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4

Der Wanderer John Ferrier und ein kleines Mädchen knien in der Wüste und beten um Gnade, während eine große Karawane von Mormonen in der Nähe ankommt, die auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Ferrier und das Kind werden von der Karawane entdeckt und in ihre Gemeinschaft aufgenommen, wobei Ferrier zustimmt, ihren Glauben anzunehmen. Die Mormonen, unter der Führung von Brigham Young, zeigen große Entschlossenheit und Ausdauer auf ihrer Reise, während sie schließlich das fruchtbare Tal von Utah erreichen.

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Somanath Sahoo
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Der Wanderer John Ferrier und ein kleines Mädchen knien in der Wüste und beten um Gnade, während eine große Karawane von Mormonen in der Nähe ankommt, die auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Ferrier und das Kind werden von der Karawane entdeckt und in ihre Gemeinschaft aufgenommen, wobei Ferrier zustimmt, ihren Glauben anzunehmen. Die Mormonen, unter der Führung von Brigham Young, zeigen große Entschlossenheit und Ausdauer auf ihrer Reise, während sie schließlich das fruchtbare Tal von Utah erreichen.

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Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der we erharte

Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz waren nach oben gerichtet, zu dem
wolkenlosen Himmel. Vor Go es Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton
seiner efen, rauhen S mme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das Gebet
gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Scha en der Felswand und bald schlummerte die
Kleine san ein, an die breite Brust ihres Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten
ha e er sich weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen, aber die Natur
forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen zu, das Haupt sank ihm auf die Brust,
sein grauer Bart mischte sich mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in
efem, traumlosem Schlummer da.

Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er hä e ein seltsames
Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der großen Alkaliwüste s eg eine Staubwolke auf,
die sich zuerst kaum von dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter
wurde und eine dichte, [S. 131]undurchsich ge Masse bildete. Die Wolke wuchs und wuchs, bis
kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch eine ungeheure sich bewegende Menge Menschen
oder Tiere entstanden sein könne. Auf der Prairie würde man geglaubt haben, eine der großen
Büffelherden, die dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren Wüstengegend, war an
dergleichen nicht zu denken. Immer näher an die einsame Felswand, wo die beiden
Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel herangezogen; jetzt unterschied man
Fuhrwerke mit leinenem Verdeck, und die Gestalten bewaffneter Reiter tauchten aus dem
Dunst hervor. Es war eine Karawane, die nach dem Westen wanderte. Welch ein gewal ger Zug!
— Als die Spitze desselben das Gebirge erreicht ha e, war am Horizont das Ende noch nicht
abzusehen. Quer durch die weite Ebene erstreckte sich die lange Linie von Wagen und Karren,
Reitern und Fußgängern. Große Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten, die sie
trugen, und Kinder trabten neben den Fuhrwerken oder guckten unter der weißen Leinwand
hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer sein, es war ein ganzes Nomadenvolk,
welches Not oder Verfolgung zwang, sich eine neue Heimat zu suchen. Lautes S mmengewirr
und Getöse erhob sich aus der Menschenmenge, dazwischen [S. 132]knarrten die Räder und die
Rosse wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte der Lärm
nicht auf.

An der Spitze der Kolonne ri en etwa zwanzig ernste Männer mit eisenharten Zügen. Sie waren
mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und
versammelten sich zu einem Kriegsrat.

„Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,“ sagte ein Mann mit gla em Gesicht und kurz
geschorenem, grauem Haupthaar.
„Ja, rechts von der Sierra Blanca — das ist auch der Weg nach dem Rio Grande,“ versetzte ein
anderer.

„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dri er. „Der Herr ließ einst Wasser aus dem Felsen fließen; er
wird seine Auserwählten auch jetzt nicht verlassen.“

„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung fortsetzen, als einer
der Jüngsten einen Ruf der Überraschung auss eß und nach einer Felsklippe deutete, auf
welcher sein scharfes Auge etwas Rotes fla ern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein
abhob. Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen die Gewehre
von der Schulter. Auch galoppierten [S. 133]von hinten neue Reiterscharen herbei, um den
Vortrab zu verstärken. „Die Rothäute!“ schallte es aus aller Munde.

„Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,“ sagte der ältere Mann, welcher den
Oberbefehl zu haben schien. An den Pawnees sind wir schon vorbeigekommen und andere
Stämme giebt es hier nicht, bis wir jenseits der hohen Berge sind.“

„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“ schlug einer aus der Schar vor, „und nachsehen, was
es bedeutet.“

„Ich auch — ich auch,“ riefen mehrere S mmen.

„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,“ gebot der Alte. Schnell s egen die
jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und kle erten die steile Anhöhe hinauf, rasch und
geräuschlos, mit der Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundscha er. Die Leute in der
Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von Fels zu Fels aufwärts
steigen. Jetzt ha en sie die Stelle erreicht. Es mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich
ihnen bot — sie hoben ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die
höchste Verwunderung zu erkennen.

[S. 134]

Auf der Pla e, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich ein einziger Felskegel; an
diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und verwi ertem Gesicht; seine efen, regelmäßigen
Atemzüge zeigten, daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Ärmchen um seinen
braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine Brust gebe et, ruhte
ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre
lieblichen Züge spielte ein friedliches Lächeln.

Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen ha en, flogen erschreckt auf, als
sie der neuen Ankömmlinge ansich g wurden. Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die
verwirrt um sich blickten. Der Mann richtete sich schla runken auf und starrte in die Ebene
hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der es jetzt wimmelte von
Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“ murmelte er, die Hand an die S rn legend. Das Kind
stand neben ihm, hielt sich an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen
umher.

Den Re ern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß, was sie sahen, keine
Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei. Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen
auf [S. 135]seine Schulter, während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die
Arme griffen.
„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gere ete; „ich und die Kleine hier, wir sind die einzig
Ueberlebenden von einundzwanzig Personen. Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her
vor Hunger und Durst verschmachtet.“

„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn führten.

[S. 136]

„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener Miene, „ich habe es gere et. Von heute an heißt
die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer mir, hat ein Recht an sie. — Wer seid denn aber
ihr?“ fuhr er fort, seine mannha en, sonnverbrannten Re er neugierig betrachtend, „das sind
ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.“

„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen Leute. „Wir sind die verfolgten Kinder Go es, die
Auserwählten des Engels Merona.“

„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der Wanderer. „Eine schöne Masse Menschen hat
er auserwählt.“

„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der andere streng. „Du siehst vor dir das Volk, welches
an die geoffenbarten Schri en glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in
Palmyra übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo ha en wir unsern Tempel gegründet.
Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den go losen und gewal hä gen Menschen eine neue
Zufluchtsstä e zu suchen, und wenn es auch mi en in der Wüste wäre.“

Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu wecken. „O, jetzt
verstehe ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“

[S. 137]

„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle eins mmig.

„Und wohin geht ihr?“

„Das wissen wir nicht. Die Hand Go es führt uns durch unsern Propheten. Wir bringen euch zu
ihm; er muß entscheiden, was mit euch geschehen soll.“

Sie ha en inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie umdrängten — bleiche
Frauen mit demü ger Miene, muntere, krä ige Kinder und ernste Männer. Die große Jugend
des Mädchens und die völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der
Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet, schri en die Führer der
Gere eten unverweilt vorwärts, bis sie einen Wagen erreichten, der sich durch besondere
Größe und präch ge Zierate vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden
bespannt, während die andern nur zwei oder höchstens vier ha en. Auf dem Wagen saß ein
Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewal gem Haupt und entschlossenem Blick — der Führer
des Volkes. Er las in einem Buch mit braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge
beiseite legte, um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann [S.
138]wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer.

„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte er, „so müßt ihr auch unsern Glauben bekennen.
Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde. Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste,
als daß ihr wie räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr unter dieser
Bedingung mit uns ziehen?“

„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,“ rief Ferrier mit solchem Eifer, daß die
Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes,
feierliches Wesen.

„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl er, „gieb ihm Speise und Trank, dem Kinde auch. Es
soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer heiligen Lehre zu unterweisen. — Doch jetzt haben wir
lange genug gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“

„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte sich in der langen
Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein dumpfes Gemurmel aus der Ferne
herüberklang. Die Peitschen knallten, die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung
und bald zog die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, [S. 139]der die Sorge
für die beiden Verirrten übernommen ha e, führte sie zu seinem Wagen, wo ihrer schon eine
Mahlzeit wartete.

„Ihr dür hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen Tagen werdet ihr euch von euren Anstrengungen
erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens
zählt. Brigham Young hat es gesagt und aus ihm hat die S mme Josef Smiths geredet, welche
die S mme Go es ist.“

[S. 140]

Neuntes Kapitel.
Die Blume von Utah.

Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern, welche die
ausgewanderten Mormonen zu erdulden ha en, bevor sie ihren neuen Zufluchtshafen
erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren sie nach den westlichen Abhängen des
Felsengebirges gezogen, und ha en dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in
der Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen allerlei Mühsal,
Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die Elemente ihnen in den Weg legten, ha en
sie siegreich gestri en, obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem
Mu gsten bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von Utah im
Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus dem Munde des Führers vernahmen,
daß es das Land der Verheißung sei, der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu
eigen gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht freudig auf die
Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Re ung emporzusenden.

[S. 141]

Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel Geschick, als er bei der
Führung des Volkes bewiesen. Er ließ Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf
welchen die kün ige Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und
jedem, ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt Beschä igung in
seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe. In der Stadt entstanden wie durch
Zauberschlag Straßen und Plätze; auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert,
eingezäunt und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen auf den
Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung. Mi en in der Stadt wurde der
große Tempel erbaut, welcher einen immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten
Morgengrauen bis zur sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich
beschä igt, denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie durch alle
Gefahren sicher geleitet ha e.

John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefähr n, die er an Kindessta angenommen, ha en die
Mormonen bis ans Ende ihrer Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen
allzugroßen Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie dur e den [S. 142]Zug in dem Wagen des
Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die drei Frauen des
Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges, zwöl ähriges Bürschchen. Mit leichtem
Kindersinn ha e sie sich schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mu er Tod bereitet. Sie
wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue Leben unter dem
beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich nach kurzer Zeit von den ausgestandenen
Beschwerden; er wußte sich als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen
Gefährten nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der Wanderung
endlich erreicht ha e, wurde ihm ein ebenso großes und fruchtbares Ackerland zugewiesen wie
allen übrigen Ansiedlern. Außer Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten
Stangerson, Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer.

Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein festes Blockhaus, das er im
Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus
prak sche Natur, geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er unternahm.
Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh bis [S. 143]spät thä g zu sein beim
Anbau seines Grund und Bodens. Dieser angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und
sein Hab und Gut mehrte sich zusehends.

Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach sechs Jahren war er
wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt
am Salzsee kaum ein Dutzend Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen
Binnensee bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen
allgemein.

Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner Glaubensbrüder nicht
genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst konnte ihn bewegen, sich einen
weiblichen Hausstand nach Art seiner Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige
Weigerung keine Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschü erlich bei seinem
Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit gegen die
Religionsgemeinscha , der er beigetreten war, andere meinten, er handle aus Habgier und
wünsche die Kosten zu sparen. Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte,
und sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er nicht vergessen
könne. Eins [S. 144]nur war sicher — Ferrier blieb ein für allemal unvermählt. In jeder andern
Hinsicht unterwarf er sich aber den herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges
Mitglied der jungen Ansiedlung.

Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei allen seinen
Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Berglu und den balsamischen
Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der besorgtesten Mu er und Wärterin genossen
hä e. Wie die Jahre flohen, wurde ihre Gestalt schlanker und krä iger, ihre Wangen röteten
sich, ihr Schri gewann an Elas zität; allmählich und unmerklich ha e sich die Knospe zur
Blume en altet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf der Landstraße an Ferriers Besitztum
vorbeiführte, sah dem anmu gen Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die
Weizenfelder schri oder auf ihres Vaters Mustang einhergeri en kam, den sie leicht und sicher
zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens.

Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen Abhängen des
Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht; unversehens ha e sie die Schwelle der
Kindheit überschri en, und nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines
neuen, schöneren Lebens in ihrem [S. 145]Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein Ereignis
trat ein, das nicht nur für Lucys Zukun von den wich gsten Folgen war, sondern auch auf das
Schicksal vieler anderer einen entscheidenden Einfluß übte.

An einem warmen Junimorgen waren die ‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach ihrer Gewohnheit
geschä ig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und
in den Werkstä en vernahm man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thä gkeit. Auch auf
den staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange Züge
schwerbeladener Maul ere einher, die alle nach dem Westen zogen, denn das Goldfieber war in
Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt
‚der Auserwählten‘ vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren
erma eten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt, begegnete man großen
Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner gelegenen Weideplätze verlassen ha en.

Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren entstanden, aber mi en
durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg
bahnend; ihre [S. 146]Wangen waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre
kastanienbraunen Locken flogen im Winde. Der Vater ha e sie mit einem Au rag nach der Stadt
geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon so o gethan, furchtlos dahin, um
ihn auszurichten. Mehr als einer der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen
bewundernd nach; ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk beladen
heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des lieblichen Bleichgesichts.
Schon ha e Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große Rinderherde, die in der Hut
ihrer wildblickenden Treiber von der Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte.
Ungeduldig über dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich zu öffnen
schien. Kaum aber ha e sie das gethan, als die gehörnten Scharen hinter ihr nachdrängten und
sie sich mit ihrem Pferde fest eingekeilt sah in dem unau altsam vorwärts flutenden Strome.
Ohne über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil, der sich ihr bot, um
weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu
bahnen. Dabei geriet jedoch ein junger, feuriger S er in allzu nahe Berührung mit dem
Mustang [S. 148]und s eß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward wild, s eg auf die
Hinterbeine, schnaubte und schü elte sich mit solcher He igkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst
anwenden mußte, um sich im Sa el zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei
jedem Sprunge s eß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und wurde zu neuer Wut
gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese ohne Erbarmen von den Hufen der
ungefügen, erschreckten S ere zu Tode getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu
ers cken, ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel hielt, zu
erlahmen. Die Kra würde ihr versagt haben, wenn nicht in diesem Augenblick ein herzha er
Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem Mut erfüllt hä e. Eine braune, sehnige Faust ergriff den
Mustang beim Zaume und machte ihm Bahn mi en durch die Herde, bis er wieder freien
Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte.

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