„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen [S.
112]sein,“ rief er endlich, vom Stuhl aufspringend;
„das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers
Fall vermutete, werden nach Stangersons Tode wirklich gefunden — und doch haben sie keine
Wirkung. Wie läßt sich das erklären? — Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch gewesen sein
soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt man gar nichts an.“
Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich s eß er einen Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich
hab’s!“ Er griff nach der Schachtel, schni die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu
und ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum ha e das arme Geschöpf sie mit der Zunge
berührt, als ein kramp a es Zucken durch seine Glieder ging, dann lag es starr und leblos da,
wie vom Blitz getroffen.
Sherlock Holmes atmete ef auf und trocknete sich den Schweiß von der S rn. „Es war unrecht,
daß ich mich so leicht irre machen ließ,“ sagte er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu
meinen Folgerungen passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine
besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche Gi , die andere war
völlig unschädlich. Das [S. 113]hä e ich wissen müssen, bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht
kam.“
Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch der tote Hund als bester
Beweis für ihre Rich gkeit vor uns. Ganz allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die
mir das [S. 114]Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem
Zusammenhang der Dinge.
„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,“ fuhr Holmes fort, „weil Sie gleich zu
Anfang die einzig rich ge Spur, welche deutlich vorlag, nicht erkannt haben. Ich ha e das Glück,
von vornherein darauf zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich in
meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische Folge derselben. So kam
es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine
Annahmen bestä gte. Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die
schwierigsten Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen o am
geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen neuen Schlüssen gelangen
können. Die Lösung unseres Falles würde sehr fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach
auf der Straße gefunden hä e. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die
Nachforschung nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.“
Gregson ha e der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld zugehört; endlich
bezwang er sich nicht länger.
„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er, [S. 115]„daß Sie ein ungewöhnlich schlauer
Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren haben. Aber mit Theorien kommt man hier
nicht weit. Es handelt sich darum, den Mörder festzunehmen. Was ich in dieser Sache gethan
habe, scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann der junge
Charpen er nicht begangen haben. Lestrade seinerseits glaubte jenem Stangerson nachspüren
zu müssen und auch er war augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und
Andeutungen scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch einmal
heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen begangen hat.“
„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das Wort. „Wir haben uns bis jetzt beide vergeblich
bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in
Händen haben, so hoffe ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.“
„Das Wich gste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,“ fiel ich ein, „damit er
nicht noch mehr Unthaten begehen kann.“
So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun solle. Mit gerunzelten
Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schri er [S. 116]im Zimmer auf und ab, wie seine
Gewohnheit war, wenn es eine große Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber
stehen.
„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge sein,“ sagte er mit
Bes mmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen des Verbrechers — den kenne ich. Ja, was
noch mehr ist, ich hoffe, in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine
Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert große Umsicht, denn
wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun, der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch
fehlt es ihm nicht an einem Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst — davon habe ich
Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist es möglich, seiner habha
zu werden. Schöp e er aber auch nur den geringsten Argwohn, so würde er einen andern
Namen annehmen und unter den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos
verschwinden. Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei jenem
Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um Ihre Hilfe angegangen, und
will lieber Tadel und Verantwortlichkeit allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls
verspreche ich, Ihnen Weiteres [S. 117]mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne
nicht mehr gefährdet werden können.“
Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr befriedigt und überhaupt
wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den
Schläfen und Lestrades Augen funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit,
ihrem Herzen Lu zu machen, denn in diesem Augenblick klop e es an der Thür, und der
Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge Wiggins, erschien in höchsteigener,
unansehnlicher Person.
„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine stramme Haltung annehmend, „daß ich die
Droschke gebracht habe; sie hält unten.“
„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne Handschellen aus der
Kommodenschublade. „Sehen Sie nur, wie die Feder zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie
fest. Warum führt man eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?“
„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,“ versetzte Lestrade; „die Hauptsache bleibt
immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen soll.“
„Freilich, freilich,“ bestä gte Holmes lächelnd. [S. 118]„Höre Wiggins, bi e doch einmal den
Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem Gepäck behilflich sein.“
Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff schien, eine Reise anzutreten, denn er ha e
davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt
hervorzog und zuzuschließen begann. Er war noch damit beschä igt und kniete am Boden, als
der Droschkenkutscher eintrat. „Können Sie mir vielleicht hier den Riemen fester schnallen,
Kutscher,“ sagte er, ohne den Kopf umzuwenden.
Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte die Hände nach dem Riemen aus. Man vernahm
einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in
die Höhe.
„Meine Herren,“ rief er mit blitzenden Augen, „hier stelle ich Ihnen Jefferson Hope vor, den
Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson.“
Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß uns kaum Zeit zur Besinnung blieb,
doch erinnere ich mich deutlich an den triumphierenden Ausdruck in Holmes’ Blick und Ton und
an des Kutschers verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er [S. 119]die Handschellen betrachtete,
welche ihn wie durch Zauberkunst gefesselt hielten.
Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen Augenblick, denn plötzlich s eß der Gefangene
einen Schrei wilder Wut aus, riß sich mit gewal ger Kra von Holmes los und rannte nach dem
Fenster; Glas und Holzwerk brachen in tausend Spli er bei seinem mäch gen Anprall. Noch ehe
er sich jedoch hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade, Gregson und Holmes auf ihn, wie
Jagdhunde auf ihre Beute; er ward ins Zimmer zurückgezogen und nun entspann sich ein
furchtbarer Kampf. Wieder und immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschü eln; mit
der Riesenstärke eines Wahnsinnigen wehrte er sich gegen seine Angreifer. Die zertrümmerten
Fensterscheiben ha en ihm Gesicht und Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust
schwächte seine Widerstandskra nicht. Erst als es Lestrade gelang, ihm von hinten die Hand in
den Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, sah er ein, daß jeder weitere Versuch, uns
zu entrinnen, vergeblich sein würde. Der Sicherheit halber banden wir ihn noch an den Füßen
und konnten nun erst wieder zu Atem kommen.
„Seine Droschke steht noch unten, wir wollen sie gleich benützen, um ihn auf die Polizei zu
bringen,“ [S. 120]sagte Sherlock Holmes. „Und nun, meine Herren,“ fuhr er fort, „bin ich bereit,
alle Ihre Fragen zu beantworten. Mein kleines Geheimnis ist enthüllt, und Sie brauchen nicht zu
fürchten, daß ich Ihnen die gewünschte Auskun verweigere.“
[S. 121]
Im Lande der Heiligen.
Achtes Kapitel.
Auf der großen Alkali-Ebene.
Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche Wüstengegend, die sich
Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches Hemmnis für jeden Fortschri der Zivilisa on
erwiesen hat. Diese große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im
Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in schauerlichem
Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine Einförmigkeit in der Natur — hohe
Schneeberge wechseln mit düstern Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklü ete
Bergschluchten, die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder verwandelt,
sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem [S. 122]Alkalistaub begraben — doch
eine schrecklichere, trostlosere Gegend findet sich nirgends.
Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees oder Schwarzfuß-
Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe aufzusuchen, aber selbst die tapfersten
Rothäute frohlocken, wenn die gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über
ihre geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der Bussard fliegt
schwerfällig durch die Lu und der täppische graue Bär sucht in den dunkeln Schluchten der
Felsengebirge seine kärgliche Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen
Wüste.
Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick von den nördlichen Höhen
der Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht, nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein
verkrüppeltes Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend bedeckt.
Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgske e hin, deren zerklü ete Gipfel mit Schnee
bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die
fürchterliche S lle, starres, totes Schweigen herrscht rings umher.
Mi en in der Wüste aber gewahrt man, in [S. 123]der weiten Ferne sich verlierend, eine
Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort efe Räderspuren im Boden zurückgelassen,
viele Glücksjäger haben mit wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt
etwas Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht ab. Wir betrachten
es näher und erkennen, daß es Gebeine sind — die derberen sind Knochen von Zugs eren, die
feineren von Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße an den
irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege niedergesunken sind.
Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem einsamen Wanderer
darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder
Sechziger war, ließ sich schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die
vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange, wie mit weißen Fäden
durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine
Augen, die mit unnatürlichem Glanz funkelten, lagen ef in den Höhlen, die Hand, welche die
Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine Kleider schlo erten ihm am
Leibe. Und doch, wie er so dastand, auf die Waffe gelehnt, ließ seine [S. 124]hohe,
starkknochige Gestalt auf eine zähe, urkrä ige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die
zusammengeschrump en Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund seines verfallenen
Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe — er kam langsam um vor Hunger und Durst.
Mühselig ha e er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den Hügel hinauf, in der
vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag
die große Salzwüste vor ihm, von der fernen Bergke e eingerahmt, rings umher weder Baum
noch Kraut, keine Spur einer Feuch gkeit. Er schaute nach Norden, nach Osten und Westen mit
gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer
von Hoffnung. Nun sah er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf der
öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. „Ob jetzt auf hartem Stein, oder zwanzig Jahre
später im weichen Be — es macht wenig Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand
lehnend.
Ehe er sich niedersetzte, ha e er zuvor seine Flinte auf den Boden gelegt und daneben ein
großes Bündel, das er in einem grauen Shawl eingeknüp über der rechten Schulter getragen.
Das Bündel [S. 125]schien zu schwer für seine geschwächten Krä e und fiel etwas unsan zur
Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei vernehmen und aus der grauen
Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und
zwei niedliche, kleine Fäustchen.
„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinders mme in vorwurfsvollem Ton.
„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd, „das thut mir leid.“ Dabei knüp e er das Bündel
auf, und heraus sprang ein etwa fün ähriges Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen
und weißleinenes Schürzchen auf mü erliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und
mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß sie weniger Mangel
geli en ha e, als ihr Gefährte.
„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er ängstlich, als sie sich noch immer das goldgelbe
Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.
„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“ versetzte sie ernstha , auf die schmerzende
Stelle zeigend. „So macht es meine Mu er immer. Wo ist denn Mama?“
„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.“
[S. 126]
„Fort — sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so was — sonst ging sie nie zur Tante ’rüber, ohne erst
‚B’hüt Go ‘ zu sagen — und jetzt ist sie schon drei Tage weg. — Mir ist so trocken im Munde.
Hast du kein Wasser oder etwas zu essen?“
„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld, dann wird alles gut. Leg
dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen,
daß ich kaum sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was hast du
denn da in der Hand?“
„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief die Kleine, entzückt zwei Stückchen
Glimmerschiefer emporhaltend. „Wenn wir heimkommen, bring ich sie Bruder Bertel mit.“
„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“ sagte der Mann zuversichtlich, „wart’ nur noch ein
wenig. Aber, was ich dir sagen wollte — weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“
„Freilich.“
„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß — aber er kam nicht. Ich weiß nicht,
waren die Karten falsch oder der Kompaß, oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für
dich war noch ein Tröpfchen da — und —“
[S. 127]
„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie, ihm ernstha in das dunkle Gesicht blickend.
„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann der Indianerpeter, dann
Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann, Herzchen, auch deine Mu er.“
„Ist Mu er auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der Schürze und schluchzte
bi erlich.
„Ja, alle außer uns beiden. Ich ho e, in dieser Richtung würde Wasser zu finden sein, so lud ich
dich denn auf die Schulter und wanderte fort mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß
ich keine Hilfe mehr.“
Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.
„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte es, die nassen Augen zu ihm aufschlagend.
„Dazu wird’s wohl kommen.“
„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“ rief die Kleine, und lachte hell auf. „Du hast mich
so erschreckt. Natürlich kommen wir wieder zur Mu er, wenn wir sterben.“
„Du gewiß, Herzchen.“
„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist. Sie kommt uns gewiß am
Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug Wasser und frisch gebackenen
Buchweizenkuchen, heiß [S. 128]und knusperig, wie sie Bertel und ich gern haben. Wie lange
müssen wir noch warten?“
„Ich weiß nicht — nur kurze Zeit.“ Der Blick des Mannes war nach dem nördlichen Horizont
zugewendet, wo in der blauen Lu drei dunkle Punkte schwebten, die jeden Augenblick an
Umfang zunahmen. Jetzt erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren,
die über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten Felsspitzen
niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und Vorboten des Todes.
Die Kleine klatschte in die Hände. „Die können aber schön fliegen,“ rief sie fröhlich. „Sag mal,
hat denn der liebe Go dies Land gemacht?“
„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage.
„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,“ fuhr das Kind fort. „Aber diese Gegend ist
lange nicht so hübsch, die hat gewiß jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die
Bäume vergessen.“
„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ — Die S mme des Mannes zi erte.
„Soll ich? — Es ist ja noch nicht Abend.“
„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die rich ge Zeit ist, glaub’ nur, Go hört dich doch. Sag’ [S.
129]dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im Wagen, als wir über die Prairie fuhren.“
„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die Kleine verwundert zu ihm aufschauend.
„Ich weiß nicht mehr wie — es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich hab’ die Worte vergessen.
Sag’ du sie mir vor und ich bete mit — noch ist’s nicht zu spät.“
„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“ sagte sie, und breitete den Shawl auf die Erde. [S.
130]„Du mußt auch die Hände falten — so — du wirst sehen, wie gut das thut.“
Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind