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Protagoras

Die Sophisten stellen einen Wendepunkt in der Philosophie dar, indem sie den Fokus von objektiven Wahrheiten auf den Menschen und dessen Wahrnehmung verlagern. Protagoras von Abdera, als bedeutendster Sophist, formuliert den Satz 'Der Mensch ist das Maß aller Dinge', was die Relativität der Wahrheit betont und die Philosophie des Sokrates beeinflusst. Trotz ihrer oft negativen Darstellung durch Platon, können die Sophisten als Pioniere der Demokratisierung des Wissens und als wichtige Akteure in der sozialen Praxis angesehen werden.

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Protagoras

Die Sophisten stellen einen Wendepunkt in der Philosophie dar, indem sie den Fokus von objektiven Wahrheiten auf den Menschen und dessen Wahrnehmung verlagern. Protagoras von Abdera, als bedeutendster Sophist, formuliert den Satz 'Der Mensch ist das Maß aller Dinge', was die Relativität der Wahrheit betont und die Philosophie des Sokrates beeinflusst. Trotz ihrer oft negativen Darstellung durch Platon, können die Sophisten als Pioniere der Demokratisierung des Wissens und als wichtige Akteure in der sozialen Praxis angesehen werden.

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2.

Das Denken auf seinem Hohepunkt:


Die attische Philosophie

a. Der Anstofi: Die Sophisten


Mit dem dritten Vermittlungsversuch zwischen Heraklit und Par-
menides, dem der Atomisten, hatte sich die vorsokratische Natur-
philosophie 10 ihrer gestalterischen Kraft erschopft und war an ihr
Ende gelangt.
Jedes Ende aber ist ein neuer Anfang.
Die Frage, ob die Sophisten wirklich einen neuen Anfang dar-
stellen und ein neues Denken angestoffen haben, muss eindeutig
bejaht werden. Der Grund liegt nicht darin, dass sie die chronolo-
gischen Vorldufer des Sokrates sind, sondern darin, dass sich gerade
an ihnen die Philosophie eines Sokrates entziindet hat. Oder pla-
katver ausgedriickt: Die Philosophie des Sokrates ist obne die Sophis-
2672 。 um vorstellbar.
Die Sophisten werden sehr unterschiedlich beurteilt. Thren
schlechten Ruf als Wortverdreher und Spiegelfechter verdanken sie
eindeutig Platon, der sie in vielen seiner Schriften bekimpfte und
ihnen vor allem veriibelte, dass sie Bildung an jedermann tir Geld
verkauten wollten und die Tugend oder Tiichtigkert ausschlieflich
als eine Geschicklichkeit verstanden, die schlechtere Sache zur stir-
keren machen zu konnen. 516 seien keine Fiihrer, sondern Verfiih-
rer. Dagegen kennt die andere Sicht die Sophisten 315 aufklirerische
Pioniere, die zur »Demokratisierung des Wissens« (W. Rod) bei-
getragen hatten, die wiederum eine grofle Relevanz 107 die soziale
Praxis hatte.

Protagoras von Abdera (490-411 v. Chr.) Der bedeutendste unter


den Sophisten verandert den bisherigen Fokus, der von einer ob-
jelstiven Wirklichkeit hin zum Menschen ausgeht, und richtet ihn
aut den Menschen, der nun im Zentrum der Betrachtung steht:
Alles ist relatiy, wie etwas ist, ist es nur fiir mich. Diese relativis-
tische Anschauung findet ihren Niederschlag in seinem bekann-
testen Satz vom Menschen als Maf} aller Dinge.

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Er stammte wie Demokrit aus Abdera. Sein erster Besuch 10 Athen
scheint im Jahre 450 v. Chr. gewesen zu sein; in dieser Zeit hatte der
Athener Staatsmann Perikles seine Bekanntschaft gesucht. Protago-
ras’ zentrales Werk trigt den Titel >Kataballontes« (»Niederwerfende
Sitze«), eine Metapher aus der Ringersprache. 56106 Diskussionen
mit Sokrates 10 Athen basieren ganz sicher auf einem historischen
Kern, wenn Platon sie auch seiner literarischen Regie unterwarf.
Wegen seines Buches »Uber die Gotter« geriet Protagoras 10 Konflikt
mit den herrschenden Vierhundert, seine Schriften wurden einge
zogen, auf der Agora 10 Athen verbrannt, und er wurde aus der
Stadt verbannt. Auf seiner Flucht kam er bei einem Schiffbruch
wihrend der Uberfahrt nach Sizilien ums Leben.
I 5610 beriihmtester Satz findet sich in Platons Dialog zwi-
schen Sokrates und dem Mathematiker Theaetet. Thema ihrer Un-
terhaltung ist, ob Erkennen nichts anderes als Wahrnehmung sei.
SOKRATES: Wahrnehmung, sagst du, sei Erkenntnis.
THEAETET: Ja.
SOKRATES: Protagoras driickt dies auf etwas andere Weise aus. Er sagt
nimlich, aller Dinge Maf3-ist der Mensch, der seienden, dasswie sie sind
1d der nicht setenden, dassrwie sie nicht sind.
(Platon >Theaetet« 151e-1522)
Was aber ist damit gemeint, der Mensch sei das Maf} aller Dinge
Das griechische Wort tiir »Wahrheit« heifit a/étheia und bedeutec
urspriinglich »Enthiillung« iiber 2000 Jahre spiter wird Martin
Heidegger den Begriff als »Unverborgenheit« aufnehmen. Bis vor
dem Auftreten der Sophisten galt, dass hinter dem, was bis jetzt als
wirkliche Welt angesehen worden war, mehr war als nur das Sicht-
bare. Nun behauptet Protagoras iiberraschenderweise, der Mensch
habe die Wahrheit schon. Wahrheit ist kem Sonderwissen mehr,
nein, die ganze Wahrheit wird durch den plakativen (und unbewie
senen) Anspruch Aller Dinge Maf ist der Mensch in das Blickfeld 065
Menschen geriickt. Alles war schon immer in menschlicher Reich-
weite, 10 Bemessungsmafl des Menschen. Nichts liegt auflerhalb des
Mafes (metron), das 10 emer anderen Quelle knterion genannt wird
(DK 80 A14/A1).
Dass Protagoras das Kriterium innerhalb der Dinge ansiedelt,
muss beanstandet werden, denn Kriterien werden aus heutiger Sich

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stets von 301060 an 16 121086 herangetragen. Dinge, das 5100 kei-


neswegs einzelne Sachdinge, sondern Situationen, Sachverhalte. 56
stellt Protagoras mit seinem Satz die Behauptung auf, dass 01656
Dinge keine Substrate einer hoheren Wirklichkeit seien, sondem
dass sie schon im Metron seien. Protagoras beseitigt jeden externen
Halt des Menschen, indem er ihm diesen einverleibt: Der Mensch
muss Situationen bewiltigen und gestalten, ohne den helfenden
Standpunkt eines aufleren Kriteriums benutzen zu kénnen.
Seibst wenn es eine (von den Sophisten geleugnete) wabre Welt
hinter der alltaglichen gabe, ist es sinnlos, sich mit ihr 2 beschafti-
gen, da sie nicht die unsrige ist. Dies hat Folgen fiir die praktischen
Fragen: Eine absolute Wahrheit kann weder dort noch hier ausge-
macht werden.
2. An dieser Stelle 861 es dem Verfasser erlaubt, die weitver-
breiteten Klischees iiber 016 Sophisten, nicht zuletzt entstanden aus
dem Kontrast zum Bild des edlen Sokrates, zu korrigieren und 2106
13026 fiir diese zu brechen.
Der Vorwurf der Relativierung von Wahrheit erscheint aus heu-
tiger Sicht iiberzogen: Die Tugend des Einzelnen wird nicht an ei-
nem immerwihrenden Wesen von Tugend gemessen, sondern in
einen sozialen Zusammenhang eingebettet, 10 dem die konkrete
Situation mitberiicksichtigt wird
Am Beispiel der den Sophisten von Sokrates vorgeworfenen rhe-
torischen Kiinste wird dies klarer: Dass mittels der Rhetorik Recht
umgebogen werden kann, ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist,
dass 016 Rhetorik aber auch ein Instrument zur Durchsetzung so-
zialer Anliegen sein kann. Die soziale Lebenssituation wird durch
das neue Matl, den Menschen, neu gesehen.
3. Auch hinsichtich Recht und Moral gilt: Nichts steht mehr
dem Menschen gegeniiber. Alles ist relativ, d.h., bezogen auf eine
Situation: Nichts ist ewig giiltig. Dass damit den sozialen Verande-
rungen Rechnung getragen wird, muss zugegeben werden. Dabei
darf aber der Fehler nicht verschwiegen werden, der Protagoras
unterliuft: Alle berechtigte Relativitit darf sich niemals auf Recht
und Sitdichkeit beziehen, sondern lediglich auf das Bewusstsein von
Recht und Sittlichkeit.

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