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Winter

Das Zürcher Lesebuch für das vierte Schuljahr von Fritz Gassmann, veröffentlicht 1921, ist Teil der Plattform e-rara.ch, die seltene Bücher aus Schweizer Bibliotheken online zugänglich macht. Die Sammlung umfasst eine Vielzahl von Materialien, darunter Bücher und Karten, die von den Anfängen des Buchdrucks bis ins 20. Jahrhundert reichen. Das Dokument kann kostenlos heruntergeladen werden, wobei die spezifischen Nutzungsbedingungen in den Titelinformationen angegeben sind.

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Winter

Das Zürcher Lesebuch für das vierte Schuljahr von Fritz Gassmann, veröffentlicht 1921, ist Teil der Plattform e-rara.ch, die seltene Bücher aus Schweizer Bibliotheken online zugänglich macht. Die Sammlung umfasst eine Vielzahl von Materialien, darunter Bücher und Karten, die von den Anfängen des Buchdrucks bis ins 20. Jahrhundert reichen. Das Dokument kann kostenlos heruntergeladen werden, wobei die spezifischen Nutzungsbedingungen in den Titelinformationen angegeben sind.

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www.e-rara.

ch

Zürcher Lesebuch für das vierte Schuljahr

Gassmann, Fritz

Zürich, 1921

Stiftung Pestalozzianum

Shelf Mark: LA 1204, 1

Persistent Link: [Link]

[Winter.]

[Link]
Die Plattform [Link] macht die in Schweizer Bibliotheken vorhandenen Drucke online verfügbar. Das Spektrum reicht von
Büchern über Karten bis zu illustrierten Materialien – von den Anfängen des Buchdrucks bis ins 20. Jahrhundert.

[Link] provides online access to rare books available in Swiss libraries. The holdings extend from books and maps to illustrated
material – from the beginnings of printing to the 20th century.

[Link] met en ligne des reproductions numériques d’imprimés conservés dans les bibliothèques de Suisse. L’éventail va des livres
aux documents iconographiques en passant par les cartes – des débuts de l’imprimerie jusqu’au 20e siècle.

[Link] mette a disposizione in rete le edizioni antiche conservate nelle biblioteche svizzere. La collezione comprende libri, carte
geografiche e materiale illustrato che risalgono agli inizi della tipografia fino ad arrivare al XX secolo.

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93

auf der
Einige ganz verfaulte lagen auch im Regenwasser
ausrutschen konnte . Nun
Gangbahn , so daß man darüber
werden , denn von Erde seid
könnt ihr wieder zur Erde
gut geholfen “,
ihr ja auch gemacht worden . — „Ihr habt mir
Zweige
sagte nun der Arbeiter und schnitt ihnen ein paarund rote
aus einem Gebüsch heraus . Weiße Knallbeeren
in
Mehlbeeren saßen daran , die konnten sie sich zu Hause
die her ?“ fragte sie unter¬
ein Glas stellen . — „Wo habt ihr
wegs ein Aufseher . Heini aber sagte ihm guten Bescheid
Hause
und da durften sie die Zweige behalten und mit nach
nehmen.

Der Rabe.

In der Stube war es recht gemütlich . Es war Sonntag,


Ofen
und es schneite und regnete durcheinander , und im
waren schön angezogen und saßen
brummte das Feuer . Alle
Kinder
mit Büchern und Zeitungen , um zu lesen . Die
ein und schnitt
spielten , die Mutter schenkte den Kaffee
war es recht
den Kuchen in Stücke . — Ja , in der Stube
’s auch
gemütlich . Und während sie aßen und tranken , gab
brauchte nur an dem gelben
noch schöne Musik . — Man
blankpolierten Kasten
Knopf zu ziehen , der vorn an dem
feinen
saß , so fing ’s inwendig an zu spielen wie mit lauter
zu hören,
silbernen und goldenen Glöckchen . Das war schön
, Erna
und sie summten das Lied alle leise mit. „Kommt
zu den beiden Kleinen , „wir
und Frieda “, sagte die Mutter
trinken , da können
wollen unsern Kaffee an der Fensterbank
Erna
wir ein bißchen ausgucken , nicht wahr ?“ „0 ja “, und Arme
kniete auf einem Stuhl und stützte ihre beiden dicken
Schoß
auf die Fensterbank . Frieda aber kletterte auf den
der Mutter . Die Mutter schob die bunten duftenden
Kaffee
Hyazinthen zurück , und nun konnten sie schön
trinken.
Es war draußen ein schreckliches Wetter und die Leute
sollten,
wußten gar nicht mehr , wohin sie den Schirm halten
es um sie herum . Und gewiß
so regnete , schneite und wehte
94

hatten sie sicli doch auf den Sonntag gefreut und hatten sich
vielleicht vorgenommen , einen Ausflug über Land zu machen.
Erna hatte noch immer ihre dicken Arme auf die
Fensterbank gestützt und hörte still zu, was die Mutter
erzählte , als auf einmal die -kleine Frieda ausrief : „0 , da
Piep !“ und beide Arme nach dem Fenster ausstreckte.
Richtig , ein großer , schwarzer Vogel, ein Rabe ! „Schsch !“
machte Erna , „willst' du weg “, und sie wollte schon gegen
das Fenster klopfen ; aber die Mama hielt sie am Arm und
sagte : „Sstl Was der wohl will ?“ Und der Vater und die
beiden grollen Brüder kamen auch leise, leise und stellten
sich hinter die Vorhänge , damit sie den Vogel auch sehen
konnten.
Es war wirklich ein Rahe , ein großer , schwarzer Kerl
mit glänzenden Federn . Nun stand er auf der eisernen
Stange , die rund um ihre Zinne herumging . Ei , wie seine
schwarzen Finger sich festhielten ! Aber es war doch wohl
schwer darauf zu stehen , und der Wind wehte ja auch
gegen ihn , daß seine Federn sich in die Höhe richteten.
Aber wenn er schon fallen wollte , so machte er schnell seine
Flügel auseinander , flatterte ein paarmal ganz schnell —
dann stand er wieder fest . „Der will gewiß Brot suchen “,
flüsterte Otto . „Ja , ja “, sagte der Vater leise, „der muß
sehr hungrig sein, sonst wagte er sich nicht so dicht an
unser Fenster .“ Hinauswerfen durften sie nichts ; es war
aber auch nicht nötig ; denn auf der Zinne lag ja im nassen
Schnee eine Brotrinde , die die kleine Frieda heute Morgen
beim Frühstück , als sie sie nicht mehr mochte , einfach weg¬
geworfen hatte . Nun konnte sie das schmutzig gewordene
Brot nicht mehr essen, und die Mutter mußte es zum Fenster
hinauswerfen . Aber die Vögel mögen das schmutzige Brot
noch sehr gern ; was mögen die nicht alles essen!
Unser guter Rabe hatte denn auch das Brot gesehen
und guckte bald mit seinem rechten , bald mit dem linken
Auge nach dem guten Bissen . Er sperrte seinen Schnabel
auf , daß man eine spitze , schwarze Zunge darin sehen
konnte . Er hatte wohl die Menschen hinter dem Fenster
95

gesehen und mqchte nun nicht recht herankommen . Aber


dann kam wieder ein Windstoß und warf die Regentropfen
gegen das Fenster , daß es knisterte . Der warf auch den
Rahen von der Stange . Mit breiten Flügeln und mit beiden
Füßen zugleich kam er bei dem Brot an , packte es, und
gleich war er wieder auf der Stange . Aber dann kam eine
Droschke um die Ecke , der Kutscher knallte mit der Peitsche,
und vor Schreck ließ der Rabe sein Brot fallen . Mit schweren
Flügeln flog er davon , über die Dächer hinweg in den grauen
Himmel hinein.
Alle lachten , aber es tat ihnen doch auch leid, daß der
gute schwarze Bursche nun doch nichts bekommen hatte.
„Das Schlimmste “, sagte Otto, „ist ja , daß der ganze Boden,
auf dem sie sich sonst etwas suchen können , jetzt mit Schnee
bedeckt ist ; und wenn sie auch den Schnee mit ihren scharfen
Nägeln wegkratzen könnten , sie werden doch nicht gerade
eine Stelle freimachen , wo nun ein Stück Brot oder ein
totes , erfrorenes Tier liegt .“ — „Das ist wohl richtig “, sagte
der Yater und setzte sich mit seiner Zeitung wieder hinter
den Kaffeetisch . „Aber ein Rabe , der tief in die Straßen
der Stadt herunterfliegen mag, wie dieser , der wird schon
nicht verhungern . Wo soviel Menschen wohnen , da fällt
auch immer etwas für die Tiere ab.“
Die Kinder setzten sich nun alle wieder an den Tisch,
die Mutter hatte das Kaffeegeschirr weggeräumt , und die
Kinder holten die Spielsachen her . Und dann spielten sie
und vergaßen den Sonntag und das schlechte Wetter und
den schwarzen Raben , bis auf einmal Otto im Spiel auf¬
hörte und sagte : „Können wir nicht die Lampe anzünden?
Man kann nichts mehr sehen “. Es war dunkel geworden;
denn es war , als wollten die grauen Wolken die ganze Stadt
zudecken , und der Regen knisterte noch immer an die
Scheiben . — „Haben die Raben auch ein Bett ?“ fragte auf
einmal die dicke Erna . Da mußten alle lachen . Und dann
wurde die Lampe angezündet ; und die Spieldose mußte ein
schönes Lied vortragen.
* Der Rabe im Winter. <
Der Rabe sitzt aut einem Zaun,
zwei kleine Mädchen gehn und schaun;
die stehn im Schnee und wundern sich:
„Schön ’ guten Tag , wir grüßen dich,
Herr Rab ’! Herr Rab ’ ! Herr Rab ’!“
„Du schwarzer Rab ’, du Tintenfaß,
komm mit zur [Link] ’ und lerne was !“
„Was soll ich denn zur Schule gehn?
Ich sing ’ ja schon so wunderschön:
Krr Rab ! Krr Rab ! Krr Rab !“
„Komm’ mit, hier ist die Welt verschneit,
so näh ’n wir dir ein warmes Kleid .“
„Nicht Schnee , noch Kälte macht mir Gram;
ich hab ’ ein Röcklein , hübsch und warm,
so schwarz , so schwarz , so schwarz !“
„Du alter Rab ’, du putzig Tier,
was willst du denn im Dorfe hier ?“
„Mein Magen knurrt , ich leide Not,
gebt mir ein Stücklein Vesperbrot
zum Fraß , zum Fraß , zum Fraß .“

Geschichten vom Raben.

Ein Mann besaß einen zahmen Raben , welcher Peter


hieß . Der Vogel war sehr klug , aber immer zu losen
Streichen aufgelegt ; auch hatte er wie alle Raben eine
große Vorliebe für glänzende Dinge . Wenn sein Herr bei
offenem Fenster Geld zählte , so setzte Peter sich auf einen
Baum vor dem Hause und beobachtete von da das Zimmer.
Ging sein Herr auf einige Augenblicke hinaus , so flog er
schnell in das Zimmer hinein und holte sich ein Geldstück
heraus . So hatte er es schon lange getrieben , und Dienst¬
boten des Hauses waren unschuldig in den Verdacht ge¬
kommen , das Geld gestohlen zu haben . Endlich entdeckte
97

man, daß der Habe der Dieb war . Seine Schatzkammer war
ein Loch in der Mauer , in welchem er das gestohlene Geld
reihenweise aufgelegt hatte , gerade so, wie es sein Herr
auf dem Tische getan.
Eines andern Tages stahl Peter in der Küche einige
Butterbrötchen und steckte sie einem Herrn , der eifrig in
der Zeitung las, in die Rocktasche.
Peter konnte eine Dame , die im selben Hause wohnte,
durchaus nicht leiden , weil sie ihn immer neckte . In seinen
Rabengedanken beschloß er, sich an ihr zu rächen . Als die
Dame eines Tages in den Garten ging , trippelte Peter ganz
leise nach dem Wasser . Er machte sich überall naß , flog
auf und schüttelte dann über der Dame sein nasses Gefieder
so plötzlich ah, daß sie vor Schreck fast zu Boden fiel.
Vor Weihnachten.
Wir Kindlein sitzen im Zimmer —
Weihnachten ist nicht mehr weit —
bei traulichem Lampenschimmer
und juheln : „Es schneit , es schneit !“
Das leichte Flockengewimmel,
es schwebt durch die dämmernde Nacht
herunter vom hohen Himmel,
vorüber am Fenster so sacht . .
Und wo ein Flöckchen im Tanze
den Scheiben vorüberschweift,
da flimmert ’s in silbernem Glanze,
vom Lichte der Lampe bestreift.
Die Kindlein sehn ’s mit Frohlocken;
sie drängen ans Fenster sich dicht;
sie verfolgen die silbernen Flocken.
Die Mutter lächelt und spricht:
„Wißt , Kinder , die Engelein schneidern
im Himmel jetzt früh und spät;
an Puppenbettchen und Kleidern
wird auf Weihnachten genäht.
Gaßmann, Lesebuch IV. 7
98

Da fällt von Jäckchen und Röckchen


manch silberner Flitter beiseit ’,
von Bettchen manch Federflöckchen;
auf Erden sagt man : „Es schneit “.
Und seid ihr lieb und vernünftig,
ist manches für euch auch bestellt;
wer weiß, was Schönes euch künftig
vom Tische der Engelein fällt !"
Die Mutter sprach ’s. Vor Entzücken
den Kleinen das Herz da lacht;
sie träumen mit seligen Blicken
hinaus in die zaubrische Nacht.

Das Tännchen.
Ein Tännchen träumt im Winterwald.
Es freut sich schon : „Weihnacht kommt bald !"
Zwei Männer nah ’n mit blankem Beil.
Das Tännchen seufzt : „Es ist mein Heil ".
Wie tut der scharfe Schlag so weh!
Laut ächzend sinkt es in den Schnee.
Ein Rumpelkarren fährt ’s zur Stadt.
Es blutet Harz und weint sich satt.
Sein grünes Leben welkt schon sacht.
Doch prangt es zur geweihten Nacht
in Lichterglanz und Silberschaum.
Die Kinder jubeln : „Schöner Baum !“
Arm Tännchen , willst du Lichter tragen,
muß dich die Axt erst blutig schlagen.

Ein seltsamer Weihnachtsgast.


Einst war auch wieder so eim heimeliger Abend im
Dezember . Da hielt ich es nicht aus in der traulichen
Wohnstube . Meine Freude trieb mich ins Nachbarhaus und
99

dort in den Roßstall , ziun Knecht Johann . Mit dem hatte


ich, obwohl er 30 Jahre älter war , eine dicke Freundschaft.
Er hatte so lustige Schlitzäuglein und konnte so volltönig
lachen , daß man es Häuser weit hörte . Und immer wußte
er etwas zu erzählen , entweder aus Amerika , wo er schon
als kleiner Bube gewesen war , oder aus dem Militär , dem
er als Reitknecht seines Herrn angehört hatte . Oft hat er
mich auf seinen Pferden reiten lassen . Manche Abendstunde
hatten wir uns beide auf der Bank vor dem Stall zusammen¬
gesetzt . Und während die Sterne heraufzogen , hat er mir
auch hie und da eine Räubergeschichte erzählt , die er auf
einmal mit mächtigem Lachen abschloß , um mir damit zu
sagen , daß er alles erfunden habe.
Mit diesem Johann also war ich an jenem Abend wieder
allein , und weil das Heu im Stall so schön duftete , die
Pferde so gemütlich scharrten und der Knecht so fröhlich
sang und pfiff , so hatte ich das Bedürfnis , ihm eine Freude
zu bereiten . Ich schilderte ihm unser bevorstehendes Weih¬
nachtsfest und lud ihn als Ehrengast dazu ein, obwohl ich
hiezu keinen Auftrag hatte.
Auf dem Heimweg schlug mir das Gewissen , und es
sagte zu mir : „Bürschchen , du hast dir etwas angemaßt,
was Sache deines Vaters oder deiner Mutter gewesen wäre.
Nun mußt du ’s wenigstens zu Hause sagen !“ Ich sagte aber
nichts und hoffte , der Johann werde alles vergessen und
bedenken , daß wir sonst genug Leute für unsere Weihnachts¬
stube haben.
Mein Vater ' war nämlich Kaufmann , uild in allen Kam¬
mern unseres geräumigen Hauses wohnten Angestellte und
Lehrlinge , die man mit zur Familie zählte ; dazu kamen
noch die Köchin und das Zimmermädchen . Wer nun noch
dazu nimmt, daß mein Vater und meine Mutter fünf Kinder
hatten , der kann sich an den Fingern abzählen , daß alle
Sitz - und Stehplätze unserer Weihnachtsstube aufs kommende
Fest so ziemlich vergeben waren.
Endlich , endlich kam der heißersehnte heilige Abend.
Im Vorzimmer , in dem wir warteten , standen die Haus-

Pwtalozzianum.
ZÜRICH
100

genossen , groß und klein , Kopf an Kopf und Schulter an


Schulter . Nur der Vater fehlte noch , denn es brauchte
etwas , bis er unten im Geschäft jeweils die Feder aus¬
spritzte und seinen Drehstuhl verließ.
Jetzt war er da , und bald kam auch die herrliche,
wunderliebliche Hauptsache des Festes : das Klingeln des
Glöckleins , das Aufgehen der Türe , das Strahlen des Baumes,
das dutzendfache „Ah “ von höchsten und tiefsten Stimmen,
dann das Lied „0 du fröhliche “, dann das Auspacken , das
Jubeln , das Rufen , Fragen und Danken.
Als in der heißen , von Wachs und Tannadeln duftenden,
von Menschen ganz gefüllten Stube Jubel und Trubel am
größten waren , schellte es derb am Haus , als ob es irgendwo
brenne . Dann hörte man einen wuchtigen Tritt von schweren
Stiefeln die Holztreppe herauf . Und — auf einmal stand
unter der Türe , im blauen Stallüberhemd , da und dort einen
Strohhalm in Bart und Haar , sehr ungewaschen und un¬
gekämmt , mein Freund Johann aus dem Nachbarhaus ! Wer
ihn nicht angeschaut hätte , der hätte seine Anwesenheit mit
der Nase gespürt ; denn es „rösselte “ in der ganzen Stube.
Manchem war es, er stehe im Stall zu Bethlehem und eben
sei der Josef mit seinem rötlichen Bart hereingekommen.
Als eingeladener Ehrengast fühlte sich der gute Johann
nicht bemüßigt , sein Erscheinen zu entschuldigen . Er kam
wie einer , der das größte Recht hat , ging überall herum,
schaute alles an und füllte das ganze Haus mit seinem
schallenden , tiefen Lachen . Es war ihm um und um wohl,
wie einem glückseligen Kind , und ich wette , daß er ein
paarmal Mühe hatte , Tränen der Freude zurückzuhalten.
Nach und nach wurde er geradezu die Hauptperson unter
dem Weihnachtsbaum , und mancher , der bei seinem Er¬
scheinen die Nase gerümpft hatte , kam jetzt aus dem Lachen
nicht heraus . Johann mit seiner kindlichen Freude hatte
es ihm angetan.
Meine Mutter hatte anfänglich sehr betroffen drein¬
geschaut . Doch rasch erriet sie den Zusammenhang , ver¬
kehrte ihr Erstaunen in Freude und deckte auch dem guten
101

Johann einen kleinen Gabentisch . Ich stand daneben , rasselte


mit meinen Nüssen und spendete ihm mit vollen Händen.
Als der Johann eine starke Stunde später mit einem
lauten „Vergelt ’s Gott " und unter fröhlichem Lachen wieder
treppab stampfte , um auch seinen beiden Rößlein noch einen
Zustupf von Weihnachtshafer zu geben , da stritten in der
Stube zwei Düfte miteinander , der Duft des Weihnachts¬
baumes und der Duft des Pferdestalles . Dieser veran-
laßte ein paar verwöhnte Nasen , verächtlich zu schnuppern.
Der Weihnachtsduft aber sagte zum Stallgeruch : „Ich schäme
mich nicht , mit dir zu gehn , denn wo einst das Kind in der
Krippe gelegen , da roch es nicht nach Tannen und Wachs¬
kerzen , sondern nach Stroh und nach Ochs und Eselein.
Und die ersten Weihnachts -Christen waren nicht Herren und
Damen , sondern Knechte , die in den Hürden mit Schafen
und Rindern sehr eng zusammengewesen waren . Fürchte
dich nicht, “ sagte der Weihnachtsduft ferner zum Stallduft,
„was auch die Menschen für teuren und vornehmen Weih¬
nachtsrauch machen , du hast doch das größere Heimatrecht
in allen Christenhäusern . Den Armen gehört das Himmel¬
reich , und Gott will , daß ein Geruch der Freude in die
Welt der Armen komme, ja , nicht nur zu den armen Men¬
schen , auch zu den armen Tieren !"
Darauf verzog sich der Stallduft , und es roch sehr
weihnachtlich nach Harz und Wachs und verbrannten
Tannennadeln . Unten am Baum glänzten helle Lichtlein
hinter rot , blau und gelb durchscheinenden Buchstaben:
„Ehre sei Gott in der Höhe “.
Am Abend , nachdem die Lichter gelöscht und die Lieder
verklungen waren , und wir Kinder vor dem Schlafengehen
dankten , nahm mich die Mutter noch ein wenig abseits und
sagte : „Du — das mit dem Johann war gut gemeint ; aber
fragen darfst du in Zukunft schon, wenn du jemand ein-
laden willst !"
Mit dem Johann bin ich noch lange auf gutem Fuß
geblieben . Genau zehn Jahre später , an einem kalten Neu¬
jahrstag , hatte ich das Unglück , von einem durchgehenden
102

Gaul samt Schlitten und Gefährten in einen Graben ge¬


worfen zu werden . Da hat er mitten auf dunkler Straße
dem durchbrennenden Roß sich entgegengestellt und hat es
festgehalten wie mit eisernen Händen , und hernach hat er
sich auch meiner liebevoll angenommen . Diesmal hat er
mich als Ehrengast in seinem Stübchen beherbergt , bis ich
von Kot und Schnee gereinigt war . Man kann nie wissen,
was einem im Leben die Freundschaft eines Stallknechts
wert sein kann.

Silvester.

Wenn öpper vom Silvester redt,


so tuet ’s mi ganz erschütte:
es fahred mer dur Chopf und Herz
die alte Chindersitte.
Es git kei tollers Fest im Jahr
als so en letzte Morge,
und wenn -d-en Friind vom Schlafe bist,
so mueßt en schwer ersorge.
Die chline Lüt in eusrer Gmeind
stönd uf scho vor de viere
und tüend i Hus und Gaß und Schnei
en Heidelärm verfüehre.
Sie ziehnd dur ’s Dörfli us und i
mit Schelle , Horn und Flöte
und Pfannedeckel , Gloggespiel,
mit Trumme -n-und Trumpete.
Und wenn me’s öppe bschelke wott,
rumoret s’ nu no fester
und heped , daß es widerhallt,
vil tusigmal ; „Silvester !“
Ist alles gweckt im ganze Dorf,
so reised d’Chind und Buebe
zum Schluß no in fidelem Zug
is Schuelhus goge ruebe,
und Chümiwegge, Birrebrot
ttiend s’ trostli det verzehre;
druf fired s’ de Silvester furt,
wer wett enes verwehre?
Wer zerstebotz is Schuelhus schlicht,'
kriegt „Stubefuchs “ zum Titel;
en jede neckt und plaget en
und rißt en a sim Chittel.
De, wo det d’Händ am Ofe wärmt,
wird gfoppet : „Ofebrueter !“
und wenn er briegget , säget s’ em:
„Gang hei und chlag’s der Mueter."
Und eine staht zum Feister hi
und triimelet an Schibe,
defür mueß er de ganze Tag¬
en „Feisterschiiblig “ blibe.
Doch wenn das Glöggli achti schlahd
— wer chund det über d’Selle?
Es ist de Lehrer. — Wie de Blitz
tuend d’Chind a d’Plätzli schnelle.
Sie singed ihres Morgelied,
und druf gaht’s an es Lehre,
me meinti fast, si wetted hüt
die stärchste Strick verzehre.
Ohum ist jetz d’Schul echli im Gang,
so giret nomal d’Türe:
de letscht , de Hans im ßütihof,
chunt gschnufig ine z’füre!
Jetz isch es mit dem Lehre-n-us,
keis blibt meh a sim Örtli;
de Lehrer ist en arme Ma,
si losed em keis Wörtli.
„Silvester “ und „Silvester " tönt’s.
De Hans sinkt schier in Bode;
sie lönd en nüme fürsi gah,
er cha si nüd verrode.
104

De Lehrer weiß nüd , was er will;


da mueß er z’letschte lache:
„I gsehne scho, mit eu ist hüt
nüd viel Vernünftigs z’mache.
So striched i zum Tempel us,
gönd hei go jubiliere;
im neue Jahr , da wemmer dänn
scho wieder exiziere .“

Winterrätsel.

Vor dem Dorfe steht ein Mann,


hat weder Hemd noch Röcklein an.
Sonnenschein
macht ihm Pein.
Je kälter der Wind von Norden her weht,
je besser ums Männlein vorm Dorf es steht.
Und willst du den Mann einmal selber sehn,
darfst nur mit den Buhen vor ’s Dörfchen gehn.

Auf der Winde.

Otto hatte auf der Winde hinter der kleinen Kammer


eine Kiste gefunden , die ganz mit Büchern und Zeitungen
vollgepackt war . „Kommt nur mit herauf “, sagte er zu Bern¬
hard und den andern Buhen , „wir wollen uns oben hinsetzen
und lesen und Bilder besehen .“ Leise schlichen sie die
Treppe hinauf . Und dann bauten sie sich ein Sofa aus
Kisten und alten Kleidern , und aus einem großen Tuch,
das sie an den Balken festbanden , eine richtige kleine Stube.
Dann wurden die Bücher verteilt , und sie fingen an zu lesen.
Die Dachlucke stand hoch offen , und ein leiser Wind wehte
herein und schlug die Blätter um. Willi , der keine Bücher
haben mochte , stieg auf eine hohe Kiste und steckte den
Kopf aus dem Dachfenster . Hei , wie der Wind da so fein
wehte , und man konnte viele Dächer sehn , und auch ein
plattes , worauf Betten lagen , und Dienstmädchen waren

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