Technische Universität München Lehrstuhl für Statik [Link]. Dr.-Ing. W.
Wunderlich
Statik 3 + 4
Lehrveranstaltungen
Statik 3 + 4
(Stabtragwerke)
Vorlesungen und Übungen
des Lehrstuhls für Statik der TUM
gehalten WS 1988/89 bis SS 1999
von o. Prof. Dr.-Ing. Walter Wunderlich
und Mitarbeitern
Fassung 1998/99
Statik 3 + 4 (Stabtragwerke)
Teil 1: Vorlesungsumdruck und Manuskriptseiten
Teil 2: Beispiele aus Übungen
Teil 3: Zusammenstellung von Berechnungsunterlagen
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Baustatik 3/4 7.1 Einführung Seite 4
7.1.3 Grundlagen --- Theorie II. Ordnung
Voraussetzungen :
Es gelten zunächst die üblichen Voraussetzungen und Linearisierungen der Stabstatik
Theorie I. Ordnung : (Materialgesetz und Kinematik sind linear) :
--- Querschnittsabmessungen klein gegenüber der Stablänge
--- Material : homogen, isotrop, linear elastisch
--- Belastung wirkt statisch und richtungstreu
--- Formänderungen sind klein : infinitesimal kleine, auf die Stabachse bezogene Ver-
schiebungen, Verdrehungen und Verzerrungen (Dehnungen, Verkrümmungen und
Gleitungen) : sin Ä ≈ tan Ä ≈ Ä; cos Ä ≈ 1
--- Verformungen aus Querkraft (Gleitungen) werden vernachlässigt →Normalen-
hypothese, Ebenbleiben der Querschnitte : Ä ≈ − w′;κ ≈ − w′′; (ε ≈ u′)
--- Linear verteilte Querschnittsspannungen werden durch äquivalente Schnittgrößen
ersetzt.
Im Gegensatz zur Theorie I. Ordnung wird bei der Theorie II. Ordnung der Gleichge-
wichtszustand am verformten System betrachtet :
--- Unterscheidung in Normal--- und Querkräfte (N, Q) einerseits sowie Longitudinal---
und Transversalkräfte (L, T) andererseits.
--- Damit die Differentialgleichungen für u und w entkoppelt sind, muß die Longitudi-
nalkraft L im Stababschnitt konstant sein und als bekannt angenommen wer-
den. → Die nichtlineare Gleichgewichtsaufgabe wird dadurch iterativ gelöst.
--- Vereinfachend gilt somit : L ≈ N ; T ≈ Q + (w′ + w 0′)N ( am pos. Schnittufer)
Anwendungsbereich :
--- Systeme mit unverschieblichen Knoten und ’großen’ Normalkräften :
(w′T ≪ L; w′Q ≪ N; T ≪ L; Q ≪ N)
--- Systeme mit verschieblichen Knoten, bei denen infolge Verschiebungen erhebliche
Zusatzmomente entstehen.
Folgerungen für die praktische Berechnung :
--- Die Stabkennzahlen ε = l |N|
EI
sind für alle Stäbe als bekannt anzunehmen. Hierzu
sind die Normalkräfte vorab nach Theorie I. Ordnung zu berechnen oder abzuschät-
zen.
--- Lastfälle dürfen im allgemeinen nicht überlagert werden. Das Superpositionsprinzip
gilt im allgemeinen nicht mehr; es dürfen nur Lastfälle mit gleichen Stabkennzahlen
überlagert werden.
--- Lasten bzw. Lastfälle sind zu maßgeblichen Lastkombinationen zusammenzufassen,
die jeweils getrennt zu berechnen sind. Bei den Lasten sind die baustoffspezifischen
Sicherheitsbeiwerte zu berücksichtigen. Entsprechende Vorverformungen aus Im-
perfektionen sind gegebenenfalls zu berücksichtigen.
Version vom 21.10.1996
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Baustatik 3/4 7.1 Einführung Seite 5
--- Beim Weggrößenverfahren nach Theorie II. Ordnung sind Weggrößen die Rechen---
unbekannten. Diese geometrischen Unbekannten werden aus den Gleichgewichtsbe-
dingungen ermittelt. Einflüsse aus Normalkraftverformungen können häufig, wie bei
Theorie I. Ordnung, vernachlässigt werden.
--- Für Druckstäbe ist die Theorie II. Ordnung ein Gebot der Sicherheit.
--- Für Zugstäbe ist die Theorie II. Ordnung eine Frage der Wirtschaftlichkeit.
--- Für Stabkennzahlen ε ≲ 0.5(1.0)genügt es im allgemeinen nur die Schiefstellungen
(D’ ), zu berücksichtigen, jedoch Anteile aus Verkrümmungen beim Gleichgewicht
am verformten System zu vernachlässigen; d.h. es können die Werte A’, B’, C’ nach
Theorie I. Ordnung verwendet werden.
--- Für Stabkennzahlen ε ≲ 1.0 ist im allgemeinen eine Berechnung mit der geometri-
schen Matrix ( 1. Reihenglied der Taylor---Reihe ) ausreichend.
--- Bei reiner Normalkraftbeanspruchung ohne Vorverformungen ist eine Stabilitätsun-
tersuchung erforderlich; es liegt dann kein Spannungsproblem, sondern ein Verzwei-
gungsproblem vor.
Wesentlicher Vorteil des Weggrößenverfahrens gegenüber dem Kraftgrößenverfahren bei
Berechnungen nach Theorie II. Ordnung :
1) Die Berechnung ist leichter schematisierbar (Verträglichkeit ist am Grundelement
einfacher zu erfüllen als Gleichgewicht)
2) Die Iteration der Normalkräfte konvergiert im allgemeinen schneller als die der Ver-
schiebungen. (Normalkräfte sind einfacher abzuschätzen.)
Wesentliche Unterschiede beim Weggrößenverfahren der Theorie II. Ordnung gegenüber
Theorie I. Ordnung :
Zu grundlegenden Beziehungen für das Weggrößenverfahren Theorie II. Ordnung
(in Vorzeichen---Definition 2) siehe ’Zusammenstellung von Berechnungsunterlagen
für Stabtragwerke’ (Formelsammlung).
Die Stabendmomente werden in Abhängigkeit der Weggrößen an den Stabenden und
der Stabkennzahl (Normalkraftbeanspruchung !) formuliert. Zur Abhängigkeit der
dabei verwendeten Hilfswerte A’, B’, C’ von der Stabkennzahl ε siehe folgende Abbil-
dung :
5,0
ε=l |N|
EI
4,0 A’
A’,B’,C’ A’,B’,C’ für N<0
3,0 C’ (Druckstab)
A’,B’,C’ für N>0
2,0 B’
(Zugstab)
1,0
0,0
|N|l2
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 D′ = ε 2=
EI
ε