J.R.R.
Tolkien
DER HERR DER RINGE
Dritter Teil: Die Rückkehr des Königs
Aus dem Englischen übersetzt
von Wolfgang Krege
KLETT-COTTA
Impressum
Hobbit Presse
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Die Originalausgabe von »Die Rückkehr des Königs«
erschien unter dem Titel »The Return of the King. Being
the Third Part of the Lord of the Rings« im Verlag George
Allen & Unwin Ltd., London
Published by arrangement with HarperCollins Publishers
Ltd., London
© Tolkien Estate Limited 1955, 1966
® und Tolkien® sind eingetragene Markenzeichen der
Tolkien Estate Limited
Für die deutsche Ausgabe:
© 1970, 1972, 1999, 2012 by J. G. Cotta’sche
Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Die Gedichte auf folgenden Seiten wurden von E.-M. von
Freymann übertragen: 9, 165, 194, 256, 330, 376.
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: vh7 Medienküche GmbH, Stuttgart
unter Verwendung der Daten des Originalverlags ©
HarperCollins Publishers Ltd
Cover art © 2022 Amazon Content Services LLC
Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH,
Leipzig
Printausgabe: ISBN 978-3-608-98701-0
E-Book: ISBN 978-3-608-11983-1
Dieses E-Book entspricht der aktuellen Auflage der
Printausgabe.
INHALT
Übersicht
FÜNFTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Minas Tirith
ZWEITES KAPITEL
Der Weg der grauen Schar
DRITTES KAPITEL
Die Heerschau von Rohan
VIERTES KAPITEL
Die Belagerung von Gondor
FÜNFTES KAPITEL
Der Ritt der Rohirrim
SECHSTES KAPITEL
Die Schlacht auf dem Pelennor
SIEBENTES KAPITEL
Denethors Scheiterhaufen
ACHTES KAPITEL
Die Häuser der Heilung
NEUNTES KAPITEL
Die letzte Beratung
ZEHNTES KAPITEL
Das Schwarze Tor öffnet sich
SECHSTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Der Turm von Cirith Ungol
ZWEITES KAPITEL
Das Land des Schattens
DRITTES KAPITEL
Der Schicksalsberg
VIERTES KAPITEL
Das Feld von Cormallen
FÜNFTES KAPITEL
Der Statthalter und der König
SECHSTES KAPITEL
Viele Abschiede
SIEBENTES KAPITEL
Heimwärts
ACHTES KAPITEL
Das Ausmisten des Auenlandes
NEUNTES KAPITEL
Die Grauen Anfurten
Anmerkungen
Karte
Zur neuen Übersetzung
Informationen zum Autor
DER HERR DER RINGE
Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
ÜBERSICHT
Dies ist der dritte Teil des Herrn der Ringe.
Im ersten Teil, Die Gefährten, wurde erzählt, wie Gandalf
der Graue herausfand, dass der Ring im Besitz des Hobbits
Frodo tatsächlich der Eine Ring war, der die anderen Ringe
der Macht beherrschte. Darauf mussten Frodo und seine
Gefährten aus ihrer Heimat, dem friedlichen Auenland,
fliehen, verfolgt von den furchtbaren Schwarzen Reitern
aus Mordor, bis sie endlich mit Hilfe des Waldläufers
Aragorn aus Eriador unter höchsten Gefahren Elronds
Haus in Bruchtal erreichten.
Dort wurde unter Elronds Vorsitz eine große
Ratsversammlung abgehalten, die den Beschluss fasste,
einen Versuch zur Vernichtung des Rings zu unternehmen.
Zum Träger des Rings wurde Frodo bestimmt. Dann
wurden Gefährten ausgewählt, die ihm helfen sollten,
seinen Auftrag zu erfüllen: sich wenn irgend möglich ins
Land des Feindes, nach Mordor, einzuschleichen und dort
den Ring ins Feuer des Flammenbergs zu werfen, worin
allein er zerstört werden konnte. Die Gefährten waren
Aragorn und Boromir, der Sohn des Statthalters von
Gondor, stellvertretend für die Menschen; Legolas, der
Sohn des Elbenkönigs aus dem Düsterwald, für die Elben;
Gimli, der Sohn Glóins vom Einsamen Berg, für die Zwerge;
Frodo mit seinem Diener Samweis und seinen zwei jungen
Vettern Meriadoc und Peregrin für die Hobbits; und
außerdem Gandalf der Graue.
In aller Heimlichkeit zogen die Gefährten von Bruchtal
weit nach Süden. Ein Versuch, das Hochgebirge im Winter
auf dem Pass am Caradhras zu überschreiten, misslang;
und dann führte Gandalf sie durch eine Geheimtür in die
weiträumigen Minen von Moria, auf der Suche nach einem
Weg unter den Bergen hindurch. Im Kampf mit einem
entsetzlichen Wesen aus der Unterwelt stürzte Gandalf dort
in einen dunklen Abgrund. Doch Aragorn, der sich nun als
der geheime Erbe der alten Könige des Westens zu
erkennen gegeben hatte, führte die Gefährten weiter: vom
Osttor von Moria in das Elbenland Lórien, dann den großen
Anduinstrom abwärts bis zu den Rauros-Fällen. Schon da
hatten sie bemerkt, dass sie von Spähern beobachtet
wurden und dass Gollum, eine Kreatur, die den Ring einmal
besessen hatte und ihn noch immer begehrte, ihnen auf der
Spur war.
Nun wurde es notwendig, sich zu entscheiden, ob sie
ostwärts nach Mordor oder mit Boromir nach Minas Tirith
gehen sollten, um Gondors Hauptstadt im bevorstehenden
Krieg verteidigen zu helfen. Oder sollten sie sich trennen?
Als deutlich wurde, dass der Ringträger entschlossen war,
das hoffnungslose Unternehmen bis ins Feindesland
fortzusetzen, versuchte Boromir, den Ring mit Gewalt an
sich zu bringen. Der erste Teil endete damit, dass Boromir
der Verlockung des Rings erlag, während Frodo und sein
Diener Samweis sich heimlich davonmachten und die
anderen Gefährten durch einen plötzlichen Überfall von
Orksoldaten getrennt wurden, die teils im Dienst des
Dunklen Herrschers von Mordor, teils des Verräters
Saruman in Isengard standen. Das Unglück schien die
Fahrt des Ringträgers schon ereilt zu haben.
Im zweiten Teil (Buch III und IV), Die zwei Türme, wurde
über die Abenteuer aller Gefährten nach der Auflösung des
Ringbundes berichtet. Buch III erzählte von Boromirs Reue
und Tod und von seiner Bestattung in einem Boot, das die
Rauros-Fälle hinabfuhr, von Meriadocs und Peregrins
Gefangenschaft bei den Orks, die sie über die östlichen
Ebenen von Rohan nach Isengard verschleppen wollten,
und von der Verfolgung der Orks durch Aragorn, Legolas
und Gimli.
Dann traten die Reiter von Rohan auf den Plan.
Angeführt von ihrem Marschall Éomer umzingelten sie die
Orks am Saum des Fangornwaldes und vernichteten sie;
die Hobbits aber entkamen in den Wald und begegneten
dort Baumbart, dem Ent, dem heimlichen Herrn des
Waldes. Sie erlebten mit, wie das Baumvolk sich empörte
und in heller Wut nach Isengard marschierte.
Währenddessen begegneten Aragorn und seine Gefährten
dem von der Schlacht heimreitenden Éomer. Er lieh ihnen
Pferde, und sie ritten zum Waldrand. Als sie dort vergebens
nach den Hobbits suchten, stieß Gandalf wieder zu ihnen,
der aus dem Tod zurückgekehrt war, nun als ein Weißer
Reiter, doch immer noch mit einem grauen Mantel getarnt.
Mit ihm ritten sie durch Rohan bis zur Halle Théodens, des
alten Königs der Mark, den Gandalf von der Behexung
durch Schlangenzunge heilte, den treulosen Ratgeber des
Königs und heimlichen Verbündeten Sarumans. Dann zogen
sie mit dem König und seinem Heer gegen Isengards
Streitkräfte zu Felde und hatten Anteil an dem
unverhofften Sieg bei der Hornburg. Unter Gandalfs
Führung ritten sie nach Isengard und fanden die große
Festung von den Baumhirten in Schutt gelegt, Saruman
und Schlangenzunge belagert in dem uneinnehmbaren
Orthanc-Turm.
Bei der Verhandlung vor seiner Tür zeigte Saruman
keinerlei guten Willen; daher enthob ihn Gandalf seines
Amtes, zerbrach seinen Stab und überließ ihn den Ents zur
weiteren Bewachung. Aus einem hohen Turmfenster warf
Schlangenzunge nach Gandalf einen Stein, der ihn aber
nicht traf und von Peregrin aufgehoben wurde. Es stellte
sich heraus, dass dies einer der drei noch erhaltenen
Palantíri war, der Sehenden Steine aus Númenor. Später in
der Nacht gab Peregrin (genannt Pippin) der Verlockung
des Steins nach. Er stahl ihn und blickte hinein. So wurde
er sichtbar für Sauron. Buch III endet damit, dass ein
Nazgûl über die Ebenen von Rohan geflogen kam, ein
Ringgeist auf einem geflügelten Reittier, Vorzeichen des
nun beginnenden Krieges. Gandalf übergab den Palantír
Aragorn und machte sich mit Pippin auf zum Ritt nach
Minas Tirith.
Buch IV berichtete von Frodo und Samweis, die nun im
kahlen Bergland der Emyn Muil umherirrten. Sie fanden
einen Abstieg aus den Bergen und wurden von Sméagol-
Gollum eingeholt. Frodo konnte Gollum zähmen und ihn
von seiner Bösartigkeit beinah abbringen; und Gollum
führte sie durch die Totensümpfe und das verwüstete Land
bis zum Morannon, dem Schwarzen Tor an der Nordgrenze
von Mordor.
Dort einzudringen, war unmöglich, und Frodo nahm von
Gollum den Rat an, einen »geheimen Eingang« weiter im
Süden aufzusuchen, den Gollum kannte, im
Schattengebirge, Mordors westlichem Grenzwall. Auf dem
Weg dorthin fielen sie einem Spähtrupp der Menschen von
Gondor, geführt von Boromirs Bruder Faramir, in die
Hände. Faramir bekam heraus, was sie vorhatten,
widerstand aber der Versuchung, der Boromir erlegen war,
und brachte sie auf den Weg zur letzten Etappe zum Cirith
Ungol, dem Spinnenpass; zugleich aber warnte er sie, dass
dies ein höchst gefährlicher Weg sei, von dem Gollum ihnen
weniger gesagt habe, als er wisse. Eben als sie die
Wegscheide erreichten und die Straße in Richtung der
Geisterstadt Minas Morgul betraten, strömte von Mordor
eine dunkle Wolke aus, die alle Länder bedeckte. Sauron
schickte nun sein erstes Heer ins Feld, geführt vom
schwarzen König der Ringgeister: Der Ringkrieg hatte
begonnen.
Gollum brachte die Hobbits auf einem geheimen Pfad an
Minas Morgul vorüber, und in der Dunkelheit kamen sie
schließlich zum Cirith Ungol. Dort verfiel Gollum wieder
auf seine bösen Absichten und versuchte, sie dem
Ungeheuer Kankra auszuliefern, das den Pass bewachte.
Dank Sams Tapferkeit, der seinen Angriff abwehrte und
Kankra verwundete, wurde sein Vorhaben vereitelt.
Der zweite Teil endete damit, dass Sam einige schwierige
Entscheidungen treffen muss. Frodo, von Kankra
gestochen, liegt tot, wie es scheint, am Boden, und
entweder wird seine Fahrt nun ein katastrophales Ende
finden, oder Samweis muss seinen Master verlassen.
Schließlich nimmt Samweis den Ring an sich. Er will das
aussichtslose Unternehmen allein fortsetzen. Doch als er
eben im Begriff ist, Mordor zu betreten, kommen Orks von
Minas Morgul herauf, und andere kommen ihm aus dem
Turm von Cirith Ungol entgegen, der die Passhöhe
bewacht. Durch den Ring unsichtbar, erfährt Samweis aus
dem Gezänk der Orks, dass Frodo nicht tot, sondern nur
betäubt ist. Zu spät setzt er den Orks nach. Sie tragen
Frodo durch einen Tunnel davon, der zu einem
Hintereingang in ihren Turm führt. Als das Tor krachend
vor Samweis zugeschlagen wird, fällt er in Ohnmacht.
Dieser dritte und letzte Teil nun soll berichten, auf wie
verschiedene Weise Gandalf und Sauron gegeneinander
vorgehen, wie es zur letzten Entscheidung und zum Ende
der großen Finsternis kommt. Zunächst kehren wir zum
Kriegsgeschehen im Westen zurück.
FÜNFTES BUCH
ERSTES KAPITEL
MINAS TIRITH
Pippin lugte unter Gandalfs Mantel vor. Er wusste nicht,
ob er wach war oder schlief und noch immer in dem Traum
dahinflog, der ihn umfangen hatte, als ihr großer Ritt
begann. Die nächtliche Welt brauste vorüber, und der Wind
pfiff ihm um die Ohren. Er konnte nichts sehen als die
kreisenden Sterne hoch oben und zur Rechten gewaltige,
gegen den Himmel aufragende Schatten, wo sich die Berge
des Südens dahinzogen. Schläfrig versuchte er, die
Stunden und Stationen ihres Ritts nachzuzählen, aber auf
sein Gedächtnis, das noch döste, war kein Verlass.
Zuerst waren sie in rasendem Tempo ohne Halt die Nacht
durch geritten, und im Morgengrauen hatte er einen
blassen Goldschimmer gesehen, und sie waren in die stille
Stadt und das große, leere Haus auf dem Hügel gekommen.
Und kaum waren sie unter seinem Dach, da fuhr der
geflügelte Schatten wieder über sie hinweg, und die
Menschen vergingen vor Angst. Ihn aber hatte Gandalf
beschwichtigt, und er hatte sich in einem Winkel schlafen
gelegt, müde, aber unruhig, hatte hin und wieder etwas
von dem Kommen und Gehen bemerkt, von den Menschen,
die mit Gandalf redeten und denen er Anweisungen gab.
Und dann wieder reiten, reiten durch die Nacht. Dies war
die zweite, nein, die dritte Nacht, seit er in den Stein
geblickt hatte. Und bei dieser abscheulichen Erinnerung
wurde er vollends wach; ihn schauderte, und das Brausen
des Windes füllte sich mit drohenden Stimmen.
Ein Licht brannte am Himmel, eine gelbe Flamme hinter
dunklen Schranken. Pippin zog wieder den Kopf ein, und
für einen Moment fragte er sich ängstlich, in was für ein
schreckliches Land Gandalf ihn bringe. Er rieb sich die
Augen und sah, dass es der Mond war, der, nun fast voll,
über die Schatten im Osten aufstieg. Es war also noch nicht
spät in der Nacht, und sie würden noch stundenlang so
weiterreiten. Er rührte sich.
»Wo sind wir, Gandalf?«, fragte er.
»Im Königreich Gondor«, antwortete der Zauberer. »Das
Land, durch das wir jetzt reiten, heißt Anórien.«
Sie schwiegen wieder eine Weile. Dann rief Pippin
plötzlich, »was ist das?«, und klammerte sich fest an
Gandalfs Mantel. »Sieh doch, Feuer, rotes Feuer! Gibt es in
diesem Land Drachen? Sieh, da ist noch eines!«
Statt einer Antwort feuerte Gandalf laut sein Pferd an:
»Los, Schattenfell! Wir haben’s eilig. Die Zeit wird knapp.
Sieh dort, die Leuchtfeuer von Gondor brennen, sie rufen
um Hilfe. Krieg ist entbrannt. Sieh, dort ist das Feuer auf
dem Amon Dîn, dort das auf dem Eilenach; und dahinten
ziehen sie sich weiter nach Westen: auf dem Nardol, dem
Erelas, dem Min-Rimmon, Calenhad und Halifirien an der
Grenze von Rohan.«
Aber Schattenfell lief langsamer und ging im Schritt;
dann hob der Hengst den Kopf und wieherte. Und aus der
Dunkelheit wieherte eine Antwort; und gleich darauf hörte
man Hufgetrappel, drei Reiter preschten heran und
verschwanden wie fliegende Gespenster im Mondschein
nach Westen. Schattenfell setzte sich wieder in Trab, und
die Nacht strömte über ihn hin wie ein brausender Wind.
Pippin wurde wieder schläfrig und passte kaum auf, als
Gandalf ihm erzählte, was in Gondor für Bräuche
herrschten und wie die Statthalter auf vorspringenden
Gipfeln an beiden Rändern der langen Bergkette
Leuchttürme hatten bauen lassen, an denen ständig Posten
unterhalten wurden und frische Pferde für ihre Meldereiter
nach Rohan im Norden oder Belfalas im Süden
bereitstanden. »Es ist lange her, dass die Leuchtfeuer im
Norden zum letzten Mal brannten«, sagte er, »und in
Gondors alten Zeiten brauchte man sie nicht, denn man
hatte die Sieben Steine.« Pippin zuckte unangenehm
berührt zusammen.
»Schlaf noch eine Weile und hab keine Angst!«, sagte
Gandalf. »Denn du kommst nicht nach Mordor wie Frodo,
sondern nach Minas Tirith, und da bist du so sicher, wie
man es in diesen Tagen nur irgendwo sein kann. Wenn
Gondor fällt oder der Feind den Ring bekommt, bietet auch
das Auenland keinen Schutz mehr.«
»Sehr tröstlich find ich das nicht«, sagte Pippin, aber
trotzdem schlief er bald darauf ein. Das Letzte, was ihm in
Erinnerung blieb, bevor er in einen tiefen Traum sank, war
ein Ausblick auf hohe weiße Gipfel, die schimmernd über
den Wolken trieben wie schwimmende Inseln, als das Licht
des tief im Westen stehenden Mondes sie traf. Gern hätte
er gewusst, wie es Frodo ging, ob er schon in Mordor und
ob er noch am Leben war; und er konnte nicht wissen, dass
Frodo in der Ferne denselben Mond betrachtete, wie er
hinter Gondor unterging, ehe der Tag anbrach.
Pippin erwachte beim Klang von Stimmen. Wieder waren
ein Tag und eine Nacht verstrichen, der Tag im Versteck
und die Nacht zu Pferde. Wieder dämmerte ein kalter
Morgen herauf, und im Zwielicht umlagerte sie kühler
grauer Nebel. Schattenfell dampfte vor Schweiß, hielt aber
den Hals stolz erhoben und zeigte kein Anzeichen von
Erschöpfung. Viele große Menschen in dicken Mänteln
standen bei ihnen, und dahinter sah man im Nebel eine
Mauer. Zum Teil schien sie verfallen zu sein, doch obwohl
es noch nicht Tag war, war schon der Lärm eiliger
Ausbesserungsarbeiten zu hören: pochende Hämmer,
scharrende Maurerkellen, knarrende Räder. Fackeln und
Laternen leuchteten hier und da stumpf durch den Nebel.
Gandalf sprach mit den Männern, die ihnen den Weg
versperrten, und als Pippin zuhörte, merkte er, dass von
ihm die Rede war.
»Dich kennen wir freilich, Mithrandir«, sagte der
Anführer der Männer, »und du kennst die Losungsworte
der sieben Tore und darfst daher eintreten. Aber deinen
Begleiter kennen wir nicht. Was ist das für einer? Ein
Zwerg aus dem Gebirge im Norden? Wir wünschen zu
dieser Zeit keine Fremden im Lande, es sei denn, sie wären
waffengewaltige Kriegsmänner, auf deren Treue und Hilfe
wir uns verlassen können.«
»Ich werde vor Denethors Stuhl für ihn bürgen«, sagte
Gandalf. »Und was die Kriegstüchtigkeit angeht, so ist sie
nicht am Wuchs zu ermessen. Mein Gefährte hat mehr
Schlachten und Gefahren bestanden als du, Ingold, obwohl
du zweimal so groß bist; und er kommt jetzt von der
Erstürmung Isengards, von der wir Nachricht bringen;
daher ist er sehr müde, sonst würde ich ihn jetzt wecken.
Sein Name ist Peregrin, und er ist ein sehr tapferer Mann.«
»Mann?«, sagte Ingold zweifelnd, und die anderen
lachten.
»Jawohl, ein Mann!«, rief Pippin, nun vollends wach
geworden. »Aber kein Mensch! Ich bin ein Hobbit und
ebenso wenig tapfer, wie ich ein Mensch bin, außer
vielleicht dann und wann im Notfall. Lasst euch von
Gandalf nichts weismachen!«
»Mancher, der Heldentaten vollbracht hat, könnte nicht
mehr sagen«, sagte Ingold. »Was aber ist ein Hobbit?«
»Ein Halbling«, antwortete Gandalf. »Nein, nicht
derjenige, von dem die Rede war«, fügte er hinzu, als er
das Erstaunen in den Gesichtern der Männer sah. »Der
nicht, doch einer aus seinem Volk.«
»Ja, und der mit ihm auf Fahrt gegangen ist«, sagte
Pippin. »Und Boromir aus eurer Stadt war auch bei uns
und hat mich aus dem Schnee im Norden gerettet, und
zuletzt ist er gefallen, als er mich gegen viele Feinde
verteidigte.«
»Still!«, sagte Gandalf. »Diese traurige Nachricht hätte
zuerst der Vater erfahren sollen.«
»Es ahnte uns schon«, sagte Ingold, »denn seltsame
Zeichen wurden hier vor kurzem erkannt. Doch reitet nun
schnell weiter! Denn der Herr von Minas Tirith wird
begierig sein, jeden zu empfangen, der ihm die letzte
Kunde von seinem Sohn überbringt, sei er nun Mensch
oder …«
»Hobbit«, sagte Pippin. »Geringe Dienste nur kann ich
eurem Herrn anbieten, doch was ich tun kann, will ich tun,
im Gedenken an den tapferen Boromir.«
»Lebt wohl!«, sagte Ingold, und die Männer gaben
Schattenfell den Weg frei, und sie ritten durch ein schmales
Tor in der Mauer. »Mögest du Denethor in seiner Not guten
Rat bringen, und uns allen, Mithrandir!«, rief Ingold. »Doch
wieder kommst du mit Nachricht von Leid und Gefahr, wie
man dir nachsagt, dass es deine Art sei.«
»Weil ich selten komme, wenn meine Hilfe nicht nötig
ist«, antwortete Gandalf. »Und was den guten Rat angeht,
so würde ich dir sagen, dass es allzu spät ist, die Mauer um
den Pelennor auszubessern. Mut wird nun euer bester
Schutz vor dem Sturm sein, der heraufzieht – Mut und der
Rest von Hoffnung, den ich bringe. Denn nicht alle
Nachrichten, die ich bringe, sind schlecht. Aber legt die
Maurerkellen weg und schleift die Schwerter!«
»Hier werden wir noch vor dem Abend fertig«, sagte
Ingold. »Dies ist das letzte Stück der Mauer, das zur
Verteidigung bereitgemacht werden muss. Einem Angriff
ist es am wenigsten ausgesetzt, denn es liegt in der
Richtung, aus der unsere Freunde aus Rohan kommen
müssten. Weißt du etwas von ihnen? Glaubst du, dass sie
unserm Aufruf folgen werden?«
»Ja, sie werden kommen. Aber sie haben in eurem
Rücken viele Schlachten geschlagen. Keine Straße, und
auch diese nicht, führt mehr in sicheres Land. Seid
wachsam! Wäre Gandalf Sturmkrähe nicht gewesen, sähet
ihr ein Heer von Feinden aus Anórien heranrücken und
nicht die Reiter von Rohan. Und das kann auch jetzt noch
kommen. Lebt wohl und schlaft nicht!«
Gandalf ritt nun in den breiten Landstreifen hinter der
Rammas Echor hinein. So nannten die Menschen von
Gondor die äußere Mauer, die sie mit viel Mühe erbaut
hatten, nachdem auf Ithilien der Schatten ihres Feindes
gefallen war. Über zehn Wegstunden lang, vom Fuß des
Gebirges ausgehend und wieder zum Gebirge
zurückkehrend, umschloss sie die Felder des Pelennor, das
schöne, fruchtbare Stadtland auf den langen, zum Anduin
hin abfallenden Hängen und Terrassen. An der
entferntesten Stelle, im Nordosten, wo die Mauer vier
Wegstunden vor dem großen Stadttor stand, blickte sie von
einer steilen Böschung auf die langen, flachen Uferstreifen
am Fluss hinab; und dort war die Mauer hoch und stark
befestigt, denn an dieser Stelle kam die Straße auf einem
ummauerten Damm von den Übergängen und Brücken von
Osgiliath herauf und führte durch ein bewachtes Tor
zwischen Wehrtürmen. An der nächsten Stelle war die
Mauer kaum mehr als eine Wegstunde von der Stadt
entfernt, und dies war im Südosten. Der Anduin bog dort,
wo er die Hügel der Emyn Arnen in Süd-Ithilien in einer
weiten Schleife umfloss, scharf nach Westen ab, und dicht
am Ufer stand die Außenmauer, oberhalb der Kais und
Anlegeplätze des Harlond, des Hafens für die Schiffe, die
stromaufwärts von den südlichen Lehen kamen.
Das Stadtland war fruchtbar, mit weiten bestellten
Flächen und vielen Obstgärten, dazwischen Gehöfte mit
Darren und Speichern, Pferchen und Ställen; und viele
kleine Bäche rieselten durchs Gras, die vom Hochland zum
Anduin hinabflossen. Doch die Hirten und Bauern, die dort
lebten, waren nicht zahlreich, und zum größten Teil wohnte
das Volk von Gondor in den sieben Mauerringen der Stadt,
in den hochgelegenen Tälern zwischen den Ausläufern des
Gebirges, in Lossarnach oder weiter südlich im milden
Lebennin mit seinen fünf schnellfließenden Flüssen. Dort,
zwischen dem Gebirge und dem Meer, wohnte ein wackerer
Volksstamm. Sie wurden zu den Menschen von Gondor
gezählt, doch war ihr Blut vermischt, und es gab
Kleinwüchsige und Dunkelhäutige unter ihnen, deren
Vorväter wohl eher von den vergessenen Menschen
stammten, die in den Dunklen Jahren vor der Ankunft der
Könige im Schatten der Berge gelebt hatten. Dahinter aber,
in dem großen Lehen Belfalas, saß Fürst Imrahil in seiner
Burg Dol Amroth am Meer, und er, ebenso wie sein Volk,
war von edlem Geblüt: große, stattliche Menschen mit
meergrauen Augen.
Als Gandalf ein Stück weit geritten war, wurde der
Himmel allmählich hell. Pippin richtete sich auf und
schaute sich um. Links lag ein Nebelmeer, das nach Osten
hin zu einem dämmerigen Gewölk anstieg; rechts erhob
sich eine Bergkette mit hohen Gipfeln, die von Westen
herkam und hier jäh und steil abbrach, als hätte der Strom
bei der Erschaffung des Landes eine hohe Schranke
durchbrochen und ein breites Tal gegraben, als
Schlachtfeld für die streitenden Völker künftiger Zeiten.
Und dort, wo die Ered Nimrais, die Weißen Berge, endeten,
sah er, wie Gandalf angekündigt hatte, das dunkle Massiv
des Mindolluin, die tiefpurpurnen Schatten auf seinen
Schluchten und seine steile Wand, die sich im
zunehmenden Licht weiß färbte. Und auf einem
vorgeschobenen Knie des Berges stand die Stadt des
Wachtturms mit ihren sieben Mauern, so stark und alt, als
wäre sie nicht von Menschenhand erbaut, sondern von
Riesen aus den Gebeinen der Erde gemeißelt.
Während Pippin staunte, wechselten die Mauern die
Farbe, von weichem Grau zu Weiß, dann zu zarter,
morgendlicher Röte; und als die Sonne mit einem Mal über
die Wolken im Osten aufstieg, sandte sie einen Strahl aus,
der die Stadt aufleuchten ließ. Pippin stieß einen lauten
Schrei aus, denn da stand der Turm von Ecthelion, hoch
über die obersten Mauern aufragend, strahlend am Himmel
wie ein Dolch von Silber und Perlen, aufrecht, schlank und
zierlich, an der Spitze glitzernd wie von Kristallen; und auf
den Mauerzinnen entrollten sich weiße Banner flatternd im
Morgenwind; und trotz der Entfernung drang von dort
oben rein und klar ein Schall wie von silbernen Trompeten
herab.
So ritten Gandalf und Peregrin bei Sonnenaufgang zum
großen Tor der Hauptstadt von Gondor, und die eisernen
Torflügel schwangen vor ihnen zurück.
»Mithrandir! Mithrandir!«, riefen die Menschen. »Nun
wissen wir, der Sturm naht wahrhaftig.«
»Er ist schon da«, sagte Gandalf. »Auf seinen Flügeln bin
ich geritten. Lasst mich durch! Ich muss zu eurem Fürsten
Denethor, solange er noch Statthalter ist. Was auch
kommen mag: Mit Gondor, wie ihr es kennt, geht es zu
Ende. Lasst mich durch!«
Vor seiner gebieterischen Stimme wichen die Menschen
zurück, und sie befragten ihn nicht weiter; doch mit
Erstaunen betrachteten sie den Hobbit, der vor ihm saß,
und das Pferd, das sie beide trug. Denn die Bewohner der
Stadt hatten wenig Pferde, und selten sah man eines auf
ihren Straßen, wenn nicht die Boten des Statthalters
vorüberritten. Und sie sagten: »Gewiss ist dies eines der
edlen Rosse des Königs von Rohan. Vielleicht kommen uns
die Rohirrim ja doch noch zu Hilfe.« Schattenfell aber
schritt stolz die lange, hin- und herkreuzende Straße
hinauf.
Denn Minas Tirith, so wie es die alten Baumeister angelegt
hatten, stand auf sieben in den Berghang
hineingegrabenen Stufen, deren jede von einer Mauer
umfasst war. Jede Mauer hatte ein Tor; die Tore aber
standen nicht in einer Reihe: Das große Tor in der äußeren
Stadtmauer war an der Ostseite des Rings, das nächste
aber ging halb nach Süden, das dritte halb nach Norden,
und so weiter, hin und her, sodass die gepflasterte Straße,
die zur Zitadelle hinaufführte, im Zickzack über den
Berghang verlief. Und über dem großen Tor tauchte sie
jedes Mal in einen gewölbten Tunnel ein, der einen
mächtigen Felspfeiler durchstieß, dessen steile, nach
außen vorspringende Wand alle Mauerringe mit Ausnahme
des obersten in zwei Hälften zerteilte. Teils aus dem
urzeitlichen Wuchs des Berges entstanden, teils von der
starken und kundigen Hand der alten Baumeister
geschaffen, erhob sich ganz oben, vor dem weiten Hof
hinterm Tor der Zitadelle aufsteigend, eine mächtige
steinerne Bastei, mit der vorspringenden Spitze scharf wie
ein Schiffskiel nach Osten gerichtet. Bis zur Höhe des
obersten Mauerrings stieg sie an und wurde dort von einer
Brustwehr gekrönt, sodass die Mannen der Zitadelle vom
Schnabel der Bastei wie Seeleute vom hohen Bug eines
Schiffs auf das Stadttor herabblicken konnten, das
siebenhundert Fuß unter ihnen stand. Auch der Eingang
zur Zitadelle lag nach Osten, bohrte sich aber mitten durch
den Felsen und führte durch einen langen, von Laternen
erhellten Gang zum siebenten Tor hinauf. So gelangte man
schließlich zum Innenhof der Zitadelle und dem
Brunnenplatz, aus dem der Weiße Turm aufragte: hoch und
schlank, dreihundert Fuß vom Sockel bis zur Spitze, wo die
Fahne der Statthalter wehte, tausend Fuß über der Ebene.
Eine starke Festung war dies, die kein feindliches Heer
einnehmen konnte, solange noch waffenfähige Männer
darin waren; es sei denn, ein Feind wäre von hinten
gekommen und über die unteren Hänge des Mindolluin zu
der schmalen Bergschulter hinaufgestiegen, die den
Wachtturm-Felsen mit dem Bergmassiv verband. Aber
selbst diese Schulter, die bis zur Höhe der fünften Mauer
hinaufreichte, war bis zu der Steilwand, die ihr westliches
Ende überragte, mit starken Wällen eingefasst; und dort in
dem ewig stillen Raum zwischen dem Turm und dem Berg
standen die Häuser und Grabgewölbe der vornehmen
Toten, der früheren Könige und Gebieter der Stadt.
Mit wachsender Bewunderung betrachtete Pippin die
großen steinernen Bauten. Die Stadt war gewaltiger und
prächtiger, als er es sich je hatte träumen lassen, größer
und stärker als Isengard und bei weitem schöner. Doch in
Wahrheit verfiel sie von Jahr zu Jahr; und schon fehlte ihr
die Hälfte der Bewohner, die sie gut hätte unterbringen
können. In jeder Straße kamen sie an dem einen oder
anderen großen Haus oder Palast vorbei, über dessen Tür
oder Torbogen viele zierliche Schriftzeichen von fremder
und altertümlicher Art eingemeißelt waren: Namen, wie
Pippin vermutete, von großen Männern und Sippen, die
einst darin gewohnt hatten; jetzt aber herrschte dort Stille,
keine Schritte hallten über das weite Pflaster, keine
Stimmen klangen aus den Sälen herüber, und kein Gesicht
blickte aus den Türen oder den leeren Fenstern.
Endlich kamen sie aus dem dunklen Gang ans siebente
Tor, und die warme Sonne, die auch jenseits des Flusses
schien, wo Frodo über die Lichtungen von Ithilien ging,
beglänzte hier die glatten Mauern, die festgegründeten
Säulen und den hohen Torbogen, in dessen Schlussstein
das Ebenbild eines gekrönten Hauptes eingemeißelt war.
Gandalf und Pippin saßen ab, denn kein Pferd durfte die
Zitadelle betreten, und auf ein leises Wort seines Reiters
hin duldete Schattenfell, dass man ihn wegführte.
Die Wachen am Tor waren schwarz gekleidet, und ihre
Helme waren von eigenartiger Form, mit hohen Hauben
und langen, eng anliegenden Wangenschützern. Über den
Wangenschützern setzten weiße Seevogelschwingen an; die
Hauben aber glänzten silbern, denn sie waren aus Mithril,
Erbstücke aus ruhmreichen alten Zeiten. Auf den
schwarzen Waffenröcken war ein schneeweiß blühender
Baum unter einer silbernen Krone und vielzackigen
Sternen eingestickt. Dies war unter Elendils Erben die
Hoftracht gewesen, und jetzt trug sie in Gondor niemand
mehr außer der Burgwache vor dem Brunnenhof, wo einst
der Weiße Baum geblüht hatte.
Die Nachricht, dass sie kämen, schien ihnen vorausgeeilt
zu sein, denn sie wurden sogleich eingelassen, wortlos und
ohne Befragung. Rasch schritt Gandalf voran über den
weiß gepflasterten Hof. Ein Springbrunnen plätscherte
lieblich in der Morgensonne, von sattgrünem Rasen
umgeben; doch in der Mitte, über das Becken gebeugt,
stand ein verdorrter Baum, und die herabrieselnden
Tropfen fielen traurig von seinen kahlen, abgebrochenen
Zweigen wieder ins klare Wasser zurück.
Pippin betrachtete den Baum, als er hinter Gandalf
hereilte. Er sah trübsinnig aus, fand er und wunderte sich,
dass man den abgestorbenen Baum hatte stehen lassen, wo
doch alles auf diesem Platz sonst säuberlich gehegt war.
Sieben Sterne und sieben Steine und ein weißer Baum.
Die Worte, die Gandalf vor sich hin gesprochen hatte,
kamen ihm wieder in den Sinn. Und dann stand er schon an
der Tür der großen Halle unter dem schimmernden Turm;
und hinter dem Zauberer schritt er an den großen,
stummen Türstehern vorüber in den kühlen, hallenden
Schatten des steinernen Hauses.
Als sie über die Fliesen eines langen, leeren Flurs gingen,
sagte Gandalf leise zu Pippin: »Halte deine Zunge im Zaum,
Herr Peregrin! Flotte Hobbitsprüche sind hier nicht
angebracht. Théoden ist ein freundlicher alter Herr.
Denethor ist von anderem Schlag, hochmütig und
scharfsinnig, ein Mensch von weit höherer Macht und
Abkunft, obwohl er keine Königswürde trägt. Er wird
zumeist mit dir sprechen und dich nach vielem ausfragen,
denn du kannst ihm von seinem Sohn Boromir berichten.
Er hat ihn sehr geliebt, zu sehr vielleicht, und umso mehr,
als sie einander nicht ähnlich waren. Doch wird er glauben,
unter dem Deckmantel seiner Vaterliebe von dir leichter als
von mir erfahren zu können, was er wissen möchte. Sag
ihm nicht mehr, als du sagen musst, und schweige still von
Frodo und seinem Auftrag. Ich werde zur rechten Zeit
davon reden. Und sage auch nichts von Aragorn, wenn es
nicht sein muss.«
»Warum nicht? Was kann er denn gegen Streicher
haben?«, flüsterte Pippin. »Er wollte doch herkommen,
nicht? Und er wird doch sowieso bald selber hier sein.«
»Vielleicht, vielleicht«, sagte Gandalf. »Aber wenn er
kommt, dann wahrscheinlich auf eine Weise, wie es
niemand erwartet, nicht einmal Denethor. Es wäre auch
besser so. Zumindest sollte er nicht von uns angekündigt
kommen.«
Gandalf blieb vor einer hohen Tür von geschliffenem
Metall stehen. »Hör zu, Herr Pippin, ich hab jetzt keine
Zeit, dich über die Geschichte Gondors zu unterrichten;
auch wenn es besser wäre, du hättest etwas darüber
gelernt, als du noch in den auenländischen Wäldern
Vogelnester ausnahmst, statt in die Schule zu gehn. Tu
jetzt, was ich dir sage! Wenn man einem Mächtigen die
Nachricht vom Tod seines Erben überbringt, wäre es nicht
klug, allzu viel von der Ankunft eines Mannes zu reden, der,
wenn er kommt, auf die Königswürde Anspruch erheben
wird.«
»Die Königswürde?«, sagte Pippin erstaunt.
»Ja«, sagte Gandalf. »Und wenn du all die Tage schläfrig
und mit verstopften Ohren herumgelaufen bist, dann wache
nun auf!« Er klopfte an die Tür.
Die Tür ging auf, aber niemand war zu sehen, der sie
geöffnet hatte. Pippin blickte in einen großen Saal. Er
wurde durch niedrige Fenster in den breiten Seitenschiffen
erhellt, hinter den Reihen hoher Säulen, welche die Decke
ZUR NEUEN ÜBERSETZUNG
Die erste deutsche Fassung des Lord of the Rings, vor
dreißig Jahren erschienen, hat dem Buch viele Leser und
Immerwieder-Leser gewonnen. Einer davon bin ich. Ich
verdanke ihr vieles, und als ich mich an die Neufassung
machte, merkte ich, dass ich sie stellenweise auswendig
kannte, immer ein Zeichen dafür, dass etwas nicht ganz
schlecht sein kann. Die Übersetzerin Margaret Carroux hat
also an etlichen Stellen die auch aus meiner Sicht richtigen
Worte schon gefunden. Dies waren die schwierigsten
Momente in meiner Arbeit. Abschreiben müssen tut weh.
Dennoch wird der Leser auch ohne peniblen
Textvergleich Unterschiede bemerken. Die alte Fassung ist
eine getreue Nacherzählung einer fremden Geschichte. Sie
gibt den englischen Text im Allgemeinen zuverlässig
wieder; doch der Ton klingt neutral und gedämpft, als käme
er über Mikrofon aus der gläsernen Kabine eines
Dolmetschers. Die neue Fassung maßt sich einen Versuch
an, die Geschichte so vorzutragen, wie Tolkien es tun
würde, wenn er heute, 1999, schriebe und wenn er sie aus
dem Westron gleich ins Deutsche brächte, ohne den
Umweg über das Englische.
Einen wichtigen Teil der Arbeit hatte mir die alte
Übersetzung schon abgenommen: die Verdeutschung der
Namen. Darin verbergen sich einige Vorentscheidungen
über den Stil. Und an den Namen gab es nicht viel zu
ändern. Die meisten sind gut gewählt und haften im
Gedächtnis (obwohl nicht wenige Figuren zwei oder mehr
Namen haben); und auch an manche vielleicht anfechtbare
hatte ich mich gewöhnt. Nur bei Nebenfiguren und selten
erwähnten Orten waren kleine Umbenennungen ohne
Gewaltsamkeit möglich.
Namensübersetzungen sind anderswo in der Literatur
heute nicht mehr üblich, und manche Leute scheinen sie
auch hier für eine Marotte deutschtümelnder Übersetzer zu
halten. Darum sei einmal daran erinnert, dass Margaret
Carroux sie auf Tolkiens Wunsch und nach seinen
Anleitungen vorgenommen hat. Es gibt keinen vernünftigen
Grund, den Hobbits ihre englischen Namen zu belassen,
die ja ihrerseits nur Übersetzungen der echten
Hobbitnamen sein sollen. Tolkien selbst hat sich an
Namensfindungen für das Deutsche beteiligt, und
manchmal bot ihm unsere Sprache eine Gelegenheit, die er
im Englischen vermisste. Zu dem Wort Elben zum Beispiel –
das sich heute so natürlich anhört, als hätte man es schon
immer gekannt – hat er der Übersetzerin den
etymologischen Hinweis gegeben. Im Englischen musste er
mit den peinlichen elves, »Elfen«, auskommen.
Auch den Namen für Sûza, das Land der Hobbits,
Auenland, finde ich besser als das dürre englische Shire;
und trotzdem wurde er gelegentlich bemängelt. »Zu
zahnlos«, meinte ein Kritiker – aber wer will denn hier
beißen oder die Zähne fletschen? Das Auenland ist ein Idyll
und hat einen ironischen Kosenamen verdient.
Eine Inkonsequenz in den Namensverdeutschungen sei
eingestanden. Parallel zu den neuenglischen Namen der
Hobbits hätten eigentlich auch die altertümlichen Namen
der mit ihnen sprachverwandten Rohirrim eine deutsche
Form erhalten müssen, und zwar eine altdeutsche, ähnlich
den Namen aus dem Nibelungen- oder dem Älteren
Hildebrandlied. Davor bin ich zurückgeschreckt. Beim
unbefangenen Inhalieren dieser weltentrückten Geschichte
würde die Erinnerung an allzu Einheimisches nur stören.
Aus der alten Ausgabe habe ich viele Lieder und Gedichte
in Frau von Freymanns vortrefflicher deutscher Fassung
übernommen, weil ich sie durch nichts Ebenbürtiges
ersetzen könnte. Der veränderte Prosa-Kontext erforderte
einige geringfügige Abwandlungen; und andere Stücke
wurden ganz neu übersetzt.
September 1999
Wolfgang Krege
Die Durchsicht der Übersetzung Wolfgang Kreges aus dem
Jahr 1999 orientierte sich an folgenden Überlegungen: 1.
Der eigene Sprachduktus von Kreges Herr der Ringe-
Übersetzung sollte gewahrt werden. 2. Der von Krege
selbst formulierte Anspruch, »die Geschichte so
vorzutragen, wie Tolkien es tun würde, wenn er heute,
1999, schriebe«, sollte weiterverfolgt werden, gleichzeitig
sollte aber auch versucht werden, ihn mit der
Übersetzungsvorlage auszubalancieren bzw. in Einklang zu
bringen. Daher hat sich das Lektorat dafür entschieden, bei
den Anredeformen auch auf das englische »Master« da
zurückzugreifen, wo es der Bedeutung von »junger Mann /
junger Herr« entspricht. Für das englische »Master« als
Anrede von Autoritäten wie Gandalf oder Elrond wurde
»Meister« im Text belassen bzw. eingeführt. Da Tolkien im
englischen Original selbst die Anredeformen varriiert
(»Sir«, »Mr«), bleibt in der Übersetzung selbstverständlich
neben »Master« auch »Herr« bestehen. 3. Einige wenige
Namen und Ortsnamen wurden nach den neuesten
Erkenntnissen der Tolkienforschung angeglichen, wie auch
Übersetzungsfehler berichtigt.
Berlin / Stuttgart Juli 2012, Lisa Kuppler, Stephan Askani