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königs erläuterungen
Band 79
Textanalyse und Interpretation zu
Johann Wolfgang von Goethe
die leiden des
jungen werther
Rüdiger Bernhardt
Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat
plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen
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Zitierte Ausgaben:
Goethe, Johann Wolfgang von, Die Leiden des jungen Werther. Heftbearbeitung:
Uwe Lehmann. Husum/Nordsee: Hamburger Lesehefte Verlag 2010 (Hambur-
ger Leseheft Nr. 115). Zitatverweise sind mit HL gekennzeichnet.
Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther. Nachwort von Ernst
Beutler, Stuttgart: Philipp Reclam jun., durchgesehene Ausgabe 2001 (Reclams
Universal-Bibliothek Nr. 67). Zitatverweise sind mit R gekennzeichnet.
Über den Autor dieser Erläuterung:
Prof. Dr. sc. phil. Rüdiger Bernhardt lehrte neuere und neueste deutsche sowie
skandinavische Literatur an Universitäten des In- und Auslandes.
Er veröffentlichte u. a. Studien zur Literaturgeschichte und zur Antikerezeption,
Monografien zu Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann, August Strindberg und
Peter Hille, gab die Werke Ibsens, Peter Hilles, Hermann Conradis und anderer
sowie zahlreiche Schulbücher heraus. Von 1994 bis 2008 war er Vorsitzender
der Gerhart-Hauptmann-Stiftung Kloster auf Hiddensee. 1999 wurde er in die
Leibniz-Sozietät gewählt.
Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in
anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftli-
chen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52 a UrhG: Weder das Werk noch
seine Teile dürfen ohne eine solche Einwilligung eingescannt oder gespeichert
und in ein Netzwerk eingestellt werden. Dies gilt auch für Intranets von Schulen
und sonstigen Bildungseinrichtungen.
1. Auflage 2011
ISBN 978-3-8044-1900-1
© 2002, 2010 by C. Bange Verlag, 96142 Hollfeld
Alle Rechte vorbehalten!
Titelabbildung: © ullstein bild – Granger Collection
Druck und Weiterverarbeitung: Tiskárna Akcent, Vimperk
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inhalt
1. DAS WICHTIGSTE AUF EINEN BLICK – 6
SCHNELLÜBERSICHT
2. JOHANN WOLFGANG VON GOETHE: 10
L EBEN UND WERK
2.1 Biografie 10
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund 16
Aristokratie und Bürgertum 16
Homer, Ossian, Shakespeare und Rousseau 18
2.3 Angaben und Erläuterungen zu
wesentlichen Werken 25
3. TEXTANALYSE UND -INTERPRETATION 31
3.1 Entstehung und Quellen 31
3.2 Inhaltsangabe 41
Erstes Buch 42
Briefe im Mai 42
Briefe im Juni 44
Briefe im Juli 46
Briefe im August 47
Briefe im September 48
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Zweites Buch 48
Briefe im Oktober, November
und Dezember 1771 48
Briefe im Januar und Februar 1772 49
Briefe vom 15., 16. und 24. März
sowie vom 19. April 50
Briefe von Mai bis September 50
Briefe im Oktober und November 52
Briefe im Dezember 52
Herausgeberbericht 53
3.3 Aufbau 56
3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken 63
Werther 64
Lotte 67
Albert 67
Wilhelm 68
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen 69
3.6 Stil und Sprache 91
3.7 Interpretationsansätze 94
Ablösung der feudalabsolutistischen Macht 94
Das Subjekt und seine Leidenschaften 95
Die neuen Normen der „Natur“ 97
4. REZEPTIONSGESCHICHTE 98
Erster Bestseller der deutschen Literatur 98
Warnung vor Nachahmung 99
Einflüsse des Romans auf andere Bereiche 103
Moderne Gestaltungen 106
4
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5. MATERIALIEN 108
6. Prüfungsaufgaben 111
mit Musterlösungen
literatur 125
stichwortverzeichnis 130
5
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1 schnellübersicht 2 J. W. v. Goethe: 3 Textanalyse und
Leben und Werk -interpretation
1. DAS WICHTIGSTE AUF EINEN BLICK –
SCHNELLÜBERSICHT
Damit sich jeder Leser in diesem Band sofort zurechtfindet und
das für ihn Interessante gleich entdeckt, folgt hier eine Übersicht.
Im 2. Kapitel wird Goethes Leben beschrieben und auf den zeit
geschichtlichen Hintergrund verwiesen:
S. 10 ff. Johann Wolfgang von Goethe lebte von 1749 bis 1832, vor
wiegend in Weimar, der Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-
Weimar-Eisenach. Bis 1771 wurde er in Leipzig und Straßburg
zum Juristen ausgebildet und erfuhr in Wetzlar vom Schicksal
Karl Wilhelm Jerusalems.
S. 16 ff. Parallel zur unglücklichen Liebe zwischen Werther und Lotte
brechen die Widersprüche zwischen Aristokratie und Bür
gertum auf, die sich in der vorrevolutionären Zeit von 1789
zuspitzten.
S. 25 ff., Goethe hatte Gedichte sowie 1771 das Schauspiel Götz von
S. 31 ff. Berlichingen geschrieben und 1773 veröffentlicht; durch
Die Leiden des jungen Werthers (1774) wurde er weltberühmt.
1787 erschien die zweite Fassung, an der Goethe seit 1782
gearbeitet hatte. Unter dem Titel Die Leiden des jungen
Werther erschien erstmalig die Jubiläumsausgabe von 1824.
Im 3. Kapitel geht es um die Textanalyse und -interpretation.
Die Leiden des jungen Werther – Entstehung und Quellen:
S. 31 ff. Der historische Werther war ein Jurist in Wetzlar; Vorbild war
Goethes unglückliche Liebe zu Charlotte Buff und Maximiliane
von La Roche.
6 Johann Wolfgang von Goethe
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4 Rezeptions 5 materialien 6 prüfungs
geschichte aufgaben
Inhalt:
Der Roman spielt 1771/72, zumeist in einer kleinen Beamtenstadt. S. 41 ff.
Werther, ein Jurist, ist in Erbschaftsangelegenheiten unterwegs
und verliebt sich dabei in Lotte, die bereits „vergeben“ ist. Er er
lebt Höhen und Tiefen, wird als Bürgerlicher durch Adlige sozial
diskriminiert und begeht, um einer Verbindung der geliebten Frau
mit ihrem Partner nicht im Weg zu stehen sowie aus Enttäuschung
über die Erniedrigung, der er erfahren musste, Selbstmord.
Aufbau:
Der Briefroman spielt 1772 als Gegenwartsroman. In seinem Ab S. 56 ff.
lauf ähnelt er einem Monolog; die letzten Texte stammen von ei
nem fiktiven Herausgeber. Der Gliederung in zwei Bücher im Ver
hältnis 3 zu 4 stehen eine steigende und eine fallende Handlung
gegenüber, gruppiert um den Brief vom 15. März 1772, die sich
wie 1 zu 1 verhalten. Parallelhandlungen illustrieren die Haupt
handlung.
Personen:
Im Roman geht es um einen Dreieckskonflikt zwischen Werther, S. 63 ff.
Lotte und Albert.
Werther ist Jurist, der nach den Vorstellungen seiner Mutter
und seines Freundes Wilhelm in den diplomatischen Dienst
treten soll.
Lotte (Charlotte) ist die Tochter des Amtmanns und vertritt an
ihren acht jüngeren Geschwistern die Mutterrolle. Sie ist mit
Albert „so gut als verlobt“ (HL S. 21/R S. 28).
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 7
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1 schnellübersicht 2 J. W. v. Goethe: 3 Textanalyse und
Leben und Werk -interpretation
Albert ist Lotte von der Mutter versprochen und bereits im
diplomatischen Dienst.
Wilhelm ist der Freund Werthers und Berater von Werthers
Mutter.
Stil und Sprache im Werther:
S. 91 ff. Werther verwendet die Sprache eines Stürmers und Drängers:
leidenschaftlich, mit Interjektionen (Ausrufen), Inversionen
(Umkehrung der Wortstellung) und imperativisch.
Diese Sprache wird in der zweiten Fassung geglättet; sprach
liche Formen wie Oxymoron und Ellipse sorgen für einen aus
drucksstarken Stil.
Eine besondere Rolle spielt die Klimax.
Interpretationsansätze:
S. 94 ff. Die Ablösung der feudalistischen Macht durch das Bürgertum
steht im Vordergrund; sie wirkt sich auf die menschlichen Ge
fühle und Leidenschaften aus.
Die Literatur des Sturm und Drang stellte das Subjekt und sei
ne Leidenschaften ins Zentrum und schuf damit eine geistige
Ersatzbasis für die fehlende nationale, politische Grundlage.
Das wichtigste Anliegen der Stürmer und Dränger war, dem
unverfälschten Lebensgefühl, der „Natur“, neue Normen des
Umgangs zu verschaffen.
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4 Rezeptions 5 materialien 6 prüfungs
geschichte aufgaben
Rezeptionsgeschichte:
Der Roman wurde zur Sensation, zum ersten Bestseller der S. 98 ff.
deutschen Literatur und zum Ausgangspunkt zahlreicher Paro
dien, Fortsetzungen, Variationen und Auseinandersetzungen.
Die Vorbilder der Romanfiguren waren betroffen; Zeitgenos
sen warnten vor dem Nachahmungseffekt. Die schärfsten An
griffe kamen aus kirchlichen Kreisen.
Der Einfluss des Romans auf die Mode war groß; Verbote gab
es dennoch bis ins 19. Jahrhundert.
Moderne Beschäftigungen mit dem Roman finden sich fort
während, so bei Thomas Mann, Ulrich Plenzdorf u. a.
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1 schnellübersicht 2 J. W. v. Goethe: 3 Textanalyse und
Leben und Werk -interpretation
2.1 Biografie
2. JOHANN WOLFGANG VON GOETHE:
LEBEN UND WERK
2.1 Biografie
JAHR ORT EREIGNIS ALTER
1749 28. August Johann Wolfgang Goethe wird als Sohn
Frankfurt des Kaiserlichen Rates Dr. jur. Johann
am Main Kaspar Goethe, Sohn eines Schneiders,
und Katharina Elisabeth, geb. Textor,
J. W. von Goethe Tochter des Schultheißen, in Frankfurt
(1749 –1832) am Main, im Haus „Zu den drei Leiern“
© ullstein bild am Großen Hirschgraben geboren. Die
Familie ist wohlhabend; der Reichtum
stammt vom Großvater.
1750 Frankfurt Geburt von Goethes Schwester Cornelia 1
am Main Friederike Christiana
1753 Frankfurt Die Großmutter schenkt den Kindern zu
am Main Weihnachten ein Puppentheater.
1759 – Während der französischen Besetzung 10 –14
1763 Frankfurts besucht Goethe das franzö
sische Theater.
1765 Leipzig Goethe studiert Jura, hört aber auch 16
Vorlesungen zur Literatur und lernt
Gellert sowie Gottsched kennen; Liebe
zu Käthchen Schönkopf, der Tochter
eines Zinngießers.
1768 Frankfurt Goethe kehrt nach einem Blutsturz 19
am Main krank nach Hause zurück. Er verkehrt
im pietistischen Kreis der Susanna
Katharina von Klettenberg und liest
Wieland, Shakespeare u. a.
10 Johann Wolfgang von Goethe
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geschichte aufgaben
2.1 Biografie
1770 Straßburg Goethe setzt sein Jurastudium fort und 21
schließt es als Lizentiat der Rechte ab,
was ihm ermöglicht, als Advokat zuge-
lassen zu werden. Er lernt Herder und
Dichter des Sturm und Drang kennen
(u. a. Lenz). Im Straßburger Kreis um
Herder werden ihm Pindar, Homer, die
englische Dichtung, voran Shakespeare
und Ossian, Hamann und die Volkspoe-
sie nahegebracht. Er begeistert sich für
die Gotik des Straßburger Münsters.
Sesenheim Kurz vor dem 15. Oktober: Besuch bei 21
Friederike Brion. Er verliebt sich in die
Pfarrerstochter von Sesenheim; Mai
bis Juni in Sesenheim; am 7. August
Abschied ohne Erklärung.
1771 Straßburg Frühling, Sommer: Goethe sammelt, 21
Herders Anregung folgend, Volks
balladen.
Frankfurt Rückkehr nach Hause
am Main
Frankfurt Goethe hält seine berühmte Rede Zum 22
am Main Schäkespears Tag; Prozess gegen die
Kindsmörderin Susanna Margaretha
Brandt.
1772 Wetzlar Goethe als Praktikant am Reichskam- 23
mergericht – die Eintragung in die Liste
der Rechtspraktikanten am 25. Mai ist
der einzige Nachweis seiner Tätigkeit; er
verliebt sich in Charlotte Buff, der er bei
einem Ball am 9. Juni in Volpertshausen
begegnet.
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2.1 Biografie
1772 Ehrenbreiten- Goethe geht ohne Abschied aus Wetzlar 23
stein fort, fährt am 11. September zu Maximi-
liane, der Tochter von Marie Sophie von
La Roche, deren Roman Geschichte des
Fräuleins von Sternheim (1771) Goethe
beeinflusst.
Frankfurt Rückkehr nach Hause; November: Der 23
am Main Selbstmord des juristischen Kollegen
Jerusalem (30. Oktober 1772) geht in
den Plan zum Werther-Roman ein.
1773 Wetzlar Charlotte Buff und Kestner heiraten 23
am 4. April.
1774 Frankfurt 1. Februar: Beginn der Arbeit am 24
am Main Werther; Abschluss nach vier Wochen.
Frankfurt Knebel vermittelt Goethes Bekanntschaft 25
am Main mit dem Erbprinzen Karl August von
Sachsen-Weimar-Eisenach. Klopstock
besucht ihn. Nach dem Erscheinen des
Romans Die Leiden des jungen Werthers
wird Goethe berühmt.
1775 Frankfurt Liebe und Verlobung mit Lili 26
am Main Schönemann; brieflich sich äußernde
Liebe zur Gräfin Auguste von Stolberg.
Schweiz Erste Reise in die Schweiz mit den
Grafen zu Stolberg und von Haugwitz;
sie tragen Werther-Kleidung.
Frankfurt Lenz besucht Goethes Freund Friedrich 26
Maximilian Klinger, der mit dem Stück
Sturm und Drang der Literaturepoche
ihren Namen gab, in Frankfurt.
Klinger reitet ihm in Werther-Kleidung
entgegen.
Weimar Abreise am 30. Oktober, nachdem 26
Karl August am 3. September die
Regierung angetreten hat; Ankunft am
7. November.
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2.1 Biografie
1776 Weimar Geheimer Legationsrat mit Sitz und 26
Stimme im Geheimen Conseil; tritt am
25. Juni in den Staatsdienst. Liebe zu
Charlotte von Stein.
1777 Harz Erste Harzreise, der 1783 bis 1789 28
weitere folgen.
1779 Weimar Übernahme weiterer Aufgaben, u. a. 30
Kriegskommission; er wird zum
Geheimen Rat ernannt.
Schweiz zweite Reise
1781 Weimar naturwissenschaftliche Studien 32
1782 Weimar Goethe wird geadelt; sein Vater stirbt. 33
1784 Weimar Goethe findet den Zwischenkiefer 35
knochen beim Menschen.
1786 Karlsbad Sommer in Karlsbad; heimlich flieht 37
er von dort nach Italien und kommt
am 29. Oktober in Rom an. Italienische
Reise.
1787 Leipzig Leiden des jungen Werther: Die zweite 38
Fassung erscheint im ersten Band von
Goethes Schriften.
1788 Weimar Rückkehr; er lernt Christiane Vulpius 39
kennen und lebt von nun an zum
Entsetzen des Weimarer Adels mit ihr
zusammen.
1789 Weimar Goethes Sohn August wird geboren; 40
er stirbt 1830 in Rom und wird dort
beerdigt.
1790 Italien Zwischen März und Juni die zweite 40
Italienreise; nach Schlesien in Beglei-
tung Karl Augusts, der als General in
Preußens Diensten steht.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 13
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2.1 Biografie
1791 Weimar Bis 1817 Direktor des Hoftheaters; 42
Materialsammlung zur Farbenlehre.
1792 Frankreich Bis 1793 Feldzug; Belagerung von 43
Mainz.
1794 Weimar, Jena Beginn der Freundschaft mit Schiller 45
1797 Schweiz dritte Reise 48
1799 Weimar Im Dezember siedelt Schiller von Jena 50
nach Weimar über.
1803 Weimar Friedrich Wilhelm Riemer wird Haus- 55
lehrer von Goethes Sohn und Goethes
Sekretär. Er heiratet 1814 Christianes
Gesellschafterin Caroline Ulrich, die seit
1809 in Goethes Haus wohnt und die der
Dichter liebt.
1805 9. Mai: Tod Schillers; Freundschaft mit 56
Zelter.
1806 Jena 14. Oktober: Schlacht bei Jena und 57
Auerstädt; das Heilige Römische Reich
Deutscher Nation geht unter. Die
Franzosen plündern Weimar, Goethes
Haus bleibt dank des Einsatzes von
Christiane verschont. Am 19. Oktober
lässt sich Goethe mit Christiane trauen.
1807 Weimar Liebe zu Minna Herzlieb 58
1808 Weimar Auf dem Fürstentag treffen Napoleon 59
und Goethe zusammen und sprechen
über den Werther.
1814 Rhein Reisen; Liebe zu Marianne von Willemer. 65
und Main
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2.1 Biografie
1816 Weimar 6. Juni: Tod Christianes; 67
22. September: Charlotte Kestner, geb.
Buff, in Weimar und am 25. September
Wiedersehen mit Goethe (vgl. hierzu
Thomas Mann Lotte in Weimar, 1939).
Goethe liest nochmals den Werther.
1823 Weimar Johann Peter Eckermann besucht 74
Goethe. Er wird Mitarbeiter und Nach-
folger Riemers. Reise nach Marienbad
und Eger. Goethe verliebt sich in Ulrike
von Levetzow.
1828 Weimar Der Großherzog Karl August stirbt. 79
1832 Weimar 22. März: Tod Goethes in seinem 82
83. Lebensjahr.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 15
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Leben und Werk -interpretation
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Zusammen
fassung Die absolutistischen Staaten Europas befinden sich auf dem
Höhepunkt ihrer Macht. Deutschland ist in Kleinstaaten zer
splittert und dadurch wirtschaftlich rückständig. Es hat kein
politisches, ökonomisches und kulturelles Zentrum, bietet
aber kulturelle, philosophische und literarische Leistungen.
In Deutschland wirken Aufklärung und Sturm und Drang mit
geistigen sowie künstlerischen Leistungen nebeneinander,
vertreten und verbreiten unterschiedliche Positionen.
Die Ablösung der politischen Feudalstruktur und eines or
thodoxen Christentums durch eine auf Wissenschaft orien
tierte, bürgerliche Entwicklung beginnt mit der Abkehr von
einem religiös-metaphysischen Weltbild und dem Vordrin
gen aufklärerischen Denkens und der kritischen Vernunft.
Von England aus beginnt die industrielle Revolution; 1771:
Anfang des „Maschinenzeitalters“.
Aristokratie und Bürgertum
Der Roman Die Leiden des jungen Werther entstand 1774; die Er
eignisse, die ihm zugrunde liegen, ereigneten sich vom Mai bis
zum Oktober 1772. Seine Handlung wurde von Goethe auf die Zeit
vom 4. Mai 1771 bis zum 23. Dezember 1772 festgelegt. Er gehört
zeitlich, inhaltlich und geistesgeschichtlich ins Vorfeld der Franzö
sischen Revolution von 1789 und die dadurch einsetzende Neuord
nung Europas auf einer veränderten sozialen Grundlage.
Absolutismus Die absolutistischen Staaten waren um 1770 auf dem Höhe
punkt ihrer Macht und versuchten, diese zu verteidigen: In Preu
ßen herrschte Friedrich II. (1712–1786); er hatte durch den Sie
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2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
benjährigen Krieg (1756–1763) Schlesien gewonnen. 1772 teilten Siebenjähriger
Preußen, Österreich und Russland unter Katharina II. Polen unter Krieg
sich auf. Preußen wurde zur europäischen Großmacht. Russland
gewann unter Katharina II. (1729 –1796) außenpolitisch an Bedeu
tung, hatte aber im Inneren mit Aufständen und vielfachem Wider
stand zu kämpfen. Frankreich unter Ludwig XV. (1710 –1774) war
zwar innerlich zerrüttet, und 1770 hatte der Zorn auf die höfischen
Zustände – Mätressenwesen und Finanzkrise – einen Höhepunkt
erreicht, aber es war neben Großbritannien, das in dieser Zeit zur
führenden Handels- und Kolonialmacht und zur Beherrscherin der
Meere aufgestiegen war, die führende Macht Europas. Als man die
amerikanischen Kolonien mit zusätzlichen Steuern belasten wollte,
kam es zu Spannungen, die 1775 zum Krieg und zum Zerfall des
Kolonialreiches führten.
In Mecklenburg (1769) und Sachsen (1770) wurde die Folter
abgeschafft. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wurde
seit 1765 von Kaiser Joseph II. geführt, einem aufklärerischen Re
former, der die Leibeigenschaft 1781 (Untertanenpatent) aufhob.
Zwar war er bis zum Tod seiner Mutter Maria Theresia 1780 in
seinem Wollen beschränkt, aber er versuchte, die Zentralmacht zu
stärken und vor allem die Kirche in ihrer Macht einzuschränken.
Staatsbeamte drängten adlige Privilegien zurück. In den führen
den Ländern Europas stand einerseits die absolutistische Macht
entfaltung auf dem Höhepunkt, andererseits vergrößerten sich die
innenpolitischen und sozialen Spannungen, die durch Reformen
nicht mehr gelöst werden konnten. Das waren erste Anzeichen für
eine sich verändernde historische Situation, der Joseph II. gerecht
zu werden versuchte.
Das aufkommende Bürgertum verunsicherte merklich die Aris Bürgertum
tokratie, eines der auffallenden Themen in Goethes Roman. Aus
England und Frankreich drangen moderne Methoden der Bewirt
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 17
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1 schnellübersicht 2 J. W. v. Goethe: 3 Textanalyse und
Leben und Werk -interpretation
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
schaftung in die Landwirtschaft ein und verschärften die Wider
sprüche zwischen Landbevölkerung und feudalabsolutistischer
Macht. Dadurch wurde die Aufmerksamkeit der Intellektuellen für
die ländlichen Zustände erhöht.
Homer, Ossian, Shakespeare und Rousseau
Goethe war 24 Jahre, Jurist und bekannt geworden mit seinem ers
ten Stück Götz von Berlichingen. Der Roman ist ohne Goethes zeit
genössische Lektüre und den Einfluss Rousseaus und anderer nicht
zu denken. Speziell wirkte sich Rousseaus Homerrezeption aus; er
sah Homer als einen volkstümlichen Dichter. So las ihn Goethe,
so liest ihn Werther. Als Goethe 1772 Robert Woods Versuch über
das Originalgenie des Homer rezensierte, fasste er diesen Rezepti
onsvorgang in einem Satz zusammen: „Wenn man das Originelle
des Homer bewundern will, so muss man sich lebhaft überzeugen,
wie er sich und der Mutter Natur alles zu danken gehabt habe.“1
Leitbegriffe des Sturm und Drang – das Originalgenie und Mutter
„Genie“ Natur – wurden auf Homer angewendet. Das Genie wurde zu der
Zeit bestimmt als das höher als andere Menschen begabte Indivi
duum, dessen geistige Kräfte weniger angelernt als natürlich ent
standen sind und die zu „mehr Fruchtbarkeit des Geistes“ (Johann
Georg Sulzer) führen. Das Genie, überhöhend als „Originalgenie“
bezeichnet, entwarf gegenüber dem Gelehrten und Wissenschaft
ler die Utopien; das Undenkbare wurde denkbar.
Der Begriff kam aus England, wo der Dichter Edward Young
(1681–1765), der die künstlerische Gestaltung der Natur als echte
Originalität bezeichnete, ihn als Beschreibung des unveräußerli
1 Da die Rezension in Der junge Goethe nicht aufgenommen wurde, weil die Herausgeber sie
nicht sicher Goethe zuschreiben wollten, wurde zurückgegriffen auf Goethe: Sämtliche Werke.
Vollständige Ausgabe, mit Einleitungen von Karl Goedeke. Stuttgart: Verlag der J. G. Cotta’schen
Buchhandlung, 1883, 13. Band, S. 280.
18 Johann Wolfgang von Goethe
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geschichte aufgaben
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
chen Eigentums eines Autors geprägt hatte, das von der freien Ent
faltung des Individuums ohne Rücksicht auf Regeln und Normen,
aber bei Rücksicht auf alles Menschliche, besonders das aus dem
Volke kommende Vermögen bestimmt wurde. Der Maßstab des
Genies war die Natur; das bedeutete weniger eine Landschaft, son
dern mehr ein Zustand außerhalb der Gesellschaft, die den Men
schen beengte und verkümmern ließ. Den Protest angeregt hatte
Rousseau; Natur hieß Selbstbestimmung des Menschen, geleitet „Natur“
von seinem natürlichen Gefühl. Natur war letztlich der Gegensatz
zur absolutistischen Menschenverachtung.
Das waren programmatische Begriffe des Sturm und Drang, der
an die Seite der Aufklärung getreten war und deren Verstandesbe
tonung durch Gefühlsintensität ergänzte. Dadurch erlebte Deutsch
land, politisch und wirtschaftlich zersplittert, landwirtschaftlich
rückständig und ohne starke Zentralgewalt, eine kulturelle und
wissenschaftliche Blütezeit. Da die deutsche Zersplitterung keine
politischen Entwicklungen wie in Frankreich zuließ, konzentrierten
sich die gesellschaftlichen Konzeptionen auf die Gebiete von Philo
sophie und Literatur. An Goethes Werther wird das erkennbar: Er
eignet sich Literatur und Kunst in großem Umfang an, wird aber
nicht zu einem wirklich handelnden Menschen, sondern bezieht
seine Lebensprogramme aus den literarischen Beispielen, aus Ho
mer und Ossian, denen er kontemplativ folgt, nicht aktiv. Es ist „Dilettant“
die Lebensform des Dilettanten. Der Begriff hatte zu Goethes Zeit
nicht die heutige negative Bedeutung; Dilettant war der Kenner
und Liebhaber der schönen Künste und bedeutete neben der Auf
nahme von Kunst auch den Versuch, ein schöpferisches Verhältnis
zur Kunst zu bekommen, ohne die handwerklichen Voraussetzun
gen zu haben und ohne Kunst für den Lebensunterhalt zu schaf
fen. Besonders wichtig wurde der Begriff für die Volkspoesie und
Volkskunst. Dagegen galt der Dilettantismus in höheren Kreisen,
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 19
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2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
begünstigt durch materiellen Besitz, als kritikwürdig, weil er dem
Subjektivismus Tür und Tor öffnete. Zum Schwerpunkt der Dis
kussion wurde das Problem allerdings erst um 1799; Werther war
ein treffendes Beispiel für die positiven und negativen Seiten des
Dilettantismus. Der Dilettant war die vom Schöpferischen befreite
und insgesamt reduzierte Form des Originalgenies.
Die Zusammenstellung von Homer und Ossian konnte Goethe
bei Herder finden, der in seinem Aufsatz Auszug aus einem Brief-
wechsel über Ossian und die Lieder alter Völker beide Dichter dem
„Geist der Natur“2 verpflichtet sah, obwohl bereits Herder von den
Vermutungen wusste, dass es sich bei den Liedern Ossians um
eine Fälschung handelte. Das war allerdings nebensächlich, denn
diese Dichtungen waren keineswegs alte Volkspoesien, sondern
sie waren so, wie man sich alte Volksdichtungen vorstellte und
spiegelten die Empfindsamkeit und Wehmut der Zeit.
Epoche des Der Sturm und Drang begann in den sechziger Jahren und wird
Sturm und Drang gemeinhin bis 1786 datiert, Goethes Aufbruch nach Italien, wo
er sich an klassischer Kunst zu orientieren begann. Den Namen
gab der Bewegung ein Schauspiel Friedrich Maximilian Klingers
(1752–1831), dessen Titel Der Wirrwarr (1776) vom Mitstreiter
Christoph Kaufmann (1753–1795) in Sturm und Drang geändert
wurde. War der kritische Verstand ein Merkmal der Aufklärung, so
trat an dessen Stelle im Sturm und Drang das Genie.
Für die Dichter des Sturm und Drang wurde Shakespeare der
Inbegriff des Originalgenies. Sie erstrebten unter Berufung auf ihn
ein natürliches Leben für alle Menschen, orientierten sich an den
einfachen Menschen vom Land, den Kindern, einfach lebenden
Frauen und Handwerkern, und widmeten sich deren künstleri
2 Johann Gottfried Herder: Werke, hrsg. von Theodor Matthias. Leipzig und Wien:
Bibliographisches Institut, 1. Band, S. 40.
20 Johann Wolfgang von Goethe
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2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
schen Interessen. Auch dafür hatte Herder den Weg gewiesen: In
seinem Ossian-Aufsatz sah er bei Kindern, Frauen und Leuten „von
gutem Naturverstande (…) die besten Redner unsrer Zeit“3, weil
sie mehr durch Tätigkeit als durch Spekulation geprägt würden.
War Shakespeare die Personifikation des Poetischen für die Rousseau
Stürmer und Dränger, so bot Jean Jacques Rousseau (1712–1778)
die gesellschaftstheoretische und pädagogische Orientierung: Eine
Gesellschaft war nach ihm so gut wie der Naturzustand, in dem
sie lebt. Deshalb gab er die oft satirisch verwendete Losung aus:
„Zurück zur Natur!“ Die Umsetzung des „Genies“ aus dem Künst
lerischen ins sozial Alltägliche war der „Selbsthelfer“, der sich mit
nationalen Zielstellungen der Souveränität verband. Goethe hatte
das Beispiel in der Lebensbeschreibung des Götz von Berlichingen
gefunden: „Die Gestalt eines rohen, wohlmeinenden Selbsthelfers
in wilder, anarchischer Zeit erregte meinen tiefsten Anteil.“4 Den
seit dieser Umbruchszeit entstandenen und inzwischen deutlich
vorhandenen Widerspruch zwischen Aristokratie und Bürgern
hatte Goethe in den Werther aufgenommen; es waren die „Unan
nehmlichkeiten an der Grenze zweier bestimmten Verhältnisse“5.
Junge Menschen, der Kreis um Herder, dem auch Goethe an Schauer, Tod
gehört hatte, begeisterten sich für schauerliche Stimmungen; Tod und Grab
und Grab wurden ersehnt. Shakespeares Hamlet mit seiner Nei
gung zu Sterben und Wahnsinn hatte daran ebenso Anteil wie die
Gesänge des Ossian, die als uralte Heldengesänge gelesen wur
den. Goethe lernte sie durch Herder kennen. Der Lehrer James
Macpherson (1736 –1796) hatte Balladen und Heldengesänge ge
schrieben, die er 1761 bis 1765 als Übersetzungen alter gälischer
3 Ebd., S. 43.
4 Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, BA 13, S. 446.
5 Ebd., S. 763.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 21
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Leben und Werk -interpretation
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Lieder ausgab, für deren Verfasser man den Barden Ossian hielt.
In den Liedern gab es wenig Handlung; sie spielten auf dem baum
losen schottischen Hochland „in dampfenden Nebeln“, es gab viel
Gefühl, Schmerz, Leiden und Untergang. Die Klopstock-Anhänger
des „Göttinger Hains“ kamen im Mondschein zusammen – Werther
trifft sich mit Albert und Lotte in einer ähnlichen Situation (vgl. HL
S. 48/R S. 67 ff.) – und trugen ihre Gedichte in ein schwarz gebun
denes Bundesbuch ein. Einer davon war in Wetzlar mit Goethe
befreundet und machte ihn mit Kestner bekannt: der Sekretär
der sachsen-gothaischen Gesandtschaft Friedrich Wilhelm Gotter
(1746 –1797).6
Todessehnsucht Goethes Roman nahm Zeitgefühle auf. Die Todessehnsucht ent
stand aus dem Ekel vor einem sinnlosen Leben. „Überdruss am
rhythmischen Einerlei des Lebens“ nannte das Thomas Mann mit
dem Blick auf die Werther-Generation.7 Er hätte auch Goethe zi
tieren können, der in Dichtung und Wahrheit im Zusammenhang
mit den Wertherischen Briefen ausführlich über den „Ekel vor dem
Leben“ berichtet und Beispiele gibt, wie das Leben durch seine
Alltagsverrichtungen zur Last wird und im Selbstmord endet.8
Werther wird das bewusst, als er in festen Diensten steht: „Ich
weiß nicht recht, warum ich aufstehe, warum ich schlafen gehe.“
(HL S. 55/R S. 78) Das Grundgefühl der aufbrechenden, aufbegeh
renden Generation wiederholt sich in den nächsten Jahrzehnten
bei den nächsten Generationen, so fast wörtlich 1836 (entstanden
1835) in Georg Büchners Dantons Tod (2. Akt, Beginn). Goethe
6 Kestner an Hennings im Herbst 1772: „Einer der vornehmsten unsrer schönen Geister, Sekretär
Gotter, beredete mich einst, nach Garbenheim (…) zu gehen. Daselbst fand ich ihn [= Goethe] im
Grase unter einem Baum auf dem Rücken liegen.“ Bode, Bd. 1, S. 36.
7 Thomas Mann: Goethes Werther. In: Thomas Mann: Altes und Neues. Kleine Prosa aus fünf
Jahrzehnten. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1965, S. 229. Auch in: Goethe im zwanzigsten
Jahrhundert. Hg. von Hans Mayer. Frankfurt am Main: Insel-Verlag 1987.
8 Dichtung und Wahrheit, BA 13, S. 621.
22 Johann Wolfgang von Goethe
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2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
leidet einerseits wie sein Werther und hat auch so gelitten, an
dererseits werden diese Leiden Werthers aber auch „kritisch
interpretiert“9, hinterfragt. Goethe distanziert sich im Roman, vor
allem durch den Bericht des Herausgebers, von einer Entwicklung,
die auch als „Krankengeschichte“10 gelesen werden kann. Krank
heit aber war weder Goethes Thema noch konnte er mit Krankheit
und Tod persönlich umgehen; er entzog sich in solchen Fällen den
Vorgängen und nahm etwa an keinen Begräbnissen teil.
Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther ist trotz mancher Liebesroman
Einwände11 eine Liebesgeschichte. Goethe hatte im Frühjahr 1772
im Kreise von Merck in Darmstadt freundlich-heitere Tage mit
schönen Frauen gehabt, darunter waren Henriette von Roussillon,
der er als „Urania“ das Gedicht Elysium widmete, und Louise von
Ziegler, der als Lila Pilgers Morgenlied zugedacht wurde. Beiden
setzte er im Werther ein Denkmal: Henriette von Roussillon als
„Freundin meiner Jugend“ (HL S. 9/R S. 11), sie war 1773 gestor
ben, und Louise von Ziegler als Fräulein von B. (HL S. 54/R S. 76).
Begriffe wie „Freund“ und „Freundin“ hatten zu jener Zeit einen
besonderen Inhalt: Von ihnen erwartete der Befreundete Lebens
hilfe und Handlungsempfehlungen. Goethe hatte mehrere Freun
dinnen dieser Art; Susanne Katharina von Klettenberg gehörte
dazu, einige Jahre später die Gräfin Auguste von Stolberg.
Die arkadische Zeit in Darmstadt im Februar/März 1772 im
Kreis der „Gemeinschaft der Heiligen“, wo man Klopstock und
Rousseau als Vorbilder eines schwärmerischen Freundeskreises
gewählt hatte und in dem auch Luise von Ziegler, Henriette von
Roussillon und Herders Braut Caroline Flachsland waren, wurde
9 Mayer, S. 160.
10 Ebd.
11 Boyle schreibt, es sei „zunächst einmal keine Liebesgeschichte. Es ist die Geschichte einer
Selbstzerstörung eines fühlenden Herzens, einer empfindsamen Seele.“ 1. Band, S. 204.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 23
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Leben und Werk -interpretation
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
konfrontiert mit dem Wunsch des Vaters, Goethe möchte in Wetz
lar am Reichskammergericht, dem obersten zivilen Gericht im
Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, Kenntnisse für den
höheren Justiz- und Staatsdienst erwerben. Caroline Flachsland,
beteiligt an den arkadischen Lustbarkeiten, schrieb am 25. Mai
1772 an ihren zukünftigen Mann Herder, nachdem Goethe sich
am 23. Mai 1772 in Wetzlar in die Matrikel des Reichskammer
gerichts eingetragen hatte: „Jetzt sitzt er in Wetzlar, einsam, öde
und leer“12. Goethe genoss die Ungebundenheit in ländlicher Um
gebung und mit schönen Mädchen; die arkadische Situation aus
Darmstadt setzte sich fort. Besonders faszinierte ihn Charlotte Buff.
Dabei ist zwischen den schnell wechselnden Leidenschaften bei
Goethe und der tödlichen Liebe seines Werthers zu unterscheiden.
Goethe hatte sich im August 1771 von Friederike Brion getrennt,
verließ im September 1772 Lotte Buff und verliebte sich wenige
Tage später in Maximiliane La Roche. Noch 1774 schrieb er am
gleichen Tag an Lotte, er rede mit ihrem Schatten, und an Sophie
von La Roche, Maximiliane nicht mehr zu sehen, sei ein Opfer.
Er kommentierte das: „Es ist eine sehr angenehme Empfindung,
wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die
alte noch ganz verklungen ist.“13 Was Goethe erlebte, wurde zur
Dichtung. Es war auch umgekehrt: Was er dichtete, inszenierte er
in seinem Leben.
12 Bode, Band 1, S. 27.
13 Dichtung und Wahrheit, BA 13, S. 604.
24 Johann Wolfgang von Goethe
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2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken
2.3 Angaben und Erläuterungen
zu wesentlichen Werken
Zusammen
Goethe schrieb den Roman Die Leiden des jungen Werther in fassung
kurzer Zeit nieder. Er entsprach einer Zeitsituation, die sich
als Gefühlsleidenschaft und Geniekult des Sturm und Drang
in verschiedenen Werken – Sesenheimer Lyrik, Singspielen –
niederschlug.
Geschlechterbeziehungen waren ein favorisiertes Thema
des jungen Goethe, auch in Stella und neben anderem in
Götz von Berlichingen.
Die sozial-gesellschaftlichen Spannungen, besonders zwi
schen Aristokratie und Bürgertum, drangen neben der per
sönlichen Erfahrung in die Werke ein.
Das Thema des Genies und der Liebe, die keine Standes
schranken kennt, beschäftigte Goethe lebenslang (Torquato
Tasso, An Werther).
Die Gefühlsleidenschaft findet sich in der Sesenheimer Lyrik, die
schon auf die Naturbeschreibungen des Romans verweist. Ein Bei
spiel:
Mailied (17 71) Werthers Brief vom 10. Mai (17 71)
Im Blütendampfe das liebe Tal um mich dampft
Die volle Welt die Welt um mich her
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Leben und Werk -interpretation
2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken
Gedichte von einem polnischen Juden (1772)14: In der Rezen
sion beschreibt Goethe allem Anschein nach erstmals seine
Begegnung mit Charlotte Buff, wenn dem Jüngling „auf seiner
Wallfahrt“ ein Mädchen gewünscht wird, das Güte und Anmut
sein sollte, „sich in stillem Familienkreis häuslicher tätiger
Liebe glücklich entfaltet hat“, „die zweite Mutter ihres Hauses
ist“ usw. Vom „Genius“, einem poetischen Leitbild und Leit
begriff des Sturm und Drang, der als „Genius“15 der Poesie zu
einer säkularisierten Götterwelt gehörte, wünschte er: „Lass
die beiden sich finden; beim ersten Nahen werden sie dunkel
und mächtig ahnden, was jedes für einen Inbegriff von Glück
seligkeit in dem andern ergreift, werden nimmer voneinander
lassen.“16
Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand: Das Schauspiel
(1773) war in einer ersten Fassung schon 1771 erschienen.
Bereits hier konfrontiert Goethe die bürgerlich erscheinenden
Lebensverhältnisse auf Götzens Burg mit der aufwändigen,
feudalen Hofführung des Bischofs in Bamberg. Bereits hier
zeigt Goethe ein auffallend großes Interesse für bäuerliche
Lebensumstände und ihre Auswirkungen auf die gesellschaft
lichen Widersprüche. Mit seinem Aufbegehren gegen die Ge
sellschaft war Götz die Personifikation eines „Selbsthelfers“.
Stella: Entstanden 1775; zuerst „ein Schauspiel für Liebende“,
nach der Umarbeitung 1803 ein Trauerspiel, stammt aus dem
Werther-Umfeld, „freilich in der unerfreulichsten Weise“, und
widmet sich unglücklicher Liebesleidenschaft, die aber glück
14 „Gedichte von einem polnischen Juden“. In: BA 17, S. 225. Vgl. dazu auch Reuter, S. 87.
15 Mehrfach von Goethe verwendet, im Zusammenhang mit dem Werther-Roman für die schnel-
le Verarbeitung des Gegenstands verantwortlich gemacht. Vgl. Goethe: Aus meinem Leben.
Dichtung und Wahrheit, BA, Bd. 13, S. 582.
16 BA 13, S. 225.
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2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken
lich endet. Das Stück ist deshalb „ein verzerrter Werther“
genannt [Link] einer tragischen Lösung, aus der Drei
ecksbeziehung Werther-Albert-Lotte scheidet Werther durch
den Freitod aus, wird der Konflikt einer Ehe zu dritt heiter
und versöhnend gelöst: Zwei Frauen sind Gattin des gelieb
ten Mannes. Nach der Uraufführung in Hamburg (8. Februar
1776) schlug Goethe Empörung entgegen; der Hauptpastor
Johann Melchior Goeze, der knapp zwei Jahre später auch
gegen Lessing kämpfte, sah in dem Stück die Huldigung des
Lasters: Ein „Hurer und Ehebrecher“ nehme seine Frau wie
der an und bekomme „die – – Hure dazu“18. Er hatte ein Jahr
zuvor jedoch auch Goethes Werther schon in ähnlicher Weise
verurteilt, weil er gegen das Wort des Herrn stehe; wer ein
Weib ansehe und seiner begehre, „der hat schon die Ehe mit
ihr gebrochen“, und dem Leser deshalb bei dem Roman „not
wendig das Herz bluten19“ müsse. 1803 schrieb Goethe das
Stück aus der heiteren Utopie zum Trauerspiel um: Zwei der
drei sterben, darunter Fernando, der zu Goethes kämpferisch
schwachen Männern in die Reihe der Weislingen und Werther
gehört; zurück bleibt die leidgeprüfte Gattin.
Claudine von Villa Bella (1775): Ein Singspiel; es stammt eben
falls aus diesem Umfeld. Claudine ist, wie Lotte, umworben,
Pedro ist Albert, und der edle Vagant Crugantino ist Werther.
Die beiden Werber sind, wie sich herausstellt, Brüder. In der
zweiten Fassung wird das Problem trivial gelöst: Jeder Bruder
bekommt eine Frau.
17 Vgl. Hettner, Band 2, S. 131.
18 Der junge Goethe, Band 1, S. 760: Goeze in den „Freywilligen Beyträgen zu den Hamburger
Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit“ am 23. Februar 1776.
19 Goeze in den „Freywilligen Beyträgen zu den Hamburger Nachrichten aus dem Reiche der
Gelehrsamkeit“ am 4. und 7. April 1775; vgl. Rothmann, S. 138.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 27
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Leben und Werk -interpretation
2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken
Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt (1774/1775) heißt
eine Fragment gebliebene Farce, die parallel zum Werther ent
standen ist. Es ist eine Art derb-sinnliche Gegenreaktion zur
Empfindsamkeit des Werther. Es geht in einem Paralipomenon
unter Berufung auf Werther obszön und drastisch zu:
„Mir ist das liebe Wertherische Blut / Immer zu einem Probier
hengst gut. / Den lass ich mit meinem Weib [auf und ab] spa
zieren, / Vor ihren Augen sich abbranlieren20, / Und hintendrein
komm ich bei Nacht / Und vögle sie, dass alles kracht. / Sie
schwaumelt oben in höhern Sphären, / Lässt sich unten mit
Marks der Erde nähren. / Das gibt Jungens leibselig brav, / Al
lein macht ich wohl ein schweinisch Schaf.“21
Der Triumph der Empfindsamkeit (1778 / 1779): In dieser Dra-
matischen Grille spottet Goethe über das Werther-Fieber, die
empfindsame Naturverehrung. Die neue Héloise und Die Lei-
den des jungen Werthers erscheinen als „Grundsuppe“ aller
„Empfindsamkeiten“, die man am bestem vor den Kindern
verbirgt22.
Das Neueste von Plundersweilern (1781): Im „Scherzbild“ der
deutschen Literatur erscheint in einem Zug literarischer Ge
stalten ein „junger Herr“ (Goethe) mit Werthers „Leichnam
auf seinem Rücken“, gefolgt von den vom Werther-Fieber
betroffenen „Junggesellen“ und „Jungfrauen“. „Da fing’s ent
setzlich an zu rumoren / Unter Klugen, Weisen und Toren.“
Goethe aber wünschte „weit davon zu sein“23.
20 abbranlieren = wackeln, nutzlos erregen, onanieren; schwaumeln = Zusammenziehung von
schwanken und taumeln.
21 Paralipomena. In: BA Bd. 5, S. 493 und 687.
22 Der Triumph der Empfindsamkeit. In: BA 5, S. 381.
23 Das Neueste von Plundersweilern (1781). In: BA 5, S. 437 f.
28 Johann Wolfgang von Goethe
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2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken
Torquato Tasso (1789) wirkt wie eine Weiterführung Werthers:
Auch Tasso möchte leben, wie es gefällt. Als in der franzö
sischen Zeitschrift „Le Globe“ 1826 Jean-Jacques Ampère,
Sohn des bekannten Physikers, „den Tasso einen gesteigerten
Werther“ nannte, bezeichnete das Goethe als „sehr treffend“24.
Briefe aus der Schweiz. Werthers Reise (Fragment, 1796): Das
Vorwort behauptet, man habe die Briefe „unter Werthers
Papieren gefunden“25; Werther sei vor der Bekanntschaft mit
Lotte in der Schweiz gewesen. Die Briefe sind enthusiastisch
wie die Werthers, aber geordneter und vernünftiger als diese.
Kunstbetrachtungen gehört eine größere Aufmerksamkeit.
Eine Entkleidungs- und Nacktszene – dieser Werther will
anatomische Studien treiben – weist mehr Ähnlichkeiten mit
Romanen des 19. Jahrhunderts als mit denen des Sturm und
Drang auf. Als die DEFA 1976 ihren Werther-Film drehte (Sze
narium: Helga Schütz), ging die Handlung davon aus, dass
der Begegnung mit Lotte Werthers Aufenthalt in der Schweiz,
gemeinsam mit Wilhelm, vorausging.
An Werther (1824): Statt einer vom Verleger gewünschten
Vorrede zur Jubiläumsausgabe schrieb Goethe dieses Gedicht,
das erste Gedicht der Trilogie der Leidenschaft. Goethes Titel
held und sein Schöpfer treten einander gegenüber, Werther
erscheint wie ein früh verstorbener Freund. Der alte Dichter
hat trotz der Länge seines Lebens nicht viel mehr aufzuweisen
als der früh Verstorbene: „Gingst du voran – und hast nicht
viel verloren.“ Er kann aber auf eine paradoxe Umkehrung
verweisen: Werther starb, um den Tod zu meiden, „den das
Scheiden bringt“; der Dichter blieb am Leben, um solchen Tod
24 Eckermann, S. 323; vgl. auch Hans Mayer: Goethe. Leipzig: Reclam, 1987, S. 19.
25 Goethe: Briefe aus der Schweiz. Erste Abteilung. In: BA, Band 12, S. 478.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 29
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Leben und Werk -interpretation
2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken
immer wieder zu besingen: „Verstrickt in solche Qualen, halb
verschuldet, / Geb ihm ein Gott zu sagen, was er duldet.“26 Der
letzte Vers ist eine Variation aus dem Schluss des Tasso: „Und
wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, / Gab mir ein Gott,
zu sagen, wie ich leide.“ (Torquato Tasso, Vers 3432 f.), den
Goethe variiert („was ich leide“) und dem zweiten Gedicht der
Trilogie Elegie als Motto voranstellte.
26 BA 9, S. 251.
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3.1 Entstehung und Quellen
3. TEXTANALYSE UND -INTERPRETATION
3.1 Entstehung und Quellen
Zusammen
1772 Plan, kurzfristige Entstehungszeit fassung
Drei Hauptthemen (Liebe zu Charlotte Buff und
Maximiliane von La Roche, Selbstmord Jerusalems)
sowie zahlreiche biografische Einzelvorgänge wer
den im Roman verarbeitet.
Briefroman: literarische Beziehungen von Samu
el Richardsons Clarissa (1747–1748), ihm folgend
Rousseaus Julie oder Die Neue Héloise (1761) und
anderen bis zu J. M. R. Lenz.
1774 Erscheinen der ersten Fassung
1782 Beginn der Überarbeitung
1787 Erscheinen der zweiten Fassung
Den ersten Plan hatte Goethe schon im Herbst 177227. Anonym
erschien der Roman 1774 in zwei Teilen unter dem Titel Die
Leiden des jungen Werthers in Leipzig. Der Roman war in kurzer
Zeit entstanden, von vier Wochen spricht Goethe28. Knebel schrieb
an Bertuch im Dezember 1774, Goethe habe zwei Monate daran
geschrieben und „keine ganze Zeile darin ausgestrichen“29. Aus
lösendes Moment war Jerusalems Tod, der Goethe verdeutlichte,
27 In Goethes Schemata zur Biografie (1809) vermerkt er „Lotte. Werther“ unter 1771, ein Irrtum,
da er Lotte zu dem Zeitpunkt nicht kannte, den Werther nochmals 1772. Vgl. BA 13, S. 851 und
Reuter, S. 87– 92.
28 BA Band 13, S. 631.
29 Der junge Goethe, Band 2, S. 539.
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Leben und Werk -interpretation
3.1 Entstehung und Quellen
wie ähnlich ihre Beziehungen zu Frauen und
Erfahrungen mit Standesunterschieden waren
und wie unterschiedlich sie darauf reagiert hat
ten. Über die Entstehung hat Goethe in seiner
Autobiografie Aus meinem Leben. Dichtung und
Wahrheit Auskunft gegeben: Im 12. Buch über
sein Verhältnis zu den Kestners und Jerusalem,
im 13. über die Entstehung des Romans. Die
später geschriebenen Erinnerungen über seine
Zeit vor seiner Ankunft in Weimar 1775 sind
allerdings keine sichere Auskunft, es ist – wie
meist bei Autobiografien – eine Wunschbiogra
fie.
In den Roman gingen Erlebnisse Goethes
von 1772 ein; „das Ganze schoss von allen Sei
ten zusammen“30 bekannte Goethe in seiner
Titelbild der Erst Autobiografie und ging auf die drei dominierenden Themen des
ausgabe von 1774 Romans, die aus eigenen Erlebnissen stammten, ausführlich ein:
© ullstein bild –
Granger Die Leidenschaft zu Charlotte Buff, der schönen Tochter des
Collection Amtmanns zu Wetzlar und Freundin (Verlobte) von Goethes
Bekanntem Johann Georg Christian Kestner31. Goethe hatte
sie am 9. Juni 1772 bei einem Ball in Volpertshausen ken
nengelernt. Es begann eine enge, spannungsvolle Beziehung
zu ihr und Kestner. Als Goethes Beziehung dem jungen Paar
gefährlich wird, verlässt Goethe Wetzlar. Er ist gegangen, als
30 Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, BA, Band 13, S. 629.
31 Goethe nennt sie Kestners Verlobte; Kestner dementiert das mehrfach entschieden und wünscht
bei der Überarbeitung des Romans eine entsprechende Änderung, die Goethe aber nicht vor-
nimmt. Am Kammergericht nannte man Kestner „den Bräutigam“ (BA 13, S. 583). Wenn Kestner
eine Richtigstellung versucht, entspricht das den Zeitbedingungen: Eine ausgesprochene
Verlobung war ein juristisch einklagbares Eheversprechen. Vgl. dazu die für die Goethe-Zeit
aufschlussreiche Untersuchung von Eckhardt Meyer-Krentler: Die verkaufte Braut. In: Lessing
Yearbook. Wayne State University Press, 1984, S. 95 –123, besonders S. 99 und 108.
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3.1 Entstehung und Quellen
„er spürt, dass der Freund Kestner womöglich bescheiden
zurücktreten und ihm die Bahn freimachen könnte! Das will
er gewiss nicht.“32 Lotte und Kestner heirateten am 4. April
1773. Thomas Mann griff auf die Liebesgeschichte in seinem
Roman Lotte in Weimar zurück. Die Beschreibungen entspre
chen oft den Berichten der Zeitgenossen, besonders den Dar
stellungen Kestners33, und auch den örtlichen Gegebenheiten.
Kestner beschreibt Lotte als Frau mit blauen Augen; Goethes
Lotte aber hat „schwarze(n) Augen“ (HL S. 30/R S. 42), wie
Maximiliane von La Roche.
Im September 1772 verließ Goethe ohne Abschied Wetzlar
und besuchte auf dem Heimweg nach Frankfurt die Familie
La Roche. Dort verliebte er sich in die sechzehnjährige
Maximiliane von La Roche, die spätere Mutter von Bettina und
Clemens Brentano. Am 9. Januar 1774 heiratet der Kaufmann
Peter Anton Brentano in zweiter Ehe Maximiliane; Goethe war
für kurze Zeit häufiger Gast im Haus und wurde der Vertraute
der verunsicherten jungen Ehefrau, die plötzlich für einige
Stiefkinder verantwortlich war. Schließlich verbot ihm der
Ehemann das Haus.
Der Selbstmord des Legationssekretärs Karl Wilhelm K. W. Jerusalem
Jerusalem, der sich in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober
1772 erschoss, ist auslösender Vorgang. Goethe kannte ihn
seit 1765 aus Leipzig, traf ihn in Wetzlar wieder und saß mit
ihm an der Mittagstafel, an der man sich mit den Namen alter
Ritter anredete, in der er „Götz“, Jerusalem „Masuren“ hieß34.
Die Beziehung zwischen Goethe und Jerusalem war wenig auf
32 Friedenthal, S. 145.
33 Vgl. Rothmann, S. 86 ff. und Der junge Goethe, Band 2, S. 541 ff.
34 Ein Freund aus Wetzlar, August Siegfried von Goué (1742–1789), schrieb ein Stück in der
Nachfolge des Werther mit dem Titel Masuren oder der junge Werther (1775).
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 33
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3.1 Entstehung und Quellen
wändig; sie begegneten sich, besuchten aber einander nicht.
Jerusalem beurteilte Goethe unfreundlich; während ihrer ge
meinsamen Leipziger Zeit sei er ein „Geck“ gewesen und nun
„außerdem Frankfurter Zeitungsschreiber“35, womit Jerusalem
abfällig auf Goethes Rezensionstätigkeit 1772 in den „Frank
furter Gelehrten Anzeigen“, einer programmatischen Zeit
schrift der Stürmer und Dränger, anspielte. Sein Schicksal bot
das Handlungsgerüst, ein Abbild Jerusalems ist teilweise ein
Zerrbild: Dem bürgerlichen Jerusalem wurde zu Beginn seines
Aufenthalts der Zutritt zu einer Adelsgesellschaft verwehrt,
er hatte Ärger mit seinem Gesandten und sich unglücklich
in die Frau des Gesandtschaftssekretärs Philipp Jakob Herd
(1735 –1809) verliebt. So war ihm der Aufenthalt in Wetzlar
verleidet; er hasste diesen Ort. Kestner gab Goethe Bericht
vom Schicksal Jerusalems. Die letzten Worte des Romans
stammen daraus: „(…) kein Geistlicher hat ihn begleitet.“36
Den Selbstmord als Mittel der Konfliktlösung zu gestalten war
ein Tabubruch.
Dass der Selbstmord auch für Goethe bedenkenswert wurde,
hat er im Zusammenhang mit dem Roman bestätigt. Am 3. De
zember 1812 schrieb er an seinen Freund Zelter, dass es ihn An
strengungen gekostet habe, „damals den Wellen des Todes zu
entkommen“37.
Diese drei Vorgänge wurden den Zeitgenossen schnell als Ma
terial bekannt. Andere Einflüsse kamen hinzu; so hat bei Albert
auch Johann Georg Schlosser, seit 1773 Goethes Schwager, Pate
35 Jerusalem an Eschenburg am 18. Juli 1772. Bode, Band 1, S. 29.
36 Vgl. Rothmann, S. 105.
37 Vgl. Eissler, Band 2, S. 830.
34 Johann Wolfgang von Goethe
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3.1 Entstehung und Quellen
gestanden. Kestner machte kein Geheimnis daraus, dass im ersten
Teil Szenen direkt von Goethe, ihm und Charlotte stammten. Der
zweite Teil dagegen sei das Schicksal Jerusalems; hinter Albert
stehe in diesem Teil der Gesandtschaftssekretär Herd, in dessen
Frau sich Jerusalem verliebt habe.
Goethes Bild von Werther wurde vom Bild des Schwärmers Lessings Kritik
und Liebesverwirrten bezogen. Lessing zürnte über dieses Bild
von Jerusalem. Dessen Charakter wäre verfehlt, er sei kein emp
findsamer Narr, „sondern ein wahrer nachdenkender Philosoph“38
gewesen. Der Zorn Lessings traf Goethes Roman: „Solche klein
große, verächtlich schätzbare Originale hervorzubringen, war nur
der christlichen Erziehung vorbehalten“, und er forderte in sei
nem Brief an Eschenburg Goethe auf: „Also, lieber Göthe, noch
ein Kapitelchen zum Schlusse; und je cynischer je besser!“39 Der
Dramatiker Christian Felix Weiße (1726 –1804) rechnete Lessing,
der ein Drama Werther, der Bessere plante, von dem nur ein Bruch
stück überliefert ist, zu Goethes Feinden.40 Lessing sagte über
Nicolais Parodie des Werther, dass sie nicht besser als Goethes
Roman, „doch klüger“ sei41. Er, der mit Jerusalem befreundet war,
entschloss sich, fünf Philosophische Aufsätze (1776) Jerusalems mit
einem eigenen Vorwort zu veröffentlichen, um das Bild des Freun
des gegenüber dem Roman Goethes zu korrigieren. Er beschrieb
Jerusalem als Menschen mit einer besonders ausgeprägten Nei
gung nach Erkenntnis, „mit der sich alle guten Neigungen so wohl
38 Brief vom 4. März 1775 von Weisse. In: Bode, Band 1, S. 107.
39 Lessing an Eschenburg am 26. 10. 1774. In: Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie.
München: C. H. Beck, 2008, S. 685.
40 Bode, Band 1, S. 124.
41 Lessing an Christoph Martin Wieland am 8. 2. 1775. In: Gotthold Ephraim Lessing: Gesammelte
Werke in zehn Bänden. Hg. von Paul Rilla, Berlin: Aufbau Verlag, 1957, 9. Band, S. 630.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 35
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Leben und Werk -interpretation
3.1 Entstehung und Quellen
vertragen“ und bescheinigte ihm „das Talent, die Wahrheit bis in
ihre letzte Schlupfwinkel zu verfolgen.“42
Die Handlung insgesamt stammte aus Goethes Streben nach
bürgerlicher Selbstverwirklichung und der Liebe zu Charlotte Buff;
einzelne Episoden wurden aus unterschiedlichen Lebensläufen
genommen:
Erstes Buch Zweites Buch
Bevorzugte Lektüre Werthers: Bevorzugte Lektüre Werthers:
Homer Ossian
Leitmotiv: Wiegenlied Leitmotiv: Grab
Werther = Goethe Werther = Jerusalem
Lotte = Charlotte Buff Lotte = Elisabeth Herd (1741–1813),
Frau des Gesandtschaftssekretärs
Herd
Albert = Kestner Albert = Herd
Literarische Einige literarische Beziehungen43, die für die Entstehung wichtig
Einflüsse sind, nennt der Roman selbst: Im Herbst 1771 übersetzte Goethe
die Gesänge von Selma aus dem Ossian und schenkte sie Friede
rike Brion; sie wurden überarbeitet in den Roman aufgenommen.
Die Tradition des Briefromans hatten Samuel Richardsons Clarissa
(1747–1748) und ihm folgend Rousseaus Julie oder Die Neue Hélo-
ise (1761) vorgegeben. Sie hatten neben der Form des Briefromans
Möglichkeiten gezeigt, die Romanhandlung durch Beschreibun
gen, vor allem der Natur und Reflexionen über Sinnlichkeit und
42 Karl Wilhelm Jerusalem: Philosophische Aufsätze (1776). Mit G. E. Lessings Vorrede und
Zusätzen. Neu hrsg. von Paul Beer. Berlin: B. Behr, 1900, S. 3. Vgl. auch Rothmann, S. 106 f.
43 Die literarischen Beziehungen sind umfangreich. Es gehören neben den genannten Namen noch
Swift, Young, Sterne u. a. dazu. Vgl. Reuter, S. 92.
36 Johann Wolfgang von Goethe
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3.1 Entstehung und Quellen
Leidenschaft, zu ersetzen. Goethes Werther wurde sogar zu den
„zahlreichen Nachahmungen“44 gerechnet, die Clarissa hervorge
bracht habe. Ähnlichkeiten gibt es in der Spannung zwischen bür
gerlicher Tugend und aristokratischer Selbstgefälligkeit; in der Fi
gurenbeziehung entspricht Lottes Erwartung, Werther möge seine
Leidenschaften beherrschen, und Werthers nicht zu bezwingende
Leidenschaft der Beziehung zwischen Clarissa und Lovelace. Der
entscheidende Unterschied ist, dass Clarissa nach ihrem stillen
Tod wie eine überirdische Heilige der Tugend erscheint, wäh
rend Lotte eine säkulare, bürgerliche Existenz als Erfüllung des
Lebens führt. Die Handlung des Werther ist erregender, letztlich
spannender, als die auf sentimentale Tiefgründigkeit ausgehende
Handlung von Clarissa, obwohl diese, „äußerlich betrachtet, die
Geschichte einer Vergewaltigung“45 ist. Von strukturellem Einfluss
war Marie Sophie von La Roches Roman Geschichte des Fräuleins
von Sternheim. Von einer Freundin derselben aus Original-Papieren
und anderen zuverlässigen Quellen gezogen, herausgegeben von
C. M. Wieland im Jahr 1771.
Goethes Roman entstand in kurzer Zeit ab dem 1. Februar Kurze
1774. Nach seiner eigenen Aussage benötigte er vier Wochen für Entstehungszeit
die Niederschrift.46 Am 14. Februar 1774 teilte Goethes Freund
Merck seiner Frau bereits mit, Goethes Roman werde zu Ostern
erscheinen.47 Im März war der Roman weitgehend fertig, Indizien
lassen den Abschluss Ende April vermuten.48 Was in den Roman an
44 Theodor Wolpers: Richardson. Clarissa. In: Franz K. Stanzel: Der englische Roman, Band 1.
Düsseldorf: August Bagel Verlag 1969, S. 147.
45 Wolpers, a. a. O., S. 144.
46 Dichtung und Wahrheit. In: BA 13, S. 631. – Die eigenen Aussagen sind allerdings ungenau: So
will er dem Verleger das Manuskript unmittelbar nach der Hochzeit seiner Schwester geschickt
haben; diese war aber am 1. 11. 1773. (Dichtung und Wahrheit, BA 13, S. 633).
47 Bode, Band 1, S. 54.
48 Beutler spricht im Nachwort zur Zitierausgabe von „Anfang Mai“ (S. 158).
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 37
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Leben und Werk -interpretation
3.1 Entstehung und Quellen
Vorbildern einging, war in Goethes Kopf vorhanden; während der
Niederschrift hatte er kaum Gelegenheit, anderes zu lesen.
Zwei Fassungen Nach seiner Ankunft in Weimar 1775 begann Goethe, seinen
Roman vermehrt kritisch und als fremd zu betrachten. Im Novem
ber 1782 begann er mit der Umarbeitung, die er im Juni 1783 vor
läufig und 1786 vor der Reise nach Italien endgültig abschloss.
In einem Brief an Charlotte von Stein schrieb er fast zynisch am
25. 6. 1786, er „finde immer, dass der Verfasser übel getan hat,
sich nicht nach geendigter Schrift zu erschießen“49.
Die zweite Fassung wurde durch die Bauernburschenepisode
erweitert. Albert wurde aufgewertet, dadurch gerechter, verständ
nisvoller, als Partner für Lotte geeigneter. Kestner hatte sich bei
Goethe über die Darstellung in der ersten Fassung beklagt: „So
aber wie er da ist, hat er mich, in gewissem Betracht, schlecht
erbauet.“50 Goethe schrieb während der Überarbeitung an Kestner,
er wolle Albert so stellen, „dass ihn wohl der leidenschaftliche
Jüngling, aber doch der Leser nicht verkennt“51.
Lottes Liebe zu Werther ist in der ersten Fassung eindeutiger;
das Thema der Konvenienzehe, in der ersten Fassung deutlich,
wurde entschärft. Dem Herausgeber wurde früher als in der ersten
Fassung die Organisation des Textes übergeben; der Briefroman
wurde zum Dokumentarroman: In der ersten Fassung ist der letz
te Brief Werthers vor dem Herausgeberbericht der vom 17. De
zember, in der zweiten Fassung ist es der vom 6. Dezember. Auch
bekam der Herausgeber den dritten und entscheidenden Teil der
Bauernburschenepisode für seinen Bericht zugeordnet (vgl. HL
S. 81 f./R S. 117 ff.). Andererseits wurde dem Herausgeber eine
49 An Charlotte von Stein am 25. 6. 1786. In: Reuter, S. 107.
50 Briefentwurf Kestners, zitiert in: Rothmann, S. 127.
51 Goethe an Kestner am 2. Mai 1783, in: Der junge Goethe, Band 2, S. 550.
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geschichte aufgaben
3.1 Entstehung und Quellen
wichtige Passage, die auf Werthers gesellschaftlichen Konflikt
zielte, gestrichen. Darin hieß es u. a.: „Den Verdruss, den er bei
der Gesandtschaft gehabt, konnte er nicht vergessen. Er erwähn
te dessen selten, doch wenn es auch auf die entfernteste Weise
geschah, so konnte man fühlen, dass er seine Ehre dadurch un
wiederbringlich gekränkt hielte und dass ihm dieser Vorfall eine
Abneigung gegen alle Geschäfte und politische Wirksamkeit ge
geben hatte.“52
Erfahrungen aus dem Weimarer Jahrzehnt seit 1775 und die
Beziehungen zu Charlotte von Stein hatten keinen auffallenden
Einfluss. Der außerordentliche Erfolg des Buches sollte nicht ge
fährdet und gleichzeitig der Roman nicht zu nahe an seine neuen
Positionen, die klassischen Charakter hatten, herangeführt werden.
Was bei der Iphigenie unausbleiblich war, musste beim Werther
unterbleiben. Goethe nahm die Umarbeitung vor, „ohne die Hand
an das zu legen, was so viel Sensation gemacht hat“; er wollte le
diglich den Roman „noch einige Stufen höher“ schrauben, wie er
am 2. Mai 1783 an Kestner schrieb53.
Der Plan von 1796 Werthers Reise (Briefe aus der Schweiz. Ers-
te Abteilung) wollte durch Briefe einer Schweizreise eine Vorge
schichte der Leiden Werthers schaffen; das zerschlug sich.54 Die
ständige Präsenz des Werther-Themas wurde in Goethes Zeug
nissen und Briefen bestätigt. Am 3. 12. 1812 schrieb er an Zelter:
„Ich getraute mir, einen neuen Werther zu schreiben, über den
dem Volke die Haare noch mehr zu Berge stehn sollten als über
den ersten.“55 Für die Jubiläumsausgabe 1824 schrieb Goethe die
52 BA Band 9, S. 95.
53 Goethe an Kestner am 2. Mai 1783, in: Der junge Goethe, Band 2, S. 550.
54 Eckermann, S. 671. Vgl. dazu: Rothmann, S. 123 ff.
55 Zitiert bei Reuter, S. 109.
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Leben und Werk -interpretation
3.1 Entstehung und Quellen
Elegie An Werther: Nun war der Themenkreis des Romans abge
schlossen.
Goethe und An der Entstehung war auch die frühe Homer-Rezeption
Homer Goethes beteiligt; mehrfach kommt Werther im ersten Buch auf
seine Homer-Lektüre zu sprechen. Wahlheim wird zur Idylle in
Analogie zur Heimkehr von Odysseus nach Ithaka aus der Odys-
see. In dieser Verkürzung der Odyssee findet sich nichts von anti
kisierender Größe, vielmehr wirkt Werthers Homer-Beschäftigung
fast trivial. Über die Kriege der Ilias verliert Goethes Werther kein
Wort56. Werthers Homer-Rezeption war eine „Balance von em
phatischen Ausdruck und Ironie“57. Homer wird im zweiten Buch
des Romans durch Ossian abgelöst, mit dem Goethe in Straßburg
durch Herder bekannt geworden war: „Ossian hat in meinem Her
zen den Homer verdrängt.“ (HL S. 70/R S. 100)
56 Vgl. Volker Riedel: Goethe und Homer. In: Wiedergeburt griechischer Götter und Helden.
Homer in der Kunst der Goethezeit. Mainz: Verlag Philipp von Zabern, 1999, S. 244.
57 Mattenklott, S. 76.
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geschichte aufgaben
3.2 Inhaltsangabe
3.2 Inhaltsangabe
Zusammen
Der Roman spielt 1771 / 1772 zumeist in einer kleinen Be fassung
amtenstadt und ihrer Umgebung, zeitweise in einer entfern
teren Stadt. Die Titelgestalt Werther, ein Jurist, ist in Erb
schaftsangelegenheiten seiner Mutter unterwegs und
verliebt sich dabei in Charlotte (Lotte), die bereits vergeben
ist, erlebt Höhen und Tiefen, wird auch sozial als Bürgerli
cher durch Adlige diskriminiert und nimmt sich schließlich,
um einer Verbindung der geliebten Frau mit dem inzwischen
zum Freund gewordenen Verlobten nicht im Wege zu ste
hen, und auch aus Enttäuschung über die Erniedrigungen,
die er erfahren musste, das Leben.
Die Inhaltsangabe bezieht sich auf die zweite Fassung. Einige Un Funktion des
terschiede der Fassungen (1774, 1787) stehen in Anmerkungen.58 Herausgebers
Ein Herausgeber legt vor, was er „von der Geschichte des ar
men Werther“ (HL S. 5/R S. 3) hat finden können. Das bezieht sich
insbesondere auf die Vorgänge, die über die Briefmitteilungen hi
nausgehen und Werthers Ende betreffen. Indem er vom „armen
Werther“ schreibt, ist ein glücklicher Ausgang nicht zu erwarten.
Der Herausgeber schaltet sich anfangs zurückhaltend, im letzten
Viertel bestimmend ein, begründet Auslassungen und verweist auf
zusätzliche Lektüre. Die fortlaufend datierten Briefe bzw. Eintra
gungen lassen eine chronologisch verlaufende Handlung erken
nen. Nicht eindeutig ist, ob der Herausgeber mit Werthers Freund
58 Wesentliche Unterschiede zur ersten Fassung werden ausgewiesen nach Die Leiden des jungen
Werthers. In: BA 9, S. 7–118.
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Leben und Werk -interpretation
3.2 Inhaltsangabe
Wilhelm, der Name wird später genannt (vgl. HL S. 10/R S. 12),
identisch ist. Einerseits bezeichnet der Herausgeber Werther als
„unser(en) Freund“ (HL S. 101/R S. 114), was auch für Wilhelm
zuträfe; dadurch befände er sich problemlos im Besitz aller Briefe
Werthers an Wilhelm. Andererseits spricht die Objektivität, die der
Herausgeber gegenüber Wilhelm an den Tag legt („ein angefan
gener Brief an Wilhelm“, HL S. 86/R S. 124; einen „Brief an seinen
Freund geschrieben“, HL S. 87/R S. 125), für zwei Personen. Die
Interpreten des Romans sind unentschieden.
Erstes Buch
Das erste Buch reicht vom Mai bis zum Frühherbst im Septem
ber 1771 (vgl. HL S. 5 – 50/R S. 5 –71); die jahreszeitlichen Anga
ben sind von Bedeutung und korrespondieren mit der Verfassung
Werthers. Auch Goethe fühlte sich abhängig von Jahreszeiten und
Barometerschwankungen und beobachtete sie regelmäßig wegen
des eigenen Befindens.
Briefe im Mai
Werther berichtet im ersten Brief vom 4. Mai von einer Flucht vor
Schicksal, Angst und einer Leonore, die in Leidenschaft zu ihm
entbrannt war, über die der Leser nichts erfährt. Er ist als juristi
scher Vertreter in Erbschaftsangelegenheiten der Mutter in einer
kleinen süddeutschen Beamtenstadt, worauf die Sprache hinweist,
unterwegs; Erbschaftsangelegenheiten spielen im Roman eine
Rolle: die der Mutter, der Tante, des Vaters von Hans. Auch Albert
ist unterwegs, um Erbschaften zu regeln (vgl. HL S. 13/R S. 22).
Andere kommen später im Zusammenhang mit der Bauernbur
schenepisode hinzu. Nebenbei malt Werther. In seinen Äußerun
gen wird er als Stürmer und Dränger erkennbar: So bewundert er
am Garten des Grafen von M, dass „ein fühlendes Herz den Plan
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geschichte aufgaben
3.2 Inhaltsangabe
gezeichnet“ (HL S. 6/R S. 6) habe, „nicht ein wissenschaftlicher
Gärtner“ (HL S. 6/R S. 6). Der Gegensatz von Verstand und Gefühl,
Kopf und Herz ist für den Gegensatz von Aufklärung und Sturm
und Drang typisch.
Der Leser erfährt einiges über Werthers Entwicklung und Tä
tigkeit. Die Parallelität zum jungen Goethe, der seit 1771 sein Ju
rastudium abgeschlossen hatte und Advokat war, in Frankfurt die
Verwaltung des Familienvermögens erlebte und zudem zeichnete,
ist auffallend. Werther genießt Natürlichkeit und Schönheit der
idyllischen, ja paradiesischen Landschaft; er liest Homers Odyssee
und verzichtet sonst auf Bücher (HL S. 7/R S. 9). Ein besonderes
Erlebnis bietet ein Brunnen, an dem sich Gegenwart und Vergan
genheit mit Mythischem überlagern: Werther fühlt sich gebannt
wie Melusine, das Wesen aus Frau und Fisch. Seine widerstreiten
den Gefühle – Kummer und Ausschweifung, Melancholie und ver
derbliche Leidenschaft (vgl. HL S. 7/R S. 9) – belasten ihn ebenso
wie die Erfahrung, dass die Leute von Stand „sich immer in kalter
Entfernung vom gemeinen Volke halten“ (HL S. 8/R S. 9). Damit
wird neben der Sehnsucht nach Liebe auch die soziale Situation
ins Spiel gebracht. Frühzeitig ist in Werthers Überlegungen der Früher Gedanke
Selbstmord als „das süße Gefühl der Freiheit“ (HL S. 11/R S. 14) am Selbstmord
vorhanden, das dem Menschen, „so eingeschränkt er ist“ (HL
S. 11/R S. 14), bleibe.
Werther lobt die Einsamkeit, sieht sein Leben in Übereinstim
mung mit der Natur – es ist Frühling – und eröffnet die Vergleiche
zwischen seinem Leben und den Jahreszeiten. Seine Erlebnisse
lassen ihn den Tod einer lieben Freundin, der „Freundin meiner
Jugend“ (HL S. 9/R S. 11) leichter überwinden59. Unter den Men
59 Tod Henriette von Roussillons am 18. April 1773. Goethe hatte die Hofdame als Urania in Mercks
Darmstädter Kreis erlebt.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 43
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3.2 Inhaltsangabe
schen, die er kennenlernt und von denen er die Kinder und die
schlichten, fleißigen Bürger und einfachen Bauern bevorzugt, ist
ein Amtmann, von dessen ältester Tochter „man viel Wesens“ ma
che (HL S. 10/R S. 12). Er wird auf den Jagdhof zum Amtmann
eingeladen.
In dem Dorf Wahlheim, wo er sich oft aufhält, treibt er Studien,
porträtiert ein kindliches Knabenpaar nach der Natur und spricht
mit dessen Mutter. Es ist die erste Parallelhandlung, die beginnt.
In der Landschaft und unter dem einfachen Volk glaubt Werther,
sich frei bewegen zu können. Auch Liebe und Kunst sind ihm nur
in Freiheit möglich, Ämter und alltägliche Arbeit wahrzunehmen
verlangt nach Pflichtgefühl, schließt aber Kunst und Liebe aus. Er
lernt im Ort einen Bauernburschen kennen, der bei einer Witwe ar
beitet und diese verehrt. Werther ist von dessen Leidenschaft und
Neigung überrascht60. Damit beginnt die zweite Parallelhandlung.
Briefe im Juni
Begegnung Erst am 16. Juni schreibt Werther wieder. Er begründet den Zeit
mit Lotte verzug mit Lotte, der er begegnet ist. Allerdings kann er das nicht
geordnet beschreiben, sondern äußert sich elliptisch, fragmen
tarisch und unkonzentriert: Alle seine Sinne werden vom Gefühl
übermannt, verstandesmäßige „Ordnung“ (HL S. 15/R S. 20) ist
kaum möglich. Werther hat, als er mit seiner Balldame eine Be
kannte abholt, „das reizendste Schauspiel“ erlebt, „das ich je gese
hen habe“ (HL S. 17/R S. 22). Lotte, schon im Ballkleid61, schneidet
ihren Geschwistern Brot. Auf der Fahrt zum Ball kommt es zu ei
60 Die Bauernburschenepisode ist in der ersten Fassung nicht vorhanden; ihre Einführung zeigt,
wie Goethe die Handlung stärker organisierte und die in einem Briefroman in der Regel schwach
entwickelte äußere Handlung durch die Parallelhandlungen aufwertete.
61 Das Ballkleid Lottes ist berühmt geworden wie die Werther-Kleidung: Es ist „ein simples weißes
Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust“ (S. 22); später schenken Lotte und Albert
Werther eine der Schleifen zum Geburtstag (S. 64), mit der er begraben sein will.
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nem Gespräch über Literatur; Lotte liest bevorzugt empfindsame
Romane der Art Richardsons und Goldsmith’ Der Landprediger von
Wakefield (1766). Auf dem Ball tanzen Werther und Lotte oft mitei
nander. Warnend wird Lotte von einer Freundin der Name „Albert“
zugerufen. Werther erfährt nach einiger Zeit, dass Lotte mit Albert
„so gut als verlobt“ (HL S. 21/R S. 28) ist. Ein einsetzendes Gewit
ter lässt die Ballbesucher mit Pfänderspielen die Zeit vertreiben.
Am Ende des Gewitters fühlen Lotte und Werther innige Überein
stimmung: „(…) ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand
auf die meinige, und sagte – Klopstock!“ (HL S. 22/R S. 30). Beide
wissen, was gemeint ist: Klopstocks Ode Die Frühlingsfeier (1759).
Nach der Heimkehr vom Ball gestattet Lotte Werther, sie am glei
chen Tag besuchen zu dürfen. Seither hat Werther kein Zeitgefühl
mehr, „und die ganze Welt verliert sich um mich her“ (HL S. 23/R
S. 31). Homers Odyssee bestätigt ihn in seinem „patriarchalischen
Leben“ (HL S. 24/R S. 33), das als Wunsch Werthers bereits im
Vergleich mit Melusine am Brunnen entstanden war („die patriar
chalische Idee“, HL S. 7/R S. 8), in dem Lottes Geschwister einen
festen Platz bekommen. Im Begriff des „patriarchalischen Lebens“
bekommt Werthers Sehnsucht ein Ziel, beinhaltet der Begriff doch
ein archaisch anmutendes Familienideal mit weisem Vater, schö
ner Frau und Kindern, zurückgehend auf die Familienoberhäupter
der Bibel, aber auch im Sinne der vorbildhaften Vaterfiguren bei
Homer. Die Liebeshandlung hat einen Höhepunkt erreicht. Der
Name „Albert“ lässt jedoch Konflikte ahnen.
61 Fortsetzung Als Thomas Mann die Begegnung zwischen Goethe und Lotte von 1816 in dem
Roman Lotte in Weimar beschrieb, ließ er sie „in dem weißen, fließenden, aber nur knöchellan-
gen, vor der Brust mit einer Agraffe faltig gerafften Kleide mit dem blassrosa Schleifenbesatz“
erscheinen (Berlin: Aufbau, 1963, S. 357).
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3.2 Inhaltsangabe
Briefe im Juli
Konflikte Die Konflikte brechen auf. Zuerst ändert sich Werthers Diktion:
Sein Herz sei übler dran als „manches, das auf dem Siechbette
verschmachtet“ (HL S. 25/R S. 34). Lotte spricht einem kranken
Pfarrer Trost zu und verschönt einer sterbenden Freundin den Tod.
Auf dem Pfarrhof erfahren Lotte und Werther die Geschichte der
„schönen“ Nussbäume (dritte Parallelhandlung), die später sterben
müssen. Werther hält auf dem Pfarrhof eine Lektion für den Lieb
haber der Pfarrerstochter, der auf Werther eifersüchtig ist: Junge
Leute sollten sich nicht „die paar guten Tage mit Fratzen verder
ben“ (HL S. 26/R S. 36), sondern Freude und Glück gemeinsam ge
nießen. Dabei wird er so übermannt, dass ihm die Tränen kommen
und Lotte ihn auf dem Heimweg bittet, sich mehr zu schonen. Lotte
erzählt Werther von einer Frau, die ihrem Manne auf dem Sterbe
bett gesteht, fehlendes Geld für den Haushalt aus den Einnahmen
genommen zu haben, da sie mit den von ihrem Mann zu spärlich
bemessenen Haushaltsmitteln nicht ausgekommen sei. Werther
glaubt, Lotte liebe ihn, erzählt sie aber von Albert, fühlt er sich ent
täuscht. Seine Selbstmordvorstellungen tauchen wieder auf: Ihm
kommen Ahnungen, sich „eine Kugel vor den Kopf“ zu schießen
(HL S. 32/R S. 45), die Lotte mit Klavierspiel zu zerstreuen weiß.
Wilhelm und Werthers Mutter versuchen, ihn durch Beschäftigun
gen (Zeichnen) abzulenken und ihm eine diplomatische Stellung
einzureden, die ihm wegen der „Subordination“ (HL S. 33/R S. 46)
nicht passt. Mit der Ankunft Alberts beschließt Werther, zu gehen;
der innere Konflikt Werthers bricht aus, denn Albert ist nicht nur
ehrlich und sympathisch, sondern vertraut Werther. Dagegen hat
Werther kein Mittel.
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Briefe im August
Wilhelm wirkt auf Werther ein, sich von Lotte zu trennen. Werther Ringen um Liebe
weiß um Wilhelms Sorge, und dass er selbst „ein Tor“ ist (HL oder Verzicht
S. 37/S. 51). Aber sein Ringen um Liebe oder Verzicht geht in
tensiv weiter. Vor einem Ausflug ins Gebirge borgt sich Werther
Alberts Pistolen. Dabei sprechen sie zuerst über das Für und Wider
moralisch verwerflicher Taten. Albert argumentiert mit Vernunft
und der Klarheit des Gesetzes, Werther mit der Kraft des Gefühls:
Diebstahl sei ein Laster, aber der Mensch, der die Seinigen durch
Raub retten will, „verdient der Mitleiden oder Strafe“ (HL S. 39/R
S. 54)? Dann sprechen sie über den Selbstmord, den Albert als
Schwäche verurteilt, Werther aber als Lösung einer Überspannung
oder als Ausweg aus einem Labyrinth „der verworrenen und wi
dersprechenden Kräfte“ (HL S. 42/R S. 58) verteidigt. Werther er
zählt die Geschichte vom ertrunkenen Mädchen und bringt damit
eine weitere Parallelhandlung in den Roman ein: Ein junges und
solides Mädchen wird von einem Mann, dessen Frau sie werden
will und nach dem sie sich sehnt, verlassen; ohne andere Mög
lichkeiten zu prüfen, geht sie in den Tod. Albert erklärt das mit
mangelndem Verstand. Beide verstehen einander nicht. Werthers
innere Verwirrung wird größer, er empfindet sie als Krankheit und
er überlegt, ob er nicht doch eine „Stelle bei der Gesandtschaft“
(HL S. 45/R S. 63) annehmen solle.
An seinem Geburtstag, wie der Goethes und Kestners am 28.
August, stilisiert Werther seine Krankheit, um mit Mitleid von Lotte
rechnen zu können. Lotte und Albert schenken ihm eine Schleife
des Kleides, in dem er Lotte zuerst traf, und eine handliche Homer-
Ausgabe. Werthers Verwirrung wird größer; er sucht Fluchtwege
in „die einsame Wohnung einer Zelle“ oder gar in „das Grab“ (HL
S. 47/R S. 66). Die Konfliktsituation hat einen Höhepunkt erreicht
und drängt zur Lösung.
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3.2 Inhaltsangabe
Briefe im September
Abschied Werther verlässt Lotte und Albert. In einer letzten Begegnung am
von Lotte 9. September schweigt er beiden gegenüber von seinem Vorha
ben, aber über dem Treffen liegt die Schwermut des Abschieds,
„das Gefühl von Tod“ (HL S. 48/R S. 68). Lotte bringt im Angesicht
des nächtlichen Mondscheins das Gespräch auf Verstorbene und
die geistige Begegnung mit ihnen. Sie fragt, ob sie sich finden
und erkennen werden. Werther verspricht: „(…) wir werden uns
wiedersehn! hier und dort wiedersehn!“ (HL S. 48/R S. 68). Bei der
Erinnerung an ihre tote Mutter gesteht sie Werther eine besondere
Rolle zu: „Sie war wert, von Ihnen gekannt zu sein!“ (HL S. 49/R
S. 69)
Es ist eine Situation, die die Liebenden aus dem Klopstock-
Gedicht Die frühen Gräber (1764) kennen62. Goethe verließ Wetzlar
ebenso abschiedslos am 11. September 1772 und hatte am 10.
September über das Wiedersehen im Jenseits an Charlotte einen
Brief geschrieben.
Zweites Buch
Briefe im Oktober, November und Dezember 1771
Werther hat, vermutlich auf Rat Wilhelms, in einer anderen Stadt
Deutschlands eine Stellung im diplomatischen Dienst aufgenom
men, den er freudlos absolviert. Sein Dienstherr ist ein korrekter,
pedantischer Beamter. Werther wird durch die „fatalen bürgerli
chen Verhältnisse“ (HL S. 53/R S. 76) gestört, in denen auf Hie
rarchien größter Wert gelegt wird und der Wettstreit um Geltung
dominiert. Ordnung und Genialität stoßen aufeinander; das führt
62 „Ihr Edleren, ach es bewächst / Eure Male schon ernstes Moos! / O wie war glücklich ich, als ich
noch mit euch / Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht.“ Schlussstrophe des Gedichts
von Klopstock.
48 Johann Wolfgang von Goethe
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3.2 Inhaltsangabe
zu weiteren Konflikten. Werther kann sie überstehen, weil er im
Grafen C. einen Vertrauten und im Fräulein von B. eine Art Lotte-
Ersatz findet. In der Tante des Fräuleins von B. lernt er allerdings
die Personifikation inhaltsloser Geltungssucht kennen. Der Ge
gensatz von Adel und Bürgertum wird ihm immer deutlicher. Als
Urbilder hinter Fräulein von B. wurden sowohl Maximiliane von
La Roche als auch Luise von Ziegler gesehen. Die Eintragungen
werden seltener und weniger leidenschaftlich; die Unlust hindert
ihn am Schreiben.
Briefe im Januar und Februar 1772
Werther ist mit der gesellschaftlichen Hierarchie und dem von ihr Probleme mit
ausgebildeten „Zeremoniell“ (HL S. 54/R S. 77) immer unzufrie der Gesellschaft
dener, fühlt sich als Marionette und sieht sich einem sinnlosen
Leben folgend. Seine Überlegungen über das alltägliche Leben
nehmen Bekenntnisse Dantons (aus Georg Büchners Dantons Tod)
vorweg (HL S. 54/R S. 77). Die Enttäuschungen verweisen ihn auf
die Liebe zu Lotte, die zum Inhalt seines Lebens geworden war.
Aus einer Bauernherberge inmitten von Schnee und Eis, Sinnbild
der natürlichen Einsamkeit im Gegensatz zu den sozial und gesell
schaftlich organisierten Orten, schreibt er ihr. Die Spannung mit
dem Gesandten steigt; die Trennung beider rückt näher. Werther
bekommt vom Minister einen Verweis; er wird von der Nachricht
überrascht, dass Lotte und Albert geheiratet haben. Er hatte sich
vorgenommen, an diesem Tag „Lottens Schattenriss“ (HL S. 57/R
S. 81) von der Wand zu nehmen und unter anderen Papieren zu
begraben, gleichbedeutend mit verzichtendem Abschied von Lot
te. Nun bleibt der Schattenriss hängen, der Werthers Bindung an
Lotte verlängert. Sich steigernde Konflikte werden angedeutet.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 49
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Leben und Werk -interpretation
3.2 Inhaltsangabe
Briefe vom 15., 16. und 24. März sowie vom 19. April
Zentrale Briefe Die Briefe stehen im Zentrum des Romans und bilden inhaltlich
des Romans einen Höhe- und Umschlagpunkt, unabhängig davon, dass die Auf
teilung zwischen erstem und zweitem Buch andere Quantitäten
ausweist. Von nun an kommt der Gedanke des Selbstmordes – „das
süße Gefühl der Freiheit“ (HL S. 11/R S. 14) –, der bei Werther
latent vorhanden war, fortlaufend vor: „So ist mir’s oft, ich möch
te mir eine Ader öffnen, die mir die ewige Freiheit schaffte.“ (HL
S. 60/R S. 85) Werther wird tief gedemütigt: Bei einem Empfang
einer Adelsgesellschaft wird er brüskiert und vertrieben, weil er
subalterner Angestellter und nicht standesgemäß ist. Diese Gesell
schaft gleicht einer Gespensterversammlung der Vergangenheit,
deren Garderobe mit „neumodischen Lappen“ (HL S. 58/R S. 82)
geflickt wurde. Die Schuld an dem „Verdruss“ gibt Werther der ge
sellschaftlichen Hierarchie, vor allem dem überholten und fast zur
Karikatur erstarrten Feudaladel, aber auch jenen, die ihn in diese
Hierarchie drängten (Wilhelm, die Mutter). Besonders erregt ihn,
dass seine Beziehung zu Fräulein B. zerstört wird, der man ihre
nicht standesgemäße Beziehung zu Werther verübelt. Ihn ärgert,
dass man davon spricht und die Neider triumphieren. Werther ver
langt seine Entlassung aus höfischem Dienst, die gleichbedeutend
ist mit dem Verzicht auf die Beamtenlaufbahn. Die Entlassung wird
genehmigt. Werther wird die Einladung des Fürsten ** annehmen,
der „vielen Geschmack“ (HL S. 60/R S. 86) an seiner Gesellschaft
findet.
Briefe von Mai bis September
Auf der Fahrt ins fürstliche Jagdschloss, wo er sich in der nächsten
Zeit aufhalten wird, besucht Werther seinen Geburtsort. Einzel
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3.2 Inhaltsangabe
heiten, wie die Linde vor der Stadt (HL S. 61/R S. 87)63 und das
Stadttor, deuten auf Frankfurt am Main hin. Von dort reist er auf
das fürstliche Jagdschloss seines Gönners, des Fürsten, der ihn
eingeladen hat. Werthers Absicht, mit dem Fürsten in den Krieg zu
ziehen, stößt beim Fürst auf Ablehnung. Werther, für den das nur
eine weitere Variante der Flucht war, lässt schnell von dem Plan ab.
Der Aufenthalt wird zur Enttäuschung, denn der Fürst und Werther
„haben im Grunde nichts gemein miteinander“ (HL S. 63/R S. 90).
Werther verlässt den Fürsten und strebt in die Nähe von Lotte. In Rückkehr zu Lotte
Gedanken spielt er durch, wie sich Lotte als seine Frau ausnähme.
Auf dem Weg zu Lotte erlebt er, wie die Parallelhandlungen umge
schlagen sind: Eines der Kinder, das von Werther gemalte, ist ge
storben, und der Vater hat seine Erbschaft nicht erhalten. Der Bau
ernbursche ist vom Bruder der Witwe als Erbschleicher aus dem
Haus gejagt worden, als er versuchte, im Sinnenrausch die Bäuerin
zu vergewaltigen. Die Nussbäume sind gefällt worden. Werther,
der seine ersten Briefe im herrlichsten Frühling schrieb, lebt nun
im Herbst und fühlt Herbst „in mir und um mich her“ (HL S. 66/R
S. 93). Sogar der Wunsch nach Alberts Tod drängt sich auf, zumal
er Albert als Mann Lottes für ungeeignet hält: Ihm fehle Gefühl.
Werther hat sich seine Tracht, „meinen blauen einfachen Frack
(…) auch wieder so gelbe Weste und Beinkleider“ (HL S. 68/R
S. 96 f.), neu anfertigen lassen und begegnet am 12. September
wieder Lotte, während der Freund Albert sich zurückhält. Dafür
macht Lotte Werther verführerische Zugeständnisse: Ihr Kanari
envogel, der erst ihren Mund küsste, trägt den Kuss zu Werther.
Dessen Lebenslust lässt deutlich nach, da er sieht, wie die Men
schen „ohne Sinn und Gefühl“ (HL S. 69/R S. 98) vernichten, was
auf Erden „noch einen Wert hat“ (HL S. 69/R S. 98).
63 Vgl. Dichtung und Wahrheit, BA 13, S. 30.
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Leben und Werk -interpretation
3.2 Inhaltsangabe
Briefe im Oktober und November
Werthers Werther fühlt sich in der Nähe Lottes scheinbar wohl; aber er ver
Veränderungen ändert sich innerlich: Homer wird von Ossian abgelöst, statt der
hellen Antike begeistern ihn nun Nacht- und Grabesstimmungen
Altschottlands. An die Stelle der Lebenslust eines Ulysses treten
Grabsteine und Gräber bei Ossian. Zunehmend sinnt er über den
eigenen Tod nach, wünscht ihn auch. Er betrauert die Vergänglich
keit und das schnelle Vergessen. Gleichzeitig will er Lotte einmal
um den Hals fallen, ans Herz drücken und hat „hundertmal auf dem
Punkte gestanden“ (HL S. 72/R S. 103). Lotte hat ihn wegen sei
ner „Exzesse“ (HL S. 73/R S. 104) ermahnt, doch hält er sich nicht
daran. Der Briefempfänger Wilhelm rät ihm, sich zurückzuhalten,
weist ihn vermutlich auf die Religion hin. Werther respektiert das
(„Ich ehre die Religion“, HL S. 74/R S. 105), lehnt für sich aber den
Trost der Religion ab. Werther deutet Zeichen in Lottes Verhal
ten – „der gütige Blick“, sie nennt ihn „Lieber“ (HL S. 75/R S. 106),
ihr Blick dringt „tief durchs Herz“ (HL S. 75/R S. 107) usw. – für
Einverständnis und steigert sich in die Fantasie, dass Lotte die Sei
ne sei. Er isoliert sich zunehmend: Von Begegnungen, Besuchen
oder Wanderungen ist keine Rede mehr. Nur eine Begegnung mit
einem Wahnsinnigen unterbricht die quälenden Überlegungen,
aber in diesem Wahnsinnigen sieht er sich gespiegelt. Alles dreht
sich für Werther nur noch um Lotte, wobei er spürt, „dass sie ein
Gift bereitet, das mich und sie zugrunde richten wird“ (HL S. 75/R
S. 106).
Briefe im Dezember
Ankündigung Drei kurze Briefe in schneller Folge sind Zusammenfassung der
des Endes Ereignisse und Ankündigung des Endes. Zuerst erfährt Werther,
dass der Wahnsinnige, dessen Schicksal dem seinen gleicht, Lotte
liebte. Er war Schreiber bei Lottes Vater. Dann erlebt er Lotte am
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geschichte aufgaben
3.2 Inhaltsangabe
Klavier; solche Erlebnisse waren für ihn immer besondere Glücks
stunden, diesmal kommt es zu einem heftigen Ausbruch Werthers
gegen Lotte. Er ist an der Grenze des Erträglichen und flüchtet,
ehe es zu einer nicht mehr zu meisternden Liebesszene kommt
(HL S. 79/R S. 112). Lotte hält ihn für sehr krank und bittet ihn,
sich zu beruhigen. Er steht vor dem Ausbruch des Wahnsinns,
sieht sich im Elend und hofft auf ein Ende durch Gott.
Herausgeberbericht
Es bleiben bis zu Werthers Selbstmord sechzehn Tage64, über die 16 Tage bis zum
der Herausgeber berichtet. Seine Rolle wird in der Überarbeitung Tod Werthers
so aufgewertet. Da Werther nur noch wenige eigene Zeugnisse
hinterlassen hat, sammelt der Herausgeber die Erlebnisse derer,
die mit ihm zu tun hatten. Werther, oft in Lottes Nähe, lebt in „ewi
gem Unfrieden“ (HL S. 81/R S. 116) mit sich selbst, weil er sich
als Störenfried der Kestner-Ehe sieht und die Sinnlosigkeit seiner
Liebe erkennt. Werther wird tief getroffen, als er vom Mord des
Bauernburschen erfährt und die Parallelhandlung damit ihren Ab
schluss erlangt. Werther fand „ihn als Verbrecher selbst so schuld
los“ (HL S. 82/R S. 118). Er notiert sich, nachdem sein juristischer
Rettungsversuch für den Knecht gescheitert ist, dessen Tat er er
klären und begründen wollte: „(…) ich sehe wohl, dass wir nicht
zu retten sind.“ (HL S. 83/R S. 119) Werther hat nun auch seine ju
ristische Korrektheit aufgegeben, als er den Knecht außerhalb der
64 Die Zahlen 15 und 16 spielen im Roman eine große Rolle: Der wichtigste Brief wird am
16. 6.1771 geschrieben, die zweitwichtigsten am 15. / 16. 3.1772. Die Abstände der Episoden
von Parallelhandlungen betragen ca. 15 bis 16 Monate (Bauernbursche 30. 5.1771– 4. 9.1772;
die Knaben 26. 5.1771– 4. 8. 1772; Nussbäume 1.7.1771 – vor 15. 9.1772; ertrunkenes Mädchen /
wahnsinniger Blumenpflücker 12. 8.1771– 30.11.1772). Werther trifft Lotte 15 Monate nach der
ersten Begegnung wieder: Juni 1771– September 1772. Albert kommt vor dem 30. 7.1771 und
geht am 21.12.1772. Werthers Abschiede liegen 15 1/2 Monate auseinander: 10. 9.1771 Flucht
von Lotte – 23.12.1772 Tod. Goethe hat im Faust ein Zauberquadrat (das Planetensiegel Sigilla
Saturni) eingebaut, dessen Quersumme immer 15 aufweist. Die Zahlensymbolik im Werther ver-
weist die Handlung auch auf ein magisch bestimmtes Schicksal.
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Leben und Werk -interpretation
3.2 Inhaltsangabe
Gesetze stellen oder ihm mindestens zur Flucht verhelfen wollte.
Auf einem Zettel findet sich eine weitere Erkenntnis: „(…) ich kann
nicht gerecht sein“ (HL S. 84/R S. 120). Er versinkt in „Schmerz
und Untätigkeit“ (HL S. 84/R S. 120).
Albert bittet Lotte, Werthers Besuche einzuschränken. Aus dem
Wonnemonat Mai vom Beginn ist nun eine Landschaft „ohne Laub“,
„entblättert“ mit „Grabsteinen“ im Schnee (HL S. 82/R S. 117),
von einer Flut verwüstet (HL S. 85/R S. 122) geworden. Am 20.12.
bittet Lotte Werther, vor Heiligabend nicht mehr zu kommen. Er
beginnt einen mehrfach unterbrochenen Abschiedsbrief an Lot
te. Am 21.12. besucht Werther Lotte; Albert ist verreist, wie bei
Beginn ihrer Bekanntschaft. Die Szene wiederholt sich: Man tanzt
kein Menuett, aber Lotte spielt eines, statt von Klopstock spricht
man nun von Ossian. Werther liest seine Übersetzung Ossianscher
Gesänge vor; beide geraten in einen Rausch, der in eine Liebes
szene mit „wütenden Küssen“ (HL S. 98/R S. 142) umschlägt, die
fast zum Liebesakt wird („Die Welt verging ihnen.“, HL S. 98/R
S. 142), von dem Werther eine Woche zuvor – „Diese Nacht!“ –
geträumt hat (HL S. 86/R S. 123). Lotte weist ihn aus dem Haus.
Am 22.12. schreibt Werther an seinem Abschiedsbrief weiter und
borgt sich von Albert nach 16 Monaten (11. 8. 1771 – 22. 12. 1772)
wiederum Pistolen. Seinen Brief mit der Bitte hat Goethe fast wört
lich von Jerusalem übernommen, der sich von Kestner Pistolen
erbat: „Dürfte ich Euer Wohlgeboren wohl zu einer vorhabenden
Reise um Pistolen gehorsamst ersuchen? – J.“65
Werthers Am 22. Dezember um Mitternacht erschießt sich Werther, „in
Selbstmord völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste“
(HL S. 106/R S. 153) und Lessings Emilia Galotti auf dem Lese
pult. Er wird noch lebend am nächsten Tag, dem 23. Dezember,
65 Michel, S. 92; Der junge Goethe, Band 2, S. 544.
54 Johann Wolfgang von Goethe
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geschichte aufgaben
3.2 Inhaltsangabe
6 Uhr, gefunden, stirbt um 12 Uhr und wird 23 Uhr beerdigt. Aus
Kestners Bericht über Jerusalems Tod nahm Goethe den Schluss:
„Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“ (HL
S. 106/R S. 154) Es ist alles vor dem Zeitpunkt zu Ende gebracht
worden, den Lotte für ein Wiedersehen vorgesehen hatte, „dass Sie
nicht eher kommen als Weihnachtsabend“ (HL S. 88/R S. 127).66
66 Mehrere Interpreten behaupten, Werther habe sich an Heiligabend erschossen (Boyle, 1. Band,
S. 205; Beutler im Nachwort zur in diesem Band zitierten Reclam-Ausgabe, S. 159). Das ist aus
den genauen Zeitangaben Goethes nicht abzuleiten.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 55
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Leben und Werk -interpretation
3.3 Aufbau
3.3 Aufbau
Zusammen
fassung Der Roman ist als Briefroman geschrieben, wechselt aber
die Perspektive. In seinem Ablauf ähnelt er einem Monolog;
zahlreiche Briefe benötigen keinen Empfänger. Das letzte
Viertel organisiert der fiktive Herausgeber. Der Gliederung
in zwei Bücher im Verhältnis 3 zu 4 steht eine steigende und
eine fallende Handlung gegenüber, gruppiert um den Brief
vom 15. März 1772, die sich wie 1 zu 1 verhalten. Parallel
handlungen illustrieren die Haupthandlung.
Tradition des Der Briefroman war europaweit verbreitet, nahm ein Fünftel der
Briefromans Prosaliteratur des 18. Jahrhunderts ein und stand in England in
Blüte. Dieser Romantyp konzentriert sich auf eine fast dokumen
tarische Vollständigkeit für den Helden, bietet aber keine darüber
hinaus gehenden Hinweise. Der Dichter war an keine Gattung ge
bunden, sondern konnte auch lyrische Texte, Dialoge usw. einfü
gen. Auch in Goethes Roman stehen Briefe in rhythmisierter Prosa
(10. Mai, HL S. 6 f./R S. 7 f.; 18. August, HL S. 43 f./R S. 59 ff.), die
sich mühelos in freie Rhythmen umsetzen lässt.
Wesentliche Informationen für den Leser werden nicht von ei
nem Erzähler gegeben, sondern als unaufdringliche Erklärungen
in die Briefe eingefügt. Dabei durfte ihre subjektive Beschaffen
heit nicht verloren gehen. Goethe war ein herausragender Brief
schreiber; im Werther erfüllte er sich den Wunsch, Briefe zu einem
Kunstwerk zusammenzufügen. Dieser Briefroman setzte neue
Maßstäbe, weil nicht eine Frau, wie sonst üblich, ihre Situation
beschrieb, sondern ein Mann an einen anderen Mann.
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geschichte aufgaben
3.3 Aufbau
Goethes Roman besteht aus zwei Büchern; sie werden vorwie
gend durch Briefe gefüllt. Erst als mit dem Beginn des zweiten
Buches Leerstellen auftreten und eine gewisse Langatmigkeit ein
tritt, zumal Werther wenig Neues zu bieten hat, bekommt der He
rausgeber eine gestalterische Funktion, die über die Reihung der
Briefe hinausgeht. Durch den Perspektivenwechsel entsteht neue
Spannung. Die Antworten der Briefempfänger Wilhelm, Lotte und
Albert erfährt der Leser aus Reaktionen Werthers („Ich danke dir,
Wilhelm, für deinen herzlichen Anteil (…)“, HL S. 74/R S. 105).
Zahlreiche Briefe können auch ohne Adressaten existieren, schei
nen sich an Werther selbst zu richten („Was das für Menschen
sind (…)“, HL S. 54/R S. 77) oder stammen möglicherweise aus
Werthers Tagebuch, von dem er spricht (vgl. HL S. 37/R S. 51).
Dazu gehören die beiden besonders strukturierten Briefe vom
10. Mai 1771 (HL S. 6 f./R S. 7 f.) und vom 18. August 1771 (HL
S. 43 f./R S. 60 ff.). Gegen Ende nehmen kurze, tagebuchartige
Eintragungen zu, als vermeide Werther briefliche Kontakte und
begnüge sich mit dem Selbstgespräch (vgl. HL S. 70 ff., S. 75 f.,
S. 79/R S. 101 f., S. 103, S. 106 f., S. 111). Unterstellt man, dass
diese Teile keine Briefe sind und zahlreiche Briefe auch ohne Ad
ressaten auskommen, ist der Roman mindestens teilweise „ein
episch-lyrischer Monolog“67.
In der Verteilung des Textes erscheinen die zwei Teile des Goldener Schnitt
Romans gegliedert nach dem Prinzip des Goldenen Schnittes
(a : b = a + b : a), das für Bilder bekannt ist und beim Betrachter
Wohlgefallen auslösen soll. Der tatsächliche Ablauf des Textes mit
Aufstieg, Höhepunkt und Abfall aber hat einen Umschlagpunkt,
den Brief vom 15. März 1772, der den Text halbiert und sich dem
Wohlgefallen (und dem Goldenen Schnitt) hinderlich in den Weg
67 Reuter, S. 93.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 57
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Leben und Werk -interpretation
3.3 Aufbau
stellt. Dafür weist er auf die von Werther reflektierte Stellung des
Menschen zwischen Himmel und Tiefe, zwischen den Spannun
gen und Polen, zwischen Leben und Tod, zwischen Gebirge und
Tal, zwischen Geschaffenem und Zerstörtem, denn es wird „nichts
gebildet (…), das nicht seinen Nachbar, nicht sich selbst zerstörte“
(HL S. 44/R S. 62).
Handlungs Aus dieser hälftigen Struktur des Romans ergeben sich eine
struktur aufsteigende und fallende Handlung:
Er entwickelt sich aufsteigend Er führt fallend über eine „unna-
aus der „natürlichen“ Natur türliche“ Gesellschaft („garstige(s)
(„paradiesische Gegend“, HL Volke“, HL S. 53/R S. 75 und
S. 6/R S. 6) über den „natürli- Adelsgesellschaft, HL S. 58/R
chen“ Menschen („Mädchen S. 82), eine „unnatürliche“ Kunst
aus der Stadt“, HL S. 7/R S. 8) (das „garstige wissenschaftliche
und eine „natürliche“ Kunst Wesen“ und die „gestempelten
(Homer, Zeichnen nach der Kunstworte“, HL S. 63/R S. 90)
Natur) zu einer „natürlichen“ und „unnatürliche“ Menschen
Gesellschaft („die geringen („wunderliche Menschen“, HL
Leute des Ortes“, HL S. 8/R S. 63/R S. 89) zu einer erstarrten
S. 9) und einer „natürlichen“ („ohne Laub“, „entblättert“, HL
Liebe (zu Lotte: „meine Seele“ S. 82/R S. 117) und vernichtenden
anzogen, „Träumen“ usw., HL („wühlende Fluten“, HL S. 85/R
S. 19/R S. 25 f.). S. 122) Natur und über eine
Diese Liebe ist Gipfel der Na- „unnatürliche“ Liebe (zu Lotte:
türlichkeit, weil ohne Konven „Verzweiflung“, Sinnesverwirrung
tionen auskommend; sie wird „unsinnig“ usw., HL S. 98/R
auch Werthers letzter Fluchtort. S. 141 f.) zur Katastrophe.
Diese steigende und fallende Handlung assoziiert den Grund
gedanken Goethes vom ständigen Stirb und Werde, der sich
durchgehend in seinem Werk findet und 1814 auf diese Formel im
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Gedicht Selige Sehnsucht gebracht wurde.68 Werther formuliert ihn
mehrfach, ausführlich in seinem Brief vom 18. August 1771 (HL
S. 43 f./R S. 60 ff.).
Werther flieht durch den Tod aus der Unnatürlichkeit, die ihn
krank gemacht hat und in die nun auch Lotte eintritt. Sie ergibt sich
der sozialen Ordnung, deren Normen und einem erstarrten Men
schenbild. Aber Werther glaubt an eine Wiederkehr: „Wir werden
sein! wir werden uns wiedersehen“ (HL S. 100/R S. 145) schreibt
er gegen Ende des zweiten Buches vor seinem Tod an Lotte; zu
vor hatte er schon am Ende des ersten Buches mit den gleichen
Worten von einem Wiedersehen nach dem Tode gesprochen: „Wir
werden uns wiedersehen“ (HL S. 48/R S. 70). Der steigenden und
fallenden Handlung entsprechen neben solchen Wiederholungen
auch andere sprachliche Mittel: Während in der steigenden Hand
lung der sachliche, fast distanzierte Kommentar des Herausgebers
selten eingesetzt wird, übernimmt er am Ende die Organisation
der Handlung völlig und tritt in Distanz zu Werther („Die Harmonie
seines Geistes war völlig zerstört“, HL S. 80/R S. 114). Der aukto
riale Erzähler (der „Macher“, der alles weiß) erscheint in Anmer
kungen oder als Herausgeber.
Die vom Umfang her ähnlichen zwei Bücher sind kontrastiv an Anlage der
gelegt. Das erste Buch wird mit einer Exposition eröffnet. Mit dem zwei Bücher
Brief vom 30. Mai schließt die Exposition ab: Die Hauptpersonen
sind eingeführt, bei der „ältesten Tochter“ des Amtmanns handelt
es sich um Charlotte; die Parallelhandlungen zur Liebesgeschichte
von Werther und Lotte, die der Kinder und des Bauernburschen,
sind eröffnet. Das erste Buch beschreibt Erfolge und Freuden
Werthers, die immer bedroht sind, das zweite Buch Werthers Nie
68 Vgl. Rüdiger Bernhardt: Goethe. Das lyrische Schaffen. Königs Erläuterungen Spezial.
Hollfeld: Bange Verlag, 2009 (2. Auflage), S. 154 ff.
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derlagen auf dem Weg zu einem aktiven und erfüllten Leben. Das
erste Buch beschreibt eine immer intensiver werdende Handlung,
die über fünf Monate in weitgehend gleichmäßigen Abständen von
Werther beschrieben wird und mit der Trennung Werthers von
Lotte ein Ende erfährt. Das zweite Buch zeigt einen getriebenen
Werther, der zu genauem Bericht keine Ruhe mehr hat, dessen
Briefe mehr zufällig und sporadisch kommen. Oft schreibt er im
Gegensatz zum ersten Buch nur einen kurzen Brief im Monat. Die
Handlung scheint auf eine Katastrophe zuzustürzen, statt fünf wer
den nun bei gleichem Umfang 15 Monate verfolgt.
Todesmotiv Das Todesmotiv wird planmäßig aufgebaut: Bereits im Brief
vom 13. Mai 1771 beschreibt Werther sein „empörtes Blut“ (HL
S. 8/R S. 9). „(…) das süße Gefühl der Freiheit“ (HL S. 11/R S. 14)
sei es, diesen Kerker verlassen zu können – das ist der Selbstmord.
Werthers Überlegung ähnelt der Fausts, der mit dem Freitod die
Grenzen seiner Erkenntnismöglichkeit sprengen möchte. Dem Ver
lauf von höchster Lebens- und Sinnenlust bis zum Höhepunkt und
dem Absturz in den Tod entspricht der Wechsel der literarischen
Beziehungen: Der Weg führt von Homer zu Ossian, wobei diese
Verschiebung dadurch besonders eindrücklich ist, indem beide
Autoren immer präsent sind, nur ihre Bedeutung sich verschiebt.
Es ist auch der Wechsel von einem freundlichen, naturhaften Le
ben („Ich brauche Wiegengesang“, HL S. 8/R S. 9) zu einem hero
ischen Tod („Sein Fußtritt geht über mein Grab hin“, HL S. 71/R
S. 101).
Die Parallelhandlung des Bauernburschen, die in der zweiten
Fassung hinzukam, verschafft dem Konflikt und der Abfolge der
Todesmotive noch ein retardierendes Moment. Werther glaubt das
„Ende der Geschichte“ (HL S. 67/R S. 95) zu erleben, als er berich
tet, wie der Bauernbursche aus dem Haus verstoßen worden ist.
Es war aber nicht das Ende. Das tritt ein, als der Bauernbursche
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geschichte aufgaben
3.3 Aufbau
zum Mörder wird. Nun schwankt auch Werther zwischen Mord
am Nebenbuhler, wie der Bauernbursche, oder Selbstmord. Die
Erzählung vom Bauernburschen ist eine der gegensätzlich verlau
fenden Entwicklungen, die Ergänzungen zu den beiden Teilen des
Romans bieten:
Einige Gegensätze zur Verstärkung von Werthers Konflikt
( Liebe und Tod)
Jahreszeiten als Lebenssymbole:
Frühling, Mai (S. HL S. 6 ff./R 7 ff.) Herbst / Winter (HL S. 66/R S. 93 ff.)
Literatur als Ausdruck von Lebensgefühlen:
Homer (HL S. 8/R S. 9 und öfter) Ossian (HL S. 70, S. 92/R S. 100,
S. 133 ff.)
Parallelhandlungen:
Geschichte vom Kind Hans Der Tod von Hans (HL S. 65/R S. 92)
(HL S. 13/R S. 17)
Der Vater von Hans holt ein Erbe ins Vater ist krank und ohne Erbe
Haus (HL S. 13/R S. 17). heimgekehrt (HL S. 65/R S. 92).
Die Nussbäume als Schirm und Die Nussbäume wurden gefällt
Schutz (HL S. 26/R S. 35) (HL S. 69/R S. 98 f.).
Der Bauernbursche liebt seine Der Bauernbursche wird verstoßen
Bäuerin (HL S. 14 f./R S. 19). (HL S. 66/R S. 93 ff.)
Der Bauernbursche wird zum
Mörder (HL S. 82 f./R S. 117 f.).
Werther versucht, ihn zu verteidigen
(HL S. 83/R S. 118 ff.).
Parallele Symbolik:
Pistolen für eine Reise geliehen Pistolen für die letzte Reise geliehen
(HL S. 38/R S. 52). (HL S. 101/R S. 145).
Werther will einen Mörder schonen Albert will einen Mörder verurteilen
(HL S. 83/R S. 118 f.). (HL S. 83/R S. 119).
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 61
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Leben und Werk -interpretation
3.3 Aufbau
Die Handlung wird zusätzlich organisiert durch die Beziehung von
Stadt und Dorf, Zivilisation und Natürlichkeit. Die entscheidenden
Begegnungen mit Lotte vollziehen sich stets auf dem Land, die
Gefährdungen Werthers und seine Zusammenstöße mit den Kon
ventionen treten in der städtischen Gesellschaft auf. Er verkehrt
mit dem einfachen Volk und vor allem mit Kindern; mit den Ge
schwistern Lottes vergnügt er sich unter Bruch aller Konventio
nen. Das löst aber auch das Gerücht aus, er „verderbe“ die Kinder
(HL S. 25/R S. 34). Werther durchlebt so den Verlust des schönen
Naturzustandes, der durch Lotte seine Vollendung erführe. Der
Verlust des Naturzustandes ist aber auch der Verlust einer sozial
befriedigenden Ordnung, wie Werther sie auf dem Land fand.
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3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
Zusammen
Bestimmend ist ein Dreieckskonflikt zwischen Werther, fassung
Lotte und Albert. Werther ist ein junger Jurist, der seinen
Weg sucht und nach den Vorstellungen seiner Mutter und
seines Freundes Wilhelm in den diplomatischen Dienst tre
ten soll. Lotte (Charlotte) ist die Tochter des Amtmanns und
vertritt an ihren acht jüngeren Geschwistern Mutterrolle. Sie
ist mit Albert versprochen, „so gut als verlobt“ (HL S. 21/R
S. 28). Albert ist bereits im diplomatischen Dienst.
Goethes Personenkonstellation wird durch einen Dreieckskonflikt Dreieckskonflikt
bestimmt, wie man den Konflikt zwischen zwei Männern und einer
Frau oder umgekehrt bezeichnet. Werther tritt als Dritter in die be
stehende Beziehung von Lotte und Albert ein. Er ist der geschätzte
Freund, wird aber zum zerstörerisch wirkenden Liebhaber Lottes.
Dabei sind Werther und Albert sich ergänzende Wesen, indem sie
sich polar zu entsprechen scheinen. Alberts Zweckmäßigkeits
denken und sein Verstand stehen Werthers Fantasie und seinem
Gefühl gegenüber, der Aufklärer und der Stürmer und Dränger er
gänzen sich. Lotte wäre mit einer Kombination beider glücklich.
(Eine solche Lösung für einen Mann, die Ehe zu dritt, beschrieb
Goethe in Stella.) – Selbstmord ist für Werther nicht abwegig, da
er durch ihn in die von ihm erstrebte Ewigkeit eintreten kann. Die
ser modernste Vorgang im Roman nimmt die individuelle Willens
entscheidung beim Freitod voraus, wie sie bei Albert Camus und
André Gide im 20. Jahrhundert verkündet wurden.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 63
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Leben und Werk -interpretation
3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
Der Dreieckskonflikt mit Einflüssen
Amtmann acht Geschwister
Lottes Vater
Lotte
gesellschaftlich abgelehnt gesellschaftlich anerkannt
stürmische Liebe verständnisvolle Liebe
rauschhafte Liebeszene so gut wie verlobt
Werther Freundschaft Albert
Berufstätigkeit,
dienstliche
Wilhelm Mutter Verpflichtungen
Werther
Sein Name wurde verschieden, aber wenig überzeugend erklärt:
Einmal sollte Werther auf den Werder (Halbinsel, Insel) zurück
gehen und abgeleitet von „Werth“ (Flussinsel) Ausdruck der un
aufhebbaren Isolation sein69. Zum anderen wurde sein Name als
„Steigerung der Werthaftigkeit“ erklärt, also als Komparativ zu
„wert“70. Er ist literarischer Held, sensibel, gebildet und Briefe
schreiber. Er trägt im ersten Buch Züge Goethes, im zweiten Buch
Züge Jerusalems. Als junger Jurist kümmert er sich um Erbschaf
69 Vgl. Klaus Müller-Salget: Zur Struktur von Goethes Werther. In: Zeitschrift für deutsche Philologie
100, 1981, S. 529.
70 Wierlacher, S. 269.
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3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
ten und soll in diplomatisch-juristische Dienste treten; der Leser
erlebt ihn aber kaum wirklich tätig, sondern meist kontemplativ.
Goethe gab ihm seine Fähigkeit des Malens und Zeichnens eben
falls mit. Werther leidet an der gesellschaftlichen Ordnung, am Le Leiden an der
ben mit seinen erstarrten Konventionen und Normen und an den Gesellschaft
Zuständen, in denen es sich vollzieht. Er versucht, diesen Zustän
den zu entgehen, aber seine Bestrebungen sind nicht vereinbar mit
den vorhandenen Normen. Sein Streben ist ähnlich dem Fausts; er
ist ihm auch als Gestalt ähnlich. Sie streben nach Unendlichkeit,
scheitern aber an der Wirklichkeit. Ewigkeit ist ihnen nichts Ir
disches, Werthers Weg in den Tod nicht nur ein Opfer, sondern
ein schneller Weg in diese Ewigkeit. Das von Werther verwendete
Symbol des Pferdes, das sich selbst die Ader aufbeißt, um Luft und
die „ewige Freiheit“ – eine Umschreibung des Selbstmordes – zu
bekommen, steht dafür (vgl. HL S. 60/R S. 85). Werthers Tracht
wird sprichwörtlich und steht gegen die Konvention: blauer Frack,
gelbe Weste und Beinkleider, braune Stulpenstiefel. Goethe wies
in seiner Autobiografie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahr-
heit darauf hin, dass die Kleidung „unter den Niederdeutschen in
Nachahmung der Engländer“71 verbreitet war.
Werther lebt zwischen Polaritäten und konträren Regelwerken:
Adelsgesellschaft Bürgerlichkeit
Wissenschaft (Kunsttheorien) Kunst (Zeichnen nach der Natur)
Ehe Liebe
französischer Garten englischer Garten
Lehr- und Fachbücher Homer, Ossian
71 BA 13, S. 585.
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Leben und Werk -interpretation
3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
Kummer Ausschweifung
Melancholie verderbliche Leidenschaft
Vergangenes soll vergangen sein Gegenwärtiges genießen
Bei der biografischen Beziehung Werthers zu Goethe fällt auf, dass
es bei Werther die Mutter ist, die den Sohn zur Aktivität treibt und
um seine Karriere besorgt ist. Gleichzeitig ist Werthers Verhältnis
zu ihr distanziert; er schreibt ihr auch keinen Abschiedsbrief. Bei
Goethe war der Vater der Drängende. Werthers Vater ist schon
lange tot. Es gibt im Roman keine Vaterfigur; das ist verwunder
lich, schrieb Goethe doch den Roman im Haus seines Vaters: „Die
vorsätzliche Ausschaltung des Vaters wirft (…) auf das Verhältnis
des Autors zu seinem Vater ein merkwürdiges Licht.“72 Unter den
Deutungen, die Werther bekommen hat, sieht eine überraschend
in ihm einen „gesteigerten Conti“73 nach Lessings Emilia Galotti.
Selbst wenn man der nicht überzeugenden Beweisführung folgte,
dass Werthers Brief vom 10. Mai (HL S. 6 f./R S. 7 f.) eine ange
lesene Lessing-Paraphrase sei – das Argument ist, Werther den
ke über Malerei nach –, bleibt die Frage unbeantwortet, was die
vielschichtige Gestalt Werthers und die eindimensionale Figur des
Malers Conti bei Lessing miteinander verbindet. Werther stirbt an
dem mehrfach zerstörten Ich, aber diese Zerstörung wird nicht
nur durch Lotte, sondern durch die geistige, politische und soziale
Welt ausgelöst, in der Werther sich bewähren soll.
72 Dagmar von Gersdorff: Goethes Mutter. Eine Biografie. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Ver-
lag, 2001, S. 192.
73 Vaget, S. 47.
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3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
Lotte
Lotte ist ein zierliches, blondes, schwarzäugiges und schönes Mäd
chen, das tüchtig, hilfsbereit und fleißig den verwitweten Vater und
die acht Geschwister, für die sie die Mutterstelle vertritt, versorgt.
Aber sie liebt auch Tanz, das Klavierspielen und Lesen. Ohne be
sondere Bildung, aber durchaus mit Interessen (Lektüre), ist sie
frühzeitig in familiäre Verantwortung geraten. Dieser Frauentyp
begeisterte Goethe beständiger als andere und fand in Christiane
Vulpius seine Verkörperung. Die blauen Augen der ursprünglichen
Charlotte Buff werden allerdings durch die schwarzen Augen der Scherenschnitt
schönen Maximiliane von La Roche ersetzt, der er nach Lotte seine Charlotte
Kestners aus
Aufwartung macht. Lotte ist nicht unschuldig an Werthers Tod: Goethes Besitz
Sie hat ihm unmissverständliche Zeichen ihrer Liebe gegeben. An © ullstein bild
dererseits ist sie gerade durch ihre soziale Situation gezwungen,
gesellschaftliche Normen wie die Ehe zu bedienen und sich in die
Konventionen zu fügen.
Albert
Albert ist Lottes Freund; sie gelten als verlobt. Er ist arbeitsam,
zielstrebig, genau und zuverlässig, folgt verstandesmäßig dem
Leben und sieht deshalb in Werther auch keine Gefahr für seine
Liebe zu Lotte, weil derartige Gefühle für ihn vernünftig zu regeln
sind. Er ist in jeder seiner Handlungen der vernünftige Bürger des
aufgeklärten Zeitalters, insofern der Gegensatz zum Stürmer und
Dränger Werther. Lediglich seine Reputation leidet schließlich
unter Werthers Besuchen, weshalb er bittet, sie einzuschränken.
Im Gegensatz zu Lotte ahnt er nicht, weshalb Werther sich die
Pistolen leiht. Selbstmord gehört nicht zu den von ihm bedachten
Alternativen. Albert ist Rationalist und Aufklärer, Werther der Stür
mer und Dränger.
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Leben und Werk -interpretation
3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
Wilhelm
Wilhelm ist der Adressat der meisten Briefe Werthers und dessen
Vertrauter. Das bedeutet nicht, dass er Werther stets zustimmt.
Er spürt frühzeitig die Gefahren und begegnet ihnen, indem er
Werther zu tätiger Arbeit und zu ausgeweiteter künstlerischer Be
schäftigung anregt. Er versucht, Werther von der gefährlichen Lei
denschaft zu Lotte zu lösen. Gegenüber Werther ist er rationaler
und kann seine Gefühle besser kontrollieren. Er ist gleichzeitig ein
Vertrauter und Berater von Werthers Mutter.
68 Johann Wolfgang von Goethe
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
Da der Sprachstand des Romans mehr als 200 Jahre alt ist, müss
ten zahlreiche Wörter und Fügungen erklärt werden. Oft lassen sie
sich schnell erschließen (betriegen – betrügen, modeln – formen);
viele Ausdrücke sind in Wörterbüchern nachschlagbar (simpeln –
einfach, unschuldig; inkommodieren – belästigen, Affektation – ge
künsteltes Wesen), manches ist aus dem Kontext (schlecht – krank)
zu erklären. Erklärt werden im Folgenden die Begriffe, die ne
ben der sprachlichen Bedeutung eine Funktion für die Handlung
haben.
HL S. 3/ Werther/ Beide Formen des Titels sind richtig: Die Erstausgabe
R S. 1 Werthers 1774 hatte den Genitiv mit s. Bei der Jubiläumsaus
gabe 1824 verzichteten Goethe und der Verlag auf
diese Form und setzten die modernere, undeklinierte
Form Werther ein. Sie wurde schließlich auch für die
zweite Fassung von 1787 verwendet, die zuerst mit
dem alten Titel erschienen war.
HL S. 5 / Geschichte Der Herausgeber entschließt sich zu einer „epischen
R S. 3 des armen Vorwegnahme“, indem er das Schicksal Werthers an-
Werther deutet. Er bezeichnet ihn als „Freund“ (HL S. 80/
R S. 114); man kann ihn deshalb auch mit Wilhelm
identifizieren (am 22. Mai, HL S. 10/R S. 12, wird der
Name Wilhelm eingeführt). Wilhelm ist ein bei Goethe
beliebter Name, der an Personen vergeben wird,
die, wie Werther, Eigenschaften Goethes haben (vgl.
Wilhelm Meister). Wilhelm kann im Roman als über-
lebender, rationaler Goethe, Werther als sterbender,
emotionaler gesehen werden.
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Leben und Werk -interpretation
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 5 / Leonore Zur Zeit der Niederschrift des Romans im Februar
R S. 5 1774 schrieb Goethe erstmals an Gottfried August
Bürger. Dessen Ballade Lenore (1773) war im Göttin-
ger Musenalmanach auf das Jahr 1774 erschienen,
hatte in Deutschland große Aufmerksamkeit gefun-
den, machte seinen Dichter berühmt und war auch
Goethe bekannt.
ergetzt ergötzt; eigentl.: Unangenehmes vergessen machen
HL S. 5 f. / Erbschafts- In Werthers Briefen spielen Erbschaften eine Rolle
R S. 6 anteil und zeigen seine juristischen Interessen. Hier sind
es eigene Erbschaftsfragen; dann ist der Vater der
Kinder, die er malt, unterwegs, „um die Erbschaft
eines Vetters zu holen“ (HL S. 13/R S. 17), die er nicht
erhält. Der Bruder der Witwe vertreibt den Bauern-
burschen aus Sorge, seinen Kindern könne „die Erb-
schaft“ entgehen (HL S. 67/R S. 95). Auch Albert sorgt
sich um seine Erbschaft.
HL S. 6/ Balsam dickflüssiges Gemisch aus Harzen und ätherischen
R S. 6 Ölen zur Schmerzlinderung oder Parfümherstellung
Jahrszeit der Der Roman vollzieht sich zwischen Mai 1771 und win-
Jugend terlicher Ruhe Dezember 1772, Lebensfreude im Frei-
en und vorweihnachtlichem Familienfrieden im Haus.
Die Jahreszeiten haben symbolische Bedeutung.
Grafen von M. Der Kammergerichtsprokurator (bevollmächtigter Ver-
treter des Gerichts) Meckel besaß vor Wetzlar einen
parkartigen Garten und ein Haus, das „die Meckels-
burg“ genannt wurde.74
74 Nach Rothmann, S. 6.
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 6/ ein wissen- Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts herrschte der
R S. 6 schaftlicher formale Garten (Garten im „französischen Stil“), der
Gärtner von architektonisch-geometrischen Mustern geprägt
wurde (Versailles). Der Wörlitzer Park, begonnen
1764, ist das erste nennenswerte Beispiel in Mitteleu-
ropa für eine Gartenkunst der Aufklärung (englischer
Gartenstil). Die Natur wurde ausgestellt, indem man
Bäume und Sträucher planmäßig, aber ungestutzt
wachsen ließ. Diese Gartenkunst war von den Ideen
Rousseaus beeinflusst. Der Garten bekommt im Ro-
man Symbolwert. In ihm trennt sich Werther von Lot-
te, um an den Hof zu gehen; Werther sieht Lotte „im
Schatten der hohen Lindenbäume“ (HL S. 50/R S. 71)
entschwinden.
ein fühlendes „Herz“ wird häufig genannt; „Herz“ ist das Synonym
Herz für Gefühl, Empfindsamkeit und Natürlichkeit sowie
der Gegensatz zu analysierendem Verstand, Sach-
lichkeit und Konstruktion. Das Herz charakterisiert
Werther.
HL S. 7/ Brunnen Die Beschreibung meint den Wildbacher Brunnen in
R S. 8 Wetzlar (heute: Goethebrunnen). Er bekommt Sym-
bolbedeutung, denn Werther hat mit Lotte bei diesem
Brunnen ein säkularisiertes Erlebnis mythischer Art
(„wie vor einem Propheten“, HL S. 29/R S. 41). Er
wird deshalb erinnert (vgl. auch HL S. 8/R S. 10) und
zum Symbol urmythischer Erneuerung, in dem sich
antik-heidnische, religiöse und mythologische (siehe
„Melusine“) Vorstellungen vereinen.
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Leben und Werk -interpretation
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 7/ Melusine Meernixe und Tochter der Fee Persine; sie wurde von
R S. 8 ihrer Mutter bestraft, immer samstags verwandelt zu
werden (halb Frau, halb Fisch), bis sie durch einen
Mann erlöst wird. Als ihr Mann sein Versprechen, sie
samstags zu meiden, bricht, erkennt er ihre Herkunft,
und Melusine entweicht in Drachengestalt. Die franzö-
sische Sage stammt aus dem späten 14. Jahrhundert,
geht aber auf verbreitete Märchen zurück, in denen
ein übernatürliches Wesen sich mit einem Menschen
verbindet. In deutschen Nacherzählungen ist Melusi-
ne in einen Brunnen gebannt. Goethe, dessen Mutter
das Volksbuch von der schönen Melusine las, hat das
Märchen in Sesenheim erzählt75 und später in seinen
Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre aufgenommen.
Töchter der Märchen wie Der Froschkönig, Das Wasser des Lebens,
Könige, pat- Frau Holle und Märchen aus tausendundeiner Nacht,
riarchalische antike Sagen und Mythen, Homers Odyssee (Nausikaa,
Idee die Königstochter, geht zum Fluss, um Wäsche zu wa-
schen) und alttestamentarische Szenen (1. Buch Mose
24, 11–20.) sind mitzudenken. Brunnen und Wasser
waren ein Geschenk der Götter oder wurden von
Heiligen (Bonifacius) geschaffen. An Brunnen wur-
den wichtige Entscheidungen getroffen: Die Braut
werbung Rebekkas für Isaak fand dort statt, Jakob
und Rachel trafen sich, Joseph ahnt seine Berufung.
Griechisch-antike und alttestamentarische Ordnungen
stehen für die „patriarchalische Idee“ und repräsen-
tieren „patriarchalisches Leben“ (HL S. 24/R S. 33),
in denen zwischen Menschen und Göttern/Natur eine
Übereinkunft bestand. Werthers Glaube ist ein säku-
larisierter und erweist sich als ein deistisch-aufkläre-
rischer (Gott hat keine Beziehung zur Welt), der bei
ihm antike Mythologie, germanische Traditionen und
Elemente des Christentums zusammenführt. Zu den
Alt- oder Erzvätern (Patriarchen), die ursprünglich für
die biblischen Urgeschlechter stehen, zählt Werther
auch Homer (HL S. 8/R S. 9).
75 Vgl. Dichtung und Wahrheit. BA 13, S. 480 f.
72 Johann Wolfgang von Goethe
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 7 f./ meine Bücher/ Die abgelehnten Bücher sind wissenschaftliche und
R S. 9 Homer juristische Werke; ihm reicht sein Homer. Es wieder-
holt sich der Gegensatz der Gärten: Der Wissenschaft
steht die Natürlichkeit gegenüber. Hier wird die
entscheidende Bedeutung Homers für den Roman
begründet. Homer, blinder griechischer Dichter der
zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr., schrieb die
beiden Epen Ilias und Odyssee. Goethe las in Wetzlar
viel in Homers Odyssee.
HL S. 8/ vom Kummer Melancholie: Schwermut, Trübsinn; griech.: schwarze
R S. 9 zur Aus- Galle. Die vier menschlichen Temperamente entspre-
schweifung chen in der Antike vier menschlichen Grundtypen:
und von Phlegmatiker, Sanguiniker, Choleriker und Melancho-
süßer Melan liker. Werther versteht sich als Verbindung der vier
cholie zur Temperamente und damit als vollkommener Mensch:
verderblichen Kummer (Phlegmatiker), Ausschweifung (Sanguini-
Leidenschaft ker), Melancholiker und Leidenschaft (Choleriker).
geringen Werther beschreibt die ständische Gliederung (Stän-
Leute / Leute debaum), die streng hierarchisch ist. Indem er sie
von einigem nicht einhält, bereitet sich der Konflikt mit der adligen
Stande Gesellschaft vor.
Flüchtlinge oberflächliche (flüchtige), unstete Menschen, auch
Narren
HL S. 8/ Jungfer Anrede jungfräulicher, unverheirateter Frauen aus
R S. 10 dem Bürgertum; adlige Frauen wurden mit „Fräulein“
angesprochen. Goethe entwickelte daraus den ers-
ten Dialog zwischen Faust und Gretchen (s. Faust I,
V. 2605 f.). Die Frankfurter Polizeiordnung bestimmte,
dass Jungfern im Gegensatz zum Fräulein keinen
Schmuck tragen durften.
Kringen Tragring, ringförmiges Polster, verwandt mit: Kringel
(kleiner Kreis)
HL S. 9/ artig Modewort des Sturm und Drang in vielseitiger Bedeu-
R S. 10 tung im Wortfeld „gesittet, folgsam“: z. B. niedlich,
zierlich, höflich, hübsch, aufmerksam, wohlerzogen,
angenehm u. a.; im Roman häufig verwendet.
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HL S. 9/ Freundin Kurz vor seinem Ende ist Werther dieser Tod im Ab-
R S. 11 meiner schiedsbrief an Lotte gegenwärtig (HL S. 99/R S. 143).
Jugend Gemeint ist der Tod Henriette von Roussillons, die am
18. April 1773 starb. Goethe hatte die Hofdame der
Herzogin von Pfalz-Zweibrücken 1772 in Homburg,
Darmstadt und Frankfurt als Urania in Mercks Kreis
der „Gemeinschaft der Heiligen“ erlebt. Zu der Ge-
meinschaft gehörten auch Caroline Flachsland („Psy-
che“), Herders spätere Frau, und Louise Henriette von
Ziegler („Lila“).
Herz / Es ist eine typische sprachliche Folge des Sturm
Natur/ und Drang: Auf der Grundlage des Gefühls (Herz)
Witz /Modifi- entwickelt sich der Verstand (Witz) in seinen unter-
kationen / schiedlichen Erscheinungsformen (Modifikationen),
Stempel des um dann beim Genie anzulangen, wenn die natürliche
Genies Begabung des Menschen es ermöglicht und er die
Konventionen verlässt. Den Sturm und Drang nannte
man auch „Geniezeit“, die führenden Vertreter „Origi-
nalgenies“ (Goethe, Lenz, Klinger u. a.).
Akademien / Damit wird der Gegensatz zum Genie beschrieben,
wisse mehr als der Philister, der sich an das Studium auf der Uni-
andere / flei- versität (Akademie) und das Regelwerk hält (Fausts
ßig /hübsche Famulus Wagner, Albert).
Kenntnisse
HL S. 9/ Batteux / Mögliche Regelwerke des Philisters werden aufge-
R S. 11 f. Wood / zählt. Es handelt sich um französische, englische und
de Piles / deutsche Kunsttheoretiker, die Regeln und Ordnun-
Winckelmann / gen entwickelten. Für Goethe wichtig wurde später
Sulzer/Heyne Johann Joachim Winckelmann (1717–1768). Christian
Gottlob Heyne (1729 –1812): Altphilologe, seit 1763 in
Göttingen, und für den jungen Goethe 1765 Ziel des
Studienwunsches, nach 1800 für Goethe ein wichtiger
Partner bei der Beobachtung der Beziehung zwischen
Poesie und bildender Kunst.
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 10/ brav Modewort des ausgehenden 18. Jahrhunderts, in Zita-
R S. 12 ten (Schillers Wilhelm Tell: „Der brave Mann denkt an
sich selbst zuletzt“) und Titeln (Bürgers Lied vom bra-
ven Mann, 1778) zu finden. Vieldeutig: wild, unbän-
dig, wacker, fürsorglich u. a. Keineswegs im heutigen
Sinne mit „langweilig“ zu verwechseln.
Amtmann Verwaltungsbeamter; in Goethes Leben war dieser
Amtmann Henrich Adam Buff (1711–1795), der im
„Deutschen Haus“ der Deutschordensritter die Güter
des Ordens in der Umgebung von Wetzlar verwaltete.
Heute das Lottehaus (Lottestr. 8) mit einer Sammlung
zu Goethe und Charlotte Buff.
Wenn ich Indem Goethe Satzzeichen in der zweiten Fassung
die Einschrän- ändert, wird die Periode durch einen Hauptsatz, der
kung … demonstrativ eingeleitet wird („… bemalt – Das alles,
Wilhelm, macht mich stumm.“, HL S. 10/R S. 12) voll-
kommen. Diesen Stil, der die Ordnung suggeriert, in
der Werther bisher gelebt hat, setzt er in den nächsten
Absätzen fort. Noch ist Werther in der Lage, gramma-
tisch folgerichtig zu formulieren. Das wird nach der
Begegnung mit Lotte anders.
die Wände, Das erinnert an Platons Höhlengleichnis, in dem der
zwischen gefangene Mensch nur die Schatten auf der Wand der
denen man Höhle erkennt, wenn hinter ihm ein Feuer brennt.
gefangen
sitzt, mit bun-
ten Gestalten
und lichten
Aussichten
bemalt
HL S. 11/ Wahlheim Der Herausgeber weist auf den Namenswechsel hin
R S. 14 und bleibt dadurch für den Leser gegenwärtig. Tat-
sächlich handelt es sich um Garbenheim, heute in
Wetzlar eingemeindet.
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 12/ allein an die Werther bekennt sich zur Ästhetik und Widerspieg-
R S. 15 Natur halten lungstheorie der Gegenwart, die vor allem von
Rousseau (Contrat social – Gesellschaftsvertrag)
beeinflusst wurde; er trennt sich von der systematisie-
renden Kunstwissenschaft.
Regel/bürger- Werther sieht über die sich formierende bürgerliche
liche Gesell- Gesellschaft hinaus, wenn er sie mit der Nützlichkeit
schaft /Natur einer Regel vergleicht und anerkennt, ihr aber vor-
wirft, „das wahre Gefühl von Natur“ zu „zerstören“.
Dem entspricht die Formulierung, dass ein „Philister“
ein Mann der Ordnung (Regel) „in einem öffentlichen
Amte“ ist.
HL S. 13 / Weck u. a. Weizenbrötchen in länglicher Form, süddeutscher
R S. 16 f. Begriff; in der Szene mit der einfachen Frau werden
mehrere süddeutsche Begriffe und vor allem im Süd-
deutschen übliche Diminutive verwendet, um den Ori-
ginalcharakter und das einfache Volk zu beschreiben
(Scharre = das aus dem Topf Gescharrte; Pfännchen,
Süppchen).
HL S. 16 / Ball auf Der tatsächliche Ball fand am 9. Juni 1772 im Jagd-
R S. 21 dem Lande haus in Volpertshausen statt. Goethe fuhr mit entfern-
ten Verwandten, den Töchtern seiner Großtante, der
Hofrätin Susanne Cornelia Lange („meine Tante“, HL
S. 5/R S. 6), dorthin; sie holten unterwegs gemeinsam
Charlotte Sophie Henriette Buff (1753 –1828), Tochter
des Amtmanns Henrich Adam Buff (1711–1795), ab.
Johann Georg Christian Kestner (1741–1800), Kam-
mergerichtssekretär und Mitglied der hannoverschen
Gesandtschaft in Wetzlar, der sich mit Charlotte ver-
bunden fühlte, kam entgegen dem Roman später auf
den Ball. An dem Ball nahm auch Jerusalem teil.
einem hie Es war die Tochter der Großtante, die siebzehnjährige
sigen guten, Johannette Lange, die Goethe vor Lotte umwarb.
schönen,
übrigens un-
bedeutenden
Mädchen
76 Johann Wolfgang von Goethe
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 17/ weißes Kleid, Das Ballkleid Lottes ist ähnlich berühmt geworden wie
R S. 22 mit blassroten die Werther-Kleidung und eines der folgenreichsten
Schleifen Leitmotive: Das weiße Kleid mit blassrosa Schleifen
verbindet sich mit dem ebenso berühmten Symbol des
Brotschneidens, das von der bildenden Kunst immer
wieder verwendet wurde. Diese Motive haben einen in
der Literatur einzigartigen Weg genommen. Sie sind
aus Goethes Roman in Thomas Manns Lotte in Weimar
gewandert. Als Thomas Mann die Begegnung zwi-
schen Goethe und Lotte 1816 beschrieb, ließ er sie „in
dem weißen, fließenden, aber nur knöchellangen, vor
der Brust mit einer Agraffe faltig gerafften Kleide mit
dem blassrosa Schleifenbesatz“ erscheinen (Berlin:
Aufbau, 1963, S. 357).
HL S. 18 / Miss Jenny Anspielung auf den zeitgenössischen französischen
R S. 24 Moderoman Marie-Jeanne Riccobonis Histoire de Miss
Jenny Glanville (1764, übersetzt von Johann Gottfried
Gellius); steht für die empfindsamen Romane der Art
des Engländers Richardson.
HL S. 19/ Landpriester Oliver Goldsmiths Der Landprediger von Wakefield
R S. 25 von Wakefield (1766) hatte Goethe 1770 durch Herder kennengelernt
und ging darauf ausführlich in Dichtung und Wahrheit
(BA 13, S. 459 – 463) ein. Einzelne Episoden in Goe-
thes Roman ähneln solchen bei Goldsmith: Werther
trifft einen Studenten, der sich an ihn hält, da er
zeichne und Griechisch könne („zwei Meteore hierzu-
lande“, HL S. 9/R S. 11). In Goldsmith’ Roman erfährt
ein junger Akademiker, dass in Löwen „nicht zwei
Männer zu finden seien, die Griechisch verständen“
(Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield. Berlin:
Gefion Verlag, o. J., S. 163)
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 77
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Leben und Werk -interpretation
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 19/ Menuetts u. a. Begriffe vom Tanz, hier: Einzelpaartänze, Contretanz;
R S. 26 Tanz, bei denen sich die Tänzer begegnen und wie-
der lösen, der sich nach 1750 auch bei Volksfesten
verbreitete. Eine extreme Form des Contretanz wurde
der Cancan. Es gab den Englischen, den Französischen
und den Deutschen Contretanz.
Chapeau – franz.: Hut, vertraulich: Tanzherr. – „die
große Achte“ (HL S. 20/R S. 28): Figur im Contretanz,
Promenade – Teil des Tanzes, Tänzer promenieren,
d. h. gehen normal.
HL S. 22 / Klopstock / Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 –1803) war ein
R S. 30 herrliche Ode / bekannter Lyriker, der eine große Anhängerschar
wonnevollste hatte. Mit den Themen seiner Gedichte (Landschaft,
Tränen Naturereignisse, Gefühle, Idyllen) traf er die Erwar-
tungen der jungen Menschen, besonders der Stürmer
und Dränger. Es reicht die Namensnennung, damit
sich Werther und Lotte einig sind, denn in der Früh-
lingsfeier (1758) werden viele „Freudentränen“ über
die Schönheit der Welt vergossen. In der Ode wird ein
nächtliches Gewitter beschrieben, aus dem die Welt
„erquickt“ entsteht und – wie später in Goethes Pro-
metheus – die Hütte des Sprechenden (des lyrischen
Subjekts) erhalten bleibt: „Aber nicht unsre Hüt-
te! / Unser Vater gebot / Seinem Verderber / Vor unsrer
Hütte vorüberzugehn!“. In Weimar wurde Goethe
1776 von Klopstock wegen seines Lebenswandels
gerügt und, da er die Rüge nicht annahm, mit Feind-
schaft bedacht.
HL S. 24 / die über Bezieht sich fast wörtlich auf Homers Odyssee, 2.,
R S. 33 mütigen Vers 299 und 20. Gesang, Vers 251 f. Penelope, die
Freier der Frau des Odysseus, wird, während ihr Mann im
Penelope Mittelmeer umhergetrieben wird, von zahlreichen
Freiern bedrängt, die Odysseus nach seiner Rückkehr
erschießt.
78 Johann Wolfgang von Goethe
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 25 / des Lehrers Variation zum Neuen Testament, Matthäus 18,3. Der
R S. 34 der Men- Lehrer der Menschen ist jedoch nicht nur Jesus, son-
schen / Wenn dern auch Rousseau, dessen „stille Gemeinde weit
ihr nicht wer- und breit“ (BA 13, S. 600) Goethe erlebt. Das Bibel-
det wie eines wort bezieht sich auch auf Rousseaus Emile oder Von
von diesen der Erziehung (1762) und den Gedanken der „negati-
(Kindern) ven Erziehung“, die Werther an Lottes Geschwistern
übt. Darunter ist der Schutz der Kinder vor der schäd-
lichen Erziehung der Zivilisation zu verstehen; von
ihr befreit, werden sie zu Mustern der „natürlichen
Erziehung“.
radotieren schwätzen, leeres Gerede machen; vgl.: „Radotage“
(HL S. 40/R S. 56): Geschwätz
HL S. 25 / Quakelchen Nesthäkchen (quäkendes Kind)
R S. 35
HL S. 26 / Fratzen hier: Possen, albernes Gerede; sonst: verzerrtes
R S. 36 Gesicht, auch als „der Fratze“ (HL S. 36/R S. 49) für
Werther als Possenreißer, weil er sich einbildete,
Ansprüche auf Lotte zu haben.
HL S. 27/ von Lavatern Der Herausgeber weist auf eine Predigt Lavaters Mit-
R S. 38 (…) über das tel gegen Unzufriedenheit und üble Laune (1773) hin.
Buch Jonas Diese Predigt befand sich in Lavaters Predigten über
das Buch Jonas (1773), das Goethes Mutter von Lava-
ter erworben hatte. Erste Erwähnung des mit Goethe
zu der Zeit befreundeten Schriftstellers und Verfas-
sers der Physiognomischen Fragmente (1775 –1778)
im Roman.
HL S. 30 / Lottens Die Augenfarbe wurde für die Lotte des Romans von
R S. 41 f. schwarzen Maximiliane La Roche genommen; Charlotte Buff
Augen hatte blaue Augen.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 79
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 30 / Ossian Der schottische Lehrer und Dichter James
R S. 42 Macpherson (1736 –1796) ahmte gälische Volks
dichtung nach und gab sie 1761–1765 als Werke eines
legendären keltischen Sängers namens Ossian aus.
Die Sammlung wurde vom Sturm und Drang, Herder
und Klopstock gefeiert, obwohl man die Fälschung
ahnte. Einen Dichter Ossian gab es nicht; ein alt
irischer Sagenkreis, der von einem blinden, greisen
Sänger weitergegeben worden sein soll, war seit dem
Mittelalter vorhanden; Vergleichbares findet sich aber
auch in anderen Kulturen (Homer). Es ist die erste Er-
wähnung im Roman; von nun an sind Ossian und Ho-
mer Ausdruck zweier gegensätzlicher Welten (vgl. HL
S. 70/R S. 100), aus dem Heldengesang werden Toten-
gesänge, die auch Totenbeschwörung sind: „(…) redet
ihr Geister der Toten!“ (BA 9, S. 253). 1773 gaben
Goethe und Johann Heinrich Merck die Bände I und
II einer englischen Neuausgabe des Ossian heraus.
Im gleichen Jahr erschien Herders Auszug aus einem
Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker
in der Sammel- und Programmschrift des Sturm und
Drang Von deutscher Art und Kunst.
HL S. 32 / der Degen Bei Niederlagen oder in Gefangenschaft gaben Offi-
R S. 44 genommen ziere als Zeichen der Unterwerfung ihre Degen ab.
Gefangennahmen erfolgten, wie in Goethes Egmont
durch Alba, mit dem Befehl „Halt, Egmont! Deinen
Degen!“
HL S. 33 / Bononischen Leuchtender Schwerspat, entdeckt von einem Schus-
R S. 46 Steine ter aus Bologna, deshalb Bononischer oder Bolog-
neser Stein genannt; Goethe beschreibt ihn in seiner
Italienischen Reise (20. Oktober 1786).
Surtout franz.: Überrock
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 34 / Schattenriss Nach Lavaters Physiognomielehre waren Schatten-
R S. 47 risse das entscheidende Material für die Beurteilung
des Menschen; in einem schönen Profil komme eine
schöne Seele zum Ausdruck. Es war eine beliebte
Beschäftigung, sich gegenseitig zu schneiden und
die Schattenrisse als Zeichen von Freundschaft und
Vertrautheit einander zu schenken. Goethe fertigte
einen Schattenriss von Lotte an und war an Lavaters
Untersuchungen beteiligt, mit dem er seit 1773 in
Verbindung stand. Die Szene im Roman geht vermut-
lich direkt auf Lavater zurück. Dieser kritisierte an
den Malern, sie arbeiteten nicht wahr genug; seine
Schattenrisse dagegen galten ihm als wissenschaft-
liches Material. So versagt auch Werther als Maler,
nicht aber beim Schattenriss. Vgl. Dichtung und Wahr-
heit, 14. Buch (BA 13, S. 652). Lottes Schattenriss
begleitet Werther bis zuletzt und wird zum Symbol
seiner Leidenschaft. Werther wendet im Brief vom
8. August seine Kenntnisse von der Physiognomie
an, wenn er von „Abfällen“ (Abstufungen) der „Ha-
bichts- und Stumpfnase“ spricht (HL S. 36/R S. 50).
Auch Goethes Bekanntschaft mit Charlotte von Stein
begann mit einem Schattenriss: Im Juli 1775 gab ihm
ein Freund Lavaters, der Arzt Johann Georg Zimmer-
mann, Schattenrisse der Frau von Stein und Maria
Antonia von Branconis – der Mätresse des Erbprinzen
von Braunschweig –, zu denen Goethe eine Beschrei-
bung lieferte. Über die Schattenrisse (Silhouetten)
als Sinnbild des Menschen machte sich Lichtenberg
lustig und parodierte 1779 Lavaters Lehre, indem er
ein Fragment von Schwänzen schrieb, in dem er Tier-
und Burschenschwänze als Schattenriss abbildete
und erklärte, darunter einen Goethes. Auch stellte er
Aufgaben wie: „Welchen würde Homer wählen, wenn
er wiederkäme?“76
76 Georg Christoph Lichtenberg: Werke. Berlin und Weimar. Aufbau Verlag, 4. Auflage, 1982,
S. 290.
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Leben und Werk -interpretation
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 34 / Sand Mit Sand wurde Tinte gelöscht.
R S. 47
HL S. 35 / Magnetenberg Findet sich in indischen und chinesischen Märchen,
R S. 48 auch in Tausendundeine Nacht, im Gudrunlied und im
Volksbuch vom Herzog Ernst. Es war die Lieblings
geschichte von Goethes Mutter.
HL S. 35 / Prätension Anspruch
R S. 49
HL S. 38 / Pistolen, Das Terzerole ist eine kleine Pistole; es ist gegen Ende
R S. 52 f. Terzerole des ersten Buches die Parallelszene zum Ende des
zweiten Buches, als Werther sich die Pistolen für den
Selbstmord borgt.
HL S. 41 / ein gutes Die wahre Begebenheit betraf die in der Nähe von
R S. 57 junges Goethes Geburtshaus wohnende, vierundzwanzigjäh-
Geschöpf rige Schreinertochter Anna Elisabeth Stöber, die sich
1769 aus Liebeskummer ertränkte; vgl. BA 9, S. 645.
HL S. 42 / Prinzessin, die Märchen von einer gefangenen Prinzessin, die von
R S. 59 von Händen Händen versorgt wird, die aus der Zimmerdecke
bedient wird wachsen.77
HL S. 43/ Inzidentpunkt Vorfall, Einzelheit in einem Vorgang; juristischer
R S. 60 Fachausdruck
HL S. 46 / eine der Das Motiv wird ein letztes Mal in Werthers Abschieds-
R S. 64 blassroten brief erwähnt (HL S. 105/R S. 152).
Schleifen
Duodez u. a. Kleines Buchformat; gemeint ist die zweibändige,
zweisprachige (Lateinisch und Griechisch) Homer-
Ausgabe des Amsterdamer Buchdruckers J. H.
Wetstein im Gegensatz zur Ernestischen Ausgabe,
die fünfbändig ist (umfangreiche Kommentare).
77 Vgl. auch Rothmann, S. 39.
82 Johann Wolfgang von Goethe
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 47/ einen Die Ersteigung eines hohen Berges wird im 19. Jahr-
R S. 65 jähen Berg hundert in der Literatur zunehmend das Symbol für
Selbstbefreiung, die allerdings tödlich enden kann
(vgl. Dramen Henrik Ibsens wie Brand oder Wenn wir
Toten erwachen). Nach der Liebesszene mit Lotte und
vor seinem Selbstmord ersteigt Werther in der Nacht
außerhalb der Stadt einen Felsen, bei dem man sich
wunderte, dass er „ohne zu stürzen“ hinaufgekommen
ist (HL S. 99/R S. 143).
HL S. 47/ das härene Merkmale von Einsiedlern und der Buße; nach 2. Ko-
R S. 66 Gewand und rinther, 12,7 dient der „Stachel im Fleisch“ dazu, nicht
der Stachel- selbstherrlich zu werden.
gürtel
Ich werde sie Goethe verließ Wetzlar am gleichen Tag, nur einen
nicht wieder- Tag später, als der Roman handelt (11. September
sehn 1772). Damit ist die parallele Handlung zwischen
Goethe/Charlotte Buff und dem Roman zu Ende.
HL S. 48 / Boskett franz.: Büsche in Parkanlagen, Lustwäldchen
R S. 67
HL S. 51/ der Gesandte Jerusalems Liebe zu Elisabeth Herd und sein
R S. 72 Selbstmord dienten dem zweiten Buch als Vorlage.
Jerusalems Vorgesetzter war der braunschweigische
Gesandte von Hoefler.
herum prahlen, übertreiben
schwadro
nieren
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 83
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Leben und Werk -interpretation
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 52/ Partikel, Werther beschreibt seinen Schreib- und Sprachstil,
R S. 74 Inversionen, der repräsentativ für den Sturm und Drang ist. Par-
seinen Perio- tikel = nicht beugbares Wort (z. B. Präpositionen),
den u. a. Inversionen = Umstellung normaler Wortstellung
zugunsten einer besonderen Betonung, vorwiegend in
der Abfolge Personalform des Verbs und Subjekt („Bin
ich“, „Kann ich sagen …“), aber auch Erststellung von
Adverbien („Und da käme ein Philister …“, HL S. 12/R
S. 15); Periode (damals: der Period(e)] = Gesamt-
satz aus mehreren Teilsätzen, besonders beliebt im
Werther, da dadurch Satzgebirge entstehen, die den
Erzähler zu erschlagen drohen oder ihn verstummen
lassen: „Wenn ich die Einschränkung ansehe … wenn
ich sehe … und dann, dass alle … Das alles, Wilhelm,
macht mich stumm.“ HL S. 10/R S. 12). Herder for-
derte die Inversion als besonderes Stilmittel für die
zeitgenössische Literatur. Werthers Brief erinnert an
eine Stelle aus Herders Auszug aus einem Briefwechsel
über Ossian und die Lieder alter Völker, in der Herder
Elisionen fordert und ähnlich wie Werther plädiert78.
HL S. 53 / Deraisonne- Geschwätz, dummes Gerede, Gefasel
R S. 75 ment
das glänzende Die Formulierung stammt aus mystischem Denken; in
Elend seinem geistlichen Lied Die Verachtung der Welt hatte
Gerhard Tersteegen (1729) die gierige Sucht nach
Geld im Gegensatz zu christlicher Bescheidenheit mit
diesem Begriff versehen. Goethe benutzte das Be-
griffspaar für die hohle Adelswelt.
78 „(…) uns quälen diese schleppenden Artikeln, Partikeln usw. oft so sehr und hindern den Gang
des Sinns und der Leidenschaft“. In: Von Deutscher Art und Kunst. Hamburg 1773, Leipzig: Re-
clam, 1960, S. 47.
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 54 / Fräulein von Wahrscheinlich Louise Henriette von Ziegler
R S. 76 B. (1750 –1814), die als „Lila“ zu Mercks „Gemeinschaft
der Heiligen“ gehörte, bis zu ihrer Heirat 1774 Hof-
dame in Darmstadt. Als sie den Offizier Gustav von
Stockhausen 1774 heiratete, meinte sie, damit Goethe
unglücklich zu machen. Herders spätere Frau Caroline
Flachsland hätte Goethe gern mit Louise von Ziegler
verheiratet.79
Physiognomie Äußere Erscheinung des Menschen, vor allem
Gesichtsausdruck; Gegenstand der Forschungen
Lavaters (vgl. „Schattenriss“, HL S. 34/R S. 47).
HL S. 54 / ehernes, Die Entwicklungsperioden des Menschengeschlechts
R S. 77 eisernes nach Hesiod werden hier auf ein Menschenleben
Jahrhundert übertragen: Dem goldenen und silbernen Jahrhundert
folgen das eherne (das kriegerische Zeitalter der
Menschheit; hier: die Ehejahre) und das eiserne (die
Menschen ringen um ihre Existenz, hier: die Witwen-
jahre).
HL S. 55 / Marionette Werther hatte einen Doktor, der sich ganz in den Kon-
R S. 78 ventionen bewegte, als „dogmatische Drahtpuppe“
bezeichnet (29.6.1771; HL S. 24/R S. 33). Das war
für ihn und seine ungebundene Lebensführung der
denkbar größte Gegensatz, weil der Mensch seiner
Willensfreiheit beraubt worden ist. Nun sieht er sich
selbst in dieser Rolle. 1810 ging Heinrich von Kleist
in seinem Essay Über das Marionettentheater auf den
Vorgang ein und stellte den Verlust einer unbegrenzt
lebenden einer sich selbst bespiegelten Individualität
gegenüber.
warum ich Hier wird das Grundproblem Werthers berührt; er hat
aufstehe (…) es schon mehrfach reflektiert (vgl. HL S. 5/R S. 5). Ge-
org Büchners Danton sagt fast wörtlich entsprechend
in Dantons Tod (2. Akt, Beginn) „Das ist sehr lang-
weilig (…) des Abends immer ins Bett und morgens
wieder herauszukriechen.“
79 Vgl. Caroline Flachsland an Herder am 8. Mai 1772. In: Bode, Bd. 1, S. 27.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 85
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3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 58 / Krönungszei- Franz I. (1708 –1765), der Mann Maria Theresias,
R S. 82 ten Franz des wurde 1745 zum deutschen Kaiser gekrönt. Im ältes-
Ersten ten Schema zu seiner Biografie nannte ihn Goethe als
wichtige Gestalt seines Lebens. Baron F. trägt also
eine völlig überalterte Kleidung.
übel schlecht belieferten, versorgten
fournierten
HL S. 58 / Ulyss von dem Im 14. Gesang von Homers Odyssee (Ulyss ist die
R S. 83 trefflichen lateinische Form für Odysseus) wird der heimkehren-
Schweinhirten de Odysseus vom Schweinehirt Eumaios, der seinen
Herrn nicht erkennt, mit gebratenen Ferkeln und Wein
versorgt.
HL S. 60 / der Fürst Der Fürst trägt Züge des Erbprinzen von Braun-
R S. 86 schweig, Karl Wilhelm Ferdinand (1735 –1806), der als
General der Infanterie seit 1773 in preußischen Diens-
ten stand (General in ***schen Diensten, HL S. 63/R
S. 90). In seinen Diensten stand Jerusalem. Der Fürst
holte 1770 Lessing nach Wolfenbüttel und stellte ihn
als Bibliothekar ein. Goethe hatte erst in späterer
Zeit Kontakt zum Fürsten, vor allem aber mit dessen
schöner Mätresse Branconi. Der Erbprinz und diese
Mätresse waren von Lessing mindestens ansatzweise
in Emilia Galotti als Vorbild benutzt worden; das Stück
liegt am Ende des Romans aufgeschlagen vor dem
toten Werther. Die Skurrilität des Fürsten, die „wun-
derlichen Menschen“ um ihn (HL S. 63/R S. 89) und
anderes weisen auch auf den Landgrafen von Hessen-
Darmstadt Ludwig IX. (1719 –1790) hin, der seit 1744
in preußischen Diensten stand und in Pirmasens unter
den geschilderten Umständen wohnte. Goethe kannte
ihn durch Merck und besuchte den Hof der Landgräfin
Karoline in Darmstadt um 1772 mehrfach.
HL S. 61/ Erbprinz Der Erbprinz von Braunschweig, Karl Wilhelm Ferdi-
R S. 87 nand, hatte seit 1773 die zerrütteten Finanzen seines
Landes wieder in Ordnung gebracht. Er versuchte,
Jerusalem in seinen Diensten zu halten.
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HL S. 61/ Pilgrim Gehoben, heute veraltet für „Pilger“, abgeleitet von
R S. 87 lat. „peregrinus“ (der Fremde). In Mercks Freundes-
kreis wurde Goethe nicht zuletzt wegen seines Ge-
dichts Pilgers Morgenlied als „Pilgrim“ gesehen.80
HL S. 62/ Altväter Ursprünglich sind Patriarchen die Altväter (vgl. An-
R S. 89 merkung zu S. 7/8), Goethe rechnet auch Dichter wie
Homer dazu.
HL S. 69/ Kanons Goethe persiflierte in der „Frau des neuen Pfarrers“
R S. 99 meliert (HL S. 69/R S. 99) die Frankfurter Pietistin Johanna
Dorothea Griesbach (1726–1775), über die er kein
günstiges Urteil fällte.81 Sie mischte sich in die kri-
tische Betrachtung des Kanons, die von der Kirche
offiziell anerkannten Bücher, ein. Der Engländer
Benjamin Kennikott, der Hallenser Professor Johann
Salomo Semler und der Göttinger Orientalist Johann
David Michaelis (HL S. 70/R S. 99) waren Vertreter
der aufklärerischen Theologie. Zu diesen Bemüh
ungen gehörten auch „Lavaters Schwärmereien“ (HL
S. 69/R S. 99), die von der Pfarrerin mit Achselzucken
abgetan werden, denen Goethe in dieser Zeit mit
großem Verständnis und begeisterter Freundschaft
begegnete; später tat er Lavater „wie einen Schwind-
ler ab“82.
HL S. 70 / Prätensionen juristisch: Ansprüche
R S. 99
HL S. 70 / Ossian Vgl. Anmerkung zu S. 30/42. Ossians Welt ist nördlich,
R S. 100 nächtlich und wild. An der Stelle von Göttern wirkt
eine unerbittliche, auf den Tod ausgerichtete Natur.
Barden (altkeltische Sänger) erhalten das Andenken
an die Helden, die jung untergehen, um desto glän-
zender in den Gesängen bewahrt werden zu können.
In Werthers Brief mischen sich eigene Vorstellungen
mit Zitaten Ossians.
80 Louise von Stockhausen (geb. Ziegler) fragt 1778 bei Caroline Herder nach, was „Goethe, der
liebe Pilgrim“ mache. Vgl. Bode, Bd. 1, S. 25.
81 Vgl. BA 9, S. 647, Anmerkung zum 15. September.
82 Friedenthal, S. 184.
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HL S. 73 / verlechter Rissiger, ausgetrockneter, undichter Holzeimer;
R S. 104 Eimer verwandt mit Leck und lechzen.
HL S. 74 / Religion Werther erweist sich als bibel- und religionskundig,
R S. 105 ohne in der Religion Trost zu finden. Goethe berief
sich auf eine eigene Religion, die eine Mischung aus
verschiedenen, auch mystischen und kabbalistischen
Denkmöglichkeiten war (vgl. Dichtung und Wahrheit,
8. Buch, in: BA 13, S. 379). In seinem Brief verwendet
Werther nacheinander aus dem Neuen Testament
Johannes 6, Vers 37, 44, 65 und 17, Vers 24, Matthäus
26, Vers 39 und 27, Vers 46, außerdem aus dem Alten
Testament Psalm 104, Vers 2. Werther trägt Züge
eines säkularisierten Christus oder, wie Lenz treffend
sagte, eines „gekreuzigten Prometheus“.
HL S. 77/ General Regierung der Vereinigten Niederlande, bis 1795 offi-
R S. 109 staaten zielle Bezeichnung; als Anspielung auf den Reichtum
der Niederlande gemeint.
HL S. 79/ die alte Werthers veränderter Zustand wird in seinem Ver-
R S. 112 himmelsüße hältnis zu Lottes Klavierspiel deutlich. Lottes „Leib-
Melodie lied“ (HL S. 32/R S. 45) heilte Werther am 16. Juli
1771 von „aller Pein, Verwirrung und Grillen“ (HL
S. 32/R S. 45). Nun verdrängt die gleiche Melodie das
„Trostgefühl“, macht Verdruss und „fehlgeschlagene
Hoffnungen“ frei (HL S. 79/R S. 112) und scheint bei
Werther aggressives Verlangen freizusetzen.
ihr Trauring So viel wie: ihr Trauring fiel mir auf, fiel mir in die Au-
fiel mir ins gen; keinesfalls: der Trauring fiel wirklich vom Finger.
Gesicht
HL S. 83 / Du bist nicht Werther geht vom Singular in den Plural über und
R S. 119 zu retten (…) sieht sich in einem ähnlichen Schicksal wie der
wir Knecht. Die Funktion der Parallelhandlung wird
offenkundig.
HL S. 84 / nicht gerecht Werther gibt seine juristische Verantwortung auf,
R S. 120 (…) Gerech- Albert steht zu ihr. Der Unterschied beider wird zum
tigkeit grundsätzlichen Gegensatz.
88 Johann Wolfgang von Goethe
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geschichte aufgaben
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL S. 87/ Wachs gezogene, dünne Wachslichter
R S. 126 stöckchen
HL S. 90 / Kontos zu Abrechnungen erledigen
R S. 129 fordern
HL S. 92/ Gesänge Es sind die Songs of Selma, die Goethe in Straßburg
R Ossians übersetzt hatte. Sie haben weniger einen Inhalt als
S. 133 ff. mehr eine Stimmung. Klagen um tote Freunde deuten
Werthers Hoffnung an, man möchte auch ihn so be-
trauern. Die Häufung von Namen hat für die Handlung
kaum Bedeutung; es kommt auf die Stimmung an, die
durch die Gesänge vermittelt wird.
HL wir werden Gegen Ende des Romans wiederholen sich Begeg-
S. 100 / uns wieder- nungen (Bauernburschenepisode) und Erinnerungen
R S. 145 sehen (Begräbnis der „Freundin der Jugend“, HL S. 9 und
S. 99/R S. 11 und S. 143); auch Werthers Hoffnung auf
ein Weiterleben wiederholt sich (HL S. 51/R S. 72).
HL Priester/Levit / Vgl. Lukas 10, 30 – 33: Während Priester und Levit
S. 105 / Samariter (Priester aus dem Stamme der Levi) an einem Über-
R S. 151 fallenen vorbeigehen, hilft ihm ein Samariter (Einwoh-
ner aus Samaria, der auch die Feinde liebt). Es wird
Werthers säkularisiertes Menschenbild erkennbar,
zumal er sich kurz zuvor selbst von den „frommen
Christen“ ausschließt: Während die zur Nächstenliebe
verpflichteten, christlichen Repräsentanten „sich seg-
nend“ vorübergehen, weint der Samariter „eine Trä-
ne“, Zeichen der Übereinstimmung mit dem Toten.
HL Ader am Arme Zur Entlastung des Kreislaufs lässt man Werther zur
S. 106 / Ader. Es wird das Bild aufgenommen, das Werther
R S. 153 schon einmal von Pferden auf sich übertrug: Pferde
hätten sich eine Ader aufgebissen, um sich „zum
Atmen zu helfen“, „(…) ich möchte mir eine Ader öff-
nen, die mir die ewige Freiheit schaffte“ (HL S. 60/R
S. 85).
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 89
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Leben und Werk -interpretation
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
HL „Emilia Trauerspiel von Lessing (1772); Goethes Urteil über
S. 106 / Galotti“ das Stück war unterschiedlich. Gegen Ende seines
R S. 153 Lebens verglich er es mit einer „Mumie“, die man auf-
bewahre. Kurz nach dem Erscheinen war er, wie viele
andere, jedoch begeistert. Auch Jerusalem hatte es
bei seinem Selbstmord auf dem Pult liegen, daneben
ein eigenes Manuskript mit dem Titel Von der Frei-
heit83. Emilia Galotti fordert von ihrem Vater den Tod,
weil sie sowohl ihre Tugend erhalten als sich auch
dem sinnlichen Verlangen, mit dem sie dem Prinzen
zu verfallen droht oder schon ist, entgehen will. Inso-
fern ist ihr Tod dem von Werther ähnlich. Beide be-
nutzen ihre letzte Entscheidung für „ewige Freiheit“.
83 Vgl. Rothmann, S. 105.
90 Johann Wolfgang von Goethe
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4 Rezeptions 5 materialien 6 prüfungs
geschichte aufgaben
3.6 Stil und Sprache
3.6 Stil und Sprache
Zusammen
Werther verwendet die Sprache eines Stürmers und Drän fassung
gers: leidenschaftlich, mit Interjektionen (Ausrufen), Inver
sionen (Umkehrungen der Wortstellung) und imperativisch.
Die Sprache des Sturm und Drang wird in der zweiten
Fassung geglättet; sprachliche Formen wie Oxymoron und
Ellipse sorgen für einen ausdrucksstarken Stil. Eine beson
dere Rolle in den predigtartigen Bekenntnisbriefen spielt die
stilistische Figur der Klimax.
Der wichtigste Erzähler des Romans ist der Briefeschreiber Erzähler
Werther. Er gibt mehrfach Auskunft über die sprachliche Gestal
tung. An Wilhelm schreibt er, wie sich das Sprachempfinden des
Gesandten und sein eigenes grundsätzlich unterscheiden: Der
Stürmer und Dränger liebt „Bindewörtchen“ (HL S. 52/R S. 74),
Inversionen – Umstellungen in der üblichen Wortstellung wie „das
mich umso mehr verdrießt“ (HL S. 34 /R S. 47) statt „das verdrießt
mich umso mehr“ – und fügt die Perioden neu (HL S. 52/R S. 74).
Werther folgt Empfehlungen Herders für die sprachliche Gestal
tung, der in seinen Fragmenten Über die neuere deutsche Literatur
(1767) die Inversion als besonders geeignetes sprachliches Mittel
des Sturm und Drang für die Beschreibung von Leidenschaften
empfahl. 84 Am 10. Oktober 1772 erklärte Werther die Funkti
on der Gedankenstriche als Zeichen, wenn die Worte versagten
84 Die Inversionen geben „in ihrer biegsamen Sprache jedem Wink der Leidenschaften und des
Nachdrucks nach“. Johann Gottfried Herder: Werke, hrsg. von Theodor Matthias. Leipzig und
Wien: Bibliographisches Institut, 1. Bd., S. 43.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 91
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Leben und Werk -interpretation
3.6 Stil und Sprache
(HL S. 70/R S. 100). Goethe ersetzte von der ersten zur zweiten
Fassung die kantige und derbe Sprache des Sturm und Drang;
er glättete sie mit einem klassisch werdenden Sprachgefühl. So
wurde z. B. der „Kerl“ durch „Mann“ (HL S. 10/R S. 12), die „alte
Schachtel“ durch die „Alte“ ersetzt (HL S. 54/R S. 76)85.
Bemerkenswert sind im Roman die Oxymora. Das sind schein
bar unhaltbare Verbindungen von Gegensätzen, deren Zusam
menstellung einen neuen Sinn ergibt („das glänzende Elend“, HL
S. 53/R S. 75).
Syntax Syntaktisch fallen die langen Perioden beim Satzbau auf, die
sowohl aus dem klassischen Latein stammen als auch den Cha
rakter von Predigten bzw. juristischen Urteilen bestimmen. Durch
Klopstocks Oden hatten sie weite Verbreitung erfahren und erfuh
ren im Werther ihre Bewährungsprobe in der Prosa: „Wenn das
liebe Tal (…) wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt (…) wenn ’s
dann um meine Augen dämmert (…) dann sehne ich mich oft“ (HL
S. 6 f./R S. 7). Nachdem Werther Lotte getroffen hat, versagt die
Sprache ihren Dienst zur Beschreibung der Ereignisse; Werther
flüchtet sich in Ellipsen (unvollständige Sätze wie „Ich habe – ich
weiß nicht.“, HL S. 15/R S. 20).
Klimax Von den zahlreichen anderen sprachlich-stilistischen Merkma
len soll auf eine verwiesen werden, die der steigenden und fallen
den Handlung entspricht: Der Brief vom 10. Mai 1771 (HL S. 6 f./R
S. 7 f.) fällt unter den an Wilhelm gerichteten Briefen aus dem
Rahmen: Er beschreibt keine Handlung, sondern ausschließlich
Werthers Zustand. Dieser ist von Heiterkeit geprägt, die sich bis
zur Gottnähe Werthers („fühle die Gegenwart des Allmächtigen“,
HL S. 7/R S. 7) steigert. Das vollzieht sich als Klimax, eine „stei
85 Brief vom 17.5.1771, BA 9, S. 13, Reclam-Ausgabe, S. 12; Brief vom 24.12.1772., BA 9, S. 65,
Reclam-Ausgabe, S. 76.
92 Johann Wolfgang von Goethe
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geschichte aufgaben
3.6 Stil und Sprache
gernde, koordinierende, häufende Figuration“86, die in diesem Fal
le mehrfach auch durch „Ich“ eingeleitet wird: „Ich bin allein (…)“,
„Ich bin so glücklich (…)“, „Ich (…) bin nie ein größerer Maler
gewesen“ (HL S. 6/R S. 7). Auf dem Höhepunkt der Klimax („die
Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie
die Gestalt einer Geliebten“ HL S. 7/R S. 7) schlägt die Klimax um
(„dann“) und löst sich in einer Wunschvorstellung schöpferischer
Tätigkeit auf, die allerdings im Angesicht des Wunders der Na
tur an ihre Grenzen stößt. Die Klimax entspricht der dialektischen
Weltsicht Werthers. Die rhetorische Figur, Klimax und Kadenz, sei
keine Erfindung Goethes, sondern eine zu der Zeit bekannte Figur,
„die dem Kreis um Herder und Goethe“ bekannt war, „eine Figur,
deren Tradition auf die Patristik [= Wissenschaft von den Lehren
der Kirchenväter], besonders auf die Schriften des Gregorius von
Nyssa, zurückgeht.“87 Diese Figur gehört zur Werther-Prosa, die
sich durch predigerähnliche Satzperioden auszeichnet. Zur Kli
max werden sie durch die Richtungen der Steigerung oder des
Fallens. Werther benutzt sie bei Naturbeschreibungen, um seinen
Gemütszustand zu beschreiben. Ein Höhepunkt ist der Brief vom
18. August (HL S. 43 f./R S. 60 ff.).
86 Wolfgang Fleischer und Georg Michel: Stilistik der deutschen Gegenwartssprache.
Leipzig: Bibliographisches Institut, 1975, S. 174.
87 Elizabeth M. Wilkinson: Theologischer Stoff und dichterischer Gehalt in Fausts sogenanntem
Credo. In: Werner Keller (Hrsg.) Aufsätze zu Goethes ‚Faust I‘. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, 1984, S. 552.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 93
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Leben und Werk -interpretation
3.7 Interpretationsansätze
3.7 Interpretationsansätze
Zusammen
fassung Die Ablösung der feudalabsolutistischen Macht durch das
Bürgertum steht im Vordergrund; sie wirkt sich auf die
menschlichen Gefühle und Leidenschaften aus.
Die Literatur des Sturm und Drang stellte das Subjekt und
seine Leidenschaften ins Zentrum und schuf damit eine po
litische Ersatzbasis für die fehlende nationale Grundlage.
Wichtigstes Anliegen der Stürmer und Dränger war, dem
unverfälschtem Lebensgefühl, der„Natur“ in der Nachfolge
Rousseaus neue Normen des Umgangs zu verschaffen.
Ablösung der feudalabsolutistischen Macht
Während der Entstehungs- und ersten Wirkungszeit war die Ablö
sung des Adels als politisch führende Kraft durch das Bürgertum
ein entscheidender gesellschaftlicher Vorgang, den Werther erlebt.
Er wird in Handlung umgesetzt als tragischer Untergang eines
empfindsamen, künstlerisch begabten und bürgerlich erzogenen
Menschen, der am Widerspruch zwischen den Konventionen des
Feudalsystems und den Rechten des Individuums zerbricht. Goe
the war diese Bedeutung des Romans bewusst, auch wenn er fünf
zig Jahre nach dem ersten Erscheinen sie nicht mehr wahrhaben
wollte, sondern Werther auf den individuellen Konflikt reduzierte:
„Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! Das war es.“88 Die
Veränderung der Sicht hatte früher eingesetzt. Nachdem er 1775
nach Weimar gekommen war, unternahm der Herzog alles, um
Goethe schließlich 1782 zu adeln. Das war „der Sieg des aristokra
88 Eckermann, S. 97 (2. Januar 1824).
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4 Rezeptions 5 materialien 6 prüfungs
geschichte aufgaben
3.7 Interpretationsansätze
tischen Prinzips über den Autor des Werthers“89. Damit trat aber
auch alles Sentimentale und Überschwängliche, was den Werther-
Roman berühmt gemacht hatte, zurück.
Das Subjekt und seine Leidenschaften
Rousseau hatte mit der Liebe zwischen einem Bürgerlichen und
einer Adligen in der Neuen Héloise eine sozialkritische Akzentset
zung vorgenommen, die Goethe mit der Beziehung von Werther
zu Fräulein B. übernahm. Bei Rousseau war der Roman der Ver
such, seiner „ersten fundamentalen Lebenskrise Herr zu werden“,
und es entstand „der größte Erfolg in der französischen Literatur
des 18. Jahrhunderts“90. Im Aufsehen, das er erregte, war er mit
Goethes Werther vergleichbar.91 Goethe nannte im Zusammenhang
mit seinem Roman Schriftsteller: Richardson habe „die bürgerli
che Welt auf eine zartere Sittlichkeit aufmerksam gemacht“92; sich
selbst sah er wie den „glücklich unglücklichen Freund der Neuen
Héloise“93. Andere Namen traten an Richardsons und Rousseaus
Seite: „Klopstock“ steht für Übereinstimmung zwischen Lotte und
Werther; ein Handkuss „unter den wonnevollsten Tränen“ (HL
S. 22/R S. 30) besiegelt sie. Tränen sind ein Ausdruck großer Lei
denschaft, nicht Zeichen der Trauer. Herder forderte die jungen
Leute auf: „Ihr sollt mit Klopstock weinen! Eure Träne aus schö
nem Herzen, soll ihn schöner schmücken (…)“94. Goethes Freunde,
wie Friedrich Heinrich (Fritz) Jacobi, lasen den Roman „in süßen,
wonnevollen Tränen“95.
89 Mayer, S. 57.
90 Jens-Peter Gaul: Jean-Jacques Rousseau. München, 2001, S. 87.
91 Vgl. Winfried Schröder (Hg.): Rousseau. Berlin: Aufbau, 1993, S. 381.
92 Dichtung und Wahrheit. In: BA 13, S. 610.
93 Ebd., S. 585.
94 J. G. Herder: Gedicht zu Klopstockschen Oden und Elegien (1771). In: Michel, S. 90.
95 Vgl. Dagmar von Gersdorff: Goethes Mutter. Eine Biografie. Frankfurt am Main und Leipzig:
Insel Verlag, 2001, S. 192.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 95
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Leben und Werk -interpretation
3.7 Interpretationsansätze
Bürgertum Das Bürgertum in der Zeit der Aufklärung hatte sich europaweit
Geltung verschafft; es griff 1789 in der Französischen Revolution
nach der Macht. Seine Konflikte, Gefühle, Ansprüche und Interes
sen finden sich auch in Goethes Roman, auch seine Grenzen im
Umfeld des Dilettantismus und der geringen Aktivität. Der Roman
entwickelte bürgerliche Lebensprogramme, die sich als Gegensatz
zu adliger Normenerstarrung entwickelt hatten, und konnte sich
dabei auf Vorbilder aus England und Frankreich berufen. Deshalb
blieb der Roman in der bürgerlichen Aufbruchphase in Europa ge
genwärtig und wurde Goethes größter Bucherfolg. Der sich 1775
abspielende Streit um den Werther war ein Streit um unterschied
liche Positionen der Aufklärung. Der Stürmer und Dränger Goethe
hatte der Emotion statt der Vernunft entscheidendes Gewicht ge
geben. Weltschmerz ist „für die unruhig leidenschaftliche Werther
stimmung (…) die einzig richtige Bezeichnung“96. Werthers Welt
schmerz, der zum Tod führt, entsteht aus sozialen Widersprüchen
und den in Konventionen gepressten Gefühlen. Damit steht der
Roman im Vorfeld der Französischen Revolution. Werther strebt
für sein Gefühl eine vollkommene Freiheit an, die aber ständig mit
den Konventionen der Gesellschaft und ihren Institutionen wie
Ehe, Beruf, Kirche (Glauben) usw. zusammenstößt. Werther ist
eine Protestgestalt gegen die Ständegesellschaft samt der Kirche
wie gegen eine sich entwickelnde philiströse Bürgerlichkeit, aber
seine Aktivität ist beschränkt. Mit der Adelsgesellschaft kommt
es zum Zusammenstoß, ein Zusammenstoß, der nach 1775 für
Goethe keine Bedeutung mehr hatte, war er doch selbst in diese
Gesellschaft eingetreten: Er wurde 1782 geadelt.
96 Hettner, Band 2, S. 122.
96 Johann Wolfgang von Goethe
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3.7 Interpretationsansätze
Die neuen Normen der „Natur“
Goethes Briefroman und die Prometheus-Ode entstanden aus dem
gleichen Lebensgefühl heraus, das von jugendlichem Aufbegeh
ren, Protest gegen Normen und Vorgaben und vor allem Aufbegeh
ren gegen verfestigte Strukturen und Verhältnisse bestimmt wird.
Beim Roman kam die Erschütterung durch Leidenschaft hinzu.
Einer der bedeutendsten Augenblicke in Goethes Leben ver
band sich mit diesem Roman: Napoleon hatte ihn sieben Mal gele
sen, selbst auf seinem ägyptischen Feldzug, und suchte nun, als er
Preußen geschlagen und Thüringen besetzt hatte, am 2. Oktober
1808 in Erfurt mit Goethe das Gespräch über den Roman. Bei aller
Begeisterung kritisierte er, dass es „eine Vermischung der Mo Lotte schneidet
tive des gekränkten Ehrgeizes mit denen der leidenschaftlichen Brot für ihre
Geschwister
Liebe“ gebe, die nicht „naturgemäß“ sei und die Vorstellung von © ullstein bild –
der großen Macht der Liebe schwäche97. Goethe, der selbst keine AISA
Auskunft über das Gespräch gab, erkannte den
Vorwurf als richtig an.
Das Liebespaar Werther und Lotte setzte die
Reihe der bekannten Paare aus der Weltlitera
tur von der Art Romeo und Julia fort und wurde
ähnlich berühmt. Szenen des Romans, wie die
Brot für die Geschwister schneidende Lotte,
waren als Stiche verbreitet und wurden in Haus
halten aufgehängt. Bis in die Gegenwart wurde,
wie Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W.
beweist, das Paar immer wieder beschworen.
97 Gräf, S. 579 f.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 97
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Leben und Werk -interpretation
4. REZEPTIONSGESCHICHTE
Zusammen
fassung Der Roman wurde zur Sensation, zum ersten Bestseller der
deutschen Literatur sowie zum Ausgangspunkt zahlreicher
Parodien, Fortsetzungen, Variationen und Auseinanderset
zungen.
Die Vorbilder der Romanfiguren waren betroffen; Zeitgenos
sen warnten vor dem Nachahmungscharakter. Die schärfs
ten Angriffe kamen aus kirchlichen Kreisen.
Der Einfluss des Romans auf die Mode war groß; Verbote
gab es dennoch lange. Moderne Beschäftigungen mit dem
Roman finden sich fortwährend, so zum Beispiel bei Thomas
Mann und Ulrich Plenzdorf.
Erster Bestseller der deutschen Literatur
Sensationeller Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther. ist der erste
Erfolg Bestseller der neueren deutschen Literatur. Er kam einer Sensa
tion gleich. Auch Zensur und Polizei traten gegen den Roman an.
Eine Anerkennung des Selbstmords wurde in ihm gesehen: Der
Bischof von Derry, Lord Bristol (1730 –1802), warf Goethe vor, er
habe die Menschen zum Selbstmord verleitet: „Der Werther (…)
ist ein ganz unmoralisches, verdammenswürdiges Buch!“98 Im
Weimar Goethes ertränkte sich am 17. Januar 1778 Christiane
Henriette von Laßberg aus Liebeskummer in der Ilm; in ihrer Klei
dertasche fand man Goethes Werther. Eine selbstständige Ausei
nandersetzung mit dem Roman führte Karl Philipp Moritz in sei
nem „psychologischen Roman“ Anton Reiser (1785 –1790); Reiser
98 Eckermann (Friedrich Sorets Gespräche mit Goethe), S. 695 (17. März 1830).
98 Johann Wolfgang von Goethe
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4 Rezeptions 5 materialien 6 prüfungs
geschichte aufgaben
glaubte, sich im Werther wiederzufinden, und setzte selbst dessen
Wendungen und Gedanken ein, die er für die seinen hielt. Der Ro
man wurde so berühmt, dass man ihn sprichwörtlich verwendete99;
er wurde Symbolwerk für den Zustand des „Weltschmerzes“100, Symbol für
bis in die Gegenwart fand er Nachfolger. Er wurde für die Bühne Weltschmerz
adaptiert (Rainer Lewandowski: Die Leiden des jungen Werthers.
Monodramfassung, 1996; Monika Querndt: Die Leiden des jungen
Werthers. Spielfassung nach Goethes Roman, 2001101). 2005 insze
nierte das Puppentheater Halle gemeinsam mit den Freilichtspie
len Schwäbisch Hall Die Leiden des jungen Werther als „schräge
Revue“, so die „Mitteldeutsche Zeitung“, das Freiberger Theater
eine Fassung, die sich strikt an Goethes Text hielt – im Gegensatz
zu Magdeburg, wo 2006 Goethes Geschichte absichtlich nicht er
reicht werden sollte. 2007 wurde ein Ein-Personen-Stück in Gera
gespielt.
Warnung vor Nachahmung
Die Betroffenen waren 1774 nicht begeistert: Kestner schrieb ei
nem Freund, dass Goethe ihnen „keinen angenehmen Dienst“ ge
tan habe102. Werthers Tod brachte dem Dichter Rettung. Die Zeit
genossen sahen die Gefahr, die davon ausging. Friedrich Nicolai
lobte zwar Werthers Charakter als „trefflich geeignet“ für die Lite
ratur, „aber wer im wirklichen Leben Werthers Denkungsart und
Handlungsweise nachahmen will, ist ein Narr.“103 Ebenso wünsch
99 Gottfried August Bürger verwendete den Namen in seiner Ballade Der Kaiser und der Abt (1785)
als Gattungsnamen: „ein bleicher, hohlwangiger Werther“.
100 „Weltschmerz“ ist ein geflügelter Begriff für psychische Verfassungen geworden, die der
Werthers ähnlich sind: Goethe hat diesen Zustand in einem Brief an Zelter als „Taedium vitae“
bezeichnet und in Dichtung und Wahrheit beschrieben (Berliner Ausgabe, BA 13, S. 621).
101 Uraufgeführt am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau im März 2001: „In der Bühnenfassung und
Inszenierung von Monica Querndt erleben zwei junge, unterschiedliche Menschen zum ersten
Mal die wirkliche Liebe.“ (Theaterankündigung)
102 Bode, Bd. 1, S. 76 (Brief vom 7.11.1774 an Hennings).
103 Friedrich Nicolai: ‚Kritik ist überall, zumal in Deutschland nötig‘. Satiren und Schriften zur Literatur.
Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1987, S. 153.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 99
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te Lessing, Goethe hätte „ein paar Winke“ gegeben, „wie Werther
zu einem so abenteuerlichen Charakter gekommen“ sei104. Der
Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 –1799) formulier
te spitz: „Wer seine Talente nicht zur Belehrung und Besserung
anderer anwendet, ist entweder ein schlechter Mann oder äußerst
eingeschränkter Kopf. Eines von beiden muss der Verfasser des
leidenden Werther sein.“105 Die schönste Stelle im Werther sei, wo
sich der „Hasenfuß erschießt“106. Die schärfsten Angriffe auf den
Roman kamen aus kirchlichen Kreisen. Der Kanonikus Christian
Ziegra geiferte 1775 gegen ihn als „verfluchungswürdige Scharte
ke“, „giftige Schlange“ und „Lockspeise des Satans“107. Lessings
Hauptgegner Goeze forderte, den Roman zu „konfiszieren und bei
hoher Strafe zu verbieten“, und dehnte seine Angriffe gleich auf
wohlwollende Kritiker aus, denen man auf die Finger sehen solle,
um „dieses so weit ausgestreute giftige Unkraut auszurotten“108.
Dem Sog, den der Roman auslöste, wurden Goethe und der Ver
lag mit einer zweiten Auflage 1775 gerecht: Zu dieser korrigier
ten Ausgabe waren für jeden Teil ein Leitspruch hinzugekommen,
das für den zweiten Teil lautete: „Du beweinst, die liebst ihn, liebe
Seele, / Rettest sein Gedächtnis von der Schmach; / Sieh, dir winkt
sein Geist aus seiner Höhle: / Sei ein Mann, und folge mir nicht
nach.“109
Parodie Friedrich Nicolai parodierte den Roman mit den Freuden des
jungen Werthers „recht tüchtig“110: Werthers Pistole war mit Hüh
nerblut geladen; Albert entsagt Lotte, Lotte heiratet Werther:
104 Ebd.
105 Georg Christoph Lichtenberg: Werke. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 4. Auflage 1982, S. 98.
106 Ebd., S. 104.
107 In der sogenannten „Schwarzen Zeitung“ am 21. März 1775. Vgl. Reuter, S. 110.
108 Zit. nach Reuter, S. 111.
109 Der junge Goethe, Bd. 2, S. 541, BA 9, S. 249.
110 Wolfgang Leppmann: Goethe und die Deutschen. Stuttgart 1962, S. 36.
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„In wenigen Monaten ward Werthers und Lottens Hochzeit voll
zogen. Ihre ganzen Tage waren Liebe, warm und heiter wie die
Frühlingstage (…) Nach zehn Monaten war die Geburt eines
Sohns die Losung unaussprechlicher Freude.“111
Goethe reagierte mehrfach darauf: Er schrieb 1775 eine Anekdote
zu den ‚Freuden des jungen Werthers‘, die Werther und Lotte als
Ehepaar zeigte. Werther hatte sich nur blind geschossen und Lotte
pflegte ihn. Es mündet alles in einen biederen Hausstand: „Küss
mich, Weibchen, und mach, dass wir zu Nacht essen. Ich möch
te zu Bette (…)“112. Fäkalienbegriffe benutzend beschrieb Goethe
Nicolais Werk als Notdurft auf Werthers Grab und ließ Nicolai sa
gen: „Hätt er geschissen so wie ich, / Er wäre nicht verdorben!“113
Witzig war Goethes Stoßgebet gegen Nicolai: „Vor Werthers Lei
den, / Mehr noch vor seinen Freuden / Bewahr uns, lieber Herre
Gott!“114
Zu Beginn der heftigen und umfangreichen Auseinanderset J. M. R. Lenz
zung hatte auch Jakob Michael Reinhold Lenz seine Briefe über die
Moralität der Leiden des jungen Werthers (1774/1775) geschrieben.
Er erkannte die Vielschichtigkeit von Goethes Roman, der sich
nicht auf Vorbilder wie Rousseaus Héloise und ein paar Romane
von Fielding und Goldsmith reduzieren lasse. Auf dem Höhepunkt
seines Schaffens wurde Lenz von Freunden und Zeitgenossen als
Goethes „jüngerer Bruder“ betrachtet115. Er hatte Nicolais Werther-
Parodie als Beispiel des aufklärerischen Literaturkonzepts ange
111 Friedrich Nicolai: ‚Kritik ist überall, zumal in Deutschland, nötig.‘ Satiren und Schriften zur
Literatur. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag 1987, S. 20 f.
112 BA 9, S. 263.
113 BA 9, S. 259.
114 Goethe: Stoßgebet. In: BA 9, S. 260.
115 So schrieb Herder am 3. Juni 1775 an Hamann. Vgl. Bode, Bd. 1, S. 128.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 101
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Leben und Werk -interpretation
griffen – „die allerelendsten Plattheiten“116 – und Forderungen der
jungen Generation erhoben. Den Vorwurf, der Roman sei „eine
subtile Verteidigung des Selbstmords“117, wies Lenz unter Verweis
und Vergleich des Romans mit Homers Werken zurück. Im Achten
Brief findet Lenz in seiner überschwänglichen Begeisterung für
den Roman eine treffende Beschreibung:
„(…) Werther ist ein Bild, meine Herren, ein gekreuzigter Pro
metheus, an dessen Exempel ihr euch bespiegeln könnt und eu
rem eigenen Genie überlassen ist, die nützlichste Anwendung
davon zu machen.“118
Kant lehnte in seiner Kritik der praktischen Vernunft (1788) Roman
helden ab, die sich „nach unersteiglicher Vollkommenheit“ sehn
ten und meinte damit Werther. Ihre Übersteigerung, „ihr Gefühl
für das überschwänglich Große“ hindere sie an der „Beobachtung
der gemeinen und gangbaren Schuldigkeit, die alsdann ihnen nur
unbedeutend klein scheint“. Friedrich Schiller zählte in seiner Be
schreibung von Dichtungsarten Über naive und sentimentalische
Dichtung (1795) Goethes Werther zur sentimentalischen Dichtung,
weil Werther „mit glühender Empfindung ein Ideal umfasst und
die Wirklichkeit flieht, um nach einem wesenlosen Unendlichen
zu ringen.“119
116 Jakob Michael Reinhold Lenz: Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers.
In: Werke und Briefe. Hg. von Sigrid Damm. Leipzig: Insel Verlag 1987, Bd. 2, S. 677.
117 Ebd., S. 675.
118 Ebd., S. 685.
119 Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Sämtliche Werke. Hg. von
Gustav Karpeles. Leipzig: Max Hesses Verlag o. J., Bd. 12, S. 144.
102 Johann Wolfgang von Goethe
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Einflüsse des Romans auf andere Bereiche
Die Wirkung des Romans reichte in andere Gattungen hinein: In
Wien inszenierte man ein dreiaktiges, tragisches Ballett Der junge
Werther und begeisterte mit einem Feuerwerk, das den Titel trug:
Werthers Zusammenkunft mit Lottchen im Elysium120. Zahlreiche
Beispiele gab es, dass Gedichte Lottes Verhalten an Werthers Grab
schilderten oder die Leiden Werthers aus der Perspektive Lottes
aufrollten (A. K. Stockmann Die Leiden der jungen Wertherin;
1775). Dramatisierungen folgten, später Parodien oder Stücke
der Schauerdramatik. Besonders in Frankreich fanden sich immer
wieder Dichter, die den Stoff fortsetzten, variierten oder nach an
deren Lösungen suchten, unter ihnen Alexandre Dumas (Antony,
1831).121
Das Schicksal des Verbots ereilte den Werther. Grund war nach Verbot
dem Gutachten des Theologen Ernesti, bei dem Goethe in Leip
zig gehört hatte, die Anleitung zum Selbstmord: „Diese Schrift
ist eine Apologie und Empfehlung des Selbstmordes; und es ist
auch um des Willen gefährlich, weil es in witziger und einneh
mender Schreibart abgefasst ist.“122 Als das Verbot in Christian
Friedrich Daniel Schubarts Deutscher Chronik erschien, stieg das
Aufsehen, das der Roman gemacht hatte, zur Sensation. Schubart
(1739 –1791) sah sich nicht in der Lage, den Roman zu kritisieren,
weil er ihn mit „wollüstigem Schmerz“ nachempfunden hatte und
überschwänglich loben konnte. Strengste Verbote des Werthers,
ein sogenanntes Generalverbot, das auch Bearbeitungen usw. ein
schloss, gab es in Sachsen und Österreich. Bis 1814 war Goethe
120 Brandes, S. 126.
121 Vgl. dazu: Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1988,
S. 787–790.
122 Houben: Der polizeiwidrige Goethe. Berlin: G. Grote Verlag, 1932, S. 7 f.; zu Oehlenschläger vgl.
S. 22 f.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 103
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Leben und Werk -interpretation
in Dänemark und Norwegen bekannt als Verfasser eines Buches,
das man nicht kannte, „weil seine Übersetzung von der Polizei als
die Moralität und Sitten verderbend verboten war“ (Adam Oehlen
schläger).
Einflüsse auf Der Gegenwartsroman Goethes wirkte wegen der Gestal
andere Bereiche tung des herrschenden Gefühls fast grenzenlos, bis in die Mode
(Werther-Tracht), in alltägliche Umgangsformen, in die Porzellan
produktion123 und in Biografien reichend. Man starb am „Furore
Wertherino“, der Werther-Raserei124. Die Beschreibungen des Le
bens junger Bürgerlicher um 1770 nannte man „Wertheriaden“:
Im Weygantschen Verlag, in dem Goethes Roman 1774 erschien,
kam noch 1793 Narcisse. Eine englische Wertheriade heraus.
Das Mitglied des „Göttinger Hains“ Christian Graf zu Stolberg
(1748 –1821), Dichter patriotischer Texte, schrieb am 17. Mai 1775
an seine Schwester Katharina: „In Frankfurt haben wir uns alle
Werthers Uniform machen lassen, einen blauen Rock mit gelber
Weste und Hosen; dazu runde graue Hüte“125. Diese Kleidung war
Mode und Politikum für die Stürmer und Dränger. Der Roman
wurde schnell übersetzt: 1775 ins Französische, in drei Jahren
Übersetzungen folgten fünf weitere Übersetzungen. Goethe eroberte Frankreich
und Autoren wie Madame de Staël126; 1776 kamen Übersetzun
gen ins Holländische, 1779 ins Englische, 1781 ins Italienische
und ins Russische, 1783 ins Schwedische. 1779 dichtete Goethe
über chinesische Glasmalereien: „Doch was fördert es mich, dass
auch sogar der Chinese / Malet mit ängstlicher Hand Werthern
und Lotten auf Glas?“127 1922 wurde der Roman von Guo Mojo
123 1795 produzierte die Porzellanmanufaktur Meißen eine Werther-Tasse, deren Untertasse Lotte,
die Tasse Werther und der Deckel einen Liebesgott zeigte.
124 Georg Christoph Lichtenberg: Werke. Berlin und Weimar. Aufbau Verlag 1982, S. 93.
125 Bode, Band 1, S. 124.
126 Vgl. Brandes, S. 588.
127 Goethe: Epigramme. Venedig, Nr. 34b. in: BA 1, S. 229.
104 Johann Wolfgang von Goethe
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ins Chinesische übersetzt; 120 000 Exemplare wurden verkauft.
2007 erschien in China als erste literarische CD überhaupt Goethes
Briefroman, gesprochen von Su Yang.
Thomas Mann berichtete die Geschichte, dass ein junger Eng
länder,
„der in späteren Jahren nach Weimar kam und Goethe vorüber
gehen sah, auf offener Straße ohnmächtig wurde, da er sich zu
viel zugemutet hatte und es über seine Kräfte ging, den Verfas
ser des Werthers in Person zu erblicken“.128
Bekannt wurde 1892 Jules Massanets (1842 –1912) Oper Werther,
1893 aufgeführt in der Opéra Comique (Paris); sie blieb bis in die
Gegenwart populär. Unter den zahlreichen Nachfolgern ist das be
kannteste Werk Thomas Manns Lotte in Weimar129 (1939); in die
sem Zusammenhang beschäftigte sich Thomas Mann mit Goethes
Roman und schrieb seinen Essay Goethes ,Werther‘ (1941). Einer
der erfolgreichsten Texte in der Nachfolge Goethes wurde Ulrich
Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W.130 Der Prosatext, ur
sprünglich 1968 /1969 als Filmerzählung entstanden, wurde zu
einem Mode- und Kultbuch, die Bühnendramatisierung hatte ähn
lichen Erfolg. Im Rahmen des alten Werther-Paradigmas gewinnt
die neue Erzählung an Aussagekraft, weil sie einen Vergleich
nicht nur ermöglicht, sondern erzwingt. Edgar Wibeau, der neue
128 Thomas Mann: Goethes Werther. In: Thomas Mann: Altes und Neues. Kleine Prosa aus fünf
Jahrzehnten. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1965, S. 229.
129 1975 wurde der Roman Thomas Manns von Egon Günther für die DEFA verfilmt. Die Lotte
spielte Lilli Palmer, Goethe wurde von Martin Hellberg dargestellt. Selbst in Nebenrollen traten
berühmte Schauspielerinnen auf: Die Schwiegertochter Goethes, Ottilie von Pogwisch, wurde
von Katharina Thalbach und Adele Schopenhauer von Jutta Hoffmann gespielt. Mit diesem Film
beteiligte sich die DDR erstmals an den Filmfestspielen in Cannes.
130 Vgl. Rüdiger Bernhardt: Erläuterungen zu Ulrich Plenzdorf. Die neuen Leiden des jungen W.
Hollfeld: C. Bange Verlag, 2010.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 105
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1 schnellübersicht 2 J. W. v. Goethe: 3 Textanalyse und
Leben und Werk -interpretation
Werther, verschlüsselt seine Lebenssituation mit Werther-Zita
ten und verschließt sie so vor seinen Freunden, die Edgars Text
nicht dechiffrieren können, weil sie nichts von Goethes Werther
wissen131. Auch Max Frischs Stiller wurde als Parodie und Plagiat
Werthers gelesen, zahlreiche Entsprechungen wurden gefunden
und der Bezug zwischen den Romanen als „Kritik und Widerle
gung empfindsamer Existenz“ verstanden132. Jerome D. Salingers
Der Fänger im Roggen (1951), der hin und wieder in die Tradition
des Werther gestellt wurde, hat damit nichts zu tun. Ähnlichkeiten
sind äußerlicher Art, außerdem ist der Roman Ausdruck eines Le
bensgefühl um 1950.
Moderne Gestaltungen
Der Roman wurde mehrfach verfilmt. 1993 verlegte Jaques Doillon
den Roman Le jeune Werther unter junge Leuten in Paris, für die
Liebe aus Sex besteht. Ismaïl (Albert) und Théo (Werther) verlie
ben sich gleichermaßen in Miren, aber während Théo nur Mirens
Aussehen interessiert, liebt Ismael andere Werte. Keiner nimmt
sich das Leben. Das hat schon einer zu Beginn getan: Guillaume,
der Wilhelm des Romans; damit wurde der Briefroman hinfällig.
Psychiater diskutieren seit dem Erscheinen des Romans den
Werther-Effekt, „den Kurzschluss vom Reden hin zur Tat“, und se
hen sich mit diesem Effekt verstärkt konfrontiert133. Die dem Effekt
verfallen, kennen den Ursprung des Effekts nicht: Der Roman wur
de geschrieben, um Selbstmordgedanken zu überwinden.
131 Vgl. Klatt, S. 373 – 377. Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. wurden wiederum unter Rück-
besinnung auf Goethes Werther variiert in Volker Brauns Unvollendeter Geschichte (1975). Brauns
Karin sieht das Werther-Problem in der Auswirkung weltgeschichtlicher Auseinandersetzungen
im einzelnen menschlichen Leben.
132 Wierlacher, S. 271.
133 Irina Repke u. a.: „Let it be“. In: Der Spiegel 2001, Nr. 9, S. 79.
106 Johann Wolfgang von Goethe
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Am 14. Dezember 2001 endete das Literarische Quartett, eine Szenenbild
populäre, nicht unumstrittene Sendung unter der Leitung von einer „Werther“-
Inszenierung
Marcel Reich-Ranicki; „das letzte Buch des Literarischen Quartetts am Maxim Gorki
überhaupt“134 war Goethes Werther. Die Beteiligten waren sich, Theater in Berlin
unter Verkennung historischer Bedingungen des Romans, einig, © ullstein bild –
Lieberenz
dass der Roman „ganz moderne Literatur“135 sei.
134 Peter Just u. a. (Redaktion): Das Literarische Quartett, 3. Bd., Berlin: Directmedia 2006, S. 642.
135 Ebd., S. 648.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 107
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5. MATERIALIEN
Schiller In Über naive und sentimentalische Dichtung (1795) stellte Schiller
Goethes Werther an eine repräsentative Stelle in der sentimen
talischen Dichtung, die nicht Natur ist, sondern die nach Natur
sucht:
„Ein Charakter, der mit glühender Empfindung ein Ideal umfasst
und die Wirklichkeit flieht, um nach einem wesenlosen Unendli-
chen zu ringen, der, was er in sich selbst unaufhörlich zerstört,
unaufhörlich außer sich sucht, dem nur seine Träume das Reelle,
seine Erfahrungen ewig nur Schranken sind, der endlich in seinem
eigenen Dasein nur eine Schranke sieht und auch diese, wie billig
ist, noch einreißt, um zu der wahren Realität durchzudringen – die-
ses gefährliche Extrem des sentimentalischen Charakters ist der
Stoff eines Dichters geworden, in welchem die Natur getreuer und
reiner als in irgendeinem andern wirkt, und der sich unter moder-
nen Dichtern vielleicht am wenigsten von der sinnlichen Wahrheit
der Dinge entfernt.
Es ist interessant, zu sehen, mit welchem glücklichen Instinkt
alles, was dem sentimentalischen Charakter Nahrung gibt, im
Werther zusammengedrängt ist: schwärmerische unglückliche
Liebe, Empfindsamkeit für Natur, Religionsgefühl, philosophischer
Kontemplationsgeist, endlich, um nichts zu vergessen, die düstere,
gestaltlose, schwermütige Ossiansche Welt.“136
Thomas Mann Anhaltend hat sich Thomas Mann mit Goethes Roman beschäftigt,
schon im Hinblick auf seinen eigenen Roman Lotte in Weimar, der
136 Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Sämtliche Werke.
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108 Johann Wolfgang von Goethe
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wiederum zur Rezeptionsgeschichte von Goethes Roman gehört.
Für die zeitgenössische Wirkung hat Thomas Mann in seinem
Aufsatz Goethes ,Werther‘ (1941) jene zeitgenössischen Faktoren
benannt, die den Werther zum bejubelten Buch der jungen Gene
ration werden ließen:
„Überdruss an der Zivilisation, Emanzipation des Gefühls, wüh-
lende Sehnsucht nach Heimkehr ins Natürlich-Elementare, Rüt-
teln an den Fesseln einer erstarrten Kultur, Revolte gegen Kon-
vention und bürgerliche Enge, alles trat zusammen, um den Geist
gegen die Beschränkung der Individuation selbst anrennen und
ein schwärmerisch grenzenloses Lebensverlangen die Gestalt der
Todessehnsucht annehmen zu lassen. Melancholie, Überdruss am
rhythmischen Einerlei des Lebens war gang und gäbe. In Deutsch-
land wurde die Bewegung, die man ‚Weltschmerz‘ nennt, verstärkt
durch die Vertiefung in eine gewisse Grabespoesie, die die engli-
sche Literatur damals hervorbrachte.“137
Zum Film Die Leiden des jungen Werthers (Regie: Egon Günther, Film von 1976
1976) schrieb der Dramaturg und Dramatiker Gerd Focke:
„Ein junger Mann liebt ein bereits einem anderen versprochenes
Mädchen, zerbricht am Scheitern seiner Liebe und endet durch
Selbstmord. Ein derartiger Dreieckskonflikt könnte die Konstellati-
on eines Kolportageromans sein, wenn der Verfasser nicht Johann
Wolfgang von Goethe hieße. So aber bewegt das literarische Werk,
das er auf dieser Situation aufbaute, seit seiner Entstehung im Jah-
re 1774 immer wieder nicht nur die Gemüter der Literaturwissen-
137 Thomas Mann: Goethes Werther. In: Thomas Mann: Altes und Neues. Kleine Prosa aus fünf
Jahrzehnten. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1965, S. 229.
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 109
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1 schnellübersicht 2 J. W. v. Goethe: 3 Textanalyse und
Leben und Werk -interpretation
schaftler, sondern vor allem auch der jüngeren Leser auf das hef-
tigste. (…) Für seine [= Regisseur Egon Günther] Drehbuchautorin
Helga Schütz und ihn ist der Werther dabei nicht der krankhafte
Schwächling, von dem die bürgerliche Literaturkritik ausgeht, son-
dern ein vitaler junger Bursche, der die Natur liebt und geistige
Enge, wie jeden äußeren Zwang, verabscheut. Werther erkennt
seine Ohnmacht gegenüber Reglement und Konvention, die sich
im Verhältnis des deutschen Bürgertums zum Adel offenbaren,
und sucht in der Liebe einen scheinbaren Ausweg, eine Selbstbe-
freiung. Ihr Scheitern muss bei Werthers Charakter, dem der Weg
echter Empörung verschlossen ist, zwangsläufig zur Selbstzer
störung führen.“138
Anderen erschien der Film als misslungen, weil das „Faustische“
in ihm „weitestgehend getilgt“ worden sei; er schien gescheitert,
weil die Größe von Werthers „Lebens- und Weltentwurf“ nicht be
greifbar geworden sei.139 Das aber war in Goethes Roman nicht zu
finden und bedeutete eine Überforderung der Vorlage. Werther
war, wie Lenz es richtig sagte, ein „gekreuzigter Prometheus“.
138 Gerd Focke: „Eine Version, die modern und doch zeitgerecht ist.“ Egon Günther verfilmte Die
Leiden des jungen Werthers. In: Freiheit, Halle, vom 7.9.1976.
139 Fred Gehler: Die Leiden des jungen Werthers. In: Sonntag, Berlin 1976, Nr. 38.
110 Johann Wolfgang von Goethe
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geschichte aufgaben
6. PRÜFUNGSAUFGABEN
MIT MUSTERLÖSUNGEN
Unter www.königserlä[Link]/download finden Sie im Internet
zwei weitere Aufgaben mit Musterlösungen.
Die Zahl der Sternchen bezeichnet das Anforderungsniveau
der jeweiligen Aufgabe.
Aufgabe 1 *
Beschreiben Sie Werthers Bürgerlichkeit und seinen
Konflikt mit der Adelsgesellschaft.
Mögliche Lösung in knapper Fassung:
Werther ist ein bürgerlicher Intellektueller. Seine Bürgerlichkeit EINLEITUNG
drückt sich zuerst in der Selbstverständlichkeit aus, mit der er sich
als Gesprächspartner des Grafen empfindet. Sie drückt sich am
Ende darin aus, dass er Beruhigung in der Literatur sucht und dazu
eine berühmte Szene von Homer wählt. Sie drückt sich außerdem
in der Selbstverständlichkeit aus, mit der er über sein Schicksal
berichtet und es nicht einem Tagebuch, sondern Briefen anver-
traut.
Diese entstehende bürgerliche Briefkultur war Ausdruck eines BRIEFKULTUR
bürgerlichen Selbstbewusstseins, das die Briefe nicht mehr der
aristokratischen und der Gelehrtenwelt überließ. Vor allem aber
war es der Inhalt dieser Briefe, der das bürgerliche Tugendideal
betraf, geprägt von einem natürlichen Gefühl ohne Standesschran-
ken, Leidenschaften als lebbarer Zustand und die Empfindungen
als mitteilenswerter Gegenstand. Werther möchte gegen alle Kon-
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Leben und Werk -interpretation
ventionen zu seiner Liebe stehen, wobei Liebe keine geistige Be-
ziehung ist, sondern eine sinnliche Beziehung, eingebettet in die
Natur und die Natürlichkeit des Menschen. Deshalb gehören
„Herz“, „Empfindung“ und „Seele“ zu den am häufigsten ge-
brauchten Wörtern im Roman; sie gehören zum Umfeld der Liebe
und sind Ausdruck der bürgerlichen Tugend. Werther erlebt aber
auch eine Welt der Deklassierung, in der seine Bürgerlichkeit An-
lass ist, ihn aus nobler Gesellschaft zu verbannen. Das rührt so
stark an seinem Ehrgefühl, dass er die Entlassung verlangt und
lieber auf den hierarchischen Aufstieg verzichtet, als ehrlos zu
sein. Das entspricht einem aufklärerisch-moralischen Verhalten,
angereichert mit Bildungseinflüssen von Klopstock bis Richardson,
Shakespeare bis Macpherson. Von allen ist zu spüren oder zu le-
sen – oder sie werden explizit genannt.
GOE THE IN Goethe erlebte in Wetzlar, wo er eigentlich die juristische Praxis
W E TZL AR
erlernen sollte, das Leben in einer von Juristen geprägten Stadt –
von etwa 4000 Einwohnern waren 900 Anwälte usw., ein interes-
santes gesellschaftliches Leben und eine schöne Natur. Durch die
Begegnung mit Charlotte Buff bekamen diese Erlebnisse einen be-
sonderen Reiz, denn schnell verliebte er sich in sie. Anfangs wuss-
te er nicht, dass sie mit einem seiner Freunde, dem hannoverschen
Legationssekretär Christian Kestner, so gut wie verlobt war.
Als ihm das bekannt wurde, durchlebte er verzweifelte Stun-
den und bereitete auch dem jungen Paar manche Aufregung. Bald
nach seinem Abschied von Wetzlar fand er seine Ruhe wieder, zu-
mal eine neue Leidenschaft, diesmal zu Maximiliane von La Roche,
ihn beschäftigte.
Die erlittene Enttäuschung in der Liebe zu Charlotte Buff wurde
erneut wach, als Goethe von einem ähnlichen Schicksal erfuhr. In
der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1772 erschoss sich der Jurist
Karl Wilhelm Jerusalem aus unglücklicher Liebe. Goethe kannte
112 Johann Wolfgang von Goethe
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ihn durch die gemeinsame Mittagstafel, an der man sich mit den
Namen alter Ritter anredete: Goethe war „Götz“, Jerusalem wurde
„Masuren“ genannt. Nun brach alles auf; Goethe sammelte die
Nachrichten, die er über Leben und Tod Jerusalems finden konnte.
Von Kestner erfuhr er bei dieser Gelegenheit, dass Jerusalem nicht
nur die unglückliche Liebe zur Frau eines Freundes bedrückt habe,
sondern auch keinen Zugang zu den großen Gesellschaften erhal-
ten habe. Das war das zentrale Problem, über das Werther in sei-
nem Brief vom 15. März an Wilhelm schrieb. Er berichtete von ei-
nem Verdruss, der ihn wegtreiben werde. Der Brief steht in der
Mitte des Romans, hat also bereits dadurch eine bevorzugte Stel-
lung. Es handelt sich zudem um einen der längsten Briefe, die in
ihm beschriebenen Vorgänge wirken sich auch auf die nächsten
Briefe aus. Werther hatte ein diskriminierendes Erlebnis, das sein WERTHERS
E RLEBNIS
Leben verändert: Während eines Besuches im Hause des Grafen
von C. übersieht er, dass eine adlige Gesellschaft zu Besuch ein-
trifft und seine Gegenwart anstößig findet. Es kommt zu einer be-
drückenden Szene, denn der Graf muss, um seiner Gesellschaft
gerecht zu werden, Werther des Hauses verweisen, wenn auch
vorsichtig und freundlich. Werther erlebt so die äußerste Form der
Standestrennung; er ist für die adlige Gesellschaft nicht gleichbe-
rechtigter Partner, nicht einmal für seinen Gönner, der ebenfalls in
diesem Standesdünkel gefangen ist. Für Werther wird die Begeg-
nung mit dem Adel im Nachhinein zur Besichtigung eines Panop-
tikums: Nur Zerrbilder und Gespenster treffen sich zu dieser Ge-
sellschaft; sie tragen die Kleidung aus der Krönungszeit Franz I.
oder haben die „altfränkische Garderobe mit neumodischen Lap-
pen“ (HL S. 58/R S. 82) ausgeflickt. Dagegen wird die auffällige
Tracht Werthers gesetzt, die zur Bekleidung junger Stürmer und
Dränger und ihrer Sympathisanten wurde: braun „gestiefelt, im
blauen Frack mit gelber Weste“ (HL S. 106/R S. 153) Auch diese
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 113
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Beschreibung stammt wortwörtlich aus Kestners Schilderung vom
Ende Jerusalems.
GEDANKE AN Als Werther nach dem Hinauswurf erlebt, wie seine Gegner
SELBSTMORD
über ihn herziehen und ihm übelnehmen, sich „über alle Verhält-
nisse hinaussetzen“ zu wollen, denkt er an Selbstmord: „(…) da
möchte man sich ein Messer ins Herz bohren“ (HL S. 59/R S. 84)“.
Der Gedanke ist nicht einmalig und nicht erstmalig vorhanden,
sondern begleitet ihn: Selbstmord wird als das „süße Gefühl der
Freiheit“ verstanden („So ist mir ’s oft, ich möchte mir eine Ader
öffnen, die mir die ewige Freiheit schaffte.“, HL S. 60/R S. 85) Zu-
dem hat er seine Entlassung vom Hof verlangt, gerät also in eine
gesellschaftlich noch verunsichertere Lage. Die sozialen Verhält-
nisse haben ihn bereits so verunsichert, dass weitere Enttäuschun-
gen auf vorbereiteten Boden fallen.
Aufgabe 2 ***
Beschreiben Sie Werthers Verhältnis zu den
einfachen Menschen, Kindern und Außenseitern.
Mögliche Lösung in knapper Fassung:
EINLEITUNG Die Entwicklung der Liebe Werthers zu Lotte und seine Erschütte-
rungen werden begleitet von zahlreichen Szenen, in denen Werther
mit einfachen Menschen zusammentrifft, deren Schicksal ihn inte-
ressiert. Dabei weiß er nicht, dass diese Schicksale eine illustrative
Bedeutung für sein eigenes Schicksal haben.
HANG ZUM Werther hat einen natürlichen Hang zu den einfachen Men-
E INFACHEN
schen. Damit wird er den Prinzipien des Sturm und Drang gerecht,
die im Volk sowohl eine soziale Kraft als auch eine geistige Potenz
sahen, deren Wissen es zu erforschen galt. Das Interesse für Volks-
lieder, Märchen und Sagen, wie es Goethe im Kreis Herders in
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Straßburg erlebte, gehörte dazu. Werther ist für die Begegnung
mit dem Volk bereit, denn seine Abneigung gehört der Stadt, die
als Beamtenstadt zu denken ist, denn dort spielen sich die ent-
scheidenden juristischen Vorgänge ab; aus diesem Grund ist
Werther auch dorthin gekommen. Freundliche Begegnungen
Werthers ereignen sich in der freien Natur, eine erste „vor dem
Orte“ (HL S. 7/R S. 8) an einem Brunnen. Dort trifft er Dienstmäd-
chen, die Wasser holen, und er hilft ihnen auch, die Wasserkrüge
auf den Kopf zu heben. In Erinnerung an die Antike – er liest gera-
de Homers Odyssee und dürfte Nausikaa vor Augen haben – sieht
er bei den Mädchen die Reste königlichen Verhaltens. Solche Be-
gegnungen sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Schon weni-
ge Tage nach der Ankunft kann er seinem Freund Wilhelm mittei-
len, dass die „geringen Leute des Ortes“ ihn kennen und außerdem
die Kinder, die ihn lieben (HL S. 8/R S. 9). Diese Beziehung zu ein-
fachen Leuten und Kindern zieht sich durch den gesamten Roman.
Durch sie werden Werthers soziale Bindungen und Haltungen ver-
deutlicht; das ist die inhaltliche Bedeutung dieser Beziehung.
Aber es gibt auch eine strukturelle Bedeutung: In diesen Bezie-
hungen zu den einfachen Menschen werden Werthers Konflikte
und Probleme, letztlich also seine Leiden, in vereinfachter Weise
verständlich und nachvollziehbar. Es erscheinen die Lösungsmög-
lichkeiten für diese Konflikte im Blick Werthers und des Lesers.
Wie nachdrücklich Goethe auf diese Beziehungen inhaltlich und
formal Wert legte, wird darin deutlich, dass er die Bauernbursche-
nepisode erst in die zweite Fassung aufnahm und sie, statt wie in
den anderen Fällen mit zwei Abschnitten, sie mit drei Abschnitten
in die Handlung einfügte. Einmal verstärkt sich dadurch die plebe-
jische Tendenz des Romans, die von Werther getragen wird. Ande-
rerseits läuft sie parallel zur Zuspitzung des Konflikts für Werther
und weist auf die schnell entstehende tragische Konstellation hin,
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 115
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die für den Knecht und für Werther keine grundsätzlichen Unter-
schiede zeigt. Schließlich deutet sie an, dass es für diesen Konflikt
die Lösung eines Mordes und die Lösung eines Selbstmordes ge-
ben kann.
Auch Lotte begegnet er zuerst im ländlichen Umfeld: Es findet
ein „Ball auf dem Lande“ (HL S. 16/R S. 21) statt, zu dem Lotte
abgeholt wird. Dabei erlebt Werther die Liebe und mütterliche
Sorgfalt, mit der Lotte ihre Geschwister versorgt. Begegnungen
mit dem Adel vollziehen sich zumeist in geschlossenen, geradezu
bedrängend wirkenden Räumen. Das trifft sowohl für die Adels
gesellschaft zu, in der Werther seine größte Herabsetzung und
bleibenden Verdruss erfährt, als auch für die Tante des Fräuleins
von B.: Hatte er das Fräulein, das sich „sehr viele Natur mitten
in dem steifen Leben erhalten hat“ (HL S. 54/R S. 76), auf einem
Spaziergang getroffen, so erlebt er ihre abstoßende und eitle, ver-
armte, aber adelsstolze Tante im Haus, von dem aus sie „über die
bürgerlichen Häupter“ (HL S. 54/R S. 76) hinwegsieht.
NATUR Die einfachen Menschen leben in der freien Natur, die auch
Werther sucht. Diese Menschen sind gesund und empfinden na-
türlich. Sie können die Voraussetzung für eine vernünftige (natür-
liche) Lebensweise sein, wenn sie sich ihre Unabhängigkeit von
den Zwängen der feudalen Machtstrukturen erhalten können. In
Homers Odyssee sieht Werther das antike Modell für eine natürli-
che und offene Gemeinschaft, zu der Adlige nur dann Zutritt ha-
ben, wenn sie sich aus ihren Konventionen zu lösen können, wie es
der Graf C. vermag. In diesen Beschreibungen wird Rousseaus Ge-
sellschaftskonzeption unvermittelt deutlich. Mit seiner Forderung
„Zurück zur Natur!“ hatte er die natürliche Lebensweise als Pen-
dant zur aristokratischen Welt propagiert. Werthers Leidenschaf-
ten waren Ausdruck dieser Natur, die sonst nur bei den einfachen
Menschen zu finden war und sich dort auslebte. Insofern ist der
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Roman zuerst ein Liebesroman, denn der Umgang mit der Liebe
im Gegensatz zu allen Konventionen war ein neuartiger Vorgang
für die Literatur.
Aber die Natürlichkeit der einfachen Menschen und der Kinder
ist gefährdet durch Armut, durch gesellschaftliche Zwänge und
durch mangelnde Bildung. Auch diese Gefahren bekommen ihren
Platz im Roman: Die Mutter, die ihrem Jüngsten, dem Hans, ein
Süppchen kochen will – den Vater hat man ums Erbe betrogen –,
muss Werther bei der nächsten Begegnung mitteilen, dass Hans
gestorben ist und ihr Mann erkrankt aus der Schweiz zurückge-
kommen sei, als er versucht habe, sein Erbe doch noch zu erhal-
ten. Schließlich wird ein weiteres Treffen zum warnenden Zeichen:
Auf einer Wanderung trifft Werther einen Menschen, der Blumen
sucht und von dem „Unheimliches“ (HL S. 77/R S. 108) ausgeht.
Er ist wahnsinnig geworden in seiner unerwiderten Liebe zu Lot-
te; ihretwegen wurde er „aus dem Dienst geschickt“ (HL S. 78 f./R
S. 111).
Werthers Denken bewegt sich in sozialen Fragestellungen, die FA ZIT
auf die bevorstehende Französische Revolution weisen. Ihn bewegt
das Problem der Gleichheit und der dazugehörenden moralischen
Normen: „Ich weiß wohl, dass wir nicht gleich sind, noch sein kön-
nen“ (HL S. 8/R S. 9). In einem Gespräch mit Albert über Diebstahl
werden diese Normen von Werther in ihrer sozialen Bedeutung
betrachtet; er plädiert für das unkonventionelle Verhalten, nicht
aus der Regel, sondern aus der Leidenschaft gespeist, wie er es bei
den einfachen Menschen findet. Was verdient der, der „um sich
und die Seinigen vom gegenwärtigen Hungertode zu erretten, auf
Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe?“ (HL S. 39/R
S. 54)
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER 117
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Leben und Werk -interpretation
Aufgabe 3 ***
Beschreiben Sie Werthers Umgang mit Literatur
am Beispiel Homers und Ossians.
Mögliche Lösung in knapper Fassung:
LITER ATUR Werther ist in seinen Briefen mit Hinweisen auf Literatur freizügig.
ALS E XISTENZ
Das weist darauf hin, dass er ausgesprochen literaturinteressiert
ist und ausgeprägte Lesebedürfnisse hat, dass er zum anderen sein
Leben auf Literatur aufzulegen bzw. aus Literatur Lebensprogram-
me abzuleiten vermag. Literatur ist für Werther eine seiner Exis-
tenzmöglichkeiten.
Dieser Umstand ist zeitbedingt. Besonders in Frankreich ziel-
ten die literarischen Entwürfe von Rousseau, Diderot und Voltaire
auf die politische Verständigung über den Citoyen, der als Ziel
der angestrebten Veränderungen galt und schließlich auch 1789
aus der Französischen Revolution hervorging. In Deutschland war
eine vergleichbare soziale Breitenwirkung nicht vorhanden, da es
in Deutschland keine nationale Gesellschaftskonzeption gab. An
diese Stelle traten die zahlreichen Duodezfürsten mit ihren unter-
schiedlichen politischen Richtungen, die sich aus den zahllosen
verwandtschaftlichen Verflechtungen ergaben. Insofern war die
deutsche Literatur für die politisch ausstehende, nationale Konzep-
tion einer Neugestaltung das Gebiet, auf dem Entwürfe vorgestellt
werden konnten.
Werther setzte Namen ein, von denen er annehmen kann, dass
sie für Wilhelm, den Briefempfänger, von Bedeutung sind. Das
beginnt mit „Leonore“ (HL S. 5/R S. 5), die auf Bürgers Ballade
Lenore (1773) und seine brisante Lebensführung seit 1774 mit zwei
Schwestern deuten könnte. Wenig später wird durch „Melusine“
(HL S. 7/R S. 8) eine literarische Landschaft größten Umfangs er-
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öffnet: Durch den Namen wird an die Undinen, Seejungfrauen,
Meernixen und Chimären erinnert. Zeitgenössische Autoren wie
Klopstock, Goldsmith oder ihre Werke sowie der „Landpriester von
Wagefield“ (HL S. 29/R S. 25) werden genannt und haben Parolen-
funktion. Anders ist das bei Homer und Ossian. Wilhelm fragt, ob
er Werthers Bücher schicken sollte, aber Werther lehnt ab: Alles,
was er brauche, finde er in seinem Homer (vgl. HL S. 8/R S. 9).
In Goethes Roman wirkte sich Rousseaus Homerrezeption aus, HOMER
der Homer als einen volkstümlichen Dichter sah. So liest ihn auch
Werther. Das gehörte zum Sturm und Drang.
Der Werther-Roman ist das herausragende Beispiel für Goethes
Homerbeschäftigung. Werther kommt im ersten Buch immer wie-
der auf seine Homer-Lektüre zu sprechen, die eine ganz bestimmte
ist: Nicht die „Ilias“ liest er, sondern die „Odyssee“, nicht dem
Kampf um Troja gilt sein Interesse, sondern der natürlichen Welt,
in der die Königstöchter alltäglichen Verpflichtungen, wie Wasser-
holen, nachgehen. Darin sieht Werther die „patriarchalische Idee“
(HL S. 7/R S. 8). Wahlheim, der Ort außerhalb der Stadt, ist die
idyllische Welt, in der Werther Homers „Odyssee“ liest. Dort, wo
es „so vertraulich, so heimlich“ (HL S. 11/R S. 14) ist, sieht er sich
im Einvernehmen mit Homer. Es ist allerdings kein antikisierendes
Verständnis, das Werther für Homer aufbringt, sondern ein auf die
Beschaulichkeit reduziertes. Man kann nicht umhin, festzustellen,
dass Werthers Homerverständnis auch Züge des Trivialen und da-
mit Konfliktfreien bekommt: Werther lässt sein „Tischchen“ aus
dem Wirtshaus bringen „und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee
da, und lese meinen Homer“ (HL S. 11/R S. 14). Die Szene wie-
derholt sich; Werther liest die „Odyssee“, als er Erbsen pflückt
und diese für sich kocht. Es ist auch nicht die gesamte „Odys-
see“, die Werther fasziniert, sondern es sind Odysseus‘ Heimkehr,
Penelopes Treue und die ländliche Natürlichkeit, die er „ohne Af-
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1 schnellübersicht 2 J. W. v. Goethe: 3 Textanalyse und
Leben und Werk -interpretation
fektation in (s)eine Lebensart verweben kann“ (HL S. 24/R S. 33).
Selbst die tiefste Demütigung, sein Ausschluss aus der aristokrati-
schen Gesellschaft, kann Werther anfangs noch auffangen, indem
er sich daran erinnert, „wie Ulyss von dem trefflichen Schweine-
hirten bewirtet wird“ (HL S. 58/R S. 83). Antike Größe ist nicht zu
spüren, aber das von Werther geliebte „patriarchalische Leben“
(HL S. 24/R S. 33).
Werthers Vorliebe für Homer wird von Albert und Lotte zu
seinem Geburtstag am 28. August – es war auch Goethes und
Kestners Geburtstag – dadurch belohnt, dass sie ihm eine hand-
liche Homer-Ausgabe schenken. Werthers Homerlektüre bestätigt
seine Lebensführung als Stürmer und Dränger, „das ist so wahr,
menschlich, innig, eng und geheimnisvoll“ (HL S. 62/R S. 89). Da
stellen sich allerdings Zweifel ein, ob Werther seinen Homer nicht
doch sehr unter dem Aspekt der eigenen Bestätigung vereinfacht
hat.
OSSIAN Der literarische Kanon Werthers ändert sich mit der Zuspitzung
seiner Krise. Nun tritt Ossian an die Stelle Homers. Er war schon
im Gespräch – „Neulich fragte mich einer, wie mir Ossian gefiele!“
(HL S. 30/R S. 42) –, hatte aber für Werther kaum Bedeutung. Als
sich nun die Wunschbilder des patriarchalischen Lebens, abgelei-
tet aus der „Odyssee“ und bezogen auf Wahlheim, Lotte und ihn
auflösen und sich die Katastrophe abzeichnet, stellt sich schnelle
Veränderung ein: „Ossian hat in meinem Herzen den Homer ver-
drängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt!“ (HL
S. 70/R S. 100) Nicht mehr das beschauliche Leben unter Gleich-
gesinnten muss bestätigt werden, sondern der drohende Unter-
gang, die Grabesstimmung und eine Schattenwelt. Im Brief vom
12. Oktober dominiert das Wort „Grab“ (HL S. 70 f./R S. 100). Da-
mit ist literarisch Werthers Ende eingeführt.
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Im Unterschied zur Homer-Rezeption bekommt die Ossian-Re- FA ZIT
zeption als Programm Bedeutung: Indem Werther seine Ossian-
Übersetzung vorliest – der Leser erlebt ihn ein einziges Mal als
produzierenden Menschen –, geht der Text ins Geschehen über.
Aus der Totentrauer, die Tränen freisetzt, wird die Liebesszene, die
letztlich alles zerstört. Die beiden Autoren wirken wie Trägersyste-
me für Werthers Verhalten; in ihrer Gegensätzlichkeit liegt der Un-
terschied zwischen Werthers Sehnsucht nach dem erfüllten Leben
und seinem Scheitern.
Aufgabe 4 *
Beschreiben Sie Werthers Lebensplanung
und vergleichen Sie diese mit Goethes Leben.
Mögliche Lösung in knapper Fassung:
Zu Beginn des Romans ist Werther auf Reisen, um familiäre Ge- WERTHERS
R EISEN
schäfte und Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Eine juristische
Ausbildung darf von daher angenommen werden, zumal er später
kurzzeitig in den diplomatischen Dienst eintritt und dort ebenfalls
juristische Kenntnisse erforderlich sind. Das sind die Tätigkeiten,
die für Werther nachweisbar sind. Zwar wünschen Werthers Mut-
ter und sein Freund Wilhelm, dass er eine gesellschaftlich aner-
kannte Tätigkeit ausübt, aber ökonomisch darauf angewiesen ist er
nicht. Er stammt, so kann der Leser schließen, aus einem vermö-
genden bürgerlichen Haus, das sich in der gesellschaftlichen Hie-
rarchie bewähren möchte. Das entspricht den biografischen Vor-
aussetzungen Goethes, der ebenfalls aus einem vermögenden
Haus stammte, in dem nicht notwendigerweise gearbeitet werden
musste.
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Leben und Werk -interpretation
Für Werther kommt ein zweiter Anlass seiner Reise hinzu: Er
flieht vor der Leidenschaft Leonores, einer Frau, mit deren Schwes-
ter er eine vertrauliche Beziehung geknüpft hatte, und die darauf-
hin in Liebe zu ihm entbrannte. Die Flucht vor liebenden Frauen
ereignete sich auf Goethes Weg mehrfach: Friederike Brion verließ
er ohne Abschied, ebenso Charlotte Buff. Auch die eifersüchtige
Neigung zweier Schwestern hatte er erlebt, wie er in Tanzstun-
denerlebnissen in „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“
(9. Buch) beschrieb. Der Name „Leonore“ war allerdings zu dieser
Zeit in aller Munde, da Bürger 1773 eine Ballade mit dem Titel
„Lenore“ veröffentlicht hatte. Werthers Planungen vollzogen sich
sowohl unter beruflichen Notwendigkeiten für die Familie als auch
in der Flucht vor verpflichtenden Neigungen.
ZEITGESCHICHTE Werther lebte in einem Deutschland, das politisch und wirt-
schaftlich zersplittert war. Schon die Vielzahl von Gesandtschaften,
die Goethe in Wetzlar erlebte, war dafür ein Symptom. Ein Abbild
wird in Werthers Arbeit beim Gesandten gegeben. Es erhebt sich
die Frage, welche diplomatische Aufgabe dieser Gesandte versieht.
Am Reichskammergericht, der höchsten zivilen Gerichtsbehörde
des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, unterhielten
die zahlreichen souveränen Länder dieses Reiches ihre Botschaf-
ten. Diese ziemlich sinnlos gewordene, weil wirkungslose, Einrich-
tung traf kaum Entscheidungen, zumal es durch die Privilegien der
verschiedenen Stände behindert wurde. Dafür war es aber ein auf-
schlussreiches Beispiel für die bewegungsunfähig gewordene
Struktur in Deutschland. Landwirtschaftliche Rückständigkeit und
eine fehlende Zentralgewalt kamen hinzu. Aber es kam zu einer
kulturellen und wissenschaftlichen Blütezeit, die auch bei Werther
zu bemerken ist.
DILE T TANT Werther ist ein kontemplativer Mensch – zudem ein Dilettant.
Er liest, und Literatur gibt seine Verfassung wider. Dazu dient ihm
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die Lektüre von Homer und Ossian. Die Zusammenstellung von
Homer und Ossian konnte Werther/Goethe bei Herder finden, der
in seinem Aufsatz „Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian
und die Lieder alter Völker“ beide Dichter der Natur verpflichtet
sah, jener zentralen Aufgabenstellung des Sturm und Drang.
Zuerst ist es die ländliche Heiterkeit, in der Werther lebt und
die er bei Homer bestätigt findet. Dabei hat er aus Homers „Odys-
see“ nur jene Szenen für sich in Anspruch genommen, in denen
Odysseus wieder in seine Heimat kommt und von den einfachen
Menschen betreut wird. Dann liest er Ossian; er löst Homer ab.
Seine Gesänge sind heldische Todesfeiern, in denen er seinen ei-
genen Zustand vorweggenommen sieht.
Werthers wirkliche Tätigkeit ist gering – er ist kurze Zeit im di- VERGLEICH
plomatischen Dienst; seine eigentliche Leistung, die er vollbringt
und die auch sein Leben entscheidet, ist eine literarische Tätigkeit:
Er übersetzt die Lieder Ossians und trägt sie Lotte vor; daraus ent-
wickelt sich die alles zerstörende Liebesszene, deren Folge der
Selbstmord Werthers ist. Goethe hatte ebenfalls Lieder des Ossian
übersetzt und sie Friederike Brion geschenkt. Aber bei Goethe
blieb es nicht bei diesen Übersetzungen, die letztlich eine passive
Form des Umgangs mit Literatur sind. Werther schafft sich seine
Bestätigungen nicht durch eine selbstständige Planung seines Le-
bens, sondern durch Lektüre: Emotionale Übereinstimmung zwi-
schen Lotte und Werther wird nicht durch ein persönliches Ge-
ständnis mitgeteilt, sondern durch den Namen Klopstocks.
Selbstvergessener Liebesrausch, der den Tod provoziert, folgt kei-
nem Liebesgeständnis, sondern entsteht aus dem Vorlesen der
Ossian-Übersetzungen. Selbst der Tod Werthers geschieht nach
dem literarischen Modell: Auf dem Pult liegt aufgeschlagen Les-
sings „Emilia Galotti“.
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Leben und Werk -interpretation
FA ZIT Da die deutsche Zersplitterung keine politischen Entwicklun-
gen wie in Frankreich zuließ, konzentrierten sich die gesellschaft-
lichen Konzeptionen auf die Gebiete von Philosophie und Literatur.
Goethes Werther ist dafür eine typische Gestalt: Er eignet sich Li-
teratur und Kunst in großem Umfang an, wird aber nicht zu einem
wirklich handelnden Menschen, sondern bezieht seine Lebenspro-
gramme aus den literarischen Beispielen, aus Homer und Ossian,
denen er kontemplativ folgt, nicht aktiv. Werther ist Dilettant des
18. Jahrhunderts, der die Ansprüche des Originalgenies stellt, aber
sie nicht erfüllen kann. Das ist ein entscheidender Unterschied zu
Goethe: Während Werther nur übersetzt, wird Goethe zum literari-
schen Schöpfer und kann damit seine individuellen, aber auch sei-
ne gesellschaftskritischen Probleme bewältigen.
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geschichte aufgaben
literatur
Zitierte Ausgaben:
Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther.
Heftbearbeitung: Uwe Lehmann. Husum/Nordsee: Hamburger
Lesehefte Verlag 2010 (Hamburger Leseheft Nr. 115). Zitat
verweise sind mit HL gekennzeichnet.
Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werther.
Nachwort von Ernst Beutler, Stuttgart: Philipp Reclam jun.,
durchgesehene Ausgabe 2001 (Reclams Universal-Bibliothek
Nr. 67). Zitatverweise sind mit R gekennzeichnet.
Weitere Werkausgaben:
Goethe, Johann Wolfgang: Werke, Band 6 (Hamburger Aus
gabe), herausgegeben und durchgesehen von Erich Trunz,
kommentiert von Erich Trunz und Benno von Wiese. Hamburg:
Wegner 1951; München: C. H. Beck, 10. Auflage 1981.
Goethe, Johann Wolfgang: Poetische Werke, Band 9 (Berliner
Ausgabe), bearbeitet von Margot Böttcher, Werner Liersch
und Annemarie Noelle, Berlin: Aufbau Verlag, 1961.
Goethe, Johann Wolfgang von: Werke (Berliner Ausgabe).
22 Bde. Hrsg. von Gertrud Rudloff-Hille und Siegfried Seidel.
Berlin: Aufbau-Verlag, 2. Auflage 1976 –1978
Gut und ausführlich erläutert und kommentiert, eignet sich
für speziellere Arbeiten und leistet in vieler Hinsicht Pionierar-
beit; nach dieser Ausgabe wird zitiert mit der Sigle BA, Band-
und Seitenangabe.
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literatur
Weitere Quellen:
Bode, Wilhelm (Hg.): Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeit-
genossen, Band 1– 3, Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, 1979;
München, 1982.
Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten
Jahren seines Lebens 1823 –1832, Berlin: Aufbau Verlag, 1962.
Götting, Franz (Hg.): Chronik von Goethes Leben. Leipzig:
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Gräf, Hans Gerhard (Hg.): Goethe über seine Dichtungen.
Versuch einer Sammlung aller Äußerungen des Dichters über
seine poetischen Werke, 3 Teile in 9 Bänden, Frankfurt a. M.:
Rütten & Loening, 1901–1914.
Herder/Goethe/Möser: Von Deutscher Art und Kunst. Leipzig:
Verlag Philipp Reclam jun., 1960.
Kestner, August (Hg.): Goethe und Werther. Briefe Goethes,
meistens aus seiner Jugendzeit, mit erläuternden Dokumenten.
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Lernhilfen und Kommentare:
Gysi, Klaus u. a.: Die Leiden des jungen Werthers. In:
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Hein, Edgar: Johann Wolfgang Goethe. Die Leiden des jungen
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Rothmann, Kurt: Johann Wolfgang Goethe. Die Leiden des jungen
Werther. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam,
1971, revidierte Ausgabe 2000.
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Stückrath, Jörn: Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jun-
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Sekundärliteratur:
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Hollfeld: C. Bange Verlag, 4. Auflage 2010.
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Brandes, Georg: Goethe. Berlin: Erich Reiss Verlag, 1922.
Eissler, Kurt R.: Goethe. Eine psychoanalytische Studie
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Friedenthal, Richard: Goethe. Sein Leben und seine Zeit.
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Hettner, Hermann: Geschichte der deutschen Literatur im
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Höfer, Anja: Johann Wolfgang von Goethe. München: dtv, 1999.
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Werthers und Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W.
München, Wien: Hanser, 1984.
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literatur
Lämmert, Eberhard: Goethes empirischer Beitrag zur Roman-
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Rahmeyer, Ruth: Werthers Lotte. Goethes Liebe für einen Sommer.
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Reuter, Hans-Heinrich: Der gekreuzigte Prometheus: Goethes
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Hg. von Helmut Holtzhauer. Weimar: Verlag Hermann Böhlaus
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128
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Vaget, Rudolf: Die Leiden des jungen Werthers. In: Paul Michael
Lützeler und James E. McLeod (Hrsg.): Goethes Erzählwerk.
Stuttgart: Reclam, 1998 (Universal-Bibliothek Nr. 8081),
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Wierlacher, Alois: Max Frisch und Goethe. Zum Plagiatprofil
des Stiller. In: Goethe-Jahrbuch. Hg. von Karl Heinz Hahn.
Weimar: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, 103. Bd., 1986,
S. 266 – 277.
Verfilmungen (Auswahl):
Begegnung mit Werther. BRD 1949.
Drehbuch: Hermann Gressieker und Karl Heinz Stroux.
Regie: Karl Heinz Stroux
Die Leiden des jungen Werther. DDR 1976.
Drehbuch: Helga Schütz und Egon Günther.
Regie: Egon Günther
Die Leidenschaftlichen. Goethes Werther:
Dichtung und Wahrheit. BRD/Österreich/Schweiz 1981.
Drehbuch: Hans Christoph Buch und Thomas Koerfer.
Regie: Thomas Koerfer
Werther. BRD 2008.
Regie: Uwe Janson
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stichwortverzeichnis
stichwortverzeichnis
Aristokratie 6, 16 ff., 25, 37, Interjektion 8, 91
111, 116, 120 Inversion 8, 84, 91
Aufklärung 16, 19 f., 43, 63, Klimax 8, 91 ff.
67, 71 f., 87, 96, 112 Klopstock 12, 22 f., 45, 48,
auktorialer Erzähler 59 54, 78, 80, 92, 95, 112,
Briefroman 7, 31, 36 ff., 44, 56 119, 123
Bürgertum 6 ff., 16 ff., 21, 25, Liebesroman 117
34, 36 f., 41, 44, 48 f., 65, Natur 8, 18 ff., 28, 36, 43 f.,
67, 76, 94 ff., 110, 111 ff. 49, 58, 60, 62, 65, 71, 72 ff.,
Dilettant 19 f., 96, 122, 124 76, 79, 93 f., 97, 108 ff.,
Dreieckskonflikt 7, 27, 111 f., 114 ff., 119, 123
63 f., 109 Originalgenie siehe Genie
Ellipse 8, 91 f. Ossian 11, 18 ff., 36, 40, 52,
Empfindsamkeit 20, 28, 35, 54, 60 f., 65, 80, 84, 87, 89,
45, 71, 77, 94, 106, 108 108, 118 ff., 123 f.
fallende Handlung 7, 56, Oxymoron 8, 91 f.
58 f., 92 Parallelhandlung 7, 44, 46 f.,
Feudalstruktur 8, 16, 18, 50, 51, 53, 56, 59, 60 f., 82 f.,
94 f., 116 88, 115
fiktiver Herausgeber 7, 56 Rousseau 18 ff., 31, 36, 71, 76,
Französische Revolution 16, 79, 94 f., 101, 116, 118 f.
96, 117 f. Selbstmord 7, 12, 22, 31, 33 f.,
Gedankenstrich 91 43, 46 f., 50, 53, 60 f., 63,
Genie 18 ff., 25, 74, 102, 124 65, 67, 82 f., 90, 98, 102 f.,
Homer 11, 18 ff., 36, 40, 43, 106, 109, 114, 116, 123
45, 47, 52, 58, 60 f., 65, Shakespeare 10 f., 18 ff., 112
72 f., 78, 80 ff., 86 f., 102, steigende Handlung 7, 56,
111, 115 f., 119 ff., 123 f. 58 f., 92
industrielle Revolution 16
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Sturm und Drang 8, 11 f., 16, Weltschmerz 96, 99, 109
18 ff., 25 f., 29, 43, 73 f., 80, Werther-Kleidung 12, 44, 54,
84, 91 f., 94, 114, 119, 123 65, 77, 104, 113
Subjekt 8, 94 ff. Werther-Prosa 93, 105
Tugend 37, 90, 111 f.
131
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eigene notizen
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