie im Wahn;
Nimm von meinem Gürtel diese reiche TIMAGENES er beklagt sich oft, seufzt immerfort,
und kostbare Beute des Dareios3 Herr, verzeih: redet von nichts anderem als nur vom Tod.
und gedenke des Gebers, wenn du sie wenn ich Alexander wäre, würde ich sagen, Ich bin nicht bekümmert, ich beklage mich nicht;
gebrauchst. es könnte sehr nützlich sein, wenn diese da in den Himmel nenne ich nie einen Tyrannen:
während Alexander sein Schwert dem Poros Gefangenschaft bliebe. mein Herz fühlt also keine Liebesqual,
gibt, bringt man ihm ein oder die Liebe ist vielleicht doch keine Pein.
anderes auf einem Becken ALEXANDER <geht ab mit zwei indischen Gefan-
Geh, und wisse indes zu deinem Ruhm, Wäre ich Timagenes, so würde auch ich das genen, begleitet von Timagenes’
dass ich bis heute niemand anderen wüsste zu sagen. Gefolge>
beneiden als Poros um Hasbytes und Homer um
Achilles. Eines Feiglings unwürdige Trophäe 6. Szene
ist ein Antlitz, das weint.
POROS Ich bin nicht bis zum Ganges gekommen, TIMAGENES
Das Geschenk nehme ich an, doch schon in Kürze um Jungfrauen zu bekriegen.
<nimmt das Schwert von Alexander> Ich erröte ob solcher Lorbeeren, Was für ein Los ist das meine! Wurde Alexander
künden dir abertausende Wunden davon, die nicht meinem Schweiße geboren,
welchen Gebrauch Hasbytes davon zu deinem zu verdanken sind. nur um mich ewig zu kränken? Er befleckte ei-
Schaden macht. <geht ab> genhändig
mit meines edlen Vaters Blut jene unselige Tafel;
Das Aufleuchten dieses Schwertes 5. Szene nun stellt sich auch
wirst du zu deinem Unglück bei Eryxenes Herz seine Rivalität mir entgegen.
über dem Haupt des Spenders sehen, ERYXENE und TIMAGENES Ah! mein Hass
gleich dem Blitz über dem Feld. soll endlich befriedigt werden. Ich werde die
Du wirst erkennen, wer ich bin, TIMAGENES Truppen
und das Geschenk bereuen, (O, ein herber Vorwurf, aufwiegeln und des Poros zerstörte Hoffnungen
doch dann wird es zu spät sein. der meinen Hass noch mehr weckt!) wieder aufrichten, und so wird mein Zorn
<geht ab> mich Liebenden und zugleich den Vater rächen.
ERYXENE
4. Szene Ist jener da Alexander? Es rüste sich nun das Opfer
wider meine Rache.
ALEXANDER, dann TIMAGENES mit ERYXENE TIMAGENES Der Rivale falle, und sein Blut
in Ketten, zwei Inder mit Gefolge. Er ist es. gebe meinem Herzen Frieden.
Vergehen soll, bei Gott Amor, jene Seele,
TIMAGENES ERYXENE die hochmütig mich zu verraten wagte;
Diese junge Frau, welche das Schicksal Ich stellte mir vor, dann muss ich niemals darüber erröten,
an Alexander als Gefangene ausliefert, die Feinde hätten dass auch ich ein Verräter bin.
ist die Schwester von Poros. ein strengeres Aussehen, <geht ab>
Carus 50.704/03 XI
7. Szene POROS POROS
Dir vertraut auch Alexander. Bei allen unseren Göttern schwöre ich es.
Ein Palmen- und Zypressen-Hain mit Blick auf Und wer kann sagen, welcher Werde ich je wieder eifersüchtig,
einen kleinen Bacchus-Tempel im Palast-Be- von uns der Getäuschte ist? so möge mich die heilige Gottheit,
reich der Cleophis. die Indiens Herr ist, bestrafen.
CLEOPHIS
CLEOPHIS und POROS Undankbarer! Hast du zu wenige Proben 8. Szene
meiner Treue bekommen? Sobald nur
POROS der Bezwinger Asiens an den indischen Grenzen ERYXENE, begleitet von Makedoniern, und die
Königin, ich komme zu dir erschien, Obengenannten.
als glücklicher Überbringer so war deine Gefahr meine erste Sorge.
freudiger Nachrichten. Schmeichelnd begegnete ich ihm, CLEOPHIS
<mit bitterer Ironie> damit er nicht in dein Reich Eryxene! Was seh ich!
mit Waffengewalt eindringe. Ungeachtet dessen Du hier im Palast?
CLEOPHIS kämpftest du gegen ihn. Schnell besiegt, <zu Eryxene>
<aufgemuntert> fandest du in diesem Palast eine Zuflucht,
Götter! ich atme auf. und nicht nur dies … POROS
Welche bringst du denn? Bestehst du auf einer neuen Ich glaubte, Schwester,
Schicksalschance im Kampf: ich reiche dir die du wärest gefangen im Heerlager.
POROS Waffen und verliere
Das Schicksal entschied sich am Ende Alexanders Freundschaft, ERYXENE
doch für Alexander, und mir verblieb nichts meiner Schmeicheleien Frucht, Ein Verrat
außer nutzloser Kühnheit. meiner Untertanen Blut, ja, mein Reich. lieferte mich den Feinden aus, doch eine edle Tat
Und das alles genügt dir nicht? Und du glaubst des mitleidigen Siegers gibt mich euch zurück.
CLEOPHIS mir nicht?
Sind dies, o Gott, CLEOPHIS
die glücklichen Nachrichten? POROS Was sagte dir Alexander?
<ergriffen>
POROS Oh Gott! ERYXENE
Ich könnte mir keine vorstellen, Seine Rede könnte ich dir
die für dich fröhlicher wären. Er kommt, CLEOPHIS nicht wiedergeben. Ich weiß nur, dass der Klang
um die ganze Beute Länger vermag ich seiner Worte mir gefiel. So lieblich
des besiegten Orients dir zu Füßen zu legen. solch wilde Schmähungen nicht zu ertragen. hörte ich sie aus noch keinem anderen Mund.
Ich verlasse diese Gegend; ich werde umherirren Oh, wie anders als die unsrigen sind ihre Sitten!
CLEOPHIS in den Schluchten und in den Wäldern, Ich glaube, so reden im Himmel die Götter.
Ach! sprich nicht so mit mir, du bist ungerecht. die dem Blick grässlich erscheinen und die Sonne
meiden, POROS
POROS bettelnd um einen Tod. So werden meine Qualen (Wie fehl am Platz!)
Ungerecht? Ist es vielleicht unbekannt, und deine Wut schließlich ein Ende finden.
dass du, seit Alexander am Hydaspes <im Begriff verzweifelt abzugehen> ERYXENE
seine Insignien aufpflanzte, O Königin,
ihn anbetest? Und dass ihn POROS wie süß strahlt aus seinem Gesicht
deine Schönheit geknechtet hat? Halt ein; hör doch. neben kriegerischem Zorn die Liebe!
Weiß Indien dieses etwa nicht? Ist seine Stirn auch von Staub
CLEOPHIS und Schweiß benetzt,
CLEOPHIS Was kannst du mir sagen? so bewahrt sie doch ihre Schönheit,
Da täuscht sich Indien. und die edle Seele
Ich liebte ihn nicht; doch, durch anderer POROS zeigt sich in jedem seiner Blicke.
Verderben umsichtig geworden, Dass du dich mit gutem Recht
widersetzte ich mich seiner Macht gekränkt fühlst durch meine eifersüchtige Liebe. POROS
mit unschuldigen Schmeicheleien als nicht Dies hat Cleophis dich nicht gefragt.
unwirksamen Waffen meines Geschlechts. CLEOPHIS <in Zorn zu Eryxene>
Wo sollte ich bessere als diese finden? Dies ist eine Liebe,
Ach, Teurer, komm wieder zu dir: schlimmer als der Hass. CLEOPHIS
unser Schicksal verlangt nach anderen Doch nützt es vielleicht
Gedanken als jenen der Eifersucht. POROS meinem Vorhaben.
Ich verspreche dir, o Liebste:
POROS dass ich nie wieder POROS
Nach welchen denn? Verlangst du etwa, an deiner Treue zweifeln werde. (Beginnen wir nicht wieder, an ihr zu zweifeln).
dass ich mich zwinge,
zu Alexanders Füßen Gnade zu erflehen? CLEOPHIS CLEOPHIS
Willst du, dass deine Hand Solche Versprechen machtest du Makedonische Krieger,
der Preis des Friedens sei? Soll ich ihm diese schon tausendfach, und tausendfach kehrt zu eurem König zurück: sagt ihm, wie sehr
Botschaft übermitteln? gerietest du ins Wanken. seine Tugend auch bei uns bewundert wird;
Muss ich dich zu ihm führen? sagt ihm, dass ihm zu Füßen,
Habe ich schweigend zu erdulden, POROS inmitten der bewaffneten Scharen,
dich in Alexanders Armen zu sehen? Sollte ich dich jemals von neuem Cleophis sich werfen wird.
Sprich dich nur aus, damit ich es verrichte und für treulos halten, so soll, zu meiner Qual,
schweige. dich eine andere Glut entzünden POROS
und deine Untreue zur Wirklichkeit werden. Wie! Bleibt stehen.
CLEOPHIS <zu den Makedoniern, mit Ungestüm>
Gibt es denn nie ein Ende CLEOPHIS Du zu Alexander?
der ständigen Zweifel Noch bin ich nicht überzeugt. <zu Cleophis, erregt>
deines eifersüchtigen Herzens? Schwöre es!
Glaub mir doch, mein Liebster, CLEOPHIS
schenk mir dein Vertrauen! Und was folgt daraus? Zur Verwunderung
seh ich wahrlich keinen Grund.
Carus 50.704/03 XV
POROS 5. Szene wirft das Schwert und den Helm in den
Undankbare! Geh, mein Freund, Fluss
eile! Erwarte mich Landschaft mit verstreuten antiken Bauten, mit stärkt meinen Mut. Bleibe ich unversehrt auf
an der vereinbarten Stelle. Zelten und Militärquartieren, die Cleophis für diesem unbekannten Weg,
das griechische Heer bereitgestellt hat. Brücke weihe ich euch als Opfergabe den Rest meiner
GANDARTES über den Hydaspes. Jenseits des Flusses Alex- Tage.
Und du denkst an sie? Zu würdigeren Aufgaben anders weitläufiges Lager, ordentlich aufgebaut stürzt sich von der Bücke in den Fluss, ge-
ruft dich die Ehre. mit Elefanten, Planwagen, Türmen und ande- folgt von seinen Kameraden
rem Belagerungsgerät.
POROS Beim Aufziehen des Vorhangs erklingt Militär- 6. Szene
Geh, Gandartes; bald musik; ein Teil der griechischen Soldaten geht
folge ich deinen Schritten. währenddessen über die Brücke, ihnen folgen CLEOPHIS, POROS, von verschiedenen Seiten
Alexander und Timagenes; Cleophis erscheint der Szene kommend
GANDARTES und geht ihnen entgegen.
(Oh Liebe, auch Helden gegenüber vermagst CLEOPHIS
du ein Tyrann zu sein!) CLEOPHIS, ALEXANDER, TIMAGENES; dann Wohin, mein Liebster?
GANDARTES <ihn aufhaltend>
Kaum ist Amor geboren,
hochmütig schon in Windeln, CLEOPHIS POROS
vermag er der Seele Herr, Indien bejubelt feiernd Lass mich.
alle Freiheit zu nehmen. deinen Einzug; nunmehr kannst du dich, großer <löst sich von Cleophis>
Zunächst gibt er sich schmeichelnd König, auf deinen Siegespalmen sicher ausruhen.
mit Freuden und mit Wonnen, CLEOPHIS
doch hat er Einlass gefunden, ALEXANDER Ah! um jener ersten
kennt er keine Rücksicht mehr. Seien es nur höfliche Worte oder wahrhaftige glücklichen Momente willen, da ich dir gefallen
<geht ab> Empfindungen: ich finde Gefallen habe:
an deiner liebenswürdigen Rede, o Königin; es verlass mich nicht auf so eine Weise.
3. Szene schmerzt mich nur,
dass mein Schwert über Indien Unheil gebracht POROS
POROS und ERYXENE hat. Ich lasse dich endlich
man hört von hinten Waffenlärm bei deinem geliebten Alexander.
ERYXENE Doch welch ein Waffenlärm! tut so, als ob er ginge
Mein Bruder, wenn es dir nicht missfällt, Timagenes, was ist los?
möchte ich bei Alexanders CLEOPHIS
Ankunft im Heerlager auch zugegen sein. TIMAGENES Undankbarer, geh nicht. Sieh mich an. Ich biete dir
Man sieht Poros <steht auf>
POROS mit zahlreichen Mitstreitern ein tragisches, doch deinen Augen
Einer Königstochter vorrücken und uns bedrohen. vielleicht willkommenes Schauspiel an.
ist es nicht erlaubt, Ihr Wellen des Hydaspes,
sich wie ein Krieger unter die Truppen zu mi- ALEXANDER die ihr weniger gefühllos seid als dieser Grausame,
schen. Wohlan, Königin! tragt mich und mit mir mein Unglück bis ins Meer!
Kann ich mich jetzt wirklich sicher geht, um sich in den Fluss zu stürzen
ERYXENE auf den Siegespalmen ausruhen?
Elende Knechtschaft unseres Geschlechts! POROS
CLEOPHIS Cleophis! was tust du? Halt ein, oh Götter!
POROS Herr, es ist meine Schuld … <eilt, um sie aufzuhalten>
Zieh dich zurück, Schwester.
Trost findet am ehesten ein beklommenes Herz ALEXANDER CLEOPHIS
wenn es mit sich allein zu Rate gehen kann. Für diese Schuld Was willst du? Warum hältst du mich auf?
zieht das Schwert, Timagenes macht es Sprich.
ERYXENE ihm gleich; sie gehen zur Brücke
Ich gehorche. Doch, o Götter, wird derjenige büßen, der so verzweifelt und POROS
wenn ich als Mann geboren wäre, oh, welche tollkühn war, Ach! Wenn du mich liebst,
Freude schon mehrmals meinen Zorn zu reizen. so gib mir keine derart großen
hätte ich am Kämpfen und am Gebrauch der Beweise deiner Treue. Spiel die Unbeständige,
Waffen! CLEOPHIS reize die Wut meines eifersüchtigen Herzens.
geht ab Beschützt mir den Geliebten wohl, o Götter. Dich zu verlieren ist schon Qual genug,
zieht sich zurück doch dich dabei treu zu wissen, ist eine solche
4. Szene Marter,
Nach Cleophis’ Abgang sieht man von der Seite eine solche Pein, dass man sie nicht ertragen
POROS der Szene, nahe dem Fluss, die Inder gewaltsam kann.
Nein, nein, diese Unbeständige darf ich nicht heranstürmen. Sie greifen die Makedonier an,
wiedersehen. Wie sehr sie Poros’ aufgeregte Seele Poros den Alexander. Gandartes mit wenigen CLEOPHIS
noch immer beherrscht, würde die Undankbare Gefährten eilt zur Brückenmitte, um das grie- Ich verzeihe euch, ihr Sterne,
erkennen. chische Heer aufzuhalten. Während dieses eure ganze Strenge. Sein Mitgefühl
Handgemenges beginnen am Ufer einige Pio- entschädigt mich genug für den erlittenen Kum-
Leb wieder auf, o edles Herz, niere, die Brücke niederzureißen. mer.
zerreiß doch die Fesseln der Liebe, Nach dem Rückzug der Kämpfer sieht man
in die eine stolze Schönheit dich verstrickt. einen Teil der Brücke schwanken und dann ein- POROS
Doch was redest du? Du gibst dich einer stürzen. Diejenigen Makedonier, die auf dem Ist dies, tyrannische Sterne,
Täuschung hin: anderen Ufer kämpften, ziehen sich zurück, vom das erhoffte Hochzeitsbett?
Kannst du von diesem geliebten Antlitz ablassen, Einsturz erschreckt; Gandartes bleibt mit einigen
das das Sterben so süß für dich macht? Kameraden auf der Spitze der Ruine stehen. CLEOPHIS
Mein Liebster, noch sind wir in Freiheit. Ich kann
GANDARTES dir, dem ungerechten Schicksal zum Trotz, den
Folgt mir, Kameraden: was ich euch zeige größten aller Beweise geben. Im heiligen Bund
ist unsere einzige Rettung. Ah, mitleidige Götter, vereint möge uns heute Indien sehen; und dies
XX Carus 50.704/03
ALEXANDER TIMAGENES POROS
Du triffst zur rechten Zeit ein, mein Freund. Zuerst vergieße man Du schwankst? Dein Erbleichen
Einen guten Rat das von Timagenes. offenbart dich als furchtsam. Ach! bis jetzt
begehre ich von dir. Da ist jemand, der mir hielt ich dich einer solchen Feigheit für nicht fähig.
nachstellt; der Verräter POROS
ist mir bekannt und befindet sich in meiner Und das Versprechen? GANDARTES
Hand; (Unheilvoller Beweis) Angesichts eines so grau-
ich bringe es nicht übers Herz, ihn zu bestrafen, TIMAGENES samen Befehls
weil er mir ein Freund war. Doch ihn zu begna- Das Vergehen zu versprechen erstarrte ich, ich gestehe es.
digen, verpflichtet nicht dazu, es zu begehen. Doch ich führe dein Gebot aus, so, wie du es
könnte andere zu solchem willst.
Verrat anregen. Was würdest du machen? POROS <entblößt das Schwert>
Und doch jener Brief …
TIMAGENES POROS
Mit einer fürchterlichen Marter würde ich ihn TIMAGENES Stoß eilig zu.
bestrafen. Den verachte ich, den trete ich mit Füßen
und verabscheue mit ihm meine Schwäche. GANDARTES
ALEXANDER zerreißt den Brief Oh Gott!
Aber die Freundschaft … Dem königlichen Blick ausgesetzt,
POROS pocht das ehrerbietige Herz und zittert.
TIMAGENES Hör mir zu, Timagenes. Ach! wenn du so große Beweise willst,
Die hat er zuerst gebrochen. Offenbare den (Ich muss ihn locken) so wende, mein König, dein Gesicht ab.
Verräter Wenn du das Versprechen hältst,
meinem Eifer, entdecke ihn nunmehr. bekommst du, samt der Hälfte des Reichs, POROS
die königliche Schwester als Braut. Nur Mut, ich schaue dich nicht an: dein unbe-
ALEXANDER siegter Arm
Nimm, lies diesen Brief, und du wirst ihn kennen. TIMAGENES soll töten auf die für ihn gewohnte Art.
gibt ihm den Brief Für Lockungen des Hofes Poros wendet das Gesicht ab, Gandartes
hege ich keine Gefühle mehr in meiner Brust. nicht anschauend, und Gandartes, sich
TIMAGENES Nur allzu spät, o Götter, von ihm abwendend im Begriff, ihn zu
(Sterne! mein Brief! Ach! Hasbytes hat mich entdecke ich hinter den Schwellen der Paläste, erstechen, spricht:
verraten.) hinter liebenswürdigem Anschein die Verrätereien.
Wie froh ich doch wäre, wenn ich geboren [GANDARTES]
ALEXANDER wäre, um, unbekannt bei Hofe, die Viehherden Sieh nun, Herr, ob dein Gandartes feige ist.
Du erbleichst und zitterst! zu hüten.
Warum schweigst du so? Sprich, antworte! 9. Szene
Wie seid ich doch glücklich,
TIMAGENES ihr unschuldigen Hirten, ERYXENE und die Obengenannten
Ah, Herr, zu deinen Füßen … die ihr bei euch weder
<im Begriff niederzuknien> ein untreues Herz noch einen Verräter kennt. ERYXENE
Weder nährt ihr einen stolzen Geist Halt ein!
ALEXANDER mit Betrug und Verrat, ihn aufhaltend
Steh auf. Mir genügt noch verdirbt mit eitlem Ruhm
fürs erste deine Scham. Meiner Verzeihung bestechlich euch ein böser Glanz. POROS
sei gewiss, und mit dem bitteren Gedenken an <geht ab> O Himmel, was tust du?
dein Vergehen lerne, sich zu Gandartes wendend
ein anderes Mal treu zu sein. 8. Szene
GANDARTES
Der Hirsch im Wald, der die wunde Flanke POROS, dann GANDARTES Warum, angebetete Prinzessin,
über Wiesen und über Berge schleppt, entziehst du mir
sucht nach einem Kraut und einer Quelle, POROS die Ehre eines Todes,
die seine Schmerzen heilen können. Zerrissen ist nun der einzige der meine Tage berühmt machen kann?
Du durchbohrtes Herz, bewegt schwächliche Faden an dem bis jetzt
von Abscheu über sein Verbrechen, alle meine Hoffnung hing. ERYXENE
reinige dich von dem grässlichen Vergehen <eintretend zusammen mit Gandartes> Hier spricht man vom Tod, und anderswo
des verräterischen Vasallen. verbindet unterdessen ein milder Hymenäus6
GANDARTES <zu Poros>
7. Szene Mein König, warum so traurig? Alexander mit deiner untreuen Gattin.
ALEXANDER GANDARTES
Welche Liebe! Welche Täuschung! Erdrückt von dieser Wohltat bin ich nun verle-
gen.
POROS
Von deinem Siegesrecht ALEXANDER
mach nun Gebrauch, Alexander. So triumphiert in unser aller Herzen, Freunde,
Ich fordere deinen Zorn heraus und erwarte bei mir der Ruhm, bei euch die Treue und die
meine Strafe. Liebe.
ALEXANDER CHOR
Nun gut, wähle sie. Ich will, Zu unserer Stärkung
dass du die Gesetze an dir selbst anwendest. mögen die Fackeln
Denk an deine Vergehen, und erwähle dein der Freude und des Friedens entzünden
Schicksal. Liebe und Mitleid.
Die Strenge des Krieges
CLEOPHIS und des Schmerzes erlösche;
Doch würdig sei dieses Schicksal es triumphiere die Liebe
sowohl Alexanders wie des Poros. der treuen Schönen.
CLEOPHIS
Oh Großmütiger!
1
POROS, GANDARTES zu zweit Länder der Morgenröte (des Ostens)
2
Oh Großer! Jupiter: oberster römischer Gott (griech. Zeus),
auch Jovis genannt
3
POROS Dareios III. Kodomannos, König von Persien, be-
Komm, o Schwester, komm. Ach! du weißt siegt von Alexander
4
nicht, Römischer Gott der Unterwelt (griech. Hades)
5
welche Gaben, welche Gnade … Argiraspiden (Argyraspiden): „die mit den silber-
bedeckten Schilden“ – Alexanders Elitetruppen
6
ERYXENE Hymenäus (Hymenaios): griech. Hochzeitsgott
7
Ich hörte alles … Griech. Göttin der Rache