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FLUT

Das Dokument beschreibt das Dorf Stägen (Wengen) vor dem Aufkommen des Tourismus. Es war ein abgelegener Weiler mit wenigen Bewohnern, die in einfachsten Verhältnissen lebten. Einer der Bewohner, Christen Eicher, verdiente sich mit der Herstellung einfacher Holztiere als Spielzeug einen bescheidenen Lebensunterhalt.

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Niklaus Hans Gertsch
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FLUT

Das Dokument beschreibt das Dorf Stägen (Wengen) vor dem Aufkommen des Tourismus. Es war ein abgelegener Weiler mit wenigen Bewohnern, die in einfachsten Verhältnissen lebten. Einer der Bewohner, Christen Eicher, verdiente sich mit der Herstellung einfacher Holztiere als Spielzeug einen bescheidenen Lebensunterhalt.

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Roman von Jakob Widmer

Verlag von Huber & Co. In Frauenfeld 1905

FLUT

Inhaltsverzeichnis
I. II. III. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI. XII. XIII. XIV. XV. XVI. XVII. XVIII. XIX. XX. XXI. XXII. XXIII. XXIV. XXV. XXVI. XXVII. XXVIII. XXIX. XXX. XXXI. XXXII. XXXIII. XXXIV. XXXV. XXXVI. XXXVII. XXXVIII. XXXIX. XL. XLI. 3 7 11 18 24 29 34 39 45 50 56 62 66 72 76 84 90 97 104 110 118 123 129 134 140 146 152 158 164 170 175 181 186 191 196 201 205 210 216 222 227

Die Angaben der Namen sind nur Vermutungen und ohne Gewhr!

I.

ochauf rollt die Flut gegen den Strand; sie trgt das reiche Schiff des Kaufmanns in den Hafen, fllt dem Einen das Netz und dem Andern den mhsam gegrabenen Salzteich, lsst auch in Tmpeln und Lachen vielartige Wesen zurck als wehrlose Beute des Ersten besten. Oder aber sie reisst in wildem Ansturme die Menschen, welche ihr vertrauen, mitsamt ihren Werken in den Abgrund. Dieselbe Flut, heute ein Diener, kann morgen das Schiff zerschellen, seine Planken und Gter hhnisch ans Land werfen, eine Beute der Strandruber, und fruchtbare Grten unter Schlamm begraben. Unersttlich leckt sie weiter und weiter, bis ihre Zeit um ist und trge Gerinnsel ihren Spuren folgen ins alte Bett zurck. Es rollt und gischtet auch das Meer der Menschen, wenn die Sommersonne ber ihm steht, und in hohen Wellen brandet seine Flut um die Berge, berschwemmt den gewohnten Strand und dringt durch neue Schleusen in traumverlorene Tler, schumt um einsame Hhen. Auch sie trgt reiches Gut in den abgelegenen Hafen, fllt Netze und Salzteiche; aber auch manchen Schiffer hat sie mitsamt seinem Fahrzeug schon verschlungen und blhende Grten unter Schlamm begraben. Sie schwillt von Jahr zu Jahr, und mit ihr wchst die Zahl derer, die von ihr das Glck erhoffen und ihren Launen sich anvertrauen. Kaum einer ist am Strand, der nicht sein Teilchen zu erhaschen sucht von dem, was sie bringt. Stille Buchten werden geruschvolle Hfen, und auf die hchsten Bergesgipfel erzwingt der Mensch mhelosen Zugang; unbekannte Drflein werden berhmt, und wo ehedem kaum einige gengsame Hirten ein sprliches Fortkommen fanden, prangen heute stolze Palste. So ging es auch dem Weiler Stgen(Wengen). Wenn sein Name heute genannt wird, so fragt selten jemand, welche der vielen Ortschaften, die so heissen, gemeint sei; man denkt ohne weiteres an das Hotelstdtchen, das im Oberland innert weniger Jahre aus dem steinigen Boden gewachsen ist und von den hchsten Hoheiten unter unseren Alpengipfeln zu Nachbarn hat. Es grsst mit seinen roten Dchern zu den Majestten hinber, als wre es mit ihnen auf du und du; aber das sie als Gegengruss und ihm zu gefallen das Abendglhen oder den Morgenglanz lnger htten andauern lassen, als es von jeher zu ihrer eigenen Herrlichkeit bei ihnen blich war, ist freilich noch nie erhrt worden. Vor einem Menschenalter stand von den Gasthusern noch keines. Auf der langgestreckten, gewellten Flche, wo sich seither die Neubauten eine der andern vor die Sonne stellten, lagen damals verstreut nur die wetterbraunen Huschen, bald einzeln, bald zu zweien oder dreien beisammen. Mit Vorliebe hatten erfahrene Bauleute die Wohnsttten hinter einer Erdwelle oder einem Felsblock errichtet, damit die Gewalt der Strme sie weniger treffe. Denn der Fhn hat einen freien Tummelplatz auf der Berglehne, die den Weiler Stgen(Wengen) trgt. Sie zieht sich, viele hundert Meter ber dem Tal, auf dem Postament des Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen)s hin, dessen Gipfel griesgrmig und eiferschtig nach den grssern Berggeschwistern im weissen Festkleid hinberschaut. Denn es selbst ist zu klein, um des Gletscherschmuckes teilhaftig zu werden, und sein Gewand sind Wlder und Weiden; kaum dass ihm bis in den Vorsommer hinein eine runde, weisse Kappe den eingezogenen Kopf bedeckt. Unter dieser Kappe gucken dann ein paar schroffe, zerrissene Flhe wie ein grobgeschnittenes bses Angesicht herunter auf das einfache Gewand und hinber zu den schnen Geschwistern. Der grosse Vorsprung, der mitten in diesem Gesichte steht, heisst den auch von alters her die Nase, und wenn die Schneekappe im Vorsommer schmilzt, gleiten zwei Sturzbchlein neben ihr herunter, auf jeder Seite eines, so dass es aussieht, als ob das Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) um den Verlust seines Kopfschmuckes weine. 3

In strengen Wintern aber setzt die Nase einen Eiszapfen an; dann schtteln die zu Stgen(Wengen) die Kpfe, reiben die kalten Hnde und sagen: s wird ein spter Ustig, das Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) hat einen Nasentropf. Von Stgen(Wengen) fhrte ehedem nur ein schmaler Zaumpfad ins Dorf Gletschbach(Lauterbrunnen) hinunter, zu welchem der Welt vergessene Weiler von jeher gehrte. Dieser Weg zog sich durch Schluchten und ber Schutthalden, an Sturzbchen vorbei und unter alten Tannen dahin hundertfachen Windungen, und wo sich ein Ausblick bot, da glnzte zur einen Seite das Schneegebirge, zur andern verlor sich in bewaldeten Flhen das Gletschbach(Lauterbrunnen)tal, und gerade vor dem Wanderer, von der gegenberliegenden Bergseite, drhnten und schumten der Gletschbach(Lauterbrunnen) und seine kleinern Gefhrten ber Felswnde zu Tal. Noch unlngst aber war es nicht ganz rtlich, beim Abstieg sich dieser Herrlichkeit zu freuen, denn der Saumweg glaubte um seiner selbst willen auf der Welt zu sein und schob den Wandersmann, der ihm nicht ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte, Steine und drre ste vor die Fsse, so dass mancher, dem eben noch das Herz ber der Bergesherrlichkeit aufgegangen war, mit einem unversehenen Sprung oder Sturz in grbliches Schimpfen verfiel. Die Einheimnischen, welche sich nicht nach rechts oder links umsahen, kamen auf dem Pfade ganz gut fort, und da niemand die fremden Wunderfitze gerufen, so mochten sie eben auf ihre Fsse selbst achten und nicht der Gemeinde die Kosten einer Wegverbesserung zumuten, wie schon mancher es getan, wenn er hinkend, mit geschundenen Hnden und Knien, im Tal ankam. Der Weg war der Faden, mit dem Stgen(Wengen) und die brige Welt zusammengeknpft waren. Er verband die zu Stgen(Wengen) auch mit dem Himmelreich; denn die erste Reihe des Neugebornen ging den Saumpfad entlang zum Taufstein im Gletscherbacher Kirchlein, die letzte des mden Erdenpilgers ebenda zum Friedhof hinab, der das wettergebrunte hlzerne Gotteshaus umgab. Einige wenige auch waren unternehmungslustig diesem Faden entlang in die Welt hinausgezogen, und ein paar andere, Fremde aus dem Unterland, dafr heraufgekommen. Von diesen in frherer Zeit Zugewanderten ist doch nur einer droben heimisch geworden, der Zimmermann und Schnitzler Christen Eicher, der das Waldegg(Wengwald)huschen von seines Vaters Schwester geerbt hatte. Die andern hatten es in der Eintnigkeit und dem harten Leben nicht lang ausgehalten; denn nicht nur drohen die Berge mit Felssturz und Lawinen; nicht nur ist der Boden steinig und sein Ertrag karg, der Sommer kurz und der Winter lang, sondern die Alteingesessenen waren auf dieses Stcklein Boden, dass ihre harte Arbeit krglich lohnte, eiferschtig und befrchteten eine Schmlerung ihres knappen Fortkommens durch die Zugewanderten. Darum standen sie, wo es galt, sich ihrer wieder zu entledigen, einander eintrchtig bei, so sehr sie sonst wegen tausend Geringfgigkeiten geheimen Hass gegeneinander hegen mochten. Der Unwirklichkeit des Gelndes und dem belwollen seiner Bewohner hielt aber Christen Eicher stand, einmal weil sein Haus etwas abseits am Walde oben lag, so dass keine Nachbaren ihn vor seiner Tr plagen konnten; zweitens weil er ein gutmtiger und friedlicher Mann war, drittens und hauptschlich, weil er eine verstndige, liebe Frau hatte, die Freud und Leid mit ihm teilte, so zwar dass sie jede Freude grsser, jedes Leid kleiner zu machen wusste. Und diese stille Vertrglichkeit Christian Eichers spann allmhlig sogar ein oberflchliches Einvernehmen zwischen ihm und den Stgen(Wengen)ern an, so dass sie ihm einige Arbeit gaben, wenn Stall und Scheune schadhaft waren, oder wenn ein neues Haus gebaut wurde. Zwischenhinein schnitzte er Tiere als Kinderspielzeug, die er dann in grossen Bndeln dem Hndler ins Land hinaus brachte. Er hatte die Schnitzerei nicht gelernt, 4

sondern nur etwas davon abgeguckt, und brachte mit seinem groben Werkzeug auch keine kunstreichen Stcke fertig, so dass er oft von sich selber sagte: Es ist gut, dass nicht ich die Welt erschaffen habe, sonst wrde man Pferde und Khe nur daran voneinander kennen, dass die einen Hrner und einen langen Stiel, die andern aber keine Hrner und einen Schweif aus alten Brstenhaaren haben. Dass traf so ziemlich zu. Denn zuerst schnitt er ein paar Leiber mit einem Kopfe vorne zurecht, bohrte vier Lcher fr die Beine und schieb dann seine bis auf die besondern Merkmale fertigen Geschpfe in zwei Hlften; den einen wurden lange Schwnze und Hrner eingesetzt, und dadurch wurden sie zu Khen; den andern stutzte er die Ohren und teilte ihnen einige Brstehaare als Schwanz ein; das waren die Pferde; als Beine bekam jedes vier gerade Hlzer. Zu guter Letzt nagelte er sie auf Brettchen mit vier Rdlein, strich die Tiere naturfarbig an, und dann hatte weit und breit keiner einen so reichen Viehstand wie der Christen Eicher im Waldegg(Wengwald) zu Stgen(Wengen). Da standen in Reih und Glied Simmentaler Schecken, Schwyzerund Freiburgerkhe, Schimmel, Rappen und Fchse. Einmal auch versuchte er s, ein Schaf zu schnitzen, wie er deren beim Hndler gesehen; unter der Hand wurde ihm aber ein kurzbeiniger Pudel daraus, und dementsprechend hat er das Wesen dann auch angestrichen, ist aber knftig den Khen und Pferde treu geblieben. Ein Knstler war Christen Eicher also nicht; aber seine Schnitzerei brachte doch manchen Batzen ins Haus, den er nur allzu gut brauchen konnte. Darum mussten ihm auch seine zwei Buben dabei helfen, sobald ihre Hnde das Werkzeug zu umfassen vermochten. Uli, der ltere, hatte gerade genug Geschick, um die Blcke zu sgen und etwas zurechtzuhauen. War der letzte bereit, so stahl er sich wieder hinaus zu seinen lieben Geissen. Er wollte Bauer werden und nichts anderes, das einzige Gefallen, dass er an der Schnitzerei seines Vaters fand, war die Vorstellung, die hlzernen Khe und Pferde mchten ber Nacht lebendig werden und ihm gehren. Hans, der zweite im Alter, betrieb dagegen die Kunst mit Feuereifer und trug meist ehrenvolle Wunden an den Hnden herum, die er sich im Kampfe mit dem zhen Material geholt hatte. Es verdross ihn auch nicht, dass seine Khe nicht so waren, wie die gleich benamseten Geschpfe Gottes, denen er oft nachdenklich und eingehend auf der Weide zuschaute. Und htte er auch Lust gehabt, einmal so zu schnitzen, wie er die lebendigen sah, mit schreitenden Beinen und etwas modelliertem Leib, so brachte er das Werk erstens nicht zustande und zum andern litt der Vater keine solche zeitraubenden Versuche. Also steckte er denn nach wie vor die vier geraden Hlzchen, je zwei nebeneinander, in die runden Leiber, und wenn sie dann aufrecht standen, so dachte er: Es sind doch auch Tiere, nur nicht rechte. Immer mehr Arbeit schob Christen Eicher seinem gelehrigen Schler hin, so dass den oft am spten Abend der Schlaf und der Verdruss ankam. Er hatte gehrt, dass die Tiere, die da in eintniger Arbeit entstanden, den Kindern im Lande unten zur Weihnacht geschenkt werden, hatte auch schon etliches ber die bei reichen Leuten blichen Christbescherungen gelesen, und wie ihn nun mit der Mdigkeit der Verdruss ankam, war auch der Neid nicht mehr weit. Warum durften jene Kinder sich wochenlang zum voraus auf die Weihnacht freuen, whrend er zur selben Zeit allabendlich bis in die tiefe Nacht an ihren Geschenken arbeiten musste? Was hatten jene Gutes, und was hatte er dem lieben Gott Bses getan, dass er sie so ungleich hielt? Und aus dem Neid entsprang die Ahnung einer Ungleichheit, der Gedanke an ein auf Erden bestehendes Unrecht, dass den Vierzehnjhrigen betrbte und nachdenklich machte. Und whrend er seine immergleiche Arbeit verrichtete, reisten seine Gedanken in der Welt herum, soweit die Bcher reichten, die er aus der kleinen Schulbibliothek gelesen, vom Palast zu Htte, von der Bauernstube zum stdtischen Prunkgemach. 5

Als er einmal seinen missmutigen Vergleichen bei der Mutter Worte lieh, hrte sie ihm ruhig zu, ermahnte ihn aber eindringlich: Hans, du bist undankbar gegen Gott! Sei froh, dass du zu essen und ein Obdach, auch liebe Eltern und Geschwister hast, und denke an die armen Kinder, die hungern und frieren mssen. Nimm in der Welt nicht das Mass an denen, die es dem Schein nach besser haben, sondern an denen, die bler dran sind, sonst wirst du ein unglcklicher Mensch. Da fiel ihm die Geschichte von den armen Kindern ein, die keinen Vater mehr hatten und in kalter Winterzeit in Lumpen betteln mussten, von Haus zu Haus, damit die kranke Mutter im Dachstbchen nicht verhungere. Er hatte damals heisse Trnen des Mitleids auf das vergriffene, schmutzige Bchlein geweint, das die Geschichte erzhlte, und auch jetzt dnkte er sich pltzlich wieder glcklich und wohl daran, trotzdem die viele Arbeit einen spten Feierabend erwarten lies. Es ging zwar mittlerweile gegen den Frhling, da sonst nicht mehr so viel zu tun war. Aber sobald der Fhn, welcher die Lawinen schon zu lsen begann, den Schnee besiegt haben wrde, wollte Christian Eicher am Bau des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)-Hotels, des ersten in Stgen(Wengen), mithelfen, und vorher musste fertig werden, was sich sonst an Tiererschaffungen ber das ganze Frhjahr erstrecken durfte. Die Fremden waren in den letzten Sommern immer zahlreicher vom See durchs Gletschbach(Lauterbrunnen)tal heraufgezogen, noch weiter nach Stgen(Wengen), hatten sich mit hungrigem Magen an den Bergen erlabt, und oft hrten die Heuer und Hirten sie ausrufen: Wenn hier ein Gasthaus wre! Aber keiner der bedchtigen Stgen(Wengen)er mochte bisher ein solches Wagnis unternehmen, auch wenn ihnen die Fremden so lieb gewesen wren, wie sie ihnen von alters her unwillkommen waren. Ein jeder sah die Wandervgel unwirsch an, und wenn sie gar einer Blume oder der freieren Aussicht wegen ins Gras hinaustraten, so kam der Bauer mit grossen Schritten daher und machte ein Gesicht und Gebrden, und schrie so laut an den Snder hin, dass der ihn verstand, auch wenn er ein stocktauber Englnder war. Doch reichen die Sprachkenntnisse und Umgangsarten, mit denen man einen Fremden aus dem Gras jagen kann, nicht zugleich aus, um ihn zu beherbergen. Das fhlten die Stgen(Wengen)er auch, hatte doch ein jeder von ihnen zu Rotenbalm(Interlaken) bei gelegentlichen Marktbesuchen gesehen, wie viel Komplimente in den dortigen Hotels von den Fremden gemacht werden mussten, und welches babylonische Sprachgewirr schon die Kellner beherrschen mussten. Das war ein Punkt. Der andere war der, um den sich im grossen und ganzen die Welt dreht, wie der Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])-Benz, Eichers einziger wahrer Freund in Stgen(Wengen), behauptete. Das kleine Mnnlein schwor nmlich Stein und Bein, bei rechtem Zusehen sei es eigentlich die Goldfarbe der Sonne, welche die Erde dazu bringe, sich um sie zu drehen; auf der Welt gehe es auch akkurat so. Der Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])Benz hatte fnfzig Jahre in Stgen(Wengen) gelebt und gesehen, welchen Einsatz seine Mitbrger an ein Goldstck wagten, deren noch wenige den schmalen, steilen Saumpfad heraufgekommen waren. Er behauptete auch, die meisten wrden sich fr einen Batzen die Ohren schliessen lassen; denn so kmen sie noch leicht dazu im Vergleich zur Arbeit, die ihnen den gleichen Gewinn bringe. Es fehlte also an Geld. Jahrelang waren nun schon Fremde heraufgekommen, hatten die Schnheit Stgen(Wengen)s auch in ihrer Heimat gerhmt und ihren Freunden den Aufstieg angeraten, aber auch hinzugesetzt, wie vorlufig ausser den schnen Bergen und den bsen Blicken dort nichts zu haben sei. So brachten denn die meisten Speise und Getrnke mit, und da nicht jeder seinen Rucksack anderthalb Stunden weit den 6

Berg heraufschleppen mochte, so nahmen sie Trger von Gletschbach(Lauterbrunnen) und zahlten sie gut. Dann gings oft noch weiter, bis aufs Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen), und eines Tages lief die Kunde in Stgen(Wengen) um, der Bachmichel habe von einer Englnderfamilie einen Fnfliber bekommen, weil er ihr Gepck von Stgen(Wengen) auf das Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) getragen hatte. Es war freilich ein Fuder Hausrat, wie Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])-Benz sagte, als er ihm zufllig aufladen half. Bndel, Pakete, Tornister trmten sich auf dem Rf und zu oberst thronte in einem Korb die Teemaschine, die bei jedem Schritt des Fhrers klingelte, wie das Glcklein des Leittiers bei der Alpfahrt. Der Bachmichel hatte zwar keinen trockenen Faden mehr am Leibe, als er abends heimkam, aber dafr einen runden Fnffrnkler im Sack. Da er bei seiner gelinden Bldigkeit selten genug eine Verdienstgelegenheit fand, so nahm er den Taler heraus auf den Tisch, und der Franzosenkaiser Napoleon und der Bachmichel in Stgen(Wengen) sahen einander lange verwundert an; denn sie zwei hatten vorher noch nie zusammen unter einem Dache gewohnt. Und stolz verkndete Michel des andern Morgens den Glcksfall. Da solche und hnliche Flle sich in demselben Sommer noch mehrmals zutrugen, merkte ein jeder, dass in dem Strom Gold fliessen msse, dessen winzigstes Wellchen so ergiebig war. Aber anpacken mochte die Sache doch lange keiner. Denn die wenigsten wussten, wie das etwa anzufangen wre, und die meisten hatten nichts, als ein verschuldetes Heimwesen und ein Stube voller Kinder, Umstnde, auf die hin sich nicht wohl eine Hypothek zum Hotelbauen errichten liess, und sie mochten sich trotz des winkenden Gewinnes mit den Fremden nicht nher einlassen. Aber einem war die Sache doch in den Kopf gestiegen, und das war der Gemeinderat Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald), Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])-Benzens Vetter. Im Herbst hatte er Steine sprengen lassen, dass Schuss um Schuss hinausdrhnte ber das Tal hinweg, zu den Bergen empor, wo zornig das Echo rollte. Das Holz ward gerstet, das Frhjahr kam mit Lawinenkrachen und strzenden Wassern, und das Werk nahm seinen Anfang. [Link]

II.
Das Geschlecht der Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ist uralt eingesessen im Lande, und in frhern Jahrhunderten scheinen einige von ihnen wahre kleine Herren im Gletschbach(Lauterbrunnen)tal gewesen zu sein; denn unter den Meiern, welche das Kloster zu Rotenbalm(Interlaken) daselbst eingesetzt hatte, sind ihrer ein halbes Dutzend, und die eintrgliche Wrde vererbte sich wie ein Frstenlehen vom Vater auf den Sohn. Noch hngt in der Wendbachkirche ein Fensterschild, darauf ein stolzes Bauernwappen prangt, und darunter steht geschrieben: Uolrich Aregger, der Zytt Meier des Gottshus Rothenbalm 1518. Dieser Ulrich war der letzte in der Meierwrde: denn wenige Jahre nach der Stiftung jenes Kirchenfensters legte der Br seine schwere Tatze auf alles, was an geistlichen Stiftungen in seinen Landen war; der alte Glaube, seine Einrichtungen und Diener wurden durch obrigkeitlichen Befehl umgekrempelt, und die Oberlnder, welchen die neue Erleuchtung nicht gleich in den Kopf wollte, wurden mit vorgehaltenen Hellebarden und Spiessen darber aufgeklrt, dass die Regierung den nchsten Pfad zur Seligkeit fr ihre Untertanen gefunden habe und in vterlicher Frsorge keinen mehr auf alten Irrwegen wandeln lasse. Einer der eifrigsten Streiter fr den alten Glauben war jener Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) gewesen; denn es stund fr ihn bei dem Handel nicht nur das ewige Seelenheil auf dem Spiel, sondern, was ihm ebenso wichtig sein mochte, das eintrgliche Meierslehen. So zog er denn mit Freunden und Altglubigen nach Rotenbalm(Interlaken) und lieferte mit seiner kleinen Schar der obriggeistlichen Klosterbesatzung ein Treffen, bei dem er gefangen und darauf hingerichtet ward. Damit verschwand der Name Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) auf Jahrhunderte aus den ffentlichen Geschften; denn der Regierung klang er nicht genehm. Immerhin sicherte ihm der erworbene Wohlstand im engern Kreise ein ziemliches Ansehen, besonders in der Gemeinde Gletschbach(Lauterbrunnen), dem alten Sitz des Geschlechtes. Schon vor dem bergang im bsen Jahr Achtundneunzig vereinigte ein Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) die halbe Buert Stgen(Wengen) in seiner Hand; von seinen Nachkommen sahen daselbst noch drei die Fremdenflut hereinbrechen. Der lteste war Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])-Benz am Rain, Eichers Freund und nchster Nachbar; denn der Rain liegt nur einen kleinen Scheibenschuss westlich vom Waldegg(Wengwald). Benz wirtschaftete mit drei Khlein und hatte dabei genug Arbeit und Einknfte; ja er brauchte nicht einmal alles, sondern trug einen Teil samt den Pachtzinsen von einigen ausgeliehenen Bodenstcken auf die Ersparniskasse. Er hatte nicht Weib noch Kind; nur ein alter verbldeter Hund teilte sein Obdach. Und da dieser Hund immer trger wurde, so ging Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])-Benz immer hufiger zu Eichers, wo ihm inmitten des gesegneten Hausstandes jedes Mal das Herz aufging. Seines bsen Maulwerkes wegen wich man ihm zumeist etwas aus, wenn er mit seinem verkniffenen Gesicht daherkam; und liess sich das nicht tun, so suchten die meisten mit einem Gruss an ihm vorbeizukommen; denn wenige wussten eigentlich, wie sie mit ihm dran waren. Es konnte sich zutragen, dass seine Hand in die Tasche fuhr und einem zerlumpten Bblein oder einem armen Weiblein einen Batzen gab; oder aber dieselbe Hand flog ebenso pltzlich einem Buben ans Gesicht, wenn der ein Tierlein maltrtierte oder einem Nebenmenschen einen Streich spielte.

Aber diese Gte konnte sich immer nur in Taten offenbaren, und Benz musste sich hten, dazu ein Wort zu reden, wollte er nicht Sonnenschein in Regen verkehren. Denn es war, als ssse in seiner Zunge ein hmischer Geist, der die Gefhle, welche warm und mild aus dem Herzen aufstiegen, verdrehte, so dass bissige und spttische Worte aus dem zusammengekniffenen Munde schnellten. Wenigstens wurden seine Reden nachgerade so gedeutet, auch wo der Benz niemandem Bses sagen wollte. So hatte er in solchen Dingen sich das Schweigen angewhnt. Dafr entschdigte er sich an den allgemeinen Angelegenheiten, und da war ihm die ganze Welt nicht zu gross, als dass er nicht etwas Besprechen- und Bespottenswertes gefunden htte, Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])-Benz am Rain hielt sich fr berufen zu reden, denn er hatte mehr gelesen, als elf Gemeinderte von Gletschbach(Lauterbrunnen) zusammen, und las noch mindestens so viel, als der gleichmtige Pfarrer, von dessen amtsgemsser Lektre abgesehen. Auch da reuten ihn die paar Franken fr zwei Zeitungen nicht. So wenig als die Kosten fr die zwei Beigen Bcher, die sich in seinem Wandschrank allmhlig angesammelt hatten. Betreffs Bcher und Zeitungen stand er in Stgen(Wengen) so ziemlich vereinzelt da, gleich wie mit den Ideen, die er daraus bekam und mit denen eine zu Stgen(Wengen) unerhrte Gottlosigkeit Hand in Hand ging. Ohne diese Gottlosigkeit wre Aarregger-Benz seit Jahr und Tag im Gemeinderat gesessen, als Anwalt und Schtzer der armen Mannli und Witwen und Waisen, die nichts zur Sache sagen konnten und vom Gemeinderat nach links und rechts gemassregelt wurden, weil sie nichts hatten und also nichts waren. Auch in Gletschbach(Lauterbrunnen) wurde damals bei der Wahl der Gemeindevter nach dem bewhrten Rezept verfahren, dass man vorab die Reichen nahm und sich nach schlechtweg Gescheiten nur umsah, wenn auf die erstere Weise die gesetzliche Zahl nicht zusammenzubringen war. Reich nach den Ortsbegriffen war nun auch Benz, nur eben unchristlich, lsterlich unchristlich. Er tat, als habe er dem lieben Gott in den Weltplan geguckt und wisse daher, wie viel Verkehrtes die Menschen aus der frohen Botschaft gedeutelt, die er ihnen durch seinen viellieben Sohn gesandt. Und dem Pfarrer, der ihm darber einmal zu Leibe gehen und dem rgernis ein Ende machen wollte, fuhr er mit dem zerbissenen Rohr seiner Tabakspfeife wtend unter der Nase herum und schrie: Herr Pfarrer, mit eurem Herrgott will ich nichts zu tun haben; da ist kein gesundes Sftlein drin, dass Ihr ihn so ngstlich hten msst. Ihr schlottert vor dem lieben Gott und schlottert vor dem Teufel; wo soll da etwas Rechtes herausschauen? Ihr seid ein arger Heide, Benz ermahnte der Pfarrer, und allen Leuten seid Ihr mit dem bsen Maul aufsssig, statt Nchstenliebe und Nachsicht zu ben, wie unser Herr Christus geboten hat. Darber wird einmal Rechenschaft von Euch gefordert werden, bedenket das -- --. Und die werde ich ablegen! Ich denke, wenn man im Himmel hrt, aus welchem Quartier der schnen Welt ich komme, so wird man auch begreifen, dass mir das Maul manchmal berging. Der Zank spann sich stundenlang fort, einen halben Nachmittag hindurch, und darauf bekam der Pfarrer die Gelbsucht, und Benz blieb der, der er vorher gewesen. Einen solchen Rebellen und Kirchenfeind konnten also die Armen nicht in den Gemeinderat bringen; denn alle die wohlhabenden Snder, die der dem Pfarrer genannt, stemmten sich dagegen, voraus sein leiblicher Vetter Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), mit dem Benz seit Jahr und Tag bs verfeindet war, sowie Hans Feiss(Feuz,Alpenrose) im Boden, der Ulrichs Schwester zur Frau hatte und mit ihm Hand in Hand ging.

So unkirchlich Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sich erwies, fr so fromm galten Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), der Gemeinderat, dessen Schwester und ihr Mann. Sie fehlten keinen Sonntag in der Kirche zu Gletschbach(Lauterbrunnen), und Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), hielt sogar in seinem Hause am Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) noch zwischenhinein Gottesdienst. Nicht einmal der Pfarrer wusste so eindringlich zu predigen wie er, und seine strenge Auffassung des Gotteswortes traf vorzglich den geheimnisvollen Zug im Gemte der Bergler, welche die Majestt ihrer Heimat bedrckt und ernst stimmt, und die in Jahrhunderte dauerndem Kampfe von Geschlecht zu Geschlecht um ein arges Fortkommen verschlossen und herben Sinnes geworden waren. Mit ihren Erfahrungen stimmte das strenge und straflustige Gottesbild berein, das Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ihnen entwarf; denn von Liebe hatten sie weder von der Natur, noch von ihrem Nchsten je viel erfahren. Nicht, dass sie sich in ihrem Tun viel an die strengen Zusprche und Drohungen mit ewiger Verdammnis gekehrt htten; Die Wahrnehmung der tglichen Interessen liess das noch weniger zu, als anderwrts; aber es schaffte ihrem unbestimmten Schuldbewusstsein doch einige Erleichterung, einer Gott wohlgeflligen Handlung, wie es eine so ernste Predigt doch wohl ist, beizuwohnen. Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und sein Vetter Benz waren also in diesen Dingen nicht einig; der persnliche, leidenschaftliche Hass zwischen beiden hatte aber seinen Ursprung in einer Erbteilung gefunden, bei welcher Ulrich und sein Schwager den Rain-Benz um ein Erhebliches an Glten und Land hintergangen haben sollten. So wenigstens rief Benz noch nach Jahr und Tag nach links und rechts aus; aber es hatte ihn noch niemanden deswegen vor den Richter genommen. Einmal an der Gemeinde ging Benz sogar auf Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) los und schrie, Gltendieb, was gibst mir, wenn ich dir hier sage, du seiest der schlechteste Hund zwischen Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) und Thunersee? Die Umstehenden riefen: Uli, das musst nicht annehmen; wir habens gehrt und sind dir Zeugen Aber der Gescholtene zuckte die Achseln und entgegnete: Ein wahrer Christ segnet die, so ihm fluchen, und verzeihet. Drauf lachte Benz ihm ins Gesicht: Du wrest der Rechte, wenn du ein gutes Gewissen httest! Es war unerhrt im ganzen Gletschbach(Lauterbrunnen)tal, dass einer einem andern derart die ble Meinung ins Gesicht sagte. Kurzweilig war es ja immer, wenn zwei ber einen Dritten Schlechtes zu reden fanden; aber das tat ein anstndiger Mensch in der Stille, mit aller Vorsicht, und derjenige, bei dem die Schadenfreude am grssten war, pflegte mit betrbtem Gesicht zu dem Verdchtigten zu gehen und mit steigender Entrstung zu erzhlen, welch niedertrchtiges Gercht der oder jener ber ihn verbreite. Oder noch lieber verschwieg man den Namen desjenigen, dem das bse Maul gehrte, um in keine Ungelegenheiten zu kommen. Dieses Tuscheln und Munkeln war ebenso kurzweilig, wie ungefhrlich und wurde viel gebt in dem stillen Erdenwinkel, in welchem es an anderer Unterhaltung zur schweren Arbeit gebrach; wo sich der Magen neidisch zusammenzog, wenn der Nachbar zum Essen ging und ihm ein neues Kleid als Hochmut nachgeredet wurde. Dieser Hang zum Munkeln und Neiden ward aus tausend Anlssen gebt und griff von den Lebenden auf ihre toten Vorfahren ber, die nach wenigen Jahren schon um ihrer bsen Taten willen da und dort in einsamer Nachtstunde gesehen wurden, zur Busse fr ihre Snden auf dieser Welt.

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Zwar hatte nur einer in Stgen(Wengen) die gefhrliche Gabe, Gespenster zu sehen. Das war der Kneubach(LauenerHansueli)-Peter, der in der heiligen Nacht geboren war und mehr konnte, als Brot essen. Obwohl nun eigentlich niemand den Namen haben wollte, er glaube dessen Zauberknste, so schlich doch mancher bei Nacht und Nebel nach der verlotterten Htte in der Kneubach(LauenerHansueli)schlucht, um sich Rat und Hlfe zu holen in Fllen, die man weder fr Doktor noch Pfarrer geeignet fand. Und dieser Kneubach(LauenerHansueli)-Peter bekam auf die Weise Dinge zu hren, die sonst niemandem anvertraut wurden, und es war wohl ebenso gut die Angst vor Verrat, als die Furcht vor bernatrlichen Krften, welche ihm eine schonende Behandlung sicherte. Der Kneubach(LauenerHansueli)er trug keinen aus; nur gingen zuweilen Berichte um, der oder jener, dessen Gebeine lngst neben dem Kirchlein zu Gletschbach(Lauterbrunnen) lagen, sei dem Kneubach(LauenerHansueli)er am Kreuzweg begegnet. Und das war dann immer eine Schande fr seine Nachkommen, sowie ein Zeichen, dass der Kneubach(LauenerHansueli)er mit diesen uneins geworden. Eine Zeitlang wetterte der Gemeinderat Aregger gegen den Unfug, wie er es nannte; da streute der Kneubach(LauenerHansueli)er aus, ihm sei der Hundsbhl(GrafHans?)-Hans begegnet, der das streitige Erbe hinterlassen, und habe ihm genau gesagt, welche Weiden, cker und Htten von Rechts- und Titelswegen dem Rain-Benz gehrten. Von da an liess Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) den gefhrlichen Seher aus Spiel und Predigt; es war auch der einzige Ausspruch des Kneubach(LauenerHansueli)ers, an den Rain-Benz glaubte. Als es aber gar hiess, der Teufel habe versprochen, den Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zu holen, unterstrich Benz die trstliche Verheissung mit dem Faustschlag auf seinem wackligen Tisch, dass selbst der schwerhrige Hund, welcher auf dem Stubenboden lag, fragend den Kopf ein wenig erhob und mit den trben Augen nach seinem Meister schielte.

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III.
Der Frhling hatte seinen Einzug gehalten mit Lawinendonner und schillernden Wasserfahnen, die ber Fluh und Grat herunterwehten. Die liebe Sonne schien so golden und warm, die Vglein jubelten so hell in den Zweigen, von denen der zerfliessende Schnee rieselte, dass es war wie eine Wiedergeburt der Welt. Die Schneeberge standen in ruhiger Grsse Schulter an Schulter und hatten weisse Talare an, die glnzten wie Seide, wo die Sonne drauf schien, und in den Falten lagen bluliche Schatten. Die Jungfrau trug ein glitzerndes Krnlein, und die Kappe des Mnchs strahlte in neuer Reinheit. Dem Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) liefen die hellen Trnen ber die Backen, und es blinzelte betrbt zur Blmlisalp hinber, deren Zacken weiss in den blauen Himmel ragten. ber der auftauenden Erde und der Gletscherpracht wlbte sich unendlich und rein der gtige Himmel, tiefblau und glnzend wie die Enzianen, die schon an scheefreien Hngen neben Krokus und Schlsselblmchen die braune Erde zierten. Langsam erst erwachten die Grslein; da und dort hoben ihre grnen Spitzen die verdorrten Blttlein des vergangenen Jahres. Auch ber die Menschen war neues Leben gekommen; die einen reinigten scheefreies Grasland von drrem Holz und Gerll, andere schafften den sprudelnden, bermtigen Wassern Abfluss, und einigen halfen am Bau des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)hotels, das der Gemeinderat Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) noch im Sommer fr die Fremden bereithalten wollte. Christian Eicher wanderte Morgen fr Morgen mit seiner Axt zum Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) hinber, das am stlichen Ende von Stgen(Wengen) liegt, wie das Waldegg(Wengwald) zu usserst im Westen. Er hatte fast eine halbe Stunde zu gehen und dachte auf dem Wege an Vergangenes und Knftiges, Grosses und Kleines, wie das so seine Gewohnheit war. Zwei wichtige Entschlsse lagen vor ihm: Erstens kam zu Ostern sein Zweiter, Hans, aus der Schule, und sollte an den See hinunter in die Lehre zu seinem Paten Elias Marti, der als tchtiger Schnitzler und rechtschaffener Mann galt. Die Sache war beredet und abgemacht, und wenn Christen Eicher doch noch darber nachsann, so geschah dies, weil die Schnitzlerei der allgemeinen Ansicht nach nicht mehr so viel eintrug wie frher. Es msse einer schon ein Knstler sein, um zu etwas zu kommen, hiess es. Ob Hans es je so weit bringen wrde? Nun, Feuereifer hatte er ja dabei, und damit war schon viel gewonnnen. Der zweite Entschluss betraf die Anschaffung der langersehnten Kuh. Wenn bei dem Bau im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) alles gut ging, so war auch die gesichert, und damit wieder etwas fr ein besseres Auskommen gewonnen. Und kam dann Christen Eicher nach solchen Erwgungen im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) an, so waren ihm die bereisten Balken nicht mehr zu schwer und zu kalt, und ihre Kanten drckten weniger auf seine Schulter. Er htte gerne mit Benz einmal die Angelegenheit wegen einer Kuh besprochen, weil der in solchen Dingen erfahren war und berhaupt die hundert kleinen und grossen Kniffe kannte, welche seine Mitbrger im Handel anzuwenden wussten und gar noch im Viehhandel, der besondere Vorsicht erheischt. Aber seit Christian Eicher im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) bei Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) arbeitete, machte ihm Benz ein wenig den bsen Kopf, kam nicht mehr ins Waldegg(Wengwald) zum Abendsitz, wie er sonst mindestens zweimal in der Woche getan hatte. Da gab es denn auch dem Zimmermann ein gelinder Eigensinn nicht zu, ihm nachzulaufen; stand es ihm

denn nicht frei, den Verdienst da zu nehmen, wo er ihn fand? So wies er sich selbst aus und ging seines Weges. Dieser Weg fhrte kreuzweise ber denjenigen, welchen Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) am Montag vor Ostern ging, um das Gummenweidli vom Winterschutt zu rumen. Da trafen sie unversehens jenseits einer Erdwelle zusammen, die den einen dem Blick des andern entzogen hatte, bis sie fast aneinander liefen. Benzens kurzer Morgengruss bekam eine kurze Antwort. Das war ihm mit einem Male nicht recht; er stellte sich hin und frug: Seid ihr mit des Teufels Kaserne bald fertig? Christen Eicher blieb aus alter Gewohnheit ebenfalls stehen und antwortete: Wsste nicht, was der Teufel dabei zu tun htte. Der oder mein Vetter Uli, das kommt auf eins heraus! Christen, mit dem httest dich nicht einlassen sollen; wirsts noch bereuen, und wre es gerade am letzten Zahltag. Du httest ehrlicheren Verdienst gefunden -- -- -- Ehrlicheren Verdienst, sagst du? Was man mit Schaffen verdient, ist doch wohl ehrlich?! Was geht es mich berhaupt an, dass du mit dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er und noch vielen andern Hndel hast? Ich muss fr Frau und Kinder sorgen und nehme den braven Batzen da, wo ich ihn finde! Dem Rain-Benz juckte die Zunge; aber er hielt an sich und ging seines Weges. Doch wie er dann am Gummenweidli drres Holz und Steine zusammenlas und an die March trug, wurde ihm unbehaglich zu Mut; denn es war etwas in der Art des Zimmermanns, dass ihm stets besonders wohl getan hatte, und um dessentwillen er den alten frhern Frieden wieder mit ihm htte halten mgen. So nahm er sich vor, an demselben Abend noch im Waldegg(Wengwald) sein gewohntes Pltzchen auf der Ofenbank zu Ehren zu ziehen und zu tun, als sei zwischen ihm und Christian Eicher nie eine Misshelligkeit gewesen. Er schaute ausruhend hinber nach dem Waldegg(Wengwald), in dessen Fensterchen die Morgensonne funkelte und hinter dem der dunkle Wald steil anstieg. Es war friedlich um das Huschen, wie um die Menschen, die unter seinem steinbeschwerten Dache wohnten. Diesen Frieden hatte Benz sein Lebtag sonst nirgends gefunden und war darob ein Znker geworden, dem es jetzt eigentlich nur im Waldegg(Wengwald) noch wohl war. Sein Groll verflog, und mit weit offenen Augen blickte Benz von seiner hohen Warte in das schne Stcklein Gotteswelt hinaus, das seine Heimat war. Doch pltzlich sah er scharf nach dem Fussweg hinber, der zum Waldegg(Wengwald) fhrte. Da rannte eilfertig Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) einher, ruderte mit den Hnden nach seiner Gewohnheit taktmssig zu seinen kurzen, eiligen Schritten und blieb mehrmals einen Augenblick stehen, als schpfe er Atem. Wo der wieder einmal hinschwimmt? fragte sich Benz und wandte kein Auge von ihm. Beim Waldegg(Wengwald) bog Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hinter dem Grtchen gegen das Haus ein und blieb lange unschlssig an der Mauer stehen. Dann verschwand er pltzlich im Haus und im selben Augenblick tauchten einige Mnner aus dem Sewiboden auf, die behutsam etwas in ihrer Mitte trugen. Benz beschattete die Augen mit der Hand und ein Schreck durchfuhr ihn. Gott im Himmel, es wird doch nicht sein! Whrend der kleine alte Mann ber Hecken und Muerchen querfeldein nach dem Waldegg(Wengwald) hinberlief, kam es vom Drfchen her schon in langem Zuge hinter den Trgern her, und Benedikt stiess vor dem Hause zu den letzten

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unter den Neugierigen. Es raunte und flsterte in dem Schwarm, alle streckten sich etwas zu sehen und stiessen einander zur Seite. Das Holz war gefroren, und da ist er ausgeglitscht. Die First ist dann auf ihn gefallen und hat ihn totgeschlagen, erzhlte einer, der dabei gewesen war, seinem Nachbar. Benz drngte sich wie im Traum hastig durch den Menschenknuel, und all das Gerede hrte er wie unvernnftiges Geschwtz. Aber in der Laube stand eine Bahre, und auf ihr lag Christen Eicher tot in seinem Arbeitsgewand. Es war keinerlei Verletzung an ihm zu sehen, und ausser der Blsse in dem friedlichen, durch nichts entstellten Angesicht verriet nur ein kleiner Tropfen Blut im Schnurrbart, dass ein Verunglckter da liege. Ein Arbeitskamerad hatte ihm die Augen zugedrckt und die grossen, rauen Hnde ber die Brust gelegt. Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) war es, als seien seine Augen wieder klar und seine Ohren scharf geworden wie in jungen Jahren; in einem Augenblick nahm er das Bild des Toten in sich auf, und das Unglck war ihm gegenwrtig, wie es sich zugetragen, viel schneller, als die Zeugen es ihm erzhlen konnten. Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) war ihm nicht im Wege, und jedes Gefhl fr anderes, als was den stillen Freund auf der Bahre anging, war verstummt. Uli, du besorgst, was von Amteswegen besorgt sein muss, rief er seinem Vetter zu, so dass alle erstaunt aufhorchten. Dann fhrte er die, welche an der Bahre um ihren liebsten Menschen weinten und ihr Leid nicht fassen konnten, in die Stube, und liess den Toten in die Kammer tragen. Kurz und trocken erteilte er Weisungen; sanft, aber ohne viel Worte, entzog er das Wehklagen der mssigen Neugier, und sein mageres, bartloses Gesicht sah hart und streng aus dabei. Als die unter dem Dach vereint waren, die darunter gehrten, stellte er sich an die Tre, vor der noch einige Gaffer herumstanden: So, ihr knnt heimgehen; s wird hier kein Hundsfutter ausgeteilt. Dann schlug er die Tre zu und ging in die Stube. Marei trauerte fassungslos in einem Stuhl und neben ihr stunden die beiden Buben und das kleine Mdchen. Und wenn sie unter Sthnen und Klagen nach ihrem Christen rief, dann schluchzten die Buben noch lauter, und Emma, das jngste, weinte mit, ohne dass ihm jemand gesagt hatte, was eigentlich geschehen war. Derweil lief Benz Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) in der Stube auf und ab, fuhr sich mit dem Handrcken ber die Augen und gab sich den berstrzenden Gedanken hin, die sich erst allmhlig in Reih und Glied zu stellen begannen. Als er endlich des ersten Ansturmes Herr geworden war, setzte er sich in die Ofenecke und fllte langsam seine Pfeife. Aber in den Tabakbeutel fiel ein bitterer Tropfen nach dem andern, und als er schliesslich fertig war, konnte er die Pfeife kaum im Mund halten, denn um sein Kinn zuckte es mchtig. Das Augenwasser lief ihm ber die mageren Backen, whrend er durch emsiges Saugen an seine Pfeife, die er anzuznden vergessen hatte, jeden verrterischen Laut unterdrckte. Es waren seines Gedenkens schon mehrere verunglckt, beim Holzschlitteln und Bergheuen, auch einer beim Wildern, und Benz hatte sie alle gesehen, ohne dass seine Wimpern darob gezuckt htten, wenngleich er keinem das frhe Ende gnnte. Aber dass der Eicher, sein guter lieber Christen, so fortgemusst, das griff ihn an sein altes Herz. Und mit einem Male ging er in die finstere Kche hinaus, wo er eine ganze Weile blieb, als htte er da zu tun, und doch war nichts von ihm zu hren, als dass er sich immer wieder mit dem ihm eigenen Nachdruck die Nase putzte.

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Aber auch ber die im Dorf war es zum mindesten wie Schreck gekommen, und wo zwei beisammen stunden, wurde das Unglck erzhlt und besprochen, und wenn sie dann auseinander gingen, wurden sie gewahr, dass sie dem Eicher nur Gutes nachgesagt hatten. Vom Waldbord kam die Balmerin mit ihrer Schwester freiwillig herber, den Eicher anziehen zu helfen und Handreichung zu tun. Auf einmal nahm sie den Hansli, der in die Stube kam, bei der Hand und sagte: Sieh deinen tti noch einmal an und werde ein braver Mann, wie er einer gewesen ist. Hans berhrte mit seiner warmen Hand die des Toten; sie war hart und kalt, und ein unheimliches Gefhl sprang von ihr ber auf den Halberwachsenen, der unvermittelt und zum ersten Mal den Tod hatte ernten sehen. Ein leises Grauen mischte sich in seine Trauer, und die Worte der Balmerin prgten sich darob tief in sein Gemt. Noch spt am Abend donnerten die Lawinen; die Jungfrau glhte stolz und klar im Bergeskranz zum Himmel empor, und es war ein feierliches Einschlummern in der Natur. Dann erglnzte Stern an Stern; das Krachen verstummte in den Flhen, und aus dem Gletschbach(Lauterbrunnen)tal herauf stiegen weisse, duftige Schleier, die den Bergen zuschwebten und in nichts zerflossen. Marei, die Witwe, sass am Fenster und sah mit brennenden Augen in den Abendfrieden hinaus. Und wie es nun so still war und feierlich allenthalben, wie die Sterne ihre immergleiche Bahn zogen am ewigen Himmel, da legte sie die Hnde ineinander und war gewiss, dass ihr Christen nun auch dort oben sei und auf die herniederschaue, welche er auf Erden zurckgelassen hatte. Wenngleich ihr Herz noch weinte, ihre Augen blickten glubig zu den Sternen empor und zu dem, der dem Guten das ewige Leben verheissen hat. Sein Ratschluss war es gewesen, ihren Liebsten abzurufen; also wollte sie nicht lnger hadern, denn der Herr wird alles zum besten wenden in seiner Allmacht und Gte. Auf der Fensterbank standen Flhblumen, die eben zu blhen begannen. Christen Eicher hatte die Pflnzlein selbst vom Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) gebracht und sie ber ihre Gefangenschaft durch besondere Pflege getrstet, bis sie zu seiner tglich neuen Freude gediehen. Ihre ersten Blten in diesem Jahr schnitt Marei nun und ging in die Totenkammer, den stillen, bleichen Mann damit zu schmcken. Sie ksste ihn auf den Mund und Stirne, und es war ihr dabei zu Mute, als gelte es nur einen Abschied auf Lebenszeit, dem ein frohes Wiedersehen in der Ewigkeit folgen werde. Seine Hnde waren gefaltet, und sie legte Blmlein daneben auf die weisse Decke. Derweilen waren die Kinder in die Wohnstube nebenan gekommen, ohne das bliche Poltern und Schwatzen. Sie raunten einander dies und das leise zu, als wre ein Schlafender da, der nicht gestrt werden drfe, und gedmpft sprach auch Benz, der zu ihnen hereinkam. Da wurde Marei inne, dass es Essenszeit war, und mit erleichtertem Gemte ging sie hinaus, ihre Pflicht gegen die Lebenden zu erfllen. Das ruhige Wesen, das sie dabei zur Schau trug, ging auch auf die Kinder ber, und aus ihren Augen floh allmhlig die Bangnis und der Schrecken, der sie den Tag ber verdstert hatte. Aus ihrem bervollen Herzen begann Marei ihnen Trost zu spenden; sie war ihrer Sache gewiss, als sie den Kindern den Lohn des Paradieses pries, zu dem der Vater nun eingegangen sei, und dort zu frohem Wiedersehen derer harre, die gleich ihm zu Gottes Wohlgefallen auf Erden wandelten. Drei Augenpaare leuchteten ihr bei dieser Botschaft entgegen; ein viertes aber verschleierte sich und musste mehrmals mit dem Handrcken abgewischt werden. Das gehrte dem Benz, der in der Ofenecke sass und mchtig rauchte. Eine Weile wars darauf still; dann sagte der alte Mann gemessen: Dass doch die Pfarrer nicht alle so sind, wie du Marei! 15

Ohne des Toten an diesem Abend weiter zu erwhnen, legte Marei das Mdchen zur Ruhe; nur als sie es dabei auf die Stirne ksste, schaute es sie aus schlaftrunkenen Augen verwundert an, entschlummerte aber bald. Jetzt mssen wir noch Rat halten, hub Benz spter an, als Marei und die beiden ltern am Tische sassen. Die Gemeinde wird dir nun wohl einen Beistand geben wegen den Kindern, und da hngt gar nichts und doch wieder viel davon ab, wer das ist. Uli, du knntest eigentlich bei meiner Bauerei als Knecht helfen; denn ich komme damit nicht mehr gut allein zurecht. Ich gebe dir den gebruchlichen Lohn, und dabei kannst du die Geissen hier auch besorgen. Willst so? Ob Uli wollte! Khe zu haben, war der Traum seiner Jugend gewesen, und war sein Wunsch fr die Zukunft. Aber sein Wesen zeigte nie jubelnden berschwang, am wenigsten nach den Vorfllen dieses Tages. So nickte er bloss. Und du, Hans, sollst gleichwohl nach Ostern in die Lehre; denn auch aus dir muss etwas werden. Oder hast du nicht mehr Freude am Schnitzen? Aber Hans antwortete mit einer Gegenfrage: Und dann das Metti -- --? Fr das brauchst du nur den Kummer zu haben, dass aus dir etwas Rechtes wird; dann ist es schon zufrieden. Und dann kannst du ihm einmal eine Hlfe sein in den alten Tagen. Marei hatte vom ersten Augenblick an, als Benz an die Bahre ihres Mannes getreten war, in ihren Gedanken einen Halt fr die Zukunft an Benz gefunden, wenn bang die Frage in ihr aufstieg: Was soll nun aus uns werden? Die ruhige Art, wie der erfahrene Mann alles in die Hand nahm, war ihr eine feste Gewhr. Und da der Alte mit Christian Eicher in Misshelligkeit auseinander gegangen war, so wollte er nun wenigstens seinen Hinterlassenen den Frieden halten. Benz, wie soll ich dir danken, dass du dich so unserer annimmst? fragte Marei. Fang mir nicht solche Redensarten an, brauste er auf. Zu spter Stunde machte sich Benz auf den Heimweg, da ihm Marei die Totenwache nicht hatte berlassen oder zumuten wollen. Den armen Christian brauchen wir schwache Menschen nicht zu hten; dem ist es wohl da, wo er jetzt ist. Habe du aber Dank, Benz, fr das viele Gute, dass du uns nun schon getan hast ---- hatte ihm Marei unter der Tr gesagt. Da war er eilig davongestampft, um nicht in lsterliches Fluchen ber dieses bestndig wiederkehrende Lob auszubrechen. Dass die Marei auch immer solche Sprche machen musste, die ihm Grund seiner Seele zuwider waren! Der Fhn hatte sich erhoben; es toste in den nchtlich finstern Wldern und heulte durch die Flhe; wie eine unselige Jagd. Die Wasser rauschten eintnig zu Tal; nur das Donnern des Gletschbach(Lauterbrunnen)es klang schrfer aus dem Gemurmel. Dann hallte irgendwo in der Ferne der Sturz einer Lawine nach. Als Benz wachend im Bett lag und ber das nachsann, was gestern gewesen war und morgen sein werde, hub ein Donnern und Krachen an, dass sein Huschen bebte, und sein einsamer Lffel von der Wand fiel. Die Grosslaui war seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder gekommen, und als Benz den Kopf aus dem Fenster streckte, floss es immer noch wie ein weisser Strom vom Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) herunter; Bume krachten und knisterten, die das Ungeheuer verschlang. In der Dunkelheit war aber nichts zu erkennen, als die Umrisse der gleitenden Schneemassen. Bei Tagesanbruch trug das Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) nur noch eine weisse Kappe, und an seinem Mantel da und dort in den Falten weisse Verbrmung. Dazwischen zog sich wie ein mchtiger Besatz das Dreieck der Grosslaui, schmutziger Schnee mit Felstrmmern und Bumen gemischt. Zu unterst lag das Geblk eines Stadels, und das Heu, das er enthalten hatte, war vom Fhn weit 16

herum verweht. Von den drei Khen, den Bewohnern der Htte, hatte man erst eine, arg zerschlagen, gefunden.

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IV.
Acht Mann, je vier und vier abwechselnd, trugen Christian Eichers Sarg, und aus jedem Hause zu Stgen(Wengen) gaben sie ihm das Geleite. Noch selten war ein so grosser Leichenzug ins Tal hinabgestiegen, und beim grossen Ahorn am Weg schlossen sich ihm noch zwei Dutzend Mnner an. Die den weiten Weg von Elbligen herber nicht gescheut hatten. Die Enzianen glnzten am Bord, und an den Schrnden nickten die Flhblumen im Wind; die Vgel sangen in den Bschen, und die Sonne spiegelte sich in den fernen Gletschern und Schneefeldern. Benz ging neben dem Alpvogt her, und zwischen den beiden und dem Sarge schritten, als nchste mnnliche Anverwandte. Ulrich und Hans, die zwei Shne des Toten. Der Alpvogt war von der Behrde zum Beistand der Witwe bestellt worden, ein stiller, ehrbarer Mann, von dem selten einmal die Rede war in Stgen(Wengen). Der Pfarrer las am Grabe das gedruckte Gebet, rhmte dann die Rechtschaffenheit des Toten und sprach eingehend darber, wie eines jeden Stunde unversehens kommen knnte. Dann spendete er, wieder aus seinem Buch, den Hinterlassenen Trost aus der Verheissung, dass sie im Jenseits mit ihrem Gatten und Vater eine ewige Wiedervereinigung feiern werden. Hierauf klappte er das Buch zu und betete das Vaterunser. Benz dachte an die Worte und an das vom heiligen Glauben und unwandelbarem Hoffen erleuchtete Gesicht, mit dem Marei ihren Kindern denselben Trost spendet, und dabei sah er hhnisch nach dem gleichmtigen Antlitz des Pfarrers hinber. Nun trat noch Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) an das Grab, sicher und fest, als der geborene Redner. Mit klaren Worten lobte er den Hingeschiedenen, gedachte aber auch der Witwe und der Waisen, die ihren Beschtzer und Ernhrer verloren. Sein scharf geschnittenes, glattrasiertes Gesicht wandte sich ihnen zu bei diesen Worten: Uns, ihren Brdern und Schwestern in Christo, liegt es ob, sie vor Mangel des Leibes und Irrwegen des Geistes zu bewahren, wie stets die Christengemeinde sich der Witwen und Waisen angenommen hat, rief er zum Schluss. Benz trippelte ungeduldig von einem Fuss auf den andern bei der Rede seines Vetters, sagte aber kein Wort, nicht einmal zum Alpvogt, der neben ihm stand. Die schnen Reden waren verklungen, und der Alltag trat in sein Recht. Was es heisst, als schwaches, wehrloses Weib allein dazustehen, sollte trotz ihrer unerschrockenen Natur Marei bald erfahren, und ebenso, was es mit den Worten Christenpflicht und Nchstenliebe fr eine Bewandtnis hat, wenn sie in die Tat umgesetzt werden sollen. Zuerst kam Probst vom Hergi, dessen ckerlein mit dem der Witwe Eicher zusammenstiess, und wollte marchen. Marei wies ihn an den Alpvogt; aber Probst ging allein hin, und steckte die bereitgelegten Holzpflcke in den Boden. Vordem hatte jede Partei gewusst, wo die Grenze lief, auch ohne Merkzeichen; aber jetzt wollte Probst sie ausgesteckt sehen. Benz ging am Nachmittag zufllig vorbei, als Probst mit seinen verrebelten Kindern auf seinem Acker herumhantierte. Er sah sich die Pflcke an, mass mit den Augen ab, und rief dann hinber: Probst, dein Ackerstck ist ber Nacht gewachsen, wenn diese zwei Spne die March sein sollen! Probst kam heran. Benz deutete gut zwei Fuss innerhalb der Pfhle ber den Acker: Da geht die March, wenn du schon die Furche fast verebnet hast -- -- Was sagst du?

Aber statt einer Antwort zog Benz wtend den Pfahl aus, und hielt ihn dem Probst vor die Augen. So weit ists also gekommen hier oben, dass einer nicht einmal mehr die March achtet und Grund und Boden stiehlt. Ins Gefrss schlagen sollte man dir das Galgenholz da! Obwohl jnger als Benz, getraute sich Probst doch nicht an ihn. In weitem Bogen flog der Pflock in eine Weide hinaus, und Benz ging hinber zu Gemeinderat Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), dem er die Sache hitzig auseinandersetzte. Sollen sich selbst wehren, die fremden Bleger, gab der zum Bescheid und lachte. Ich will nicht einen Einheimischen schmlern helfen zum Nutzen der zugewanderten Ftzel. Als Benz seines Weges zurckging, war der zweite Grenzpfahl auch verschwunden; aber die Steine aus Probsts Acker lagen verset auf dem der Marei Eicher, und unten im Sewiboden redete Probst mit wtenden Gebrden auf zwei Stgen(Wengen)er ein, von Zeit zu Zeit dach dem Acker heraufdeutend. Sogar der Alpvogt, der andern Tages kam, schien vom Recht Probsts berzeugt; denn allenthalben tnten dessen Klagelieder ber die erlittene Unbill. So etwas htte der Zimmermann nicht getan. Und dem Fraueli wre es besser, still und redlich seiner Wege zu gehen, statt Unrecht zu tun und Streit zu sen, hiess es berall. Mann begann die im Waldegg(Wengwald) zu meiden. Als Benz links und rechts Hndel wegen der Marchgeschichte anfing und tat, als htte er ihr Recht und ihre Ehre auch zu hten. Aber wo es anging, unfreundlich gegen sie zu sein, ohne sich selbst einem Zank auszusetzen, oder ihr so ganz im Dunkeln einen Stein in den Weg zu legen, da bekam Marei die Nchstenliebe zu spren. Zudem hatte der Alpvogt mit Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) Misshelligkeiten der Lohnrechnung wegen. Nach Mareis Meinung gehrten ihr noch sechs Taglhne von Eichers Arbeit her, whrend Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) alles bezahlt haben wollte, und ein Papier vorwies, unter dem Christian Eichers Name zur Quittung stand. Da war nichts zu machen. Natrlich, das gleicht dem besessenen Himmelhund, der so schne Sprche machte beim Begrbnis. Mit der Bibel totschlagen sollte man ihn! Also und noch viel rger tobte Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]); aber das besserte auch nichts an der Sache, die gar nicht sicher und entschieden war, ausgenommen eben bei Benz, der allenthalben seine Meinung darber sagte. Das musste wieder Marei bssen; den nun hiess es, sie haben abermals fremdes Gut begehrt. Und berdies sei es seltsam, dass Benz dermassen fr sie weible, nachdem er doch mit Christen in Misshelligkeit auseinandergegangen. So trug es sich mit vielerlei Umstnden zu, dass der Wind die Saat schner Worte bald verwehte, die ber das frische Grab Christian Eichers hingestreut worden war, und aus welcher als liebliche Blume die Nchstenliebe und als Frucht die Hlfsbereitschaft fr die Witwe und die Waisen htten aufgehen sollen. Dafr wucherten ausser dem jahraus jahrein blhenden Neid die Missgunst, die Habsucht und der dickkpfige Hass gegen diejenigen, deren beiderseitige Ahnen nicht auf acht Glieder zurck in der Kirche von Gletschbach(Lauterbrunnen) getauft worden waren. Des Teufels Unkraut schlang sich selbst um die Kinder. Was braucht der Hans ein Schnitzler zu werden! Der kann Knecht sein, wie anderer Leute Kinder auch. Der Geissenbauernbub braucht nicht so hohe Sprnge zu machen! hiess es. Die Sache wurde sogar in der Waisenbehrde zur Sprache gebracht, mit der Begrndung freilich, die Schnitzlerei sei dermalen eine ziemlich 19

brotlose Zukunft, und die Gemeinde habe schon genug Hungerleider zu untersttzen. Ausserdem sei ruchbar, welch unfleissiger Kirchengnger Elias Marti, der knftige Lehrmeister, sei, und somit stnde auch des Knaben Seelenheil in Frage. Das hatte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) vorgebracht. Diesmal fluchte Benz nicht, als ihm ein Schadenfroher diese bedenkliche Dinge zu Ohren trug; aber des andern Morgens, als die Hhne krhten, ging er mit Hans den Sewiboden hinab, ein jeder ein Bndel auf dem Rcken, und im Waldegg(Wengwald) wischte sich die Marei die Augen hinter dem Fenster. Sie ffnete es nicht, damit dem zurckschauenden Buben das junge Herz nicht noch schwerer werde. Es war ein wunderschner Maimorgen, und der Tag brach eben an den Himmel. Der fahle Schein spiegelte sich in den Fenstern des Vaterhauses, als sich Hans zum letztenmal umwandte. Die Vgel sangen und schwatzten in die Morgenstille hinaus, und um die Spitzen der aus grauer Dmmerung ragenden Berge spielte ein matter, goldiger Schein. Rotbezumte Wlklein kamen aus dem Schimmer, der hinter der Jungfrau mhlich und immer mehr den Himmel erhellte; sie eilten dahin, als wren sie Boten, die dem Mond noch etwas auszurichten htten. Der stund mde und blass im Westen ber einem bewaldeten Bergzug, als ginge er, dort seine Ruhestatt nach der Nachtwache aufzusuchen. Aber Hans sah von all der Morgenpracht nichts; er blickte ernst auf den Weg vor den Fssen, und das Herz war ihm ber die Massen schwer. So lange der Vater lebte, hatte er sich diese Reise in die Welt hinaus so schn und mutig ausgemalt, und nun glaubte er, von allem Abschied nehmen zu mssen auf immer. Es tat ihm ordentlich wohl, sich seine eigene Verlassenheit und jene von Mutter und Geschwistern recht traurig auszumalen. Aber als Benz auf der Wirtenen(Ltschine)brcke im Tal unten seinen Rucksack auspackte, Brot und Kse schnitt und die Milchflasche dazu stellte, berredete der leichte Magen das schwere Herz, mitzutun, und ber der leiblichen Strkung versiegten die heimlichen Trnen, die sich ab und zu ber seine Wangen gestohlen hatten. Der Gletschbach(Lauterbrunnen) wehte einem riesigen Schleier gleich im Morgenlicht zu Tal, und sein Rauschen drang zu den beiden Auszgern herber trotz des Gurgelns und Gischtens der Wirtenen(Ltschine), welche hellgrn unter der Brcke durchfloss und sich mit weissen Schaumkmmen tausendfach an Steintrmmern brach, die sie sich im Mutwillen in ihr Bett gewlzt hatte. Mit hellem Klingeln fuhr der Postwagen talabwrts; da brachen auch sie auf, und Hans empfand nun doch etwas wie Mut zu seinem ersten Schritt in die Fremde. Der Weg fhrte aber von Gletschbach(Lauterbrunnen) nicht nur so geradeaus in die Welt, und es wusste einer, der ihn zum erstenmal ging, eigentlich selten auf fnfzig Schritte zum voraus, welche Seitensprnge und Winkelzge ihm hinter der nchsten Biegung bevorstanden. Immerhin war es ein braves, gutes Strsslein, wie die gndigen Herren von Bern ihren lieben Untertanen solche in jeden weltvergessenen Winkel hatten bauen helfen, und wie sie Staat und Gemeinden noch heutzutag unterhalten sollten. Nun, seitdem die Kutscher vom See her jeden Sommer so und so viele Fremde ins Gletschbach(Lauterbrunnen)tal hinauffhrten, und diese ziemliches Geld zurckliessen, hatte der Wegmeister ein Einsehen. Er war der Bruder des Brenwirts in Gletschbach(Lauterbrunnen) und der Schwager Zurbuchens, der halbwegs zwischen Gletschbach(Lauterbrunnen) und Rotenbalm(Interlaken) auf einer Anhhe die Pension Alpenblick erbaut hatte. Dem Zuspruch dieser beiden war es zu danken, dass die Strasse jetzt schon im Herbst mit Kies berfhrt wurde, statt erst gegen das Frhjahr. So brauchten im Sommer die 20

Wandersleute nicht mehr ber faustgrosse rutschende Steine dahinzustraucheln, und der Weg war nicht nur Fremden, sondern auch Einheimischen geebnet; das Wunder war vollbracht, eigentlich durch die Fremden. Breit war das Strsschen immerhin nicht, und es musste sich mit der Wirtenen(Ltschine) in den oft schmalen Einschnitt teilen, den ihr Wasser im Laufe undenklicher Zeiten aus dem Felsen gewaschen hatten, welche zumeist auf den beiden Seiten anstiegen und nur den Tannen und Gebschen ein Fortkommen an ihren Abhngen erlaubten. Doch ffnete sich zuweilen links und rechts ein Seitentlchen, aus dem ein bermtiges Bergbchlein dahergetollt kam, schwatzend und murmelnd, bis es mit den Wirtenen(Ltschine) vereint die Reise in die Welt hinaus fortsetzte. Da erweiterte sich dann das Engtal zumeist zu einer Wiesenflche, auf der sich braune Huschen um ein Kirchlein scharten. Die beiden Wanderer massen mit ausgiebigen Schritten Stunde an Stunde, und neben ihnen eilte die Wirtenen(Ltschine) einher. ber den fernen tannenbewachsenen Bergzgen blinkten die vereisten Gipfel hinter ihnen in den blauen Himmel empor und zu ihnen herber, bald der, bald jener, je nach der Richtung, die das Tal einschlug. Oft auch war nichts zu sehen als Flhe und Wlder. Die Einfrmigkeit der Wanderschaft abzukrzen, erzhlte Benz seinem Weggefhrten dies und das, nannte ihm die Namen der Drflein und Berge und sagte schliesslich: Und nun musst du auch wissen, wie es den Ersten erging, die nach Gletschbach(Lauterbrunnen) kamen, als es noch eine Bergwstenei war. Ich habe das Geschichtlein frher oft erzhlen hren, wie solche uralten Kundschaften in meiner Jugend noch von manchem Ort in Umlauf waren und im Winter an den langen Abenden erzhlt wurden. Geglaubt hat sie zwar nicht jeder; aber man hrte sie doch gern. Ein paar Jger also mit Spiess und Pfeilbogen vom See her ins Tal heraufgekommen, um einen Gemsbraten zu erjagen. Sie stiegen und stiegen, sahen Rudel an Rudel auf den kleinen Waldmatten weiden, und aus dem Jagdzug wurde eine Entdeckungsreise; denn noch nie war einer da oben gewesen. Da wo heute Stgen(Wengen) ist, machten sie ein Feuer und brieten eines der erlegten Tiere. Aber wie sie nun gemtlich von dem saftigen Braten assen und unter sich das reiche Jagdgebiet lobten, auch in Erwgung zogen, wie gut sich da leben liesse, kam ein seltsamer Mann mit weissem Bart daher, der rief ihnen zu: Gott gsegen es! Die dankten, und einer hielt ihm ein schn braunes Stck hin. Aber der Alte schttelte den Kopf und sagte: Da ihr nun einmal da seid und auch wieder kommen werdet, so wollen wir fr alle Zukunft uns ehrlich und redlich vergleichen. Denn mir gehrt der Berg da von allen Zeiten her und auf alle Zeiten hinaus, beiderseits hinab in die Tler; jenseits, ber die andern Berge, sind wieder andere aus unserem Geschlecht gesetzt. Gebt nun wohl acht auf das, was ich euch sagen will; denn dabei bleibt es: Ihr knnt also mit Weib und Kind herkommen, wie ihr es vorhin abgeredet habt, und eure Htten bauen und Wald ausreuten zu Weiden fr euer Vieh. Aber soweit im Frhling die Lauenen reichen, das bleibt meinen Tierlein vorbehalten. Und wer von euch und euren Nachkommen den Bergen einen Schimpf antut, der soll mir verfallen sein mit Gut und Blut, mit Leib und Seele. Seid ihrs zufrieden so? An Gemsen war berfluss; warum sollten sie die erste Bedingung ausschlagen? Und auf welche Art und aus wes Grund knnten sie oder ihre Nachkommen den Bergen einen Schimpf antun? So wurde der Vergleich durch Handschlag abgemacht. Die Hand des Alten war anzufhlen wie Gletschereis, so dass ein jeder sie eilig wieder fahren liess. Wenn er sie zum Bndnis gedrckt hatte.

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Den Berg, ber welchen sie solche Gerechtsame so billig erlangt hatten, tauften sie spter das Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen). Sie zogen in aller Stille aus und sagten keinem, welche reiche Gegend sie gefunden hatten. Das macht der Mensch ja meistens so, dass er keinem andern etwas gnnt, wenn er zu berfluss gekommen ist. Kam aber doch zufllig einer daher, so jagten sie ihn fort, und als das spter nicht mehr so leicht ging, so sorgten sie dafr, dass er von selber wieder auswanderte. Das ist ihnen bis zum heutigen Tag nachgegangen, obwohl bei ihrer Fruchtbarkeit der ehemalige berfluss lngst bei den meisten in kleinen Stcklein Mangel ausgeteilt wurde. Die Bren und Murmeltiere, die Adler und Steinbcke haben sie dem Alten gettet, und den Gemsen ging es nur deshalb nicht so, weil sie sich fr das Jagdvergngen etwas aufsparten. Sie wren also dem Alten vom Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) verfallen; aber er will sie auch noch den zweiten Vertragspunkt brechen lassen, und darum hat er das Fremdenwesen ins Tal gebracht. Steht einmal, wie manchenorts, dort oben eine Teufelskaserne neben der andern, dann kannss losgehen. Den Anfang hat nun Uli Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) gemacht. Hie und da fuhr eine Kutsche taleinwrts an ihnen vorbei, und bewundernde Ausrufe der Insassen begrssten die blitzenden Berggipfel in der Ferne. Die haben es doch schn sagte Hans einmal. Eben, da haben wirss! So denkt oder ruft ein jeder. Den Neid und die Unzufriedenheit ber das schmale eigene Leben sen sie unter uns, und in Gletschbach(Lauterbrunnen) fngt schon da und dort bei Jungen und Alten das Herumstreichen nach leichtem Verdienst und damit das Saufen an. Nach einer letzten Wendung des Weges bereitete sich jenseits grner Matten ein blauer See in der Mittagsonne vor ihnen aus und spiegelte die Berge wieder, die ihn einschlossen. Ein Dampfschiff fhrte sie ans andere Ufer hinber, und auf dem Schiff erging sich ein Schwarm von Fremden, aus dem es in allen Sprachen rief und schwatzte. Denn der Fremdenstrom ging bei dem herrlichen Wetter schon ziemlich hoch. Ein weisses Kirchlein mit hohem Turm schimmerte aus mchtigen, frisch belaubten Ahornbumen ber die braunen, freundlichen Huschen hinweg, die sich vom Seeufer bis zu ihm hinanziehen und mit den blumenreichen Grten vor den Fenstern gar freundlich aussehen. Die Sonne glnzt auf dem See, und dieser warf die goldenen Strahlen hinber in die hellen Fenster, dass sie leuchteten wie kleine Spiegel in braunen Rahmen. Denn die Wnde der Huser waren braun, bei den lteren fast schwarz von Wettersturm und Sonnenbrand. Ganz nahe bei der Kirche wohnte Elias Marti. Auf dem Dach seines Hauses hatte sich neben den mchtigen Steinen etwas Moos und Gras angesiedelt; sogar ein Lwenzahn blhte auf dieser Hhe, und Elias Marti liess ihn ganz unhaushlterisch gewhren, hatte vielleicht sogar seine Freude dran. Zwischen den Fenstern und der ausgeschitzten Laube zog sich eine verschnrkelte Inschrift, die also lautete: Wenn einer kommt und sagen kann, Er hab allen Leuten recht getan, So bitt ich den geschickten Herren, Er mg mich seine Kunst auch lehren. Elias Marti und seine Frau nahmen die Ankmmlinge mit offenen Armen auf, indes die Kinder neugierig aus den Ecken nach Hans herbersphten und ihre Blicke fragten: Was bist du fr einer und wie werden wirs zusammen halten?

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Dem aber ging das Herz auf, als er nach gutem Mahl in der Werkstatt die Bren, Gemsen und Adler, sowie allerhand sonstige kunstreiche Sachen sah und daran dachte, dass ihm dereinst auch solche Dinge gelingen wrden.

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V.
Des anderen Morgens beim Abschied drckte Benz seinem Schtzling ein Stck Sackgeld in die Hand und ermahnte ihn: Jetzt kopfoben, Brschlein; stell dich brav, damit wir recht behalten, wenn sie maulen zu Stgen(Wengen)! Am andern Seeufer holte Benz einen Fuhrmann ein, dessen schwerbeladener Wagen dem Gletschbach(Lauterbrunnen)tal zuknarrte. He Fritz, solltest dein Rderwerk schmieren; es schreit deinen Geiz in alle Ohren rief er ihn an. Ist fast nicht mehr der Mh wert mit dem Karren, gab der zurck; ich kann bald Pfannenbeine daraus machen. Seit dreissig Jahren fhrte Fritz die Gter fr das ganze Gletschbach(Lauterbrunnen)tal. Zuerst hatten sie die Fuhrleute oder die Schiffer von unten herauf nach Rotenbalm(Interlaken) gebracht; seit einem Jahrzehnt kamen sie mit der Bahn. Das hatte fr ihn an der Sache nichts gendert, als dass er die Ballen und Kisten und Fsslein jetzt beim Bahnhof auflud, statt wie frher beim Kaufhaus oder an der Schifflnde. Ja ja, den Schimmel und den Fuchs kann ich bald auf Abbruch verkaufen, und mir selbst das Maul vernhen lassen, fuhr er in seiner Unterhaltung mit Benz fort; gestern haben sie in Bern die Bahn ins Gletschbach(Lauterbrunnen)tal bewilligt Benz stand still und nahm die Pfeife aus dem Mund, als msste er auch mit dem hren und sehen. Wer hats gesagt?! He, wer wirds gesagt haben? Zu Rotenbalm(Interlaken) haben sie gestern abend geschossen, wie nicht gescheit, und wer keine Fahnen hat, hngte heute Morgen einen grossen Nasenlumpen zum Fenster hinaus. So wenigstens sahen einige der Fetzen von weitem aus. Alles war verrckt, und die Musik spielte in den Strassen. Die verfluechte Cheibe! Ganz hinterrcks, ohne ein Mckschen zu machen, haben sie die Geschichte also wieder aufs Tapet gebracht! Du weit noch, was das fr einen Spektakel gab vor sechs Jahren, als die Zrcher Drfeler ihre Landmesser schickten, um die Bahn zu studieren! Dazumal gings mit Pauken und Trompeten bachab, und die Steckengucker pressierten nicht bel mit Heimlaufen! Die verfluechte Cheibe! Jetzt sind sie ganz still zur Hintertr wieder hereingeschlichen und haben die Wurst aus dem Kamin geholt. Ja, ja grosse Herren Fchse, s ist alles eins! Da wird bei einer guten Flasche abgekrtelt und ausgemacht, was ihnen in den Kram passt, und die geschwollenen Sprche sind dann bald gefunden, mit denen man sich noch obendrein den Dank des Volkes ergattert. Das schiesst und holeiet als sei ihm das grsste Glck widerfahren, und wenn einer recht zusieht, haben doch ein paar Grosse den Vogel fr sich geschossen. Sie sagen halt, heutzutag msse eine Gegend eine Bahn haben, wenn sie vorwrts kommen soll, besonders da, wo man das Fremdenwesen frdern will. Und das geht doch ganz anders ins Geld, als das bisschen Bauernwirtschaft, wandte der Fuhrmann unsicher ein. Derart rsonnierten sie des Weges dahin: da und dort lud Fritz ein Stck seiner Fracht ab. Bei Zurbuchen sah es aus, als wre Gemeindeversammlung. Die Gaststube im Alpenblick war angefllt mit Mnnern aus der ganzen Gegend, welche rauchten, bedchtig tranken, laut ber die Bahn schwatzten und mitunter zankten. Denn die unverhoffte Botschaft war schon am Abend vorher eingetroffen. Ebenso war es in Gletschbach(Lauterbrunnen). Der Gemeindeprsident ging im Sonntagsstaat ber den Dorfplatz. Vom Kirchturm wehten eine weiss-rote und eine schwarz-rote Fahne. Ein paar Fremde schauten zu den flatternden Wimpeln empor,

und der Sandwegmichel suchte ihnen in seinem besten Gletschbach(Lauterbrunnen)-Schriftdeutsch begreiflich zu machen, was das zu bedeuten habe. Aus der halboffenen Gastzimmertr im Bren drang Johlen und Schwatzen und das Gedudel einer Harmonika. Benz ging unverweilt seine Weges weiter und grsste keinen von den vielen, die in eifrigen Errterungen begriffen vor den Husern beisammen standen. Ein lauer Wind fuhr stossweisse taleinwrts, und die Sonne blickte matt auf eine Herde von vielen tausend Wolkenschfchen. Die Berge waren greifbar nahe, und jeder ferne Gletscherschrund zeichnete sich hart und scharf ab. Das Donnern des Gletschbach(Lauterbrunnen)es drang bald laut und voll zu Benz herber, als er bergan stieg, bald verwehte der Wind das Brausen beinahe. Das Kirchlein lag jetzt tief unten, und die beiden Freudenwimpel schlenkerten den einen Augenblick wagrecht in die Luft hinaus, den andern hingen sie schlaff am Turm herunter. Benz hatte sich ausruhend auf einen Stein am Wege gesetzt und blickte rgerlich nach den unschuldigen Stcklein Tuch hinber. Auf einmal huschte ein vergngter Schimmer ber sein Gesicht. Die nchste Stunde schon musste die Fhnlein grndlich begiessen; denn schon fielen ein paar grosse Tropfen, und das war ihm wenigsten ein gelinder Trost. Aber im gleichen Augenblick schossen von einem Felskopf drben, hoch ber dem Gletschbach(Lauterbrunnen), drei weisse Wlklein auf, denen bald drei Bllerschlge folgten. Das Echo hallte vielfach wieder und erstarb in fernem Grollen, als es schon wieder aufblitzte. Da stieg Benz eilig bergan. Auch in Stgen(Wengen) sprach man von der Bahn, und die Gemeinderte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) hatten klar und deutlich nachgewiesen, welchen Nutzen sie dem Tal und somit auch fr Stgen(Wengen) bringen werde. Das Schiessen von Gletschbach(Lauterbrunnen) her tnte also auch hier oben manchem gar nicht so unangenehm, whrend andere fluchten und behaupteten, es sei keine Religion mehr im Land und man ffne den fremden Ftzeln Tr und Tor. Die Neuigkeit gab berhaupt so viel zu reden, dass darob das Waldegg(Wengwald) und die Entfhrung des knftigen Schnitzlers gar nicht beachtet wurde, und niemand sich ernstlich darum kmmerte. Es ist viel gemacht von Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald), dass er die riskierte Sache mit dem Fremdenwesen angepackt hat. Denn der Anfang ist schwer und verlustbringend, und er leistet ein grosses Opfer fr Stgen(Wengen), dass er das auf sich nimmt. Man denke, was das kostet, jeden Sack Kalk und Sand und die Ziegel von draussen hereinfhren, von Gletschbach(Lauterbrunnen) heraufbuckeln zu lassen, kurz alles, was es zu einem schnen Haus braucht, ausgenommen das Holz und die Bruchsteine! Von dem seinen Hausrat wollen wir gar nicht reden. So belehrten einige die andern und berichteten damit weiter, was Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) selbst hatte durchblicken lassen. Das Herauftragen aller der vielen zum Bau und zur Einrichtung ntigen Dinge hatte ein schnes Stck Geld gegeben in einer Zeit, die sonst recht mager war; viel Tagelhne waren an Maurer, Handlanger und Zimmerleute gekommen, und sie alle bewahrten dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er dafr eine gewisse Dankbarkeit und waren auch nicht mssig, ihr Ausdruck zu geben. Und mit dem Goldbchlein, das Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), alle Mhe und Gefahr allein tragend, nach Stgen(Wengen) leiten wollte, musste es doch etwas auf sich haben. Dass sah man am besten am Brenwirt in 25

Gletschbach(Lauterbrunnen), den vordem stets die Schulden hatten treffen wollen, und der jetzt, seitdem die Fremden immer zahlreicher kamen, auch jedes Jahr mehr abzahlte, so dass schon eine Bresche in die zweite Hypothek auf seinem Anwesen gelegt war. Das Geschwtz und die Zukunftsmusik wegen der Bahn, die augenscheinlichen bisherigen Erfolge derer im Tal, und die Zeitungsartikel, welche von Hand zu Hand gingen, stimmten manchen Zweifler nachdenklich und unsicher und erschtterten die Abneigung gegen die fremden Pilgerzge, welche bereits wieder recht zahlreich den Berg heraufkamen. Das rote Dach des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)-Hotels hob sich jetzt scharf ab von dem dunklen Tannenwald; und auf dem Vorplatz ergingen sich die ersten Gste. Als es gegolten hatte, Kalk und Sand aus dem Tal heraufzuferggen, hatte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) die Trger mit den Aussicht getrstet, im Sommer gebe es Fremdengepck zu besorgen; das zahle sich dann besser und sei leichter. So hatten sie sich in den magern Lohn gefgt. Aber nun die Fremden kamen, schickte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) seine eigenen Knechte als Trger zu Tal, und das stach wieder manchen, der auf Glcksflle gehofft hatte, wie Bachmichel einen erlebte mit seinen Englndern. Aber das Murren dieser wenigen Enttuschten verlor sich in dem Wohlwollen, dessen sich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) bei anderen erfreute. Er hat euch ja auch fr die andere Arbeiten bezahlt, wurden sie beschieden. Ja, aber schlecht genug, wehrte sich der Schneidertoni. Immerhin trug es sich nicht selten zu, dass Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Knechte nicht alles bewltigen konnten und dann fr den einen und andern ein Lohn zu verdienen war. Auf diese Zuflle wies Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hin, wenn ihn einer an sein frheres Versprechen mahnte. Unterdessen war der Tag der Alpfahrt gekommen; klar und duftig brach er an. Mnch und Jungfrau mit ihren Nachbarn zur Rechten und zur Linken schimmerten wundersam im Morgenlicht, und aus dem Gletschbach(Lauterbrunnen)tal verzogen sich leichte Nebel. Die braunen Huschen von Stgen(Wengen) blinzelten mit hellen Fenstern ins Frhlicht, und von den Scheuerlein und Stllen her klang die Harmonie der Kuhglocken und das eilige Gebimmel der Ziegenschellen. Die Tause am Rcken, den Bergstock in der Hand, standen die Sennen vor den Husern, festlich angetan mit ihren kurzrmeligen rotgesumten Westen, an denen die Knpfe blinkten. Feiertglich wars in der Natur und um die Menschen; denn der Alpgang war da. Gott beht euch und das liebe Vieh! rief es zum Abschied aus jedem Haus ihnen nach, wenn die stets wachsende Herde vorbeizog. Hoh h! mahnten die Alpknechte in die Nachhut, und ihr Treibruf ging fast unter im hundertglockigen Gelute. Bedchtig und wrdig schritt die Leitkuh den ihr so wohl bekannten Weg hinan, den blumengeschmckten Melkstuhl zwischen den Hrnern. Ein Rind wollte sich bermtig an ihr vorbeidrngen; sie wies es mit zornigem Hornstoss hinter sich. Ho ho, Ho ho, Louba, Louba, ho zog immer wieder der lange scharfe Ruf der Sennen ber die Herde hin. An einer Biegung des Weges standen Fremde in stdtischem Aufputz. Die Leitkuh stutzte einen Augenblick; da gaben sie ihr und der Herde noch mehr Raum. Stolz schritten die Alpknechte vorber und musterten die zarten Gesichter am Wege mit unverhohlenem Selbstgefallen. Ein heller, trotziger Jauchzer klang ber sie hin, eine verchtliche und stolze Herausforderung.

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Hher und hher stieg der Zug; naschhaftes Jungvieh sumte bei duftenden Grasbscheln oder humpelte mde hintennach und musste immer wieder angetrieben werden. Ulrich Eicher hatte die drei Khe seines Meisters Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zu geleiten, und das hundertfache Klingen der Herdeglocken war ihm gar liebliche Musik. Vergngt ging er neben den Sennen einher und achtete es nicht, dass sie sich wenig mit ihm abgaben. Vom Eiger und Mnch donnerten die Lawinen in der Mittagssonne, das Silberhorn blinkte einem Kristall gleich, und um das Haupt der Jungfrau lag es wie ein duftiger Schleier. Der Alpvogt kam der Herde bedchtig entgegen und lockte: Ho ss, ss! als ob es dessen noch bedurft htte. Er streichelte die Leitkuh und kratzte ihr das Ohr. Eingedenk frherer Spenden schnupperte sie an seiner umgehngten Ledertasche, ob nicht eine Handvoll Salz fr sie darin sei. Die Wassertrge waren sauber ausgewaschen, das Milchgeschirr stund blank in Reih und Glied in der Htte, und das Vieh wurde auf die Weide getrieben. Da wollte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Knecht vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) Ulrich Eicher, den Neuling, mit seinen drei Schutzbefohlenen in ein mageres Viertel verweisen, und darob entbrannte zwischen ihnen ein Streit. Schweig, fremder Ftzel! schrie der Knecht auf den jungen Burschen ein. Sag mir das noch einmal! forderte ihn Ulrich heraus und trat vor ihn hin. Fremder Ftzel! Hungerleider! Da sauste Ulrichs Faust in das Gesicht des Knechtes, und ein Kampf entspann sich, den der herzugeeilte Bergvogt und ein Senn nur mit Mhe zu trennen vermochten. Ein jeder der Streithhne ging mit einem scharfen Verweis des Bergvogts und tiefem Groll gegen den andern seines Weges. Den Faustschlag musste Ulrich Eicher im Laufe des Sommers hundertfach bssen. Und nicht anders erging es seiner Mutter mit den bissigen Worten, die der RainBenz zur Wahrung ihres Rechtes ab und zu brauchte. Als kleine dornige Feindseligkeiten fielen sie auf ihr Haupt zurck, ohne dass Marei auf einen einzigen htte weisen knnen und sagen: Der da hat mir ein Unrecht zugefgt! Einmal lag ein Stck Zaun ausgerissen am Boden; ein andermal kam die Katze mit zerschlagenem Bein dahergehinkt, oder durch die Heuwiese war ein breiter Pfad gestampft. Da bat sie den Benz, ihretwegen keinen mehr zur Rede stellen oder zu verdchtigen. Sie fgte sich still in alles und zog sich zurck in ihre vier Wnde, mehr noch, als sie es vordem getan hatte. Denn der Gegner war unsichtbar und bermchtig, und sie wollte seine Bosheit nicht mehr herausfordern. So hielten endlich auch die andern einen leidlichen Frieden. Es war ein herrlicher Sommer, und es ging nicht lang so hatte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sein Hotel im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) voll Gste. Musst du ein Heidengeld verdienen, Uli! forschte ab und zu einer neidisch an ihm. Hoho, ich will Gott danken, wenn ich ungeschoren davonkomme! wehrte der eifrig ab. Bedenk, nur schon das viele Fleisch, das fremde Gemse, die Frchte, das Zuckerwerk, der Wein, alles kommt von auswrts und ist brandschwarz teuer. Nein, ich gbe viel darum, ich htte die Sache nicht unternommen. Aber einer

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musste doch das Opfer auf sich nehmen und den Anfang machen, setzte er hinzu, und der Frager nickte und dachte: Er ist doch ein gemeinntziger Mann. Ein anderer war hartnckiger und hielt ihm entgegen: Aber sie zahlen ja, wenigstens einen Fnffrnkler im Tag. Das ist doch schn Geld! So so, das sagst du! Du weit eben nicht, wie viel die einpacken von teuren Sachen. Da ist bei uns ein Handlanger wie eine Nherin im Vergleich mit denen. Mit dem, was so ein verrebelter Stdter braucht, bis er angefttert ist, knnte man einen jungen Bernhardiner fix und fertig aufziehen. Paperlah, in den fadenscheinigen Buchen wird wohl kein Malter Platz haben! He nun, so glaub was du glauben willst, gab Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) verdriesslich zurck. Aber wo bleiben dann noch die Zinsen vom Kapital, die Steuern, die Lhne, he? Da schwieg auch der Hartnckigste und war froh, nicht in Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Schuhen zu stecken. Und wirklich lief der umher mit seinem Hiobsgesicht, jammerte und klagte, je nher der Herbst kam, und es wurde ruchbar, dass er Geld aufnehmen musste, um die Lieferungen und Zinsen fertigzuzahlen. Darob hatte Benz seine grosse Freude, die einzige seit langer Zeit. Unrecht Gut gedeihet nicht, und wenn er einmal vergantet wird, so mchte ich das auch noch erleben, schmunzelte er. Im Oktober kam Hans einmal auf Besuch, frisch und munter. Er hatte viel Rhmliches von seinen Meistersleuten zu erzhlen, nicht weniger auch von seinem Beruf, und als erste Werkstcke kramte er dem Benz eine geschnitzte Pfeife, der Mutter ein Nhkstchen mit eingeschnittenen Blumen. Das trug ihm freundliche Worte der Aufmunterung ein, die auf sein Herz fielen, wie warmer Maienregen auf die durstige Erde, dass es darin aufging und blhte von khner Zukunftshoffnung, wie in einem reichen Blumengarten. Denn oftmals, wenn er die Kunstfertigkeit anderer sah und seine Unbeholfenheit daneben hielt, zweifelte er verdriesslich an seinem Knnen. So freute ihn das Lob ber die Massen, das die Mutter und Benz ihm spendeten; denn fr ihn waren sie mit Elias Marti die gescheitesten Menschen, die er kannte. berdies zahlte ihm Benz die Pfeife beim Abschied mit einem guten Stck Sackgeld, das in seiner Tasche hell und schn gegen die paar Batzen klingelte, mit denen ihn die Mutter knapp hatte bedenken knnen. War Hans den Sommer ber aufgegangen an Leib und Seele wie eine viel verheissende Knospe, so hatte es sich den Sommer ber um seinen Bruder Ueli gelegt wie Kalter Novembernebel, in den sich kein Blttlein oder Trieb von seinem jungen Herzen hinauswagen mochte. Verschollen und wortkarg tat er seine Pflicht, war nicht vergngt und nicht unzufrieden. Er liess sich auch selten anmerken, was er dachte oder wie er sich zu einer Sache stellte. Wurde er aber einmal geradeaus gefragt, so sagte er bndig seine Meinung und bewies in allem einen haushlterischen Sinn. Marei wusste sich die Verschiedenheit in der Art ihrer beiden Buben nicht zu deuten. Benz, dem sie einmal davon anfing, zuckte die Achseln und sagte: Nun ja, mir scheint, der Uli wird ein Stgen(Wengen)er mit der Zeit und der Hans ein Unterlnder, wie auch Emma, die Kleine. Benz war seit der Alpfahrt jeden Morgen und Abend gekommen und hatte die Geissen versorgt. Das habe ich dem Uli erlaubt, und da er zu Berg ist, so mache ich s, beharrte er, wenn Marei ihm die Obliegenheit abnehmen wollte. Ich habe ohnehin Freude am Stallhansen.

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So ging es auch in anderen Dingen. Benz war immer da und hlfreich bei der Hand, und wenn Marei ein Lob und Danklied zu seinen Ehren anstimmen wollte, so fluchte er ein Stzlein als Begleitung dazu. So ging es mit Gottes und Benz Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Hlfe, wie Marei sagte, im Waldegg(Wengwald) auf schmalen Weg, an dem auch die Dornen nicht fehlten, leidlich in den Winter hinein und auch wieder dem Frhjahr zu, ohne dass eines Hunger und Mangel htte leiden mssen.

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VI.
Sobald die Frhlingssonne die Hauptmacht des Winters besiegt und der Fhn auch dessen Nachhut verjagt hatte, waren die vielen hundert Arbeiter, meist Italiener, da und dort im Tale unten wieder am Bahnbau. Dumpf rollten die Schsse, unter denen Felsen strzten, so oft und gleichfrmig, dass niemand mehr darauf achtete. Hie und da kam auch die Kunde, es sei wieder einer verunglckt. Schon keuchten kleine Lokomotiven mit Rollwagen hin und her, und ihr Pfiff schnitt scharf in die Bergesstille, dass die Vgel in Baum und Strauch einen Augenblick ihr Singen und Schwatzen unterbrachen, einander fragend ansahen und die Kpflein horchend nach links und rechts wandten. Aber sie gewhnten sich an den Misston, wie die Menschen. Im Herbst liess Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) wieder viele Klafter Steine rsten und Bauholz fllen. Jetzt probiere ich noch das, was mir ein Fachmann unter meinen Gsten angeraten hat. Ich baue einen Flgel an, damit ich mehr Fremde nehmen kann. Kommts gut, so kommts gut, sonst bin ich ja ohnehin bald ein ruinierter Mann. Und meinen ltesten schicke ich in die Lehre in ein Hotel, damit er Bescheid lernt, obwohl das wieder schweres Geld kostet. So wie bisher knnte es nicht weiter gehen. Es schienen nicht Flausen, mit denen Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) seinen stutzig gewordenen Mitbrgern derart sein neues Bauunternehmen erluterte, und auf seinem Gesicht lag der bittere Ernst; Brgschaft fr ein neues Baukapitel hatte er mit Mh und Not zusammengebracht, und die, welche sie ihm zugesagt hatten, taten es einerseits aus Mitleid, anderseits und hauptschlich aber, weil ihnen doch die guten Verhltnisse Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s und seine Ausdauer eine gewisse Gewhr, eine Art Rckversicherung waren. Gut Ding will Weile haben, und aller Anfang ist schwer, trsteten sie ihn sogar. Wer sich kein Wort von den umlaufenden Gerchten entgehen liess, war Benz. Der Teufel hat zuerst den kleinen Finger genommen, dann Hand und Arm, und bald wird er den ganzen Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er in seinen Ofen stossen. Und die Brgen damit, trstete er sich und sah diesmal den Vorbereitungen zum neuen Bau im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) mit Wohlgefallen zu. Sie wurden eifrig betrieben den Winter ber; aber die Sand- und Ziegeltrger verlangten jetzt einen rechten Taglohn und wollten sich nicht mehr mit Versprechen abspeisen lassen. Als der Mai kam, ward im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) aufgerichtet und im Tal die neue Bahn eingeweiht. Noch nie hatte Gletschbach(Lauterbrunnen) eine Feier gesehen wie die, welche der Pfiff der Lokomotive erffnete. Vom Kirchturm klangen die Glocken in die sonnige Luft hinaus: die Huser an der Dorfgasse waren beflaggt und bekrnzt, und was an Dichtkunst zu Gletschbach(Lauterbrunnen) bis jetzt ungeahnt im Verborgenen geschlummert, war auf einmal erblht in Sprchen und Reimen, welche die Triumphbogen und die Haustren zierten. Die Schulkinder und die Gemeindebehrden standen im Sonntagsstaat am Bahnhof, und aller Augen leuchteten der Maschine entgegen, die unter drhnendem Keuchen den Zug ber die letzte Steigung heranschleppte. Ihr Lrm hatte bisher das lustige Stcklein bertnt, das eine mitreisende Blechmusik zum besten gab, und erst als sie mit befriedigtem Cho cho cho cho cho cho auf ebener Bahn in die Halle glitt, kam ein mchtiger Tusch den Harrenden zu Ohren. Da reckten sich rufende Kpfe und winkende Hnde aus den Fenstern, und ein allgemeines Schumen und Lrmen der Festesfreude berschwemmte einen Augenblick das wohlgeordnete Programm. Im Getmmel der Worte und Grsse schwang der Gemeindeprsident das Feldzeichen, einen

blinkenden, ehrwrdigen Schtzenbecher, aus welchem den Gsten der Willkommtrunk gereicht werden sollte. Hinter ihm standen ohne Wanken und Weichen im Gewhl der Sigrist und der Gemeindeschreiber mit schussbereitem glsernem Rstzeug, in dem rot, oder auch golden, die Sonne funkelte. Das Glnzen des Feldzeichens entwirrte die Knuel, und die Gletschbach(Lauterbrunnen)er Harst sonderte sich von den andern. Whrend nun der Becher freigebig vor jungen und alten Gesichtern seine Reverenz machte, spielte die Gastmusik ein kriegerisch Stcklein, und als sie damit fertig war, sang die Schuljugend: Heil dir, Helvetia -- -ber dieser hellen Frhlichkeit lag rein und klar der Maientag. Der Wind blies den Rauch der ausschnaubenden Lokomotive abseits in eine verlorene Schlucht, damit er der Sonne keine der feierlichen Begebenheiten verdecke, aus denen sich das Fest zusammensetzte, wie ein buntes Bild aus farbigen Steinchen. Die Mnner mit Binden um den Arm und den ganz grossen Rosetten auf der Brust stellten sich nun zu vieren hinter der Musik ein; die mit kleineren Abzeichen folgten ihnen, und hinter diesen flutete die Menge, wie sie aus der weitlufigen Talschaft zusammengekommen war. Ganz voraus, als Vertreter einer mit dem heutigen Tag anbrechenden erspriesslichen Zukunft, ward die Schuljugend gestellt. Da war nun viel Wunderns, Deutens und Zeigens. Denn so schn ausgeputzte Menschen, wie diese Musikanten, hatte man sein Lebtag nicht gesehen in Gletschbach(Lauterbrunnen). Das blinkte und funkelte von Goldschnren und Tressen auf den rot, blau und gelben Monturen, als wren diese Leute aus einem Helgenbuch herausgeschnitten. An der Seite hing einem jeden ein Sbelchen, und auf den Kpfen sassen Helme mit mchtigen wallenden Federbschen. Der Kommandant der Musik aber war der Schnste unter diesen kriegerisch Aussehenden und ausstaffiert wie der trkische General, dessen Bild seit Jahr und Tag in der Wirtstube zum Bren an der Wand hing, wohin es die Missgunst des Schicksals und eine Erbteilung verschlagen hatten. Der Oberlehrer beriet mit dem Musikantengeneral. Darauf erhob dieser seinen Taktstock und rief: Achtung!! Fssescharren, Trippeln und Ruspern in der pltzlichen Ruhe. Dann durchschnitt er mit dem Taktstock die Luft, als wollte er ihn dem Vordersten seiner Untergebenen an den Kopf werfen. Ein Wunder geschah: Trm, trm, trberidi, Alli Manne standet y -- -- befahl es schmetternd und schwer aus zwei Dutzend Instrumenten, wirbelten die Trommeln und drhnte die Pauke. Und wer ein Berner ist, weiss, was er da zu tun hat, und klnge ihm die Weise zum erstenmal in die Ohren; die schweren, wuchtigen Noten sind die Melodie zu seinem Tun und Denken; in ihr hallt der kriegerische Geist seiner Vorfahren wieder, die Schwere ihres Trittes, der sie zu verbissenem Kampfe trug. So bequemten sich gleich bei den ersten Takten lange und kurze Beine, wie sie sich in einem solchen Festzug zusammenzufinden pflegen, an einheitliches Mass, das freilich weitab lag vom gewhnlichen Trippeln der Kurzen, Dicken oder den Siebenmeilenschritten der berlangen. Gleichmssig drhnte der hundertfache Schritt auf der Dorfstrasse, trotzig und selbstbewusst Trm, trm, trderidi, Bis zum Tod muess gstritte sy -- --

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Bller knallten in der Hhe, und aus Fenstern und Tren sahen Neugierige. Da scholl ein Donnern und Krachen aus den Bergen herber, machtvoll und allen Menschenlrm berbietend. Von der Jungfrau hatte sich ein Schneefeld gelst, und eine mchtige weisse Wolke stieg noch empor, als schon der Donner verhallt war. Und aller Augen richteten sich auf die Majestt des Schauspiels, das der stolze Firnenkranz zu dem Feste steuerte. Eidgenossen, Bundesbrder Ehret eurer Vter Taten! Doch was sind Laupen, Sempach, Murten Gegen Suppe, und Wein und Braten! Dieser Spruch, den der Brenwirt irgendwo aufgespickt hatte, prangte breit ber seiner Haustr, und unter ihm durch zogen alle die dem Speisesaal zu, welche am Festessen mittaten. Da wurden nun viele Reden gehalten, von Vertretern der Behrde, von Nationalrat Meili in Rotenbalm(Interlaken), der auf jeder festlichen Suppe im grossen Umkreis als ein weithin sichtbares Fettauge schwamm, und dann kams auch an die Gletschbach(Lauterbrunnen)er. Der Gemeindsprsident stand auf, hustete und sah von einem zum andern. Seine Vorredner hatten die schnsten Blten schon gepflckt, die er sich mhsam vorher zum Strauss gewunden. Die Vaterlandsliebe war von jedem, der knftige Wohlstand des Tales fnfmal, die Treuherzigkeit und der Biedersinn der lpler viermal, die schnste Zukunftshoffnung berhaupt aber wieder von allen hervorgehoben worden. Und das waren gerade die vier Beine, auf denen der Prfes seine Rede hatte stolz einhertraben lassen wollen, und die waren ihm nun weggeschlagen, so dass sie ihm wie ein hlfloser Rumpf auf dem Herzen lag, den man um und um wenden mochte, ohne dass er Leben und Fasson zeigte. Diese Hlflosigkeit spiegelte sich auf seinem grossen, sonst so klugen Gesicht wieder, wie er neben einem Regierungsrat am Tisch stand und seine Serviette mit der rechten Hand knetete. Verehrte Anwesende, liebe Freunde und Nachbarn! Nach dieser Einleitung sah der Prfes sich zuerst nach den hhern Gsten, dann nach denen von Rotenbalm(Interlaken) um, lange und eindringlich. Dann gings weiter: Es ist heute ein grosser Festtag fr uns, der wichtigste Tag fr unser Tal, seitdem es erschaffen wurde - - - chm - - - chm ---. Unsere Vorfahren, die da drben neben de Kirche schlummern, haben noch nichts von Eisenbahnen gewusst - - -chm --chm --- Da erscholl in der tiefen, erwartungsvollen Stille ein scharfes Bravo! Gleich einer Erlsung fand es Beifall und weckte strmisches Klatschen. Mit einem khnen Sprung riss sich da der Redner aus der Klemme, erhob strahlenden Angesichts sein Glas und rief in den Lrm hinein: So lasset uns denn zusammen anstossen auf das Gedeihen der Gletschbach(Lauterbrunnen)bahn und des Gletschbach(Lauterbrunnen)tales. Sie leben hoch,--- hoch-- hoch----!! Und erlst liess sich der Prsident wieder neben seinem obrigkeitlichen Nachbar am Tisch nieder. Es war doch ein schlimmer Ding, vor diesen Herren eine Rede zu halten, als die noch so verkniffenen Verhandlungen an einer Gemeinde zu leiten, wo jeder mit dem andern auf du und du stand. Da war sein Feld, da stellte er seinen ganzen Mann, das musste ihm jeder lassen. Jetzt stund Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) auf, um die offensichtliche Scharte auszuwetzen. Neben ihm zur linken sass der

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Gemeindeschreiber, der ihn dazu unablssig aufstachelte, beiden gegenber der Verwaltungsprsident der Bahn, ein berlanger Basler. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) griff nun den Faden da auf, wo er den Hnden des Gemeindehauptes entglitten war, und ging an ihm entlang bis in die fernste Zukunft. Und da zeigte es sich nun, dass dieser Faden an Gottes Thron angeknpft war, so dass sich ohne ganz besondere Gnade des Himmels aus der Gletschbach(Lauterbrunnen)bahn, aus allen Mhen und Nten doch nichts herausbringen liesse als Prfungen und Enttuschungen, sofern eben der liebe Gott sich nicht der Sache ganz besonders annahm. Hatten einige der Gste der fliessenden Rede erst erstaunt gelauscht, dann die Augenbrauen in wachsender Verwunderung in die Hhe gezogen, so spielte nun in immer mehr Mienen einen hintangehaltene Lachlust, je weiter die Rede zu einer trbseligen Predigt auswuchs. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) schien das Wetterleuchten nicht zu sehen; aber der Gemeindeschreiber sah es, und ihm wurde himmelangst bei dem Gedanken, dass da fraglos eine zweite rednerische Blamage drohe. Er suchte also vorsichtig unter dem Tisch mit seinem rechten Fuss den linken Fuss Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s, und als er ihn gefunden, trat er erst suberlich, dann immer fester darauf, um den Redequell abzustellen. Da lachte der lange Basler mit einmal hell auf; denn der Gemeindeschreiber hatte in seiner Angst ihn getreten, und da ihm die Verwechslung spassig vorkam, so hatte er seinen Fuss einstweilen jenseits der Tischmitte gelassen. Wieder rettete ein geschicktes Bravo im letzten Augenblick die gefhrdete Situation, und nun prasselte es los von Lachen und Hndeklatschen, so dass viele schne Worte und geistliche Gedanken Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s im Weltlrm elendiglich umkamen. Der Gemeindeschreiber hatte seinen Missgriff auch bemerkt und sass nun da, wie wenn er die sieben Todsnden erfunden htte. Seine Festesfreude liess traurig die Flgel hngen, trotzdem er kein Wort geredet hatte. Auch der Prfes und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sahen gedankenvoll ins Weite, und jener wnschte die ganze Rednerei zu allen Teufeln; aber nur im stillen, whrend Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) die ungesprochenen Stze seiner Rede noch im Halse fhlte und das vorzeitige Lachen des Baslers ihn rgerte. Denn er wusste nichts von den Tritten des Gemeindeschreibers und sah den Langen daher fr einen grobschlachten und hochmtigen Weltmenschen an. Die brigen einheimischen Wrdentrger, zu denen auch noch der Pfarrer gestossen war, hielten sich fein schweigsam an den guten Wein, und als spt abends nach der Abreise der fremden Gste noch en famille weiterpostuliert ward, tranken einige in den rger, andere in die heimliche Schadenfreude. Es sollen dem und jenem allerhand Abenteuer passiert sein, bis er seine schweren Glieder unter das eigene Deckbett legte. Mit Singen, Musizieren, Tanzen und Prgeln schloss das junge Volk den denkwrdigen Tag; wer aber nach Mitternacht heimging, erlebte einen ausgiebigen Maienregen, als wollte der Himmel die heissen Kpfe khlen. Dass die einheimischen Redner bei dem Fest schlecht abgestochen hatten, war bald herum erzhlt, und die Schadenfreude wob noch allerlei Spitzlein und Maschen an das Missgeschick, so dass Benz Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ein recht ansehnliches Stck 33

zu hren bekam, als die Kunde auch ihn erreichte und ihn der allgemeinen heimlichen Befriedigung teilhaftig werden liess. Einem Rotenbalm(Interlaken)er, der im Bren zu Gletschbach(Lauterbrunnen) davon anfing, wre es aber bald bel ergangen; denn diese Schadenfreude ging keinen Auswrtigen etwas an. Nach wenigen Tagen brachte die Post dem Gemeindeschreiber ein Paket von dem langen Basler. Unverwandt und verstrt guckte er eine geraume Weile das lngliche Ding in gelbem Papierkleid an, als wre es eine Hllenmaschine; dann besah er es von allen Seiten etwas nher, und kunterbunte, recht unfreundliche Gedanken fuhren ihm durch den Sinn. Es waren aber friedliche Zigarren in dem Kistchen und auf hbscher Karte ein freundlicher Gruss des Spenders. Damit klang die Weihefeier zu Gletschbach(Lauterbrunnen) endgltig au

s.

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VII.
Als drunten im Dorf wieder die Sonntagsglocken sangen, sassen vor dem Waldegg(Wengwald) auf der langen Hausbank Marei und ihre Kinder, und vom Rain herber kam Benz Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). Wie es bei eifrigem Nachdenken oder besonders froher Laune stets seine Art war, blies er alle zwei Schritt ein blaues Wlklein Tabakrauch in die Luft, dass dann hinter seinem Kopf im raschen Gehen zusammenschlug wie das Wasser hinter dem Schiff. Sein Liebling Hans war heimgekommen mit einem lobesvollen Gesellenbrief in der Tasche, und morgen schon sollte er wieder hinaus in die Welt, weiter noch als bisher. Rain Benz lehnte sich dem jungen Schnitzler gegenber an die Gartenhecke, und die kleinen grauen Augen glnzten unter den buschigen Brauen hervor nach denen des jungen Menschen, die aus frischen Angesicht gross und klar in die schne Welt hinausschauten. Aus dem Knaben war ein junger Mann geworden, schlank und krftig, fast wie der Vater, trotz der jungen Jahre. Als die Rede auf die Gletschbach(Lauterbrunnen)bahn kam, wusste Hans viel zu erzhlen von dem Fremdenwesen und dem Wohlstand, den es in die armen Tler bringe. Selbst gesehen hatte er das nur bei seinem Lehrmeister; aber alle Welt am See unten sprach von den Fremden und dem Verkehr mit ihnen. Am meisten Gewinn brachten sie nach allgemeinem Dafrhalten den Hotels und Pensionen; dort gings nach Napoleons zum allermindesten. Dann kamen die Geschftsleute, die Bauern, die Fuhrhalter, die Fhrer und Trger. Aber selbst durch dieses Sieb rieselte noch Gewinn, wenn auch in kleiner Mnze, auf die weiter unten Stehenden, auf Leute die sich zu keiner besondern Hantierung bekennen, die des Morgens hoffnungsvoll an die Ufer des Fremdenstromes stehen, ohne zu wissen, in was am Abend ihre Beute bestehen wird und durch welche ehrliche Fertigkeit sie sie erhaschen. Denn es wurde nur vom Lohn fr redliche Handreichung gesprochen. Hans legte die Verhltnisse ruhig und nchtern dar, wie er sie geschaut und von andern hatte schildern hren; er tat weder etwas dazu, noch nahm er etwas davon. Da fragte ihn Benz nachdenklich: Und glaubst du, dass dieser Gewinn auch Bestand haben wird und die Leute dabei auch zu etwas kommen? Elias Marti hat sein Huschen bald abbezahlt, wie er sagte, trotzdem die Schnitzlerei nicht gerade gut geht. Aber Milch und Gemse fr die Hotels gelten viel, und das hilft nach. Fritz, der lteste Sohn, hat die Schnitzlerei aufgegeben, da er nicht geschickt war dafr. Jetzt ist er schon zum zweitenmal im Hotel Schwanderau als Unterportier und verdient ziemlich Geld. Die Elise, welche dieses Frhjahr aus der Schule kam, geht ins Waadtland, um franzsisch zu lernen; dann will ihr Fritz fr eine Stelle als Zimmermdchen sorgen. Er spart jetzt sein Geld zusammen, um nachher auch in die Fremde zu gehen und Sprachen zu lernen. So hofft er, spter beim Hotelwesen noch besser vorwrts zu kommen. Aber wer will denn einmal die Schnitzlerei weiter betreiben mitsamt dem kleinen Bauernwesen? Elias ist doch zu etwas gekommen dabei wie du sagst. Der Jngste hat seine Freude daran, und damit er die Lehrzeit fr Sprachen krzer habe, geht er jetzt in die Sekundarschule. Er will spter auch zum Hotelwesen: aber hher hinauf, nicht als Hausknecht wie der Bruder. Sie planieren allerhand fr spter. Vielleicht bernehmen sie einmal zusammen eine Pension - - Das Mittagsmahl war mittlerweile bereit gemacht worden, reicher als sonst, zu Ehren des Vaters, und Benz hielt mit.

Morgen gehst du also nach Basel zu einem Kunstschreiner, oder wie du den Mann nanntest, fing Benz beim Essen an. Basel ist eine schne, heimelige Stadt. Ich war nmlich auch schon dort. Setzte er gewichtig hinzu, damals, als uns der Preuss treffen wollte wegen Neuenburg. Es war eine bse Sache! Der Ernst jener Zeiten und die vaterlndische Begeisterung, welche durch das Schweizervolk ging, als es seine Shne an die Grenze sandte und zum Krieg rstete, war dem alten Mann in so deutlicher Erinnerung, als wre es erst wenige Jahre her seitdem. Er schilderte die Gefahr, die der Schweiz damals drohte, vergass aber auch nicht die Einigkeit und Begeisterung, die in den fernsten Tlern erwachte. Diese Erinnerungen schwebten fr ihn gewissermassen um die alten Mauern und ber die Kirchtrme von Basel und klangen im Rauschen des Rheinstromes, der damals den Feind vom Feinde geschieden. Benz war bei Nacht und Nebel nach Basel gekommen, hatte eine Zeitlang da im Quartier gelegen, und bei Nacht und Nebel hatte man ihn und seine Waffengefhrten wieder heimspediert. So war ihm die alte Stadt der Inbegriff einer Vorburg des Vaterlandes und die Freundlichkeit, welche die Soldaten von ihren Bewohnern erfuhren, ein besonderer Beweis guteidgenssischer Gesinnung. Trotzdem es Sonntag war, machte sich Marei am Nachmittag ber die Ausrstung des Schnitzlers her, da einen Knopf anzunhen, dort einen Flick aufzusetzten und die Strmpfe auf ihren Zustand zu prfen; denn schon am Morgen sollte er die Reise in die Fremde unternehmen. Hans, Ulrich und der Rain-Benz erstiegen derweil das Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen); denn der Schnitzler wollte sich wieder einmal so recht in seiner Heimat umsehen, ehe er hinunterging in die Niederungen und den Staub der Werkstatt. Die Wsserlein hpften durch maienfrisches Grn; an dunklem Busch glhten die ersten Alpenrosen, und auf den Gletschern drben lag ein stilles Leuchten, dass dem jungen Menschen das Herz aufging in dem mchtigen Gottesfrieden, den kein Menschengetriebe strte, und er des Abends heimkam voll froher Andacht und stiller Zuversicht, als sei er in einem herrlichen Gottesdienste gewesen. Diese Andacht und Zuversicht, das Angebinde der schnen Heimat, half ihm zu einem frohen Abschied und ging des andern Morgens mit ihm in die Welt hinaus. Der Zuzug von Fremden war diesen Sommer reger als je zuvor. Die Gletschbach(Lauterbrunnen)bahn brachte sie in ganzen Scharen taleinwrts, und wer von ihnen einigermassen brauchbare Beine hatte, der stieg nach Stgen(Wengen) herauf oder gar zum Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen). Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hatte es in der Frhjahrsgemeinde durchgesetzt, dass der Saumpfad von Gletschbach(Lauterbrunnen) nach Stgen(Wengen) einigermassen zurechtgemacht werde, hatte seine eigenen Knechte dem bedchtigen Wegmeister zu Hlfe geschickt, und da nun auch die Stgen(Wengen)er einsahen, dass sich auf dem neuen Stand der Dinge besser gehen lasse als auf Baumsten und topfgrossen Steinen, so verwanden sie es, dass nun auch weniger Fremde ausglitten. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Hotel im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) fllte sich schon frh; der Sohn war aus der Hotellehre zurck und ordnete alles zweckmssig an, und wenn Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) gleichwohl immer noch trb in die Zukunft sah, so schttelten die meisten ihre Kpfe darber, was sehr unverfnglich war. Nur Feiss(Feuz,Alpenrose) im Boden, Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Schwager, war weder 36

abgestumpft, noch sagte er etwas dazu. Aber gegen den Herbst stellte er oberhalb seines alten Hauses Profile auf, liess Steine rsten und publizierte das Vorhaben, ein Hotel und Pensionsgebude auf seinem Grund und Boden zu errichten. Und am Tage dieser unerwarteten Publikation wurde eine Feindschaft und ein tiefer Hass geboren zwischen ihm und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). Am Morgen war Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) nmlich mit verstrtem Gesicht zu Feiss(Feuz,Alpenrose) in die Hinterstube gekommen. Was sie zusammen verhandelt, wusste kein Dritter zu sagen. Aber als er wegging und Feiss(Feuz,Alpenrose) mit seiner Frau noch unter der Tr stand und ihm nachsah, rief er zurck: Der Herr soll dich und dein Haus strafen fr diese Niedertracht! Und dich soll Gottes Gericht heimsuchen fr Lug und Betrug, die du schon von jeher andern angetan hast! gab Feiss(Feuz,Alpenrose) zurck. Ob der liebe Gott diese Wnsche gehrt, ist nicht bekannt geworden; aber Benz Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), der zufllig ber sein Stck Land im Bodenmtteli ging, hrte sie, blieb stehen und traute seinen alten Augen und Ohren kaum. Und doch sah er, dass er sich nicht getuscht hatte. Der Teufel ist doch ein feiner geriebener Kerl und legt seine Eier in die dickste Freundschaft. Freue dich, alter Benz, wenn die zwei dort oben erst einmal anfangen, einander die Snden auszubringen. Es knnte dich auch noch etwas davon angehen. Aber es wurde nichts derartiges ruchbar, so eifrig Benz auch herumhorchte. Man wusste im allgemeinen nur, dass Krieg ausgebrochen sei zwischen den beiden Schwgern, weil Feiss(Feuz,Alpenrose) daran ging, ein Hotel zu bauen. Die werden wissen, warum sie ihre Wsche unter sich abmachen und nichts austrompeten, murrte Benz. Den Stgen(Wengen)ern aber war diese Feindschaft, die nicht darauf ausging, sich in aller Leute Mund zu bringen, seltsam, und nur wenige nahmen Partei fr den einen oder andern. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hat mit viel Mh und Opfern das Fremdenwesen angefangen. Darum will er jetzt auch nicht Konkurrenz leiden, dass ist begreiflich. Aber auch Feiss(Feuz,Alpenrose) kann machen nach seinem Gutfinden, das ist ebenso klar. Dass sie einander aber nicht austragen und verschreien, ist auffllig von beiden Teilen. So ging die allgemeine Rede, und an ihr erstarb das Interesse fr die stille Feindschaft beinahe. In dieser Zeit kam wieder ein langer, froher Brief von Hans ins Waldegg(Wengwald). Darin stand von wachsender Fertigkeit und Freude am Beruf, von seiner Lebensfhrung und seinen Erfahrungen unter fremden Menschen. Weiter hiess es in dem Briefe: Vor einigen Tagen haben wir im Hause eines hiesigen Pfarrers ein kunstreich geschnitztes altes Getfer in Ordnung gebracht. Der Pfarrer, ein gar freundlicher Herr, fragte mich nach meiner Herkunft und sagte dann: In Stgen(Wengen) war ich schon zweimal mit meiner Familie, im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)-Hotel. Herr Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ist ein ernster, gottesfrchtiger und wohlttiger Mann. So sammelte er bei unserm ersten Besuch Liebesgaben fr die armen Hinterlassenen eines Zimmermanns, der beim Bau des Hotels zu Tode gestrzt war. Zu bescheiden um zu sagen wie viel er selbst fr die Witwe und die Waisen tat, liess er bloss durchblicken, dass noch mehr werkttige Hlfe fr sie ntig sei, und so floss ihm eine hbsche Steuer zu, so dass die Freude des frommen Mannes eine grosse war ---Das erzhlte mir der Pfarrherr, und ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Ich schreibe es also dir, liebe Mutter; denn einesteils ist es unmglich, dass jener Pfarrer sich geirrt oder die Unwahrheit gesagt habe, andernteils aber ist es mir nicht erinnerlich, dass du je ein solches Almosen angenommen hast. 37

Marei las die Briefstelle immer wieder, und die helle Rte stieg ihr ins Gesicht. Wre es nicht schon Abend gewesen, so htte sie den Weg nach dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) unter die Fsse genommen, um Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ber diese unerklrlichen Dinge zu fragen. So aber schloss sie den Brief ein, und Benz, der jede Nachricht seines Lieblings sonst gleich zu lesen bekam, ging diesmal leer aus; denn Marei wollte mit sich selbst ins reine kommen, ehe sie einen andern ins Vertrauen zog. Sie sann und spann an dem Unverstndlichen, ohne Klarheit zu finden. Aber allmhlig kam auch die Furcht ber sie, es knnte dennoch ein Missverstndnis sein, und dann setzte sie sich nutzlos neuer Feindschaft Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s aus, der sie seit geraumer Zeit in Ruhe liess. Sie dachte an die ausgerissenen Zune, an das zertretene Heugras, und wenn auch Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) damals an derlei Schdigungen nicht gerade teilgehabt hatte, so konnte ein Zeichen der Feindschaft seinerseits doch andere dazu verleiten, ihr zu schaden. Als Marei nach einer fast schlaflosen Nacht am andern Morgen an Ihr Tagwerk ging, hatte sie es aufgegeben, einen Schritt zu tun oder ein Wort fallen zu lassen fr die Sache. Mochte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) es vor dem Herrgott und seinem Gewissen verantworten, wenn er mit Lug und Schelmerei umgegangen war; ein armes Weiblein durfte es nicht wagen, einen so angesehenen Mann zur Rede zu stellen. Sie war mrbe geworden und klug, so klug wie die andern alle, die nicht nach oben hieben, damit ihnen keine Spne in die Auge fallen. Im Sptherbst liess Feiss(Feuz,Alpenrose) Sand, Kalk und Ziegel aus dem Tal herauftragen, und Ulrich half mit, um neben seinem Knechtenlohn noch einige Batzen zu verdienen. Benz hatte ihn sogar von sich aus so tun heissen, vielleicht nicht nur, weil Feiss(Feuz,Alpenrose) mehr Lohn geben musste als Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) je zuvor, sondern auch weil Benz hoffte, es knnte ein offener Streit doch noch zwischen Feiss(Feuz,Alpenrose) und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ausbrechen, wobei es fr ihn von Nutzen sein konnte, einen guten Zeugen dabei zu haben. Die erste Fracht, die heraufgetragen wurde, war ein Fass Wein, von dem nachher jeder Trger einen tchtigen Trunk bekam, wenn er mit schwerer Last aus dem Tal heraufkam. Die Burschen stiegen denn auch munter und guter Dinge jeweilen wieder bergab und lobten Feiss(Feuz,Alpenrose)ens Freigebigkeit, die von den leeren Versprechungen Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s bedeutend abstach. Der eine und andere trank dann auch in Gletschbach(Lauterbrunnen) einen Schoppen, was vordem nicht blich gewesen war bei solcher Ferggerei. Blosses Wasser saufen, das gibt Brunnenkresse in den Magen, rief der lange Fuchshnsel einmal, als Ulrich Eicher seinen Nachdurst am Brunnen lschte und ging in den Bren. Und doch hatte er in seinem Leben vorher nur Wein getrunken, wenn er nach Rotenbalm(Interlaken) zu Markt ging. In spteren Jahren, als er ein Sufer geworden, sagte er oft zu Ulrich Eicher: Ueltsch, ich wollte lieber deine kalte Brunnenkresse im Magen haben als diesen Durst, den ich damals bei der Ferggerei auflas. Aber da ist jetzt nichts mehr zu machen! An einem Weihnachtsmorgen ein Dutzend Jahre darauf, als eben die Glocken zu Gletschbach(Lauterbrunnen) zur Predigt luteten, sass Fuchshnsel in bitterer Winterklte vor dem Huschen seiner Mutter und sann dster vor sich hin. Dann schlich er hinunter in den Boden zum Hotel Edelweiss, zu dessen Bau er damals Sand getragen, wo er den Durst aufgelesen, und erhngte sich an der verschlossenen Haustr.

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VIII.
Der Streit zwischen Feiss(Feuz,Alpenrose) und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) glomm stets nur still fort, ohne dass ein lautes Wort deswegen gefallen wre. Feiss(Feuz,Alpenrose) baute emsig an dem neuen grossen Hotel weiter, sobald es Frhling wurde. Vom frhen Morgen bis zum spten Abend war der hagere Mann auf dem Platz, mass und rechnete und gab mit scharfer Stimme seine Befehle, legte wohl auch selbst mit Hand an, wenn es galt, eine schwere Last gemeinsam zu frdern. Eine Unrast lag ber ihm, als knne er die Vollendung seines Werkes nicht erwarten, und die Arbeiter nannten ihn unter sich einen Leuteschinder, dem nicht genug geschafft werden knne. Aber er zahlte sie gut, damit sie blieben, und wenn das Murren allenthalben laut wurde, so brachte die Magd einen Krug Wein. Schon stand das Balkenwerk, und Feiss(Feuz,Alpenrose) trat eines Morgens an die Spitze der langen Menschenreihe, die sich von dem mchtigen Stoss Ziegel bis zum Dach hinanzog. Dort sass der dachsbeinige Dachdecker, dessen rote Nase weithin leuchtete. Gebt! rief er. Und Feiss(Feuz,Alpenrose) reichte dem Nchststehenden Ziegel um Ziegel, und der gab sie weiter, bis die Leitung in die Hand des Dachdeckers mndete. Das Geschft ging rasch vor sich, doppelt so schnell, als der kleine Mann sonst gewohnt war. Eine Weile tummelte er sich, um auf dem Laufenden zu bleiben; dann putzte er umstndlich die Nase und gab damit das Zeichen zu einem Stillstand. Seid Ihr bald fertig?! fragte da Feiss(Feuz,Alpenrose) ungeduldig. Nun suchte der Dachdecker sein Rauchzeug hervor, als ginge ihn diese Ungeduld nichts an. Ich habe noch nie gesehen, dass einer bei solcher Arbeit raucht! rief Feiss(Feuz,Alpenrose) wieder. He nun, so seht Ihrs eben jetzt zum erstenmal! gab der Krummbeinige zurck, und einige in der Kette lachten zu der Antwort. Feiss(Feuz,Alpenrose) htte etwas darum gegeben, den Frechling zerbluen oder wenigstens wegjagen zu drfen; aber dieser war der einzige seines Zeichens in weiter Runde und bei Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) besonders gut angeschrieben. Er durfte also den Fortgang seines Baues nicht gefhrden; denn der Fhn blies und lies Regen erwarten oder gar einen spten Schneefall. War es der verhaltene rger oder der Wind, der um seinen erhitzten Krper pfiff, pltzlich durchlief ihn ein Frsteln, und zu Mittag reichte ein anderer an seiner Stelle die Ziegel. Feiss(Feuz,Alpenrose) lag fiebernd im Bett, trank Tee und rgerte sich im stillen weiter ber den Dachdecker, nicht minder aber ber seinen Schwager, der jenen nach seiner Meinung angestichelt hatte. Am andern Tag ging Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ber den Bauplatz, der am Wege lag, und der Dachdecker berichtet ihm den Vorfall, den er weidlich belachte; doch Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) machte ein ernstes Gesicht und sagte nachdenklich: Dieses Fieber ist eine Warnung, die Leute nicht so zu strapazieren. Dann ging er weiter; der Dachdecker aber zog seine Branntweinwanze hervor, tat einen andchtigen Schluck und sagte, mit den uglein nach ihm zwinkernd: Das meinst du jetzt; aber wenn du wieder bauen wrdest, so lge dir an dem Fieber wenig. Feiss(Feuz,Alpenrose) wartete nicht, bis das bel vorbei war. Das Klopfen der Handwerksleute deuchte ihn erbrmlich langsam; Die Maurer schwatzten, riefen und lachten, dass er sich im Bette wand vor rger und endlich aufstand, um selbst wieder nach dem Rechten zu sehen. Eingemummt bis an die spitze Nase, hustend und

niesend stapfte er im Neubau umher, schalt mit heiserer Stimme und zankte sich mit denen herum, die ihm rechten Bescheid gaben. Er vergass darob den Frost, der ihn in der Zugluft durchfuhr und ihm oft fast die Rede abschnitt, und legte sich erst wieder hin, als er nicht mehr gehen konnte. Der Arzt schttelte den Kopf, und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) grmte sich nicht, dass der Himmel alles weislich so geordnet, wie es nun gekommen war. Des Winters Nachhut tobte ber Stgen(Wengen) dahin, und der Fhn trieb dichte Wolken nassen Schnees vor sich her. Wenn Feiss(Feuz,Alpenrose) in seinem Fieberschlummer das Heulen des Sturmes hrte, warf er sich wohl unruhig hin und her auf seinem Krankenlager; aber immer klarer stieg der Trost in ihm auf: Das Haus ist doch noch gedeckt worden! Unter dem Dach ging die Arbeit trotz des Unwetters weiter, und das Hmmern der Schreiner und Schindler klang nun wie liebliches Schlummerlied in sein halbwaches Sinnen. Der Sturm hatte den uralten Ahornbaum auf dem Bodenmtteli umgerissen, und Benz ging eines Morgens mit Ulrich daran, den morschen Riesen zu zerteilen. Da kam Kneubach(LauenerHansueli)-Peter auf ihn zu, klopfte zum dritten- und viertenmal seine Pfeife aus und sah abschtzend ber den gefallenen Stamm hin. Morsches altes Holz, wie wir beide! Wer weiss, ob uns der nchste Fhn nicht auch umschiesst - - - brummte er und sah von dem Baum auf Benz, den er immer wohl hatte leiden mgen. Und wieder klopfte er, diesmal noch anhaltender, seine hungrige Pfeife aus. Da verstand Benz das Zeichen und reichte ihm den Tabakbeutel. Die tiefen, schweigsamen Zge, die der Kneubach(LauenerHansueli)er tat, bewiesen, dass er die Labsal lange entbehrt hatte; seine uglein fingen an zu leuchten, und ein friedlicher Schimmer legte sich auf das Bulldoggengesicht. Er setzte sich zu ihnen, als sie ihr Neunuhrbrot assen, und lehnte den Schluck Branntwein durchaus nicht ab, den ihm Benz anbot. Dann ftterte er nochmals seine tiefgrndige Pfeife. Hast nicht gehrt, wies dem Feiss(Feuz,Alpenrose) geht? fragte er. Benz schttelte den Kopf. Da fuhr der Kneubach(LauenerHansueli)er fort: s wr schade um ihn, wenn er zurckbleiben sollte. Er hat mir zwar oft die Kappe gewaschen und gesagt, nicht ich sehe Gespenster, sondern der Branntwein in meinem Magen. Das ist nicht so; aber er meints. Nun, item. Wer mir aber, und auch andern armen Teufeln, zur Winterszeit ab und zu einen Kratten Erdpfel spendierte, das war der Feiss(Feuz,Alpenrose). Und wenn ich ihm im Sommer dafr im Heu helfen wollte, so hat er mir immer den Taglohn gezahlt. Er ist ein guter Mann; aber seine Frau darf von derlei nichts wissen, sonst gibts Predigt. Es msste nicht dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er seine Schwester sein. He nu, der hat jetzt auch seinen Teil---- Der Kneubach(LauenerHansueli)er liess eine Kunstpause eintreten; dann fuhr er fort: Verwichen, als es so windete, habe ich bis nach Mitternacht einem Marder aufgepasst. Dann ging ich durch den Schopf beim alten Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)haus heim. Was meinst, was ich da sah, he?! Das Annalisi Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), Ulis Mutter, sass auf der Laube, schrie, lamentierte und betete in einem fort, dass es mir kalt und heiss den Rcken herauflief. Da kam der Uli und wollte sie hineinspedieren. Aber die Mutter hielt ihren eigenen Sohn fr den Teufel und schrie und schlug drein, dass er ihr fast nicht Meister wurde. Ich alter Esel vergass die Angst und alles und ging ihm zu Hlfe. Sie hatte ihn schn zerkratzt und tat wst in der Stube, als wir sie einsperrten, als wollte sie das Haus abbrechen. Der Uli war schneeweiss neben den blutigen Schrammen, schlotterte und konnte fast nicht reden. Endlich sagte er: Du mein Gott, was soll das jetzt sein? Ich ging heim und dachte darber nach, warum diese Frau, die in ihrem Leben fast mehr gebetet, als wir beide, du und ich, geflucht, 40

jetzt auf einmal mit dem Teufel zu tun bekommt. Am Morgen ging ich zu Uli hinauf, um zu fragen, wie es gehe; denn die Sache kam mir ganz spanisch vor. Weit du, was er gesagt hat, he? Er tat, als wisse er von allem nichts, fuhr mich grob an und sagte, ich werde wieder voll gewesen sein und so verrcktes Zeug getrumt haben, wie je und je mit den Gespenstern. Aber erstens habe ich leider seit langem keinen Schnaps mehr gesehen, und zweitens hatte er seine Schrammen auf dem Zifferblatt und ich eine auf der Hand. Ich weiss, was ich weiss. brigens wirds dann schon auskommen. Als sie heimgingen, drehte Benz die Sache nach links und rechts und wusste je lnger je weniger, was er daraus machen sollte. Laut sagte er nur: Der Kneubach(LauenerHansueli)-Peter hat ein Maul, vor dem man einen Umweg von drei Stunden machen sollte. So wie Marei den Brief aus Basel vor ihm geheim hielt, so sagte Benz ihr, aus andern Grnden, nichts von dem Abenteuer des Kneubach(LauenerHansueli)ers. Diese beiderseitigen Geheimnisse bewirkten, dass zwischen ihnen ber den Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er vorerst kaum mehr geredet wurde. Herrliches Frhsommerwetter hatte den regnerischen Frhling abgelst, und Feiss(Feuz,Alpenrose) ging wieder umher, noch magerer als vordem, aber zuversichtlich und aufgerumt; denn das Haus wurde nun doch noch rechtzeitig zum Empfang der Gste bereit. Von Frieden und Einvernehmen mit dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er war so wenig die Rede als vordem. Aber jedes Mal, wenn Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) in Geschften talauswrts war, huschte Frau Feiss(Feuz,Alpenrose) mit verweinten Augen und verstrtem Wesen zurck. Fragte jemand nach ihrer Mutter, die man so lange nicht gesehen, so hiess es: Die Gliedersucht und ein bser Husten plagen sie, und das ist immer eine lange Sache bei so alten Leuten. Wer aber so nach der alten Frau fragte, hatte sicher die schrecklichsten Dinge erzhlen hren, die umgingen wie der Wind. Niemand wusste, woher sie kamen; aber sie pfiffen um alle Hausecken und taten den andchtig Lauschenden ein kurzweiliges Gruseln an. Der Ueltsch habe Geld eingesammelt fr die Armen und es selber behalten. Und frher, bei der Erbteilung des alten Hundsbhl(GrafHans?)ers, sei der Rain-Benz um Glten und Geld betrogen worden, hlt sie ihm vor und schreit, er solle das alles gut machen. Dann betet sie wieder laut auf, damit der Teufel keine Gewalt mehr ber sie habe. Weit du, wie sie verrckt wurde? Der Wind hat in jener Nacht einen Laden auf und zu geschlagen; in einem Buch ber Teufelsversuchungen hat sie am Abend bis spt gelesen, und das ist ihr dann durcheinander gekommen. So berichtete Balmer Christian seiner Frau eines Abends, als die Kinder zu Bett waren, und so ging berhaupt die heimliche, allgemeine Sage. Wer aber auf billige Art dem Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) Leid tun wollte, der fragte ihn teilnehmend nach der Gliedersucht und dem Husten seiner Mutter und machte ein trauriges Gesicht, wenn er hrte, sie sei noch im Bett. Die Sonne tte ihr aber sicher gut, wenn ihr sie vor das Haus trget, forschte die Krmerin weiter. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) stutzte einen Augenblick; dann sagte er unwirsch: Oh, wir pflegen sie gut -- -- So spann sich die Kunde heimlich von Mund zu Mund, und wer wichtig tun und sich Gehr verschaffen wollte, der flsterte vorsichtig etwas Neues von der Irrsinnigen im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald). Nur Marei bekam in ihrer Abgeschiedenheit nichts zu hren und Benz begngte sich mit unglubigem

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Zuwarten. Darob kamen die Fremden, und das Leben, das sie brachten, verschlang das Gemunkel. Feiss(Feuz,Alpenrose) ging immer mder und hstelnd seinen neuen und ungewohnten Geschften nach, und wenngleich die hinterste Kammer besetzt war, durchbrach doch nie mehr ein Schimmer von Befriedigung die Bedrcktheit, die ber ihm lag. Dieses Brten war mit den ersten Geschften bei ihm eingezogen; er wusste nicht woher und warum. Aber vom Morgen an sehnte er den lrmvollen Tag ber den stillen Abend herbei, und wenn die nchtliche Ruhe alles einhllte, dann zogen Sorgen und ngstigende Bilder in langer Reihe an ihm vorber. Das grosse Unternehmen drckte auf das Gemt des geschftsunkundigen Mannes, so dass er nur noch an die einlaufenden hohen Rechnungen zu denken vermochte und die Einnahmen bersah. Da wurden ihm in solchen nachtwachenden Stunden die Warnungen Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s so deutlich und gegenwrtig, als htte er sie erst gestern gehrt, und eine vershnliche Stimmung kam ber ihn, als htte er jenem Rater doch vielleicht schweres Unrecht getan. Dann befiel ihn gegen Morgen mit der Erschpfung der Schlaf, der ihm den einen Augenblick goldenen Frieden und ziemliche Sorglosigkeit frherer Zeiten vorgaukelte, ihn aber auch gleich wieder mit Zank und Unheil gepeinigt, so dass er erschpft und schweissgebadet auffuhr und froh war, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf den Bergen glommen und er aufstehen konnte, sich in der khlen Morgenluft zu ergehen. So traf ihn einmal im Sptsommer Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s alter Knecht vor dem Hause sitzend, in welchem nichts sich regte. Die Vgel sangen in den Bumen drben ihr Morgenlied; die Luft war rein und still und goldenes, warmes Licht schimmerte ber Wald und Weide. Dunkler noch hoben sich die Tannenmassen vom grauen Fels und Grat drben ab, seit die Ahornkronen in ihrer Mitte zu glhen anfingen. Die satte, volle Kraft leuchtete neben den Zeichen eines anhebenden Sterbens. Der Knecht drhnte mit schweren Schuhen eilig durch die Morgenstille. Ihr sollet schnell kommen; mit der Grossmutter geht es zu End! rief er schon beim Gartenzaun. Da folgte ihm Feiss(Feuz,Alpenrose), ohne sich umzusehen. Als er ins Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)haus kam, hatte er den waltenden Streit vergessen; das Wehen des Todes hier innen und der stille Friede draussen waren das einizige, was er empfand, gepaart mit dem Gedanken, dass eine arme Seele hier ihrer Erlsung entgegenging. Er hatte seinen Schwager lange nicht mehr gesehen, und als sie im dunklen Hausgang zusammentrafen, streckte jeder dem andern aus alter Gewohnheit die Hand entgegen. Es ist vorbei, Gott sei gelobt! Sie hatte ein schweres Sterben. Das Angesicht der Toten war bedeckt mit einem weissen Tchlein, auf das die Sonne ihren stillen Schein warf. Feiss(Feuz,Alpenrose) rhrte nicht daran. Aber jetzt, im vollen Tageslicht, sah jeder der beiden dem andern forschend ins Angesicht, und diese Blicke schienen zu fragen: Was ist mit dir geschehen? Und ber die Leiche hinweg reichten sie sich zum Abschiede nochmals friedlich die Hand. Sie schritten auch beim Leichengeleite nebeneinander zu Tal, und hatte schon der Tod noch einmal alle die schrecklichen Gerchte aufgepeitscht, so galt vollends diese unerklrliche Eintracht als etwas Seltsames und Unverstndliches. Wo ein so ranziges Erb zu teilen ist, tun die Erben gut daran, es im Frieden abzumachen, murmelte da und dort im Leichenzug einer, dem es leid war, dass der lngsterhoffte offene Streit bei der Teilung nun unterblieb.

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Bald nachher reisten auch die letzten Fremden ab. Kuhgelute und Ziegengeklingel belebte die Matten zu Stgen(Wengen), auf denen am frhen Morgen der erste Reif lag. Ohne die beiden roten Dcher wre Stgen(Wengen) wieder das alte weltverlorene Bergdrflein gewesen. Immerhin mischte sich manchmal in das Jodeln der Hterbuben ein trunkenes Singen junger Burschen, die vom Tal herauf kamen, wo sie sich mit dem Trgerlohn des Sommers frs erste gtlich getan hatten. Dann sandte der Winter den ersten Schnee auf Kundschaft, ob sich fr ihn wohl zu Stgen(Wengen) Quartier bereiten liesse. Zweimal schmolz ihn die Sonne wieder weg. Aber als sie sich ein paar Tage nicht zeigte, hllte der Winter eilig und geschftig das ganze Revier in eine dicke weisse Decke, und als sie wiederkam, gefiel ihr das reine Bild so gut, dass sie es friedlich anlachte und mit ihren Strahlen in den Eisvorhngen spielte, die der Winter an die niedern Dcher gestrickt hatt e.

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IX.
Zwei Jahre verflossen, eintnig und ohne dass sich zu Stgen(Wengen) etwas besonderes zutrug. Der erste Sommertag hatte frhe Wellen der Fremdenflut gebracht; der erste Schnee hatte die letzten verjagt, wie es den Stgern schon bald nichts neues mehr war. Den Winter ber war man reiflich ber den Nachbar zu Gericht gesessen in den braunen, verschneiten Htten, im Kehrum, so dass ein jeder drankam, auch die im Waldegg(Wengwald), die aber als unergiebig immer bald wieder aus den Mulern gelegt wurden. Mutmassen liess sich wenig ber die stillen, abgeschlossenen Leute, und was etwa verlautete, war eitel Ruhm und Lobpreisung auf Hans, den ausgewanderten Schnitzler. Eines andern Loblied nachzusingen war aber den meisten langweilig und rgerlich. Hans Eicher war von Basel nach Zrich weitergewandert, und von hier hatte ihn bald ein Glcksfall nach Paris getragen, als Schnitzler in eine Altertmerfabrik. Er sah sich mit grossen Augen in der Weltstadt und ihren Kunstreichtmern um und begegnete dabei einem jungen Landsmann, mit dem er im Laufe der Zeit Freundschaft schloss. Es war ein Bildhauer, der sich mit unerschtterlichem Glauben an sein Knnen durch die Jahre der Prfung hindurch hungerte. Hans stand ihm in annehmbarer Weise mit seinem reichen Arbeitsgewinne bei und empfing dafr Belehrung und Anregung. So erffnete ihm die gewonnene Freundschaft eine Zeit ntzlichen und frohen Geniessens, wie sie ihm als undeutlicher Wunsch schon lange vorgeschwebt hatte. Er zeichnete und knetete Ton, und das leichte Gelingen im Verein mit dem knstlerischen Ernst, der die zwei Freunde auf usserlich beinahe gleiche Ziele hinwies, gab dem ungelehrten Schnitzler Selbstvertrauen und Schaffensfreude. Kleine Zeichnungen, die er ab und zu aus guter Laune in die Briefe fr die Lieben in der Heimat legte, wurden da bewundert wie Zauberstcke. Nein, was der donners Bub nicht alles kann! He, Marei, ich hatte doch recht, wenn ich immer sagte, in dem Hansli stecke etwas Apartiges rief dann Benz und fuchtelte mit dem Blttchen der Marei vor dem Gesicht herum, als wre sie je gegenteiliger Meinung gewesen und msse dafr gescholten werden. Dabei gingen beiden fast die Augen ber. Benz verkndete den Ruhm seines Lieblings auch berall, wo er hinkam, und jedem, der ihm ber den Weg lief. Das trug den stillen Leuten im Waldegg(Wengwald) zuerst einen gelinden Neid und allmhlig eine gewisse Achtung ein, die sich freilich nicht in Wort oder Taten usserte; aber sie war doch da. Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) rief Marei sogar einmal an, als er am Garten vorbeiging, und reichte ihr die Hand ber den Zaun. Euer Hans soll sich ja machen, wie man berichten hrte. Das freut mich fr euch und fr ihn. Ihr habt ja viel Sorgen gehabt -- -- -- Die freundlichen Worte fielen nicht auf drren Boden; denn das einsame Weiblein war in solchen Dingen nicht verwhnt. Sie schaute dem angesehenen Manne, der ihr so gute Worte gegeben und ihr die Hand gereicht, noch lange nach und zweifelte zum erstenmal ernstlich daran, dass der je ein Unrecht getan haben knne. Aber wie Marei noch versonnen dastand, kam Benz um die Ecke und schalt: Wenns nach dem gegangen wre, so knnte Hans jetzt Geissen hten -- -- Da Marei die Antwort schuldig blieb, lenkte Benz ein und brummte: Item, mich geht der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er nichts an, und den Feiss(Feuz,Alpenrose) tragen sie auch bald hinunter -- -- Da horchte Marei hoch auf. Ists wirklich Ernst? Das wrde dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er noch hart halten -- --

-- -- -- Begraben zu helfen und nicht erben zu knnen, spottete Benz und ging davon, als Marei ein bses Gesicht machte. Im Sptfrhling ging es mit Feiss(Feuz,Alpenrose) zu Ende, und das gegenseitige Wohlwollen, das zu Stgen(Wengen) in zwei friedlichen Jahren einigermassen an den breiten Wegen aufgeblht war, verschaffte seinem Sarg ein grosses Geleite. Er hatte sich ohne Sorge um seine irdische Angelegenheiten hinlegen knnen; denn seine beiden Shne gingen diesen mit mehr Mut und Geschick nach, als er, der kranke Mann, es vermocht hatte. Allerdings waren sie weniger schweigsam als Vater und Onkel und liessen gerne zuweilen durchblicken, dass es ihnen bei den Geschften ganz wohl erging. Das hatte besonders Christian Balmer am Bort, der viel bei ihnen war, herausgemerkt und sich allmhlich seine Plne danach gemacht. Er besass ein ordentliches Heimwesen, und wenn auch das Dach seines Hauses verwittert war, hatte Balmer doch so viel beiseite, dass es weiter gelangt htte als zu einem neuen Dach. Er steckte denn eines Tages einen Hausbau ab, ohne zuvor mit einem Menschen darber zu reden; denn wer lange fragt, wird weit gewiesen, meinte er. Ohne dass nun beim Bort ein wichtiger Weg vorbeiging, hatte doch in diesen Tagen mancher dort oben etwas zu tun, der die Nachrede kaum htte gelten lassen, er streiche aus eitel Neugier da herum. Dennoch wusste nachher ein jeder, wie weit die Profile auseinander standen, und berhaupt, dass Balmer ein ungeheuer grosses Haus bauen wolle. Schon im Sptsommer erstanden die Fundamente; der Bau wuchs rasch, und es ward viel darber geredet, wie stattlich und gross das neue Hotel werden solle. Balmer hatte schon die Grundmauern getauft, so ungeduldig war er; aber aus dem stolzen Namen Hotel International, den er endlich fr wrdig befunden, machten die Werkleute ein Hotel Hinternational; das war der erste rger, den Balmer damit hatte. Er leitete, befahl und tat gross mit den Reisen, die er machte, um bei den Geschftsleuten im Unterland die Dinge zu bestellen, deren er bedurfte. Ein neuer Hochmut war ber den Mann gekommen, wie er da inmitten seiner grossen Unternehmung stand. Im Sptherbst, knapp vor dem ersten Schnee, leuchtete das dritte rote Dach, in die Bergesharmonie hinaus, und das Singen der Bergleute, die vom Aufrichtmahl heimkehrten, weckte zu spter Nachtruhe die im Waldegg(Wengwald) auf. Es sprach sich des andern Tages auch schon herum, wie nobel es dabei zugegangen sei. Als Benz, der dem Balmer noch entfernt verwandt war, mit der Neuigkeit ins Waldegg(Wengwald) kam, stopfte er die Pfeife, zog die Augenbrauen hoch und brummte. Wenn dem das Springen nur nicht einmal in die Beine kommt! So huslich der sonst war, jetzt weiss er seinem Geld keinen Rat. Der Schnee bedeckte mitleidig die roten Dachschilde gerade so gut wie die braunen, steinbeschwerten, sie mochten noch so hochmtig sich ber diese hervortun wollen. Und die Sonne sandte ihnen zu Liebe seinen Strahl mehr als sonst, um ihrer Eitelkeit zu Hlfe zu kommen. Sie lchelte gleichmtig, als wolle sie sagen: Ihr seid nicht besser als die andern und knnet euch im Sommer wieder brsten, wenn ohnehin die Narretei in den Bergen los ist! Und der gleiche Schnee, der die Dcher verhllte, hatte auch das Geschwtz und die Mutmassungen begraben, welche doch immer wieder ber die Abtrglichkeit der Gasthuser und ber Balmers Vermgensumstnde umgegangen waren. Aber der Winter war diesmal nicht der eisige, strenge Herr wie seit vielen Jahren. Der Schnee kam feucht und in grossen Flocken vom Himmel; die Lawinen donnerten um Neujahr, als wrs Frhjling, und tausend Wsserlein rieselten, wo sonst nur eine magere Eiskruste die Steine im Bachbett eingeschlossen hatte.

46

Das Wetter schttelt die Wurmstichigen vom grossen Baum, weissagte Benz eines Abends in der Ofenecke und erzhlte, wie der alte Totengrber zu Gletschbach(Lauterbrunnen) seines Gedenkens nicht so viele Grber zu machen hatte. Eine volle Zeile seit der Weihnacht. Und da ihn selbst etwas wie ein Fieber gepackt hatte, stellte ihm Marei einen grossen Topf mit Tee zurecht. Denn sie wusste, dass Benz nicht gut zu Spass war, wenn ihm die Pfeife nicht schmeckte. Benz du solltest hier ber Nacht bleiben, dass du warm hast und man nach dir sehen kann. Drunten in deiner Eisgrube knntest du dir noch etwas Bses zuziehen. Aber der Tee frischte den Alten auf, und vergngt ging er auf den Heimweg. Wohl schien es ihm, als habe der nasskalte Wind noch nie so scharf in ihn hineingeblasen; aber das kam davon, weil er den ganzen Abend nicht vom warmen Ofen gegangen war. So trstete er sich und kroch frstelnd in sein kaltes Bett. Aber da durchschauerte es ihn zwei-, dreimal, schlug ihm die paar Zhne aufeinander und wollte ihm fast den Atem benehmen. Dass auf der Welt keine Ordnung mehr ist, wr nicht neu. Aber nun gehts mit dem Wetter auch verkehrt, brummte er ungeduldig und fror weiter. Dann wurde sein Kopf heiss; die Hitze nahm zu, als glhe eitel Feuer in seinem Leib. Er war dennoch eingeschlummert, und da kam es ihm vor, als sei er wieder, wie einstmals vor alten Zeiten. Auf dem Lastschiff drunten auf dem See, und der Sturm heule ber das kleine Verdeck. Er sollte eine schwere Brde auf der Schulter tragen und wunderte sich immerzu, warum er die nicht ebenso gut auf dem Verdeck ablegen konnte. Der Schweiss rann ihm darob ber Stirn und Wangen. Seine Gefhrten warfen trotz des Sturmes und unbekmmert um seine Drangsal Fischnetze aus. Da war die Last pltzlich von seiner Schulter genommen, und er selber half behnde die schweren, nassen Netze einholen. Wie das zappelte! Und doch waren sie leer bis auf eines. Darin sass der Froschknig, von dem er einmal so Wundersames gelesen. Der hatte ein diamantenes Krnlein auf dem Haupt, war sehr niedlich anzusehen, und seine klugen uglein blickten furchtlos von einem zum andern. Sie alle erwarteten, dass er nun sprechen werde; nur einer holte mit dem Holzschuh aus, um dem Tierlein einen Stoss zu geben. Da packte Benz den groben Menschen ingrimmig, und sie fielen ringend zusammen ins eiskalte Wasser, dass Benz erschauerte. Dunkel schlug es ber ihm zusammen; er wollte schreien und konnte nicht, und nur wie ein Blitz durchfuhr ihn ein Gedanke der Befriedigung, dass er noch vor dieser Reise seine Dinge auf Erden wohl geordnet habe. Nun bin ich tot, dachte er, als es vollends Nacht geworden war rings um ihn. Aber wie in jenem Mrchen aus seiner Jugend, dass er lngst vergessen zu haben glaubte, kam nun der Froschknig, so gross wie er selber, und fhrte ihn durch einen Gang aus der Finsternis hinauf ans Ufer. Da schien jetzt die Sonne, so heiss, dass aller Frost von ihm wich. Aber die Last, die er auf dem Schifflein getragen hatte, lag pltzlich wieder auf seiner Schulter, und er schleppte die dahin, mhsam, schweissberstrmt. Der Weg bog in einen langen unterirdischen Gang. Da fasste ihn pltzlich eine weiche Hand und eine bekannte Stimme fragte: Wie geht es dir? Die Brde fiel bei diesen Worten zur Erde, und er strengte sich an, etwas zu sehen. Da wurde er gewahr, dass seine Augen geschlossen gewesen waren, und dass Marei vor ihm stand und dass er ihm Bett lag. Die helle Sonne schien in die Stube; die Eiszapfen am Dach tropften gleichmssig, und die Berge glnzten so hell, dass ihn die Augen schmerzten. Er war auch noch so befangen in seinem Traum, dass er dessen Bilder und das, was vor seinen Blicken lag, nicht in Einklang zu bringen vermochte. Aber die Besorgnis, die deutlich auf dem Gesicht der Marei lag, weckte ihn zu immer klarerem Bewusstsein, und gierig langte er nach dem Trunke. Den sie ihm reichte. Noch nie hatte er solche Labung empfunden. 47

Ach, warum bist du nicht bei uns oben geblieben! jammerte Marei, als seine Hand zitterte, dass er beinahe den Tee ausschttete. He, es geht hier ebenso gut vorbei, und in zwei, drei Tagen bin ich wieder zuweg. Kannst am Samstag das Rippstck draussen in der Kche einweichen fr den Sonntag. Denn wenn der Magen so mit Tee ausgewaschen wird, heissts nachher, ihn wieder gehrig aufhngen. Und das wollen wir am Sonntag tun. Ulrich machte ein gewaltiges Feuer im Stubenofen an; aber als Marei wiederkam, um ihm zu erlutern, wie Benz umgebettet werden msse, schlief der Kranke schon wieder fest, so dass sie ihn nicht stren mochte. Leise ging sie hinaus, und Ulrich setzte sich ins Stbchen nebenan an die Tre, um bei der Hand zu sein, wenn er erwache. Aber Benz regte sich nicht. Beim Prasseln des Feuers war er eingeschlummert und schlief nun, so dass Ulrich ein ziemlich mssiges mtlein hatte. So still aber Benz dalag, so lebhaft waren die Traumgebilde, in deren Mitte er wandelte. Bild reihte sich an Bild, eines bunter und lebhafter als das andere; jedes Zeitmass war dem Trumer entfallen. Ab und zu trat mehr oder weniger deutlich Marei in die Reihe der wandelnden Gestalten, immer als Spenderin eines willkommenen Trunkes. Je gespengstiger und ungeheuerlicher jene Bilder sich aber benahmen, desto ruhiger und mder ward das, was Benz selbst bei den seltsamen Vorgngen tat, und oft verschwamm alles vor ihm in einem rtlich schimmernden Nebel, der ihn allmhlig umfing. Aber langsam wich der Dunst wieder; die Berge traten im Abendglanz vor seinen Blick, und er vermochte jeden Schrund der Gletscher, soweit das Fenster sie einrahmte, zu erkennen. Dann trat Christian Eicher in die Stube in denselben Kleidern, die er damals auf der Bahre angehabt. Trotz der anbrechenden Dmmerung erkannte ihn Benz sehr wohl und freute sich unendlich ihn wiederzusehen. Er wollte ihm auch die Misshelligkeit ausreden, ber welcher Sie auseinander gegangen waren. Aber Christen Eicher wehrte ihm mit stummer Gebrde ab und schien es eilig zu haben. So langte Benz seine Mtze vom Nagel und wollte mit ihm aus der Tre gehen, als ihm Marei einen Trunk anbot. Er wies sie damit auch an Eicher und sagte ihr ein entrstetes und spasshaftes Wort, dass sie ihren Eheliebsten dermassen vernachlssige. Doch da fiel ihm ein, Christen sei ja lngstens gestorben und brauchte solche Liebe nicht mehr. Die Erinnerung, dass Eicher nicht mehr lebte, hatte weder fr ihn, noch fr Marei etwas besonders Traurigers; dafr erfllte sie eine sehnliche Liebe zu ihm und eine anbetende Verehrung vereint mit dem Trost, das es ihm jenseits des Grabes sichtlich wohl ergehe. Christen stand stumm in der offenen Tr, und es war ihnen wohl verstndlich, dass er nicht sprach. Aber auf seinem Angesicht lag ein trumerischer Friede, und seine Augen leuchteten, dass ein heller Schein davon ausging in die Dmmerung der Stube. Benz folgte ihm aus dem Haus und sah nichts Unrechtes darin, dass Marei zurckblieb. Der letzte schwache Schimmer lag drben auf den Gletschern, und doch glhte schon Stern an Stern, viel heller, als Benz sie jemals erschaut. Aus dem Dunkel erstand jenseits der Berge eine riesengrosse Gestalt, und als Benz sie seinem Begleiter weisen wollte, war der verschwunden. Das Angesicht jener Erscheinung nahm allmhlig deutlich die Zge an, die der welterschaffende Herrgott auf dem ersten Blatt der alten Bibel trug, in welcher Benz zuweilen las. Ein wundersames Gefhl erfasste den alten Mann und eine selige Freude, so dass er in kindlicher Hingebung auf die Knie fiel und die Arme nach dem Allmchtigen ausbreitete, dessen Blick so wohlwollend auf ihm ruhte. Sein Herz klopfte laut und hastig, und er empfand weder Furcht noch ngstlichkeit, in seinem Werktagsgewande vor dem Ewigen zu erscheinen. Da erloschen mit einem Male die Sterne; die Erscheinung zerfloss, und Benz hatte nur noch den blitzschnellen Gedanken: Jetzt kommst du vor die Himmelspforte! 48

Als Marei am nchsten Morgen beim Frhlicht in die Krankenstube kam, lag Benz mit weitgeffneten Augen da und blickte sich nicht um. Sie trat erschrocken nher; da wandte er ein wenig den Kopf, und sie sah, wie seltsam seine Augen in dem verfallenen Angesicht leuchteten. Marei, ich habe den Christen selig gesehen und den Hergott auch, flsterte er. Jetzt wurde ihr angst, und sie sprach beruhigende Worte zu ihm; denn sie zweifelte nicht, dass er im Fieberwahn rede. Aber er achtete nicht darauf und wollte sich aufrichten trotz seiner Schwche. Dem Christen geht es gar wohl, und der Herrgott ist so lieb und gut, dass ich dirs nicht sagen kann! beharrte er, Marei entgegnete nichts weiter, reichte ihm zu trinken und ging dann hinaus, um ihm die Gelegenheit zu weiteren Fieberreden zu nehmen. Da befiel ihn auch bald ein Schlaf unendlicher Mdigkeit, und es war ihm, als habe er noch nie solche Erquickung gefhlt, wie jetzt beim Einschlummern.

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X.
Zweimal war es Sonntag geworden, seit das Fieber ihn gepackt; das drittemal, als die Sonne warm und golden in den stillen Morgen hinausglnzte, sass Benz auf der Bank beim Waldegg(Wengwald), trotzdem der Schnee rings die Matten noch mit dichten, weiten Flaumenbetten deckte, damit den zarten Trieben in der Erde vom Wintersfrost kein Leid geschehe. Es war still ringsum bis auf das Zwitschern und Rufen der Vgel, das Rauschen des Bchleins jenseits der Gartenmauer und das gleichmssige, rasche Herniederfallen der Tropfen, die sich vom Dache lsten, einen Augenblick auf ihrer kurzen Bahn im Sonnenlicht erglnzten und dann untergingen in dem winzigen See, der sich dem Zaun entlang zog und dessen berfluss als drftiges Gerinnsel dem Bchlein folgte. Ein vorwitziges Mcklein kam herangesummt, dessen Wiege wohl drben im sonnenwarmen Rain, vor dem der Schnee schon geschmolzen war, eingegraben gewesen. Das Tierlein sang munter sein eintniges Lied in der lauen Luft, und Benz sah ihm mitleidig nach, bis es verschwand. Dann suchten seine Augen wieder die Berge, als wre er lange, lange von ihnen fort gewesen und msste nun Nachschau halten, ob ihnen derweil kein Leid geschehen sei. Er hatte die gefalteten Hnde in den Schoss gelegt, und wenn seine Blicke die Gletscher erstiegen, so gingen seine Gedanken noch hher, hinauf in den blauen Himmel, der so weislich den Schnee gespendet und der nun die Sonne spendete, jedes zu seiner Zeit. Die Stille, durch die es zog wie ein leises, hoffnungsvolles Singen und Klingen, umgab seine Gedankenbilder mit einer erhabenen Harmonie, und der Herrgott seines Fiebertraumes ward dem alten Mann so gegenwrtig wie in jener Nacht. Er hatte eigentlich in ihm fortgelebt seither; eine Vorstellung, die er undeutlich sein Leben lang gehegt, hatte ihre bestimmte Gestalt angenommen. Du bist ein gar mchtiger Herr dort im Himmel oben, und ich bin jetzt froh, dass ich dir in meinem Leben nicht mit jeder Bagatelle gekommen bin und dir nicht wegen jedem Zahnweh vorgejammert habe, dachte Benz am Schluss seiner stillen Sonntagsbetrachtung. Als er derart eine erbauliche Abrechnung zwischen dem Himmel und seinem sndigen Menschen gehalten, ging er hinein, denn Marei rief zum Essen. So, jetzt heissts aber, Leib und Seele wieder tchtig zusammenknpfen, denn ich spre, dass es nicht viel Voriges hat. Die Kleider hangen an mir wie am Zaunstecken, spasste er. Als ob du nicht von jeher beindrr gewesen wrest. Tust jetzt noch, als httest du vorher gar einen Bauch gehabt wie ein Statthalter gab Marei zurck. Es trieb sie mit aller Macht, ihrer Freude Luft zu machen, und wre es nur durch einfltige Scherze. Denn dass der liebe alte Benz wieder bei ihnen am Tisch sass, war ihr ein Gotteswunder. Sie verhehlte ihm freilich, wie sie in ihrer Herzensangst fr ihn zum Himmel gefleht; auch das abgerissene Psalmenbuch, in dem sie so manche Stunde andchtig neben seinem Bett gelesen, hatte sie in aller Heimlichkeit wieder an sich genommen, damit er davon nichts merke. Ich habe dir wohl noch gar nicht gesagt, dass Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) da war und nach dir fragte, als es dir gerade so bse erging. Er hatte davon gehrt, du seist krank - - berichtet Marei. So so, das freut mich. Zweifel aber, ob es ihn auch freut, dass es diesmal noch nichts war. Schm dich, Benz! Du musst nicht immer nur das Bse von jedem denken, schmollte Marei.

Wers Kraut trennt, braucht nicht nach den Wurzeln zu graben. Er war noch lange bei mir, fragte nach dem Haus und erzhlte, es sei jetzt auch eine Bahn fr Stgen(Wengen) und auf das Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) bewilligt- - - Benz starrte die Frau einen Augenblick an; dann fuhr seine magere Faust auf den Tisch. Kreuzdonnerwetter! schoss er los. Sobald der Schnee ab ist, kommen die Vermesser, und es soll Hals ber Kopf vorwrts gemacht werden. Mir soll ein solcher Wegknecht des Satans auf meinen Grund und Boden kommen! Dem reisse ich ein Bein aus und schlage ihm damit den Schdel ab, drohte Benz und schlug, weil ihn die Faust vom erstenmal schmerzt, jetzt mit dem Messerheft auf den Tisch, so dass die Katze entsetzt von der Bank herunter sprang, ohne auf die in Aussicht stehende namhafte Speckschwarte zu warten. So hat dann der Teufel wenigstens ein bequemes Fuhrwerk, wenn er einmal die Stgen(Wengen)er zusammenramassiert; denn so wie es jetzt war, htte er dreimal fahren mssen und vielleicht noch nicht einmal alle aufladen knnen! Schm dich, Benz, so lsterlich zu reden, nachdem du kaum wieder auf den Beinen bist, ermahnte Marei wieder, diesmal etwas ernster. s ist eigentlich wahr; ich muss acht geben, dass ich einmal in den Himmel komme, denn nur dort bin ich sicher, dass mir nicht alle Nasen lang ein Stgen(Wengen)er vor die Beine luft! Und zum drittenmal drhnte ein Schlag auf den Tisch. Marei schttelte nur den Kopf; Sie gab es auf, den Benz zu ermahnen, so lange er im Eifer war. Die erste Pfeife brannte nach langer Fastenzeit und stimmte den Alten zusehends milder. Und wie ist der Balmer mit seinem Zeug dran, da mit dem Hinternational, oder wie die Bratenscheune heissen soll? Marei zuckte die Achsel. Man hrt allerlei, und wenn die Hlfte davon wahr ist, so ists schlecht. Die Krmerin sagte, er laufe die ganze Talschaft aus nach Brgen; denn das Haus mit allem drum und dran komme ihn dreimal so teuer, als er gemeint habe. Dein Vetter, der Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), wollte ihm unterschreiben, und damit wrs richtig gewesen. Aber dann haben sie ihm gesagt, der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er tue das nur, um es spter an sich zu ziehen. Balmer knne ihm das Haus einrichten und dann gehen. Wie du weit, trinkt der Balmer bsen Wein, und als er nun krzlich im Bren zu Gletschbach(Lauterbrunnen) mit Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zusammentraf, gabss erst Stichelreden und dann Krieg. Jetzt nimmt ihn dein Vetter wegen dem Zank vor den Richter, und mit der Brgschaft ist er natrlich aus und Amen. Noch erwogen sie hin und her, als Balmer daherkam; er habe von der Krankheit seines alten Freundes gehrt und wolle doch selbst sehen, wie es mit ihm sei, sagte er ausnehmend zutunlich, indem er Benz die Hand schttelte, und da freue es ihn, dass er schon so wohlauf sei. Das hast du auch viel der guten Pflege zu verdanken, setzte er hinzu und sah dabei nach Marei hinber. Benz blickte ihn verzweifelt unverwandt an. Christian Balmers Gesicht schien ihm seit dem letzten Sommer um viele Jahre gealtert, und die lrmende Aufgerumtheit in seiner immerfort fliessenden Rede war ihm so neu an diesem Manne, dass er ihn fast nicht wieder erkannte. Sitz ab, sagte Benz freundlich, als Balmer immer noch herumstand und - lief; es kostet nicht mehr als das Stehen.

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Marei und Emma rumten das Geschirr hinaus und handierten dann in der Kche; Ulrich machte sich auf den Weg nach Gletschbach(Lauterbrunnen), wo der Bahn wegen eine ffentliche Versammlung gehalten wurde. Ja die Bahn, die wird Stgen(Wengen) erst zu dem machen, was es lngstens sein knnte; die erst bringt dann wirklich Geld, griff Balmer den Faden auf, und als Benz schweigsam an seiner Pfeife weiter zog, fuhr er fort: Wre sie nicht aufs Tapet gekommen, so htte ich wohl die Flinte ins Korn werfen mssen, wre ein Bettler geworden ob meiner Bauerei; aber jetzt weiss ich, dass alles noch gut kommen muss, und lasse mir daher die Sachen nicht ber den Kopf wachsen, so lange ich noch ein Glied rhren kann. Benz rauchte schweigend weiter. Siehst du, der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er hat immer gejammert und fremdes Geld aufgenommen, um den andern Sand in die Augen zu streuen und sie abzuschrecken, damit er das Schflein allein scheren knne. Aber die jungen Feiss(Feuz,Alpenrose)en im Boden habens merken lassen, wie gut sich das rentiert und wie viel Ihr Onkel im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) bei allem Lamentieren jedes Jahr hinter sich brachte. Der pure Neid wars damals, dass er mit dem alten Feiss(Feuz,Alpenrose) Hndel anfing. Weit du das mit dem Rentieren so genau? Ja, das weiss ich! Aber einen Fehler habe ich bei meiner Sache gemacht. Ich htte den und jenen, welcher in solchen Dingen kundig ist, zu Rate ziehen und mit ihm meine Rechnungen durchgehen sollen. Denn ich habe sie, wie man so sagt, ohne den Wirt gemacht; kurzum, ich habe den Bau zu gross angefangen, und jetzt heissts weitermachen, das Geld mag herkommen, wo es will; sonst komme ich um alles und kann meinen Kindern den Bettelsack umhngen, oder mit dem Anna bei den Bauern in Dienst gehen und die Kinder auf die Gemeinde geben. Er hatte sich bei diesen hastig hervorgestossenen Worten erhoben und sah nun zum Fenster hinaus, als knnte er jenseits des auftauenden Gartens einen Ausweg ersphen. So schnell wird das wohl nicht gehen. Du hast ja dein Heimwesen und bauerst weiter. Bis sich Mittel und Wege finden -- -- --. Vielleicht kauft dir einen die Sache gut ab -- -- -- Da kam Balmer vom Fenster zurck und liess sich seufzend auf seinen frheren Platz nieder. Alle die Aufgerumtheit, welche er zur Schau getragen hatte, war verflogen und ein niedergedrckter, verhrmter und gengstigter Mann sass da. Das grelle Sonnenlicht, das auf ihn fiel, zeichnete die Furchen in seinem Gesicht und die Lcher in seinen Wangen noch tiefer; die Augen hatten ihren Glanz verloren und verbargen sich unstt hinter den feuchten Wimpern. Wre es noch nicht weiter als so, so liesse sich ber die Sache reden. Aber das Zurckgelegte und die magere Hypothek, die kaum ein Viertel von dem ist, was ich erwartet hatte, sind von den Taglhnern allein fast aufgefressen worden, und fr die Ziegel und die Schreinerei habe ich Wechsel unterschrieben. Ist das Haus einmal fertig, dann wird auch die Bank es viel hher belehnen; die Wechsel werden bezahlt- - Und der Hausrat, das Geschirr und die Esswaren? fiel ihm Benz ins Wort, als er sah, wie Balmer schon wieder im Oberwasser zu schwimmen begann. Der verwarf die Hnde und stemmte sie dann auf seine Knie. Da muss ich nachher eine zweite Hypothek machen -- -- Hypothek, Wechsel, Hypothek, das ist also die Melodie, nach der du tanzen musst. Und weit nicht einmal, wies dann mit dem Abzahlen ist. Mit dem Schulden machen ists nicht getan; sie mssen auch bezahlt sein. Doch mich geht die Sache ja 52

nichts an, und darum habe ich auch nichts dreinzureden -- -- warf Benz rgerlich hin. Eine Weile sass Balmer still da und sah, die Hnde auf die Knie gestemmt, vor sich auf den Stubenboden. Dann hub er zgern an: Und doch wollte ich dich fragen, Benz, ob du mir nicht mit einem guten Wort beistehen willst, nur bis zum Frhsommer, bis alles fertig ist. Es ist ja nur eine Formsache, und du hast nichts zu befrchten, hast auch nicht Weib und Kind, an deren Zukunft du Tag und Nacht mit Jammern und Schrecken denken musst. Der Feiss(Feuz,Alpenrose) Karl will mir brgen, und wenn du als Zweitmann dabei bist, so ist alles gewonnen -- --- Seine Stimme hatte sich gegen das Ende gehoben und klang eindringlich, fast flehend. Aber er sah immerfort auf den Stubenboden, als frchte er, in dem Gesicht des alten Benz einen Augenblick frher die Abweisung zu lesen, an die er nun schon gewhnt war von seinen vielen vergeblichen und demtigen Bittgngen her. So der Feiss(Feuz,Alpenrose) Kari will unterschreiben? frug Benz verwundert, als htte er alles andere berhrt. Die freundliche Frage fachte Balmers schwachen Hoffnungsschimmer gleich zum hellen Freudenfeuer an, und hastig erzhlte er: Ja, ich glaube, dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er zum Trutz. Der Hallunk im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) hat gemeint, er habe mich im Sack. Aber dem habe ich gesagt, wie spt es ist. Doch dir brauche ich nicht zu berichten, was das fr einer ist; du hast ihn selber genugsam erfahren, und was zwischen uns gegangen ist, wirst du wohl auch vernommen haben - - - Du hast ihm aber wohl Unrecht getan; denn so schnell wrs mit dem Einsacken nicht gegangen. Vorlufig war das, was er dir versprochen hatte, eine grosse Wohltat, und fr die hast du ihm miserabel gedankt. Wenn du dich doch mit dem aufgebrochenen Geld, fr das er brgen wollte, httest kehren knnen, so wre da vom Plndern nicht die Red gewesen -- -- -- Du kennst ihn selber am besten! Wie hat er dich bestohlen und betrogen! Seine Mutter hats selbst gesagt in ihrer Verrcktheit -- -- -- Das geht mich allein an! Wenn ich mit ihm etwas auszumachen habe, so bin ich Manns genug und brauche keinen anderen dabei. Du hast schlecht am Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er gehandelt! Erst hatte Balmer erstaunt aufgehorcht; denn auf Benzens Hass gegen Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hatte er nicht wenig gerechnet. Dann begann er wieder die Bretter des Stubenbodens mit den Blicken zu messen. Irren ist menschlich, gab er endlich zu, und die Redensart kam ihm ausserordentlich gelegen. Das kann jeder sagen, der nicht recht zu seiner Sache stehen will. Ich habe auch Dummheiten gemacht und werde wohl noch ein paar machen; aber ich habe mich nie mit einem wohlfeilen Spruch herausgezogen. Warum frchtest du denn nicht, Karl Feiss(Feuz,Alpenrose) knnte dir auch eine Falle stellen wollen, he? Da wusste Balmer nichts zu entgegnen und sagte bloss nach einer Weile seufzend: Der Mensch lernt eben nie aus. Wo der nur seine bequemen Sprche alle her hat? dachte Benz und sah ihn rgerlich an. Aber als er die scharfen Furchen in Balmers Gesicht wieder gewahrte und ihm sein bekmmerter, trostloser Blick auffiel, der immer zu Boden gerichtet blieb, war es ihm doch leid, dass er diesen wehrlosen, gehetzten Menschen so angefahren hatte, und er sagte milder: Wrs nicht fr ein Hotel, ich htte nicht nein gesagt. . . Du tust mir leid genug.

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Um Gotteswillen, Benz, flehte Balmer und klammerte sich an das gute Wort, das ihm da aus aufrichtigem Herzen zuteil wurde, hilf mir! Ich kann ja nicht mehr zurck und kann nichts anderes mit dem Haus anfangen. Wie gerne wollte ich, das Hotelwesen wre mir nie in den Sinn gekommen. . .! Seine Stimme zitterte, und Benz fhlte, aus wie tiefem Herzen diese Worte kamen. Und als er den Balmer ansah, war es ihm, als seien dessen Augen nass von verhaltenen bitteren Trnen. Benz, hilft mir doch! bettelte er demtig nach einer drckenden Stille. Ich habe mir hoch und teuer vorgenommen, mich mit dem Fremdenwesen nie irgendwie einzulassen, weil ich weiss, dass es einmal grosses Unglck ber uns bringen kann. Aber ich habe dir vorhin auch gesagt und dabei spielte ein Lcheln um seinen Mund --, dass ich wohl noch ein paar Dummheiten machen werde, und die erste wird wohl die sein, dass ich mit der Zeit als Gtti bei dieser schlimmen Kindstaufe werde hinstehen mssen -- -- Balmer starrte ihn verstndnislos, mit halboffenem Munde an, als msse er sich jedes Wort erst vergegenwrtigen und den Sinn mhsam zusammensuchen. Du, Benz, wie soll ich dir danken -- --! rief er und wollte auf den Alten zueilen im berschwang seines Glckes; aber der wehrte mit weit vorgehaltenen Hnden jedwede Berhrung ab und rief ngstlich: Schupf mich nicht, sonst fllt der schne porzellanige Pfeifenkopf ab dem vertrockneten Rohr; er wackelt, und im gleichen Augenblick umfing er das bedrohte rauchende Kleinod mit allen fnf Fingern seiner rechten Hand. Eigentlich rgerte ihn dieses berschwengliche Getue, und er sah Balmer scharf ins Gesicht; der aber stand unbeholfen vor ihm und schmte sich auch ein wenig. Mach mir da nur keine Auftritte, das habe ich nicht gern! Und eigentlich httest du es verdient, dass man dich noch ein wenig zappeln liesse. Aber hoffentlich hast du dir auch so eine Lehre daraus gezogen -- -- -- Marei kam mit dem mchtigen schwarzen Kaffeekrug herein und stellte ihn auf den Tisch, und Emma brachte die Tassen. Es war unschwer zu erraten, dass sie den beiden ein angelegentliches Gesprch abgeschnitten; denn Balmer stotterte verlegen: Es ist schnes Wetter heute, und das putzt den Schnee zusammen -- -- Aber beim Kaffee leuchtete die unendliche Freude, deren sein Herz voll war, aus seinen Augen; er scherzte und plauderte in einem fort und guckte bei jedem Wort den Benz an, ob er dessen Beifall erlange. Am liebsten htte er ihm fast einen Kuss auf das gefrchtete, bel verschriene Mundwerk gegeben, trotz der langen, grauen Bartstoppeln, die es einfassten. Das hat der Rain-Benz seinem Vetter im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zum Trotz getan, ging die Meinung in Stgen(Wengen) um, als die Brgschaftsgeschichte ruchbar wurde. Kommt es gut und kann sich der Balmer ber Wasser halten, so bekommt der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er nicht um halb Geld das Hinternational; kommt es aber nicht gut und muss der Rain-Benz Haare lassen mit der Brgschaft, so fllt das Erbe fr den Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) um so magerer aus; denn er und die Feiss(Feuz,Alpenrose) im Boden sind ja die einizigen Verwandten und erben ihn einmal. Ja, ja der Rain-Benz ist ein Schlaumeier. Dass Karl Feiss(Feuz,Alpenrose) auch mithaftete, erwhnte niemand; denn der war jetzt im Gemeinderat, und man durfte ihm also weder etwas Arglistiges, noch etwas Dummes unterschieben. Balmer selbst fuhr wieder auf offenem Meer und mit vollen Segeln in die rosenrote Zukunft hinein, von der er Tag und Nacht trumte, und ausser an hallenden und schallenden Befehlen hatte er seine besondere Freude daran, mit seinem flotten 54

Schiff dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er allenthalben in die Quere zu fahren und ihn mit einem Pfeilhagel von Verdchtigungen und Gehssigkeiten zu berschtten. Dabei blinzelt er, trotz der erlittenen Abweisung in solchen Dingen, doch zuweilen wohlgefllig dem Rain-Benz zu, bis ihn der einmal anschnauzte: Bist ein dummer Donner!

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XI.
Die Lawinen krachten am Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen), und zu Stgen(Wengen) lag in den Schrnden und Grben noch tiefer Schnee. In der Bergwand zwischen Gletschbach(Lauterbrunnen) und Stgen(Wengen) kletterte ein ganzer Trupp von Feldmessern herum, und die Reihe weissroter Pfhle, die sie in gleichmssigen Abstnden in den Boden rammten, stieg immer hher bergan. Die Feldmesser standen unter zwei Hauptleuten, die ihrem ganzen Wesen nach so verschieden waren, als der Schpfer berhaupt jemals zwei Eidgenossen verschieden auf die Welt geschickt hat. Der eine war ein baumlanger Basler, der Bruder jenes Bahnprsidenten, auf dessen Zehen der Gemeindeschreiber Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Rede hatte zum Stillstand bringen wollen. Er hatte ein kleines, verkniffenes Gesicht, das eigentlich nur aus einer Rauchglasbrille, einer Nase und einem bermssigen Schnauzbart zusammengesetzt schien. Ihn rgerte alles, und er rgerte alle und war auf dieser niedertrchtigen Welt dran wie der Ohrenkauz im Krhenschwarm. Als ein schwarzes, langes Ausrufzeichen stand er hinter den unfreundlichen, groben Redensarten, mit denen er jeden regalierte, der ihm nicht ganz besonders genehm war, und er klagte immerfort und allenthalben ber die Unart und Niedertracht der Leute, mit denen er zu tun hatte. Sein Genosse war ein Zrcher. Der hatte an Umfang zu viel, was ihm an Lnge abging, und er rollte auf kurzen Beinchen, vergngt durch die Welt als eine braune Kugel. Denn auf einige Entfernung gesehen hoben sich seine grnlichen Lodenhosen kaum von dem Braungrn der Frhlingsmatten ab; desto schrfer zeichneten sich die Umrisse der runden Masse, die auf diesen kurzen, grnlichen Beinchen einherwandelte und in einem dunkelbraunen Rocke stak. Freilich musste man bei dieser einen Kugel eine zweite, rtlichglnzende mit in den Kauf nehen, die obenauf sass und mit einem Jgerhtchen geschmckt war. Dieses zweibeinige Stck menschlichen Wohlergehens freute sich des Morgens in aller Frhe darauf, tagsber tchtig herumzuklettern, zu schwitzen und derohalb magerer zu werden. Diese beiden Ungleichen hatte die Bahngesellschaft als Pioniere da hinaufgesandt, und des Plnkelns zwischen ihnen war kein Ende. Sie sollten aber ihren Witz nicht mehr lange nur unter sich erproben; es war auch beiden gut, dass eine wahre und tiefe Freundschaft sie verband, so sehr sie einander ein solches Gefhl verheimlichten und verleugneten. Die Bahn war abgesteckt, und es galt nun, sich mit den Bodeneigentmern im Guten oder mit Gewalt auseinanderzusetzen. Der Basler wollte im Tal anfangen, der Zrcher oben; denn, sagte er, so gehe es am billigsten ab. Unten wsste ein jedes Kind, was sich aus einer Gesellschaft herausquetschen liesse, und jeder richtete sich nach dem Preis, den sein Nebenmann ermarkte. Oben aber haben sie es noch mit unverdorbenen und unerfahrenen Hirten zu tun. Sie machen da eine Wallfahrt mit Erbsen in den Schuhen und rechnen: zwei mal zwei ist drei. Mir graut vor Ihren Hirten und allem, was uns noch bevorsteht, rief Livius und machte mit beiden Armen eine abwehrende Bewegung gegen Stgen(Wengen) hinauf. Ah bah, Sie sehen eben alles immer durch Ihre schwarze Brille! Sind sie Menschenfresser dort oben, so gehts mir an den Kragen; Sie lassen sie sicher laufen; denn eher wrde der Suppenhafen weich als Ihr Leibesgestell.

Das sind faule Witze, knurrte Hans Langbein. Aber wenn Sies doch zwingen wollen, nun so gehen wir. Aber Sie knnen dann sehen, dass es gut abluft, und er setzte dem Zrcher den drren Zeigefinger wie ein Stilett auf das runde Buchlein. Der Abhang des Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen)s bis zu den obersten Husern von Stgen(Wengen) gehrte dem Buert ins Gemeine, und mit ihr waren vom Prsidenten schon Unterhandlungen angeknpft, so dass Heusser und Livius da nichts zu tun hatten. Dann kam Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), der Gemeinderat. Sie trafen ihn vor seinem Hause, ein Heugarn flechtend. Unmerklich verkrzte Livius seine Schritte, whrend Heusser im gleichen Tempo weiterkugelte und so mit ein paar Schritten Vorsprung vor dem Flechter zum Stillstand kam. Fleissig, fleissig, Herr Gemeindrat? fragte er und schwenkte grssend sein Htlein. Der Wrdentrger aber sah kaum von seiner Arbeit auf und liess die Auseinandersetzungen Heussers schweigend ber sich ergehen. Livius stand hinter diesem auf dem etwas abschssigen, schmalen Vorplatz wie ein schwarzer Pfahl, der die braune Kugel am Rollen verhindern sollte, und sah sich den Herrn Gemeindrat kritisch an. Der hatte ein scharfgeschnittenes, pfiffiges Raubvogelgesicht, soweit es dessen obere Hlfte betraf; die untere Hlfte und noch ein guter Teil der Brust war von einem wahren Wald schlaff herabhngender Haare verdeckt, die strichweise vom Braunen ins Furchige spielten, und so genau Livius diesen Wald auch musterte, so wusste er doch nicht zu sagen, wo da eigentlich der Schnurrbart aufhrte und der Kinn- und Backenbart anfing. Einen Zoll unterhalb der Nase war freilich eine Vertiefung, und in die steckte Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) eben eine Tabakpfeife, deren Holzkopf einen ehrwrdigen schwrzlichen Anstrich hatte. Heusser schwatzte auf ihn ein, dass es nur so prasselte. Das Risiko der Gesellschaft, den Aufschwung, den Stgen(Wengen) nehmen werde dank der Bahnbaute, die vielen Arbeitslhne, die es schon beim Bau und dann beim Betrieb zu verdienen gebe, alle diese mildernden Umstnde wand er zu einem bunten, lockenden Strauss und schlang als Band und Folgerung zum Schluss das Verlangen darum, dass unter sotanen Verhltnissen die Bodeneigentmer wohl nicht unbillig sein und mit sich reden lassen werden. Er erwartete nun eine Antwort auf seine lange Rede. Aber Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) flocht erst noch eine Weile an seinem Grasbogen weiter und fragte dann: Wie viel hat die Gletschbach(Lauterbrunnen)bahn bezahlt? Ja, dass ist meines Erachtens kein Massstab. Dort wars schnes, fettes Mattland und hier, soweit es Ihr Teilstck betrifft, ists sozusagen Steinwste. Oho, ihr msst wissen, dass mir die grad so viel wert ist hier oben, wie denen dort unten ihr sogenanntes Mattland! Ich werde nachfragen und mirs berlegen; so in einer Woche knnt ihr ja wieder kommen -- -- -- Uns wrs aber lieber, vorwrts zu machen; denn die Zeit drngt -- -- -- Da httet ihr eben frher drangehen sollen. berhaupt ist mir die Bahn ein grosser Schaden; sie schneidet mir die Weide da oben mitten voneinander, und dafr will ich dann auch Vergtung. Aber ber das alles muss ich mich zuerst besinnen und nachfragen, wie in solchen Sachen Kauf und Lauf geht. Er packte bei diesen Worten seine Arbeit zusammen und ging ohne ein Wort des Abschiedes ins Haus. Da wich der schwarze Pfeil zur Seite, und die braune Kugel rollte pustend in den Weg hinaus. Dort trafen sie wieder zusammen, und Wilhelm Livius stellte sich dster vor Fridolin Heusser hin.

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Gott segne Ihren Einfall und dies unerfahrene, freundliche Hirtenvolk hier oben! Wenns nach mir ginge, den Kerl da liesse ich zu Schnupftabak fr die Wildpferde zerreiben. Whrend dieser Rede las Heusser den nchsten Eigentmer von seiner Karte ab: Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) am Rain. Wo dieses Viertel wohl liegt? Nach vielem Fragen fanden sie den Rain und am Rain den Benz. Der sass auch vor dem Haus, flickte gleichfalls einen Grasbogen und rauchte dazu. Wieder stellte sich Heusser vor ihn und Livius hinter diesen. Da machte ihnen Benz auf der Bank platz und sagte, wenn auch nicht gerade freundlich: Stellt ein wenig ab. Das also sind die Wegknechte des Teufels! dachte er und musterte die beiden so von der Seite. Wir haben da nicht gerade ein angenehmes Amt. hub Heusser an und flocht, eingedenk der mit Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) gemachten Erfahrung, in den Strauss notwendiger Erklrungen manch ein liebliches Rslein und Veilchen, Komplimente ber den Fleiss und die unverdorbene Art der lpler von Stgen(Wengen). Da viel ihm Benz mit pfiffigem Lcheln in die Rede und spttelte: Was meint Ihr damit? Kennt Ihr sie so gut? Heusser liess erstaunt sein gelenkiges Mundwerk einen Augenblick hngen, und Livius kniff das seinige noch mehr zusammen, so dass Schnauzbart und schwarze Brille einen dunklen Kranz um die Nussnase schlangen. Nur das pfiffige Gesicht Benzens hellte sich immer mehr auf. Aber auf einmal legte er es in ernste, drohende Falten: Muss einer berhaupt den Teufelskarren ber sein Land fahren lassen? Knnt ihr ihn zwingen? frug er trotzig. Die Abgesandten wussten nicht, wo das hinaus wollte und Heusser war mit seiner berlegung dran wie der Hund, der rund um die sich nach ihm drehende Katze rennt und doch immer die drohende, fauchende Katergrimasse sieht. Wenns im guten gar nicht geht, ja! sagte er schliesslich. He nu, so probierts! gab Benz zurck, und der Bescheid soll auch fr die Witfrau Eicher im Waldegg(Wengwald) gelten, der ich seit einem Jahr Vormund fr ihr Jngstes bin. Ihr habt ja eure verdammten Stcklein auch auf ihrem Boden gesteckt, der grad neben meinem liegt. Und auch Benz ging mit seiner fertigen Arbeit ins Haus, doch nicht ohne freundlichen Abschied von den beiden genommen zu haben. Mir soll noch einer zumuten, einen krummen Finger in einer Bergbahnangelegenheit zu machen! Der Mann wrde ein Invalide und wre es mein leiblicher Bruder! polterte Livius und stapfte neben Heusser her dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zu. Denn nun kam Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) an die Reihe. Da es mittlerweile Essenszeit geworden war, so bestellten sie ein whrschaftes Mittagsmahl, einmal weil sie hungrig waren, und zum andern in der Voraussetzung, die ansehnliche Zeche knne Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Sinn um ein weniges erweichen. Als sie gespeist hatten und abgerumt war, luden sie ihn zu einem Glas Wein, und neugestrkt wand Heusser zum dritten mal vor Aargeggers Augen seinen Strauss mit viel Rslein, Veilchen und duftendem Goldlack; denn er strich hier den fr den Hotelier winkenden reichen Gewinn ganz besonders heraus, und das ganze Sprchlein war ihm schon so gelufig, dass er ungefhrdet hbsche Variationen hineinflechten konnte. Aber Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) machte allmhlig dazu ein Gesicht, als werde ihm da ein bses Gerichtsurteil abgelesen, seufzte, rieb 58

die Hnde und faltete sie dann ber dem Magen, wo er erst den rechten Daumen um den linken und dann den linken wieder um den rechten kreisen liess mit einer Schnelligkeit, die grosse bung verriet. Dieses Seufzen und das trbe Gesicht wirkten auf Heussers Blumenstrauss wie ein grimmiger Reif, und seine Rede, die noch ein Weilchen mhsam weiter geflossen war, nahm ein vorzeitiges Ende. Ja, meine Herren, hub Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) gesetzt an, das ist so eine Sach?,- - mchm - das mit der Bahn. Wir wissen noch nicht, ob sie uns nicht lauter Enttuschung bringt Das liegt noch in weiter Ferne, in Gottes Hand, mchte ich sagen, -mchm-. Was ich sicher weiss, ist einstweilen nur, dass sie mir mchm- das schne Bhlmtteli, mein bestes Stck Land, zerschneiden, total verruiniert, -mchm--- Da fiel ihm Livius ins Wort: Herr Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), Sie sind als ein verstndiger Mann bekannt Mchm Und wir wissen ja wohl, dass Sie Schaden erleiden. Gerade dafr sind wir gekommen, um uns mit Ihnen nach Recht und Billigkeit abzufinden. Wir rechnen daher auch mit Bestimmtheit darauf seine Stimme schwoll mchtig an und die Brille vereinigte sich mit dem Schnauzbart zum Kranz um die Nase dass Sie mit sich ein vernnftiges Wort reden lassen und anders sind als diese verdammten Rabenser, mit denen wir vergeblich parlamentiert haben. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) tat erschrocken ber diese lcherlichen Worte und hielt es an der Zeit, sein in Basel und Zrich sichtlich wachsendes Ansehen als ein frommer Mann mit beiden Hnden festzuhalten: Herr Livius, ich begreife ja, -mchm- dass gerade dieses Vermittleramt ein ausserordentlich schweres ist. Aber Sie drfen deswegen nicht ungerecht denken und Bses ber Ihren Nchsten reden; denn das mchm- ist unchristlich. Heusser schneuzte sich, dass es drhnte, und Livius tat einen tiefen, raschen Atemzug, als sei er unvermutet mit kaltem Wasser bergossen worden, und sagte: Wir habens da mit dem Bauplan zu tun und nicht mit der Bibel. berhaupt mchte ich sehen, wie darin die Verslein ber die Nchstenliebe stnden, wenn die Herren Evangelisten zuerst mit den Anstssern einer Bahn aufs Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) htten abmachen mssen Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) stund bei dieser Rede auf und sagte betrbt: Solche Worte tun mir in der Seele weh. Und was die Bahngeschichte betrifft mchm- ich lasse mich exproperieren. Damit ging er hinaus und liess die beiden allein. Htten sie aber mit ihren Blicken Wnde zu durchbringen vermocht, so wrden sie ein pfiffig lchelndes Gesicht grad an der Tre des Nebenzimmers wahrgenommen haben, und ein fest an die Wand gedrcktes Ohr, das jeden Ton aufzufangen suchte, der aus der Wirtstube kam. Und es gab da auch wirklich etwas zu erlauschen: Dieser misserable Jesuit! Wenn der mal abkratzt, suft Teufels Grossmutter eine Mass Pech extra! polterte Livius. Derweil hpfte Heussers Buchlein auf und nieder, und er wurde braunrot im Gesicht vor Lachen. Dann raunte er: Das ist der Allerfeinste von allen! Mit Finger- und Augenverdrehen, mit -mchm- und frommem Senf steckt er den lieben Nchsten in den Sack. Aber der Herr sei mit ihm, wenn ich wieder in Zrich lande; dem werde ich seine Frmmigkeit ausposaunen Und ich in Basel, schwor erleichtert Livius. Und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])? Der hatte etwas Ntzliches zu erlauschen gehofft ber die Bahngeschichte, und nun schlich er von seiner Tr davon, ganz leise und geschwind; denn er hrte Schritte im Hausgang. 59

Hier lief ihm der Verdingbub vor die Fsse, und dem fuhr er in den Schopf, ohne ein Wort zu sagen, und beutelte ihn, dass ein mchtiges Geheul erscholl und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Frau erschreckt gelaufen kam. Was hat er gemacht? fragte sie. Keine Antwort von Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]); aber der Bub schrie noch lauter und heulte: Nichts, rein nichts! Grade deswegen! Er ist ein Herumschleicher, ein Horcher und Tagdieb! beschied Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). Das Geheul des Verdingbuben war die Abschiedsfanfare, die den Bahnagenten vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) entboten wurde, und Sie trotteten weiter, ihr trbes Geschick zu vollenden. Die Reihe kam nun an Balmer. Der war in seinem Neubau, und seine Befehle schallten aus den offenen Fenstern bis weit in die Matte hinaus, ber welche das ungleiche Paar eben daherkam. Als er der beiden ansichtig wurde, verdoppelte sich seine Geschftigkeit; sein Rufen wurde noch lauter, und er liess lange auf sich warten. Endlich kam er, eine Zigarre im Mund, und rief zum Willkomm. Was das zu tun gibt, so ein Haus nach allen Regeln einzurichten! Und tut man das heutzutage nicht, so geht das Renommee verloren. Womit kann ich den Herren dienen? Er steuerte sie vor sich her dem alten Hause zu und ging dann voran in die grosse, raucherfllte Kche. Heusser, als der Letzte, machte hflich die Tr hinter sich zu, und nun war es stockfinster in dem Raum; bloss aus dem Kochherde schlug mitunter eine trbrote Flamme. Balmer, der an der Spitze der Karawane stand, rief in die Finsternis: Mariann! Mariann!! Wo steckt das Maitli?! Lsst das Feuer leer brennen, statt die Erdpfel obzutun. Livius hielt sich in der Finsternis an seinen Vordermann und nieste; denn der Rauch beizte seine Nase. Heusser stffelte als eine abgeschnittene Nachhut dem Geschrei des Fhrers nach. Auf einmal stiess sein rechtes Bein gegen ein Hindernis; ein kurzes Struben und ein notgedrungener Sprung waren fast eins, ein Poltern und Pltschern das Nchste, und dann scholl es scharf und grimmig durch die Finsternis: Schnauzdonnerwetter!! Im gleichen Augenblick fand Balmer die Stubentr, riss sie auf, und nun wurde Licht. Ein Chaos, fast wie am ersten Schpfungstag, war das Erste, was sichtbar ward. Aus dem mchtigen Kochhafen, den Heusser umgerannt hatte, ergossen sich Wasser und zum Sieden bestimmte Kartoffeln ber den Lehmboden hin, und mitten drin sass Heusser und zog eben die kurzen Beine an, um sich aufzurichten. Und Livius, der gerade den Schritt ber die Trschwelle nahm, sah sich um und rannte dafr mit der Stirn gegen den niedrigen Unterzug, dass es krachte. Und nun sagte auch er: Schnauzdonnerwetter! Heusser stand da und schttelte sich ingrimmig, Balmer fluchte ber Mariann und rannte mit einem Handtuch herbei, und rieb an der Stirn herum, auf der er eine erhebliche Beule zu spren begann. Balmer putzte und wischte Heussers Kleider ab, soweit die Spuren des Sitzbades reichten, und entschuldigte sich in einem fort, versprach beinahe, das nachlssige Mdchen zu rdern, und riet Livius zwischenhinein, einen Fnfliber oder das Sackmesser auf die Beule zu drcken, damit sie schneller vergehe. Ein Augenblick hatten die beiden, jeder still fr sich, die Absicht, umzukehren und das ganze Geschft den guten Gttern anheimzustellen. Aber da keiner dem andern diese Absicht kundgab, so liefen sie vorsichtig und auf alles gefasst hinter Balmer her. Heusser betastete den Ofentritt und schwang sich hinauf, da er warm war. Dem bsen Anfang folgte ein unverhofft guter Fortgang; dem Balmer sass da wie ein Gefss, extra gemacht und hingestellt fr den Blumenstrauss, den Heusser nun zum 60

vierten Male wand. Er sang drhnenden Bass zu Heussers Zukunftmusik und machte nach kurzem, schwachen Markten fr eine immerhin recht erhebliche Summe mit den beiden Agenten ab. Und drber waren, als sie sich trennten, drei Menschen glcklich: Balmer schwamm in rosenroten Fluten mit seinem Schiff, denn nun war er ganz sicher gerettet, und die beiden Ungleichen trotteten vergngt talwrts und weder Heusser machte sich viel aus seinen immer noch feuchten Hosen, noch schimpfte Livius ber die Beule, die nun als viertes Wahrzeichen ansehnlich in seinem Angesicht stund.

Beim alten Ahorn.

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XII.
Nach Verlauf zweier Wochen hatten Heusser und Livius bis zu einem gewisssen Punkt ihr Wesen vertauscht. Livius war jetzt der zumeist Vergngte, whren Heusser sich allmhlig bei den endlosen Verhandlungen Galle wachsen liess, zusehends Appetit und Frhlichkeit einbsste und darob sichtlich abmagerte. Das war nicht mehr ein frhliches Wortgeplnkel, was die beiden mit den dreiundfnfzig Grundbesitzern der Reihe nach fhren mussten, sondern ein Kampf gegen erheuchelte Dummheit, gegen offene Schlauheit und gegen die unzhligen Tchter, welche aus der gesegneten und innigen Ehe der Bodenbesitzer mit diesen beiden Grundeigenschaften entsprossten. Dem war Heusseres offenes, frhliches Wesen auf die Dauer nicht gewachsen, und was alles Klettern und Schwitzen nicht vermocht hatte, das brachten diese Verhandlungen zustande: die Weste, die ehedem so straff gesessen, schlotterte in langen Falten herunter, und aus den Grbchen in den Wangen und Hnden waren fast Knochenhcker geworden. Wilhelm Livius dagegen hatte allmhlig Gefallen an diesen tausenfltigen Schachzgen gegen die bodenstndige Geriebenheit gefunden, boten sie ihm doch eine vorzgliche Gelegenheit, seinen schier unerschpflichen, jahrelang geufneten Schatz an Gift und Galle nun in kleineren und grsseren Vertrgen an den Mann zu bringen. Er trank jetzt abends eine ziemliche Menge von dem anfangs so verpnten Bier im Bren und sprach dabei seinem einsilbigen Freunde Trost zu in der Weise, dass er ber die Eingeborenen, wie er sie nannte, weidlich loszog. Sie standen jetzt zusammen auf du und du, und das gab ihrem gegenseitigen Verkehr einen fast brderlichen Anstrich. Und doch war es herzlich wenig, was sie mit ihren Unterhandlungen erreicht hatten; Gericht und Experten amteten jetzt; es surrte und schnurrte von Exproperien und Exproperation, wie der gewaltsame Kauf landlufig hiess, in der Luft herum, und die wenigen, welche gtlich abgemacht hatten, kratzten sich in den Haaren; denn die Kommission mass mit einem gar grossen Scheffel. Unter diesen Reuigen war auch Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), der zehn Tage nach dem ersten Besuch abgemacht und ins Fustchen gelacht hatte dass er so guten Erfolg gehabt; denn er lste nach seiner Meinung ein unerhrtes Geld fr die Steinhalde. Aber die Expropriation ergab noch ganz andere Anstze, und nun melkte Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) nachdenklich seine Ohren, oder schoss unwirsch herum und puffte den Hund mit den Holzschuhen, wenn er ihm in die Quere lief, als habe der den dummen Vertrag gemacht. Einen schwachen Trost bot ihm die Hoffnung, den beiden Ungleichen gelegentlich und hintenherum ein Bein stellen zu knnen, wenn er auch nichts davon hatte, als die Schadenfreude. Als Livius mit dem Zahlmeister und dem Notar kam und dieser den Vertrag ablas, an dem es nichts mehr zu rtteln gab, sagte Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), das Huflein Banknoten herbei ziehend: So, dass wre das Trinkgeld fr das Land. Und nun fr Unmusse, Schaden und reger -- -- --? Livius kniff das Gesicht zusammen: Wenn der rger und die Galle bezahlt wrden, ginge unsere eigene Rechnung in die Hunderttausende -- -- -- Als die grnen und blauen Papierlein so ganz leise und weich zwischen seinen Fingern knisterten, kam es doch wie ein Wohlgefhl ber Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner). Und dann stand es ihm ja auch immer noch frei, Fussangeln auf den Lebensweg der beiden Ungleichen zu streuen; denn nun kam deren rgstes Amt. Die Leitung des Baues.

Wer ein wahres Sndengeld eingenommen hatte fr das Gummenweidli, das war Benz; die Bahn durchnitt diese Halde ihrer ganzen erheblichen Lnge nach, und da gerade in diesem Frhjahr das Gras besonders schn darauf stand, so sprachen ihm die Experten ein wahres Vermgen dafr zu, so dass sich Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), der kaum einen Drittel erlst hatte, fast die Ohren abriss und vor rger einen trockenen Husten und Magenweh bekam. Auch Marei hatte ein Erkleckliches aus der Schlacht getragen dank Benzens kluger Politik. Kurzum, es war Gold aus dem Boden gewachsen den weissroten Pfhlen entlang, und auf wes Grund und Boden sie standen, der konnte mit dem Anfang der Bahngeschichte zufrieden sein. Wer aber nebenab kam, der schimpfe laut oder rgerte sich im stillen, und wenn die Gesellschaft allen htte gerecht werden wollen, so htte sie ihre Pfhle ber die ganze Berglehne hinsen mssen. Der Bau begann. Italiener kamen scharenweise mit Kfferlein und unfrmlichen Bndeln auf der Achsel angereist; Rollwagen, Schienen und grosse Frachten Werkzeug stapelten sich zu Gletschbach(Lauterbrunnen) auf, und das Baubureau begann seine Ttigkeit im grossen. Da streckte Livius seine mden Beine unter einem Tisch hervor, und Heusser liess die seinigen von einem Schraubstuhl herunterbaumeln; Gehlfen rannten mit Plnen und Aufstellungn herum, und die Aufseher holten ihre Weisungen; kurzum, es ging zu wie im Generalstabsquartier vor der Schlacht. Livius hielt eines Morgens ein langes Verzeichnis in der Hand: Drei Seiten voll Italiener und grad vier Dutzend Mann Eingeborene! Diese stellen wir unter Hilfiker; denn sie mssen doch erst gedrillt werden. Meinetwegen unter Pontius Pilatus; nur mir soll nie so ein Unglckswurm in die Quere laufen, schalt Heusser und fuhr mit dem Zirkel drohend in der Luft herum. Eben trat Hilfiker ein, ein Mann im besten Alter, der grimmig dreinschaute und so recht aussah wie jemand, welcher der rgsten Meute Herr wrde. Hilfiker, Sie drillen also die Eingeborenen, nachher steckt man sie unter die Italiener, damit sie weniger beisammen stehen, instruierte Livius. Aber Hilfikers Gesicht spiegelte eher alles andere wieder, als Zufriedenheit ber diesen Befehl. Mit etwas Nachsicht und Zureden lassen sich diese Menschen schon heranziehen, und wir mssen uns mit den Einheimischen gut stellen; es geht alles leichter. Sie sind zwar in solcher Arbeit noch wenig bewandert; aber es ist urchiges, krftiges Hirtenvolk, machte ihm Livius zum Trost vor. Der Himmel sei mit diesen Hirten! Ich kenne die Sorte vom Kanalbau drben im Rappental! Ja nun, ich will in Gte und Wohlmeinen mit ihnen fortzukommen suchen und sie anstndig behandeln, wie das ohnehin mein Modus ist. Aber wenn einer nicht pariert, und das sag ich zum voraus, so jag ich ihn mit Pauken und Trompeten zum Teufel! Und der Grimmige ging nun ab mitsamt seinem Rstzeug an Gte und Wohlmeinen, Pauken und Trompeten. In den ersten Tagen war nichts weiter von ihm zuhren. Die Italiener nisteten sich, beinahe wie die urzeitlichen Menschen, im Gelnde herum sippenweise ein, Da quoll Rauch aus einer weiten Felsenhhle; dort bildeten ein paar Bretter und Sparren ein Dach zwischen zwei Steinblcken, und der Unterschlupf in einem alten Speicher galt ihnen schon als besondere Behaglichkeit. Die Einheimischen hielten sich streng von ihnen gesondert, sahen sie zweidrittel feindselig und eindrittel neugierig von der Seite an und redeten verchtlich von Tschinggenpack. Acht Tage hatte Hilfiker, nach seiner Ansicht mit Gte und Wohlmeinen, das Regiment ber sie gefhrt, als am Samstagabend der lange Fuchshnsel und die beiden Lauenerbuben zu Livio kamen, weil sie ihn am besten kannten. 63

Herr Inschinhr, fing Fuchs an, wir sind nicht dem Aufseher seine Gschlawen, (Sklaven) sondern wir sind freie Leute und lassen uns nicht anschnauzen, wenn wir tabaken wollen. Alle klagen ber ihn, wie er sie strapaziert, und wenn der nicht fort kommt, so gehen wir. Livius liess den Angeschuldigten rufen. Hm, murrte der, als er wusste, was los war, hm, denen kann man ja den Modus schon erklren, und kam herein. Was habt ihr?! fuhr er sie an. Und nun redeten alle drei auf einmal, dass es bunt durcheinander ging von Strapazen, Tabak, Freiheit und Fortgehen. Ich will nicht grob werden, knurrte Hilfiker drohend; aber mit euch verfluchter Bande soll der Satan eine Bahn bauen. Was, eine Bande seien wir? So ein zuechegschlinggeter (Herzugewehter) Ftzel will Bande austeilen? Wenn wir dich einmal erwischen . . . Fuchshnsel hielt ihm die Faust unter die Nase; doch im nchsten Augenblick knallt eine Ohrfeige auf seiner Backe. Das ganze Baubureau kam darob in Bewegung, und als die Deputation endlich draussen war, ging vor dem Haus ein Spetakel von Gebrll, Schimpfreden und Drohungen los, dass es nicht mehr schn war. Aber Hilfiker traute auf sein gutes Recht und auf seine whrschaften Fuste und bezahlte den Fnfliber, auf den der Richter die Backpfeife schtzte. Sie wars unter Brdern wert, trstete er sich. Jeden Samstag wiederholten sich solche Auftritte, wenns auch nicht mehr zum Zuschlagen kam, und nach wenigen Wochen standen von den vier Dutzend Mann noch fnfzehn bei der Fahne. Die meisten andern schimpften und drohten umher und verhiessen dem Aufseher hundertfach Stock und Galgen. Der Fremdenstrom fing bereits an zu fliessen, und die Trger, welche mit einem Gang von Gletschbach(Lauterbrunnen) herauf beinahe verdienten, was die Arbeiter in einem langen, sauren Tagwerk, sandten trotzige, aufwiegelnde Jauchzer zu den Treugebliebenen herber oder rollten Steine die Halden hinunter gegen die Italiener. Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit, blaguierte Fuchshnsel einmal im Wirtshaus zu Gletschbach(Lauterbrunnen), als er Hilfiker in der Hinterstube gewahrte, das mssen wir haben und keine Gessler und hergeschmissenen Lumpenhunde! Fuchshnsel stberte viel in den Zeitungen, wenn er in den Wirtschaften herumlag und auf einen leichten Erwerb lauerte. Die grossen Worte merkte er sich dann und brachte sie an, ob sie passten oder nicht. Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit, und seine Gessler und Vgte! Und dabei schlug er auf den Tisch; aber es half nichts; Hilfiker trauerte immer noch dem Fnfliber nach und regte sich nicht. Vor sich hin knurrte er: Taugenichts, sag lieber: Frechheit, Faulheit und Liederlichkeit, dass haben wir. Unter denen, die ausharrten, war Ulrich Eicher. Die Khe waren zu Berg, und den Geissen wollt Benz schon fertig werden, wie er sagte. Neben Ulrich arbeiteten Hans Reiben und Christian Schleumer. Sie waren zu Mineuren vorgerckt, und im Kehrum hielt einer den Bohrer und die zwei anderen schlugen mit schweren Hmmern zu, bis das Sprengloch tief genug in den harten Felsen getrieben war. Schleumer erzhlte ab und zu davon, dass sie nun auch eine Pension bauen wollten auf Stgen(Wengen); Reiben aber sagte nichts, obschon sein Vater das gleiche Projekt hatte; doch fasste er almhlig eine neidische Abneigung gegen den Arbeitskollegen; der wurde fr sptere Zeiten sein Konkurrent. Oh, mit dem Maul ist bald gebaut! stichelte er einmal als Schleumer gar so viel rhmte; da kommts dem Geldsckel doch frher in die Beine. 64

Du brauchst uns einstweilen nichts daran zu steuern trotzte Schleumer und stemmte sich auf den Hammer. Oh, ich weiss schon, dass deine Mutter einen guten Mann an der Hand hat. Ich sah ihn auch schon gegen Morgen aus eurem Haus schleichen gegen das Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) hinber, als dein Alter auf den Erlenbachmarkt gegangen war -- -- -- Schleumer wurde rot, und seine Augen funkelten; Ulrich sass da, hielt den Bohrer in beiden Hnden und mahnte: Geh, zum Donner, schlagt doch! Ich will nicht da hocken fr nichts, und ihr knnt euer Gestrm nachher abmachen! Aber Schleumer forschte: Wie meinst das, he? Wer war bei uns, he --! Wer, als der Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er! Die Leute sagens ja genung, der baue euch das Haus, und zwar der Schrze deiner Mutter zuliebe -- -- Ulrich starrte rgerlich auf den Bohrer zwischen seinen Knieen und sah nur die Fsse der beiden Gegner. Mit einem Ruck hpfte der linke Schuh Schleumers eine Spanne vorwrts und stemmte sich in das knirschende Gerll; dann flatschte ein dumpfer Schlag, und Reiben fiel vorber, zu Ulrichs Fssen, mit blutigem Kopf und zuckenden Gliedern. Keiner berlegung fhig sprang Ulrich auf und starrte, gleichwie der Totschlger, auf den Krper nieder, der sich noch einmal ausstreckte. Was hast du gemacht! wrgte Ulrich hervor. Das Wort lste den Bann des ersten Augenblicks, und Schleumer rannte strauchelnd dem Walde zu; er sank dabei oft fast in die Knie. ZHlf, zHlf! schrie Ulrich laut auf und lief dem nchstbesten Menschen entgegen. Sie kamen eilig daher, soweit seine Stimme sie erreichte, und da die Mordtat wenig unterhalb der letzten Huser von Stgen(Wengen) geschehen war, schickte Hilfiker den Zeugen zu den beiden Gemeinderten, um ihn so der Neugier der entsetzten Menschen zu entziehen, die da herumstanden, mutmassten und verwnschten. Wer hats denn getan? rief einer hinten im Knuel. Mit dem Hammer hat er ihm den Schdel zerschlagen, behauptete der Vorderste, der sich niedergebckt hatte und in die Haare des Toten starrte. Der Schleumer ist dort hinber gerannt; der war mit dem Reiben und dem Eicher zusammen. Drei, vier machten sich pltzlich zur Verfolgung des Mittters auf, und es htten wohl alle an der Menschenjagd teil genommen, wenn Hilfiker nicht gewesen wre. Ihr da, marsch an die Arbeit! Das wre euch natrlich ein Treffen, alle miteinander hinten dem Schleumer her zu laufen, wenn er euch schon nichts getan hat. Und wirklich sahen sie mrrisch aus und brummten, als wre ihre innerste Natur erwacht und mssten sie ihr widerwillig Gewalt antun. Und doch war es wohl bei den meisten der dumpfe Wunsch nach Shnung dessen, was sich da zugetragen. Derweil trat Ulrich Eicher vor Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hin und stiess heraus, Schleumer habe eben den Reiben totgeschlagen; er msse kommen. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sah ihn gross an. Was sagst?! Ulrich wiederholte es und setzte hinzu: Mit dem Hammer, im Streit. Wie kam das . . . -? fragte der Gemeinderat immer noch entsetzt; erzhle mir alles genau. Bedenke aber jedes Wort und verschweig mir nichts. Denn ich gehre zur Behrde, und was du mir sagst, musst du vor dem Richter wiederholen, Wort fr Wort, keines mehr und keines weniger. Bedenk auch, was fr den armen Snder davon abhngt. 65

Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sass finster abwartend da, und die Aufregung spiegelte sich in seinen Zgen. Ulrich stand vor ihm und erzhlte, was er wusste. Wie aber der Streit auf den strengen und gefrchteten Mann da vor ihm kam, stockte er, sah sich verlegen um und brach seinen Bericht ab. Das ist aber lang nicht alles, Uli -- mahnte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). Und dann sagte Schleumer -- -- -- nein, Reiben etwas, was ich nicht mehr recht weiss, suchte er sich auszureden. Du musst es wissen! beharrte der Gemeinderat eindringlich. He nun, er sagte, der Reiben, Ihr bauet Schleumer das Haus wegen der Frau -- Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sprang auf, setzte sich aber sogleich wieder, als sei solche Erregung seiner unwrdig, und sagte ernst: So, das behauptet er! Dabei lachte er hhnisch und unheimlich auf. Eine ganze Weile sass er darauf in finsterem Nachsinnen da; dann fuhr er fort: Uli, du musst mir eines in die Hand versprechen: Zu keinem Menschen darfst du ein Wort ber diese Dinge reden! Erstens weit du, wie die Leute sind; zweitens aber und vor allem drfen wir dem Richter nicht vorgreifen; wir drfen die Untersuchung nicht stren; denn das vergossene Blut schreit zum Himmel nach Shne. Ein einziges Wort knnte der Gerechtigkeit in den Arm fallen mchm- du wirst selbst zugeben, dass auf die Schuld die Strafe folgen muss. Du kannst dann reden, wenn du als Zeuge und vor dem Richter dem Mrder gegenberstehst. mchm -- Entzieht er sich aber der irdischen Strafe durch die Flucht, so hat mein Name nichts bei der Sache zu tun . . . Er sagte dies eindringlich und blickte dem Boten scharf in die Augen. Hast du das alles schon jemandem erzhlt? frug er dann. Nein, Hilfiker hat mich sofort zu Euch geschickt und zu Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) -- -- Zu dem gehe ich dann selber, und du trinkst jetzt ein Glas Wein nach einem solchen Schreck. Es war, als stelle Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) bei diesen Worten die Amtswrde wieder in den Winkel; denn er ntigte Ulrich an den Tisch, bestellte einen Imbiss fr ihn und setzte sich ihm gegenber. Es ist schrecklich, wie der Teufel in der Welt umgeht, -- mchm -- und suchet, wen er verschlinge. Ein Totschlag in Stgen(Wengen), wer htte das je erhrt! -- -- -- Aber was ich sagen wollte: Es freut mich so, dass mein Vetter Benz wieder so wohlauf ist mchm -- gebe Gott, dass er die Zeit ntzt und die Vershnung nicht lnger zurckweist, die ich ihm schon so viele Jahre antrage. Er tut mir unrecht, und das schmerzt mich um seinetwillen. Wsste er mchm -- wie viele schlaflose Nchte mir dieser Trotz schon gebracht hat! Und deinem Bruder, dem Hans, gehts ja auch so gut. Wie mich das freut, fr ihn und fr euch alle! Sage doch dann deiner Mutter, ich lasse sie grssen. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hatte seinen Gast nicht darben lassen; der gute Imbiss und das unerwartete freundliche Wesen des Gestrengen hatten Ulrich erquickt nach dem Schreck. Vor allem aber war dieser froh, dass er noch keinem Unberufenen von dem Totschlag etwas erzhlt hatte, und er nahm sich fest vor, es auch nicht zu tun, damit die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme.

XIII.
Neben seiner Mutter auf der Stubenbank hatten sie den jungen Mrder abgefasst. Vater und Brder waren auswrts mit Fremden, und nun liess er sich ohne Gegen-

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wehr wegfhren. Die Trnen liefen ber sein junges Angesicht, und unter der Tr schaute ihm die laut jammernde Mutter nach. Christeli, Christeli, mein armer, armer Bub! sthnte sie noch lange in die anbrechende Dmmerung hinaus, als der traurige kleine Zug schon auf schmalen Fusssteigen im Walde verschwunden war. Nach langen Wochen kam dann der Gerichtstag. Unter den Geschworenen war auch Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), und als einziger Zeuge der Tat sass Ulrich Eicher da. Er konnte den Blick kaum von dem einstmaligen Kameraden abwenden, der da vorne sass, still und verhrmt, kaum wiederzuerkennen. Es war Ulrich unendlich schwer ums Herz, und die Feierlichkeit der Verhandlung in dem altertmlichen Saal machte ihn befangen. Als er gefragt wurde ber das, was er von dem Unglck gesehen, blickte ihn Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) unentwegt an, so dass sich seine Gedanken noch mehr verwirrten und er kaum einige unzusammenhngende Worte herausbrachte. Da schlug der greise Richter, welcher ihn befragte, einen freundlicheren Ton an, und Ulrich Eicher fand sich allmhlich zurecht. Er erzhlte gemessen, wie sie zusammen gearbeitet htten und wie Reiben Hndel angefangen habe. Ich habe ihn nicht deswegen totgeschlagen; sondern weil ich ihn hasste. Und berhaupt weiss der Eicher nichts und hat nichts zu sagen! rief auf einmal hastig der Mrder. Er war aufgestanden, und seine Augen funkelten in dem verhrmten Gesicht. Ulrich Eicher sah ihn gross an und wusste nicht, was das bedeuten sollte. Ein seltsamer Zufall hatte ihn bisher bei den Verhren nie recht zu Wort kommen lassen; immer war er ber Dinge gefragt worden, die er nicht wusste und jetzt gellten ihm diese ngstlichen, trotzigen Worte entgegen, und der Blick Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s lag starr auf ihm, so dass seine Sicherheit wieder einer unbestimmten Angst Platz machte. Ich habe Reiben umgebracht und komme dafr ins Zuchthaus, das weiss ich. Der dort hat nur den kurzen Wortwechsel gehrt, der mit der Sache wenig zu tun hat --- --- --- Wohl wurde Schleumer zurechtgewiesen; doch seine Worte erhhten nur den Eifer des Richters. Aber wirklich konnte Eicher sich keines andern Vorganges entsinnen und glaubte nun selbst, ein alter Hass sei da zum Austrag gekommen. Der Name Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ward nicht genannt, und am Abend schloss sich die Zuchthaustre fr lange Jahre hinter dem jungen Mrder. Einsilbig und bedrckt machte sich Ulrich auf den Heimweg, als habe er ein Unrecht getan, und ein tiefer Groll gegen Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), dessen stechender Blick seine Worte immer zurckgedrngt hatte, erwachte in ihm. Er blieb oft mitten auf der Strasse stehen, um besser nachdenken zu knnen, und als er den weiten Weg zurckgelegt, da war es ihm, als habe er eine lange, mhsame Reise durch Wirrsal und Dornen hinter sich, und noch fhlte er die Stacheln als Zweifel und Betrbnis in seinem Herzen. Das Urteil whlte noch einmal alles Geschwtz und die ungeheuerlichsten Mutmassungen ber den Vorgang in der ganzen Talschaft auf; aber derjenige, welcher htte reden knnen, der schwieg still davon. Das blutige Gespenst ward berdies nach wenigen Tagen verdrngt durch ein neues Unheil. Eine unzeitig losgegangene Dynamitladung begrub drei Italiener unter Schutt und Felstrmmern, und als man hastig weg rumte, lagen zwei entstellte Leichen da und daneben ein armer Mensch, der im besten Fall fr sein Leben lang ein Krppel war. 67

s ist noch gut gegangen, dass es diesmal Tschinggen getroffen hat, dachten viele und sagten einige; denn es grte allenthalben gegen die gengsamen, lustigen Bursche, die trotz ihrer drftigen Ausrstung bei den Mdchen so wohlgelitten waren. Da und dort wurde gemunkelt, bei Singen und Musizieren seis nicht geblieben, und die jungen Bursche hteten eiferschtig ihre Schtzchen und die andern Mdchen dazu. Aber die Liebe schien durch die Abendluft und durch die Nachtstille zu schweben, wie der helle Schein der Lagerfeuer der Berglehne entlang, oder das Singen und Handorgeln nach Feierabend. Der Kathrin Hauswirth in der h wurde gar von einer vorsorglichen und sittenstrengen Nachbarin dringend empfohlen, ihr Tchterlein einmal recht ins Verhr zu nehmen und es zu fragen, warum es herumschleiche wie der Schatten an der Wand. Sie tat das in den vier Wnden, und als der kleine Bub die Tr aufmachte, hrte einer sie ausrufen: Du ausgeschmts Maitli! Also von dem kleinen Italiener ists? Dann gabs drinnen Prgel und Geschrei; nach einer Weile aber rief die Kathrin Hauswirth: Aber wer soll denn einmal mit dem Tschingglein reden, es wird ja nicht deutlich verstehen? So wenigstens erzhlte der Eierhndler und schwor Stein und Bein, es sei wahr und er habe es selber wortwrtlich gehrt. Fern von ihrer Heimat wurden die zwei Toten ins Grab gelegt, und der Verwundete kam in den Spital. Hilfiker gab diesem und dann jenen das Geleit, und als an der Friedhoftr einer hinter ihm sagte: s sind nur Tschinggen! da wandte er sich scharf um und entgegnete: Aber keine Hallunken, wie ich deren weiss! Es war Sptsommer geworden und wenig Fremde waren mehr da; nur im Waldegg(Wengwald) erwarteten sie trotz der vorgerckten Jahreszeit noch einen Gast. Marei und Emma fegten das ganze Haus erst innen und dann aussen und gingen mit dem Wasser dabei so verschwenderisch um, dass das freundliche Gesicht des Huschens anzusehen war wie ein ehrwrdiges wettergebruntes Antlitz, aus dessen Augen die hellen Trnen ber die Backen herunterlaufen. Benz sah das Unerhrte mit an und lchelte ber den Putzeifer. Aber dann ging er an den Rain hinunter, steckte einen Besen auf eine lange Stange und fuhr damit seiner Behausung gleichfalls unter dem breitkrempigen Hut und im Gesicht herum, wobei er eine erkleckliche Beute an Spinngeweben machte. Eines Mittags traf ein deutscher Herr in Gletschbach(Lauterbrunnen) ein und schritt schnurrstracks in die Wirtsstube des neuen Hotels am Bahnhof. Er bestellte sein Essen mit den Manieren eines selbstbewussten Fremden und fragte dann den Wirt nach Trgern, die sein Gepck nach Stgen(Wengen) schaffen knnten. Der Wirt war sehr freundlich, nannte ihm die Gasthuser dort oben der Reihe nach, riet ihm aber, doch erst einige Tage in Gletschbach(Lauterbrunnen) zu verweilen und dessen weltberhmt gewordene Naturschnheit zu geniessen. Der Fremde erwiderte jedoch bedauernd, er werde in Stgen(Wengen) erwartet. Oh, lachte der Wirt, das braucht man nicht so genau zu nehmen! In Gletschbach(Lauterbrunnen) durchzureisen wre schade, und in Stgen(Wengen) werden Sie immer noch mit offenen Armen empfangen. Das wollen wir hoffen! rief der Fremde vergngt aus. Also darf ich Ihnen wohl ein Zimmer reservieren? Nein, danke; ich gehe heute noch hinauf; mir scheint, das Wetter will ndern. Oh bewahre! Diese Wlklein sind gerade unsere Schnwetterzeichen. Und berdies ist bei schlechtem Wetter Stgen(Wengen) ganz trostlos, der reine Schttstein --- -- Livius und Heusser sassen nebenan beim schwarzen Kaffee. Ich will mich braten lassen, wenn der nicht trotz Schwabendeutsch ein biederer Eidgenoss ist, raunte Livius, und Heusser nickte. 68

Der Fremde schritt hinter den Trgern langsam bergan und hielt mit strahlendem Gesicht Ausschau in dem schnen Stck Bergeswelt, das sich bei jedem Schritt zu weiten schien und in satten Frhherbstfarben dalag, wie aus dem Schmuckkstlein Gottes der Erde als Extraprsent verehrt. Die Trger nannten ihm die Namen der Schneegipfel, und es war dem Tonfall anzumerken, dass sie die Erluterung gedankenlos hersagten. Als sie schon beinahe oben waren, rannte ihnen ein Knirps entgegen. Er liess die Karawane auf zwanzig Schritt herankommen; dann fing er an, auf dem bereitgestellten Alphorn einige ungefge Tne zu blasen. Als der Fremde an seinen Standort herankam, liess das Brschlein Echo Echo sein und streckte eine kleine Hand hin, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen. Doch der Fremde ging vorber, ohne den Jungen auch nur anzusehen. Schminggel! hub dieser nach einer kleinen Weile hinter ihm an, und dann lauter: Ftzel, Schminggel, bh, bh -- ! Was schreit der Kleine? fragte der Herr die Trger, Sie sahen einander einen Augenblick lchelnd an; dann antwortete einer zgernd: He, ich glaube, er hat seinen Geissen gerufen. Sie gingen weiter und kicherten vor sich hin. Wir knnen jetzt hier numen gerade beren gehen; denn kommen wir zum Hotel Edelweiss. Oder hat der Herr schon bei einem andern bestellt? fragte nach einer Weile ein Trger in seinem besten Deutsch. Nein, ich mache zuerst einen Besuch bei einer gewissen Familie Eicher und lasse einstweilen alles dort. beschied der Fremde. Die drei Bursche sahen einander stutzig an; sie schienen dem Fremden nicht mehr recht zu trauen, und ihre Unterhaltung in dem solchen Zugvgeln unverstndlichen Dialekt wurde leiser. Sie gelangten ans Haus; Marei kam zgernd auf die Laube und wischte sich die feuchte Hand ab. Dann aber rannte sie, so schnell die alten Beine nachkommen mochten, die paar Tritte hinunter und schlang die Arme um den Hals des vornehmen Fremden. Ei grss dich Gott, Hans! und Was lebst, Metti? gings zweistimmig durcheinander, und dann kam ein Kuss und wieder einer. Die Trger standen dabei, als sei ihnen Ostern, Pfingsten und Weihnachten durcheinander gekommen, und zum erstenmal in seinem Leben liess der SandwegJoggi stillschweigend die Pfeife aus dem Maul fallen. So ein heimtckischer Feger! -- Was haben wir eigentlich zusammen geredet beim Heraufgehen? Der hat alles verstanden! strmte einer, als die drei das Waldegg(Wengwald) weit genug hinter sich hatten. Uuu, der wird fr sich gelacht haben, als du ihm sagtest, Schminggel und Ftzel seien Geissennamen, meinte der zweite. Allen dreien zusammen wars nicht recht wohl bei der ganzen Geschichte; sie wiederholten beim Hinuntergehen nach Gletschbach(Lauterbrunnen) kleinmtig und mit schlechtem Gewissen das, was sie beim Auffstieg bermtig hingeplaudert hatten, und hielten Nachschau, ob der vermeintliche Fremde da nicht vielleicht unbequeme Dinge erlauscht habe. Im Waldegg(Wengwald) aber war der hchste Festtag, den das Huschen jemals erlebte, und wenn die blanken Fenster in der Nachmittagssonne wie feuriges Gold glhten, so konnte in diesem warmen, satten Licht sehr wohl auch ein Wiederschein reiner Freude und warmen Herzensglckes sein, die drinnen nicht weniger hell in den Herzen strahlten als am Abendhimmel die liebe alte Sonne, nur spter; denn als diese schon das Kinn auf den Blauberg sttzte, Gottes Extraprsent so recht lieb anlachte und ihm dann im Scheiden einen Gutnachtkuss gab, da leuchtete es 69

drinnen in den Herzen immer noch fort, und war nicht anzunehmen, dass dieser Schein jemals scheiden werde. Der Heimgekehrte hatte seine Stube eingerichtet, und alle waren ihm dabei nach ihrer Art an die Hand gegangen, die Mutter und Emma in sorglicher und frdernder Frauenweise, der Bruder Ulrich als Lastenheber und andchtiger Zuschauer und Benz als Wundernase schlechtweg. Alles was nach Form der Umhllung oder Farbe etwas Appartes vermuten liess, beguckte und betastete er und fragte schon wieder: Was ist das da? bevor nur die vorige Entdeckung richtig gewrdigt war. Als aber die beiden Meerschaumtpfe auftauchten, einer fr Ulrich und einer fr Benz, da zog eine feierliche Stille durch das Stbchen. Uli trug den seinen bersorgfltig in irgend ein sicheres Fach, Benz jedoch stellte gleich eins aufs Feuer und blies nun scharfe Wolken seines trkischen Tabakes, das Pfund zu zwanzig Rappen, von sich, dabei fuhr er mit der Hand oft ber die Augen; wohl des Tabakrauches wegen. Dann gingen die Besucher miteinander treppab, und Hans blieb allein. Er stand am offenen Fenster, und seine Augen staunten gross und hungrig das langentbehrte Gotteswunder an, das im letzten Tagesschein unter dem tiefblauen Himmel lag. Vom Mnch zog sachte ein Trpplein kleiner Wolken der Jungfrau zu; sie rteten sich mhlig, und als sie ber der weissen Gletscherstirn sich vereinten, da war es ein wundersamer Kranz von glhenden Purpurrosen, die der Nachbar ihr zugesandt. Und ein leises Errten huschte bei dieser Huldigung ber der Jungfrau Haupt. Ein paar Vgel flogen eilig und sacht dem Walde zu, und der Nachtwind rauschte drben in den Tannen. Abendnebel woben bald einen duftigen Schleier vor die Berggestalten, und nur die erhabensten Hupter schimmerten hell ber sie hinweg zum Himmel empor, durch den leise rauschend die Nacht zog und Stern um Stern entzndete. Lange hatte der Heimgekehrte unter seinem niedrigen Fenster gestanden, und das Herz war ihm weit aufgegangen. Das war seine Heimat, zu der er misstrauisch wieder den Weg zurckgenommen! Noch am Abend vor der Heimkehr hatte er geglaubt, er halte es nach dem Grossstadtleben in ihrer Stille und Einsamkeit nicht allzu lange aus, und jetzt war ihm unbegreiflich, dass er sie so viele Jahre hatte missen knnen. Heller und heller ward der Himmel hinter dem Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen); die Bergeshupter hoben sich wieder schrfer ab vom dunklen Sterngewlbe, und nach einer Weile lag der milde Schein auf dem zarten Nebel, der zu ihren Fssen webte. Der Mond war aufgegangen und stand nun in mildem Glanz ber dunklen Tannen in der Ferne. Sein Silberlicht glitt ber die Gletscher und Firne hin, dass sie zauberhaft durch die Stille leuchteten und es ihnen im Dmmerschein niederwallte wie von schweren seidenen Talaren. Der gleichmssige Nachtwind trug ein frhwelkes Blatt vom Ahornbaum herber, und es war so still ringsum, dass der Trumer lauschte, ob er es nicht fallen hre. Da schnitt pltzlich ein scharfes, trunkenes Singen durch die Feier und zog seinen Blick zur Erde nieder und zu den Menschenwohnungen, deren trbrote Lichtlein anmassend in den Silberschein hinausblinzelten wie die Triefaugen eines zutunlichen Trinkers, der frech mit allen anbndelt, ob hoch oder niedrig; und nochmals erscholl das ungefge Johlen und Singen von dorther, wo die meisten der Lichtlein beisammenstanden. Da kam leise Marei herein. Sie trat zu ihrem Sohn und legte ihm die Hand auf die Schulter. Ich wollte dich nicht stren; aber du solltest nun doch herunterkommen, sagte sie zgernd. Bist ein gutes Metti, schmeichelte da ihr grosser, vornehmer Bub und gab ihr aus dem berquellenden Herzen voll Andacht und Heimatliebe einen Kuss auf die Stirn. Sie litt es schchtern und wusste nicht recht, was sie dazu tun und sagen 70

sollte. So mahnte sie: Gelt Hansli, du kommst? Und Hansli ging mit ihr, den Gang entlang, die Treppe hinab, und seine Fsse wussten in der Finsternis noch jeden Tritt auswendig. Benz verfhrte auf der Ofenbank einen grossen Lrm und schwatzte wie ein Predigtbuch drauflos. Dazu rauchte er wtig aus der neuen Staatspfeife, dass es wie ein dichter, wogender Schleier durch die Stube und um die Lampe zog. Hehe, da kommt ja unser Bub wieder! rief er und fuchtelte mit Armen und Beinen, als wre die Ofenbank ein Webstuhl. Das ist das wahre Pfeifenholz, dass sich seiner Sprach nicht verschmt! Ich habe den und jenen gekannt, die Sommer und Winter zusammengerechnet zwei oder drei Wochen in der Fremde waren und nachher ein Kauderwelsch schnabelten, dass es einem Hund davon bel werden konnte. Das sollte dann etwas Besonderes vorstellen, und sie meinten sich damit -- -- Es war wohl in der niedern, heimeligen Stube noch nie so viel geredet worden wie an diesem Abend, und Benz steuerte dazu das allermeiste, so dass er schliesslich vom Rauchen und Schwatzen ganz heiser war. Ulrich sah den herrenmssigen jngern Bruder in stiller Bewunderung an und fragte ihn nur bisweilen das eine und andere, das ihn besonders wunder nahm. Emma aber sass schchtern mit ihrem Strickzeug neben der Mutter, und wenn ihre grossen braunen Augen zufllig denen des Bruders begegneten, so senkte sie sie schnell, und das Blut schoss ihr in die Wangen. Whrend er draussen gewesen war in fremder Herren Lnder, war aus dem unbndigen Mdchen eine nachdenkliche Menschenknospe geworden, die der Lebenssonne entgegentrumte.

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XIV.
Hans nahm es die erste Zeit gemtlich. Lockte ihn das Wetter, so stieg er einsam in den Bergen herum, alle die lieben Pltzchen zu grssen, an die sich Erinnerungen seiner Jugendjahre knpften. Der Haselnussstrauch am Schwandzug war zu einem dichten, stmmigen Gebsch geworden und trug wieder so grosse Frchte wie vor zehn oder zwlf Jahren. Der Weidenstrauch im Grmschholz, aus dessen sten sich so schne Waldpfeifen hatten schneiden lassen, hatte sich zum hochmtigen, verdrehten Baum ausgewachsen. Am Ufer des Lohnbaches standen noch, wie ehedem, die vollkommensten Herbstenzianen in weiter Runde, und ihre lilablauen, sammetgleichen Sterne hielten den munter dreinschauenden Studentenrslein elegisch Gesellschaft. Der Wandersmann summte Liedlein an Liedlein vor sich hin, Altgewohntes und Neugelerntes durcheinander; Eichhrnchen im Wald stutzte ein Weilchen und fragte sich, ob es die Stimme nicht eigentlich kenne aus frherer Zeit; aber die Krhe rief: Trab, trab, die Meise neigte das Kpfchen und zwitscherte: Ich kenn di nit, ich kenn di nit, und sie flohen vor ihm, jedes auf seine Weise. Dann kam der Pilgrim ans Bchlein, dessen eiligen Wellen er einstmals so manche Reiser und Tannzafpen mit auf die Wanderschaft in die Welt hinaus gegeben hatte. Bist wieder da, so so, bist wieder da, so so! grsste ihn gurgelnd der kleine Strudel am Wege; machs kurz, machs kurz! schwatzte laut der Strahl, der sprhend ber die Felsplatte dahergeschossen kam. Komm mit, komm mit! lockte es glucksend jenseits des Brckleins, und die Wellen schillerten silbern zwischen grnem Moos und sangen ihr Weg- und Wanderlied dem dunkeln schweigenden Tannenwald entgegen. Der Heimathungrige verstand sein Murmeln und Sagen; er setzte sich neben seinen steinigen Pfad und schlrfte khle Labe von dem perlenden berfluss. Wieder, wie in halbvergessenen Jugendtrumen, gab er den Wellen stlein zu tragen, und sie hatten es eilig mit ihrer Pflicht. Dann kam ein grossmchtiger Kfer unter einer Tannenwurzel hervor und brummte: Muss doch mal sehen, mit wem das Gewsser so viel Aufhebens macht. Er rieb seine glnzenden Stiefel, rieb auch die Hnde und wischte die grosse Brille, um besser zu sehen. Mhm, mhm, ein sonderbarer Kauz, der dasitzt und Wasser trinkt; den muss ich nher begucken, berlegte er und kletterte dreist auf den Schuh des Riesen. Da fasste ihn der schon mit zwei Fingern und setzte ihn aufs Knie. Aber der Kfer traute der Sache nicht mehr und brummte im Fortfliegen: Alles fasst ihr mit klobigen Hnden an; dumm dumm geht ihr herum. Und der Schmetterling, dem er das Abenteuer im Vorbeifliegen erzhlte, kehrte erschreckt um; denn er hatte nicht die sthlerne Rstung des Kfers, und seinem Sammetrcklein wre eine solche Berhrung gar bel bekommen. Der boshafte Schnak, welcher die Sache auch gehrt hatte, trank beim Fliegenschwamm schnell sein Glschen leer und flog singend heran. Behutsam setzte er sich auf den Nacken des gewaltttigen Riesen; er stiess ihm den Speer tief in die Haut und hatte seine Freude daran, wie der sich selber einen nachdrcklichen Schlag versetzte. Der Schnak rhmte seine Heldentat der Frau Schneck, die breitspurig dahergekrochen kam. Die schlug entsetzt die Fhlhrner ber dem Kopf zusammen, kroch dann in ihr Haus und schloss die Tr zu; denn solche Missetat konnte auch fr Unschuldige bse Folgen haben. Sie hrte aber nichts Besonderes, und als sie ein klein wenig hinausguckte, standen ein paar Ameisen vor ihrer Tr beisammen und mutmassten mit vielen Gebrden, wer der versptete Fremdling wohl sei. Das Wsserlein plauderte: s ist ein alter Freund; dem drft ihr trauen! Alle waren der Meinung, dass es nachgerade nicht mehr so weiter gehen knne. Noch zu Ameisen- und Schneckengedenken hatte sich in der schnen Sommerszeit

kaum je einer dieser gewaltttigen Menschen da herauf verirrt; jetzt hatte man nicht einmal im Herbst mehr seine Ruhe vor ihnen und Gelegenheit zu unbesorgter gesunder Wanderung, vom Sommer gar nicht zu reden. Denn da stellte ihnen jung und alt mit Netzen und Hnden nach und grinste sie an, wenn sie als arme Gefangene in den Flaschen und Schachteln sassen. Und unsere Schwestern reissen sie brdenweise ab und lassen sie sterben und verschmachten, sei es am Wege im Sonnenbrand, sei es in ihren Stuben oder im Knopfloch, oder sie pressen sie gar zwischen Papier, klagten da die Blumen darein. Und wie ists meinem Vetter beim grossen Stock da unten ergangen! brummte der Kfer, der eben dazukam. Ihr habt ihn alle gekannt; denn er hatte eine gar schne Rstung -- --. Die Ameisen nickten, und die Schnecke fuhr sich gerhrt mit dem rechten Fhlhorn bers Gesicht. Nun, den hat einer in seine Flasche gesteckt und ganz vergngt gerufen: Ein Prachtskerl vom Ehrnsomela! Ich glaube, meinem Vetter wre die Freiheit lieber gewesen als der schne Name; denn er war als Hans Brummblau angesehen genug gewesen; ich weiss nicht, was aus ihm geworden ist. Und der Kfer schneuzte sich betrbt. Nun brachte der Schmetterling seine Klage vor: Da weiss ich noch ganz anderes zu erzhlen. Meine Freundin Elwina Pfauenauge und mein liebes Schwesterlein waren s ist noch gar nicht lang her eines schnen Nachmittags bei der Wollblume zu Gast, und wie sie eben noch den vorgesetzten Honig ihr wisst alle, dass sie vom besten hat priesen und genossen, warfen zwei Buben ein Netz ber sie und dann ich kann es fast nicht sagen stachen sie ihnen Stecknadeln durch die Brust und spiessten sie auf die Hte. Wir haben sie ein wenig demoliert, rief der eine. Was tuts! Wir fangen andere dafr, gab der zweite zur Antwort, und sie zogen singend mit den gepfhlten, zuckenden und zerrissenen Leichen auf den Hten weiter. Es waren da schon an zwei Dutzend Gemordete beisammen, und ihre schnen Kleider waren von der groben Berhrung beschmutzt. Ihr wisst ja, wie wenig diese Mntel vertragen und der Schmetterling liess seine Farben mit einem Seitenblick in der Sonne glnzen, trotzdem ihm die Trnen immer noch ber das Gesicht liefen. Ist das wahr? frug grimmig der Brummer, whrend die andern noch in stummem Entsetzen dastanden. Was zweifelst du, Nachbar? mischte sich ein brauner Kfer ein; haben sie nicht meinen Bruder einen Faden ans Bein gebunden und ihn so lange angeblasen und gestochen, bis er aufflog? Er suchte zu fliehen; aber der Faden hielt ihn zurck an dem verrenkten Bein. Dann haben sie es ihm dabei allmhlig ausgerissen, und als er vor Schmerz ohnmchtig zu Boden fiel, sagte der Bub: Der ist nichts mehr wert. So tritt ihn tot! rief der Vater, und ich hre noch zur Stunde, wie der Panzer und die Glieder des armen Heidi unter dem Trampelfuss brachen; denn ich sah von meiner Hhle aus den ganzen Vorgang. Entsetzlich, schrecklich! riefs durcheinander, und ihrer immer mehr kamen gekrochen und geflogen, um ber die Menschen zu klagen. Auch die versptete Johannisblume am Rain neigte ihren Stern und erzhlte: Meine ltere Schwester stand gleich neben mir, und ich war noch nicht ganz erwachsen, als sie fr die Schnste in weiter Runde galt; stndlich machten ihr die Kferlein und Sommervgel ihre ausgesuchtesten Komplimente. Dann kam eines Morgens ein einsames schnes Mdchen gewandert, und wie es meine Schwester ersah, pflckte es sie. Nun, das ist immer das Schicksal schner Blumen, wenn sie am Weg der Menschen stehen, und wir wren das nun nachgerade gewhnt. Aber was glaubt ihr, was weiter geschah? Das Mdchen setzte sich ins Moos, sah vor sich hin wie im Traum und seufzte. Auf einmal begann es, meiner Schwester einen ihrer weissen Strahlen nach dem andern grausam auszureissen, und sagte dabei in einem 73

fort: Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich, er liebt mich nicht. Da warf das Mdchen die verstmmelte Leiche meiner armen Schwester in den Weg hinunter, allen Fssen preis und rief: Du bist eine dumme Blume und weit nichts! Was soll man davon halten, wenn zur Grausamkeit noch der Schimpf kommt? Meisen und Finklein schwatzten entrstet durcheinander von Verfolgung und Todesnot, welche die Menschen ber sie gebracht mit Schleudern und heimlichem Schiessgewehr, und ihre Stimmen wurden so laut, dass der alte Ohrenkauz zu oberst in der Wettertanne aus seinem Nachmittagsschlummer erwachte. Er rollte die grossen, schlaftrunkenen Augen, nahm eine Prise und nieste so laut, dass alle aufsahen und einen Augenblick schwiegen. Da kreischte er seine Stimme klang alt und knarrig -- in die Stille hinunter: Pschiit, ruhig! -- Ihr wisst, dass unser drei letzte Vollmondnacht beim Alten vom Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) waren, um ber die Ermordung des letzten Adlers Klage zu fhren. Gar freundlich hat er uns aufgenommen, und als wir mit unserem Bericht zu Ende waren, hat er seinen langen weissen Bart gestrichen und ausgerufen: Es ist eine Schande! Die Steinbcke haben sie mir vernichtet, haben meinen lieben Petz ausgerottet, und nun ist auch der letzte Adler gefallen, der einzige Bote, den ich an meine Brder senden konnte! Es ist eine Schande! Aber diese Menschlein spren nichts davon und rhmen es Wunders in ihren Zeitungen, welche Heldentat sie damit begangen. Aber seid guten Mutes, meine lieben! Sie stellen euch Fallen, sie stellen aber auch Fallen fr sich selber. Denn wie ihr wisset, habe ich einen Pakt mit ihnen auf Leib und Gut, und wenn sie meine Langmut fr Torheit, die Sage von mir fr Geflunker ausgeben, so kommt doch mein Tag, wenn das Mass voll ist. Grausam werde ich sie strafen! rief da der Alte, dass wir uns fast vor ihm frchteten. Krhen hatten die Stimme der Eule gehrt und kamen nun mit kampflustigem Schreien dahergeflogen, und der Lrm wurde so arg, dass der Trumer am Bchlein sich aufrichtete, die Augen ausrieb und sich mit khlem Wasser die Stirn benetzte. Erschreckt stoben und flogen die Tierlein davon; sie bedachten erst jetzt wieder, dass er eigentlich auch einer des bsen, gefhlichen Menschengeschlechts sei. Hans Eicher stieg nachdenklich bergan, dem Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) zu. Die Wolken, welche gestern der Tiefe einen kalten Sprhregen und den Hhen einen dnnen Schnee beschert hatten, lauerten im Westen wie ein dichtgedrngtes Heer, das dem ersten Vorstoss bald einen Hauptangriff folgen lassen will. Verzagend fiel schon da und dort ein mdes Blatt zur Erde. Als brennend rote und gelbe Strusse standen die Farren am Wege und daneben frisch und keck eine Glockenblume oder ein Johannisstern, als ginge es gegen den Maien und nicht in den Sptherbst. Die Ahornbume erhoben ihre bleichenden Kronen zwischen dunklem Tannenwuchs, und auf den verlassenen Hochweiden glhten aus Dornen hervor die Purpurtrubchen der Berberitzen. Der liebe Gott hatte sie vorsorglich hingestellt als Winterschmaus fr die Meisen und Amseln; aber wie er den Rcken kehrte, trieb sich sogleich unhaushlterisches Finkenzeug drin herum, und sein vergngtes Schwatzen verriet zur Genge, dass es gleicher Meinung war mit jenen, die da sagen: Lasset uns essen, trinken und frhlich sein; denn morgen sind wir vielleicht tot. Der Wald hrte auf, und wie Eicher um einen Felsvorsprung bog, stand er den Erhabenen gegenber, und sie schienen ihm in der klaren Herbstluft so nahe, dass er jede Fluh und jedes Gerinnsel wohl zu unterscheiden vermochte. Auf des Mnches Haupt schimmerte ein satter Sonnenstrahl, und die Jungfrau prangte im vollen Licht, indes der Eiger finster und mrrisch einen dichten Nebelmantel um sich schlang. Auch die Blmlisalp und ihre Nachbarn hatten sich vor aller Neugier unter grauen, wogenden Schleiern verborgen, so dass die beiden treuen Gefhrten um so grsser 74

dastanden. So zum eigenen Zeitvertreib und wohl auch, um der Jungfrau Wohlgefallen zu erregen, liess der Mnch eine donnernde Lawine zu Tal rollen. Da blies ihm der Wind zur Strafe fr den groben Scherz eine Wolke seinen Schnees vom Silberhorn her ins Gesicht. Aber er hatte zu scharf geblasen, und nun lste sich auch da der Neuschnee; eine weisse Wolke stob auf und schoss dem Abgrund zu; dann zitterte der Lawinendonner durch die Luft und hallte wie ein verklingender Ruf in den Bergen nach. Als Eicher sich auf den spten Heimweg machte, stiegen dichte Nebel aus dem Tal auf und krochen wie graue Ungetme den Berghngen entlang, immer hher hinauf. Auch das Wolkenheer rckte vor und verhngte drohend den Himmel. Der Tag erlosch bald in einer trben Dmmerung, und die Nacht brach mit Sturmesheulen und fliegenden Fahnen an, die der Hauptmacht des Unwetters vorauszogen.

* * *
Die Werkstatt war eingerichtet, und als es des andern Tages draussen so recht strmte, ging Eicher mit Pfeiffen und Singen an sein erstes Werk in der Heimat. Der Hndler zu Rotenbalm(Interlaken) hatte es auf die Zeichnung hin bestellt, um billigen Preis zwar, denn die Sache war neu, aber sie hatte ihm mchtig eingeleuchtet. Es war eine Truhe, wie Eicher sie zu Paris in einem Museum gefunden. Die Oberleiber zweier Atlanten trugen, einer rechts, der andere links, auf der Vorderseite ein Kranzgesimse, auf dem der Deckel ruhte. Zwischen ihnen baute sich das Feld aus verschlungenem Zierat auf, das in der Mitte einen Wappenschild umfasste. Das Stck Urvterhausrat war sehr schn anzusehen, und die beiden Trger schauten mit ihren vorspringenden Muskeln aus, als trgen sie schwer an der Gesimselast. Die haben kein schnes Amt, wenn ihnen alle Augenblicke der Deckel auf den Kopf fllt, bemitleidete sie Benz. Aber so etwas Schnes habe er nie gesehen, gab er einmal ber das andere zu. Bald klang im Waldegg(Wengwald) gleichmssig der Hammer, pfiff der Hobel und kreischte die Sge; das Kunstwerk begann, als der erste sesshafte Schnee in dichten Flocken zur Erde wirbelte. Der Zufall fhrte die Stgen(Wengen)er nun gar oft an dem abgelegenen Waldegg(Wengwald) vorbei, und was ihnen wohl gefiel, war, dass der Schnitzler fr jeden einen freundlichen Gruss hatte; was ihnen aber minder gefiel, das war sein Zuhausebleiben oder einsames Wandern. Nicht einmal den Tabak holte er selbst, wie jeder jetzt zur Winterszeit doch tat, um Neuigkeiten zu erzhlen oder zu hren. Oh, der zhlt sich jetzt nicht mehr zu unsereins, begehrte der Schachenjoggel auf; das ist jetzt ein Herr! Aber ich weiss noch wohl, wie er barfuss herumlief und zum Imbiss ber einen geschwellten Erdapfel froh war. Bist ein Gaagg und hngst jedem das bse Wort an! wies ihn Bhlpeter zurecht. Den Eicher lasst nur machen. Wenn einer hochmtig ist, so grsst er nicht so laut wie der. Das leuchtete allen ein; nur der Schachenjoggi mottete noch halblaut weiter. Einstweilen wussten die Stgen(Wengen)er im ganzen noch nicht recht, wie sie mit dem Schnitzler dran waren. Da kam kurz vor Weihnachten Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) ins Waldegg(Wengwald) und fragte nach einer langen und ausnehmend freundlichen Einleitung, ob ihm wohl der Herr Knstler so ein rechtes Prunkstck fr seinen Speisesaal machen wrde, und allenfalls in den Damensalon ein schnes Getfer, wie es im Hotel Jungfrau zu 75

Rotenbalm(Interlaken) zu sehen und bei den Fremden berhmt sei. Und als der arbeitslustige Schnitzler zusagte, warf Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hin: Und wegen dem Preis werden wir dann wohl einig, wenn Ihr das Mass genommen habt. Ihr wisst ja, dass ich Eurer Mutter die Jahre her treu zur Seite stand, und das ist wichtig fr eine Witfrau. Aber davon will ich ja nicht reden; ich sage das nur so, damit Ihr seht, dass ich ihr stets die Freundschaft gehalten habe, die zwischen mir und Eurem Vater selig war. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sah mit Erstaunen bei diesen Worten einen Schatten ber Eichers Gesicht gleiten; aber, dachte er im nchsten Augenblick, ist das nicht ganz natrlich beim Sohne, wenn er von seinem toten Vater erzhlen hrt? Und er lobte den toten Zimmermann recht aus Herzensgrund. Hans Eicher erzhlte dem alten Benz am Abend davon, und der sagte jetzt nicht mehr, wie er einst Christen Eicher gegenber getan, der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er bringe alle ins Unglck, die einen Batzen von ihm nehmen; denn zu bitter hatte er jene Misshelligkeit bereut. Hei ja, wrst ein Narr, wenn du den Verdienst nicht nhmest. Du brauchst meine Feindschaft nicht zu erben, bist ihm aber auch keine Freunschaft schuldig von deiner Mutter her; gelt Marei? Marei dachte jetzt nur daran, wie der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er ihr einmal so gar freundlich die Hand ber den Zaun gereicht hatte, und entgegnete: Nun, grad ein Bser war er ja auch nicht. Nur Uli brummte etwas ber die Sache vor sich hin.

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XV.
Das Neujahr war kaum vorber, als die Kunde umging, dem Kneubach(LauenerHansueli)peter gehe es sehr bs; der werde wohl bald sterben. Und eines Morgens kam der Schachenjoggel zu Benz und bot ihn auf fr Nachmittag zwei Uhr in den Kneubach(LauenerHansueli); der Peter wolle noch vor Zeugen seinen letzten Willen kundtun. Der hat doch nichts zu testieren als die halbblinde Katze, die Pfeife und den Schnapsgutter! rief Benz erstaunt. Beim letzten Wort sah sich der Bote fragend in der Stube um; da schenkte ihm Benz verstndnisinnig ein Glschen ein. Wer ist sonst noch dabei? fragte er. Balmer, du, Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) und der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er. Kopfschttelnd machte sich Benz nachmittags auf den Weg und kam neugierig in die verwahrloste Stube. Da harrten die drei anderen seiner schon. Ich danke euch allen, dass ihr gekommen seid, keuchte der Kranke mhsam; ihr habt mir damit das Sterben leichter gemacht. Und nun, wenn ihr mir einen Gefallen tun wollt, so stellt das Bett so, das Haupt gegen die Wand. Dem seltsamen Wunsch wurde gengt, und bei dieser Verrichtung hatten alle vier den einen abenteuerlichen Gedanken, unter dem Bett seien bisher Schtze verborgen gewesen und die wrden nun gehoben. So blickten sie bei jedem Fussbreit, um den sie das chzende Bett rckten, scharf zu Boden. Einstweilen war da zwar noch nichts zu bemerken, als eine zolldicke schwarze Ablagerung und ein Paar verschimmelte Holzschuhe, an denen gengsame Ratten genagt hatten. Als das Bett nach seinem Wunsch gestellt war, fuhr der Kranke unter Sthnen und chzen fort: Und nun, lieber Uli, komm hier auf die linke Seite, und du, lieber Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), komm da auf die rechte Seite, und ihr zwei, Benz und Balmer, seid Zeugen von dem , was ich sage. Der bestimmte Gedanke an den verheimlichten Schatz machte alle gefgig, und sie kamen mit ernsten Mienen folgsam diesen Anordnungen nach. Ich habe immer gesagt, der Kneubach(LauenerHansueli)er ist nicht so arm, wie er tut, raunte Balmer dem Rain=Benz hinter der vorgehaltenen Hand zu; wofr htte er sonst hexen knnen? Die beiden Gemeinderte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) standen voll Erwartung wie zwei Ehrenwachen neben dem Sterbelager. Da glitt eitel Hohn und Spott ber des Kneubach(LauenerHansueli)ers eingefallenes Gesicht: Unser Herr Christus ist am Kreuz zwischen zwei Bsewichtern gestorben, und da mir das immer so besonders wohl gefallen hat, so habe ich euch beide hier an mein Bett bestellt. Wenn ich tot bin, knnt ihr wieder heimgehen. Und damit legte er sich auf die Seite und erwartete seinen Tod. Nicht so die beiden zu seiner Rechten und zu seiner Linken. Du Lumpenhund! brach Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) los und hielt ihm die Faust vor die Nase. Oh, der niedertrchtige Sptter! sthnte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). Sie schossen alle beide fast zugleich zur Tre hinaus und schlugen sie hinter sich zu, dass die ganze Htte bebte. Hast nicht einen Schnaps? fragte matt der Kneubach(LauenerHansueli)er in das Gelchter, das am Tisch erscholl. Da reichte ihm Benz das Flschchen, das er fr den Fall langer Verhandlung in kalter Stube zu sich gesteckt hatte.

Mir wirds merkwrdig besser, und ich glaube, es mag mich diesmal noch nicht, raunte Peter nach einer Weile; das Flschchen hatte er geleert. Da ging Benz still erbaut heimwrts und machte unterwegs der Bindermarei Bescheid, dass sie nach dem Kneubach(LauenerHansueli)er sehen solle; da sei noch nichts von Sterben. Balmer aber ging mit der Neuigkeit von dem Kneubach(LauenerHansueli)peter zwischen den beiden Bsewichtern von Haus zu Haus, lachte und trank Bescheid, so dass er auf seiner spten Heimkehr fast im Schnee liegen geblieben wre. Der Kneubach(LauenerHansueli)er genas in wenigen Tagen, als ihm die Bindermarei ordentliche Suppen vorsetzte und seinen sterblichen Menschen allentwegen ein wenig in Ordnung brachte. Peter selber aber liess diesen einfachen Rettungsweg nicht gelten und flocht einen mchtigen Schnrkel hinein. Ein faustgrosser Gallenklumpen habe sich in ihm gelst, als er mit Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) abgerechnet habe fr die jahrelange Unbill und Verfolgung ihrerseits, die gerade und justament jenen Gallenauswuchs bei ihm verursacht hatten. Vom Moment an gings mir besser, schloss er allenthalben seinen Bericht; der Rain=Benz und Balmer knnens sagen, die waren dabei. Die ganze Kneubach(LauenerHansueli)komdie mit allem was drum und dran gehkelt wurde, hatte den Stgen(Wengen)ern ber eine gute Strecke winterlicher Langeweile hinweggeholfen, zu frheren Zeiten wohl gar fr einen ganzen langen Winter ausgereicht. Aber nun waren sie da oben schon an lebhaftere Abwechslung gewhnt und hielten nach einigen Wochen Ausschau nach neuer Kurzweil. Schon machten sich einige wieder mit dem Schnitzler zu schaffen, weil man nichts von ihm hrte als Hmmern, Pfeifen und einen freundlichen Gruss, und auch das nur, wenn man deswegen den weiten Umweg am Waldegg(Wengwald) vorbei machte. Aber noch einmal ward er den Neugierigen und den Gelangweilten aus den Mulern genommen. Die Bahn schlpfte in halber Hhe zwischen Gletschbach(Lauterbrunnen) und Stgen(Wengen) auf eine ziemliche Strecke durch den Felsen, doch so, dass der Tunnel eine Halle bildete; die Seite nach den Schneebergen hin war offen bis auf die gleichmssigen Felsensulen, die als Trger und Zier stehen gelassen wurden. Das Volk taufte die Galerie den Kreuzgang, weil sie dem so benannten alten Bauwerk des frheren Klosters zu Rotenbalm(Interlaken) genau gleichsah, abgesehen von der bedeutenderen Grsse. Hier im Felsinnern, wo die Winterstrme keine Gewalt ber sie hatten, waren eine Anzahl Arbeiter eingehaust und bohrten und sprengten in dem harten Gestein rstig weiter. Zweimal die Woche wurden sie verproviantiert; die brige Zeit lebten sie ebenso fern von der im Wintergewand zu ihren Fssen liegenden Welt, als wren sie ausgestossen und verbannt. Unten zu Gletschbach(Lauterbrunnen) und ber ihnen zu Stgen(Wengen) hrte man von den Abgeschlossenen nichts als das Drhnen der Sprengschsse, und aus immer mehr Felsportalen ergoss sich grauer Schutt auf die verschneite steile Halde, welcher entlang der Tunnel lief. Auf einmal aber ging es erschreckt von Mund zu Mund: In der Wandfluh hat ein Italiener im Streit den Michel Lauener erstochen! Die Mutmassungen jagten sich, und die, welche dem Italiener die alleinige Schuld gaben, fanden geneigtere Ohren als die andern, welche die Achsel zuckten und sagten: Der Michel ist ein Lump und Hndelmacher geworden in der letzten Zeit. So ganz ungerufen wird das Messer nicht zwischen seine Rippen gefahren sein. -- -Das Unglck wurde auch im Waldegg(Wengwald) errtert, um so eifriger, als Benz der Pate des Ermordeten war.

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Das muss man der Bahn lassen, sie hat manchen zu Gletschbach(Lauterbrunnen) geweckt und ihm beigebracht, dass es jenseits des Blauberges auch noch Leute gebe. Frher sind sie beisammen geblieben, alt und jung, auch wenn sie nichts tun konnten, als einander Hunger leiden helfen. Jetzt rcken sie hie und da aus und bringen es spter zu etwas. Auch Lauener=Micheli wollte fort; aber der Alte liess ihn nicht gehen. Er musste da bleiben und herumfaulenzen, bis er aus langer Weile und bei stndiger Gelegenheit ein Schnapser wurde. Ehre Vater und Mutter, auf dass du lange lebest auf Erden, hat ihn sogar der Pfarrer beschieden, als sie zusammen vor ihn kamen, der Alte mit Heulen und Augenwasser, der Michel mit Fluchen und einem halben Rausch. Htten sie ihn gehen lassen, so lebte er noch und wre in der Welt draussen auf guten Wegen. Jetzt haben sie ihn mit ihrer Zwingerei auf dem Gewissen! eiferte Benz. Aber Marei wollte ihm nicht gleich beistimmen; so fuhr er hitzig fort: Hr, Marei, ich will dir da etwas sagen, was der Pfarrer Rupf in einer Predigt zu Gletschbach(Lauterbrunnen) von der Kanzel herab verkndet hat; ich habe mir das damals aufgeschrieben in meine alte Bibel, sobald ich heimkam; denn es gehrte da hinein wie eine Vorred, -- die will ich doch einmal holen. Und er trug das schwere Buch herbei. Pfarrer Rupf, der Vorgnger des jetzigen? frug Marei. Grad der! Sie haben ihn sogar nach Bern locken wollen, so berhmt war er. Weisst, was er da geantwortet hat? Ich kenne hier meine Herde, und sie kennt mich. Die Vorsehung hat mich in Zeiten der Not zu ihr geschickt, und ich bleibe bei ihr; denn sie hat Vertrauen zu mir. Der also fing einmal eine Predigt so an. Und nun las Benz mit feierlicher Stimme vor: Meine lieben Kinder denn so nannte er uns immer, und er war uns auch wie ein Vater die Bibel ist ein Licht, das der liebe Gott den Menschen auf die Welt geschickt hat, damit sie nicht in der Finsternis wandeln und die Toren und Versucher nach dem Wege fragen mssen, der zum Himmel zurckfhrt. Das Licht ist rein aus Gottes Hand gekommen, und es ist darum ein wahres Licht. Es kann leuchten auf unseren Wegen; es kann erwrmen und erhellen unsere betrbten, dsteren Herzen; es kann und soll uns um sich versammeln zur Lobpreisung und zum Wohlgefallen des Spenders von Licht und Leben. Aber wehe, wenn Toren und Blinde es zur Hand nehmen! Sie gehen damit um, wie das Kind mit dem Feuerzeug; sie stecken das Haus in Brand, oder sie ngstigen zum mindesten ihren Nchsten und bringen ihn in schwere Seelennot. Das hat der Herr nicht so gewollt. Dreimal wehe aber, wenn der Heuchler nach dem Himmelslicht greift! Er blendet das Auge seines Nchsten, um sich mit seinen Hnden in der Finsternis einen unehrlichen Vorteil anzueignen wie ein geschickter Taschendieb, indes sein Angesicht im Lichte glnzt. Vor diesen Betrgern und Heuchlern htet euch am allermeisten, denn sie sind die Verworfensten unter den Verworfenen; sie missbrauchen die Leuchte Gottes. Hat aber der Tor und Blinde das Haus angezndet und den lieben Nchsten verwundet mit dem heiligen Licht, oder hat der Heuchler ihn verblendet, dann drfen wir nicht Gott anklagen: Allmchtiger, warum lssest du dein Licht solchen Hnden? Nein, denn es ist damit wie mit jedem anvertrauten Gut: Wir mssen es treu bewahren, es hten vor dem Unverstand und vor der Heuchelei, und dazu hat uns der liebe Gott zugleich mit der Leuchte die Vernunft gegeben, und darum drfen wir nicht ihm Schuld an dem geben, was der und jener Mensch Unrechtes mit seiner Gabe tut. Benz tat einen tiefen Atemzug. Du httest ein Pfarrer werden sollen! rief Marei. Beht uns! Dann htten die Andchtigen immer nur diese Belehrung und nachher ein unchristliches Rappenwaschen erlebt. Diese Red aber und Benz 80

setzte sich straff in Positur die habe ich auswendig gelernt, und daran halte ich mich, wie der Soldat ans Reglement. Unser jetziger Pfarrer ist darin der Tor und Blinde, und der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er, der fhrt den andern mit dem Licht unter der Nase herum und leert ihnen dabei die Taschen, polterte Benz. Und meine soll er fllen. Warf Hans Eicher scherzweis ein. Hasts noch nicht. Morgen gehe ich zum Abmessen ins Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) -- -- Dann gute Reise, und jetzt gut Nacht nach dieser Abendandacht. In ziemlichem Staat ging der Schnitzler am andern Morgen zeitig ins Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) und sah ordentlich wie ein Herr aus. Das stdtische Kleid sass gut an seiner hohen, krftigen Gestalt, und wer ihm erst ins Gesicht guckte, dem taten die frhlichen, graubraunen Augen wohl; aber die scharfe Nase und der grosse blonde Schnauzbart straften sie fast Lgen; denn sie gaben dem Gesicht etwas Ernstes und Mnnlich=Reifes. Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers Tchterlein Dorothea ffnete ihm die Tr, und Eichers helle Augen sahen so scharf in seine schwarzen, dass es sie senkte und im nchsten Augenblick davonlief, den Vater zu rufen. Als kleines Mdchen hatte es den Schnitzler, wenn er, damals noch ein Schulbub, seinem Vater das Essen auf den Bauplatz brachte, ganz besonders ins Herz geschlossen und ihm seine Spielsachen allesamt schenken wollen. Er war damals auch seiner schnsten Puppe bei ihrer Taufe Pate. Diese Kindereien schossen der Dore pltzlich wieder durch den Kopf, als sie den Hausgang entlang eilte, und waren ihr fast genierlich, so dass sie nicht einmal daran dachte, den ehemahligen Spielgefhrten in die Stube zu heissen, bis der Vater kam. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er faltete die Hnde im Schoss und liess den rechten Daumen um den linken und dann den linken um den rechten kreisen, als er die Zeichnungen besah, die der Schnitzler vor ihm ausgebreitet hatte. Du -- halt, so darf man Euch wohl nicht mehr titulieren -- Ihr seid ..... Nur wie frher, Herr Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])! schnitt ihm Eicher die Komplimente ab. Also denn, wenn dus so haben willst, --- das macht deinem bescheidenen Sinn Ehre -- du bist ja ein wahrer Knstler! Das Buffet hier und dieses Tfer da, die wren schn, aber -- mchm -- das kommt wohl zu teuer bei den schlechten Zeiten, und die Zukunft wird eine schreckliche Konkurrenz bringen. Da nehmen die Hotels bei der Bahn alles vorweg, und ich bin hier ganz nebenab. Hans Eicher berlegte oberflchlich; aber als sie schliesslich zusammen abmachten, musste er der Ehre alles rechnen. Doch nun konnte er seinen Mitbrgern ein Werk vorweisen, und der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er hatte auch nicht unrecht, wenn er ihm zu bedenken gab, dass solche Meisterstcke wie das Tfer und das Buffet den Fremden in die Augen stechen und ihm namhafte eintrgliche Bestellungen zufhren knnten. Sie plauderten noch bei einer Flasche weiter, was aus Stgen(Wengen) in wenigen Jahren geworden sei und was erst noch in seiner Zukunft liege. Da schttelte der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er den Kopf. Es werden sich viele berspekulieren, und vor allem wird bei der Konkurrenz dann keiner mehr etwas verdienen. Dorothea kam herein und flsterte dem Vater etwas ins Ohr. Wie hnlich sie ihrer verstorbenen guten Mutter geworden ist! dachte Eicher und sah von der Lebendigen zum Bilde der Toten, das an der Wand hing. Wie manche Butterschnitte und wie manches gute Wort hatte sie ihm gegeben, wenn er mit dem Mdchen spielte! Und

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die Puppentaufe fiel auch ihm wieder ein, so dass ein Lcheln ber sein Gesicht ging, als er nun das Mdchen ansah. Sag ihm, er soll ein wenig warten, beschied Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), und Dorothea eilte hinweg, ohne den Schnitzler anzublicken. Der stand nun auch auf und verabschiedete sich. Auf dem Heimweg sah er nachdenklich vor sich nieder, und auf seinem Gesicht spielte bald ein lustiges Lcheln, bald tiefer Ernst; es ging dem Schnitzler auf der langen Strecke Weges in heller Vormittagssonne gar manches durch den Kopf von Puppentaufen und Butterbrot, vom Tode des lieben Vaters und von menschlicher Undurchdringlichkeit, von dunklen Mdchenaugen und geschnitzten Meisterwerken. Aber gleich wie die Sonne gerade so hell und warm auf den trben Wasserbchlein im aufgeweichten Wege lag wie auf den reinen Schneedecken der Matten, auf rauchender Menschenwohnung wie auf dem blinkenden Gletscherfirn, so leuchtete auf alle seine Gedanken die Freude am Leben und Schaffen und der frohe, gesunde Jugendmut. Hans Kueni, der zwei Jahre neben ihm auf der Schulbank gesessen, dabei manchen Hosensack voll Haselnsse und manche Tracht Prgel ehrlich mit ihm geteilt hatte, kam beim Krmerladen auf ihn zu und schlenkerte erregt das Tuchscklein, welches seine Einkufe barg. Hast du wirklich und wahrhaftig einmal den Weg ins Dorf gefunden? Du lebst ja wie ein Murmeltier da oben; man sieht dich so selten wie das gute Jahr. Und nun erfuhr Kueni als erster von dem Verkehr, der sich zwischen dem Schnitzler und dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er eben angesponnen, und er brachte nachher den Bericht darber ausfhlich und mit allerhand Mutmassungen in den Kramladen zurck. Der war aber fr Stgen(Wengen) und seine Neuigkeiten, was die gemeinsame Brunnstube und das Wasser fr eine Stadt. Jeder Deut gelangte von da in jedes Haus, und ehe es Abend war, wussten alle um das blaue Wunder, die Entlegensten vielleicht ausgenommen. So etwas htte bei Lebzeiten des alten Benz keiner fr mglich gehalten. Aber das der gewichtige und kluge Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sich mit dem Schnitzler einliess, gab diesem sogleich in aller Augen ein gewisses Ansehen, und man wusste jetzt endlich, was man von ihm halten sollte.

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XVI.
Hans Eicher hatte sich einen Gesellen fr die grobe Arbeit, das Zurechthauen, Sgen und Hobeln, angestellt, einen etwas schmchtigen, stillen Menschen, der treuherzig und gleichmtig tat, was ihm zugewiesen wurde. Gottfried Steiner war auch nicht eigentlich ein Schnitzler, sondern ein Schreiner und so ziemlich der Mann, den sich Eicher gewnscht hatte. Sie schafften beide von frh bis spt emsig an Tfer und Buffet; aber so gegen Mitte April stemmte Eicher eines Morgens den Stechbeutel gegen die Werkbank und liess einen langen Pfiff los: Gottfriedli, Gottfriedli, ich glaube, der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er muss diesen Sommer die Teller und Glser noch im alten Buffet einquartieren. Meinst nicht auch? Und der Geselle sah von der Hobelbank herber und erwiderte: Ich glaube nicht, dass es mglich gewesen wre, mehr zu schaffen. -- -Es kam auch Bericht, die Truhe sei schon verkauft und eine zweite bestellt; der Hndler bequemte sich sogar zu einem bessern Preis, wenn er das Stck bald haben knne. Da machte sich Eicher am Sonntag nach dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) auf den Weg, um Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zu vertrsten. Er kann schon warten, Gewinn ist da noch keiner dabei, dachte er. Eigentlich aber war es ihm doch nicht recht, dass er nicht Wort halten konnte. Die Fenster des Hotels oben auf dem Bhl waren geschlossen; der mchtige Bau hielt noch Winterschlaf, ob es auch rings an den sonnigen Hngen schon grnte und blhte. Beim alten Haus, dem Winterquartier der Familie Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), regte sich auch nichts, abgesehen von dem blauen Ruchlein, das aus dem Kamin in die sonnige Luft emporstieg, und dem Brunnen vor dem Garten, der seinem treuen Nachbarn, dem uralten Ahorn, eintnige Geschichtlein vorplauderte, was der Baum mit leisem Rauschen in den Zweigen beantwortete. Die zwei Alten machten wenig Wesens bei ihrer Unterhaltung, wie es bei ihren Jahren wohl zu verstehen war, und dazu noch an einem Sonntagvormittag whrend der Predigtzeit. Da der Schnitzler es nicht eilig hatte und ihm nun ohnedies einfiel, Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) werde noch nicht vom Kirchgang zurck sein, so setzte er sich auf die Bank an der Hauswand und blinzelte behaglich vor sich hin auf das sonnenbeschienene Stcklein Gotteswelt, das vor ihm lag, und er hatte ein kurzweiliges Warten, denn es geschah mancherlei in dieser scheinbaren Stille. Die Unterhaltung zwischen dem Ahornbaum und dem Brunnen beachtete er zuerst nicht einmal; denn sie war so gleichmssig wie irgend ein anderes fortgesetztes Gerusch. Aber im sonnigen, wohlgehaltenen Garten sah er die Frhlingsblumen in frischer Pracht sich reihen, Krokus und Narzissen, Schneeglcklein und Anemon ; sogar eine Hyazinthentraube ffnete ihre obersten Knospen. Bei den Blumen herrschte ein Leben wie in einem beliebten Wirtshaus am Sonntag. Hummeln und Bienen liessen sich behbig auf den Blten nieder wie biedere sesshafte Brger; leichtfertige Schmetterlinge prunkten mit ihrem Festkleid, und zwischenhinein fuhr mit mchtigem Brummen ein Kfer. Die Mcken hielten in der Luft eine Tanzbelustigung ab, zu der sie eintnige Liedlein summten. Im Ahorn baute ein junges Ehepaar ein Nest, und das schwarze Gefieder der beiden Amseln stach scharf ab von den treibenden grnen Knospen. Nun kamen auch Herr und Frau Distelfink angezogen und begrssten ihren Quartiergeber vom letzten Jahr mit munteren Trillern und Reimlein. Er rauschte vergngt: Seid zwar leichtfertiges

Musikantenzeug, von dem nie ein Entgelt fr das Obdach einzutreiben ist. Jitz ischs gly Meje, jitz ischs gly Meje! sang ihm da der Distelfink vor; hast du nicht immer Freude gehabt an unsern Konzerten? Und fttern wir nicht mit deinen Qulgeistern, den Wrmern in deiner Rinde, unsere Kinder? Frau Distelfink hatte sich derweil den Platz fr die Kinderwiege schon ausgesucht, und nun flogen sie davon, um noch ihren Vettersleuten, den Buchfinken, einen Sonntagsbesuch zu machen. Jitz ischs gly Meje! rief der Distelfink den nestbauenden Amseln noch im Vorbeiweg zu. Juohhahi! jauchzte es da zurck. s ist doch eine leichtlebige Gesellschaft, rauschte der Baum vergngt, obgleich es gescholten sein sollte, und der Brunnen murmelte Beifall, indes sein Strahl voll neuer Kraft und Frhlingslust hell aufglnzte. Im Haus knarrte jetzt eine Tre, und eine Frauenstimme rief im Gang: Der Pfarrer weiss scheints heute wieder viel, dass sie noch nicht zurck sind! Die schnen Drrbohnen verkochen noch ganz wegen einer halbbatzigen, langfdigen Predigt -- -! Da schalt eine andere Stimme: Schm dich, Dori, so zu reden! Wenn das der Vater wsste -- Ein lustiges Singen schnitt das Weitere der sonoren Ermahnung ab, und im nchsten Augenblick ging die Haustr auf. Dorothea stand auf der Schwelle und beschattete mit der Hand die Augen, um den Fussweg hinunter zu sphen. Der Schnitzler betrachtete mit Musse und belustigt das Mdchen, das immer noch an seinem munteren Liedlein weitersummte und ihn nicht wahrgenommen hatte. Wie stattlich die Dore eigentlich geworden war in den Jahren, da er sie nicht mehr gesehen hatte! Und wie munter und frisch in diesem Hause, wo mit Gewalt eine gewisse dstere Frmmigkeit aufrecht erhalten wurde! Urkraft der Heimat! Sie ging eilig zum Garten hinber, griff da einem Blmlein sanft unters Kinn, um ihm ins klare Auge zu schauen, und schob dort ein unvorsichtiges Reis aus dem lohbestreuten Weg, damit es nicht von unachtsamen Tritten Schaden nehme. Johohhahi! dankte sanft die Amsel vom Baum herab dem Mdchen fr winterliche Futterspende, und Jitz isch gly Meje, jitz isch gly Meje! jauchzte ihm der Distelfink zu, der mit seinen Vettersleuten zurckgekommen war. Jitz han i, jitz han i mym Schtzeli sys Schnbeli vermntschiert! sang bermtig hinter ihm der Buchfink in alle Welt hinaus. Dorothea sah unentwegt in den Baum empor und stand da mitten in Blumen und spriessendem, singendem Leben. Die Sonne wob in die Kraushaare ber ihrer Stirn einen Heiligenschein, und durch ihr junges Herz zog es wie lockendes, verheissendes Hohelied. Trab, trab, mahnte drben am Waldsaum rgerlich eine Krhe, und als das Mdchen wieder den Weg entlang sphte, sah es Vater und Brder daherkommen. Ein paar eilige Schritte tats aus dem Garten, dann fuhr es zusammen. Ei, warum habt Ihr Euch nicht gekndet? schalt es an Grussesstatt den vergngt dasitzenden Schnitzler. Das ist nicht schn, einen so zu erschrecken! Und es war Dorothea in diesem Augenblick auch wirklich zu Mut, als habe dieser Mann da etwas erlauscht von dem Singen und Sehnen, das durch ihr Herz gezogen war draussen im sonnigen Garten. Ihr frisches Gesicht errtete sichtlich, und eilfertig raffte sie die Hausschrze auf: Ich wre wohl nicht in dem Aufzug herausgekommen, wenn ich Euch gesehen htte, entschuldigte sie sich gleich. Wenns einen so blen Empfang gibt, so gehe ich lieber wieder, zrnte scheinheilig der Schnitzler. Da lachte sie: He ja, Ihr werdet Euch grausam frchten! Da kommen sie ja, und sie wies auf Vater und Brder im Weg unten. Eicher brachte dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er die Geschftssache vor, die ihn eigentlich hergefhrt hatte. Der schttelte den Kopf und beschied ihn endlich: Darber reden wir noch. Einstweilen kommst herein und hltst gleich mit. 85

Hat dich das Dori jetzt wohl alle Lnge dastehen lassen? Sie ist doch ein unbedachtsames Meitli! Der Schnitzler wehrte sich so eifrig fr sie, dass den Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er ein Lachen ankam und er ihn neckte: Machst es grad noch so wie wie frher, wenn ihr beisammen waret und sie Strafe bekommen sollte. Da hast auch immer ihre Partei genommen. Das hrte die Dore, welche sich eilig herausgeputzt hatte und nun das Essen auftrug, und sie sandte dem Vater einen verlegenen, bitterbsen Blick zu. Nach dem Mahle hub Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) an: Ja das ist mir gar nicht lieb, dass du so im Rckstand bist mit den bestellten Sachen; ich hatte mich felsenfest darauf verlassen. Und ein Geschftsmann, besonders ein Anfnger, sollte immer darauf halten, dass er zur rechten Zeit und seinem Versprechen gemss parat ist. Wie sollen wir es nun mit dem Knzeli machen? Dem Schnitzler war nicht gerade wohl bei dieser Strafpredigt; nun sah er auf und fragte: Was fr ein Knzeli? Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) tat einen tiefen Atemzug und sagte: Der kantonale christliche Verein hat auf meine wiederholten Vorstellungen hin endlich eingesehen -- mchm dass das geistliche Leben hier oben immer noch oder, besser gesagt, immer mehr im argen liegt. Und um ihm aufzuhelfen, mssen wir ein grsseres Lokal haben. Ich will nun nach meinen Krften zum Gelingen dieses guten Werkes beitragen, und der Verein tut auch etwas; den Rest hoffen wir durch freiwillige Steuern von Fremden zu bekommen; einstweilen schiesse ich auch den vor. Mchm. -- Der Saal kme neben das Hotel auf meinem Boden zu stehen, und da hinein gehrt eine kleine, einfache Kanzel. Dem Schreinerniggel kann man das nicht auftragen, denn sonst wrde eine Hhnerkiste daraus. Aber du wrest der Mann und wirst gewiss das deinige gern zu dem guten Werk beitragen, denn -- mchm viel knnen wir nicht zahlen. Sie msste auch etwas verkramenzelt (Verziert) sein -- -- Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sah den Schnitzler jetzt fragend an, und der sah Dore an; denn er wusste nicht, warum sie lachte. Hei ja, das macht sich schon! erwiderte er flchtig, das macht sich schon. Da Holte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) den fertigen Plan, und Eicher schrieb sich die Masse auf. So ungefhr fr das Material knnen wir dich entschdigen, mehr weiss Gott nicht, seufzte dabei der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er. Und mit einer neuen unabtrglichen Bestellung, aber mit frhlichen, bunten Gedanken machte sich der Schnitzler erst spt am Nachmittag auf den Heimweg. Vor dem Waldegg(Wengwald) sassen der Oberlehrer von Gletschbach(Lauterbrunnen) und der Gemeindeschreiber bei Marei und Benz; Hans Eicher hatte sie von weitem gesehen und berlegte sich, was die wohl da zu suchen haben. Sie begrssten ihn ausnehmend freundlich und umstndlich wie Leute, die etwas von einem wollen, und der Oberlehrer sagte endlich: Hei ja, es ist davon die Red, die Bahn im Sommer mit einer Feier und einem Schtzenfest einzuweihen. Da sind wir nun ausgeschossen, Gaben zu sammeln und Leute fr den Festzug anzuwerben -- -- Ihr wisst ja, ich bin nicht Militr, fiel ihm der Schnitzler ins Wort und streckte den Finger vor, welchen er in jungen Jahren beim Rssleinschnitzen verstmmelt hatte, und wo sollte ich mich im Schiessen ben? Bei uns in Gletschbach(Lauterbrunnen)! riefen die beiden Werber miteinander. Den Schnitzler wandelte wohl einen Augenblick die alte Luft zum Waffenspiel an; 86

aber da knisterte der Kanzelplan mahnend unter seinem Arm, und er redete sich mit seiner vielen Arbeit aus. Aber eine Gabe werdet Ihr doch stiften und eine Rolle bernehmen im Festzug-- Das sagte er nun freilich zu, und sie gaben ihm das Aufgebot fr die Konstituierende Versammlung der Komitees fr das Schtzenfest in Gletschbach(Lauterbrunnen) und die Einweihungsfeier der Bahn Gletschbach(Lauterbrunnen)=Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) im Juli 1889 wie es in dreizeiliger berschrift auf der Karte hiess. Als sie fort waren, sah Eicher erst die Betrbnis, welche auf den Gesichtern der Seinigen lag. Vorgestern ist Elias Marti gestorben! Da lies selber, berichtete Benz und hielt ihm den Trauerbrief hin. Morgen ist schon die Leich, und du wirst wohl auch gehen, drauf Marei. Und ich geh mit ihm, entschied Benz, und etwas wie Rhrseligkeit des Alters war ber ihn gekommen. Noch blinkte da und dort ein verschlafenes Sternlein im Westen, und ber den Bergen leuchtete es in Wolkenschleiern wie ein Himmel in Glut, als Benz am andern Morgen im Sonntagsstaat den Fussweg heraufkam. Da packt euren Proviant ein. Hans kann das Brot und den Speck nehmen und du die Eier, Benz, verordnete Marei geschftig, und so geschahs. Damit aber die Eier nicht zu Schaden kommen, bettete sie Benz in den gerumigen Tabakbeutel mitten in das weiche, duftende Rauchkraut. Und den Beutel schob er in die hintere Rocktasche zur mehreren Vorsicht. Das Bergabsteigen ging dem Benz nicht mehr so flink wie damals, als er seinen Schtzling auf dessen erstem Flug in die Welt hinaus geleitet hatte. Und zu der Gebrechlichkeit gesellte sich bei dem alten Mann eine ziemliche Trbseligkeit, so dass er viel vom Sterben redete und jeden Einspruch hartnckig damit zurckwies, dass Elias Marti ja viel jnger sei als er und nun schon drangekommen sei. So langten sie in Gletschbach(Lauterbrunnen) an und sassen nun wie damals ausruhend auf dem Brckengelnder, aber mit vertauschten Rollen; denn jetzt liefen dem Rain=Benz klglich die Augen ber, und an Hans war es, ihn aufzumuntern. Aber dem war mit Leibesstrkung nicht beizukommen. Hab noch keinen Hunger, wehrte er ab und blies weiter Trbsal. Es wurde mittlerweile Zeit zur Abfahrt, und da liess sich nun Benz in der Eisenbahn mit einem tiefen Seufzer auf die bequeme Bank fallen. Aber gleich fuhr er entsetzt in die Hhe, als sei er in eine Nadel gesessen, und das eben noch wehmtige Gesicht wurde erst lang und dann rgerlich. Er holte eilfertig seinen Tabakbeutel hervor und knurrte: Hab ichs doch gedacht! Und dann packte er ein merkwrdiges Gemengsel von zerbrochenen Eierschalen und deren Inhalt aus, fast unkenntlich in dem anhaftenden Tabak. Das braune Kraut und die zerquetschten Eier waren eins; nur zwei fdige Tropfen Eigelb sanken langsam zwischen Benzens Fingern hindurch auf den Boden. Er sah sehr rgerlich und Hans sehr verdutzt auf die Bescherung. Sollen wir das nun essen oder rauchen? fragte der Alte scharf und hielt es dem andern noch nher hin. Dann riss er das Fenster auf und warf die Handvoll hinaus und den ehrwrdigen Tabakbeutel mit dem Rest hintendrein. Und nun ging ein herzerleichterndes Schimpfen los ber zu weich gekochte Eier; ber die Zumutung, dass er, Benz Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) bei seinen alten Tagen solche einstecken msse, und ber die schne, glatte Bank, die nicht ein Leben der Rockschsse vonnten gemacht habe wie das Brckengelnder Es ging nieder wie ein whrschaftes Gewitter mit Donner und Hagel. Aber schon guckte wieder die Sonne durchs Gewlk. 87

Htt ich nur den Beutel behalten! Der reut mich! Da rckte Eicher mit Brot und Fleisch auf den Plan; nun zogen die Wolken eilig vorber, und nach beendeter Mahlzeit wars eitel Sonnenschein, das heisst immerhin erst so ganz vollstndig, als sich Zigarren blicken liessen. Hans reichte dem Alten eine herber; der drehte ihr kurzerhand das Genick um und brockte sie in seine nachgerade vllig ausgehungerte Pfeife. Am Himmel aber wars anders gekommen. Die Wolken, die am Morgen im Osten in Flammen gestanden, hatten Zuzug erhalten, und nun war alles bedeckt. Die Nebel hingen tief an den Bergen herab wie eine graue, feuchte Decke, unter welcher sich der Wind so recht unfreundlich herumtrieb. Durch den Behang sieht Elias nicht einmal sein Begrbnis, behauptete Benz, als sie ber den See fuhren. Sie kamen gerade recht, um beim Totenhaus in die Reihen zu treten. Da hub ein feiner, kalter Regen an, und dem Pfarrer wars nicht zu verbeln, dass er die Rede nicht gar sehr in die Lnge zog, trotzdem das Vordach alle in seinen Schutz nahm und Elias Marti ein ehrliches Lob wohl verdient hatte. Die Witfrau begrsste die beiden alten Bekannten nach dem schweren Gang in grosser Trauer, aber mit treuer Freundschaft. Ach ja, berichtete sie mit einem Seufzer, und von den Kindern war keines bei ihm, als er auf dem Todbett lag. Der lteste schrieb uns zuletzt aus Hamburg, er wollte dort fort, weil es ihm schlecht gehe; er sei auch zwei Monate im Spital gewesen und noch nicht ganz geheilt. Seitdem wissen wir nichts mehr von ihm -- -- -- Und die zwei andern? fragte Hans. Christian ist wohl auf der Heimreise von gypten; er war dort Sekretr in einem Hotel, und das Mdchen ist Kammerjungfer in England bei einer Herrschaft, welche es im Hotel engagiert hat. Schon wollte Benz fragen, was nun aus dem kleinen Bauernwesen werden solle, als die Witwe fortfuhr: Mit fremden Leuten kann ich nicht gut weiterfahren, es trgt die Lhne nicht ab; so will ich mich, wenn es den Kindern recht ist, um einen Kufer fr das Heimet umsehen; denn von ihnen will es keines bernehmen. Benz fragte nicht viel zu dem Bericht, wenn er ihn auch zu trben schien; die Zeit fr die weite Rckreise der beiden drngte, und als sie nach strmischer Seefahrt im Bahnwagen sassen, dehnte sich der Alte behaglich und schmunzelte: s ist doch kommod, so eine Eisenbahn, und der Regen peitschte ausgiebig gegen die Scheiben. Nur schad, dass sie nicht schon nach Stgen(Wengen) hinauf fhrt, brummte er, als sie in Gletschbach(Lauterbrunnen) in das Unwetter hinauskamen. Es war eine finstere Nacht, als Eicher den Benz glcklich wieder ins Waldegg(Wengwald) brachte. Eilig warf sich der mit Husten und chzen in die Ofenecke und erzhlte, aus wes Grund er um seinen langjhrigen Tabakbeutel gekommen sei. Und dann kam ein unchristliches Urteil ber die Kinder des Elias Marti, die lieblos das Heim ihrer Jugend und ihrer Mutter den Zufllen eines Verkaufes preisgben. Und das Neueste von Stgen(Wengen) wisst ihr ja noch gar nicht. Den Kneubach(LauenerHansueli)er haben sie heute tot in seinem Bett gefunden; er muss schon vor zwei, drei Tagen verschieden sein. Kein Mensch hat nach ihm gesehen, bis der Schachenjoggi wegen einer kranken Geiss zu ihm wollte. Da war er tot und ganz braun im Gesicht, erzhlte jetzt Marei. Jenes Mal unser vier und nun gar niemand, als es wircklich Ernst galt! sagte Benz nachdenklich.

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Der Schachenjoggel war damals vom unordentlichen Totenlager des Alten nach dem Stall gegangen; er war auch ein Bauer, wenn ihm schon nur ein mageres altes Khlein gehrte. Du arms Geissi, seufzte Joggi, als er die verhungerte Ziege losband und sie behutsam in einen Winkel bei der Tre schleppte. Am Mittwoch war der Kneubach(LauenerHansueli)er zu beerdigen; kaum ein Dutzend Menschen standen beim Leichengebet am Sarge, alte Leutlein, von denen die einen, wie Rain=Benz, den Kneubach(LauenerHansueli)er im Grunde doch hatten leiden mgen, indes die andern in ungewisser Furcht vor zauberischem Schabernack dem Toten das letzte Geleit gaben. Der junge Schulmeister trieb mit Lobreden keinen grossen Aufwand, rgte aber nachdrcklich den Aberglauben, der sich um den Kneubach(LauenerHansueli)er gesponnen. Er war damit schon fast zu Ende, als der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er sich zu der kleinen Versammlung gesellte und scharf dem jungen Eiferer ins Gesicht sah. Hrt Lehrer, ermahnte ihn Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), als sie dann nebeneinander dem Tal zuschritten, Ihr mgt es ja gut im Sinn haben. Aber unrecht war vielleicht doch, was Ihr da dem Toten nachgeredet habt. Keiner weiss, wie es um ihn selber steht, geschweige denn, was am andern eine Schuld ist. Denket daran, wenn Ihr in Eifer kommt, und denket auch, dass Euch das einer gesagt hat, der viele schlaflose Nchte mit Zweifeln und Ringen nach Erkenntnis hinter sich hat -- -- -- Der Schulmeister sah erstaunt zu dem Manne auf, in dessen Stimme ein ungewohnter Ton lag. Schweres habe ich durchgemacht im Kampfe mit mir selber, und, weiss Gott, ich verzweifle oft am Siege! Der Schulmeister belustigte das Pathos in Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Worten; er tat sich viel darauf zu gute, als ein Aufgeklrter zu gelten, und der Seitenblick, den er dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er zuwarf, bedeutete so viel wie Alter Fuchs! Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) fing den Blick auf, fuhr aber gleichmtig weiter: Mancher junge Mensch will am Wirtshaustisch, oder bei anderer Gelegenheit, -- manchmal gar zu Hupten eines Sarges -- etwas Besonderes scheinen, indem er ber andere den Stab bricht. Nimmt er sich aber jemals die Mhe, in das Herz und in die steten Kmpfe dieser Menschen um das Ewige einen Blick zu tun? Er kennt nicht einmal sich selber! Der Kampfesmut des Schulmeisters ward gehemmt durch eine jhe Betroffenheit, und er liess die Gelegenheit zu grndlicher Aussprache vorbergehen, nach der er sich so lange gesehnt hatte. Der Volkstribun im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald), den er von Anfang aufs Korn genommen hatte, stand in einer andern Gestalt vor ihm, als er sich ihn nach dem Hrensagen ausgemalt hatte, ein wechselndes Rtsel.

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XVII.
Das Kranksein ging in dem nasskalten Frhlingswetter um und steckte auch den Pfarrer von Gletschbach(Lauterbrunnen) tief in die Kissen. Bald schmerzte es ihn da, bald zupfte es ihn dort, und er hustete ganze Nchte, dass ihm der Schweiss ber die Backen lief. Er hatte eine frmliche Apotheke auf dem Tisch und begann sein Tageswerk mit Pillenschlucken, setzte es mit Pulvern und Tropfen fort und endete es wieder mit Pillen. Das Zupfen im linken Bein flchtete sich vor all den Mixturen in den Magen, aus dem nach des Pfarrers felsenfester Meinung auch der Husten kam. Und als der nun nicht nachliess, aber dafr die Magenschmerzen immer rger wurden, war es ihm bei allem eine Genugtuung, dass er recht gehabt hatte. Der Doktor sagte zwar nichts auf seine Vorhalte; aber er nderte die Reihenfolge des pfarrherrlichen Tagewerkes und ersetzte zwei Mixturen durch andere. Doch der Patient nrgelte weiter und spottete ihn so ganz vorsichtig aus. Da wards dem Medizinmann einmal zu bunt, und er erklrte: Der Husten beim Menschen kann vom Hals, von der Brust, oder aber vom Weinkeller herkommen; bei Euch, Herr Pfarrer, sind Hals und Brust ziemlich gesund. Die Krankheit zog sich in die Lnge, und der Pfarrhelfer richtete sich allmhlig auf festeren Aufenthalt ein. Er war ein junger Mann, dessen schwarzer Rock nicht so recht zu dem frischen und lebensfrohen Gesicht passen wollte. Als ihn die Gletschbach(Lauterbrunnen)er zum erstenmal vor Augen bekamen, versahen sie sich mit heimlicher Freude recht weltlicher Dinge von dem Vikar, und der Prsident meinte, der sehe grad aus wie ein Offizier, dem man ein trbseliges schwarzes Habit angezogen habe. Aber Woche um Woche verrann und Vikar Hrnberg gab keinen Anlass zu gerechtem Entsetzen; freilich hielt ers in vielem anders, als der kranke Pfarrherr es gehalten hatte. So ging er oft des Morgens bei schnem Wetter mit Rucksack und Bergstock fort und berliess die Schflein zu Gletschbach(Lauterbrunnen) getrost dem himmlischen Hirten; er selbst suchte sich droben in den Bergen nach langem Wandern ein Ruhepltzchen an sonnigem Rain, hielt sein bescheidenens Mahl, und die Vgel besorgten ihm dazu die Tafelmusik. Dann stieg er weiter zu irgend einem Lugans, und hier liess er seine Augen weithin schweifen ber die herrlichen Denkmler von Gottes Allmacht; wie eine Offenbarung glhte es durch sein Herz, und er liess es gerne Abend werden, bis er ernst und neugestrkt in die Niederungen der Menschen zurckkehrte. Und frei aus vollem Herzen klang die Pedigt, welche ihm die Berge gehalten, im sonntglichen Gottesdienst wieder; die Gletschbach(Lauterbrunnen)er merkten bald, dass er mit ihnen selbst redete und nicht mit einem Blatt Papier, auf dem die Predigt aufgeschrieben stand. Es war auch vieles in den lebendigen Worten, was dieser und jener fr sich brauchen konnte; denn der Vikar spazierte nicht mit der Bibel vor der Nase im Himmel herum, sondern er ging auf Erden einher und wies wie ein kluger Mann auf diese und jene Ungebhrlichkeit, die am Weg der Menschen lag und die der einzelne oder die ganze menschliche Gemeinschaft wegschaffen msse zum eigenen Besten, wie sich das Dorf oder das Tal oder das ganze Land zusammentun, um ein Hindernis gemeinsam zu bewltigen. Eintracht, Wohlwollen zu einander, guter Wille eines jeden und Rechtssinn, das waren die Ecksteine, auf die er baute, und nie zeigte er auf den Herrgott als Zahlmeister fr gute Werke oder auf den Teufel als Schergen fr beltaten. Da kam denn ber manchen so ganz gegen seinen Willen die stille Frage: Wie stehts mit den Ecksteinen bei dir? Vom lieben Gott und vom Teufel hatte er so viel predigen gehrt, dass er jedes Mal gedacht hatte: Der Himmel ist weit und der

liebe Gott zeigt sich nie, und die Hlle ist weit und der Teufel kommt auch nie zum Vorschein, und bei diesem Trost sanft eingenickt war. Nachtrglich sagte freilich der und jener, verstohlen die Augen reibend: Es war eine schne Predigt! Da war nun der Vikar mit seinen Ecksteinen ein Ruhestrer innen und aussen: denn er warf sie just dahin, wo sonst das Gewissen so ruhig und behbig auf breiter Strasse hatte einherwandeln knnen, ber sich den Himmel und unter sich die Hlle, beide in ungefhlicher Entfernung. Da es sich aber jetzt alle Augenblicke an einem der Ecksteine stiess, so hielt es den Andchtigen die Augen offen und brachte sie in einen nachdenklichen rger, der noch lange nach der Predigt nicht zur Ruhe kommen wollte. Da war denn doch der kranke Pfarrer mit seiner Abwechslung von Himmel und Hlle der Leibesruhe frderlicher gewesen. Unterdessen hatte das Komitee fr die Bahneinweihung und das Schtzenfest sich zusammengefunden und war ans Werk gegangen. Leicht war schon der Anfang nicht; denn die meisten machten ein rgerliches Gesicht, wenn sie nicht ein besonders ehrenvolles Amt bekamen, und einige kehrten der Sache gleich trotzig den Rcken, standen ihr auch nachher eifrig in den Weg. Aber schliesslich brachte man doch die Leute so leidlich zusammen; sogar Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel im Boden auf Stgen(Wengen) machte wieder mit gegen die bndige Zusicherung, dass er im Umzug den Zhringerherzog darstellen knne, und der Oberlehrer blieb auch, als man ihm nachgab und sich fr ein allegorisches Bild auf einer Theaterbhne mit Vorhang entschloss; denn ohne eine solche erklrte er entschieden das Ganze fr verfehlt und wollte das sichere Misslingen nicht verantworten helfen. Von Stgen(Wengen) halfen mehrere mit; so Hans Eicher als Freiherr von Weissenburg und Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), der Erstgeborene des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers, als Prior der Benediktiner zu Rotenbalm(Interlaken) und seine Schwester Dorothea als Priorin des Frauenklosters; Hans Feiss(Feuz,Alpenrose) im Boden als Herzog Berchtold von Zhringen und andere wieder als Jger, Schildknappen und Landknecht; Balmer, der auf jeden Fall auch mittun wollte, hatte das geruhige mtlein eines erlegten Bren erhalten. Der Vikar, den man um Rat und Hlfe bei dem ganzen Plan anging, lehnte khl ab, und das rgerte viele; denn das kommende Fest galt jetzt schon als Prunkund Ehrentag der Talschaft auf alle Zeiten hinaus und sollte sie berhmt machen in aller Herren Lnder. Als nach der Pfingstpredigt der Kirchgemeinderat nach alter Gewohnheit ins Pfarrhaus ging, um von dem guten Abendmahlwein ein gelbdefreies Glas zu trinken, fhlte der Prsident dem Vikar erst vorsichtig auf den Zahn; kaum aber erriet der Krmer Rubin, wo es eigentlich hinauswollte, als er hastig schnabelte: Glaubt Ihr, Herr Vikar, so ein Ehrenfest sei eine Snde? Wer ganze Tage mit dem Rucksack in den Bergen herumluft, statt sein Amt zu versehen, der sollte doch auch fr so etwas Zeit haben! Die wrdigen Gesichter in der Runde wurden rgerlich, und der Prsident rutschte auf seinem Stuhl herum. Als er endlich zu Wort kam, wollte er beschwichtigen. Nun, so ists nicht gemeint. Aber ich dachte bloss, und viele andere auch, dass Eure Mithilfe bei den Vorbereitungen auf das Fest ntzlich gewesen wre. Fr uns selber wrs ja bald gut genug; aber es kommen wohl Fremde in hellen Haufen, und ihretwegen wird das Fest so grossartig gehalten. Da mssen wir uns Mhe geben; denn es soll eine Art Reklame ausmachen fr das ganze Tal -- -- Gerade das ists! schnitt ihm der Vikar beinahe das Wort ab. Wre es ein wirkliches Volksfest, so wrde ich mit tausend Freuden helfen. Aber es ist eine kostmierte Lge. Kein einziger fragt: Wie wird uns das gefallen? Oder: ist das schn? Sondern allenthalben heisst es nur: das muss noch sein und so muss es sein, sonst 91

gefllt es den Fremden nicht. Und dabei tauft ihr die Veranstaltung Volksfest, und die Zeitungen flunkern von patriotischen Zielen solcher Anlsse! Die Fremden wollt ihr locken, ihnen wollt ihr gefallen, das ists, und dazu mssen Kostme aus allen Windrichtungen und gewandte Arrangeure herbeigetrommelt werden! Zu einem solchen Gaukelspiel biete ich die Hand nicht, obwohl ich damit eure Gunst verliere; ich bin Gott und meinem Gewissen ber mein Amt Rechenschaft schuldig und darf dabei nicht das belwollen der Menschen frchten. Der eigensinnige Vikar hatte seine Worte hastig hervorgestossen, und in seinem Gesicht loderte der Zorn; er trat ans Fenster, durch das die eisgekrnten Zinnen der Berge schimmerten; da wandte er sich noch einmal um und rief. Es ist eine Schande, die ihr diesen reinen Bergen mit solchem Trug antun wollt! Und das Fremdenwesen wird noch manch anderes im Gefolge haben als reichen Erwerb. Aus dem Beatenberg hat es einen Bratenberg gemacht; euer Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) wird fr eure Kinder zum Sorgenhorn werden --- Der Prsident war von seinem Stuhl aufgestanden mit schlecht verhaltenem rger, und die andern folgten seinem Beispiel. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) erhob warnend die Hand gegen den Vikar: Ihr seid noch jung und habt noch viel zu lernen, bis Ihr wisst, was Eures Amtes ist! Damit gingen sie hinaus, und der Vikar hrte von der Treppe her hhnisches Gelchter. Der donners Schnafel (Naseweis) will uns wohl gar regieren! wetterte Rubins helle Stimme. Du bist aber auch grad dreingefahren wie der Stier in den Asthaufen! hrte Hrnberg den Prsidenten schelten. Dann knarrte die Tre, und der Kirchgemeinderat marschierte zu zweien und dreien vom Parrhaus die Dorfgasse hinunter. Als ihnen der Vikar von seiner Stube aus nachsah, war es ihm zu Mut wie einem, den lange Zeit ein Grtchen im Halse gejuckt und gestochen, und der nun auf einmal den Peiniger losgeworden ist. Noch dachte er ber seine Worte nach, ohne ein einziges davon zu bereuen, als er den Prsidenten und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) wieder daherkommen sah. Ihr Besuch galt aber diesmal dem kranken Pfarrer und Hrnberg beneidete ihn nicht sonderlich darum. Aber vielleicht htte es seine beschauliche Ruhe doch gestrt, wre das zu seinen Ohren gekommen, was sie am Krankenlager verhandelten. Er ist kein Pfarrer, der auf der Bibel fusst, klagte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) dem Kranken, das ist ein gottloser Reformer. Denn wo der Name Gottes nicht ausdrcklich im Gebetbuch oder im Text gedruckt steht, da braucht er ihn kaum, verweist auch nicht auf die Strafen, welche der Gottlose im Jenseits zu leiden hat. Seine ganze Predigt ist von dieser Welt, grad wie ein Aufsatz ber eine ordentliche Lebensfhrung. Jetzt nahm seine harte Stimme einen sanfteren Klang an, als er hinzusetzte: Und wie notwendig ist es doch, dass Gottes Diener uns schwachen Menschen je und je die Verheissungen des Herrn erneuern und die Strafe vor Augen halten, welche der Snde droht --! Der Pfarrer hatte, den Blick von Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) auf den Prsidenten und von diesem auf den mchtigen Eichenschrank an der Fensterwand richtend, abgewartet, bis die Rede zu Ende war, und hinter ihrem letzten Wort fiel seine Stimme ein: Prfis, such dort im unteren Fach, ob du etwas zum Beissen und etwas dazu findest; ich mag die Mariann nicht rufen; sonst steht sie nachher wieder an allen Tren herum, und dann weiss gleich das ganze Dorf, was gegangen ist.

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Der Imbiss kam in eifrigen Gang, und der Pfarrer tat wacker mit. Offensichtlich gestrkt, blickte er um sich und fasste schliesslich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ins Auge. Ja ja, Herr Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])! Man hat immer so ab und zu einen missliebigen Ton und Deut ber mich fallen lassen -Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sah einen Augenblick betroffen an dem Kranken vorbei -- aber ich habe immer getan, was Gottes Wort und mein Gewissen mir geboten, und mich nicht um Menschengunst gekmmert. Wohl bin ich noch ein kranker Mann; aber wenn mein Amt es erfordert und das Seelenheil der Pfarrkinder, dann werde ich auch trotz Schmerzen und Gebrechlichkeit wissen, was ich tun soll. ber acht Tage predige ich wieder selber . . . Gerhrt danktem ihm die beiden Abgesandten des Kirchenrates und gingen vergngt ins Cafe Gletschbach(Lauterbrunnen), wo die andern geduldig ihrer im Hinterstbchen harrten. Nicht nur predigte der Pfarrer unter chzen und Husten am Sonntag wieder selbst, sondern er nahm auch die geistige Oberleitung des Festes in seine Hand, und Hrnberg zog dem Unterlande zu auf die kleine Pfarre, die ihn derweilen zu ihrem Seelsorger bestellt hatte. Auf das Fest hin ging es nun wacker vorwrts. Hinter dem Hotel Gletschbach(Lauterbrunnen) wurde auf freier Wiese ein langer Holzbau aufgerichtet und davorhin Pfhle zu Sitzbnken in vielen Reihen und in weitem Bogen in den Boden gerammt. Der Pfarrer und der Oberlehrer sassen derweilen fast allabendlich beisammen und dichteten an dem Spielstck, das ber die Bhne in jenem langgestreckten Holzbau gehen sollte. Sie folgten dabei den Aufzeichnungen, die ihnen ein Dichter aus Rotenbalm(Interlaken) zuschickte. Das Ganze brachte seinen Umfang zwar nicht ber vier Abschnitte; aber die hatten den Pfarrer schon Nachdenkens genug gekostet, so dass er allen Phantasien des Oberlehrers ein verzweifeltes: es tuts jetzt, es tuts jetzt! entgegenstellte. ber den Oberlehrer dagegen war es allmhlig wie die Urkraft des Genius gekommen; er war nicht zu halten und dichtete in der Hinterstube abseits des Weltgetmmels emsig weiter, und eines Samstags stand im Blttchen von Rotenbalm(Interlaken) ein Lied an die Jungfrau, auf das die Gletschbach(Lauterbrunnen)er nicht wenig stolz waren. Am gleichen Samstag wurde auch die erste Theaterprobe im Brensaal abgehalten. Die Spieler hatten ihre Rollen eifrig gelernt, und wie sie nun einmal die erste Schchternheit berwunden, kam ihnen die zugewiesene Obliegenheit doch wrdig und ehrenvoll vor, und sie gaben sich ihr sogleich mit Eifer hin. Da sassen die urzeitlichen Jger rund um ein nicht vorhandenes Lagerfeuer, und ihrem Anfhrer, dem Schachenjoggel, sah das Pfeifenmundstck neugierig aus der Tasche; ihm gegenber hngte Hrlibenz einen langen Zipfel seines roten Nastuches heraus. Aber das strte die Freude am Spiel nicht. Da haben wir doch eine zarte Gemse, wie ich sie noch nie gegessen! rief Schachenjoggel in die Runde und deutete auf die mchtig beschlagenen Schuhsohlen des Hrlibenz, der ihm gegenber auf dem Boden sass und seine Schuhnasen ungefhr in die Hhe des gedachten Bratspiesses streckte. Alle nickten eifrig und sahen mechanisch nach den Schuhsohlen hin. Und dort oben mssen sie zu Hunderten zu finden sein! perorierte Schachenjoggel weiter und deutete mit straffem Arm nach einem Winkel der Saalecke, meinte aber damit die Abhnge des Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen)s. Darob kam der Rampfmatt Hans zur Seitentr herein, ein wrdevoll dreinschauender Mann in langem Bart, mit einer 93

blauen Fuhrmannsbluse angetan; er war der Berggeist und schritt stracks auf die Jger zu. Grss dich! Hlst mit? bewillkommte ihn der Schachenjoggel. Aber der Alte schttelte den Kopf und hub nun eine lange Verhandlung an mit den Eindringlingen, wie er es fr die Zukunft mit ihnen und ihren Nachkommen halten werde. Schachenjoggel gab ihm Red und Antwort, und die andern nickten zu allem und blickten finster bald in das nicht vorhandene Lagerfeuer, bald auf die beiden. Endlich kam man berein, und laut hallte des Alten Rede durch den Saal: Wer aber von euch und euren Nachkommen zu irgend einer Frist den Bergen ein Leides tut, der soll mir mit Leib und Seele, mit Gut und Blut zu Rache und Strafe berantwortet sein! Ja, das soll er! rief ebenso laut Schachenjoggel, und nun standen auch seine Gefhrten auf, das Gelbnis in die Hand des Alten abzulegen. Dann verzog sich dieser aus der einen Tr, die Jger singend und wohlgemut aus der andern. Sogleich rckte nun ein ganzes Vlklein mit Kind und Kegel daher, und der Anfhrer wies ihnen Pltze zu friedlichem Httenbau. So ernst nahmen sie die Sache, dass die Grit Betschen ihr Mdchen am Ohr zog, weil es ausrief: Heee Mutter, lug den Vetter, der tut dumm! Das ging den Anfhrer an, und das ausbrechende Kindsgeheul erhhte wesentlich die Wahrheit des Aufzuges. Die Mnner trmten geschftig die langen Saalbnke aufeinander zu Htten, und der Oberlehrer schoss regierend unter ihnen herum, damit ja alles naturgetreu geschehe. Die Weiber standen zusammen und verhandelten eine Dorfneuigkeit, bis er auch zu ihnen kam und sie anfuhr: Nun, wollt ihr wohl an die Arbeit gehen?! Von den Buben, denen das Hirtenamt zugefallen war, hatte einer sogar auf Vaters Geheiss schon jetzt seine Peitsche mitgebracht und knallte frhlich im Saal herum, bis er im Wogen der Menschen den eifrigen Oberlehrer mit dem Ende der Schnur traf und ihm dafr dessen Hand ins Haar fuhr. Nun rckte Herzog Berchtold von Zhringen, Rektor Burgundiae, mit seinen Reisigen auf den Plan. Er hatte ein neues halbleinenes Gewand an und einen Strohhut auf dem Kopfe; ja sogar eine Zigarre ragte unter den fahlgelben Schnauzborsten hervor; denn Hans Feiss(Feuz,Alpenrose) nahm sich stets etwas mehr heraus als andere. Der Dorfhuptling gab ihm Rechenschaft ber seine Untertanen, und die Ritter standen in Kitteln und Blusen, mit Strohhten und Zipfelkappen um den hohen Herrn herum und hrten mit sehr ernsten Gesichtern zu. Alles recht, Eginbold, aber nun baue ich dort eine Burg -- und er wies nach dem grossen Kachelofen hin -- und dazu musst du mit deinen Dorfleuten drei Monate fronen. Die Burg aber -- und nun sah er einen seiner Begleiter an -- Soll dir gehren als Lohn fr deine Treue in der Schlacht von Grindelwald. Unter den Dorfleuten ging ein vernehmliches Murren um, als sie von dem Frondienst hrten. Wir wollen keine Zwingburg bauen fr einen fremden Ftzel! rief ein bereifriger aus dem Haufen. Den holten die Ritter eigenhndig heraus und bergaben ihn dem eben des Weges kommenden Henker. Diesem folgte des Herzogs Jagdzug, und der Jgermeister blies auf seinem Weichenwrterhorn so eifrig, dass ihm der Herzog rgerlich zurief: Tu jetzt deine donners Posaune fort! denn er wollte nachher Baugericht halten. Die Jger trugen zu vieren den erlegten Bren Christian Balmer auf einer Steinbahre daher; er war aber wohl noch nicht ganz tot; denn er rieb sich einmal mit der Vordertatze das eingeschlafene Hinterbein. Dann hielt der Rektor Burgundiae vom Landstuhl herab Baugericht; seine schiefe, niedere Barbarenstirn umwlkte sich keinen Augenblick, als er dreie nacheinander zu Schwert und Galgen verurteilte. Und strengen Spruch tat er auch in Streitigkeiten, welche ihm die Ritter, die Drfler und die Geistlichen vortrugen. 94

Ja, Herr Herzog, hub der Prior von Rotenbalm(Interlaken) an, Unsern Rechten droht Gefahr durch das neue Frauenkloster; wir rufen Euren Schutz und Eure Hlfe an! Pathetisch rief Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Erstgeborener das seinem Vetter Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel zu; da trat die Schwester des Anklgers vor und verteidigte ihr Haus: Mit nichten, Herr Herzog! Wir halten uns nur an Brief und Recht, aber der da nicht -- -- --! Der Streit spann sich eine Weile weiter, ohne dass etwas Besonderes dabei herauskam. Darob ghnte der Herzog, und es ghnten nach seinem Beispiel noch etliche andere, so dass auf einmal der Oberlehrer in den Gerichtskreis schritt und die Verhandlung abbrach mit den Worten: s ist fr heute genug! ber acht Tage fahren wir fort. Es war spt geworden, und ber der Welt lag das sanfte Leuchten der Sterne. Von den Stgen(Wengen)ern rottete sich zum Heimweg zusammen, was nicht vorerst noch einkehrte, und was nach Stand und Freundschaft zusammengehrte. Balmer hatte sich an Feiss(Feuz,Alpenrose)hans herangemacht, Eicher ging mit den beiden Geschwistern vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald), und ihnen voraus stiegen die wilden Jger unter Schachenjoggels Fhrung bergan. Zuerst hatte der Schnitzler und die beiden Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ber das Spiel geplaudert; aber das Gesprch wurde immer einsilbiger, nicht weil es sie langweilte, sondern weil Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel und Balmer in solchen Eifer ber Hotelwesen und Viehzucht geraten waren, dass man sein eigen Wort nicht verstand. Die blaguiren einander noch Lcher in die Kpfe, raunte Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) spttisch; das ist gar zu lustig, wenn die zwei beisammen sind. Und damit holte er sie ein, so dass Eicher und Dore nun darauf angewiesen waren, sich selbst Kurzweil zu schaffen. Eine Weile hrten sie zu, wie sich Balmer von Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zu immer rgeren Behauptungen verleiten liess und Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel diese dann noch zu berbieten suchte. Es stieg aber bald etwas wie berdruss an diesen groben Witzen in ihnen auf, da noch kein vernnftiges Einlenken abzusehen war. Dorothea strauchelte auf dem steilen Wege; da bot ihr Eicher den Arm, und zgernd schob sie den ihrigen hinein. was ist denn Besonderes dabei? Wir sind ja Kameraden von klein auf gewesen, du und ich, hatte er sie ermuntert. So gingen sie nun eng aneinander geschmiegt bergan, und es kam ihnen bald vor, als wanderten sie alleine durch die laue Frhsommernacht. Die drei Vormnner rannten in ihrem Schwatzeifer frmlich den Berg hinauf, und ihr eintniges Hin und Her klang als ein Stimmengewirr immer ferner. Eine Zeitlang hatte Dore mit ihnen Schritt zu halten vermocht; aber nun wurde der Abstand grsser, und der Schnitzler drngte nicht zur Eile. Es war so friedlich ber den Bergen; die Erde atmete Jugendkraft und Frhlingsduft aus, und die Wsserlein am Wege plauderten lustige Heimlichkeiten, so dass der junge Mensch den Mdchenarm in dem seinigen fester an sich drckte. Dore fhlte das Zeichen; aber sie dachte nicht daran, ihm den Arm zu entziehen. Weit noch, wie es bei der Puppentaufe ging, als du das Zuckerwasser der Mutter in den Nhkorb verschttetest? frug Eicher. Ach pah, lass das jetzt in Ruh und erzhle mir lieber etwas von den fremden, grossen Stdten - - Wre es heller Tag gewesen, sie htte ihn nicht geduzt. Jetzt aber, wo er ihr Errten nicht sehen konnte, hatte sie Mut gefasst und es gewagt, dem mchtig aufwal95

lenden Gefhl folgend, dass in ihr rief: Wer wird in schner Sommernacht mit dem Jugendspielen solche Umstnde machen! Er erzhlte nun behaglich von dem und diesem, was er gesehen und erlebt; das Mdchen lauschte begierig auf die Kundschaft aus der weiten Welt, und es blickte den Begleiter oft bewundernd an. Ehe sie sichs versahen, holten sie am Kreuzweg zu Stgen(Wengen) die dreie, die da stehend weiterschwatzten ein, und nun rief Balmer: Aha, die haben sich nah zusammengelassen! Das Prlein lste mit einem erschreckten Ruck die Arme, und diesmal wnschte Eicher dem Balmer, der laut ber seinen Witz lachte, nicht gute Nacht.

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XVIII.
Das rgerte den Waldborter nicht wenig, und als Benz am Sonntag vergngt vor seinem Huschen sass, so recht der Sonne zuliebe, ging Christen Balmer bedchtig den Fussweg entlang und wartete sichtlich auf einen Anruf; der blieb auch nicht aus. Grss dich, Christen! Wie ists mit dem Kumedispielen in deinen alten Tagen? Oh, es macht sich, wenn man nur dazuliegen braucht und herumgetragen wird. Sogleich hatte er vom Wege abgeschwenkt und sass bei den letzten Worten schon neben Benz, dem er nun des langen und breiten die Ereignisse des letzten Abends im Bren zu Gletschbach(Lauterbrunnen) erzhlte, bermtig aufgeputzt, wie ers anders berhaupt nicht getan htte. Und als ganz kleines Satansschwnzchen hngte er seinem Bericht an, dem Schnitzler sei es noch besonders wohl ergangen; denn Arm in Arm mit der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)tochter sei der lange nach allen andern erst zum Kreuzweg heraufgekommen. Balmer sah scharf nach dem Gesicht des Alten bei diesen Worten, und einen Augenblick wollte es ihm scheinen, als sammle sich da ein richtiges Ungewitter; aber dann lachte Benz trocken auf. Hasts ihm wohl vergnnt, trotz deiner Stube voll Kinder! Aber als Balmer fort war, sah das Gesicht des Alten doch nicht mehr so zufrieden in die Welt hinaus wie vorher, und beim Mittagessen im Waldegg(Wengwald) gebrdete er sich geradezu unwirsch und hndelschtig. Es schien berhaupt alles aus der gewohnten friedlichen Ordnung geraten zu sein. Nach dem Essen begehrte der Geselle von Eicher seinen Abschied; er gab auf dessen bestrzte Fragen nach warum und wie dann keine rechte Antwort und bat immer nur mit klglichem Gesicht, ihn im Frieden seiner Wege ziehen zu lassen. Drunter und drber besann sich Eicher, was ihm wohl das Bleiben verleidet habe, und wurde dabei allmhlich recht rgerlich. Z Donner, sag jetzt einmal, Gottfriedli, wos fehlt! Das ist ein kindisches Gestrm! Und dann ein Gesicht wie eine Botenfrau? Aber es fruchtete nichts, und der betrbte Geselle schlich davon, als htte er dem lieben Gott den Essig ausgetrunken. Der Unmut ber diesen Vorfall brach die Maienlaune, welcher der Schnitzler den ganzen Morgen seine schnsten Liedlein dargebracht, jh ab, und er schoss in die Wohnstube, als knnte er dort ein Opfer fr seinen rger finden. Nur so im Vorbeiweg warf er die Neuigkeit seiner Mutter und Schwester zu, die in der Kche hantierten. Benz spazierte bslaunig vom Fenster zur Tr und der Schnitzler im gleichen Tempo von der Tr zum Fenster, und jeder sog an seiner Pfeife, so emsig das gerade anging, so dass da, wo ihre immergleichen Bahnen sich kreuzten, jedes Mal ein ansehnlicher Strudel von Tabakrauch zusammenschlug. Da wurde der Alte es mde, wie ein Eisbr im Kfig auf und ab zu marschieren; er setzte sich brummend auf die Ofenbank und sah nun unverwandt und giftig dem Schnitzler nach, der ihn sozusagen vertrieben hatte. Es gibt eigentlich nichts Dmmeres, als immer so auf und ab zu laufen, begann er hndelschtig. Oh doch! Zusehen, wenn einer luft, ist noch dmmer! versetzte scharf der Schnitzler. Aber in diesem unartigen Wort seinem lieben alten Freund gegenber hatte sich der ganze rger entladen; es reute ihn sogar, kaum dass er es gesprochen hatte, und sogleich kam er in eine sanfte Beschwichtigungsrede hinein. Benz kehrte vorerst den Beleidigten heraus: Gibst der Dore vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) auch so mutzen Bescheid -- -- --?

Da lachte der Schnitzler hell auf und setzte sich neben den Alten, auf dessen Gesicht druende Wolken und lieber, warmer Sonnenschein einen harten Kampf fochten. He, Benz, Benz, mit der bin ich gestern abend von Gletschbach(Lauterbrunnen) heraufgegangen und kann dirs schriftlich geben, dass wir kein Unwort zusammen hatten -- -- -- Sogar Arm in Arm -- -- --. Das glaub ich schon. Jetzt stutzte der Schnitzler. Dass Benz um die unschuldige Wallfahrt wusste, war ihm gleichgltig; er htte ihm das alles wohl scherzweise gebeichtet; aber dass die Sache schon in bsen Mulern herumgezogen wurde, erstickte seine Spasslaune. Was fr ein Waschweib hat da schon hausiert? Sicher der Balmer! murrte er. Und nun tat es wieder dem Alten leid, dass sein Bub auf einmal so griesgrmig dasass. He, was ist weiteres dabei, mcht ich fragen? Wenn einer in deinem Alter in allen Ehren freundlich mit einem hbschen Mdchen ist, wenn sie grad so den gleichen Weg haben, so versteht sich das. Denn wre ers nicht, so msste man ihn doch wohl fr einen Tlpel ansehen. Weit Hansli, ich habe in jungen Jahren auch die und jene vom Rotenbalm(Interlaken)ermarkt heimgeleitet und ihnen so aus warmem Herzen gegurrt wie ein Tuberich, und eine hat mir einmal sogar ein Ksslein gegeben, so schn, dass ich das Maul noch bis heim leckte denn sie war von Gletschbach(Lauterbrunnen) und noch jahrelang wohl daran lebte, wenn ich sie nur sah oder von ihr hrte. Es ging dabei doch alles in Ehren, und von Heiraten war kein Gedanke. Eine hatte ich wohl gern, so recht gern, noch jetzt, wo sie lngst unter dem Boden ist; aber der hab ichs nie zu verraten getraut, und wenn wir so zusammenkamen bei anderen Leuten, so sind wir einander just ausgewichen. Da hat sie dann nach Jahr und Tag einen anderen genommen und ist in der ersten Kindbett gestorben -- -- -- Benz erzhlte das nachdenklich vor sich hin; es war das erste Mal, dass er sein grsstes Geheimnis preisgab. Da trug Emma den Sonntagskaffee auf, und das Gesprch brach vollends ab. Einesmals aber rief Benz erschrocken: Emma, was ist mit dir - - -? Und nun sah auch der Schnitzler verdutzt seine Schwester an; die Trnen schliechen ihr die Wangen hinab, und nun flchtete sie hastig der Kche zu vor weiteren Blicken und Fragen. Die zwei schauten einander an. Was zum Hagel ist denn eigentlich heute allentwegen los? stiess Benz endlich heraus. Der Schnitzler ging in die Kche, um der Sache auf den Grund zu kommen. Emma machte sich am Herd zu schaffen und schluchzte dabei so erbrmlich, dass selbst dem Schnitzler aus lauter Mitgefhl das Herz schwer wurde. Die Mutter fegte rgerlich an der Milchpfanne. Was hast denn, Emmi? fragte Hans. Huhu - - - mhu --- klangs aus Dampf und Finsternis. Ich weiss auch nicht, was da auf einmal los ist. warf Marei barsch hin. Uli war grad da und sagte, der Gottfriedli sei von einer halben Stund auf und fort. Ist ein recht unhandlicher Mensch, so vor der Zeit drauszustellen und keinem auch nur die Hand zu geben. Ich habe ihn immer fr einen besonders artigen und stillen Burschen angesehen, und nun tut er justament, als sei er verrckt geworden, Gergert ging Hans in die Stube zurck, und umsonst suchten er und Benz das Rtsel mit Gottfried zu lsen. Und derweil sie berieten, dhnte Ulrich mit seinen Holzschuhen eintnig in seinem Gaden, gerade ber ihren Kpfen, umher, dass der Schnitzler auffuhr und in der Stube herum nach einem Instrument suchte, um dem Trampler zu klopfen. Er war nachgerade glcklich, seinem stillen Zorn usserlich Luft

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machen zu knnen, und Benz rckte auf seiner Ofenbank willig zur Seite; denn auch er bedurfte einer Erleichterung. Mit des seligen Vaters Knotenstock fuhr Eicher an die Decke ber dem Ofen, wo ein Schieber war, der im Winter die Wrme hinaufliess. Hans stellte sich auf die Bank, kam aber dabei mit seinem Stock in die zusammengeschobenen Stbe, an denen ab und zu Wsche ausgetrocknet wurde. Jetzt lagen Seifenstcke darauf, wie die sparsame Marei solche immer erst steinhart ausdrrte, und als nun der Schnitzler in blinder Wut in die kleinen Stangen geriet, regnete es Seifenwrfel, einen auf Benzens Kopf, einen hart daneben vorbei und einen auf den mchtigen schwarzen Kaffeekrug, der friedlich in der Ofenecke an der Wrme stand. Das Gefss brach klirrend entzwei, und sein heisser Inhalt floss unter Benz durch ber die Ofenbank, gerade als der Alte beide Hnde auf den eingezogenen Kopf hielt, um ihn vor weiterem Unheil zu schtzen. Nun schoss er aber aus seinem kochendheissen Kaffeebad in die Hhe und fuhr den Schnitzler an. Was Donners machst du da?! Mit einer Hand rieb er sich scheltend den Kopf, mit der andern die nasswarmen Kleider, und geriet darob in ein ordentliches Fluchen. Kleinlaut stieg Eicher im gleichen Augenblick von der Bank herunter, und Marei, die dem Lrm gefolgt war, schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen. Was stellt ihr alten Mannen nicht noch an! Ihr seid ja fast rger als die Kleinen, die man auf Schritt und Tritt hten muss. Die Kanne in Scherben und die Seife liegt im Kaffee am Boden -- -- -- Von meinen neuen Halbleinhosen gar nicht zu reden, warf Benz sehr ernsthaft ein und machte ganze Wendung gegen das Licht, damit Marei den Schaden bersehen knne ohne einlsslichen Hinweis. Ja, ja, ihr seid mir Helden hallte es noch wie verziehendes Donnerrollen; Emma, komm und putz dem Benz sein Bad auf, befahl Marei in die Kche hinaus. Zugleich mit der Schwester kam auch Ulrich zur Tr herein und sah ganz unschuldig mit verwunderten Augen auf die Kaffeelache am Boden und auf die, welche darum herumstanden. Einhellig fielen da Benz und der Bruder ber ihn her mit Vorwrfen ber sein Getrampel, bis er sich in Positur stellte, die Pfeife aus dem Mund nahm und sich wehrte: Das ist mir neu! Ihr habts wohl bald, wie der Portier vom Edelweiss von einer deutschen Dame erzhlte. Wenn da einer nur nebnan fest zu Boden stellte, so hat sie geschrieen, er stampfte ihr auf die Nerven -- -- -- Bist ein Lappi! Mutter, mach du friedlichen Kaffee und damit fertig! Die Frauen verzogen sich nach der Kche, und die drei Eidgenossen hielten im Tabakrauch eine Beratung ber einen Kuhhandel, der in der Luft Lag. Benz wollte noch ein Rind anschaffen, und das sollte Ulrich am nchsten Mittwoch in Thun einkaufen. Ein Ausbund seiner Gattung sollte es sein und mglichst billig. Und ber dieser Verhandlung merkte Hans Eicher, dass sein wortkarger Bruder, dem er so im stillen nicht allzu viel Schlauheit zutraute, ihnen beiden zusammen in derlei Dingen mindestens gewachsen war. Beim Kaffee, der nun endlich auf dem Tische stand, wollte Hans weiter in seine Schwester dringen, nicht aus Neugier, sondern aus Mitleid; aber Marei wehrte ihm dies jetzt mit einem raschen Blick. So, und nun streicht euch ein wenig! Bei dem schnen Wetter knnt ihrs draussen wohl aushalten, befahl Marei, und die drei gingen. Mit einem tiefen Seufzer, der ebenso gut rger als Kmmernis bedeuten konnte, setzte sich Marei in ihre gewohnte Ecke; Emma blickte mit roten Augen zum Fenster hinaus auf den blhenden Garten und die grnen Matten dahinter; aber heute war die bunte, sonnenbeschienene Herrlichkeit fr sie eine graue Einde.

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Was hat er dir denn eigentlich gesagt? nahm Marei das in der Kche begonnene Verhhr wieder auf. He, ich fragte ihn, warum er mir immer aus dem Weg gehe; was ich ihm denn zu leide getan habe. Denn ich konnte es nicht mehr so ertragen, ohne zu wissen, warum einer mir gar so ausweicht. ---- Und dann hat er mir kurz und mutz zur Antwort gegeben, er habe gar nichts gegen mich, und doch msse er meinetwegen fort, heut noch. Da ist es mir ganz kurios geworden, und ich weiss nicht mehr, was ich sagte. Oh, es ist nicht der Rede wert wegen einem armen Schreinergesellen, hat er mir dann noch gerufen und ist hinaus, die Treppe hinauf --- --- --- Die beiden Trnenquellchen waren wieder aufgegangen und verhllten dem Mdchen vollends das friedliche Bild, das in der Nachmittagssonne vor seinen Augen lag. Auf einmal umfasste es den Hals der Mutter und liess nun, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, seinem Jammer freien Lauf. Das Schluchzen verriet aber gar bald nicht mehr nur trostloses Elend; als die Mutter ihren Arm liebevoll um die junge Gestalt legte, wie sie es wohl in frherer Zeit zur Besnftigung kleinen Verdrusses getan, da klangen sanft und trstlich wie in Kindeszeiten in dem Herzen des Mdchens die Saiten, die da singen und klingen vom Reichtum an Trost und Liebe im Mutterherzen. Und wenn auch die Trnlein noch nicht so bald versiegten, so fielen sie doch wie ein warmer Maienregen auf das Grtchen der Zukunft, so dass es im aufgehenden Sonnenschein des Trostes darin bunt zu spriessen und blhen anfing. Marei streichelte sanft ber das weiche Haar ihres Kindes, und als der Schmerz ausgetobt hatte, begann sie ihm begtigend zuzureden. Ich habe ja nicht gewusst, dass es so mit euch zweien steht, und ihr selber wohl auch nicht. Wenn nun Gottfried so davongelaufen ist, so liegt das an seiner schchternen Art. Hat er dich aber aufrichtig und von Herzen lieb, so wird er wieder kommen, und dann war es nicht nur ein Strohfeuer. Kommt er aber nicht mehr, so ist es besser, ihr seied so auseinander gegangen. Emma sah fragend zur Mutter auf; da spielte schon ein liebes Lcheln ber ihr altes Gesicht, und sie weissagte: Ich msste den Gottfriedli aber schlecht kennen, wenn er nicht wiederkme--- --- Da umschlang das Mdchen in lachendem bermut ihren Hals, nahm drauf ihren Kopf in beide Hnde und ksste sie whrschaft auf Mund und Wangen. He, halt, du bringst mich ganz in Unordnung! wehrte sie in halber Angst. Wenn auch in nchtlicher Einsamkeit dann noch einmal Jammer und Zweifel ber das Mdchen kommen wollten, so hielt es fest an der Verheissung der Mutter; es htete sich auch ngstlich, dass niemand um den Schatz wisse, den es unverhofft, ob auch unter Trnen, in seinem Herzen gefunden und zu dem sein Sinnen in stillen Stunden hinabstieg wie in eine verborgene Kapelle mit tausend duftenden Kerzen und blinkendem Geschmeide. Dem Schnitzler sollte Gottfrieds Wegzug rechtschaffenen rger bringen; denn der Geselle, welchen ihm der Hndler in Rotenbalm(Interlaken) von heute auf morgen aus Geflligkeit verschaffte, war wohl flink und anstellig in der Arbeit; aber es lag etwas in seinem Wesen, das keine Vertraulichkeit aufkommen liess. Und gerade darin hatte Gottfried Steiner es anders gehalten, ganz nach dem Sinn Eichers, der gerne einem jeden ehrlich und offen und in guten Treuen entgegentrat. August Weber, der neue Geselle, tat Frage und Antwort immer sehr hflich, befolgte in allem seines Meisters Befehle; aber kein Wort war je von ihm zu hren, das nicht die Arbeit betraf. Abends und Sonntags ging er seiner Wege und hatte bald unter den jungen Burschen zu Stgen(Wengen) einige Freunde, die Eichers Meinung ber ihn selber nicht gerade erhhten. Er hatte jetzt immer das Gefhl, ein Belauschter zu sein in seinen eigenen vier Wnden, und das verleidete ihm beinahe die liebe Arbeit, so 100

dass er allmhlig den Gesellen ansah wie einen Verrter. Aber wie jetzt schnell einen andern bekommen in einer Zeit, wo die meisten von ihnen beim Fremdenwesen waren, wenn ihre Werkbank Sommerferien hatte? Und er litt sich weiter. Die Theaterbungen nahmen ihren Fortgang, wenngleich zwei Samstage ausgefallen waren, da der Pfarrer und der Oberlehrer nach dem Rate eines andern Dichters den Schluss des ersten Abschnittes umgearbeitet hatten. So war denn das Spielervolk eines Abends wieder versammelt, und der Herzog von Zhringen nahm das Baugericht da wieder auf, wo er vor drei Wochen verblieben war. Das dauerte nicht mehr allzu lange, und nun rckten zwei Grafen von Kyburg der Gemeindeschreiber und Bergfhrer Jost heran mit ihren Dienstleuten, und hinter ihnen kamen die Edlen des Landes einher, die Weissenburg und Blankenburg, die Ringgenberg und Resti. Sie hatten nicht viel anderes zu tun, als paarweise ber die Bhne zu gehen und mit wichtigen Gebrden unter sich zu reden. Damit war der erste Teil zu Ende, und die rings auf den Tischen bereitgestellten Literflaschen bildeten gewissermassen die Grenzsteine zwischen ihm und der Geschichte des weiteren Heimatlandes, welcher der zweite Teil des Spieles zugedacht war. Da zogen nun nach der kurzen Strkung, die der Gemeinderat gestiftet hatte, die Helden aus den eidgenssischen Freiheitskriegen vorber, eine eintnige Reihe gleichartiger Gestalten im besseren Werktagsgewand, und der Schulmeister fragte sich selbst so ganz im stillen und ziemlich ratlos, wie denn einer in diesem Zuge die Sempacher von den Murtnern unterscheiden solle. Aber wie er noch darber nachsann, kam das muntere Fhnlein der Berner zur Tr herein. Fr den Festtag hatten ihnen die Rotenbalm(Interlaken)er zwei Pfeifer und zwei Trommler verheissen, die den Bernermarsch voraus spielen sollten. Einstweilen tat dies Hrlibenz mit der Handharmonika, und in flottem Schritt marschierten die stolzen Kriegsknechte einher. Das Trm trm trderidi streckte aber nicht nur die Knie der Reisigen, sondern es zuckte dem Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel durchs Gehirn als ein guter Einfall, so dass sein langer Krper unter diesem seltenen Ereignis sich zusammenzog und dann aufschnellte. Mit einigen Sprngen war er beim Hrlibenz und hatte viel Parlamentierens mit ihm. Dann kam er mit verklrtem Angesicht zurck und verkndete: So, ich meine, wir knnten im Trinksaal ein wenig tanzen, bis der Schulmeister die andern dressiert hat, wenn wir doch bis zuletzt warten mssen -- --- Der Hrlibenz marschierte schnurstracks in das Slchen hinber und dudelte auf seiner Handorgel: Ds Luterbach han i my Strumpf verlore -- -- und hinter ihm gabs ein Scharren und Trampeln von Fssen, die unter dem langen Tisch hervorgesucht wurden. Licht anznden, Sthle und Tische an die Wand stellen, das alles besorgten eilige Hnde im Nu; der haushlterische Jost kam daher und presste einen Armvoll Literflaschen gegen seine Heldenbrust, als wren es Feindesspiesse. Der Schachenjoggel hatte etwas gemerkt, und wenngleich er nicht zum Adel und zur Geistlichkeit gehrte, die sich da in dem Nebensaal zusammengetan hatten, so fhlte er sich doch heute als Oberhaupt der wilden Jger und Entdecker von einiger Wichtigkeit und Wrde. Er kam also bereits auch herein; so ganz hatte er den Handlanger zwar nicht vergessen und trug also dem flaschenschleppenden Grafen von Kyburg die Glser hintennach. Aber hinter ihm her trotteten, wie aus dem Boden gewachsen, ein gertteltes Dutzend seiner Stammgenossen und frhmittelalterliches Gesindel ebenfalls zur Tr herein. Da zog der Zhringer die Stirn kraus und stichelte: Das haben wir fr

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uns eingerichtet und brauchen keine Maulaffen - - Denn die Nachzgler waren neugierig bei der Tr stehengeblieben. He, sie haben doch da auch Platz! brach ihm Eicher ab. So, du donners Luftputscher, du willst uns nicht hier haben? Express bleiben wir da! schrie schon der Schachenjoggel zurck und versperrte denen den Weg, die kleinmtig hatten davonschleichen wollen. Wart Joggi! Dir will ich noch! drohte Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel vorlufig und bestellte trotzig eine Flasche; den halbvollen Liter schob er verchtlich weg. Er tanzte auch keinen Schritt, sah stetsfort ingrimmig bald in sein Glas und bald nach dem Schachenjoggel; Balmer und Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), die an ihm herumtrsteten, richteten wenig aus, und sein Zorn schien ihm das Wrdigste nach dem Auftritt mit dem Handlanger. Erst fr den dritten Tanz erhaschte der Schnitzler die Dore, auf die er stets gelauert hatte; denn sie war seine einzige Bekannte in der kleinen Runde der Mdchen und Frauen; die anderen sahen ihn alle fremd an, und er musste ihnen die Worte abbetteln. Das war ihm langweilig geworden, und er klagte der Dore nun bermtig seine Verlassenheit. Heja, da muss ich dich ja berallhin begleiten in die Zukunft, damit du dich nicht langweilst - - gab sie lachend zurck. Aber das Lachen brach jh ab, als sie ihn jetzt anblickte und einen ernsten, tiefen Glanz in seinen Augen sah. Willst du das wirklich - -? flsterte er ihr zu und drckte ihre Hand; willst du das, Dori? Sie sah verwirrt zu Boden, und ein roter Schimmer lag auf ihrem Gesicht. Sie hatte vergessen, sich nach einem Rundgang wieder in den wogenden, stampfenden Kreis zu reihen, und trotz des Getses, das die schweren Schuhe der Tnzer auf dem Boden verursachten, war ihnen kein Laut ihrer geflsterten Unterhaltung entgangen. Nun brach die Musik ab, und sie sahen sich verwundert um, als htten sie den ganzen vergngten Anlass vergessen gehabt. Da lste auch Dore schon ihren Arm aus dem des Schnitzlers und eilte zu ihrem Platz neben dem Bruder. Der mit Trinken und Schwatzen in einen lauten Eifer geraten war. Sie tanzte auch nicht mehr, weder mit dem Schnitzler, noch mit andern, und sah kaum vom Tisch auf. Vergeblich suchte Eicher eine Unterhaltung in Fluss zu bringen. Oben am Tisch verfhrten Balmer, Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel und Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) einen halbtrunkenen Lrm; weiter unten erklrte der Gemeindeschreiber mit wichtiger Miene und viel Gelehrsamkeit das Wesen des elektrischen Lichtes, das eben in Gletschbach(Lauterbrunnen) und Stgen(Wengen) eingerichtet wurde; ihm und seinen Zuhrern gegenber steckten ein paar Mdchen die Kpfe ber einer Dorfneuigkeit zusammen, und Dore zeichnete mit dem Zeigefinger Striche und Kreise in den Wein, den ihr Bruder auf den Tisch verschttet hatte. Diese Beschftigung schien ihr so wichtig, dass der Schnitzler, der ein wenig verwundert war ber ihr so pltzlich verndertes Wesen, kaum eine rechte Antwort auf seine Rede bekam und er schliesslich glaubte, sie erzrnt zu haben. Diese Einsicht war ihm eine Enttuschung, und er konnte sie nicht recht in Einklang bringen mit dem zwar lebhaften, aber nicht kindischen Wesen des Mdchens. Ich habe nichts Bses gesagt oder getan! dachte er schliesslich trotzig, nahm seinen Hut und ging mit kurzem Abschied seiner Wege. Die meisten waren so vertieft, dass sie es kaum beachteten, so wenig als den Umstand, dass das mindere Volk jetzt auf dem Tanzboden Meister war.

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Einen Augenblick noch sumte der Schnitzler im grossen Saal, wo eben die Kher, Jger und Schtzen gedrillt wurden; er sah nach der Tr zurck, ob die andern nicht auch aufbrchen. Aber drinnen hatte der Hrlibenz eben wieder einen Walzer vorgenommen, und es kam niemand aus dem Gemach; nur ein Getse von Tanz und Tanzmusik, von erregten Verhandlungen und lautem Gelchter drang gedmpft durch die Wand.

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XIX.
Es war ein einsamer Heimweg, den Eicher an diesem Abend mit seinen unerbaulichen Gedanken machte, und es war ihm klarer als je zuvor, dass er in seinen Wanderjahren dem Stgen(Wengen)erwesen fremd geworden war. Er hatte frhere derartige Wahrnehmungen oft unangenehm empfunden und sich etwas wie einen Vorwurf daraus gemacht. Aber jetzt, da er Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel, Balmer und Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) in betrunkener Derbheit vor Augen hatte, war ihm die Gewissheit eines ziemlichen innerlichen Fremdseins ein Trost. Und auch Dorothea zhlte er ihrem eigentlichen Wesen nach nicht zu ihnen. Sie war aufgewachsen inmitten dsterer Frmmelei, von der ihr Herz nichts wissen wollte und in welche die Brder wiederum im geheimen das Allerweltlichste mischten, was sie in der ganzen Talschaft herum zu hren bekamen. Der alte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) las jeden Abend nach dem Essen eine geschlagene Stunde lang aus der Bibel vor und betete dazu, und keiner durfte die Andacht versumen. Dann ging er ins Bett, und ber die zugeklappte Bibel hinweg erzhlte Christian und Emil alle Unterhaltsamen Abenteuer und groben Spsse, die sie vernommen. Zwischen diesen beiden Lagern, welche die Strenge von der einen, eine gelinde Heuchelei von den anderen Seite zusammenhielt, war Dore aufgewachsen; trotzdem konnte Eicher auch jetzt, da sie ihn eigentlich erzrnt, davor keinen weiteren Schaden an ihr finden, als ein zgelloses Nachgeben bei jeder augenblicklichen Regung. Und doch war es auch wieder diese urkrftige Natrlichkeit, die ihm stets so wohl an ihr gefallen hatte. Aber hher noch als dieses lebenswarme Wesen stellte er die Gutherzigkeit, die sich je und je an ihr offenbarte, die ihre raschen Worte und ihr schimmernder Blick verrieten, wenn ihr Herz Anteil an einer Sache oder an einem Menschen nahm. Das hatte sie von ihrer Mutter, und Eicher erinnerte sich noch wohl, wie diese einmal weinte, weil der Haushund einen qualvollen Tod gefunden hatte. Das war damals fr lngere Zeit das Gesptt der Stgen(Wengen)er gewesen und hatte ihnen wieder in Erinnerung gerufen, dass sie aus dem Wallis stammte. Denn so dumm htte keine Eingebrtige getan eines alten Hundes wegen. Dieses Erbteil der Mutter konnte Dore nicht verleugnen, und wenn die Brder sie so recht necken wollten, so brauchten sie bloss die kleinen Katzen an den Ohren in die Hhe zu heben oder am Schwanz, und ihr Gelchter hatte dann sein Ende, wenn Dore laut schrie und die zitternden, klglich miauenden Tierchen in der Schrze vor weiterer Unheil rettete. Eicher war in der letzten Zeit oft ganze Sonntagnachmittage im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) gewesen und hatte manches gesehen und noch mehr dazu erraten. Nicht dem alten Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und seinen spitzfindigen Errterungen zuliebe war er hingegangen; auch die beiden Shne, welche eigentlich Schulkameraden von ihm gewesen waren, hatten ihn nicht eben angezogen; er ging ohne weiteres dem Mdchen zu Ehren ins Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald), wenn er das auch so gut als mglich verbarg, nicht vor sich selber, aber vor andern Leuten. Zuerst war es nur ein Wiederaufleben alter Kinderfreundschaft gewesen, dann eine Gewogenheit des einen fr das andere, so wie sie jetzt waren, und allmhlig hatten sich viele zarte kleine Fden hin und her gesponnen, die nicht das Band leidenschaftlicher Gefhle sein mochten, aber doch fr beide schon eine Bedeutung deutlich erkennen liessen. Die kurze Unterhaltung im Tanzsaal hatte ihnen dafr die Augen geffnet; was hielt aber Dora davon?

Soweit waren Eichers Gedanken von sich aus und ohne sein Zutun gegangen; nun blieben sie fragend an der verschlossenen Tr stehen und sahen ihn mit grossen Augen an. War es ihm Ernst bei der Sache, war es nicht eines jener vorbergehenden Gefhle, wie es ihn wohl da und dort in der Fremde fr ein artiges und hbsches Mdchen erfasst hatte, ein Strohfeuerlein, das aufflackerte und bald in nichts zerfiel? So fragte er sich weiter. Und war es dann nicht gewissenlos, dieses unerfahrene, leidenschaftliche Wildrschen zu krnken und in Gefahr zu bringen? Aber er konnte nichts in sich finden von flatterhaftem Gefallen und Abenteuerlust; das war warme und aufrichtige Zuneigung, die aus der Kindesfreundschaft erwachsen war, kein blendendes Feuer noch, aber traulich und sinnig wie das Herdfeuer, das den Wanderer erquickt. Wenn er nach langer Irrfahrt sein Heim wieder findet. Mit zher Spitzfindigkeit hatten seine Gedanken sein Herz ins Verhr genommen, und sie waren nun daran wie jener berkluge Richter, der sich hinstellt und den herausgestiftelten Befund als unumstssliche Wahrheit der Gerichtsversammlung vorbringt, aber in seinem Eifer nicht sieht, wie sich der Verhrte ber die gelungene Verblendung des Hundertgescheiten lustig macht. Was der alte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) wohl dazu sagen wrde, wenn es doch vielleicht spter Ernst gelten sollte? Er legte zwar eine besondere Vorliebe fr den Schnitzler an den Tag, und nie liess er ihn aus dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) fort ohne die Aufforderung, bald wieder zu kommen. brigens frchtete Eicher auch seinen Widerstand nicht; er fhlte sich ihm als Mensch zum mindesten ebenbrtig, und dies um so deutlicher, je fter er mit ihm zusammentraf. Woran das lag, wusste er nicht eigentlich zu sagen; aber er hatte den unterwrfigen Ton, mit dem die Stgen(Wengen)er dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er vor die Ohren kamen, nie angewendet; doch er schalt auch nicht hinten herum ber ihn wie der und jener. Und blasser noch irrten die beiden Shne durch seine Gedanken; nur ab und zu trat einer grell hervor, fast wie ein Zerrbild. Da war Christian, welcher hier und dort im Hause herum eine Flasche verborgen hielt und ihm ein verstohlenes Glas auf der Heubhne oder im Holzschopf schon oft angeboten hatte. Oder Emil, der mit heimlichen Fnflibern in der Tasche klimperte und dazu mit hhnischem, lsternem Lachen raunte: Morgen gehts wieder einmal auswrts; der Mensch ist nicht von Holz. Oder er pochte gegen die Geldschublade im Schreibtisch des Vaters und spasste: Gefangene meines Vaters, euch mchte ich erlsen! Dann wieder sassen sie mit gut gelernter Andacht neben ihrem Vater in der Betstunde und schienen seinen Worten zu lauschen und sich unter seinen eindringlichen Ermahnungen zu beugen. Arms Dori, seufzte Eicher ber das unschuldige Mdchengeschpf, das mitten in diesem Strudel stand ohne die fhrende Hand einer Mutter und sich mhsam den rechten Weg selber suchen musste mit dem guten Herzen, das ihm der Himmel als Leuchte mit auf die dunklen Pfade gegeben hatte. Aber konnte sein verndertes Wesen heute abend nicht einer Ablehnung gleich sein? drang es wieder auf den Schnitzler ein. Er war ber seinem Sinnen und Spinnen heimgekommen und still in seine Kammer gegangen, wo ihn bald der Schlaf jeder weiteren Grbelei entfhrte. Dafr spannen sich Traumbilder weiter, und Dori war darin so lieblich und verklrt, dass Eicher im dmmernden Morgenlicht noch wachend von ihr weitertrumte. Als er spter seine Werkstatt aufschloss, kam der Hrlibenz mit einer Sense auf der Schulter vorbei. Du hattest gestern abend eine feine Nase, dass du heimgingst. Der Schachenjoggi hat dem Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel dann noch den Grind verdonnert, ganz gehrig, und den Balmer die Stiege hinabgeworfen, dass er nachher fast nur auf einem Bein ging, wie ein gesteinigtes Huhn -- -- Wie ist das gegangen -- --? fragte erstaunt der Schnitzler. 105

Flink ist das gegangen, das kann ich einem sagen! Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel war voll, und dem Balmer fehlte kein Doppelliter mehr, so wenig als dem jungen Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er. Sie hockten da alle beisammen, die Noblessen, wie die Frsche um Johanni; jeder hat geschwatzt und keiner zugehrt. Die minderen Leute haben derweilen getanzt und ich habe ihnen gespielt; denn bezahlt hatte mich der Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel, und mir wars gleich, wer tanzte. Auf einmal zieht der Hnsel die Dore vom Platz in den Saal hinaus, wie sie sich auch wehrte, und wollte absolut mit ihr tanzen. Sie hat sich gedreht und gewendet, um loszukommen, und da ist er nur noch erpichter geworden. Auf einmal kann sie ihm entwischen und hat an ihrem Platz geflennt wie ein kleines Kind und gerufen, jetzt gehe sie heim, und wrs allein. Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel stand einen Augenblick da, als passe er einem Fuchs ab; dann schoss er auf mich los und der Schachenjoggi auf ihn. Mich selber hat er nicht erwischt, aber den einen Griff von der Handharfe. Da hat er daran gezogen und ich am andern, und zu der Musik, die das gab, hat ihm der Schachenjoggi mit der Faust auf den Grind gehauen. Schliesslich ist der Blasbalg zerrissen, und ich bin in die Ecke geflogen, Hnsel und Joggi in den Saal. Da haben sie auf einander gehauen, einer mit der Faust, der andere mit der halben Handharfe, und an Schachenjoggis Stirn sind ganze Reihen Druckknpfe und auch die Eckbeschlge abgedruckt. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er wollte ihm darauf spielen; aber davon sieht er jetzt auch aus, als habe er einen wilden Imb (Bieneschwarm) fassen wollen, denn der Schachenjoggi schlug drein, wos traf. Der Balmer ist herumgeschossen als Friedensrichter, und noch unter der Treppentr stellte er sich zwischenhinein, und der Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel hat mir auch noch eins gehauen. Einesmals ist der Balmer die Treppe hinab, dScheihen obsig. (Die Beine aufwrts) Ich will aber schon sehen, dass ich eine neue Handharfe bekomme, und zwar eine doppelreihige - - - schloss Hrlibenz seinen Bericht, und die Aussicht auf ein so schnes Instrument verklrte sein ganzes Gesicht. Da greif Die Beule! Mit der gehe ich jetzt gleich beim Hnsel vorbei und mache ihm angst. Sonst kommt der Schachenjoggel dazwischen; denn er meint, er habe gestern abend auch einen Tagelohn verdient, und macht nicht ab unter einem Fnfliber per Loch im Kopf. Daraufhin hat er sich verschworen, und ich habe sechse an ihm gezhlt - - - Der Geselle kam, und die Unterhaltung hatte damit ihr Ende. Die Kanzel war endlich fertig geworden, und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Knechte holten sie mittags ab. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er stand daneben, als Meister und Geselle sie im neuen Betsaal zusammenfgten; dann lud er beide, befriedigt von der schnen Arbeit, zum Imbiss ein, Was ist gestern abend gegangen? fragte er endlich; Christian sieht aus, dass es nicht mehr schn ist, und mit dem Mdchen ist auch nichts anzufangen! Das macht ein Gesicht wie die sieben teuren Jahre, und keines gibt Auskunft -- -- Ich habe nichts Apartes gesehen und bin vor der Zeit heimgegangen - - wich Eicher aus. Das ist die Strafe fr das Wirtshaushocken, schalt nun der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er, und lieber mchte ich, sie wren beide nicht bei der Kumedi; es ginge auch ohne sie. Und was ich noch sagen wollte; Der Schreinerniggel hat aufbegehrt wegen der Kanzel, man gnne ihm nichts, und er sei doch ein hiesiger -- -- Der hat auch noch etwas zu sagen! Seit zwei Monaten warte ich auf einen Trog, zu dem ich ihm noch das Holz vorschiessen musste, und immer nur stndigt er mich hinaus. Dem gebe ich so bald nichts wieder! fuhr Eicher auf. 106

He He, lachte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]); wenn es zllige Nussbaumladen sind, so findest du sie beim Pintenwirt am Lehn auf der Laube. Er hat sie da fr die Schnapsschulden eingesetzt. Der Donnerslump! Dieses Pintli scheint mir berhaupt ein rechtes Anrichtloch fr alles Mgliche zu werden; man hrt so allerlei, wenns schon noch kein Jahr existiert. Wenn die Regierung nur berall Wirtschaften bewilligen und Patenttax einstreichen kann; dem andern fragt sie nichts nach -- -- Mit dieser erbosten Rede war der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er gar wohl einverstanden. Ei ja, was brauchen wir eine solche Spelunk da oben, fr was? Es ist nichts als ein Gift fr die Einheimischen; die einen knnen dann auch hier den letzten Batzen verklopfen, und die, welche noch nicht saufen, werdens lernen. Wer sollt es glauben, dass noch vor dreissig Jahren Leute waren hier oben, die nie Wein oder Schnaps versucht hatten? Und die andern tranken nur auf dem Markt in Rotenbalm(Interlaken) einen Schoppen oder so ganz ausnahmsweis im Bren in Gletschbach(Lauterbrunnen). Jetzt geht selten einer nur ins Tal hinab, ohne einzukehren, die Jungen vor allem, und seitdem die Pinte am Lehn offen ist, gehts da oben an ein Saufen und Holleien bis tief in die Nacht, dass mans in keiner Stadt so erhrt -- -- Vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) ging Eicher geradewegs ans Lehn hinber, seinem Holz nach. Er bestellte einen Schoppen, um sich das Pintlein, von dem so oft nchtliches Gebrll erscholl, grndlich anzusehen. Da sassen an einem Tisch vier junge Bursche beim Jass, und die Kellnerin sass bei einem fnften. Sie bediente den Schnitzler sehr freundlich und hielt ein kurzes Gesprch mit ihm. Dann kehrte sie zu dem Verlassenen zurck und nahm die unterbrochene Neckerei wieder auf, eine jener Pintenneckereien, die zwischen Zeitvertreib und Lsternheit die Mitte halten. Dann kam der Wirt, und Eicher brachte ihm sogleich die Sache mit dem Holz vor. Ja, das wusste ich nicht und ging mich nichts an, woher das kam, habe auch den Schreinerniggel nicht danach gefragt. brigens hat es Euer Gesell dahertragen helfen bei Nacht und Nebel. Er ist ja mit dem Niggel so dick befreundet -- -- -- Lisi, wie viel ist der Niggel schuldig? Es waren ein paar Franken, und Eicher berlegte, ob er nicht das Recht anrufen solle; aber schliesslich zahlte er und sagte so recht unverhohlen dazu seine Meinung ber Stehler und Hehler. Der Wirt war darber aufgestanden und htte ihm gerne zurckgegeben: aber er traute sich nicht so recht, das geringe, verschupfte Bauernmannli steckte ihm noch in den Gliedern. Als jedoch der Schitzler fort war, da gings ber ihn los, dass es nicht mehr schn war, und es liess sich keine Snde ausdenken, die nicht ihm oder einem seiner Vorfahren nachgeredet wurde. Ich soll ein Schelmshehler sein, ich!? begehrte der Pintwirt auf; das soll er mir noch einmal sagen! Ich will ihm dann Sachen vorbringen, die ihn gschweigen! rief er drohend und geheimnisvoll. Er lief noch auf und ab, wackelte mit dem Kopf und entschdigte sich mit Schimpfen fr die erlittene Niederlage, als Eichers Geselle mit dem Schreinerniggel daherkam. Der Cheib hat mich fortgejagt, als er heimkam; aber dem will ichs reisen! schalt Weber, und Wo ist das Holz? fragte kurz und aufbegehrlich der Niggel. Aber der Wirt liess sich mit dem Holz auf nichts ein und suchte zu beschwichtigen. He nu, ich vermag ihm das zu schenken, warf der Niggel hin, und die Jasser machten Gesichter, als glaubten sie, das Holz, sei sein Eigentum und sei ihm hinterlistig entzogen worden. Liseli, bring einen Doppelliter! befahl derweilen August Weber und warf einen Fnfliber auf den Tisch, dass es klingelte. 107

Der soll wissen in Zukunft, mit wem ers zu tun hat! Morgen gehe ich zum Hndler hinaus, und was der Waldegg(Wengwald)er macht, knnen wir auch bernehmen. Fr Zeichnungen habe ich gesorgt, und er klopfte lchelnd auf die Rocktasche; der war mir zu feucht hinter den Ohren. Gsundheit, Niggel, auf unser Geschft hin! Das und noch viel anderes blaguierte Weber seinem aufmerksamen Auditorium vor, und mit jedem neuen Liter, der ins allgemeine aufmarschierte, wusste er neue Geschichten vom Walegg zu erzhlen. Die fremden Ftzel da oben -- -- -- begann der Niggel zu poltern. Halt, was sagst da! Das ist auf mich gemnzt -- -- fiel im Weber ins Wort. Ah bah, was denkst! begtigten alle; du gehrst jetzt zu uns. Wenn sie alle wren wie du, wir htten nichts gegen sie! Weber bestellte einen neuen Liter. Da kam der Schachenjoggel mit ein paar Kumpanen zu Tr herein. Ein grosses Geschrei begrsste ihn, denn sein Kopf war verbunden, kreuzweis und berzwerch. Aber er stellte sich spreizbeinig mitten in die Stube und schttelte mit der Hand in der Hosentasche. Da klingelte er von Fnflibern, und er nahm einige heraus, damit der letzte Zweifel schwinde. Wenns so nachkommt, lasse ich mich jeden Abend traktieren! Anderthalb Napolion habe ich Schmerzengeld bekommen, und fr wenigstens einen Napolion habe ich dreingeschlagen! Respektvoll machte man ihm und seinem Gefolge Platz, und er malte nun so recht behaglich die Schlacht aus, dass ihm ber seinen Bericht selber fast die Haare unter den Verbnden zu Berg standen: Mit einer Hand habe ich den Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel gezwickt, dass er umflog wie ein geschlagener Ochs, und mit der andern den Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) Christeli -- --- Und mit dem Maul den Waldegg(Wengwald) Schminggel -- -- stichelte der Schreiner, der dem Joggi nicht recht gewogen war. Halt dein dummes Gefrss! Der Eicher ist ein Rechter, und unsere geben ihm nicht Rockfutter -- -- Und frher hast immer so ber ihn geschimpft -- -- beharrte Schreinerniggel; hr einmal den da an, was der Waldegg(Wengwald)er fr ein Ausbund ist, und er wies auf Weber, der mit trunkenen uglein wichtig in der Runde Umschau hielt. Was geht der mich an! Weiss nicht, wo der herkommt! Der Waldegg(Wengwald)er hat uns zbest geredet gestern Abend und ist von den andern Dppelgrinden fort, weil sie uns nicht leiden wollten. Aber Weber wollte sich nicht so verchtlich behandeln lassen und stichelte an dem Schachenjoggel herum, bis ihm der die Faust unter die Nase hielt und fragte: Willst etwa eine Prise von dem Schnupf? Du hast allweg schon lang keine fremde Hand mehr im Gesicht gehabt! Dem Wirt ward das unbehaglich, und er suchte die erhitzten Gemter auf Gesang zu bringen. Er setzte sich also in die Runde und fing an: An der Saale khlem Strande, da stehns die Burgen so stolz und khn He, schweig, sonst wirds mir schlecht! gebot Joggel. So sing du, wenn dus besser kannst, gab Andreas beleidigt zurck. Wenn eine tannig Hosi het und hagebuechig Strmpf, da chan er tanze wie-n-er wott, 108

es gib ihm keini Rmpf -- trug nun Schachenjoggel vor und arbeitete mit Hnden und Fssen, um die andern zum Mitsingen zu bewegen. Aber einer hatte mit dem Mdchen zu schaffen, ein anderer war eingenickt trotz des Lrmes, und Weber machte ein so geringschtziges Gesicht, dass der Solosnger gergert abbrach. Die Stichelreden kamen wieder auf und gingen um wie falsches Geld, das keiner behalten will. Dann fiel pltzlich ein Schlag, und im Nu war alles in der Prgelei, dass es nur so trommelte auf den trunkenen Kpfen und jeder blindlings mit Schreien und Fluchen auf den nchsten einschlug. Diesmal verdiente der Schachenjoggel aber nicht einen Fnliber an jeder Schramme, und miteinander htten sie noch allerhand Schaden an der Wirtschaft zu ersetzen gehabt. Aber Andreas liess sie als treue Gste laufen, und das rechneten sie ihm hoch an. Er hatte jedoch von vorneherein seine Kreide so eingerichtet, dass sie mit einem Zug zwei Striche gab. Im Waldegg(Wengwald) flogen gegen Mitternacht ein paar Steine gegen die Hauswand und einer ins Fenster. Der Schnitzler sah aber in der Ferne nur einige dunkle Schatten durch die Finsternis entfliehen.

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XX.
Der Festtag war kaum angebrochen, als in Gletschbach(Lauterbrunnen) schon auf allen Wegen und in allen Husern ein reges Treiben herrschte. Auch von den Berghngen kamen Hlfsgruppen und festfrohe Zuschauer herniedergestiegen. Wie ein solches Dorf am Morgen eines grossen Feier- und Prunktages aussieht, wenn es den neuen Bruchen entsprechen soll, das weiss ein jeder, der jemals im lieben Schweizerland ein grsseres Fest erlebt hat seit der Zeit, da man es nicht mehr so lcherlich einfach und altvterisch gibt. Auch in Gletschbach(Lauterbrunnen) war man aufgewacht und lchelte mitleidig ber jene erste Bahnweihe vor wenig Jahren, als gehre sie einer uralten Zeit und niedrigen Kulturstufe an. ber die, welche mit Rosetten und Schleifen am Rock herumgingen, schien eine neue Wrde gekommen zu sein, die sich in Miene, Sprache und Haltung recht deutlich zeigte; ja der Gemeindeprsident legte eine offensichtige Hochnasigkeit an den Tag und blickte einen jeden schief von oben herab an, bei ihm war dies aber von allem dem Stehkragen zuzuschreiben, in den er zum erstenmal sein Lebtag den dicken, kurzen Hals gezwngt hatte, so dass sein Kopf nun ordentlich darin eingeklemmt sass. Zug um Zug kam taleinwrts gekeucht, und auf dem Strsschen krochen die Fuhrwerke zwischen Fusswanderern in langer Reihe einher. Die Sonne schien heiss schon in der Morgenfrhe, und am liebsten htten die Gletschbach(Lauterbrunnen)er der Hitze und der Schtzen wegen den eigentlichen Festzug am Vormittag gehalten. Aber auf sie kam es dabei nicht an, er galt den Fremden, und die konnten erst zur Mittagszeit in rechter Zahl da sein. So fuhren denn, whrend das Komitee ein Schtzenfhnlein ums andere am Bahnhof abholte, die Hupter der Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen)bahn mit ihren Ehrengsten in einem bekrnzten Zug den Berg hinauf. Die vom Waldegg(Wengwald) waren eben am Fusse des Kreuzgangs auf dem Weg ins Tal, als der Zug oben durchrasselte. Die Maschine keuchte und drhnte im Berg, der Rauch drang in dicken Schwaden zwischen den Felsenpfeilern heraus und stieg langsam in die reine Gottesluft empor. Hm, sagte Benz nachdenklich, s ist grad, als stecke der Drach von der Balmhhle da drin und brlle vor Bauchweh. Stinken und rauchen tts auch genugsam aus allen Lchern. Da drin knnte man Schweinigs ruchern, dass es eine Pracht wre, meinte Marei. Unten im Tal prasselten die Schsse im Scheibenstand; oben drhnte der festliche Zug, und ber dem ganzen Gelnde lag drckende Julihitze. Der Himmel hatte eine harte blaue Frbung, und die Sonne sah streng und scharf auf die Erde hernieder, wie eine Mutter, die dem ungehorsamen Kind eben mit einer Strafpredigt zu Leibe gehen will. Der Berghalde entlang und immer hher, je weiter der Zug am Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) emporstieg, kroch eine Rauchwolke, die sich nur ganz allmhlig in einen leichten braunen Schleier auflste. Der Alte am Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) wird heut schn die Nase rmpfen, wenn sie ihm mit des Teufels Tabak die ganze Behausung verstnken, prophezeite Benz, als sie eben durch eine Schlucht kamen, in der sich ein Rauchfetzen gefangen hatte. Als sie das Dorf erreichten, war schon die Predigt aus; der Pfarrer hatte es kurz gemacht, um so krzer, da er in der Aufregung am Morgen die Speisekarte fr das Bankett erwischt hatte statt seines Predigtblattes und nun auf dem Kanzelpult, wenn er nach seiner Gewohnheit auf das Papier blickte, statt des Predigttextes eine lange Reihe seltener Leckerbissen lesen musste: Truite la reine 2C.. Das war ein bses

Ding, den Geist mit donnernden Worten von Amtes wegen gegen die Lustbarkeit der Welt zu hetzen und dabei den Geschmack zarter Forellen auf der Zunge zu haben. Er schnitt also ab, sobald dies irgendwie anging, und eilte eine Viertelstunde spter mit dem Oberlehrer nach der Wschetrckne. Denn so hiess zu Gletschbach(Lauterbrunnen) das Theaterhaus allgemein, seitdem findige Hausfrauen angefangen hatten, bei schlechtem Wetter ihre Wsche in dem luftigen grossen Raum zu trocknen. Die Prsidentin hatte damit begonnen, und ihr Mann durfte es deshalb nachher den Gemeindertinnen nicht verbieten. Schon paradierten da und dort Kostmierte die Strasse herauf, schier nicht wiederzuerkennen in der Pracht ihrer Ausrstung, und Hans Eicher sputete sich nun ebenfalls, in die Wrde eines Freiherrn von Weissenburg zu kommen. Als er endlich in die Wirtsstube zum Bren trat, wo die Seinigen warteten, da leuchtete auch in seinen Augen der Stolz. Er fhlte, wie wohlgefllig das schillernde Kleid mit dem Burgwappen auf der Brust sich an seinen Leib schmiegte; die Sporen klirrten an seinen Fssen, und das Schwert hing ihm mit funkelndem Griff zur Linken. Herr Jeses, der Kaiser selbst knnt nicht schner sein! besegnete sich Benz. Schon standen die Zuschauer Kopf an Kopf der Strasse entlang, durch die der Zug kommen musste, und die letzten Verkleideten eilten der Wschtrckne zu. Endlich war alles beisammen, und jedes trippelte ungeduldig in feierlicher Spannung an seinem Platz. Die Berittenen waren der Sicherheit halber draussen geblieben und liessen sich einstweilen hier gehrig bewundern. Die beiden Grafen von Kyburg hatten zahme Gule ausgelesen; der eine nickte sogar ganz gemtlich inmitten des Getmmels. Der Herzog von Zhringen dagegen hielt sich an das einzige Dragonerpferd zu Gletschbach(Lauterbrunnen) und sass nun unendlich stolz mit seinem Panzerhemd und den beschienten Beinen auf dem schnen jungen Tier, wie ein versilberter Schneidergesell, nach Schachenjoggels Meinung. Die Rotenbalm(Interlaken)ermusik setzte mit einem Marsch ein, und hinter ihr zog nun in wellendem Mantel der Alte vom Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) in gebieterischer Grsse einher, gefolgt von den Jgern und ihrer Sippe mit Weib und Kind. Dem Hrlibenz hing auch jetzt wieder das rote Nastuch unter dem Fellmantel heraus; denn anders tat ers sein Lebtag nicht. Dann trugen vier Jger einen erlegten Bren auf einem Bett von Tannenreis einher, und hinter ihnen fgte sich der Herzog von Zhringen in den Zug. Zwischen ihm und den Grafen von Kyburg gingen Landadel und Geistlichkeit bescheidentlich zu Fuss; denn einmal gebrach es zu Gletschbach(Lauterbrunnen) an verfgbaren Pferden, und zum andern war es nicht jedermanns Sache, bei einem solchen Anlass das Reiten zu lernen. Hans Eicher sah sich nach Dorothea um und gewahrte sie auch bald als liebliche Klosterfrau in der dritten Rotte hinter sich. Sie nickte ihm unbefangen einen freundlichen Gruss zu, und nun schritt er noch viel frohmtiger unter den Reisigen einher. Der lange Zug, den eine Alpfahrt mit glockengeschmckten Khen beschloss, paradierte gar gravittisch das Dorf hinab und um die Schaubhne, die auf dem Bahnhofplatz fr die Ehrengste noch besonders aufgerichtet war. Hier konnte auch ein jedes der Mithelfenden den ganzen Aufmarsch sehen, sofern es nicht den Stehkragen des Prsidenten anhatte. Das gab also viel Kopfwendens und darber Gestolper und Unordnung. Es geschah aber nichts Besonderes, bis der Herzog von Zhringen, durch bisherige Sanftheit seines Rssleins ermutigt, eine etwas gewagtere Bewegung in seine Rolle bringen wollte. Er spornte es also und zog zugleich den Zaum an, damit eine malerische und ritterlicher Figur entstehe. Der Gaul fasste aber die Sache anders auf, bumte und schlug hinten aus fast zugleich, und mit einer wilden Kapriole setzte sich Berchtold von Zhringen zwischen die vorderste Reihe der Zuschauer auf die Erde, zwei Damenhte, sowie einen Sonnenschirm mit 111

sich ins Unglck reissend. Der Gaul aber schritt ruhig im Zug weiter, bis der Reiter ihn leise fluchend in wenigen Augenblicken einholte. Der Unfall des Zhringers hatte noch einen andern in Misslichkeiten gebracht. Die Jger waren ber die Ungebrdigkeit des Pferdes erschrocken, und die zwei zunchst Gefhrdeten hatten im ersten Schreck die Bahre fallen lassen, so dass der tote Br schwer auf den Boden plumpste. Der richtete sich nun pltzlich drohend auf, rieb den Ellenbogen und schimpfte: Dummi Donnere, heit o Verstand! Er legte sich aber schnell wieder hin, als ringsum alle ber den sprechenden toten Br lachten, und ohne ferneres Unheil langte der Zug nach einer Weile wieder in der Wschetrckne an. Nun stob alles auseinander, dem Mittagsmahle zu, fr das die Spieler auf verschiedene Wirtshuser verteilt waren, die Urzeit und das frhe Mittelalter zusammen ins Hotel Gletschbach(Lauterbrunnen), die Eidgenossen der Freiheitskriege in den Bren, die Musikanten und Schtzen ins Kreuz, die Jger und lpler in den Adler. Der Schnitzler war ohne eigenes Zutun neben die vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zu sitzen gekommen und hatte ein frhliches Gesprch ber das Fest vom Zaun gebrochen; aber er fand damit bei Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) kein geneigtes Ohr. Der sass ingrimmig da, ass und trank, als sei dieses Festmahl sein Henkersmahl, und knurrte nur ab und zu eine spttische Bemerkung aus seiner Mnchskutte hervor. Dorothea machte auch ein ziemlich geistliches Gesicht und seufzte bisweilen mit einem Seitenblick auf den Bruder. Aber dem Schnitzler leuchteten ihre Augen warm und sonnig entgegen, und das Lcheln, das sie fr seine Worte hatte, war nicht nur das der Festesfreude. Nach der zweiten Flasche besserte auch des Priors Laune, und als die drei Bllerschsse zur Sammlung riefen, schien alles endlich wieder notdrftig im Geleise zu sein, sogar der Herzog von Zhringen. Der Schulmeister schoss auf der Bhne herum und traf die letzten Anordnungen. Die Kulissen waren aufgestellt und festgeschraubt; denn sie blieben sich gleich fr das ganze Spiel. Maler Balmer von Gletschbach(Lauterbrunnen) bekam viel Komplimente zu hren und fing manchen bewundernden Blick auf fr sein Werk; denn solche Kunstfertigkeit hatte ihm niemand zugetraut. Den Vordergrund bildeten grne Weiden mit Hirten und Khen; die Khe waren aber so gestellt, dass man beide Augen und beide Ohren sehen konnte und sie nicht jenen einugigen und einohrigen Missgeburten glichen, wie die Stadtmaler sie oft darstellen, weil sie nichts von der Viehzucht verstehen. Hinter diesen Weiden erhob sich der Bergeskranz, verhltnismssig viel mchtiger und grsser als in der Wirklichkeit. Diese bertreibung hatte Balmer hartnckig gegen jede Einwendung verteidigt; denn wozu htte man sonst einen gemalten Hintergrund gebraucht, wenn man sich mit der schlichten Natur oder ihrem einfachen Abbild begngen wollte? Da htte man ja bloss die Rckwand der Bhne wegbrechen knnen und das Dach, dann wre die natrliche Szenerie dagewesen. Dabei wre aber des Schulmeisters Steckenpferd, der Vorhang, mit zu Fall gekommen, und so fgte sich der endlich auch. Die gemalten Berge waren aber nicht nur grsser und khner in der Zerklftung als die natrlichen, sondern sie waren auch sehr appetitlich anzusehen. Denn sie alle glichen nicht bel riesigem Gebck, auf dem als Streuzucker der Schnee lag und an dem wie ssse frische Schlagsahne die Gletscher herniederflossen. Das Spiel konnte beginnen. Auf einem grossen Blech hatten die Jger ihr Lagerfeuer entzndet und sich malerisch dabei niedergelassen. Der Schulmeister schob ein klein wenig den Vorhang zur Seite, und als er sah, wie draussen der letzte Platz 112

von Fremden besetzt war, hinter denen noch einheimisches Volk in dichten Haufen stand, da fhlte er die Wichtigkeit des Augenblicks in seinen Gliedern beben, und der Kaiser Napoleon konnte seinerzeit die berhmte Pariserausstellung kaum mit mehr erhabener Feierlichkeit erffnen, als der Schulmeister von Gletschbach(Lauterbrunnen) hier sein Glockenzeichen gab. Er klingelte kurz und nervs. Zwei Buben, einer links und einer rechts, zogen an den Vorhangschnren, und die Jger sassen mundstill bei ihrem Feuer, dessen Rauch ihnen die Augen beizte. Aber der Vorhang wich und wankte nicht. Der Schulmeister flsterte den Buben allerhand Komplimente zu und lutete in der Aufregung mit seiner Tischglocke Sturm. Die Buben zogen, bis einem die Schnur riss; der Vorhang wich und wankte nicht. Da standen die Jger auf; das brige Spielervolk kam aus seinen Verstecken hlfsbereit hervor; draussen lachten einige Zuschauer aus dem hundertfachen Stimmengesumme, und alle brieten geduldig an der Sonne; denn lange konnte es nach den Glockenzeichen nicht mehr gehen. Dort oben fehlts! rief endlich der Zhringer, und Hrlibenz holte eine Bockleiter, die man fr die Kulissen gebraucht hatte. Sie war niedrig, und darum musste der lange Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel hinauf, whrend Schachenjoggel und der stmmige Hartmann von Kyburg sie hielten. Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel stocherte nun mit einem Besenstiel in den Ringen umher, an denen der Vorhang laufen sollte, und alle schauten ihm ngstlich zu; denn draussen wurde immer lauter gelacht. Die Buben versuchten es stets von neuem an ihrer Schnur, ohne dass jemand Zeit hatte, auf sie acht zu geben, und auf einmal rauschte der Vorhang auseinander. Da stand der Herzog von Zhringen, einen Reisbesen verkehrt in beiden Hnden, zu oberst auf der Bockleiter und Leute verschiedener Jahrhunderte um ihn herum, whrend im Hintergrund ein verlassenes Lagerfeuer qualmte. Einen Augenblick lag verstndnislose Stille ber den Hunderten draussen und blasser stummer Schrecken ber denen drinnen, so dass sie sich wechselseitig mit grossen Augen ansahen. Aber nur einen Augenblick, dann zogen zwei den Vorhang zu, und draussen wich der Bann, so dass ein hundertfaches Lachen, Klatschen und Bravorufen losbrach wie entfesselter Wettersturm. Bravo, bis, bis, da capo! schwamm es gellend auf dem Getse, und drinnen knickten ein paar arme Menschen fast darunter zusammen. Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel zog wtend sein Rstzeug aus und warf es auf einen Haufen. Der Gemeindeschreiber sthnte: Dass wir Esel immer Feste feiern wollen! Schliesslich sprang der Lehrer selbst in die Lcke und kleidete sich als Zhringer ein. Er hatte aber eine weniger schlanke Leibesbeschaffenheit als sein Vorgnger in dieser Wrde und musste sich des einen und andern Kleidungsstckes entledigen, um einigermassen zurechtzukommen. Das Lederwams mit dem Ringelbesatz brachte er jedoch beim besten Willen nicht ganz zusammen; er heftete die beiden Enden notdrftig mit Schnren und presste den Schild auf die Lcke, durch die das Hemd schimmerte; denn er wre sonst dagestanden wie eine aufgesprungene Kartoffel, bei der das weisse Innere aus der braunen, klaffenden Hlle lacht. Das Spiel nahm endlich seinen programmgemssen Anfang; aber ber Spielern und Zuschauern lag der bse Geist der Lcherlichkeit; ohne Mut und Zuversicht schlichen die Gestalten ber die Bhne, ngstlich nach den Gesichtern draussen schielend, ob nicht da oder dort abscheuliches Gelchter zum Ausbruch komme. Als nun der Zhringer, seinen Schild an die linke Seite pressend und immer nur diesen dem Publikum zukehrend, seine Obliegenheiten erfllte, hrte er einen der vordersten Zuschauer nseln: Na, der Kerl steht ja da wie ein besoffenes Huhn! Nach solcher Kritik liess der Oberlehrer der Sache ihren Lauf und warf sich auf eine Bretterbeige hinter den Kulissen.

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Um Gotteswillen, Ruefer, das geht nicht; Ihr msst dirigieren, dirigieren! beschwor ihn der Pfarrer, der ihn endlich gefunden hatte. Meinetwegen soll dem Lumpenpack Kumedi machen, wer will, des Teufels Grossmuter oder Ihr, Herr Pfarrer! Ich habe genug! Es half alles nichts, der Pfarrer musste als Regisseur dran, und es war hchste Zeit; denn die Unordnung war schon auf einem Punkte, dass findige Zuschauer sie wohl wahrnehmen mussten. Aber einigermassen brachte der Pfarrer die Sache wieder in einen zwar mden und freudlosen Gang; doch atmete alles auf, als der Vorhang sich endgltig schloss, und fr den ziemlich mageren Beifall mochte sich niemand bedanken. Was Donners habt ihr eigentlich gemacht? Die Fremden lachen euch alle aus, dass man sich vor Scham in den Erdboden verkriechen mchte. Allenthalben tnts von Schund und Bldsinn! Was Donners habt ihr gemacht? Ein paar tausend Frnklein sind draufgegangen, und statt dass wir berhmt geworden sind, lacht man bald in aller Herren Lndern ber uns -- -- So jammerte der Prsident, dem man am Bankett den Bericht ber den Misserfolg aufgetischt hatte, und schoss wtend unter den Spielern herum, die selber einer grenden Rotte gleich grimmig herumstanden. So, das wre also der Dank fr die Mhe und Versumnis in der Zeit, wo man sonst alle Hnde voll zu tun htte! Das war die zahmste Entgegnung aus dem tobenden Haufen, aus welchem es von Blitz, Hagel und Donnerwetter aussprhte, wie aus einem Vulkan. Wer hats verpfuscht, wer? gellte eine Stimme zwischendurch; sie gab dem allgemeinen Bedrfnis nach einem Sndenbock Ausdruck, und an Antworten mangelte es nicht, so dass sich hinter dem Vorhang bald ein lauter Streit erhob, den der Prfes und einige andere nur mit Mhe vor Ausartung meisterten. Aber allen hatte sich die Festesfreude in Enttuschung, Beschmung und Bitternis verkehrt, und draussen lachten die fremden Zuschauer im Weggehen, und einer sagte zum andern: Na, solches Zeug! So wat is bei uns doch einfach nich denkbar! Auf der Bhne tobte der Sturm aller Zeitalter immer noch; aber hinter den Kulissen stand der Freiherr von Weissenburg bei der Klosterfrau von Rotenbalm(Interlaken), und kein Mensch beachtete sie in dem Getmmel. Du musst mir ja nicht bse sein, dass ich damals so kurios war; es ist mir auf einmal so merkwrdig zu Mut geworden, ich weiss gar nicht wie, und ich habe mir seither immer ein Gewissen gemacht deswegen. Du musst mir nicht zrnen und mir jetzt nichts nachtragen; denn ich htte dich so viel zu fragen. Und an wen sollte ich mich sonst halten? Es ist ja niemand da, der mir raten knnte, und es sind Sachen, die ich auch sonst niemand sagen mchte, in Stgen(Wengen) schon gar nicht. Und du bist anders als die dort oben; du kennst die Welt und bist gescheit -- -- Ein lange gestautes Redebchlein war zum Durchbruch gekommen aus bervollem Herzen, und in Dorotheas Augen blinkten gar zwei Trnlein. Oh heie, heie, bemitleidete es Eicher Scherzweis. Aber warum willst du denn mir solche Geheimnisse anvertrauen? Ich bin ja noch fremder da oben als alle andern! Das Mdchen sah vor sich nieder, und zwei weitere blinkende Trpflein eilten ber seine roten Wangen hinab. Hei ja, aber es ist mir immer, du seiest gegen mich grad noch so wie frher, als ich noch klein war und du mich immer in Schutz nahmst, wenn ich mir nicht zu tun wusste -- -- Sie sah zu ihm auf, und ihre Augen leuchteten aus lchelndem Angesicht, dass die Trnen, die noch in ihnen herumgeisterten, sich eilig verbargen, als sie derart Lgen gestraft wurden. Vor der Kulisse lste sich unter verhallendem Donner die menschliche Gewitterwolke in kleine Fetzen auf, die nun eilfertig herumjagten, um sich der Mummerei zu 114

entledigen. Das Prlein redete daher noch schnell ein Stelldichein ab, und dann verlor sich ein jedes in entgegengesetzter Richtung im Getmmel, ohne dass einer etwas merkte. Draussen vor dem Dorfe fhrte ein stiller Waldweg der Wirtenen(Ltschine) entlang; da wollte Eicher das Mdchen erwarten. Er hatte den Freiherrn von Weissenburg dem brummenden Kostmverwalter bald abgegeben und ging nun gemchlich seinem Ziel entgegen. Die Sonne schien bleich aus stahlgrauem Dunst, und eine drckende Schwle lag ber den Wiesen, auf denen das spte Heugras stark duftete und nach einer Labe schmachtete. Die Vgel schossen ngstlich darber hin, und es war eine dumpfe Unrast und Sehnsucht rings um den einsamen Wanderer, gleich wie in ihm selber. Immer ferner prasselte das gleichfrmige Schiessen und das Gelrm der Menschen. Die Drehorgeln der Messbuden und die Musikstcklein aus der Festhtte klangen verworren herber als ein tolles, unverstndiges Getse. Kein Mensch begegnete ihm; das Fest hatte sie alle an sich gezogen, und in der Schlucht, in die er nun einbog, murmelte die Wirtenen(Ltschine) ihre immer gleiche Weise. Dorothea kam bald, und sie gingen eine Weile nebeneinander den stillen, engen Weg entlang, ber den sich die Tannen wlbten, so dass das Tageslicht nur schwach wie ein grner Schimmer auf den Pfad herniederfiel. Dann setzten sie sich auf eine Bank, deren Lehne an einer mchtigen alten Tanne befestigt war, und als das Mdchen sich ngstlich versichert hatte, dass kein Lauscher in der Nhe sei, begann es halblaut und verschmt zu erzhlen, wie sein Bruder Christian sich insgeheim mit einer Saalkellnerin eingelassen habe und diese nun heiraten msse. Der Vater habe getobt und gebetet; aber das ndere nichts, der Christian wolle das Mdchen nicht im Stiche lassen und mit Geld abmachen, wie der Vater geraten habe. Und es glaube sogar, dem Vater zum Trotz wolle er das nicht; denn das Mdchen sei ihm kaum so besonders lieb. Anderseits auch frchteten beide die Schande; denn die Margrit, das Saalmdchen, habe gedroht, es werde eine schne Geschichte anstellen, wenn man es so abspeisen wolle. Was damit gemeint ist, weiss ich nicht, aber gewirkt hat es; die Hochzeit wird nun wohl bald verkndet, aber es ist ein bses Dabeisein. Und mit der Margrit mchte ich auch nichts zu tun haben; denn sie macht sich handkehrum ber uns alle ganz offen lustig, und mir gibt sie kein rechtes Wort, seitdem sie sich als knftige Schwgerin ansieht. Dies muss anders kommen, und jenes will sie spter nicht mehr so, und alles zusammen bespttelt sie. Von mir redet sie bei den Dienstboten per einfltiges Babi, per Landpomeranze und Mutterhck. Ja, knnt ich nur ein Mutterhck sein! Aber ach, mein Metti ist schon lang unter dem Boden, und niemand ist da, der mir ratet und hilft -- -- Das Mdchen schaute mit nassen Augen vor sich auf den Boden und kmpfte gegen den Jammer, der in ihm aufsteigen wollte. Geh du eine Zeitlang fort, zu fremden Leuten, riet Eicher; aber nicht allzu weit! setzte er hinzu und sah Dora an. Darber habe ich auch nachgedacht. Aber was ich von den fremden Leuten im Hotel gesehen habe, hat mir Grausen und Angst vor ihnen gemacht. Die Frauen sind oft wunderlich und boshaft, und die Mnner sehen einen manchmal so an, dass man sich schmen muss. Was sollte ich unerfahrenes Ding in dieser Welt draussen tun; wie sollte ich den rechten Weg finden, wenn ich mir oft zu Hause nicht mehr zu helfen weiss? Das Mdchen verfiel in ein trbes Schweigen, und in seiner Seele ging es auf und nieder von Angst und Schrecken, von strmischer Gegenwart und finsterer Zukunft; die Trnen rollten leise ber seine Wangen, und seine Lippen zuckten. Keine Mutter hatte es aufgeklrt ber Dinge, die es undeutlich ahnte und von denen sein warmes Blut trumte; nur die Beispiele von grober Sinnlichkeit in seiner Umgebung und die 115

Leichtfertigkeit und Lsternheit bei einzelnen fremden Gsten hatten ab und zu ein kurzes grelles Licht auf sie geworfen, dass sie ihm als ein Zerrbild in seinem Innersten einen Augenblick erschienen und dann wieder verschwanden wie ngstigende, nimmer ruhende Geister. So frchtete es sich vor diesen Mchten in seinem Herzen und vor der Welt, die ihnen rief. In der Bibel standen die hrtesten Strafen auf den blossen Gedanken an sie, wie der Vater dies in letzter Zeit Christian zu Ehren genugsam vorgelesen und erlutert hatte. Und doch hatte Dorothea ihre Gegenwart nie deutlicher empfunden als in dieser Zeit, wo sie Margrit vor Augen und die Bibelworte in den Ohren hatte. So verzweifelte sie oft an den Menschen und an Gott; denn warum fhrte er die Menschen in Versuchung? Von diesen Gedanken und ngsten hatte Eicher keine Ahnung, trotzdem sie neben der Schchternheit der Grund waren, weshalb das seltsame Mdchen die Welt frchtete. Und die Weltfurcht war es wieder, die das einsame Wesen zu ihm gefhrt hatte; das Vertrauen aus den Tagen der Kindheit war wieder erwacht in dem Herzen, das so lange nach einem Herzen sich gesehnt hatte, dem es sich anvertrauen durfte. Dass dieses Herz noch dazu einem Menschen gehrte, der so ganz anders war als Brder und Vettern, war ein neues Band zwischen den Suchenden und dem Ersehnten. Diese Gefhle wogten durch des Mdchens Sinn, und als es endlich ein wenig ruhiger geworden war, fuhr es zaghaft fort: Und das ist noch nicht alles, noch lange nicht! Aber ich darf dir das andere fast nicht sagen -- -- -- Eicher legte seine Hand auf die des Mdchens, und in seiner Stimme klang das Mitleid: Arms Kind Glaub mir, ich mein es aufrichtig mit dir und will dir raten und helfen, so gut ich kann, Aber was du mir nicht gern anvertraust, danach will ich dich nicht ausfragen. Die warmen Worte hatten das letzte Eis und die letzten Bedenken geschmolzen. Der Vater hat mir einen Mann gesucht. -- -- -- Er sagt, das msse jetzt sein, denn in die schlechte Welt hinaus lasse er mich nicht, in die Versuchung und Gottlosigkeit, und bei der Margrit knnte ich nicht bleiben. Da ist einer aus dem Unterland nun schon zum drittenmal als Gast bei uns, und den soll ich nehmen, so haben sies ausgemacht, hinter meinem Rcken. Er ist schon ber fnfzig, und wenn er mir jetzt hundertmal im Tag in den Weg luft mit Flattieren und Schntun, so ist es mir immer, ich msse mich schmen, wie wenn er mir mit seinen Augen etwas Unrechtes zumutet. Er hat schon zwei Frauen gehabt und soll ein grausam frommer Mann sein, trotzdem er sie mit Kindbetten, eine nach der anderen, unter den Boden gebracht hat -- -- Dorothea war so befangen in ihrem Grauen, dass sie ihren Gedanken Worte lieh, und errtete, als es geschehen war. Den will ich nicht, den nehm ich nicht, und wenn sie mich zwingen wollen, so wird mir Gott die Snde nicht anrechen knnen; denn er ist schuld, wenn er so etwas zugibt. Ich ginge ins Wasser oder ber die Fluh hinunter -- -- -- Die Verzweiflung, das Grauen und die Angst peitschten den leidenschaftlichen Sinn des Mdchens, dass es Gott, die Welt und das eigene Leben verfluchte und die Hand drohend gegen den Himmel erhob, an dem es finster geworden war von einem aufziehenden Gewitter. Eicher legte den Arm besnftigend um die zitternde Gestalt, und so wie vom Himmel jetzt nach einem mchtigen Donnerschlag sich schwere Tropfen lsten und niederrauschten auf die schmachtende Erde, so lste sich auch in der gequlten jungen Seele die Angst in ergebenen Jammer auf, und an Eichers Schulter weinte Dorothea sich das arme Herz aus. Er unterbrach das Mdchen mit keinem Wort und mit keiner Bewegung aber auch in ihm tobte ein Sturm von Zweifel und Zuversicht, von warmer Liebe und froher Hoffnung. Doch immer ruhiger wards; Die Zweifel verflogen, und als Dorothea nun zu ihm aufschaute, fragte er: Und hast du nie daran gedacht, dass einer dich lieb 116

haben knnte? Einer, der dich beim Tanze fragte, ob du mit ihm kommen wollest in Zukunft, wohin er gehe -- -- --? Dorothea verbarg das Gesicht wieder an seiner Schulter. Du bist drum doch ein Herr; da habe ich zuerst gedacht, das sei auch so ein Spott, und das hat mich so gemht damals. Nachher konnte ichs doch nicht von dir glauben und wusste gar nicht recht, wies gemeint war, bis du mich heute gegrsst hast. Wie ein zutrauliches Kind schmiegte sich das liebliche junge Wesen an ihn und offenbarte ihm sein Herz. Da zog es Hans Eicher sanft noch fester an sich und ksste das Mdchen, das seine Arme um seinen Hals schlang. So wars gemeint! scherzte er, als sie einen Augenblick die Liebkosung unterbrach. Kaum ein Tropfen hatte sie erreicht unter der schtzenden Tanne, von deren Zweigen der Regen niederrauschte auf das Gebsch und die niederen Bume ringsum, und die Donnerschlge hatten sie kaum gedacht. Es wurde nun wieder heller; durch die triefenden Zweiglein stahl sich ein goldener Sonnenstrahl, und aus der erquickten Erde stieg ein frischer, starker Duft zum Himmel auf als Dank fr die empfangene Labe. Als Brautleute wanderten die zwei die Schlucht hinab, und dass sie ihr Gelbnis noch heimlich halten wollten bis zum Herbst, spann einen besonderen Zauber um die Glckseligkeit des Mdchens, das sich jetzt fast freute, noch recht vielen Anfechtungen zu trotzen. Der Wald hrte auf, und sie sollten sich trennen. Da umschlang es nochmals leidenschaftlich den Hals seines Liebsten. Ich will vor den Leuten dann so recht tun, als kennte ich dich kaum, und mich dran freuen, weil sie nichts merken, scherzte es.

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XXI.
Gewitterhaft und schwl war es auch im Dorfe zugegangen. Vom Theaterhause waren die Spieler dahergekommen wie ein geschlagenes Heer, und nicht einer war dabei, dem der Zorn und der Verdruss nicht aus den Augen glomm und der nicht jedes frhliche Lachen, das aus der festlichen Menge aufschlug, fr Hohn und Spott genommen htte. Manche warfen ihr Bndel Mummerei mit einem Fluch dem Sammler zu Fssen und gingen heim; andere suchten Trost im Getmmel der Festhtte; da und dort ertrnkte einer das Missbehagen im Wein. Doch auch ber den Erregtesten kam allmhlig der Trost, dass keiner von den Fremden ihm jetzt, in seinem gewhnlichen Sonntagskleid, ansehe, dass er mitgeholfen habe, und wenn es dennoch schwl und dster ber den Gletschbach(Lauterbrunnen)erherzen lag und vielfach wetterleuchtete, so war dies die stille Wut, das man sich vor den Fremden blamiert hatte und diese Schminggel und Ftzel, wie die Titel so ganz leise hin und herschossen, nun ungestraft lachen durften. Ziemlich laut machten sich einige von ihnen an den Tischen ber das festliche Missgeschick lustig, und die Gletschbach(Lauterbrunnen)er hrten es, ohne mucken zu drfen. Kochte es aber doch einem ber, so spritzte sicher sein Nebenmann gleich Vollwasser auf das Feuer: Halt dochs Maul! Das sind Fremde; da drfen wir nichts sagen, sonst knnen wir Kuh- oder Geissenstlle aus den Hotels machen, und mit der Kosterei wrs dann auch aus. Wenn einmal die Gegend in Verruf ist, - und das brchte eine einzige Ohrfeige zustande, - dann ists aus und fertig. So ungefhr klangen diese Beschwichtigungsreden, alle zusammengesetzt, und sie taten ihre Wirkung. Aber wenn die Zunge schwieg, so redeten doch die Augen, und manch einer unter den Fremden merkte, wie der Spott den Gletschbach(Lauterbrunnen)ern zu Herzen ging. Den dort, der ein Gefrss hat wie dem Korbersmel sein Hund, den mchte ich so unter vier Augen haben, raunte Schachenjoggel und zeigte auf einen Fremden, dessen Kopf gerade so fest in einen Kragen geschraubt sass wie der des Prsidenten, dem er einen langen und lauten Vortrag ber dramatische Kunst hielt und vor dem er in khner Hemdsjgerausrstung stand wie ein Oberfrster vor dem ertappten Wilderer. Denn einem solchen glich der Prsident seiner innern Verfassung nach nicht bel, und wenn er trotzdem den Kopf hoch hielt, so war sein Hemdkragen daran schuld und nicht sein Mut. Er nickte zu jedem Wort und Grundsatz des norddeutschen Gemsjgers mechanisch Zustimmung, obwohl seine Gedanken weit weg umherirrten wie gescheuchte Schwalben, denen ein frecher Spatz das Nestlein versperrt. Dieses gedankenlose Nicken feuerte aber den andern immer mehr an. Der Prfes, die verkrperte Talschaft von Gletschbach(Lauterbrunnen), kam ihm vor wie weiches, reines Wachs, aus dem eine kundige Hand ein herrliches Gebilde formen knnte, und dieses Wachs lag nun in seiner Hand, die zu solch ruhmvoller Bettigung bereit war wie keine andere. An diesen Bauern von Gletschbach(Lauterbrunnen), an diesen rckstndigen lplern war eine Kulturmission zu erfllen, und Herr Ministeralsekretr von Wetschke durfte diese Pflicht nicht von sich weisen. Je eifriger er sprach, von Bayreuth und vom Berliner Hoftheater, vom Oberammergau und von unzhligen Festzgen, die er schon gesehen, desto unstter schweiften des Prsidenten Gedanken umher; er nickte und nickte immer eifriger, dass ihm oft fast der Kopf abfiel und die Spitzen seines Kragens seinem Kinn schmerzhaft die Sporen gaben, so dass es stets wieder erschreckt in die Hhe fuhr.

Schliesslich fhlte er vor lauter Angst eine leibhaftige belkeit und riss sich mit einem verzweifelten Ruck los. Von Tisch zu Tisch eilte er, das drohende Gewitter zu zerteilen. Nur keine neue Dummheit; nur nichts merken lassen! flsterte er. Lasst sie lachen, das macht euch keine Beulen, und denkt dabei an die Fnfliber, die sie im Land lassen. Die luten schner im Sack als ehemals die mageren Geissen auf der Weide! So argumentierte er in der Festhtte umher, und an den Tischen sorgten berdies die Hoteliers fr Ruhe. Der Friedensengel stiess auf seiner Wallfahrt ganz unerwartet auf den Rain Benz, welcher sich mit seinen Schutzbefohlenen vom Waldegg(Wengwald) recht haushblich niedergelassen hatte an einem der langen Festtische. Es gilt dr! rief der Alte von weitem und streckte ihm das Glas hin. Der Prsident tat Bescheid, und das aufgerumte Wesen Benzens war ihm wie Balsam. Er setzte sich zu ihm hin und wollte gleich mit einer Rechtfertigung ber den offenkundigen Misserfolg anfangen. Mag nichts wissen! Kumedi hin, Kumedi her ich feiere da Verlobung -- -- -- Der Prsident schoss von der Bank auf und liess erschreckt das Maul hngen, soweit es der Kragen zugab. Zweimal schpfte er tief Atem, faltete die Hnde und streckte sie vor sich hin. Ei was Donners! Du willst noch heiraten --? He nun, man sprach so davon, als ihr noch jnger waret, du und die Marei! Da war es nun an Benz, ein dummes Gesicht zu machen. Endlich, ganz langsam, deutete er auf Emma Eicher, neben welcher Gottfriedli sass, sie verschmt anguckte mit glckseligem Gesicht und seine Hand ganz sacht auf die ihrige gelegt hatte. Was meinst du eigentlich? Die da, nicht ich! Die Freude hatte fast nicht Platz in dem kleinen, alten Benz; es wob und zuckte in seinen Gliedern wie jugendlicher bermut; es glnzte in seinen Augen wie goldener Abendschein, und oft machte er kosende, aufmunternde Gesichter an die in stiller Seligkeit dasitzenden Brautleute hin, als wren sie kleine Kinder, die man mit solchen Grimassen erfreut und unterhlt. Zum erstenmal in seinem Leben versprte er, wie es einem glcklichen Brautvater zu Mute sein kann, sofern er ein Kindesherz behalten hat und es mit gutem Festwein noch mehr erwrmt, und wenn Marei vor lauter Rhrung mit der Hand ber die Augen fuhr und nachdenklich dasass, als studiere sie etwas recht Trbseliges, so fluchte Benz halbverblmt ein Stzlein. Die drhnende Festmusik klang seinen Ohren wie himmlische Posaunen und Trompeten, und zum Bernermarsch trommelte er den Takt. Hast du unsern Hans nicht gesehen? frug er den und jenen. Aber Eicher war so wenig hervorgetreten, dass keiner auf ihn geachtet hatte. Und so wie Benz nach Hans fragte, suchte der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er seine Dore, und keiner wusste ihm zu sagen, wo sie geblieben war. Schliesslich brachte er heraus, dass sein ltester gleich vom Theater weg grollend heimgelaufen war. Das Mdchen hatte zwar niemand gesehen; aber es war wohl mit Christian gegangen. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) machte sich nun auch auf den Heimweg; denn schon grollte der Donner in der Ferne, und in der Festhtte ward es so finster, als breche die Nacht an am frhen Nachmittag. Immer nher rollte der Wettersturm, und zwischen den Pfeilern hindurch, welche die Festhtte trugen, sah man da und dort einen entfhrten Hut rollen und einen Menschen hintendreinhaschen. Der Regen trommelte mit schweren Tropfen auf das Bretterdach der Htte, und die Musik, die eben noch so stolz und mchtig den Raum erfllt hatte, erschien jetzt neben der Donnerstimme des Himmels dnn und armselig. Strker und strker rauschte der Regen, so dass er vor fernen Wldern und Flhen niederwehte wie graue Schleier, in der Nhe wie ein Schwarm von kleinen Meteoren, die sich in 119

den Staub einbohrten. Die Gletschbach(Lauterbrunnen)er hatten von einem Ziegeldach auf der Festhtte aus Sparsamkeitsgrnden nichts wissen wollen. Bei Regenwetter wre das Fest auf den nchsten schnen Sonntag verschoben worden, und regnete es nicht, so tats ein billiges Bretterdach auch. Der Himmel hatte aber nicht nur zwei Sorten Wetter zur Hand, wie der Prsident des Baukomitees geradewegs behauptet hatte, und einer nach dem andern, vor dessen Nase es immer rascher auf den Tisch tropfte oder dem pltzlich das kalte Wasser in den Nacken lief, sah nach oben. Da taten sich den Brettern entlang hundert Dachtruflein auf und rannen immer reichlicher auf die dichtgedrngten Menschen herab. Alles, was der Himmel so freigebig auf das Dach niederrauschen liess, sammelten sie gewissenhaft und sandten es mit einem Schuh Abstand - denn so breit waren die Bretter hernieder. Es war beinahe Nacht geworden; die Blitze leuchteten grell durch die Wasserschleier, und der Boden zitterte unter den Donnerschlgen. Wer einen Sonnenschirm hatte, spannte ihn auf und bekam dann von den Sturzbchlein nur einen feinen Sprhregen, whrend er die Hauptsache seinen Nchsten auf die Schultern oder in den Nacken leitete. Aber auf die Lnge war in der Festhtte des Bleibens nicht mehr. Ein Stossen und Drngen um die schmalen geschtzten Pltzchen, unterdrcktes Fluchen und lautes Jammern ber gefhrdete Hutfedern und Blumen wuchs immer strker an; die ussersten suchten im Laufschritt Obdach in den nchsten Husern; andere folgten, und bald war der Platz bedeckt von rennenden kreischenden Menschen, die davonstoben wie die Hhner, wenns hagelt. Vom gewonnenen sichern Port aus lachten wohl die Mnner ber die Unterbrechung oder suchten Trost in den Wirtstuben; die Frauen aber, denen die leichten Sommerkleider durchnsst an den Armen klebten und deren Htepracht ein verfrhtes Ende gefunden, sehnten sich mit bitteren Gefhlen nach Abreise. Wie viel Verdruss und Schaden den Gletschbach(Lauterbrunnen)ern da von Mund zu Mund zugeschoben wurde, ist nirgends aufgeschrieben und lebte nur in der berlieferung fort. Als Benz am Morgen ins Dorf gekommen war mit seinem mchtigen Wetterdach unter dem Arm, das ihn seit vielen Jahren auf jeder Reise begleitete so gut wie der Knotenstock, war der und jener vor ihm stehen geblieben und hatte einen Blick auf den strahlenden blauen Himmel geworfen, einen zweiten auf den verschossenen Regenschirm, der wie eine Turnierlanze unter Benzens Arm stak, und hatte gefragt: Willst heut einen Krmerstand darunter aufmachen? Jetzt spannte Benz vergngt seinen Schirm ber den Huptern seiner Lieben auf, die darunter zusammenrckten wie Kferlein unter einem Schwamm. Sie waren alle vor dem Segen von oben beschtzt; denn der Schirm war einer von denen, welche eine kleinere Zgelfuhre zudecken knnen, von doppelt geschlagenem Zeug und mit solidem Fischbeingestell. Die Giessbchlein trommelten darauf hernieder und vermochten doch nichts gegen das whrschafte Obdach. Da und dort sassen noch andere mit gleicher Ausrstung, alte Leute, die dem Morgen nie trauten fr den ganzen Tag und die den Laufschritt ber den Platz so wenig htten wagen mgen als Benz und Marei mit ihren alten Beinen. Endlich ward es wieder Licht, und als Benz sich umsah, hatten kaum ein halbes Hundert in der Festhtte dem Sturm getrotzt. Die Sonne guckte warm und freundlich durch das Balkengerst der Wnde, und langsam liessen sich einige Flchtlinge wieder herbei, um die unterbrochene Festlichkeit fortzufhren. Mit ihnen kam auch Hans Eicher. Ei, wo bist du gewesen? Ei, was ist das fr eine Manier, herumzufahren, weiss kein Mensch wo, wenn die eigenen Leute Verlobung feiern!. Das sprudelte Benz in einem Atemzug daher und machte dem Schnitzler neben sich auf der Bank Platz. 120

Der reichte seinem frheren Gesellen freundlich die Hand, und als er nach einigem Erstaunen den Sachverhalt begriffen hatte, schttelte er sie herzhaft nochmals. Er war durch die erfrischte Welt dahergewandelt wie in einem tiefen, glckseligen Traum, bald vor sich hinlchelnd, bald in ernstem, weichmtigem Nachdenken, und war zu der vereinsamten Festhtte gekommen, er wusste kaum wie. Nun brachte die unerwartete Freudenbotschaft sein volles Herz fast zum berfliessen, und er vermochte es schier nicht ber sich, von seinem Glck schweigen zu mssen. So drckte er dem knftigen Schwager und der brutlichen Schwester zum andern Male die Hand, und seine Augen waren feucht, als er ihnen aus bewegtem Herzen alles Gute wnschte. Von Aufbrechen sagte niemand etwas; Benz bestellte sogar einen Imbiss, so etwas zum Essen und nicht etwas Neumodisches, nur so zum Versuchen, instruierte er die Kellnerin. Nach einer Weile trat auch Dorothea unter den Eingang der Halle und fragte nach ihren Leuten. Einer, welcher nicht weit von denen im Waldegg(Wengwald) oben am Tisch sass, konnte ihr Bericht geben, sie seien schon lang heim. Da stand das Mdchen unschlssig einen Augenblick; es hatte Eicher und Benz wohl wahrgenommen; aber es wagte nicht, ein zweitesmal hinzublicken, so sehr pochte sein Herz, und das Blut stieg ihm in die Wangen, als msse es diese Menschen frchten. Auch Hans Eicher hrte jede seiner Fragen, ein jedes seiner Worte, obwohl er tat, als lausche er den Erlebnissen, die Gottfried erzhlte. Da gab ihm Benz einen sanft mahnenden Stoss mit dem Zeigfinger. Bist ein Kurioser! Lssest das Mdchen dort stehen und seine Leute sind fort. Schm dich, nur bei Nacht und Nebel freundlich mit ihm zu sein und jetzt zu tun, als kennest es nicht! Jawohl, das wr mir! Marsch, es soll auch anstossen; s ist doch am End ein Verwandtes von mir. Dem Rain-Benz war zu Mute, als habe die heutige Freude allen Zorn und Hass aus seinem Herzen geglht, wie das himmlische Feuer Gold von den Schlacken reinigt, und wenn ihm gerade jetzt der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er selbst vor die Augen gekommen wre, er htte sich nicht verschwren wollen, dass es nicht zur Vershnung mit Herz und Mund gekommen wre. Er schupfte den Schnitzler frmlich aus der Bank, bevor er nur seine lange Ermahnung ganz fertig hatte. Zgernd und verwirrt nahm Dorothea neben Hans Eicher Platz, und da es dem in der Aufregung nicht gleich einfiel, fr ein Glas zu sorgen, so stellte Benz eines vor das Mdchen hin und schalt: Herr Jesses, bist du ein Gstabi! Bist in aller Herren Lndern herumgefahren und weisst weniger, was sich gehrt, als unsereiner! Wenn du dich nicht besser umtun kannst, so bekommst deiner Lebtag keine Frau, oder Benz muss dann noch fr dich um eine aus -- Da lachte Hans Eicher hell auf, und Dorothea wusste nicht, wohin sie blicken sollte. Ihr befangenes Wesen, dass die leuchtenden Augen in dem frischroten Gesichtlein doch wieder Lgen straften, ihre bescheidene, freundliche Redeweise gefiel allen wohl, und Benz rhmte sie ganz unverhohlen. Du bist noch eine, wie sie frher waren, und nicht eine von den Gxnasen, die alles besser wissen und entweder spttisch die Nasen rmpfen und kein Wort sagen oder dann alles berschnabeln. Es gilt dir, Baseli! schloss er fast zrtlich seine Lobrede und stiess mit Dora an, und die Glser luteten in der Runde wie Festglcklein auf die Gesundheit und das Wohl aller und des Brautpaares im besonderen, und war dem Schnitzler und seiner Nachbarin nicht zu verargen, wenn ihre Herzen mitklangen und ihr Mund den Wunsch wiederholte. Die Hintergedanken, die dabei sich frhlich tummelten, werden wohl in seinem himmlischen Schuldbuch als Unrecht und Heuchelei aufgezeichnet stehen.

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Der Regen hatte den Himmel und die Erde erquickt, so dass jedes Grslein mit neuer Zuversicht seine Spitzen, jedes Blmchen dankend sein Angesicht emporhob. Auf goldenen Wlklein zog die Sonne dem Wandberg zu und versank hinter fernen Tannen, dass der dstere unscheinbare Forst anzusehen war wie ein Wundergarten unter purpurnem und goldenem Gezelt. Langsam stiegen die vom Waldegg(Wengwald) bergan und Dore mit ihnen. Die Tanzmusik in den Wirtshusern lockte sie nicht. Gottfried war wieder talauswrts gezogen, und Emma machte sich ber die kurze Trennung keinen zu schweren Kummer. Das Glck strahlte aus ihrem Blick, als sie in sich gekehrt mit den andern bergan stieg. Dafr war es Marei gar seltsam zu Mut; bald htte sie mit seiner Mutter in der ganzen weitlufigen Talschaft getauscht, bald wieder verfinsterten undeutliche Sorgen und Bedenken die Glckssonne gleich flchtigen Nebeln, und im Nu ballten sich diese zusammen zu finsteren Kummerwolken, aus denen dir Trnen niederflossen. Ja, was hast eigentlich? Was rhrst? fragte schliesslich Benz ungeduldig. Da blieb Marei stehen, und der glcklichste Friede leuchtete schon wieder aus den nassen Augen. Was weiss ich! Die Sterne glnzten schon da und dort auf, als die Gesellschaft zum grossen Ahorn kam, wo die Wege zum Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) und zum Waldegg(Wengwald) abgingen. Da blieb Benz stehen: So Baseli, du gefllst mir, und mich wrds gar freuen, wenn du auch an die Hochzeit kmest; gelt Marei? Hans kann dir dann Bericht machen, und jetzt soll er dich deinem tti heimbringen! Und gar freundlich gab er Dorothea die Hand zum Abschied.

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XXII.
Drei Wochen spter war die Hochzeit im Waldegg(Wengwald) gefeiert worden, einfach und wenig beachtet von den Stgen(Wengen)ern. Sie hatten alle genug zu sehen und zu hren mit den Fremden, welche die Bahn in vollen Zgen daherbrachte. In den Gasthusern war lngst kein freies Bett mehr, und die Wirte quartierten die Ankmmlinge links und rechts bei den Nachbaren ein. Einige murrten ber diese einfache Unterkunft, andere fanden sie originell, poesievoll, und liessen sich mit den Bauersleuten gutgelaunt in Scherz und Gesprch ein. Was meinst, was unsere Herren im Hinternational zahlen mssen? fragte Bhlpeter eines Abends halblaut seine Frau. Hm -- --? Acht Franken im Tag! Acht Franken! Das habe ich mir nun auch etwas nachgerechnet. Ein Frnkli bekommen wir fr das Bett, drei Franken kann man anschlagen fr die Kost; das ist dann viel. Ich habe zu Rotenbalm(Interlaken) im Kreuz nie halb so viel gezahlt, auch wenn ich Braten zu Mittag bekam, und an Markttagen ist doch alles teurer. Und zudem isst so ein Stadtherr lange nicht, was unsereins, lange nicht! Aber sagen wir doch einen Franken und drei Franken, das macht vier Franken. Also hat der Balmer an denen die Hlfte in seinem Sack, dass macht nur an den dreien schon zwlf Franken im Tag. Er hat aber mehr als fnfzig Fremde, und von denen zahlen viele noch mehr als unsere drei. So rechnete Bhlpeter seiner Frau eingehend und verdriesslich vor, was die Hoteliers verdienen mssten, und als er sich darber gemchlich ausgezogen hatte, warf er sich mit einem zornigen Schwung auf sein Nachtlager, dass das alte Bettgestell erschreckt krachte. Denn solche Wucht hatte es noch nie erlebt, seitdem sie einander kannten, und die beiden roten Augen am Kopfende stierten den Peter ngstlich an; frher waren es zierlich aufgemalte Rosen gewesen; aber das Alter und das Halbdunkel machten jetzt weitoffene Augen aus ihnen. Bhlbabi klappte den Kalender zu, in den es die Milch fr das International eben eingeschrieben hatte. Und dann die Diensten -- -- die Zinsen? hielt es seinem Peter entgegen. Der machte im Bett eine hastige und umfangreiche Handbewegung, dass die Augen am Kopfende erschreckt blinzelten. Ich habe dir schon gesagt, solche Stdter essen nicht fr drei Franken im Tag. Wo wollten sie es auch hintun? Sagen wir immerhin Obdach und Speis vier Franken; dann ists aber viel! Mhm -- -- antwortet Bhlbabi, ghnte und legte sich bald an die Seite seines Ehegemahls. Der Mond war ber den Berg gekommen und zeichnete durchs Fenster ein schiefes Kreuz auf den Stubenboden. Bhlpeter starrte mit weit offenen Augen auf die vier hellen Rechtecke, die das Kreuz schied, und dabei wanderte seine Gedanken rstig in dem nchtlich stillen Dorf herum, von Hotel zu Hotel, zhlten die Gste ab und rechneten aus, wie viel Geld diese in einem Tag hergeben mussten. Er war wie im Fieber. Es litt ihn nicht mehr in seiner Unwissenheit und Gleichgltigkeit, die er bisher nicht einmal empfunden hatte. Ein Wort, eine Beobachtung war gleich einem Stein in das stille Wasser seines Daseins geflogen und zog darin seine immer weiter werdenden Kreise. Peter rechnete und rechnete, als msse er in der friedlichen Sommernacht die Versumnis vieler Jahre nachholen, und als er mit den grossen Zahlen im Kopf nicht mehr fertig werden konnte, stand er auf und setzte das mhsame Geschft beim Licht fort. Die Augen der Bettstelle wandten sich nicht eine Sekunde von ihm, wie er da in Hemd und Hose am Tisch sass, nachdenklich den Zimmermanns-

bleistift leckte und mchtige Ziffern hinten auf den Kalender malte; das war bei ihm ein seltenes, schweres Geschft. Mitternacht war vorber, als er wieder ins Bett kroch, und die Blsse des neuen Tages brach schon an den Himmel, als er endlich einschlief. Wie er dann mhsam die Augen aufmachte, stand Babi mit dem Kalender vor dem Bett und wies fragend auf die Zahlen; das machte ihn munter. Ich habe alles ausgerechnet; wir sollten auch bauen, zuerst nur eine kleine Pension -- -- Mhm -- -- brummte Babi unsicher und begann nun auch seinerseits, den grossen Gedanken ber den Alltagsgeschften zu erwgen. Bhlpeter und seine Frau waren schwerflliger Art, und es brauchte einen starken Anstoss von aussen, ehe sie Neues in den Kreis ihrer Gedanken und Erwgungen aufnahmen; die Dinge konnten Jahr um Jahr an ihnen vorbergehen, ohne dass eines ber sie weiter nachsann. So hatten sie es mit den Fremdenwesen gehalten, und das einzige, was Peter oder Babi besonders deswegen geredet hatte, war ber den Schaden gewesen, den die blumenschtigen Fremden ihnen im Heugras anrichteten. Nun war die Einquartierung der drei Deutschen gekommen, die gar so spassig und mitteilsam waren, und als sie am Morgen nach Bhlpeters durchstudierter Nacht vergngt dem Hotel International zuwanderten, ahnten sie nicht, dass sie den beiden Menschen den grssten Gedanken und die schwerste Erwgung ihres Lebens eingegeben hatten. So unzugnglich dem Neuen wie Bhlpeter und sein Babi waren aber nicht mehr alle in Stgen(Wengen), und in dieser Zeit, da die Fremden zu zweien und vieren Obdach suchend herumzogen, machte mancher im geheimen Rechnungen wie Peter, jeder fr sich allein und ohne einem Menschen auch nur mit einer Miene etwas davon zu verraten. Trotzdem bekam ein jeder fr sich dasselbe Endergebnis: Eine Pension zu bauen wre der krzeste Weg zum Reichtum. Mit schrferen Augen als bisher sah ein jeder dieser Rechner auf den flutenden Fremdenstrom, den die Bahn Welle um Welle daherbrachte, horchte am Bahnhof herum, wo jeder Portier die anderen mit Ruhmreden ber sein Hotel zu bertrumpfen suchte, und dann ging er heim mit einem grossen, wenn auch noch nicht ganz klaren Vorsatz. ---- s ist gar so gut mit den Fremden auszukommen; ich htte das nie geglaubt, fing Bhlpeter ein paar Tage nach der ersten Unterredung wieder an, als er Babi allein in der Stube antraf. Er hatte mit den drei Schlafgsten eine lange Unterredung gehabt und war sich dabei allmhlig recht witzig vorgekommen; denn die Fremden hatten seine Erluterungen freundlich hingenommen und ber das und dies, was er von eigener Meinung dazu getan hatte, gelacht. Aber Babi trug trotzdem Bedenken. Die drei sind so, ja. Aber man hrt aus den Pensionen viel ber die Wunderlichkeit der meisten klagen -- -- Ah bah, die Wirte wollen einem nur den Verleider machen; ein Narr ist, wer auf die etwas gibt! Ich will mit den Fremden schon verkehren! rief Brhlpeter stolz und zweifelte auch nicht daran, dass er der Mann sei fr so etwas. Aber das Bauen kostet grausam viel Geld; besinne dich, wie der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er gejammert hat und jetzt noch jammert! Und dann die Lhne fr die Diensten, so ein halbes Regiment -- -- Eh, den Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er, den alten Fuchs, den kennt man. Babeli, Babeli, bist schon so alt geworden und glaubst dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er noch etwas -- --! Als nun aber das Babi kampfbereit daherkam, lenkte Peter ein: Du hast mich mit dem dummen Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er aus dem Text gebracht. Also wegen den Diensten ist die Sache die, dass mann ihnen keinen grossen Lohn zu 124

geben braucht, weil sie Trinkgeld machen. Sie sind froh, wenn sie nur einen Platz bekommen, so ein Anrichtloch fr das Trinkgeld -- -- Mhm -- -- brummte Babi zgernd. Und dann ist unser Hans ja Metzgergesell in Rotenbalm(Interlaken); warum soll der nicht hier heraufkommen und fr sich selber anfangen, wo die Pensionen so viel Fleisch brauchen? Was meinst? Dann wrde er natrlich uns, seinen Eltern, immer schnes Fleisch recht billig geben; Milch htten wir selber, Erdpfel und Gems auch; was brauchts mehr So spann Bhlpeter an seinem goldglnzenden Faden weiter, bis Gabi diesen wieder mit einem Einwurf entzweiriss. Du weit aber ja so gut wie ich, dass der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er immer gesagt hat, wie viel man von auswrts kommen lassen msse, Gemse, Fleisch, Wein, Spezereien, Ks und Anken, Zuckerzeug, kurzum -- -- -- Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er, der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er, du dumms Babi immer wieder der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er! Da muss man andere, aufrichtige Leute hren, wie den Balmer. Wenn der ein paar Glser im Kopf hat, dann kann man bei ihm der Sach auf den Grund gehen. Haarklein hat er mir verwichen erzhlt, wie ers mache, und das habe ich mir gemerkt -- -- Auf Balmers weinselige Ruhmreden beriefen sich auch andere, welche ihre zgernden, unglubigen Weiber berzeugen wollten, wie viel Geld der Fremdenstrom in seinen Fluten fhre und dass es nun an der Zeit wre fr sie, auch daraus zu schpfen. Da und dort brckelte der harte Widerstand sichtlich ab; nur in einem Haus wuchs er bei jedem Angriff. Dieses Haus stand nicht weit von dem des alten Rain-Benz vorn auf der Fluh, welche wenig ausserhalb des Gartens viele hundert Meter tief in das Gletschbach(Lauterbrunnen)tal abstrzt. Es war trotz seines allen Winden ausgesetzten Standortes hher und schmler als die andern und trug ein unmssig grosses Dach, so dass es anzusehen war wie ein kleiner Bub, der des Grosvaters Hut ber die Ohren gezogen hat und sich an einen gefhrlichen Ort hinstellt. Ein wunderlicher Kauz hatte es gebaut, und als er starb, wollte keiner der Erben die Htte fr sich bernehmen, denn der nchste Fhn konnte sie mit sich reissen ber die Fluh hinaus, ins Tal hinab. Da kaufte der Linderchristen das verschmhte Huslein um geringes Geld und war nun darin mit seinem Vreni zu Jahren und Vermgen gekommen, ohne dass der Fhn anderes mitgenommen htte als ein paar Schindeln. Mit dem Vermgen freilich war das frher gar mhsam gegangen, und Linderchristen konnte nicht einmal alle Markttage fnfzig Franken auf die Kasse tragen. Aber die Bahn hatte ihm ber Nacht ein paar Tausend an Landentschdigung in den Schoss gelegt; er hatte ferner eine Quelle fr das Hotel Eiger um ein rundes Smmlein verkauft, und nun war auch ber ihn das Fremdenfieber gekommen. Vreni -- -- --- He? Vreni, was meinst dazu, wenn wir auch Fremde nhmen -- -- --? Vreni stellte sich vor ihn in Positur. Chrigel, wo fehltss dr?! He ich meinte nur, warum wir bloss zuschauen sollen, wo ringsum alles fast im Schlaf reich wird. Unsere Kinder knnten uns das einmal nachtragen, und wenn die Fremden immer so vor das Haus kommen und Wesens machen mit der gar schnen Aussicht von hier, habe ich gedacht, das wre so etwas und man knne doch drber reden -- -- -- So, s ist gut, dass ich das weiss! Es soll mir doch so ein Tagdieb zum Haus kommen; dem will ich dann zeigen, was Lindervreni kann! Und wtend schoss Vreni 125

zur Tr hinaus, dass die Hhner draussen davonflogen; denn eben kam ein kleiner Fremdenzug den Weg herauf. Es stellte sich vor das Huschen wie eine geladene Kanone, die den Zugang beherrscht, und als der Anfhrer mit seiner Kolonne nahe genug war, schoss Vreni Karttschen und Granaten auf das Trpplein, dass es erstaunt stehen blieb. What do you mean? Isst diese way verbaten? fragte ein Mdchen, sich zum Parlamentr aufwerfend. Da ergriff Vreni den Kartoffelbesen, um dem Verstndnis der zgernden Fremden auf die Beine zu helfen. Sie traten darauf eilig den Rckzug an; aber am Nachmittag brachte der Portier aus dem Edelweiss einen hitzigen Brief: Wenn so etwas nochmals vorkommt Fremden gegenber, so bekomme es, - Lindervreni mit der eben gegrndeten Kurgesellschaft zu tun, hiess es zum Schluss. So so, knurrte Vreni, als es die Epistel gelesen hatte, so so! Sage deinem Meister, dass Lindervreni auf der Bundfluh sich auf seinem Grund und Boden noch lang nicht frchte, und wenn ers nicht glaube, so soll er selber daherkommen. beschied es den Boten. Das eigentliche Unwetter bekam aber Christen zu hren, und er sass beim Nachtessen hinter dem Tisch wie ein armer Snder, als es da auf ihn niederprasselte von Vorwrfen und Anklagen. Wr etwas mit dir, so msste nicht immer ich hinstehen und mich fr unsere Sach wehren! Aber du willst es mit niemand verderben, bist ein Hseler durch und durch und hast jedenfalls noch deine Freude dran, das ich in Verruf komme wie ein falscher Fnfbtzler. Das ist der Dank dafr, dass man sein Lebtag hausen und sparen und zur Sache gesehen hat, und am End ist man der bseste Hund auf Gottes Erdboden huh, huh! wetterte und wehklagte es auf Christen hernieder aus der Schrze, die Vreni vor die Augen drckte. In diesem schwlen Augenblick kam Wyder vom Gletschbach(Lauterbrunnen)blick in die Stube mit einem Krbchen am Arm, und darin gluckste es wie von vollen Flaschen. Ich hatte dem Portier schon vor vielen Wochen gesagt, er solle dir das da mitgeben, wenn du die Milch bringst, und nun komme ich heute drauf, dass er es vergessen hat. Es ist ein wahres Elend mit den Diensten, und wenn man nicht selber allem nachsieht, so ist nichts in der Ordnung. Es glaubt einem kein Mensch, wie bs man hat. Und im Herbst, wenn einer die Abrechnung macht, so heissts: Null von null geht auf! Man knnt auch meinen! widersprach Vreni und schielte nach dem Krbchen, das Wyder neben sich auf die Bank gestellt hatte. He, wenn ds nicht glaubst, so probier es selber! Die Diensten haben nur Aug und Ohr fr die Fremden wegen dem Trinkgeld, und wenn etwas gemacht werden soll, was damit nichts zu tun hat, so geht man am besten von vorneherein selbst drauflos, statt zu markten und zu strmen und es am Ende doch selber machen zu mssen. Und von den Fremden wollen wir gar nicht reden, was die einem zumuten und vorschreiben in Haus und Kche, wo hier oben alles fast das Doppelte kostet wie im Unterland; zahlen wollen sie doch nicht mehr -- -- Oh wie seid ihr Wirte zu bedauern! spottete Vreni und sah zugleich siegesgewiss zu seinem Christen hinber, und in seinen Augen stand deutlich zu lesen: Hrst es jetzt? Nun ist da eine Kurgesellschaft zur Hebung des Fremdenverkehrs in Stgen(Wengen) gegrndet worden. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er ist Prsident und der Schnitzler im Waldegg(Wengwald) Vizeprfes -- --

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Was hat der hochnasige Schnafel dabei zu tun? fiel ihm Vreni ins Wort. Der kennt unserein ja kaum mehr. So wurde noch vieles errtert, und endlich packte Wyder ein paar Flaschen Wein aus, Malaga und Muskateller, etwas gar besonders Gesundes fr ltere Leutchen, wie er sagte. Dann fuhr er vorsichtig fort: Und weil ich jetzt gerade da bin, so will ich euch einen guten Rat geben; aber ihr drfts niemanden merken lassen, woher ihr das habt. Ich bin auch in der Kurgesellschaft und wrde dann von allen geplagt, wenns auskme: Die Fremden rhmen in einem fort die schne Aussicht da bei eurem Haus. Wie wre es, wenn ihr das Stcklein Weg da herauf ein wenig zurechtmachtet und dann von jedem Fremden, der heraufkommt, Eintritt verlangen wrdet, etwa zwanzig Rappen? Das bekmet ihr leicht und httet damit eine Geldfalle ohnegleichen. Fr meine Gste wrde ich dann mit euch gutmachen; ich gbe ihnen eine Karte, damit ihr sie kennt und ihnen nichts abnehmet. -- -- Ich hlfe dann alle gleichhalten, warf Christen ein, dem die Idee mit dem Weggeflle gleich eingeleuchtet hatte. Da blinzelte ihm Vreni zu und sagte zgernd: Das hat alles noch Zeit, und wir knnen im Frhling wieder davon reden. Ich bin aber jetzt grad da und mchte gern wissen, woran ich bin, obgleich ich nicht zweifelte, dass ihr unserer Nachbarschaft Rechnung halten werdet mir gegenber. Ich habe euch doch schon viel Geld gegeben fr Milch und Erdpfel. Oh was das ist, wir knnen beides verkaufen, so viel wir nur haben! Im Mai haben noch zwei andere dafr gefragt und Euch abbieten wollen. Aber wir haben abgesagt, trotzdem sie mehr zahlen wollten, gerade der guten Nachbarschaft wegen, hielt ihm Vreni nachdrcklich vor und sah geringschtzig auf die Flaschen, die Wyder vor die Lampe gestellt hatte, so dass es golden darin leuchtete. Eh ds Donner! Jetzt hat der Portier noch zwei Flaschen vergessen, gar guten alten Kognak. Die habe ich extra wegen eurem Magenweh zuweg gestellt und sie bringen wollen; aber es ist so: wenn man nicht jedes Dinglein selber nachsieht, so ists missraten, polterte Wyder. Christen kann sie ja am Morgen nehmen, wenn er die Milch bringt, beschwichtigte Vreni; aber jetzt sollten wir Feierabend machen, und fr die Flaschen habet Dank; das wr nicht ntig gewesen. Gar freundlich gab Wyder beiden die Hand, wnschte ihnen gute Nacht, zwar mit langem, verblfftem Gesicht; denn nach seiner Meinung waren die Traktanden noch lange nicht erledigt. Aber er kannte seine Leute. Als er draussen war, schlenkerte er das leere Krbchen wild hin und her und brummte einmal ber das andere: Du donners Her, wenn dich nur der Teufel holte mitsamt deinem dummen Gritti! Der teure Wein reute ihn, und noch mehr schwoll ihm die Galle darber, dass er der reichen Spende noch zwei Flaschen Kognak nachgeworfen hatte, rein fr gar nichts. Hast sie aber noch nicht, und wenn dich das Magenweh nur rundum drehte! spottete er. Der solls probieren und Eintritt heischen, ohne dass meine Fremden begnstigt werden! Htte ich nur gar nichts davon gesagt! rsonnierte Wyder. Derweilen studierte Vreni schmunzelnd die Etiketten auf den Flaschen, roch an den Zapfen und liess das Licht in die goldene Labe fallen. Als es aber sah, wie auch Christians Augen herberglnzten, packte es die sechs Geschwister in die Schrze und verschwand eilig. Nach einer Weile kam es wieder und setzte sich seinem Eheherrn gegenber. Hasts jetzt gehrt, wies geht mit den Fremden? Etwas so Kreuzdummes, das fassest auf; aber das mit dem Eintritt wr dir nicht in den Sinn gekommen! Man muss sich schmen, dass einem das so ein Zugewanderter sagen muss. Aber wenn der glaubt, er knne mich aufs Brot streichen, so hat er sich an Lindervreni verrechnet, und das hat er. Dass d aber nichts sagst, und morgen nimmst die zwei Flaschen, und wenn sie nicht parat stehen, so fragst ihnen nach. ---127

Kurgesellschaft, jawohl! Die soll mir Vorschriften machen; denen will ich! Und dann einen solchen wie der Schnitzler fast obenan. Da sieht man, was damit ist! So wetterte Vreni, und doch wollte es fast vergehen vor Freude ber den guten Gedanken, den Wyder mit dem guten Wein ins Haus gebracht hatte.

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XXIII.
In diesen Augusttagen kam ein unscheinbarer Mann zu Benz Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). Er war nicht mehr jung, doch auch noch kein angehender Greis, hatte stdtische Kleider an, und doch guckte ein pfiffig-biederes Bauerngesicht unter dem abgegriffenen schwarzen Hut hervor. Ich habe mir sagen lassen, Ihr kennet die Verhltnisse hier gar besonders gut und seiet ein ehrbarer Mann, auf dessen Bericht man gehen knne -- -- begann der Fremdling. Man muss nicht alles glauben, was die Leute sagen, spottete Benz dazwischen; aber stellt da auf der Bank ab; wir haben beide Platz. Ich bin Zingg-Hans von Weiden und mchte mich da oben ankaufen, so ein mittleres Bauernweselein, nicht zu gross; denn wir sind nur unser vier, ich und nni und die zwei Buben. Fremde Leute mchten wir nicht haben -- -- So, und was soll ich jetzt dabei machen? He, ich habe so gedacht, Ihr wsstet etwas Feiles da oben oder verkauftet vielleicht Eure eigene Sach, wenn sie einen rechten Preis gelte -- -- Schauet, Zingg, daraus wird nichts. Ich bin ein altes Mannli, das von heut auf morgen eingehen kann, und will nichts mehr schacherjuden. Wenn meinen Erben das Schlein dann feil ist, nun ja, so knnt ihr nachher mit denen geschften. Zingg probierte noch vorsichtig, ob dieser Bescheid endgltig sei, und als Benz nicht mit sich markten liess, ging er seines Wegs, dem Waldegg(Wengwald) zu. Herr Eicher wird ja ein berhmter Schnitzler und wird nie bauern, prophezeite er hier, als er Marei sein Begehr vorgebracht hatte, und berhaupt ist Euer Heimetli fast zu klein, um darauf auszukommen. Uli wird frher oder spter doch zum Fremdenwesen gehen, wo er mehr verdient, und Euer Schwiegersohn ist ja auch Schnitzler. Marei schaute das Mnnchen verwundert an, das alles so genau wusste, und Zingg fuhr fort: Schauet, Frau, mein nni muss auf die Berge, der Doktor hats verordnet, und da wir ein Ziemliches auf der Seite haben, so brauchen wir nicht gerade darauf aus zu sein, noch mehr dazu zu legen. Wenn wir also mit Eurer Sach da auch nicht viel Grnes machen knnten, so htte das fr uns weniger zu sagen, whrend von hundert Kufern neunundneunzig auf das Abzahlen sehen mssen. Ich meine darum, Eure Kinder wren auch einmal froh, wenn Ihr ihnen so gut geschaut und schn Geld erworben httet. Denn so teuer wie wir wrde es keins von ihnen bernehmen, und damit kmen die andern zu kurz; das wr Euch und ihnen nicht recht -- -- Marei hrte ihm ruhig zu, und als er fertig war, beschied sie ihn kurz und bestimmt, das sei die Sache ihres Mannes selig gewesen, von der verkaufe sie keine Schindel auf dem Dach und keine Erdscholle am Boden. Und ihre Kinder seien nicht so gegeneinander, dass es einmal deswegen Streit gebe; sonst knnten sie es dann selber immer noch verkaufen. He nu, wie Ihr meint. Ich habe ja nur gefragt, und Fragen ist immer erlaubt. Zingg Hans stffelte den Fussweg hinunter, schwenkte dann dem Gummenweidli zu und setzte sich auf die Bank, welche die Kurgesellschaft aufgestellt hatte. Missmutig glitt sein Blick ber das Stcklein Gotteserde zu seinen Fssen und ber den herrlichen Gletscherkranz, der es mit zackiger weisser Wand vom Tiefblau des Himmels abgrenzte. Fremde wanderten behaglich zwischen den grnen Matten; etliche kamen auch bei ihm vorbei und priesen die Aussicht. Auf einmal aber erhob sich

hinter ihm, oben an der Weide, ein Streit, und als Zingg sich umwandte, sah er, wie ein Mhder ein Dmchen fluchend aus dem Emdgras jagte. Hol der Teufel die fremden Tagdiebe, die einem das Futter frs liebe Vieh in den Boden stampfen! Die Wirte sollen eine besondere Weide fr diese Landplag halten, grollte der Hrlibenz -- denn er wars --- noch fr sich selber. Sein Bub stand auf die Gabel gelehnt da und machte bse Augen. He, Att, nur nicht so unverschmt! Das ist eine von denen, welche mich gestern zu Berg gedinget hatten. Meinetwegen, und htte sie dich in Silberpapier eingemacht! Der Boden da ist noch meine Sach, und da jage ich fort, wen ich will -- -- Wenn d so willst, so kannst selber emden! Ich kann dir da knorzen helfen und schnen Verdienst fahren lassen, und dafr sagst du meinen Fremden alle Schand! Der Bursche steckte die Heugabel in die magere Grasmahde und tat, als wolle er davonlaufen. Hab ich je von deinem Verdienst einen Batzen gesehen, oder hast du je auch nur einen Nasenlumpen daraus angeschafft, he? Saufen und Faullenzen hast gelernt bei den Fremden, vor ihnen Scharwenzeln und allentwegen Grosstun, als wrst selber ein Herr. Im Winter bist dann froh, wenn der Att dir Kleider kauft und deine faule Haut fttert. Hol der Teufel das Fremdenwesen! Der Bursche lief davon, schnurstracks dem Bahnhof zu. Hast schon fertig geemdet? fragt ihn da einer spttisch. Oh, wenn der sich den Grind scheren lsst, so hat er seinen ganzen Grund und Boden gemht. Drr ist das Emd dann auch grad, rief ein anderer. Der Hrlimichel erzhlte den Handel denen, die da herumstanden und auf Fremde passten. Ein Narr, wer noch auf den steinigen ckerlein und mageren Matten herumkratzt! Und im Winter schaffen die Alten ja auch nichts, als was das Vieh angeht. Da denk ich dann immer, mir tue nach der Lauferei im Sommer Ruhe not und sie verstehen das Bauern ohnehin besser; ich berlass es ihnen! errterte einer, und ein allgemeines Gelchter belohnte den Witz. Gestern hat mir einer zwei Franken am Taglohn abschrnzen wollen; dem hab ich aber gesagt, was Trumpf ist, lenkte Hrlimichel ein. Ei du Prahlhans! Du und die Meinung sagen! Reibst ja immer die Hnde vor den Fremden und spielst den Einfltigen. Du hast nur ein Gefrss daheim, fuhr ihn der Portier vom International an. Aber dann du -- --! Eh, das sind frher Narren gewesen! Haben die schwersten Koffern fr ein paar Batzen von Gletschbach(Lauterbrunnen) heraufgetragen, schnitt einer den Zank ab. Da fuhr der Zug ein, und mit ergebenen friedlichen Mienen drngten sich die Burschen dem Strom der Ankmmlinge entgegen. Als Hrlimichel nach dem Zank seinem Vater davongelaufen war, hatte Zingg noch einen Augenblick ber den Handel nachgedacht und war dann langsam zu Hrlibenz hinaufgestiegen. Gibts gut aus? fragte er. Zuerst mhte Hrlibenz ingrimmig weiter; dann gab er mrrisch Antwort, und schliesslich spann sich zwischen den beiden ein Gesprch an, in dessen Fortgang Hrlibenz von Grund aus sein Herz leerte und Zingg vorsichtig mit seinem Begehr herausrckte. Hrlibenz stutzte, und Zingg schmiedete das Eisen, so lange es warm war. Sie setzten sich auf einen Emdschober und waren bald so weit, dass Hrlibenz sein Heimwesen als das abtrglichste in ganz Stgen(Wengen) pries. Und dann knnte ich Baupltze davon verkaufen, fast ein halbes Dutzend, behauptete er. 130

Damit ists nichts! Es stehen schon zu viel Pensionen auf Stgen(Wengen)! schnitt ihm Zingg das Wort ab. Sie markteten hin und her, zuerst ber den Kurort im allgemeinen und dann ber das Heimwesen im besondern. Vertrauend auf die zornigen Worte, die Hrlibenz seinem Buben ins Gesicht geworfen, schimpfte Zingg ber das Fremdenwesen und sah nun, dass der andere pltzlich wieder gegenteiliger Meinung war. Das bringt Geld haufenweis, und jetzt ist die Sach auch etwas Wert geworden. Vor zehn Jahren htt ich mein Heimet um den Viertel von dem gegeben, was es mir heut gelten msste, wenn ich es verkaufen wollte. Milch, Gemse, Erdpfel und fette Klber sind jetzt brandschwarz teuer gegen frher. Das Fremdenwesen bringt alles zu Wert, von den Baupltzen gar nicht zu reden. So rhmte der eine, indes der andere herunter machte; aber fast unmerklich kamen sie einander nher, und das eigentliche harzige Markten begann. Sie gingen von einem Landstck zum andern, besahen um und um die alte, russige Htte; ab und zu tat Zingg auch einen verlorenen Blick ber ein Landstck weg nach den Bergen. Dann kam wieder ein langes Markten, und es war noch eine weite Spanne zwischen Forderung und Angebot, als sie sich trennten. Besinnet euch wohl; ich bin ein guter Kufer. Wann soll ich Bescheid holen? Ho, das wird bald ausbesonnen sein; ich hab Euch ja gesagt, was ich haben muss, und darunter gehe ich beim Rumpelwetter nicht. Zingg wandte sich nach ein paar Schritten nochmals zurck. Dass Ihr aber die Sach unter uns behaltet; sonst werden gleich dumme Muler drin gewaschen auf beiden Seiten. Hrlibenz winkte mit Hnden und Kopf ab, als verstehe sich das von selbst. Er setzte sich auf die Trschwelle, trotzdem es schon ber Mittag war und er fr sich und den Buben selber kochen musste; denn sein Elisi war seit Jahr und Tag unter dem Boden. Er sprte seinen Hunger, und sein Michel zeigte sich, um ihn zu mahnen. Auch das Emdgras hatte er vergessen; er wlzte die schwersten Gedanken seines Lebens in seinem engen Kopf herum; immer dsterer ward sein Gesicht dabei, und er wurde ihre willenlose Beute. Nie in seinem Leben hatte er einen besondern Entschluss gefasst. Eisi hatte er ohne weiteres geheiratet, als die Mutter selig sie ihm anriet; Eisi hatte er nach ein paar kriegerischen Ehejahren auch ziemlich gleichgltig auf den Friedhof geleitet und die nun doch folgende Einsamkeit mit Handorgeln und ehrlicher Arbeit verscheucht. Und nun sollte er, auf dessen Scheitel schon einige graue Haare standen, einen Entschluss fassen, so schwer, wie nach seiner Meinung noch keiner auch nur erwogen worden war. Im ersten rger ber die Fremden und den Buben, der herumvagierte und ihm alle Arbeit berliess, war es ihm eine Erleichterung gewesen, nur so zum Spass zu tun, als wolle er alles verkaufen und es sich nachher wohl sein lassen, dem Michel zum Trutz. Aber das ernsthafte Markten Zinggs hatte ihn dann doch betrbt und gengstigt, und rgerlich hatte er die Blicke gesehen, mit denen das wildfremde Mannli seinen Grund und Boden abschtzte, auf dem er von Kindsbeinen auf hart geschafft und in vierzig langen Jahren jeder Scholle Ehre angetan hatte. Ttschhtte hatte Zingg das Haus genannt, von dessen Dach er nicht weniger lang das Moos gekmmt, Sparren und Bretter ersetzt, mit denen wohl schon der Urgrosstti Schden daran geflickt hatte, und auf dessen Schwelle er so viele frohe Stunden verlebt, mit der lieben Handharmonika auf den Knien. Wie ein Leichenzug wandelten diese Bilder in grauem Kummernebel durch seinen Kopf, und die Trnen tropften dem ratlosen Menschen auf die zusammengelegten Hnde. Da kam Rain Benz langsam den Weg herauf und stellte sich vor ihn, um ein wenig zu verschnaufen und ein Wort zu wechseln. Der Hrler

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fuhr verstohlen mit der Hand ber die Augen und fragte leichthin, ob er den Michel nicht gesehen habe, er warte auf ihn mit dem Essen. Das knnte dir wohl kalt werden, bis der heimkommt. Er holleiet mit dem Fuchshnsel, dem Weber und dem Schreinerniggel im Bren. Da liess der Hrler betrbt den Kopf hngen. Wenn dZeit hast, ich mchte gern ein Wort mit dir reden. Er rckte auf der Schwelle ein wenig zur Seite, und Rain Benz liess sich mhsam auf dem schmalen, tiefen Sitz nieder. Wie ein langgestautes, stilles Wasser, dessen Damm pltzlich ein Leck erhalten, sprudelte es nun aus Hrlibenzens Herzen, das Elend mit dem Buben, der Jammer einer Trennung von Haus und Heim, alles weitlufig und bunt durcheinander, Geschehnisse, Gedanken und Erwgungen. Als der Quell versiegte, sah Rain Benz immer noch nachdenklich vor sich hin. Das Raten ist ein bses Amt, und ich strecke meine Finger nicht zwischen fremde Tren. Ginge es aber mich an, der Hudelbub und das Heimet, ich wrd mich nicht zu lang besinnen. Der Zingg will nicht bauern; der will spekulieren, zhl drauf, und der lssts nicht fahren, wenn du schon auf deinem Preis bleibst. Htte ich nun also die Sach und einen solchen Vagant zum Buben, ich gbs und ginge hundert Stunden weit, um im Alter nicht noch Armut und Kummer seinetwegen zu erleben. Bist du fort und das Heimet fort, so heissts: Vogel friss oder stirb! Geht er dann drauf, so ists seine Schuld und nicht viel verloren; denn Verdienst findet einer genug, wenn er schaffen will. Kommt er aber zum Verstand, so kannst ihm dann immer ein Zeichen tun. Der arme Micheli dauert mich aber doch. Er war frher so ein Arbeitsamer, Guter, bis er das Fremdenwesen anfing. Ich msste es doch grausam auf dem Gewissen haben, wenn er zu Grund ginge -- -- Da kannst jetzt lang michelen; das hilft ihm nichts und dir nichts! Wenn er nicht Verstand hat, so musst du ihm den machen. Und mit dem Fremdenwesen ist das so: Wer seine Batzen zu Rate zieht, kommt jetzt in einem Jahr weiter als frher in sechsen. Der Micheli kann sich schon durchschlagen, wenn er will, und du kannsts mit dem auch gut machen, was dir das Heimet gilt. Das Fremdenwesen ist nicht so mir nichts, dir nichts daran schuld, dass der Micheli ein Hudel ist, sondern der Bub selber. Es hat wohl den Anlass gegeben, ihm und den andern Lumpen; aber saufen und polleten tun sie aus eigenem Unverstand, und wer htte je gehrt, dass mit einem Lumpazi etwas sei -- -! So eiferte Rain Benz und fuhr nach einer Weile fort: Ich bin auch nicht fr das Fremdenwesen, ganz und gar nicht. Sie schreien jetzt in allen Ecken von leichtem Erwerb und wie jeder schnell zu etwas komme. Aber einstweilen sieht man davon nicht viel anderes als Neid, Feindschaft und Lug unter den Wirten und Lumperei beim gemeinen Volk. Doch weil das bel jetzt einmal da ist, so muss man eben das Gute daran herausnehmen und sehen, dass ein jeder zur Besinnung kommt. Die Fremden sind ja ber uns hereingebrochen, fast wie der Feind in der Nacht, und wer zuerst parat ist, der macht dabei doch seinen Schick -- -- So predigte ein Benz dem andern Benz auf der Trschwelle im Hrli vor, bis ihm das Bein einschlief und er mit rgerlichem chzen aufstand. Als er gegangen war, sah Hrlibenz trotzig drein und wusste, was er tun wollte. Und zum Anfang der bessern Zeit schlug er drei Eier in die Pfanne und nahm ein Lffelchen Zichorie mehr als gewhnlich fr seinen graublauen Kaffee. Noch war er am Essen, als Michel daherkam, unwirsch und nicht ganz nchtern. Att, gib mir einen Zweifrnkler, ich muss mit Fremden zu Berg -- Musst? Strm nicht lang; sie warten! 132

Etwa im Bren? Seit wann sind der Fuchshnsel und der Schreinerniggel Fremde und wollen zu Berg? Fopp mich nicht! drohte Micheli, und mach Geld von dir..! Wirst den gestrigen Taglohn wohl noch haben. Ich ging nicht mit Fremden und habe also kein Geld zum Verlumpen -- -- He he, ich weiss, wo der Iltis sein Loch hat! lachte Micheli hhnisch und ging auf den Schrank zu, in dem unter ein paar abgegriffenen Papieren in einer alten Zipfelkappe des Vaters Barschaft verborgen lag. Benz stellte sich vor die Schranktre: Da tust nicht auf, du Vagant! Was sagst, he? Vagant? schrie Micheli und hielt seinem Vater die Faust unter die Nase. Sag das noch einmal------! Ein Vagant bist, ein -- -- Wuchtig klatschte des Sohnes Faust in das Gesicht des Vaters, dass er zurcktaumelte. Aber Micheli selbst war erschrocken ber den Schlag und floh aus der Tre, ohne sich umzusehen. Vier Tage drauf wurde das Hrli in aller Stille verschrieben, und Micheli fand eines Abends das Haus verschlossen und leer, bevor noch jemand zu Stgen(Wengen) um den Handel wusste. Den Hrlibenz hat gleichen Tages einer von Gletschbach(Lauterbrunnen) zu Rotenbalm(Interlaken) auf dem Bahnhof gesehen, mit Trnen in den Augen, als habe er ein Liebes begraben.

Jungfrauschanze

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XXIV.
Als Zingg dann mit seiner Haushaltung im Hrli einzog, kam der Michel breitbeinig daher und fragte: Was wollt ihr da? Nun ging es an ein erregtes Parlamentieren, bei dem Zingg seinem nni vorzugsweise das Wort liess und sich ins Hintertreffen stellte. Das nni war eine stattliche Frau in den besten Jahren, mit einem hbschen, klugen Gesicht, das ein Kranz schwerer, glnzendschwarzer Flechten einrahmte und in dem zwei grosse dunkle Augen funkelten. Diese Augen waren bald durchdringend wie Messer, bald schillerte es in ihnen wie Hohn und Misstrauen; zumeist aber blickten sie sanft in die Welt hinaus, das Vertrauen und die Zuneigung erobernd bei denen, mit welchen nni plauderte. Zingg-Hans sah nicht am gescheitesten aus, aber auch nicht am dmmsten. Stand er aber neben seinem nni, so schien er die Unbeholfenheit selber zu sein, und auch jetzt stellte er sich recht gern nebenaus. Hrlimichel stapfte im Schopf auf und ab. Das ist ein Schwindel, den brauch ich nicht anzunehmen! Ich gehe zum Frsprech und verlange das Zugsrecht, (Ein alter Rechtsbrauch nach dem ein Leibeserbe innert einer bestimmten Zeit ein zum Erbe gehrendes Grundstck aus fremder Hand wieder an sich bringen kann.) dem Sandwegmichel haben sies auch so machen wollen, aber der hat ihnen gezeigt -- -- Zingg-Hans erschrak, als er vom Zugsrecht hrte; aber ber das Gesicht seiner Frau huschte der Hohn; sie mass den Micheli von oben bis unten und erriet, dass der in Ewigkeit das Geld zum Rckerwerb nicht aufbrachte und dass er im Grund genommen eine Trommel war, ein hohler Kbel mit Kalbsfell berzogen; dass er mchtigen Spektakel machte, wenn auf ihn gepocht wurde, der Lrm aber auch sogleich aufhrte, wenn man das Pochen unterliess und die Schrauben zurckdrehte. Eh aber, eh aber! Ihr also seid dem Hrlibenz sein einzig Kind, und dem verkauft der Alte Haus und Hof ber dem Kopf weg! Das ist eine elende, nichtswrdige Sach, auf die wir uns nie eingelassen haben wrden, wenn wir etwas von einem Kind gewusst htten. Denn eine solche Snde htten wir nie verben helfen. Aber kein Wort hat er von Euch gesagt, kein Wort! Vor vierzehn Tagen, als Hans zufllig da herauf kam, hat ihm Euer Vater das Heimet fast um Gotteswillen angetragen und den andern Tag schon gar dringlich schreiben lassen und angehalten, wir sollen es doch nehmen. Gelt Hans! Und Hans Zingg nickte mchtig. Htten wir aber gewusst, dass das bluteigene Kind dabei um sein Erb kommen soll, niemals htten wir das auf dem Gewissen haben mgen. Michel, Ihr dauert mich, ich kann nicht sagen wie! Aber jetzt ist der Kauf gefertigt und bezahlt bis auf die Kassenhaftung herab. Wir knnen Euch daher beim besten Willen nicht helfen. Euer tti aber muss ein schner Hallunk sein, Euch so um das Erb zu bringen bei Nacht und Nebel und sich davonzumachen. Meinem Mann hat ers viel zu teuer angehngt, und wenn ich dabei gewesen wre, ich htte ihm nicht die Hlfte gegeben, und so wrs noch zu teuer gewesen. Aber er ist durchtrieben und heimlich Feiss(Feuz,Alpenrose); er hat gemerkt, dass mein Mann ein leichtglubiger, dummer Schlabi ist, mit dem jeder Baumstorzen machen kann, was er will. Was konnte ich tun, als der Kauf hinter meinem Rcken kanzleiet worden war? Uns ists beiden gleich gegangen. Euch hat man hinter dem Rcken die Sach verkauft, und hinter meinem Rcken ists gekauft worden -- -- So redete Zingg-nni dem Hrlimichel zu, der darob seine Beine immer weniger breit und kampflustig von sich stellte; das Urteil ber seinen Vater war wie Balsam fr

sein verletztes Gemt, das nach Kampf und Rache gelechzt hatte, als er vor einer halben Stunde dahergekommen war. Zingg-Hans hatte zu allen Vorwrfen seiner Frau kein Wort gesagt; er wusste, dass sie alles wohl bedachte und ihre Absicht haben musste, wenn sie so redete und nicht anders. Aber eine unverfngliche Verteidigung nach solcher Erniedrigung wollte er doch fhren. Wir htten viel billiger gehandelt, wenn ihn der Rain-Benz nicht aufgewiesen htte. Euer Vater hat sich noch beim Notar verschnappt deswegen --- Also hat der etwas von der Sache gewusst? fragte Michel scharf und blieb stehen. Aber Zingg hatte einen Blick seiner Frau aufgefangen und ihn auch verstanden. Ja, was weiss ich? O, ihr msst nicht glauben, ich sei so dumm! Aber dem Donner will ichs noch anstreichen -- --! Die letzte Wut ergoss sich nun aus Michels Mund in wilden Verwnschungen und Drohungen ber den Rain-Benz mit einigen Seitenflchen auf seinen Vater, und als das Wetter sich einigermassen verzogen hatte, hiess ihn nni in die Stube kommen, stellte ihm Schnaps, Brot und Kse auf und gab ihm gute Worte dazu, so dass, als er wegging, von Zugsrecht, Frsprechern und Feindseligkeit zwischen ihnen keine Rede mehr war. Als sich nni jetzt ihrem Mann zuwandte, war die bisherige Sanftmut aus ihrem Gesicht weggewischt, und die dunklen Augen funkelten. Ach mein Gott, was bist du fr ein Lhl! begann es seine lange Strafpredigt ber die unbedachte Bemerkung und fing noch whrend des Scheltens und Wetterns an, sich zurechtzumachen. Jetzt kann ich sehen, wie ich mit dem alten Gritti am Rain zuweg komme wegen dem Gummenweidli. Kommt er einmal mit dem jungen Hrlivaganten zusammen und sagt ihm der wst, so ists mit dem Weidli aus und fertig, und das Weidli mssen wir haben wegen der schnen Aussicht. Und mit dem hochmtigen Geschmeiss im Waldegg(Wengwald) muss auch abgemacht werden fr das Dreieck, das noch zwischen unserm und dem Rain-Gritti seinem Weidli liegt. Mit langen Schritten machte sich nni auf den Weg. Rain-Benz war im Waldegg(Wengwald), was der Frau nicht so gar angenehm war; jede Partei fr sich liesse sich leichter berreden, dachte sie. Aber es galt zu handeln, bevor Hrlimichel Unheil stiftete. Zuerst redete Zingg-nni von der guten Nachbarschaft, die sie als Anstsser halten wollten, und dann klagte es, wie sie mit dem Hrli bernommen worden seien, das heisst sein Schlabi von Mann, der nichts verstehe, jedem alles glaube und seine Frau erst zu Rate ziehe, wenn abgemacht und verschrieben sei. Jetzt haben wir da ein brandschwarz teures Heimet, und wenn man recht schaut, viel zu wenig Wiesland. Ich lass nun mein Mannli keine neue Dummheit machen und laufe der Sach lieber selber nach. Wir mssen noch etwas Land kaufen, und es sind uns auch ein paar Riemen angetragen am Bort unten. Aber ich ht lieber etwas neben unserem, und wenns auch ein wenig teurer wr -- -- nni machte eine abwartende Pause; Benz rauchte auf der Ofenbank still vor sich hin, und Marei schlte ebenso schweigsam Kartoffeln fr das Nachtessen. Als nun gar niemand auch nur nach der ausgeworfenen Angel hinsah, fuhr nni vorsichtig weiter. Und da habe ich gedacht, man knnte ja einmal zusammen reden wegen euren beiden Stcken Gummenweid. Die lgen besser zu Pass und wren mir fast lieber als die Riemen am Bort unten. Die Aussicht ist aber auch eine ganz andere, und darauf kommt es den Fremden doch an warf Benz ein. nni erschrak ber diese Worte; aber es tat, als habe es sie nicht gehrt, und fuhr hastig fort. Ihr httet ja beiderseits immer noch Land genug -- -- 135

Und mir hat Euer Mann grad gesagt, unser Heimet sei ohnehin zu klein, als er es feil machen wollte, wandte Marei ein. Mein Mann ist ein Donners Lhl und versteht von solchen Sachen so viel als eine Kuh von einer Muskatnuss! brauste nni auf. Dann liesse ich ihn doch nicht als Treibauf und Anschicksmann umherlaufen, spottete Benz. Eia, recht habt Ihr schon. Aber ich wusste nicht, dass der da oben herumstapft und sich in solche Geschfte einlsst. Wir waren in Weiden unten wohl und gut aufgehoben, und wenn schon der Doktor meinte, die Bergluft tte mir besser, so wr ich fr mich doch lieber drunten geblieben. Wir hatten da unsere guten Nachbarn, die uns zu Gefallen taten, was sie uns an den Augen absahen, und hier kennen wir niemand und wissen bei keinem Menschen, wie wir mit ihm dran sind. nni machte ein betrbtes, kummervolles Gesicht und hatte die Hnde in den Schoss gelegt. Oh, grad gefressen hat hier oben auch noch keines das andere, wenn nicht etwa die Wirte aus Brotneid eine solche Mode einfhren -- -- meinte Benz. Ja, das ist mir noch ganz apart zuwider, dass so viel Fremde hier heraufkommen und man keinen Schuh Boden vor ihnen sicher hat -- -- Ich glaube fast, es sei Euch spter noch so lieb, wenn recht viele auf Eurem Grund und Boden herumlaufen, brummte Benz. Wieder schien nni den Einwurf zu berhren und fuhr fort: Ich weiss ja wohl, dass ihr beiderseits nicht Geld braucht; aber ich dachte, vielleicht liesset ihr aus Geflligkeit mit euch reden. Am Preis sollt es auch nicht fehlen, und wir brauchen gottlob auf ein paar Frnklein nicht zu sehen------ Wir gottlob auch nicht, prahlte Benz nun ebenfalls. He nun, denkt ber die Sache nach, und dann kommen wir wieder zusammen, beharrte nni und reichte jedem gar freundlich die Hand zum Abschied. Schauet, Frau, das gibt da oben einmal gute Baupltze und bis dahin gutes Gras, und darum ist nichts feil, da knnt Ihr drauf rechnen. Und nun beht Euch Gott, und zrnet nicht -- -- Mit diesen Worten geleitete Benz das Zingg-nni zur Tre. Es schoss davon, und als es von weitem den Hrli-Michel sah, winkte es ihm und hiess ihn in die Stube. Der ungerechten Sach wollte ich doch auf den Grund kommen; die hat mir keine Ruh gelassen Euretwegen, fing nni mit bedauernder Stimme an und fuhr, immer lauter und mit steigender Emprung, fort: Ich bin also bei dem alten Gritti am Rain gewesen, und er hat mir zugeben mssen, dass er und die im Waldegg(Wengwald) Eurem Vater zum Verkauf angeraten haben und meinem Schlabi von Hans vormachten, da knne er einmal noch Baupltze verkaufen. Und der Rain-Benzel hat Eurem Alten angegeben, er soll sich fortmachen. So haben sie Euch und uns betrgen helfen Hans Zingg sass da und muckste nicht gegen den Schlabi; er hatte keine Freude dran, wie nni Wort fr Wort von dem, was ihm der Hrlibenz in weinseligem Kummer nach der Verschreibung zu Rotenbalm(Interlaken) anvertraut hatte, so geschickt zu brauchen wusste. Aber dass Ihr uns bei Leib und sterben nicht verratet, gelt? Wir meinens gut mit Euch, und Ihr tut uns gar leid; aber wir mchten mit diesen gefhrlichen, heimtckischen Leuten nicht in Feindschaft kommen. Immerhin haben wir gedacht, es sei nur recht und billig, wenn Ihr wisst, wie alles gekommen ist und bei wem Ihr Euch dafr zu bedanken habt. So sprach nni dem Hrlimichel zu und fllte ihm brav das Glslein. Als er fortging, schrfte es ihm nochmals ein: Zieht uns also ja nicht in die Sach; denn wir 136

meinen es aufrichtig mit Euch! Ihr seid auch selber gescheit genug, dass Ihr uns nicht verratet -- -- -- nni hatte sich einen wahren Alp von Ingrimm ab der Seele geredet und sah dem Hrlimichel hhnisch nach. Dem ging das Wort Baupltze wie ein zackiges Rad im Sinn herum; denn gar so oft war es ihm schadenfroh vorgesagt worden, seitdem der Verkauf unter den Leuten war. Ein Vermgen hat dein Alter da verblterlet, hhnte ein jeder. Und nun wars heraus, wer daran schuld trug, wer ihn um Erbe und Obdach gebracht hatte. Er vertrank in dumpfem Brten seinen letzten Kredit beim Brenwirt und schlich spt abends ohne viel Worte davon, dem Rain zu. Oftmals blieb er unterwegs lauschend stehen, schlich dann weiter und kam zu Rain-Benzens Haus, er wusste nicht wie. Da lag unter dem Vordach ein Bndel Emd, das Uli Eicher noch nicht auf die Bhne getragen hatte, und daneben reichte ein Asthaufen bis ans Dach. Mit Gewalt riss Michel sich immer wieder von dem Banne los, der ihn ebenso schnell von neuem umfing und jede Bewegung hemmte. Aber immer heisser kochte der Schnaps den Hass, und Michel schlich nher und nher. Wie er aber um das Muerlein bog, sah er deutlich im schwachen Sternenschimmer den Benz auf der Hausbank sitzen. Ein erschrecktes Zittern kam ber ihn, als habe er dem alten Mann schon ein Leid angetan; Furcht und Angst bekamen die Oberhand ber seinen dumpfen Gedanken; er schlich davon, als habe er Feuer an das Haus gelegt, und rannte weiter unten querfeldein dem Schachen zu, wo er bei seinem Freund Joggel Unterschlupf gefunden hatte. Als Uli Eicher am andern Morgen zum Rain hinberging, sass Benz noch auf der Hausbank, vornbergebeugt, und gab keine Antwort auf den Gruss, den ihm Uli, nicht wenig verwundert ber das frhe Aufstehen des alten Mannes, zurief. Als er nun zu ihm herankam, tat Benz kein Lebenszeichen, und auf seinen Kleidern lag nchtlicher Reif. Als Ulrich voller Entsetzen solchen Bericht ins Waldegg(Wengwald) brachte, befiel alle im ersten Augenblick stummer Schreck, dem bei den Frauen lauter Jammer, bei Hans und Gottfried stumme, gedrckte Hast folgte. Lieber Benz, ach mein Gott, Benz, gelt du bist nicht tot! klagte Marei und weinte lautauf; denn sie sah wohl, dass da kein Erwachen mehr war. Auf dem Gesicht des Verschiedenen war Friede und Ruhe; der Tod hatte ihn hinbergefhrt als ein freundlicher Begleiter und keinen schreckhaften Kampf mit dem gebrechlichen Leibe gefhrt. Hans Eicher war frh im Vormittag ins Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) geeilt und kam nun mit Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zurck, der als Amtsperson und Anverwandter an das Lager trat, auf das der Tote mittlerweile gebettet worden war. Da stand er nun lange mit gefalteten Hnden; seine Lippen bewegten sich in stillem Gebet, und keines der andern im Gemach wagte sich derweilen zu regen; denn es ging etwas wie priesterliche Weihe aus von diesem Mann, auf dessen Angesicht jetzt ein Schimmer berirdischer Andacht lag. Als Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sein Gebet beendet hatte, reichte er dem Toten die Hand und liess sich von denen im Waldegg(Wengwald) erzhlen, wie friedlich und vergngt Benz seinen letzten Abend noch bei ihnen zugebracht hatte; er hatte ihnen viel heiterer und aufgerumter geschienen als jemals seit langer Zeit. Ach, wenn ich das gestern Abend htte denken mssen! jammerte Marei. Ja, auch allen hat er viel Gutes erwiesen in schwerer Zeit. Und mir hat er viel Unrecht und Leid zugefgt; aber ich vergebe ihm. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) berhrte nochmals die Totenhand; es war nichts Gezwungenes in seinem Wesen, und in seinen Augen lag ein

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feuchter Schimmer. Der Herr, der da abwget, wird ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihm die menschlichen Irrtmer verzeihen. Darauf ging Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) von Schrank zu Schrank, zur Truhe und zum mchtigen Kleidertrog, schloss alles ab und nahm die Schlssel an sich. Das mssen wir so belassen bis zur Erberffnung. Ihr werdet nichts bei euch oben haben, das dem Vetter gehrt; ich meine zufllig? Ihr msst mich natrlich nicht unrecht verstehen; denn ich weiss wohl, dass ihr nicht unrecht Gut httet; aber er knnte selbst etwas hinaufgetragen haben. Ich muss da nur meine unangenehme Pflicht tun als Mitglied der Behrde. Sie hatten nichts, und die Frage verletzte Marei trotz der langen Erluterung nicht wenig. Aber sie sagte nichts, und der rger milderte sogar ein wenig ihren Jammer. Der kann kaum warten auf das Erbe! schalt sie nur, als Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) fort war. Die Nachricht vom Tode des alten Rain-Benz, den man in den letzten Jahren zu Stgen(Wengen) fast vergessen hatte, ging um wie ein Lauffeuer. Wo zwei zusammenstanden, verhandelten sie darber, und wenn das Merkwrdige und Tatschliche daran genugsam errtert war, so schtzten sie das Erbe ab und beneideten die Erben. Die Haufen kommen zu den Haufen. Grad die reichsten Stgen(Wengen)er knnen die Sach teilen, der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er und die im Edelweiss! Auch Hrlimichel hrte die seltsamen Umstnde ber den Tod des Rain-Benz und erriet mit Grausen, dass ein Leichnam ihn vor einem Verbrechen bewahrt hatte. Es war ihm schwer zu Mut gewesen die ganze Nacht und den ganzen Morgen, als htte er die Brandstiftung wirklich verbt, und immer wieder musste er sich selber berreden, dass es nicht geschehen sei. Nachdenklich ging er dem Schachen zu, und als die nchste Nacht hereinbrach, stieg er auf einsamen Fusswegen zu Tal, und niemand zu Stgen(Wengen) sah ihn je wieder. Nach vielen Jahren erzhlte ein entlassener Sldner zu Rotenbalm(Interlaken), er habe einen Kameraden aus Stgen(Wengen) ins Grab legen helfen bei El Hadschid, im heissen Wstensand.

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XXV.
Fast das ganze Dorf sammelte sich am Sarge von Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]); die einen kamen aus Neugier und andere, weil der Tote ihnen eigentlich doch nicht gar so unwert gewesen war. Die paar Fremden, sie noch oben waren, versumten niemanden mehr stark; es waren sogenannte billige Leute, die nicht allzu viel Ansprche machen konnten. Die Sonne lag in wundersamer Klarheit auf dem friedlichen Herbstgelnde, und von den tieferen Bergweiden sang und klang hundertfltiges Herdengelute durch die stille Luft. Der Zug ging langsam bergab, und ber ihm schwebte das Summen und Raunen der Stimmen; denn die Leichengnger hatten sich fast mehr zu erzhlen als an der Gemeinde. Es ward erwogen, welches Hotel wohl am besten gearbeitet habe in der eben beendigten Saison, ward deutlich Erwhnung getan der Bekanntschaften, die ein jeder mit noblen Fremden angeknpft habe. Einer von meinen Herren hat mir gesagt wenn ich nach Wien komme, solle ich ihn unfehlbar besuchen. Er nhme es mir sonst grausam bel, wenn er hren msste, ich sei in Wien gewesen und habe ihn nicht besucht in seinem Schloss, erzhlte der Trger Jost mit lauter Stimme, dass sie es auch recht hren konnten neben, hinter und vor ihm. Bei den Frauen ward jetzt, lang hintendrein, die Heirat der Waldegg(Wengwald)-Emma errtert; sie kam noch recht glimpflich davon neben derjenigen Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) mit der Kellnerin Margrit, denen bereits das Taufen bevorstand. Zwischen alledem aber war fr die Mnner und Frauen eine erbauliche Abwechslung, das Vermgen des Toten abzuschtzen und es seinen reichen Erben so recht von Herzen zu missgnnen. Auch der Hrliverkauf und die Zingg wurden etwa berhrt, aber vorsichtig und nebenbei: denn in diesem Punkte hatte mancher so seine geheimen Gedanken, auf die er andere nicht mit der Nase stossen wollte, und htte lieber nichts gesagt, wenns nicht gar so bei der Hand gewesen wre. Der Zug hielt endlich vor dem offenen Grabe, hart an der Kirchhofmauer zu Gletschbach(Lauterbrunnen). Als die Trauergemeinde sich aufgestellt hatte, las der Pfarrer sein Gebet, sprach die Einleitung und fuhr dann also fort: Es ist mir bitter, denken zu mssen, dass der Tote bis zu seinem Ende im Trotz verharrt hat gegen Bibel und Evangelium, gegen den Allmchtigen und gegen Jesum Christum, unsern Erlser. Er war darin eine seltsame Erscheinung, und in frheren Zeiten htte wohl die irdische Gerechtigkeit Rechenschaft von ihm gefordert ber den bsen Geist, der ihn beherrschte. Nun hat ihn Gott der Allmchtige pltzlich abgerufen, ohne Bedenkzeit eines Krankenlagers, ohne Erweckung, Busse, Bekehrung und Heiligung. Der Verstorbene hat Gottes Langmut verkannt; er hat sie von sich gewiesen; der Herr sei seiner armen Seele gndig! Darauf sprach der Pfarrer wieder ein Gebet, und als nun nach dem Amen schon die ussersten davongehen wollten, trat Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) an das Grab, sah sich frei und mit klarem Blicke um und hielt nun auch eine kurze Rede. -- -- -- Der Tote mag sich am Heiligsten geirrt haben; aber nicht uns steht es zu, ihn zu richten. Welcher von uns schwachen Menschen, ob geistlich oder weltlich, irrt nicht jederzeit an Gottes Gesetzen und missachtete seine Gebote? Wir sind allzumal Snder und ermangeln des Ruhms. Der gndige Richter, der ber uns wohnet, wird der unsterblichen Seele gerecht werden; wir aber wollen dem Toten als Menschen

ein gutes Andenken bewahren; denn er war ein Mensch von gutem altem Kernholz; er war ein Mann mit einem lauteren, warmen Herzen, wie sie immer seltener werden. In Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ist einer der Wgsten und Besten der ganzen Talschaft von uns geschieden. Friede sei seiner Asche, und Gott, unser Vater, sei seiner Seele gndig! Stolz, erhobenen Hauptes hatte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zu der lautlos horchenden Versammlung geredet und damit in manchem Herzen eine Saite berhrt, die laut und voll mitklang. Seine Worte wirkten um so lebendiger, als ein jeder wusste, welch tiefe Feindschaft den Toten seit einem Menschenalter von seinen Verwandten geschieden hatte. Freilich munkelte etwa einer auf dem Heimweg Oh wenn man so sterben kann, ist das schon ein paar gute Worte wert, und ein anderer: Das war dem Pfarrer zum Trotz, weil er dem Christian Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und seiner gesegneten Braut bei der Hochzeit bs getrmpft hat. Aber das Rechte hatte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) mit seiner Rede doch bei den meisten getroffen, und sie rechneten ihm das im stillen hoch an. Hans Eicher war zum Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er und den beiden Feiss(Feuz,Alpenrose)en geraten, er wusste nicht wie; er htte jenem die Hand drcken mgen zum Dank fr seine Worte, die so treffend das aussprachen, was er selber empfand. Aber zu gefhlvollen Auftritten kam es nicht; ernst und beinahe wrdevoll steif schritten die drei im Alter so ungleichen Verwandten bergan, das Erbe des Toten zu teilen, und der Schnitzler, der seine Leute aus den Augen verloren hatte, ging neben ihnen her. Es lag eine weiche, holde Stimmung ber ihnen, und Hans Eicher musste viel von Rain-Benz und seiner letzten Lebenszeit er zhlen. Er hat uns, seine Verwandten, missachtet und verhhnt in ungerechter Verblendung und unsere Friedensversuche schnd abgewiesen. Das hat mich oft geplagt, es glaubts kein Mensch. Ich habe ihm ja nie gezrnt, habe alle Beleidigungen von seiner Seite schweigend hingenommen; denn ich wusste dass derselbe Geist, der ihn von unserer heiligen Bibel trennte, ihm auch solchen Hass und solche Feindschaft eingab. Sein Herz wusste nichts von dem, was sein Mund redete. --- --- So sprach der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er, und ber allen lag es wie Vershnung ber das Grab hinaus. Sie mochten den halben Weg unter gemchlichem Plaudern zurckgelegt haben, als Amtsnotar Fritschi sie einholte, pustend und schwitzend; denn er war ziemlich wohlbeleibt. Ich habe vorgestern Bericht bekommen vom Ableben eures Verwandten; ich kondoliere! wandte er sich an Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und die Feiss(Feuz,Alpenrose)en; den Schnitzler grsste er hflich, aber khl, denn er kannte ihn nicht. Ich danke! Und wo wollt Ihr aus mit Eurer schwarzen Tasche? Will wieder einer verkaufen und verschreiben da oben? fragte der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er. He nein, grad dem Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sein Testament wollen wir ja erlesen -- -- Waret Ihr nicht bei der Erffnung gestern im Gemeinderat? Alle blieben stehen, wie auf Befehl. Nein! Ich hatte keine Zeit, an die Sitzung zu gehen. Hat der Benz ein Testament hinterlassen? Das ist mir das Neueste!

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Sooo! Erst vor ein paar Wochen hat er noch ein Kodizill dazu ausgestellt und die Beglaubigung vom Prfes gebracht, dass er in Ehren und Rechten stehe. He nu, er wird Vermchtnisse zu wohlttigen Zwecken bestimmt haben. Wir htten zwar von uns aus von seinem Nachlass allerlei derartiges ausgerichtet, in dem Gedanken, damit in seinem Sinn zu handeln. Aber besser ist es ja, Benz habe das alles selber noch geordnet. So redete Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) nicht ohne Feierlichkeit, und der Notar, des Bergsteigens nicht so gewohnt, keuchte neben ihm her, ohne ein Wort zu sagen. Im Edelweiss sollte das Testament verlesen werden; aber vorerst gnnte man sich ein gutes Mahl. Als das vorber war, sagte der Notar so nebenbei: Wollt ihr der Eicher-Marei Bescheid machen? Es ist auch von ihr die Red in dem Testament. Als Marei endlich daherkam und sich befangen etwas abseits auf einen Stuhl gesetzt hatte, erbrach der Notar die Papierhlle, schneuzte sich und hustete zweimal scharf; dann war einen Augenblick nichts zu hren in dem Gemach als das zornige Brummen einer grossen Fliege, die immer wieder mit dem Kopf gegen die Scheiben rannte. Kund und zu wissen tat nun der Notar in langer Ausfhrlichkeit, dass Benedikt Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), des Benedikt und der Anna Maria, geborene Jossi, von Gletschbach(Lauterbrunnen) und wohnhaft am Rain zu Stgen(Wengen), seinen Grundbesitz, laut separater Liegenschaftsbeschreibung frei und ledig aller Haftung, --- ebenso sein bewegliches und bares Vermgen, laut separatem Inventar, ----- der Marei Eicher im Waldegg(Wengwald) zu Stgen(Wengen), Witfrau des Christian Eicher, gewesenen Zimmermanns, und ihren Leibeserben hinterlasse mit folgenden berbnden: Seinem leiblichen Vetter Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) vermacht der Erblasser zum Andenken die beiden hlzernen Tabakspfeifen; die meerschaumene fllt dem Schnitzler Hans Eicher, seinem Patenkinde, zu. Ebenso soll Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) smtliche Umschlge erhalten, in welchen der Erblasser Kassenbchlein und Titel aufbewahrte. Der Base Barbara Elisabeth Feiss(Feuz,Alpenrose), geborene Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), sollen die beiden baumwollenen Zipfelkappen, die schwarze mit dem runden Boden und die graue ohne einen solchen, zufallen, und ihren beiden Shnen Hans und Karl soll die Haupterbin aus dem Nachlass je einen whrschaften roten Nasenlumpen anschaffen -- -- -- Der Notar las und las und musste merkwrdig viel husten darob. Der EicherMarei war zu Mute, sie wusste nicht wie, und sie meinte manchmal, die ganze Stube gehe mit ihr und allem andern ringsum. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er sass da wie aus Stein gemeisselt, und es regte sich nichts an ihm als die beiden Daumen der gefalteten Hnde; im Anfang kreiste der rechte um den linken, dann der linke um den rechten, und als der Passus von den Tabakpfeifen kam, wirbelten sie beide wie toll umeinander herum. Feiss(Feuz,Alpenrose)-Bbi bekam einen roten Kopf und dann Augenwasser, das ihm in kargen, brennenden Tropfen ber die Wangen herunterlief. Als es von den Zipfelkappen hrte, schoss es hinaus und schlug die Tre zu, dass die Wnde krachten und ein Fltenspieler aus Gips von seinem Postament fiel. Die beiden Shne Hans und Karl sassen eng nebeneinander da, streckten die Kpfe immer tiefer gegen die Tischplatte und immer nher zusammen und machten Gesichter dazu wie zwei Klblein, welche eine Erdbeere mit den breiten Mulern zierlich pflcken wollen. 142

Der Notar las, abgesehen von seinen seltsamen Hustenanfllen, unentwegt weiter und kam endlich zum Nachtrag. Der Dorothea Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), Tochter des Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) vorgenannt und der Charlotte, geborene Ren, verschreibe ich zu ihrem persnlichen Eigentum Franken fnfhundert in bar; sie ist die einzige vernnftige Person in meiner ganzen Verwandtschaft. So schloss das Testament. Da stand der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er auf, und aus seinem alten scharfen Gesicht war nicht zu ergrnden, was in ihm vorging. Im Vorbeigehen gab er der Marei die Hand und sagte: Ich mags Euch mal gnnen, Ihr habts ntig. Und die fnfhundert Frnkli braucht mein Meitli auch nicht; die tun Euch wohler - - Damit ging er zur Tr hinaus. Der Notar reichte der Erbin mit einem Glckwunsch die Hand. Marei sass immer noch da mit wirren Gedanken, sah und hrte nur undeutlich, was um sie her vorging, als sei alles in weiter Ferne, und auch ihr liefen sprliche Trnen ber die runzeligen Backen herab. Da ermunterte sie der Notar, mit ihm zu kommen geradewegs ins Waldegg(Wengwald); denn die beiden Brder Feiss(Feuz,Alpenrose) sahen jetzt nicht mehr drein wie sanfte Klbchen; wren bse Blicke fustige Kiesel, sie htten die Marei in wenigen Augenblicken zu Tod gesteinigt. Ulrich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) war geradewegs nach dem Bahnhof gegangen und hatte ein Billet nach Rotenbalm(Interlaken) gelst. Der Schachenjoggel war ihm unterwegs begegnet mit seiner Eierhutte am Rcken, und so sehr hatte er sich ber das Gesicht des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers verwundert, dass er bei allem Weitergehen immer wieder zurckschaute, bis er mitsamt seiner Eierhutte das Wegbord hinunterschoss. Mit jedem fingernagelgrossen Bitzli von dem seinem Grind htte man die hrteste Fluh zu tausend Stcken versprengen knnen, so hat er dreingeschaut, berichtete Schachenjogel nachher im Kreuz, wo er die gebrochenen Eier in seiner Hutte zwischen den unverkehrten herauslas. Der ist schuld, dass ich das Bord hinabgestolpert bin und fr einen guten Taglohn Eierttsch da in die Spreu gemacht habe. Was Donners hat der wohl gehabt? Der Notar ging stolz dahin, als habe er ein mchtig gutes Werk getan, und Marei trippelte neben ihm einher, als sei sie eine arme Snderin und Notar Fritschi der Landjger, welcher sie dem Richter zufhre. Es war so viel ber ihr altes Gemt gekommen in den letzten Tagen, dass sie keine Ordnung in die drngenden Gedanken und Erlebnisse zu bringen vermochte. Und nun gar dieses seltsame Testament, dieser unerwartete Reichtum! Mit doppeltem Jammer musste sie an Benz denken, der ihr im Leben so viel Gutes getan hatte und ihr nun nach seinem Tode ein solches Vermgen schenkte. Die Rhrseligkeit des Alters gewann immer mehr die Oberhand, und sie schluchzte ganz erbrmlich in ihr Nastuch. Ihr seid doch eine merkwrdige Frau, ein solches Wesen zu machen, wo andere ihrer Freude nicht Rat wssten rsonnierte endlich der Notar, dem es unangenehm wurde, dass die Leute am Weg stehen blieben und allenthalben die Fenster aufgingen, wo sie vorbeikamen. Da braucht Ihr Euch kein Gewissen zu machen, wenn die andern schon nebenab gekommen sind; die haben sonst genug, und Benz hat mir mehr als einmal gesagt und beteuert, die htten ihn am Nachlass des alten Hundsbhl(GrafHans?)er genugsam beerbt -- --

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Damit warf aber der Notar einen neuen qulenden Gedanken in den Wirrwarr, der Mareis Kopf marterte, und sie blieb erschrocken stehen. Daran hab ich noch gar nicht gedacht, dass es eigentlich ungerechtes Gut ist, wenn wirs annehmen. Im Waldegg(Wengwald) fhrte Notar Fritschi das Wort, und es ward ihm ordentlich warm ums Herz, als er den ber die Massen erstaunten Erben den unverhofften Reichtum vorrechnete. Er liess gleich khnen Schifflein ein Zukunftsprojekt um das andere auf dem gewonnenen Wohlstand vor ihren Augen dahingleiten; denn zu Rotenbalm(Interlaken) war jeder ein Spekulant. Das junge Geschlecht hrte ihm andchtig zu. Schaut die Zingg an! Die kenn ich wie meine Tasche; die wissen, was sie wollen. Sie wohnten ja nicht weit von mir und hatten zuerst einen kleinen Laden, den das nni nach und nach zu einem grossen Geschft fr Hotelartikel erweiterte. Da war alles zu haben vom frischen Salm bis zur Ausstattung des grssten Gasthofes. Das haben sie jetzt teuer verkauft, und das nni will nun im grossen spekulieren. Es hat eine gute Nase, und was es unternimmt, darf jeder unbesorgt nachmachen; es kommt unfehlbar gut. Jetzt hat es schon drei weitere Landstcke zum Hrli gekauft; die Sach kommt bermorgen zur Fertigung. Alles Spekulation, sag ich euch, alles Spekulation! Und wenn ihr einen guten Rat hren wollt, so bauet oben im Gummenweidli eine Pension; s ist der beste Platz von ganz Stgen(Wengen). Das Land habt ihr; Geld habt ihr auch; Milch und Gemse knnt ihr selber ziehen, und vor allem aus knnt ihr einander dabei helfen. Verleidets euch einmal, so knnt ihr das Hotel ja mit schnem Profit verkaufen. Und wenn ihr klug seid und meinem Rat folgt, so fangt nicht zu klein an; je mehr Fremde ein solches Haus nehmen kann, desto besser rentiert es. Seht den Balmer! Dem hat seinerzeit ein jeder das Todesurteil gesprochen, und krzlich hat er im Grundbuch schon den Rest der grossen zweiten Hypothek lschen lassen -- -- Und nun nahm der Notar die Schuldverhltnisse dieses und jenes Hotels zu Stgen(Wengen) an Hand des Grundbuches durch, dass der Unglubigste bekehrt worden wre. Sein ehrliches Gesicht strahlte die Freude wieder, die ein gutmtiger Mensch empfindet, wenn er einem andern ntzlichen Rat geben kann. Alle hrten seiner kurzweiligen und eifrigen Belehrung frohgestimmt zu; die Freude ber das Erbe, welcher sich das jngere Geschlecht unbedenklich hingab, wrmte und weitete die Herzen, so dass die Worte Fritschis darin Wurzeln schlugen und eine stolze Saat aufging. Hans Eicher fragte dies und Gottfried Steiner das; Uli rauchte eifrig eine schweigsame Begleitung, und auch in Mareis Kopf stellten sich die Gedanken in Reih und Glied. Das ist nur ein Rat, und ihr knnt ja gleichwohl machen, wie ihr wollt, und berlegen. Aber wenn ihr so etwas vornehmt, so versumet nicht zu viel Zeit; denn jeder Sommer ist seine paar tausend Franken wert. ---- Einstweilen werde ich euch also das liegende Erbe auf Grund des Testaments zufertigen lassen, und bis dahin werdet ihr euch wohl ausbesonnen haben. Damit ging der Notar und liess in der niedrigen Stube eine Stimmung zurck, die einem sprudelnden Quell glich, auf den ein jedes nun auch seine Projekte gleich Schifflein zu denen setzte, welche der Notar schon hatte auf muntern Wellen vorberparadieren lassen. Als Fritschi gegen Abend nach Rotenbalm(Interlaken) kam, stiess er unter der Haustr eines Advokaten fast mit dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er zusammen. Der gab ihm freundlich die Hand, trotzdem Fritschi meinte, eben noch einen bitterbsen Schein auf seinem Gesicht gesehen zu haben. Ich musste heute schnell zu Advokat Ringger wegen -- wegen einem Kuhhandel; der Jud hat mich mit der Whrschaft angeschmiert -- -- 144

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XXVI.
Whrend die Stgen(Wengen)er in den nchsten Tagen ihrem Erstaunen und ihrem Neid kaum Rat wussten ber das unerhrte Testament, wollten doch nicht alle zugeben, dass sie so etwas nicht geahnt oder gar gewusst htten. Man musste ja blind sein und dmmer als Ankenmanns Esel, um nicht zu merken, wie die im Waldegg(Wengwald) dem Benz flattiert haben in einem fort. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er dauert mich nicht, und auch fr die Feiss(Feuz,Alpenrose)en mchte ich nicht rhren; aber nytrazig ist eine solche Erbschleicherei doch! Und die knnen auch noch erfahren, wie weit man mit unrechtem Gut kommt, wenn sie schon ganz Stgen(Wengen) mit ihrem Hochmut verstnken werden. So tnte es wie missgnstige Windstsse um die Huser und in den Stuben, und die Gefhle schwankten hin und her zwischen Schadenfreude und Neid. Wen der Neid regierte, der machte sich beim Waldegg(Wengwald) zu schaffen und suchte auszukundschaften, wie sich die Leutchen zu dem stellten, was ihnen da in den Schoss gefallen war, und wie man ihnen frher oder spter, und wrs nur ein klein wenig, den vorauszusetzenden bermut dmpfen knnte. Eines von denen, die des Erbes wegen fast aus der Haut fuhren, war Lindervreni. Es zermarterte sich den Kopf nach einem Vorwand, um ins Waldegg(Wengwald) zu kommen, und endlich hatte es ihn gefunden. Guten Abend, Marei, guten Abend miteinander! grsste es gar freundlich, als es in die Stube kam und zum Glck alle beim Nachtessen versammelt fand, Gott gsegnes! Dann fdelte es sich in die Ofenecke, gerade an Benzens Platz, und wehrte der Marei ab, die eilig nach seinem Begehr frug. Lass dich nicht stren; ich habe schon Zeit, und bis ich die Sach brauche, um derentwegen ich komme, tun manchem die Zhne nicht mehr weh. Und nun erzhlte es, wie sein Mann, der Lhl, ihm den Spinatsamen verschttet und verloren habe, nicht mehr zum Wiederfinden. Da es aber das Gartenzeug schon im Herbst fr den Frhling anordne und sich berdies immer ber den apartig schnen Spinat gewundert habe, welchen Marei in ihrem Garten habe, so sei es gekommen, um fr ein paar berbleibende Krnlein zu fragen. Es wolle gern auch ein Zeichen dagegen tun und begehre sie nicht umsonst. Das kannst schon haben; ich habe diesen Herbst mehr Samenstauden gehabt als sonst, und wegen einer Handvoll Spinatsamen ists nicht der Rede wert, wenn ich dir damit zulieb sein kann, gab Marei zurck. Auf vielen vorsichtigen Umwegen steuerte Vreni seinem eigentlichen Thema zu und rief endlich aus: Der Benz wird euch schauderhaft fehlen, so gut wie ihrs mit ihm gekonnt habt! He nu, sein Erb kann euch trsten. Ein solches Testament htten die wenigsten gemacht, und wenn jetzt schon die Leute allerlei strmen und giftlen, man muss sie reden lassen -- -- Wir wollten alle lieber, Benz wre noch da und htte seine Sache selber, das kannst glauben, schnitt Marei ab und fuhr mit der Hand ber die Augen. Denn dass Vreni gerade an Benzens Abendsitzplatz war und auch so den Rcken an die Wand lehnte, um die ganze Stube zu bersehen, und nun so von ihm redete, weckte die kaum verwundene Bitternis wieder. He ja, einmal musste er aber doch sterben, und die Brvsten nimmt der liebe Gott am liebsten. Eh, was war das fr eine elende Sach vom Pfarrer, dass er bei der Leich solche Worte brauchte! Mir ist das Wasser nur so aus den Augen geschossen, als ich es hrte.

Der Pfarrer ist dmmer als eine dreiwchige weisse Geiss! schaltete Gottfried Steiner ein. Aber der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er htte vielleicht auch nichts gesagt, wenn das Testament vorher erffnet worden wre. Da niemand darauf antwortete, fuhr Vreni fort: Das Zingg-nni behauptet, RainBenz habe bei dem Hrlihandel vermittelt und sei schuld, dass sie zu teuer gekauft haben. Er habe es auch auf dem Gewissen, dass Micheli weiss kein Mensch wohin gegangen sei, an den Strick irgendwo im Wald oder ins Wasser. Oh, ins Wasser ist der nicht; davor hatte er zu viel Respekt, wenigstens wenn es nicht gebrannt war, spottete der Schnitzler, und Marei meinte mit geringschtziger Miene: Zingg-nni sagt manches, wenn der Tag lang ist und es ihm in den Kram passt. Wir haben allerlei vernommen ber die Leute. Vreni probierte von allen Seiten an Marei herum, ob kein Schlssel das Geheimfach ffne; aber alles, was es herausbrachte, waren vielsagende und doch wieder gar zahme Andeutungen, die seine Neugier nur noch stachelten. Das nni sei auch bei Feiss(Feuz,Alpenrose)ens und im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) gewesen wegen dem Gummenweidli, gleich am Morgen, als Benz tot war, weil man nicht wusste, wem es zugeteilt werde. Es habe zwar nur nebenbei fallen lassen, es mchte es vielleicht kaufen. Aber grausam ausgepackt habe es, wie ihr und Benz ber beide Parteien gelstert und gewtet habet -- -- Das zndete nun doch bei Marei; aber wie sie nun so im ersten Zorn anfing: Seh einer das Lgenfass! Solch ein Galgengefrss sollte man --- --- fuhr der Schnitzler spttisch dazwischen: Ich habe davon nichts gemerkt und bin doch mit dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er und den Feiss(Feuz,Alpenrose)en von Gletschbach(Lauterbrunnen) heraufgekommen nach der Beerdigung. So wurde hin und her parlamentiert, und immer mehr Blssen gaben sich die am Tisch; immer enger spann Vreni seine Fden. Marei und ihre Kinder hatten zu wenig Verkehr gehabt die Jahre her in Stgen(Wengen), um alle diplomatischen Schlingen zu kennen, die ihren Mitbrgern gelufiger waren als das Vaterunser. Dem Vreni ward allmhlig zu Mute wie einer Biene, die ab dem blhenden Kleeacker kommt und ihrer Beute fast nicht Meister wird. Aber nicht Honig und Bltenstaub hatte es gesammelt, sondern Neuigkeiten und Andeutungen; es hatte Projekte gewittert, die leicht auszuspinnen waren, und als Marei endlich aufstand und den Spinatsamen brachte, war es im ersten Augenblick recht betroffen; es hatte den Samen ganz vergessen gehabt. Vreni kam spt heim an diesem Abend; denn es kehrte noch bei Zinggs an, beim Bhlpeter, im Krmerladen, und zu guter Letzt lief ihm beim Bren noch Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel in die Quere, nicht mehr ganz nchtern und sehr empfnglich fr Neuigkeiten ber die nytrazigen Erbschleicher. Von jeder Station, die Vreni derart machte, wanderte das Neuigkeitengericht des andern Morgens zeitig weiter. Jeder der vorbeiging bekam eine beliebig grosse Portion vorgesetzt, tchtig gepfeffert und gesalzen von Anfang an und vermischt mit der eigenen Wrze dessen, der es servierte. Seinem Christen hatte Vreni nur angedeutet, wie die im Waldegg(Wengwald) jetzt grosstun. Nur so zGotteswillen hat mir die Marei den Spinatsamen gegeben, und als ich ihn zahlen wollte, hat sie die Nase germpft und gesagt, sie htten die paar Rappen jetzt nicht mehr ntig. Oh mir ist die Galle fast bergelaufen! ber den Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er und die Feiss(Feuz,Alpenrose)en haben sie lautauf gelacht und sich lustig gemacht. Vom Zingg-nni hats neben allerlei anderem getnt von Schrzenhandel mit grossen Herren -- -- -- 147

Davon habe ich zu Gletschbach(Lauterbrunnen) einen Rotenbalm(Interlaken)er ber den Tisch weg reden hren, und wie froh sie dort unten seien ber den Abzug dieser Giftkrt -- -- -- So, und das sagst du mir erst jetzt und warst vor drei Tagen schon in Gletschbach(Lauterbrunnen)! Du bist der einfltigste Zipfel, der je auf zwei Beinen herumgestoffelt ist. Das Haupt der Schadenfrohen war Balmer, wiewohl er mit dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er einen leidlichen Frieden geschlossen hatte. Feiss(Feuz,Alpenrose)-Karl war jetzt ausser Brgschaft, seit Balmer die zweite Hypothek abbezahlt hatte, und nun brauchte er auch den nicht mehr zu scheuen. Das hatte jetzt aufgehrt: Halts Maul, sonst knde ich die Brgschaft! und Balmer liess ihn recht gern den rger ein wenig entgelten, den er oft ber solche Zurechtweisungen am Wirtstisch hatte schlucken mssen. Er ging gemchlich mit der letzten Hotelzeitung ins Edelweiss hinunter. Da ist ein recht interessanter Artikel, begann er und schob den beiden Brdern das Blatt hin; denn sie sassen gerade beim Imbiss. Und habt ihrs schon gehrt, dass die Zingg-nne jetzt dem Kueni-Hans seine Sach abkaufen will unten am Gummenweidli? Unsertwegen kann das Blech dem Teufel die Hll abkaufen -- -- -- Es soll ja auch bei euch gewesen sein wegen dem Gummenweidli -- -- --? Das ging schon nher am Lebendigen vorbei; Balmer sah es an den Gesichtern, wenn er auch keine Antwort bekam. Ich bin froh, dass ich denen im Waldegg(Wengwald) nichts zu danken habe; die sollen ja jetzt vor Hochmut die Nasen aufstrecken wie der Hund im Roggen. Die Leute reden ja auch von allem Wunder, wie die und jene von ihnen ausgelacht werden wegen dem Erb. Oh, etwa ber uns werden sie lachen, platzte Hans, der dmmere, heraus; Lindervreni hat schon so etwas gemnzt. Balmer lachte nur und sagte nichts. Aber er weidete sich an den beiden Gesichtern; denn sie gefielen ihm. Als er sie sattsam betrachtet hatte, schlenderte er dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zu. Der alte Knecht flickte vor dem Scheuerlein einen Kummet, und Balmer stellte sich zu ihm; sie waren eigentlich Schulkameraden. Ist der Meister daheim? Hrsts nicht, wie das wieder einmal geht? Balmer hatte streitende Stimmen gehrt, gedmpft durch Wnde und die Entfernung, aber nichts merken wollen. Ich habe abgesagt auf Weihnacht. So will ich nicht mehr da sein, und leiser fgte er hinzu, s ist ein Streit vom Morgen zum Abend, seitdem der Christen das Lumpenmensch, die Margrit, ins Haus gebracht hat. Der Alte hlt ihr vor, das Kind sei nicht von Christian, es sei von einem Fremden, und Christian sei ein kommoder Deckel auf einen fremden Hafen. Sie schlgt ihm dafr mit allerlei Dingen um die ste und droht ihm alle Nasenlang mit dem Zuchthaus. Der Christian kauft jetzt wie unvernnftig; Emil fhrt im Land herum, und das arme Trpflein von Dore ist dran, dass Gott erbarm. Dabei hat der Alte eine Laune, keine Sau frss sie. Nichts ist recht, und immer schiesst er in allem herum wie besessen. Mit dem und zwei schwarzen Hunden knnte man den Teufel auf der Thuner Allmend zu Tod sprengen. Zwanzig Jahr habe ich die Sache zu Dank machen knnen; wenn ich nicht mehr gut bin, so gibts noch andere Tische, wo ich meine Fsse drunter strecken kann. Der Knecht warf den Kummet in einen Winkel und verschwand in der Scheune. Da kam Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) aus der Tr, und als 148

er Balmer dastehen sah, ging er auf ihn zu mit seiner gewhnlich kalten Miene. Dem kam nach all den seltsamen Nachrichten seine Zeitung lange nicht in den Sinn, und er stand recht verlegen da. Komm doch in die Stube, ntigte der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er. Kein Mensch war zu sehen oder zu hren, abgesehen davon, dass oben ein paar mal eine Tr zu hart zugeworfen wurde. Dass die auch die Tr nicht halten knnen, brummte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]); ich hasse dieses nachlssige Wesen so. Balmer redete vorsichtig immer nher auf das Erbe zu; aber Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) blieb khl und ging mit ein par gleichgltigen Bemerkungen darber hinweg, so das nun Balmer anfing sich zu rgern; denn er hatte sich die verbissene Wut des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers gar so erbaulich vorgestellt. Da kam Dorothea herein und berichtete, Frulein Richard sei dagewesen und komme am Nachmittag wieder, um Bescheid zu holen. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) nickte. Die Mieterin im alten Haus unten? fragte Balmer neugierig. Ja, sie mchte es frs nchste Jahr wieder; aber ich kanns weiss Gott nicht tun. Das eine Mal habe ichs aus Barmherzigkeit getan; aber es hat mir so viel geschadet und mich in allem gehindert. Und nun erzhlte er ausfhrlich, wie Frulein Richard die Tochter eines jngst verstorbenen Freundes und gar gottesfrchtigen Mannes sei, der aber weder Vermgen hinterlassen, noch seine Kinder auf einen Broterwerb vorbereitet hatte. Sie waren wohl sehr geschult und gut erzogen, standen aber dem Leben wehrloser gegenber als ein Dienstmdchen. Die lteste hatte ihren Vater zweimal in seine Sommerkur begleitet und war auf die Idee gekommen, mit ihren paar hundert Franken eine kleine Pension zu bernehmen. Sie schrieb mir, und ich brachte es nicht bers Herz, sie abzuweisen, obwohl ich viel rger und Schaden voraussah. Sie hat glaub ich auch ordentlich verdient. Aber ein zweitesmal kann ichs nicht tun; ich will mein Vaterhaus fr mich haben in meinen alten Tagen, will ein ruhiges Flecklein haben, wo ich mich einmal zum Sterben hinlegen kann. So redete Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und war recht weichmtig geworden dabei. Frulein Richard hat mir aber nicht nur Schaden gebracht, sondern auch viel rgernis, mir und meinen Gsten. Denn sie geht nicht den Weg ihres gottesfrchtigen Vaters; sie ist ein berspannter Freigeist und andern ein bses Beispiel, gerade meiner Tochter, auf die sie keinen guten Einfluss ausgebt hat. Man hrte davon, Jossi wolle gleich da vorn am Strsschen eine kleine Pension bauen. Sie knnte ja die mieten, stichelte Balmer. Er bekam aber keine Antwort und ging endlich enttuscht seine Wege. Am Nachmittag bekam Klara Richard ihre bndige Absage: Und wenn Ihr glaubt, Jossi wolle Euch eine Pension bauen, so lasst Euch beiderseits gesagt sein, dass ich das unter allen Umstnden zu verhindern wissen werde. Ich dulde kein anderes Geschft im ganzen Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)! Gegen Abend wanderte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Knecht mit zwei Briefen ins Waldegg(Wengwald) zu Hans Eicher. Einen grossen knetete er in der Hand herum, und einen kleinen hielt er in der Tasche versteckt. Auf Geschftsformat stand kurz und bndig geschrieben: Da sie bis heute, im Zeitraum eines vollen Jahres, weder das Tfer, noch das Buffet abgeliefert haben, so 149

widerrufe ich endgltig meine Bestellung und lehne jede bezgliche Verhandlung ab, da ich mich bei einem pnktlichen und gewissenhaften Geschftsmann dafr umgesehen habe. Von einer Forderung nehme ich immerhin Abstand. Achtungsvoll! Ulr. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). Hans Eicher konnte den Sinn des Schriftstckes erst nicht erfassen und las es ein zweitesmal durch. Aber die harten, grossen Buchstaben wichen und wankten nicht, und er legte den Brief betroffen zur Seite, um den kleinen weissen zu ffnen. Da war oben in der linken Ecke des zierlichen Bogens ein altvterisches Buchzeichen aufgeklebt, ein Krnzlein aus Vergissmeinnicht, in welchem zwei Engelein kosten. Ich erwarte Dich am Dienstag abend bei den drei Tannen. Gib acht, dass Dich niemand sieht, und komme genau um neun Uhr. Ich werde Dir alles erklren. D. stand flchtig hingeworfen, dass die Worte in den Zeilen auf und nieder tanzten. Was hats bei euch gegeben? fragte der Schnitzler den gutmtigen alten Knecht, und der leerte ihm nun in vollem Zutrauen das schwere Herz, flocht auch manch bedauerndes Wort ber Dorothea mit ein; denn er ahnte, wie es mit den beiden stand. Da Gottfried Steiner krank im Bett lag, so waren sie unbelauscht, und als niemand nach dem Zweck des Besuches fragte, so behielt Hans Eicher die Sache fr sich. Zuerst hatte ihn wohl der Zorn gepackt darber, dass ihm Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) die Arbeit vieler Monate vor die Fsse warf, trotzdem er wissen musste, welche Einbusse er ihm zufgte. Aber strker noch als der Zorn war die Unruhe ber die traurigen Vorgnge, in deren Mitte Dorothea tglich stand, ohne dass er hingehen und sie befreien konnte; denn ihr Brieflein liess das deutlich erraten. So lang war ihm die Zeit vom Freitag zum Dienstag noch nie geworden. Den Tag ber war er wortkarg und verdriesslich, so dass Marei glaubte, das allgemeine Fieber habe auch ihn gepackt, und ihm immer wieder mit Kamillentee zusetzte. Er zwngte ihn auch redlich hinunter, um keinen Aufschluss geben zu mssen; aber die qulenden Traumgebilde der Nacht scheuchte das alte Hausmittel nicht, so laut Marei es immer wieder pries und fragte: Gelt, das hilft?

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XXVII.
Zum erstenmal in seinem Leben spielte Hans Eicher vor seinen Leuten Theater, als er am Dienstag abend zeitig in seine Kammer ging und alle im Glauben liess, er sei krank. Niedergedrckt und mde sah er freilich aus, und Marei wartete die Antwort auf eine lange Reihe besorgter Fragen nicht ab, sondern wollte gleich ihre ganze Hausapotheke in seine Kammer hinauftragen und sich nebenan einquartieren, um die Nacht ber bei der Hand zu sein, wenn ihr Liebster der Pflege bedrfe. Aber fast rau wies er ihre wortreiche Frsorge ab; er glaube, er knne gut schlafen, wenn ihn niemand stre. Die unfreundlichen Worte taten der Marei bitter weh, wenn es doch nur ihr aufrichtiges Gutmeinen sei, und nun war es dem Schnitzler doch nicht recht, das er sein gutes altes Metti verletzt hatte. Er bezwang seinen rger und fing an, es weitlufig zu trsten, was der Marei gar wohl tat. Sie setzte sich neben ihn, um die ungewohnten liebevollen Zusprche so recht auszukosten und ein paar Trnen zu vergiessen, von denen sie nicht htte sagen knnen, ob sie aus Mitleid mit sich selber weinte oder aus Freude ber das gute Herz ihres Hans, der so lieb zu seinem alten Metti redete. Sie erzhlte ihm immer weitlufiger, was sie alles durchgemacht habe in den langen Jahren ihres Witwenstandes und welcher Schmerz es ihr sei, heulen zu mssen, das die Kinder sie jetzt im Alter missachten knnten. Zwischenhinein suchte der Schnitzler mit immer eineindringlicherem Trost die weichmtigen Gedanken seines Metti zu beschwichtigen und damit die Errterung zu beendigen. Aber das ermutigte nur die Ausfhrlichkeit seines Gegenparts, als wollte Marei damit auch viel mehr so schne, selten gehrte Liebes- und Trostesworte herauslocken. Die Rhrung und Gesprchigkeit der alten Mutter wuchs in dem Masse, wie die Ungeduld ihres Sohnes sich steigerte; der Kuckuck an der Uhr in der Wohnstube unten hatte schon vor einer Weile ganz vergngt und pflichtgemss ausgerufen, die Stunde sei halb neun, und noch nie hatte ihn Hans Eicher so gut gehrt wie jetzt. Er rckte auf seinem Stuhl herum, trstete drauf los, und Marei erzhlte gleichzeitig weiter; als seien die schnen Abende ihrer jungen Ehe wieder erwacht, an denen Christian selig zuweilen aufgetaut war und sie in sein warmes, sonst so verschlossenes Herz hatte einen Blick tun lassen. Ich muss doch noch ein wenig an die frische Luft -- -- ! rief Hans endlich in wahren ngsten; denn wieder hatte der Kuckuck gemahnt. Aber nein, Hans, bei dem stockdicken Nebel; denk doch! Du kannst ja den Schieber aufmachen, wenns dir zu warm ist; aber dann musst du den Hals gut verbinden. Was fr eine Idee, im Nebel herumzulaufen, wenn man fiebrig ist, und gar noch bei Nacht -- -- . Aber es half der Marei alles nichts, selbst als sie in neue Klagen und Trnen ausbrach. So puppte sie denn mit vielen Zusprchen den Hartkpfigen ein und berlegte sogar einen Augenblick, ob es nicht am sichersten wre, sie ginge mit. Aber in einer Viertelstunde sei ja wieder da! rief sie ihm in die Finsternis nach. Hans rannte durch die schwarze Nacht und dicken Herbstnebel davon und befreite sich im Lauf von verschiedenen Hllen, die ihm nur Augen und Nase freiliessen, strauchelte ber Steine und Zaunstecken und lief schliesslich querfeldein, so dass er bald in einem Graben steckte, bald an Zune stiess und in einen recht grndlichen rger geriet, bis er endlich zu den drei alten Tannen kam, die wenig oberhalb des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)hotels unmittelbar am Rande des dichten Waldes standen. Das mchtige dunkle Haus war in der Finsternis fast eins mit dem schwarzen Himmel und dem Waldhintergrunde. An der einen Seite

blinzelten zwei erhellte Fenster wie die Augen des schwarzen Kolosses in die Nacht hinaus; sonst war kein Lebenszeichen wahrzunehmen. Lange stand Hans Eicher schon in seinem Versteck, und der kalte Nebel drang nach dem raschen Lauf empfindlich durch seine Kleider. Da erlosch das Licht hinter einem Fenster, und gleich darauf glitt lautlos ein Frauenschatten aus dem Hause auf ihn zu. Er wollte dem Mdchen entgegeneilen; aber es winkte ngstlich und fhrte ihn nach einer stummen Begrssung wie ein geschickter Feldherr ber Rasenbnder und weiche Erde geruschlos in Feindesland. Als Feindesland sah Eicher dieses Haus jetzt an, zu dem er solcherart herausgeschlichen war und das er barfuss betreten musste, wie ein Dieb in der Nacht. Aber als Dorothea ihn bei der Hand nahm und durch finstere Gnge geleitete, war es ihm hinwiederum zu Mute, als sei er aus dem Paradiese gestossen worden und ein holder Engel fhre ihn dem lieben Gott hinter dem Rcken bei Nacht und Nebel wieder ber die verbotene Schwelle. Doch nicht mehr zu lange setzte Hans den alten Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er in seinem Gleichnis an die Stelle des lieben Gottes; denn als Dora, anschliessend an eine gar erbauliche Einleitung nach der langen, bitteren Trennung, ihrem Herzliebsten flsternd erzhlte, was sich seit dem Tode des Rain-Benz in ihrem Vaterhause zugetragen hatte, ballte er die Faust, und seine Glieder spannten sich, als glte es, dreinzufahren fr heiliges Menschenrecht und Ehre, fr Hlfeleistung dem lieben Geschpf, das schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt hatte und im Finstern nach seiner Hand tastete wie nach einer Sttze in der Dunkelheit, die seine Seele umfing und ngstigte. Ich kann nicht mehr sein ohne dich, und doch darf ich vor dem Vater nicht einmal mehr deinen Namen nennen, keines von uns. Ach mein Gott, sei mir gndig, wenn ich gegen dich und dein Wort sndige und meinem Vater nicht folge! Ich kann nicht -- -- Ich glaube, es gibt keinen Gott; sonst gbe er so etwas nicht zu. So redete verzagend das Mdchen, bald fr sich selber, bald zu seinem Verlobten gewendet, der leise den Arm um seinen Leib gelegt hatte und ihm Trost zusprach. Eh nun, wenn das so ist, so machen wir nicht mehr lang. Morgen rede ich Anstandes halber mit ihm, und seis dann wie es wolle, so geben wir die Hochzeit an. Du musst mir nicht zu Grund gerichtet werden von deinen eigenen Leuten brauste der Schnitzler halblaut auf, so dass ihn Dora erschreckt zur Vorsicht mahnte. Ach, ich mchte doch nicht mit einer schweren Snde auf dem Herzen in die Ehe gehen. Ehre Vater und Mutter, das ist das erste Gebot. Ach Gott, ich htte keine ruhige Stunde mit einem solchen Verbrechen auf dem Gewissen. Oh, wenn du wsstest, wie ich gebetet habe, dass der liebe Gott dem Vater einen anderen Sinn gebe und wir nicht des Geldes wegen unglcklich oder sndig werden! Aber Gott ist nicht besser und gerechter als die Menschen -- -- So haderte das Mdchen, und Hans fhlte, wie sein junger lebenswarmer Leib zitterte in Angst und Zorn gegen den Himmel und die Welt. Die Snde, mein liebes Dori, nehme ich auf mich, flsterte er trstend, wie zu einem Kinde. Und wenn wir einmal dem lieben Gott Rechenschaft darber geben mssen und ihm alles sagen, so wird er uns nicht strafen. Denn wenn er alles lenkt, so hat auch er uns zusammengefhrt und uns die Liebe freinander eingegeben. Ich rede morgen mit deinem Vater, und was er auch sage, wir geben die Hochzeit an -- Aber immer noch beherrschten Angst und Zweifel das Mdchen. Wir mssen ihm Zeit lassen. Er weiss ja noch nichts, und vielleicht wird er andern Sinnes, wenn wir noch ein wenig warten. Und dann knnten wir mit gutem Gewissen glcklich sein. Es war spt geworden, als Hans aufbrach; den Samstag abend wollten sie wieder zusammen verleben, mochte kommen, was da wollte. 153

Ich msste mich hintersinnen, wenn du nicht manchmal kmest und mich trstetest flsterte Dora unter der Tr. Als Eicher die Treppe hinunterschlich, schlug kurz und scharf der Hund an. Bri! rief jener halblaut, und das Tier kam ihm wedelnd und winselnd entgegen; es hatte ihn erkannt. Da wurde unten eine Tr behutsam geffnet, und als Hans um die Ecke eilen wollte, trat ihm der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er in den Weg. Halt, wer seid Ihr?! Der Schnitzler ging mit einem kurzen Gruss auf ihn zu. Da lachte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) trocken auf. So, So! Am Tag ein stolzer Herr und nachts ein Herumstreicher, der wie ein Dieb andern Leuten in die Huser schleicht! -- -- Kein Wunder; ich dachte schon lang, was das Lisi, die alte Magd, wohl fr einen Schatz habe, dass es so vergngt sei. So hoch hinauf htte ich allerdings nicht geraten -- -- Herr Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), spottet nicht! Ich bin euch da wohl nicht in der Ordnung gegenber; aber hrt mich zuerst an. Und nun begann ihm Hans Eicher kurz zu erlutern, wie es um ihn und Dorothea stehe. Aber der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er fiel ihm bald mit spttischem Lachen in die Rede. Schlau bist, Waldegg(Wengwald)ftzel, und niedertrchtig auch! Du schlgst nicht aus der Art dieses Schleicherpackes -- -- -- Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) -- -- --! Und jetzt marsch, ab meinem Grund und Boden! Und lass dir gesagt sein, dass der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er gute Ohren hat, und das nchste Mal, wenn sich einer einschleicht, weiss, was er zu tun hat Damit kehrte er dem Schnitzler den Rcken. Dorothea stand zitternd am Fuss der Treppe und brachte kein Wort hervor. Der Vater fasste sie am Arm und schob sie der Treppe zu. Und du ausgeschmtes Mensch mach dich hinauf! Sie gehorchte, als wre jede eigene Regung in ihr erstarrt, und als Eicher mit ein paar raschen Schritten den Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er einholen, ihn zur Rede stellen wollte, war der schon hinter der Tr verschwunden, und der Schlssel kreischte im Schloss. Eine Weile stand Eicher in ohnmchtiger Erregung vor dem grossen, finstern Hause; der Hund schnupperte liebkosend an seinem guten Freund herum und bohrte die Nase gegen dessen harte Faust; Hans gewahrte es kaum, htte auch am Morgen nicht zu fragen vermocht, wie er heimgekommen war. Er sass in sich gekehrt hinter einem spten Morgenbrot, das er kaum anschaute, so dass der Mutter angst und bange wurde. Herr Jemers, Hans, du bist krank, httest nicht fortgehen sollen gestern, und dazu noch so lang. Ich habe auf dich gewartet und bin erst nach einer Stunde hier auf dem Ofen eingenickt; da warst du noch nicht zurck und dann hatte ich einen so schweren Traum. Es wollte dir einer zuleide tun; ich wollte dir helfen und konnte nicht, und nun erzhlte Marei gar ausfhrlich ihren Traum; Hans stocherte derweilen rgerlich in seinem Essen herum und dachte an ganz andere, ernsthaftere Sachen. Schliesslich legte er den Lffel weg. Du musst absolut grad ins Bett, und ich mache dir brav Melissentee mit ein wenig Mnze drin, drngte Marei, die gerade den Traum fertig erzhlte hatte. Da ging ein weicher, freundlicher Schein ber des Sohnes Gesicht, auf dem eben noch Zorn und Kummer sich gestritten hatten. Mein Metti, sagte er und wies mit der Hand auf den Platz neben sich, da ist mit Melissentee nichts auszurichten. Komm da zu mir und hr mich an. Einmal musst du es doch wissen, und jetzt sind wir gerade ungestrt.

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Es hatte sich schon wieder etwas wie Rhrung im Marei geregt; nun kam Neugier dazu, und sie setzte sich zu ihrem Sohn, der auch sogleich zu erzhlen begann, wie die Sache mit Dorothea ihren Anfang und Fortgang genommen. Und mir hast nie ein Deut dergleichen getan, hast mich nicht wert geachtet, dass ich so etwas Wichtiges wissen durfte, das eines meiner Kinder anging! warf sie zwischenhinein mit zitternder Stimme, und in den Augen schimmerte es schon wieder verdchtig. Aber unbeirrt fuhr Hans fort zu erzhlen, was er fr wichtig hielt, und es ward ihm mit jedem Augenblick leichter ums Herz. Als er jedoch mit neuem Zorn von Dorotheas Klagen und ngsten berichtete und von dem Schimpf, den ihm der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er angetan hatte, da ging eine seltsame Vernderung mit der alten Marei vor. Jede Trbseligkeit und alle weichmtigen Fltchen, wie die letzte Zeit sie in ihr Gesicht gegraben hatte, schienen verschwunden; aus den Augen leuchtete ein kluger, erprobter Geist, der die Kmmernisse vieler Jahre besiegt und nun geschlummert hatte hinter dem ganzen Vorhang des Alters und seiner Rhrbarkeit Da fragt es sich scheints nicht mehr lang, ob ihr zwei zusammen passet oder nicht. Ihr habt angezettelt; ihr msst frs Weiterspinnen auch selber sehen. Ich kenne das Mdchen wenig; aber es hat mir gefallen damals an der Hochzeit der Emma. Und gerade bei Wein und Lustbarkeit zeigen sie im Grund am ehesten, wie sie sind. Item, das musst du wissen, wie sie ist. Aber die Beste msste ber kurz oder lang an Leib und Seele zu Grunde gehen, wenn es im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) so zugeht, wie du meinst. Wenn ihr also beide euch beraten habt und einig seid, so macht vorwrts --- --- Das wre ja auch seine Meinung, rief Hans; aber da stnde das Bibelwort zwischen ihnen wie ein Damm, den zu berschreiten sich Dorothea nicht getraue. Wenn sie dich heiraten will, so soll sie vorwrtsmachen. Der Herrgott hat uns nicht nur die Bibel gegeben, sondern auch den gesunden Verstand. -- -- So predigte Marei lange und eifrig; ber den Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er sagte sie wenig, um nicht l ins Feuer zu schtten; aber sie machte sich ihre Gedanken darber; die waren nicht erbaulicher Art und gingen viele Jahre zurck. Es ward ihr darob fast Nebensache, ob ihr selber diese Schwiegertochter gar so angenehm sei, und die Zweifel ber diesen Punkt legte sie einstweilen abseits. Es galt vorerst, ihrem Hans zu helfen und nebenbei dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er zu zeigen, ob sie ein Pack seien, wie er gesagt hatte. Im ersten Augenblick war es der Marei fast gegangen wie damals vor vielen Jahren, als Hans aus Basel geschrieben hatte von dem alten Pfarrer und den Liebesgaben, die der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er nach dessen Behauptung gesammelt hatte. Aber diesmal hinderte sie nicht die Furcht vor Angriff und Feindseligkeit, hinzugehen und ihn zur Rede zu stellen. Einmal war da der erhebliche Wohlstand, und der gibt auch der bescheidensten Natur Mut, und zum andern ihre Kinder um sie wie eine treue Wache, mit der sie sich eins wusste. Es war also keineswegs Scheu vor den Menschen und ihren Rnken, wenn Marei nicht dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zuwanderte, sondern das Ergebnis reiflicher berlegung. Sie bedachte und erwog die verwickelte Angelegenheit fast unaufhrlich, schmiedete im stillen ihre Plne, und bei diesem Schmieden war, wenn einer htte zusehen knnen, der Wunsch nach Abrechnung mit dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er das Feuerlein, die Scheltworte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s der Blasebalg, der dafr sorgte, das die Glut nicht erlosch. Und ist die Mutter noch so arm, so gibt sie doch dem Kind noch warm, dachte Marei; sie brauchte ihrem Hans nicht Geld und Gut zu geben; aber sie ging ihm an 155

die Hand mit Liebe und Erfahrung, die Besonnenheit und Klugheit des Alters; sie fhlte sich verjngt durch die grosse Aufgabe und durch das Vertrauen ihres gescheiten, weitgereisten Hansi. Und obendrein, welche Frau htte nicht Freude, Liebesleuten mit Rat beizustehen, wenn sie in Nten sind? Es ward in der Kammer oben ein langer Rat gepflogen am Samstag abend, ehe Hans dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zuwanderte, und Hans war trotz eigener schwerer Gedanken verwundert ber die Findigkeit seiner Mutter. Marei lchelte, als er sie dies merken liess. Du musst wissen, Hansli, dass dein Vater selig und ich vier Jahre im geheimen versprochen waren. Mein Vater hatte einen Stecken hinter der Tr aufgehngt fr ihn, wenn er je wiederkme; denn ich sollte hher hinaus, sollte nicht nur so einen armen Schlucker von Zimmermann heiraten. Aber das Metti selig war fr uns, und wenn ein Metti hilft, so sind zwlf ttinen und vierundzwanzig Weissdornstecken verraten und verkauft. Recht zuversichtlich ging Hans seiner heimlichen Wege, dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zu. Da glnzten die gleichen zwei Fenster in die Sternennacht hinaus, und Bri patroullierte um die Ecken; denn er musste die Heimlichkeiten seiner Freundin Dorothea mit entgelten insofern, als er ausgesperrt wurde, um das Nahen der Feindesmacht anzuknden. Auf seine Wachsamkeit konnte sich der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er verlassen, und das tat er auch. Er sass beruhigt hinter seinen Bchern und Trakttlein, die ihm Freunde und Gleichgesinnte schickten, und derweilen schlich Dorothea mit einem duftenden Bratenbein zur Hintertr hinaus und lockte den Bri damit hinter sich her, den drei Tannen zu. Das Tier war ganz Aug und Ohr fr das Bratenbein, beachtete den Schnitzler kaum und folgte dem Prlein in das geheimnisvolle Gartenhaus das oben beim Waldrand lag. Ein seltsames Gefhl beherrschte die beiden, so dass sie nur allmhlig zu einem ordentlichen Gesprch kamen. Die Heimlichkeit und Gefahr, die Angst des einen und der wilde Trotz des andern, das Auflehnen gegen Gottes Gebot und der Menschen Gewalt, das alles wandelte die Leidenschaft, was vorher still beglckende Liebe gewesen war. Aber umsonst drngte und flehte Hans Eicher, dem unwrdigen Zustand ein mutiges Ende zu machen. Es war, als lge das Bibelwort, dass ihr der Vater unter Drohungen und Verwnschungen in den letzten Tagen so vielfach vorgehalten hatte, wie ein starrer Bann auf Dorotheas Seele, in der es loderte und brandete gegen diesen tiefen Damm, wie die glhenden Massen des Sultans gegen den schweren Panzer strmen, auf dem die Menschen so sicher einhergehen, als wre er unerschtterlich fr alle Ewigkeit wie ihr Bibelwort. Marei hatte auf ihren Sohn gewartet, ungeduldig und in ngsten. Als er nun wieder bei ihr war, zerrissen von Leidenschaft, Trotz und Zorn, und mit vornbergebeugtem Kopf langsam und abgebrochen berichtete, und es immer in ihm arbeitete, dass er sich selbst keinen Rat wusste, so dass er Gehrtes und Selbstgedachtes durcheinander mischte, strich ihm Marei leise ber das taufeuchte Haar. Hans, das ist nicht so bs. Denk doch daran, was das Mdchen selbst durchmachen muss, und habe Erbarmen mit ihm. Vergiss nicht, dass es nie mit anderen Leuten zusammengekommen ist, dass ihm der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er Vater und Mutter zugleich war. Htte sein Metti noch gelebt, nur ein paar Jahre lnger, es wre alles anders geworden, vor allem es selber. Aber sie ist gestorben, bevor das Mdchen zu Verstand kam, und da ist es nun aufgewachsen wie in einem strengen Kloster, und der Vater mit seiner starren Frmmelei war ihm Prediger und Beichtiger zugleich, und die Bibel ist in dem

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Haus umgegangen wie ein bser Geist; denn sie musste alles rechtfertigen und ausweisen, freilich gar manches, was mit weltlicher Ehrbarkeit nichts zu tun hat. Marei sah lange still vor sich hin, und ihre Gedanken taten eine weite Wanderung; dann fuhr sie fort: Und jetzt punktum, wenn deine Dore nicht selber aus dem Zeug herauskommt, so bringst du sie einmal her. Ich will ihr auch eine Andacht aus der Bibel halten; aber dann fangen wir bei einem andern Kapitel an, als bei dem, wo der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er jetzt ist; denn es steht in dem Buch noch allerlei anderes. Das hat dann Christus unser Heiland selber gesagt, und nicht irgend ein rabiater Fistler! So predigte Marei und redete sich in Eifer, wie seit vielen Jahren nicht und war kaum wieder zu erkennen. Da war nichts mehr von Rhrseligkeit und Jammern.

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XXVIII.
Gottfried Steiner war langsam wieder zurechtgekommen. Aber sein Husten wollte nicht weichen, und der Beinabsger, wie die Gletschbach(Lauterbrunnen)er ihren operationslustigen Arzt nannten, machte ein langes Gesicht. Wenn Ihr leben wollt, so msst Ihr euren Beruf aufstecken. So vornber zu sein den ganzen Tag und Staub zu schlucken, ist nichts fr Euch. Ihr habt eine schwache Lunge, einen schwachen Krper berhaupt, und wenn Ihr nicht sofort danach tut, so wird der Husten Euer Totenhofjodler -- -- Der Beinabsger war ein rauer, aber tchtiger Arzt. Es hassten ihn fast alle, weil jeder glaubte, es sei Hohn in seinen derben Worten und er schneide manchmal gar nur so zu seinem Vergngen an seinen Patienten herum. Schrie einer dabei vor Schmerz, so lchelte er, und schrie er nicht, so fragte er: Sprt Ihr nichts? So wenigstens erzhlten die Gletschbach(Lauterbrunnen)er allenthalben und verschworen sich Stein und Bein, es sei die Wahrheit, wenn die Auswrtigen unglubige Gesichter machten. Desto mehr rgerte es sie auch, wenn sie sahen, wie fein und zimperlich der Beinabsger mit den Fremden tat. Aber er metzget ihnen dafr am Geldbeutel herum, dass sie laut aufschreien und manchmal fast zum Advokaten springen, trsteten sie sich. Aber verderben mochte es doch niemand mit ihm; denn keiner wusste, wozu es bei ihm oder den Seinigen kommen konnte, und dann stand das Leben bei der Gnade des Arztes. Man raunte sich zu, wie Schachenjoggel ihm einmal die Meinung gesagt hatte; acht Tage darauf bekam sein Kind die Halsbrune und starb daran; denn als der Joggel den Doktor am dritten Tag endlich nach vielen vergeblichen Gngen -- es hiess immer, er sei nicht da -- mit Bitten und um Gotteswillen an das kleine Bettchen brachte, war es zu spt. Das hatte auf alle gewirkt, und jeder suchte gut mit dem wichtigen Mann auszukommen; kam aber etwa zwischen lteren Leuten das vorsichtige Gesprch auf ihn, so hiess es wohl: Ach Gott, warum haben die Stierengrinde im Gemeinderat den frheren vertrieben, nur weil er mit dem Fremdenwesen nicht an einem Strick zog! Ob hoher Schnee lag, ob es fhnete, dass man sich im Bett halten musste mit beiden Hnden. Immer war der parat und ging stundenweit mit den armen Mannli, durch Nacht und Nebel, wenn er schon wusste, dass er kaum je einen Kreuzer dafr bekomme. Dem Fluhbeti hat er noch Wein gebracht nach der schweren Kindbett. Htten wir den nur noch! Der jetzige ist allerdings gar nach dem Sinn der Wirte, weil er dem Fremdenwesen Hand und Fuss zu geben anfngt, natrlich nur, weil es fr seinen Geldsckel auch ist. Aber wir sind ihm ein ntiges bel und knnten seinetwegen von den Musen und Krhen gefressen werden -- -- Das Urteil und der Rat des Arztes gaben den eingeschlummerten Projekten derer im Waldegg(Wengwald) einen mchtigen Anstoss und beseitigte die letzten Bedenken gegen den Bau einer Pension. Abgesehen davon, dass Gottfried Steiner sich schon lange im stillen nach einem andern Beruf gesehnt, aber nicht viel davon geussert hatte, um nicht dazustehen als einer, der nicht gern etwas tut denn als bessere Faulenzer galten die Hoteliers im Grunde zu Stgen(Wengen) doch kam seinen Wnschen jetzt ein zwar nicht erfreulicher Zwang usserer Grnde zu Hlfe. Zimmermeister Bischoff legte vor dem ganzen Familienrat einen Plan vor, und als er mit dem ausfhrlichen Entwurf wieder kam in Begleitung des Maurermeisters Andreani, ward nach langem Warten und berlegen das grosse Werk beschlossen und gleich damit in Angriff genommen, dass Gottfried Steiner auf die Suche nach Taglhnern ging. Aber wo er anklopfte, lachte man ihn aus mit seinem zweifrnkigen Taggeld.

Vor fnfzehn Jahren, als das Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) gebaut wurde, haben die dummen Teufel fr ein Frnkli vierzehn Stunden geschafft. Aber so ists gottlob nicht mehr! Jetzt kann einer an vier, fnf Orten Arbeit bekommen zu vier Franken und braucht dabei nicht Wasser zu kaufen, wenn er Durst hat. Solchen Bescheid brachte er heim, und wie Marei auch aufbegehrte ber die neuen Zeitlufte und die Unverschmtheit in der Welt, es half alles nichts; denn die Taglhner waren gesuchter in diesem Herbst als im Frhling die ersten adeligen Gste, mit denen im Mai und Juni ein Hotelier den andern neidisch zu machen pflegte. Zingg=nni baute im Namen seines Mannes zwei grosse Pensionen, eine im usseren Gummenweidli und eine unterhalb, auf dem von Kueni=Hans gekauften Stcklein Land; Bhlpeter baute; die Feiss(Feuz,Alpenrose)en hngten dem Edelweiss zwei Flgel an, als sollte es die andern berholen, und nun kamen, allen unerwartet, noch die im Waldegg(Wengwald). Auf dem Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) sollten auch drei Hotels miteinander entstehen. Allenthalben gings zwar erst ans Fundamentgraben; aber daneben brachte die Bahn Ziegelsteine und Sand, Bretter und Balken. Jeder wollte seine Sachen noch heraufschaffen, bevor Mitte Oktober da war und die Bahn ihren Winterschlaf antrat. Das brauchte Leute zum Abladen und Tragen; denn an Fahrwegen gab es zwei einzige kurze Stcklein in Stgen(Wengen), und durch die Fusspfade musste alles gebuckelt werden, auf Rfen und in Hutten. Wer also von den Taglhnern nicht schaufeln und pickeln mochte, der ging ans Abladen und Tragen, schaufelte dann zur Abwechslung wieder ein paar Tage und verdiente dabei sein schnes Geld, liess sich mit Wein und guten Worten traktieren und fluchte nebenher ber die Fremden und die Hoteliers, denen zuliebe man schaffen msse wie ein Hund; den Nutzen htten aber eigentlich die Wirte. Gottfried Steiner rief nach ein paar Tagen beim Essen ber den Tisch hin: Heut habe ich gemeint, ich halte es nicht mehr aus! Dass sie mit dem Maul mehr dreinschlagen als mit dem Werkzeug hier oben, war mir nichts Neues mehr; das habe ich schon vorher sattsam gesehen, und auch, dass ihnen die Tabakspfeiffe lieber ist als der Werkzeugstiel. Aber heute! Da heischt der Fuchshnsel seinem Bruder ein Zndholz; der sucht lang in allen Taschen, findet aber keines und geht nun zum Baschi. Wobei Hnsel zuschaut und an der Schaufel steht. Baschi hat auch keins und geht hinunter auf Zingg=nnis Bauplatz, um dort ein paar aufzutreiben. Das ging ein gutes Weilchen; denn es ward noch mancherlei verhandelt nebenbei. Die drei andern aber standen alle am Werkzeugstiel und warteten, bis der Baschi zurckkam. Da habe ich aufbegehrt, und was glaubt ihr, was ich ausrichtete? Wenn wir nicht genug schaffen, so knnen wir ja gehen! Die Zingg=nni hat uns schon lang angehalten, und die gibt dann realen Wein zwischenhinein, nicht solches Sprengl, das einem Lcher in den Magen frisst -- -- Das war auf uns gemnzt! fuhr Marei auf; httest ihm doch -- -- -- Gute Worte habe ich ihm gegeben, sonst wren sie alle auf und davon. Welt, ghei um! rief Marei entsetzt. Uli ergriff nun zur Seltenheit auch einmal das Wort. Ja. Jetzt muss man eben die Pfeife einziehen; aber wenn dann das Haus steht, so schlage ich ihnen dafr die Grinde beim Aufrichtmahl aneinander, dass sie das Feuer im Elsass sehen. Die Hallunken! Im Sommer und jetzt ist ihnen kein Wein gut genug, und wenn der Winter da ist, kein Brotrest zu hart. Im Sommer klingeln sie mit den Fnflibern; aber wenn man nach dem Neujahr einen von den Ftzeln erlesen knnte, er htte beim Hagel nichts im Sack als den Schnapsgutter und das Tabakswerkzeug, von Nasenlumpen keine rede. Die Ftzel!

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Alle sahen erstaunt auf, denn so viel auf einmal hatte Ulrich sein Lebtag nicht geredet; aber er hatte in seinem Leben auch nie so viel rger geschluckt wie in den Tagen, da das Fundament fr die Pension Montana gegraben wurde. In derselben Zeit liefen Zingg=nni und sein Mann abwechslungsweise zwischen ihren beiden Baupltzen hin und her. nni ordnete an, und Hans hatte zu sehen, dass die Befehle richtig ausgefhrt wurden, sonst gabs Donner und Hagel. Die Namen der beiden Neubauten kamen einmal so ganz nebenbei aus. Auf dem Gummenweidli sollte eine Blmlisalp erstehen, am Bort, hart neben Kueni=Hansens alter Htte, eine Jungfrau. Kueni=Hans hatte einige Monate vorher die Karline Schtz von der hintern Bundfluh geheiratet; denn lnger htte sein Hauswesen den ledigen Stand nicht mehr ertragen. Jahrelang hatte er selber gewaschen und geflickt, selber gekocht und sein Vieh besorgt, und darob war alles nach und nach verhudelt, Hemden, Kochherd und Geschirr, ja selbst das Dach auf dem Haus. Nicht das den Hans das Heiraten nicht schon frher aus freien Stcken angekommen wre; aber der Gedanke, ein zweites fttern und kleiden zu mssen, hatte ihn zurckgeschreckt, nicht aus Armut, sondern aus Geiz. Die Sage ging um, er habe beim Tod der Mutter den Stallboden aufgebrochen und darunter allerhand Bettzeug von seinen Geschwistern versteckt, und am Sonntag Nachmittag habe er in seiner Einsamkeit aus Winkeln und Balkenlchern versteckte Fnfliber hervorgezogen, damit gespielt, geliebugelt und sich an ihrem Anblick unendlich ergtzt. Der Geiz, welcher seinen Bruder Christoph nicht minder regierte und die beiden Brder am Todbette der Mutter in bittere Feindschaft getrieben hatte, hielt jedes Mdchen ab, einen der beiden zu heiraten, auch wenn sie es darum gefragt htten. Aber endlich konnte es Hans nicht mehr ohne eine Frau machen, sollte ihn das Hauswesen nicht unter seinen Trmmern begraben. Er klopfte an links und rechts; aber allenthalben gabs ausweichenden Bescheid: Pfi Teufel, der hat ja einen Grind wie die ausgestopfte Wildsau im Edelweiss! behauptete Bhlnni, das allerdings gerne alle ausspottete. Gerade so schlimm wars nicht, und als Kueni=Hans gar endlich zum Bartscheer ging und sein menschliches Angesicht aus Moos und Stoppeln schlen liess, sah er nicht so bel aus. Derweil ward es bekannt, dass er auf Freiersfssen umherirre, und das ging der Karline Schtz von der hintern Bundfluh zu Herzen. Sie trug sich ihm zwar nicht an; aber eine alte Base, die in tiefer Zeit beim Kueni=Hans das Zeug zurechtschneiderte, rief einmal ber das andere: Eh, aber Hans, schau diese Kutte, schau diese Hosen, schau dieses Hemd! So bist du herumgelaufen, wie ein Hudel! Sie hielt ihm die bs verflickten Sachen hin, und wies auf die Wlste und Falten, welche Hans selber zurechtgeknstelt hatte. Du konntest zu deinen zolllangen Stichen auch sagen, wie jener faule Schneider zu den seinen: Haltet einander, ihr seid eurer gar wenige! So arbeitete sie den Kueni in eine wahre Zerknirschung hinein, bewies allenthalben, dass mangels einer guten Frau hundertfacher Schaden erwachsen sei, bis Kueni seufzte, mehr fr sich als zur alten Base: Wenn ich nur eine wsste Ein paar Tage drauf flickschneiderte die Base auf der hintern Bundfluh. Da war wieder einmal Streit um Kaisers Bart zwischen den Geschwistern unter sich und der Mutter, die immerhin im Reden allen zusammen den Meister zeigte. So bleibe ich nicht mehr. Ich dinge lieber als Magd! rief endlich die Karline. Die Nhbase, wie sie allgemein hiess, weil sie dem halben Drflein etwas verwandt war, wusste ihr aber etwas Besseres, und in ein paar Wochen war die Sache mit dem Kueni=Hans richtig; er war willig, und sie war froh. An sich wre diese dem herbstlichen Fundamentgraben um einige Monate vorangehende Heirat nichts Besonderes gewesen, htte sie nicht den Bau des Hotels 160

Jungfrau ermglicht. Denn bei Kueni=Hans in ledigen Tagen htte Zingg=nni vergeblich Land suchen knnen; der hielt seine Sache fr die wertvollste ihrer Art weit und breit und kam beim Handel aus Zweifel und Misstrauen nie zu einem Entschluss, gings um eine Kuh oder um ein Paar Holzschuhe. Darin hatte die Karline nun allmhlich mit Schelten und Schmollen, mit Liebe und Eierttsch viel gewandelt und schliesslich auch den Handel mit Zingg=nni zustande gebracht. nni hatte freilich nur die Hlfte bekommen von der Matte, die es ausersehen hatte, und diese zum doppelten Preis von dem, was es zuerst fr das Ganze bieten wollte. Nun wurde also schrg oberhalb der alten Kuenihtte das Fundament fr das Hotel Jungfrau gegraben, und diese Arbeiten interessierten die Karline dermassen, dass sie jeden freien Augenblick bei ihr zwei Drittel des Tages unter dem Vordach stand und mit verschrnkten Armen und etwas zur Seite geneigtem Kopf dem Schaufeln und Pickeln zusah. Kurzweiliger war ihr noch das Reden und Lachen mit den Tagelhnern, die sie allerlei lustige Sachen zu fragen wussten und auch wieder welche erzhlten. Sorgfltig brauchten sie einer von der hintern Bundfluh gegenber nicht gerade zu sein, das wussten sie, und die Karline lief vor keinem heiklen Thema davon, rief hchstens: Ihr seid Unflte! und lachte dann selber mit. Es gefiel also der Karline gar wohl, bei so kurzweiliger Unterhaltung dazustehen, whrend ihr Hans den ganzen Tag an der Hinteregg drben war, dem Herbstquartier seines Viehes. Aber minder gefiel das dem Zingg=nni, dessen Taglhner dabei viel Zeit versumten, so dass es schliesslich fr gut fand, seinen eigenen Hans der Karline zur Gesellschaft zu geben. Innerlich wnschte es die Schwatzbase allerdings in den glhendsten Winkel der Hlle, zeigte ihr aber dabei das freundliche Gesicht; denn vielleicht war mit ihrer Hlfe die andere Hlfte der Matte noch zu bekommen. Die also Geehrte machte sich aber nicht viel aus dem ihr verordneten Kavalier; denn einmal war Zingg=Hans nicht kurzweiliger Natur, redete immer nur vom Bauen und war schon bald fnfzigjhrig, whrend wenige Schritte weiter drben die Zwanzigjhrigen ganz andere Sachen erzhlten. Die Karline gab ihm zwar Bescheid auf seine Reden, machte aber dazu ein Gesicht, als beisse sie bei jedem Wort in einen berzuckerten Holzapfel. Nicht so hatte es Zingg=Hans mit ihr. Seitdem er an einer Schwarzhaarigen seinen Meister gefunden, hatte er eine besondere Vorliebe fr die Blonden, und da gefiel ihm die Karline mit ihren schnen blauen Augen im frischen Angesicht und ihren hellblonden Zpfen ausnehmend gut. Er kam, in solche Betrachtungen versunken, auch bald von den Bauplnen ab und fing an, seinem Schtzling alle Spsse zu erzhlen, die er wusste. Da hrten nun auch die Taglhner gerne zu, lachten aus vollem Halse mit, was den Hans zu immer khneren Erzhlungen anfeuerte, besonders wenn ihm Karlines Blauaugen so frhlich entgegenglnzten. So fand Zingg=nni, als es wieder daherkam, eine gar vergngte Gesellschaft vor, in deren Mitte sein Hans stand wie ein Mrchenerzhler aus alter Zeit; rund um ihn lehnten die Taglhner andchtig an ihren Werkzeugstielen, und neben ihm stand Karline mit verschrnkten Armen. Dem Hans blieb das Wort in der Kehle stecken, als er einen Blick seiner Frau auffing, und ein mchtiger Reif legte sich auf seine so unverhofft und so ppig aufgeblhte Frhlichkeit. Die nheren Erklrungen jenes Blickes gab ihm nni aber erst am Abend unter vier Augen. Bis die Taglhner fertig waren, htete nni nun selber die Karline, ging fleissig mit der Schnapsflasche um, damit sie mehr Eifer bekmen, und liess am Abend den verschluckten rger an Hans und den beiden Buben aus. Andreani ging mit seinen Italienern ans Fundamentieren und nahm bei Kueni Quartier, was ihm bequem und der Karline kurzweilig war. Das Bauholz war angekommen aus dem Urnerland und mit ihm Zimmermeister Neiger von Weiden, welcher die Arbeit seines Fachs von der Zingg bernommen 161

hatte. Denn jetzt fiel es zu Stgen(Wengen) nur noch rckstndigen Leuten, wie etwa dem Bhlpeter, ein, bei den teuren Lhnen das Holz im nchsten Wald fllen und mit der Axt aushauen zu lassen. Das lieferten die Sger, sogar aus dem Urnerland herber, fast um ein Drittel billiger und schn zurechtgeschnitten zum Bahnhof Stgen(Wengen), und erst von hier wurde es nach alter Vter Sitte an Ort und Stelle befrdert, indem der Bauherr umbieten liess, wer nach Feierabend abtragen helfen wolle. Da solche Trageten meist ein vergngliches Ende verhiessen, gar noch bei der freigebigen Zingg=nni, so kamen viele. Jeder machte mit seinem Balken auf der Schulter eine bestimmte Strecke, gab ihn weiter und holte an seinem Standort den nchsten, bis auf diese Art in wenigen Stunden das Holz fr ein ganzes Haus die in solcher Arbeit gewandte Menschenkette durchlaufen hatte. Dann ward Wein und Schnaps herumgereicht in Hlle und Flle, und das Ende vom Lied war, dass Schachenjoggel Spektakel anfing und des andern Tages drei von den Trgern mit verbundenen, die andern nur mit schweren Kpfen umhergingen und der Reihe nach in der Pinte am Lehn, im Bren oder im Kreuz die Trageten besprachen und den Nachdurst lschten. Das war ihre, der Trger, Sache. Das Wichtigste blieb fr die Zingg=nni, dass ihr Holz neben den beiden Baupltzen aufgestapelt lag und Neiger an sein Werk gehen konnte. Acht Tage spter waren auch die im Waldegg(Wengwald) mit ihrer Unternehmung so weit; neben den Balken trmten sich die Ziegel, lag der mchtige Sandschober, und auch die Bausteine waren verdinget. Die tausend rgerlichkeiten mit den Taglhnern verschwammen allmhlich in den Gemtern zu einem grauen Nebel ganz tief im Grunde; ber dem Werk stieg wieder die Zuversicht und Zukunftshoffnung auf gleich der Sonne, und als diese den grauen Nebel immer wrmer beglnzte, verflog er bis auf einige kleine Fetzen, die da und dort etwa in einer Schlucht hngen blieben. Bischoff rckte mit seinen Zimmerleuten auf den Plan und mehr als einer war drunter, der im Sommer als Portier, Trger oder Fhrer beim Fremdenwesen zu tun hatte; Ulrich Rubin fhrte sogar selber eine kleine Pension. Die im Waldegg(Wengwald) trauten dieser zusammengewrfelten Versammlung nicht recht, eingedenk der Erfahrungen mit den Taglhnern. Aber Tag um Tag schritt die Arbeit ruhig fort, ohne Hast, doch ohne Mssiggang. Kein Scheltwort fiel, kaum je ein lauter Befehl. Christian Bischoff war vom Morgen bis zum Abend dabei, war mit jedem freundlich, und es htte ein Uneingeweihter Mhe gehabt, in ihm den Meister ber sie alle zu erraten; denn er sgte und zimmerte wie irgend einer seiner Arbeiter. Es war eine Freude, dem ruhigen Fleiss, dem Zusammenwirken aller zuzusehen. Wie bringt Ihr das zuwege, Bischoff? fragte ihn einmal Hans Eicher. Drunten bei der Jungfrau und drben bei der Blmlisalp ist ein Spektakel vom Morgen bis zum Abend, und gestern hat sogar einer dem Neiger mit dem Beil gedroht. He, es mag daran liegen, dass ich meine Leute kenne, und sie kennen mich; der Neiger aber ist ein Fremder und hat gemeint, er msse von Anfang an Schnaps und Spsse austeilen. Darob sind sie ihm unverschmt geworden, und als er den Herrn herauskehren wollte von heute auf morgen, hiess es: Bist ein fremder Ftzel! Mit denen da und dabei zeigte er auf seine Mannschaft bin ich aufgewachsen, und jeder weiss, dass ich fr ihn zu haben bin dass Jahr durch, wenns Not tut und mir mglich ist. Aber ich weiss auch bei jedem, wie und was er ist, und salbe das Gangwerk nicht mit Branntwein und unntzem Geschwtz. Das haben wir mit den Taglhnern auch so halten wollen; aber es ging nicht. Ja, die Sache hat noch eine andere Seite. Von meinen Zimmerleuten hat jeder sein Schlein; es lebt keiner von der Hand in den Mund, und wer von ihnen mit dem Fremdenwesen zu tun hat, der legt Batzen zu Batzen, und wenn der Herbst da ist, so 162

kommt einer nach dem andern und fragt: Christen, wo bauen wir heuer? Sie wrden bei keinem Arbeit nehmen, den sie nicht kennen, und ich nehme keinen, an den ich nicht gewhnt bin. Die Taglhner aber sind heute hier, morgen dort und lassen sich im Herbst nicht herbei, so lange sie noch ein Batzen vom Fremdenwesen her im Sack brennt. Es gibt ein paar Ausnahmen; aber die knnen sich schon frh im Sommer fr den Herbst verdingen, und man merkt kaum etwas von ihnen; denn sie bernehmen zusammen in aller Stille Akkordarbeit. Was da herumluft und lrmidiert, das ist rotfaul bis aufs Mark und verdorben vom Fremdenwesen. Weiss Gott, wohin das mit uns noch fhren soll!

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XXIX.
In diesen Tagen kam ein Pfarrer aus dem Unterland als Sendbote der Abstinenz nach Stgen(Wengen). Er hatte sich mit Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) darber verstndigt; denn er hatte von ihm gehrt als von einem gottesfchtigen, wohlttigen Mann. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) liess von Haus zu Haus umbieten fr Samstag abend ins Schulhaus. Das gab viel zu reden, zu spotten und zu lachen bei den Stammgsten in den drei Pinten; andere taten die Sache zu Hause ab mit dem Trost: s ist gut, dass mich das nichts angeht und dass ich weiss, wann ich genug habe. Die so dachten, redeten auch nicht weiter davon, Wieder andere freuten sich: Nun wird den Sffeln und Wirtshaushockern doch einmal die Ordnung gesagt! Das htte schon lang geschehen sollen! Die grosse Schulstube war am Samstagabend bis in die hinterste Ecke gefllt. In den vorderen Bnken sassen die Verschworenen aus der Pinte, dem Kreuz und dem Bren mit trotzigen, spttischen Mienen; hinter ihnen die, welche aus Anstand und Neugier gekommen waren, die aber fr sich selber genau wussten, wann sie genug hatten, und keine Abstinenz brauchten. Zu hinterst waren die, welche sich an der fr alle andern in Aussicht stehenden Strafpredigt erfreuen wollten. Der Mann, der heraufgekommen war wie ein Apostel in unbekanntes Land, redete aber anders, als alle erwartet hatten. In gutem Berndeutsch hielt er ihnen die Folgen der Trunksucht vor Augen, ohne Strafpredigt und Drohung mit Himmel und Hlle. Immer andchtiger hrte alles zu; sogar bei Fuchshnsel und Baschi gewann etwas wie Betroffenheit die Oberhand ber den Spott. Als der Pfarrer auf das Elend zu reden kam, dass in so mannigfacher Gestalt hinter Glas und Flasche her seinen Einzug in die Huser und Htten hlt, gingen da und dort einem armen Weiblein die Augen ber, wenn es dabei an seinen Mann oder an seine Buben dachte. Immer mehr brachte der Fremde die Ohren in den Bann seiner Rede, und den Ohren folgten da und dort zaghaft die Herzen. Kein Wrtlein sagte er zu viel, holte nicht weit aus mit seinen Beispielen, und in den vordersten Bnken senkte der und jener den Blick zu Boden, als sei etwas geradezu auf ihn gemnzt. Der Pfarrer kannte des Menschen Herz, seinen Trotz und seine falsche Scham. So komme morgen zu mir, wer die unwrdige Knechtschaft abwerfen will und heute nicht den Mut dazu findet. Ich werde ihm raten und helfen, ein freier Mensch zu werden. Es liessen sich aber einige schon gleich anschreiben, und andere hielt nur die Gegenwart so vieler Menschen ab, ein gleiches zu tun. Unter diesen letzteren war Schachenjoggel, dem es whrend der Rede des Pfarrers ganz seltsam zu Mut geworden war. Aber des andern Tages ging er in aller Heimlichkeit dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) zu, wo der fremde Pfarrer zu Gast war, und stiess unter der Tr fast an den Baschi, der eben herauskam. Die Freude des Apostels war gross, als er zwei Dutzend Unterschriften beisammen hatte. Wer htte das gedacht! Ihr seid seltsame Leute hier oben; ich hatte rgeliche Auftritte erwartet angesichts des Unheils, welches das Fremdenwesen ber die Sitten dieser unvorbereiteten, naturwchsigen Leute gebracht hat. Welch ein guter Kern in einer rauen, harten Schale! Oh, wegen dem Fremdenwesen ist keiner ein Lump geworden, wenn ers nicht ohnehin werden wollte! wehrte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]); des Pfarrers Behauptung hatte ihn tiefer getroffen, als er merken liess; denn er hielt sich unentwegt fr den Erwecker des Fremdenwesens zu Stgen(Wengen), und wenn spterhin einer kam

und sich aufschreiben lassen wollte, so predigte er ihm: Der Mensch muss seinem Leib Meister sein, ohne sich dafr andern Menschen anzugeloben. Und gibt ihm der Herr dazu nicht die Kraft, so ist doch alles nur Menschenwerk und hat seinen Bestand. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hatte da und dort verlauten hren, warum denn sein Christian, der Saufaus, nicht vor allem beigetreten sei; der htte es so ntig als irgend einer. Das war dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er tief gegangen, und wenn die Abstinenten sich nicht mittlerweile selbst verbunden htten, so wre nach ein paar Wochen von allem nicht mehr viel brig gewesen. Als aber gar einer dem fremden Pfarrer schrieb, was der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er dem und jenem geantwortet habe whrend seiner Verweserschaft, und dieser ihn nicht bel zur Rede stellte, kam es zwischen dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er und dem Abstinenzverein zur offenen Feindschaft.

* * *
Dreimal hatte die Sonne den Schnee wieder geschmolzen; das viertemal blieb er. Tagelang wirbelten die dichten, grossen Flocken zur Erde, bis ein schimmernder weisser Mantel die Matten und Hnge deckte, und die Tannen ihre weissen Kapuzen aufgesetzt hatten. In den Bergen krachten die Sprengschsse und weckten grollenden Widerhall; dort oben wurden Steine gewonnen fr die Bauten. Karl Lauener, den der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er mit seinem Zuspruch von dem Abstinenzwesen abwendig gemacht hatte, war auch dabei, und der Schnapsgutter schaute aus seiner Tasche der gefhrlichen Arbeit zu, die er verrichtete. Gegen Abend war die Flasche leer und Lauener voll; ein schlecht geladener Schuss ging zu frh los und brannte ihm die Augen aus dem Gesicht. In wilder Fahrt schlittelten die Steinrster ihre Ernte die steilen Hnge herunter, tischten sie zu mchtigen Wllen und der nchste Schneefall hllte sie ein, wie sein Vorgnger die Fundamente, die Ziegel und das Ballenwerk eingehllt hatte, so dass von allem, woraus stolze Huser und noch stolzere Zukunftshoffnungen erstehen sollten, nichts mehr zu sehen war als unfrmliche, schneebedeckte Hgel und Schanzen. Winterschlaf hielten auch die Pintenwitschaften und mit ihnen das Lrmen ihrer Schnapsgste; kaum das Fuchshnsel noch zu Unzeiten ein Glslein trank, wenn er irgendwo einen Batzen ergattert hatte; von denen, die ihren Branntwein in kleineren und grsseren Flaschen holen liessen und ihn zu Hause nach allgemeinem Begriff in Zucht und Mass tranken, nicht zu reden. Die Glieder des Abstinenzvereins rhrten sich mit dem Eifer und der Bekenntnisfreude Neubekehrter, und am allereifrigsten war der Baschi, der nun im Waldegg(Wengwald) dem Schnitzler in der Werkstatt half. Es kam diesem oft vor, als wolle der Baschi, der ehemalige Oberschnapser, jetzt in krzester Frist gutmachen, was er in langen Jahren gefehlt hatte. Als sein Magen einmal die menschenwrdige Nahrung an Eichers Tisch vertrug, ging der rotugige, schlotterige Baschi auseinander an Leib und Seele wie die Rose von Jericho im Wasserglas, so dass Uli, der seit dem Fundamentgraben eines bses Gesicht gegen ihn gemacht hatte, einmal von sich aus zugab: Wenn der Baschi so zufhrt, wird er bei langem doch noch ein Mensch! Der Baschi war es, welcher erfuhr und heimbrachte, Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) habe Buffet und Tfer beim Schreinerniggel und August Weber welche gemeinsame Sache gemacht hatten, vorerst zwar nur in den Wirtschaften herum bestellt, und sein Ruhm werde von den beiden verkndet, soweit sie knnten und so viel aus ihren weiten Hlsen mge. Der 165

Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er sei ihnen mit Vorschuss an die Hand gegangen, und seitdem sei im Bren wieder einiges Leben eingekehrt. Dabei lute es allerdings mit allen Glocken Sturm gegen das Waldegg(Wengwald), lute auch allerlei ber Hans Eicher im besonderen. Aber die Herrlichkeit whrte nicht lang. Als August Weber des Schreinerniggels Schwester heiraten sollte, war er eines schnen Morgens ber alle Berge und des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers Vorschuss mit ihm, soweit ihn alte Schulden und neues Wirtshausleben nicht aufgefressen hatten. Um alles, was Seltsames und Unerwartetes ringsum vorgegangen war, hatte sich der Schnitzler wenig gekmmert, abgesehen davon, dass die Umkehr so vieler Menschen vom abschssigen Wege ihm eine gewisse Freude bereitete; denn nicht wenige von ihnen waren seines Alters, waren mit ihm zur Schule gegangen. Aber abschssig und gefhrlich dnkten ihn auch seine eigenen heimlichen Wege zum Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald). Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) hatte kurz vor Weihnachten nach einem argen Streit Christian und seine Margrit aus dem Hause gejagt, hatte seinem ltesten sein Pflichtteil gegeben und ihn verwnscht mit Kind und Kindeskind. Christian hatte das Geld genommen mit usserlichem Fluchen und innerlicher Freude und war mit seinem Weib, das auch ihn nicht schonte mit Scheltworten und Verdchtigungen, in ein Hintersssenhuschen gezogen. Und nun machte sich die Margrit zeitig des Morgens auf, trug Klagen, Verwnschungen und Verdchtigungen ber Mann und Schwiegervater im Drflein herum, und alle hrten ihren unterhaltsamen Berichten willig zu in dieser langweiligen Zeit, und daraus schloss die Margrit auf grosses Mitleid. Ei was kam da nicht alles an den Tag: hinterzogene Armenspenden, Weibergeschichten, heimliches Wohlleben bei usserer Frmmelei. Das kramte Margrit ihren Mitbrgern, und das Sndenregister ward grsser und dsterer mit jedem Male, da sie es erzhlte. Als derlei Dinge dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er genugsam hinterbracht worden waren, nahm er Zeugen, um seine Schwiegertochter als Lgnerin und Ehrabschneiderin brandmarken zu lassen. Das ward ihrem Mann ungemtlich, und eines Morgens war auch er verschwunden, nicht ohne das vterliche Erbteil. Die Margrit schlug sich, wlzte sich auf dem Boden, und als der Arzt kam, sagte er kurz: Die ist grad eben recht reif frs Tollhaus. Das Kindlein nahm der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er doch wieder zu sich und gewann dadurch wieder mehr Ansehen; denn gar manchen war trotz der damit verbundenen Kurzweil das Lstern der Margrit zu viel geworden. Allgemein war neben einem gewissen Bedauern mit dem gescholtenen Manne die Bewunderung ber seine Langmut, und einige zrnten es ihm geradewegs, dass er nicht frher gegen die Margrit Ernst gemacht hatte. Jetzt, da sich die Tren des Irrenhauses hinter ihr geschlossen hatten, sagte mancher: Gottes Hand liegt schwer auf dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er! Aber er hat einen starken Glauben. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) war jetzt mit Dorothea und einigen Dienstboten allein; denn Emil war den fortwhrenden Znkereien und den darber noch lnger gewordenen Hausandachten fr den ganzen Winter ausgewichen, nach England. Ein Hotelier muss heutzutag englisch verstehen! hatte er jeder Einwendung seines Vaters entgegengehalten und war schliesslich abgereist, wohl oder bel. Zu Rotenbalm(Interlaken) hatte er sich freilich, wie nachher ruchbar wurde, noch ein paar vergngte Tage gemacht, bevor er weiterzog in die Fremde. Von Christian und Margrit durfte kein Wort gesprochen werden im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald). Die kenne ich nicht mehr; die habe ich aus dem Herzen gerissen! wehrte 166

Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) mit einer Handbewegung, wenn trotzdem ein Wort ber sie fiel. Er sass oft lange in finsterem Nachdenken da, und dann war sein Gesicht alt, sein Blick flackernd und unheimlich. Befreite er sich aber gewaltsam von dem dsteren Bann, der sich stets wieder auf sein Gemt legen wollte, so schlug er die Bibel auf und las da die trstlichen Beispiele nach, auf die er sich vor seinem Gewissen berufen konnte. Dorothea musste sich dabei neben ihn setzten; auch vor ihr suchte er sich zu rechtfertigen; ihr sprach er zu fr alle drei Kinder; Ehre Vater und Mutter, auf dass du lange lebest auf Erden waren Anfang und Ende seiner Rede. Nicht selten brach sie darob in Schluchzen aus, und der Vater liess solche Zerknirschung nicht vorbergehen, ohne ihr noch besonders und eindringlich vor Augen zu halten, wie schwere Strafen Gott der Herr auf den Ungehorsam der Kinder gegen ihre Eltern gesetzt habe. Er dachte dabei an die Versuchung, in die Hans Eicher sie gebracht hatte, und pries sich glcklich, seine Tochter daraus errettet zu haben. Er ahnte nicht, dass die beiden sich immer fter fanden in Nacht, Sturm und Heimlichkeit, dass Ihre Leidenschaft Menschensatzung und Bibelgebot versengt hatte, und dass dieses selber fr Dorothea nur noch ein Quell der Verzweiflung blieb. Ihr Leib war lngst den Gesetzen erlegen, welche die Schpfung selber ber Werden und Sein ihren Kindern eingepflanzt hat. Ein Taumel trotziger Leidenschaft hatte beide einmal besiegt, ihnen die Besinnung geraubt, und seitdem war kein Halten mehr. Die irdische Hlle gebot; aber wie auch Hans Eicher bat und beschwor, dem Zwiespalt ein Ende zu machen, wie auch Dorothea tausendfach ihr Glck in einsamen Stunden verfluchte, der Mensch in ihr ging mit wilder Wonne seiner Wege, und die gengstigte Seele flatterte hin und her zwischen Verdammnis und Reue, verfolgt von den heiligen geboten der Bibel. Als ein junges Leben sich kndete und die Verzweiflung sie darob bermannte, raffte sich Hans Eicher auf wie aus einem schweren, ngstlichen Traum. Am Tag vor Weihnachten stand er vor Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), blieb auch stehen, als ihm der nach dem Gruss die Tre wies. So gehe ich! Wir beide haben nichts miteinander zu tun! Aber Hans Eicher vertrat ihm den Weg. Ihr msst mich anhren! bat er. Mit zgernden, schonenden Worten redete er ihm zu, wie sie nicht voneinander lassen knnten, wie sie gefehlt, aber auch gelitten hatten, und wie es nun keinen Rckweg mehr gebe. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er begann zu zittern unter dem, was er da vernahm; er musste sich sttzen, und sein Angesicht glich dem eines Toten. Da kam Dorothea herein, und die Angst verzerrte ihre Zge, die so herb geworden waren in der letzten Zeit. Langsam wandte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) sich nach ihr um; dann flackerte es unheimlich auf in seinen Augen; er sprang auf Hans Eicher zu und fasste ihn an der Schulter wie mit Krallen. Hinaus, du Mdchenschnder, du Lump! Fort mit dir, damit es nicht ein Unglck gibt! Hans Eicher hielt seine Hand fest, und sein Kopf glhte. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), habt Ihr noch nicht genug Unglck ber Euer Haus gebracht --!? Hinaus, Ftzel, Hallunk! schrie der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er und holte zum Streich aus. Aber Hans Eicher fasste auch diese Hand, und obgleich seine Stimme zitterte, sprach er doch in schonender Weise seinem Gefangenen zu. Hat sie sich dazu hergegeben, so soll sie die Schande tragen! Und wenn sie daran zu Grunde ginge, so wre es eine gerechte Strafe! tobte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und machte sich frei aus den

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gelockerten Hnden des Schnitzlers. Und jetzt fort mit dir, Mdchenjger, fort, oder es gibt ein Unglck! Dorothea war keines Wortes und keiner Bewegung fhig, und als Hans Eicher auf ihre zusammengebrochene Gestalt, auf ihr blasses Gesicht sah, in welchem Todesangst stand, trat er zu ihr und trstete sie: Deinetwegen will ich jetzt gehen, aber nur, um eine Unterkunft fr dich zu suchen. Da kannst du nicht bleiben, und ein solcher Vater soll nicht lnger Gewalt ber dich haben -- -- -- Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er riss ihn hinweg; Hans Eicher liess die zur Abwehr erhobene Hand sinken und setzte seiner Gewalt keinen Widerstand entgegen; die Tr schlug hinter ihm zu. Als sich Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) in das Gemach zurckwandte, war Dorothea aufgestanden und tat zitternd ein paar Schritte auf ihn zu. Hure! Lumpenmensch! schrie er und gab ihr einen Stoss, dass sie strauchelte und hart zu Boden fiel. Lumpenmensch! Lumpenmensch! Und in sinnloser Wut versetzte er seinem Kinde Fusstritte, ehe es sich vom Boden aufgerafft hatte. All das Unglck langer Zeiten, aller verborgene Groll gegen andere und der Hader in seinem eigenen Herzen hatten sich in dem einsamen Manne aufgebumt unter diesen letzten, furchtbarsten Schlag; es war ihm, als wankten Himmel und Erde, als wre sein Blut Feuer; als Dorothea laut weinend hinausgewankt war und er allein dasass, bebte sein Leib unter wildem Schluchzen, und er rang die Hnde. Warum kann ich nicht sterben! Hans Eicher strmte dem Waldegg(Wengwald) zu. So, Metti, jetzt ists genug! rief er aus und erzhlte seiner Mutter hastig und abgebrochen, was ihm widerfahren war. Die Gestalt der alten Frau schien sich zu recken in Zorn und Abscheu. Jetzt rede ich einmal mit ihm! Vielleicht gibt es Sachen, fr die er Gehr hat! Nein, Mutter, zu dem gehst du nicht! Er hat mich und Dori beschimpft; er soll dich nicht auch noch beschimpfen. Zu dem gehst du nicht! Als Marei dennoch eine halbe Stunde spter im Sonntagsstaat davonging, so zog sie aus, um ein Quartier fr Dorothea zu suchen, vorerst bei Lisbeth Marti, der Witwe ihres Vetters, die ihr Heimwesen am See oben verkauft hatte und nun zu Ascherlohn in einem kleinen Huschen ihre alten Tage verlebte. Gar vieles ging ihr unterwegs durch den betrbten und erregten Sinn. Sie hatte ihrem Sohn nicht zu allem andern noch Vorhalte machen wollen ber den Fehltritt; aber der Gedanke daran und an die schweren Stunden, durch die er sich lngst an dem Paar zu rchen begonnen, war ihr bitter. In Zchten und Ehren hatten sie und ihr Christian selig vier lange Jahre gehofft und geharrt und waren heimlich zusammengekommen, ohne der Versuchung zu erliegen. ber diesem Nachsinnen erstand das Bild ihres Vaterhauses wieder vor ihrem Geist, hell und freundlich, an sonnigem Hang. Da war der gutmeinende, hartkpfige tti, der zuweilen fluchte, besonders wenn ihm etwas Rhrsames begegnete, dann aber auch so, dass sich die Engel im Himmel die Ohren zuhalten mussten. Er redete wenig, weder Gutes noch Bses, abgesehen von ungefhrlichem Schelten, und hielt sein Hauswesen fest im Zaum. Understand sich aber jemand, ihm bei seinem Schelten beifllig an die Hand zu gehen, so strusste sich ttis schwarze Zottelkappe wie die Federn eines Kampfhahns, und zwischen Kappe und Bart hervor schossen Worte, ber deren Sinn jeder sogleich im reinen war. Der liebe, gute tti! Und Marei lchelte still vor sich hin, trotzdem ihre Augen feucht wurden. Das Metti war allezeit vergngt neben dem Knurrhahn; denn es kannte ihn besser, kannte sein warmes, lauteres Herz, das er mit Schelten und zornigen 168

Gesichtern ngstlich zu verbergen suchte. Es fiel ihm nie ein, zu revoltieren und aufzubegehren. Je lauter der tti polterte und schalt, desto schweigsamer war es, bis er dann oft auffuhr und eine Widerrede frmlich heischte. Hasts Maul im Bett vergessen!? He, s wird genug sein, wenn du redst. Du musst ja die Sache besser wissen als ich, und da lasse ich dich machen. Wie dus haben willst, ists mir auch recht. He zDonner, ich werde doch wohl nach deiner Meinung fragen drfen! He nu, wenn dus zwingen willst! Ich meine, man knnte auch so und so, oder das und das , und das Ende vom Lied war meist, das der tti behauptete, er habe ja ganz genau die gleiche Meinung gehabt von jeher; von etwas anderem sei nie die Rede gewesen. So waren sie Jahr um Jahr nebeneinander durchs Leben gegangen, und alles hatte sich wohl gemacht; endlich hatte sogar Marei ihren Christian nehmen drfen. Hier schwenkten ihre stillen Gedanken ab zu Dorothea Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), und als Marei nun mit immer dstereren Mienen den Vergleich machte zwischen den beiden Elternhusern, wie sie ihn gemacht hatte mit der Zucht und Sitte, da blieb nichts brig von den Vorwrfen; das Mitleid mit dem armen Geschpf gewann die Oberhand, und der Wille zu helfen, wie ihr Metti ihr geholfen hatte.

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XXX.
Es dmmerte schon, als Marei an Lisbeth Martis Tre klopfte. Sie erzhlte ihr ohne Umschweife alles, was sie selber von der Sache wusste, und die Lisbeth schlug ein ber das anderemal die Hnde zusammen. Hans Eicher war ihr gewesen wie ein eigen Kind, als er bei ihrem Elias selig seine Lehrzeit gemacht hatte. Ach Gott, was wird das Fremdenwesen noch alles ber unser Land bringen in die Haushaltungen! Von meinem ltesten weiss ich seit vielen Jahren nichts mehr; er wird lngst tot und begraben sein in der Fremde. Sein letzter Brief kam, als Elias auf dem Todbett war, aus dem Spital in Hamburg. Der zweite ist im Sommer Direktor in einem grossen Hotel in Rotenbalm(Interlaken) und im Winter in Nizza. Er verdient viel Geld und lsst es mir an nichts fehlen. Aber wenn Fremde da sind, und die Dienstboten alle, die unter ihm stehen, darf ich ihn nie besuchen in Rotenbalm(Interlaken); er wrde sich meiner schmen vor ihnen. Das Mdchen hat in England den Kutscher geheiratet bei der Herrschaft, die es als Zimmerjungfer mitnahm, und jetzt ist es gar bs dran. Sein Mann hat das Trinken angefangen und fhrt mit anderen Weibern herum. So habe ich von meinen Kindern im Alter nichts als Kummer und Bitternis! Derart leerte Lisbeth Marti ihr Herz, und es ward ihr leichter dabei. Da ist drben im Spital eine Krankenschwester aus meiner Heimat; die kommt jetzt manchmal in einem freien Augenblick zu mir und ist mir fast geworden wie mein eigen Kind. Sie hat einen Nachbarsohn gern gehabt, lange Zeit, und er sie. Aber sein Vater war in wenig Jahren mit Spekulieren reich geworden und trieb fr seinen Sohn die Tochter eines andern reichen Spekulanten auf. Er hat sie dann auch geheiratet und damit die jetzige Schwester Lisa fast um den Verstand gebracht, obwohl er nicht wert war, dass sie sich so qulte seinetwegen. Endlich hat sie Trost gefunden in christlichen Werken, ist Krankenpflegerin geworden, und wohl noch nie hatten sie hier eine Schwester, an der die Kranken so hingen wie an der Lisa. Fr jedes hat sie Trost, freut sich von Herzen mit den Genesenden, betet mit den Sterbenden, und unser lieber alter Pfarrer hat schon oft gesagt, sie sei ein Engel Gottes. Man sieht ihrs am Gesicht ab, und das hat manchem schon wohler getan als die Arznei. Dabei ist sie so glcklich in ihrem Beruf und sagte mir schon oft: Wie wohl hat es Gott mit mir gefgt, dass er mich vor einem eitlen Glck an der Seite eines schwachen Menschen bewahrt und mich dafr zum wahren Glck gefhrt hat, durch harte Prfung zwar und Leid! Du kannst sie brigens morgen nach der Predigt selber sehen; sie hat frei und kommt dann wohl auf eine Stunde oder zwei herber. Die Sonne stieg am Weihnachtsmorgen golden ber den Bergen herauf und lste den Reif, den der Nebel vergangener Tage auf Baum und Strauch gestreut hatte. Von Ischerlohn und von Wendelhof zogen die Predigtleute ber glitzernden, knarrenden Schnee dem alten Gotteshause zu, das inmitten neuer Hotelbauten zu Wendelhof lag als ein ehrwrdiger Zeuge frherer Zeiten. Ein edles Geschlecht, dessen Stammschloss jetzt zu einem grossartigen Hotel umgebaut war, hatte das Kirchlein vor vielen hundert Jahren gestiftet und kunstvoll ausgestattet; nach ruhmreicher Laufbahn auf dem Schlachtfeld und in der Ratsstube hatten sich die Recken hier in ihrem Gotteshaus das Grab bereiten lassen, und auf den Steinplatten den Wnden entlang stand neben Helm und Wappenschild halberloschen mancher Name, der einen guten Klang hat von Murten her, von Novara und Bicocca bis zum Bruderkampf von Vilmergen, ja bis auf den 5. Mrz 1798. Ehrwrdiges geschnitztes Chorgesthl stach dunkel ab von dem Glanz der Fenster, in denen die Sonne durch alte Wappen bunt glhte, als sollte vergangene Herrlichkeit neu aufleben und die Nach-

kommen mahnen an das, was die Vorfahren in blutigen Strauss fr sie errungen. Grsser als alle anderen Schilde waren zwei im Chor, berhmt weit und breit bei Kennern. Da stand St. Vinzenz, in rotem berwurf und weissen Mantel, die Palme in der Hand; ihm gegenber spielte die Sonne im Brenschild. Die Statt Bern 1520 zog sich kurz und bndig die Inschrift unter beiden Bildern durch; das Selbstbewusstsein des mchtigen Staatswesens hatte keine Ausfhrlichkeit fr ntig gehalten. Die Feierlichkeit schwebte auf den bunten Strahlen durch die alte Kirche, deren Mauern so viel erzhlten; auf der Kanzel stand ein greiser Gottesmann, dem Himmel nher als der Welt, und predigte von dem Heil, das vor bald zweitausend Jahren den schwachen Menschen zu teil geworden in Bethlehem; von dem Licht der Liebe und Erlsung, das Gottes Sohn auf die finstere Erde getragen und das lodern soll und leuchten in jedem Menschenherzen. Euch ist heute der Heiland geboren! Es ward der Marei gar seltsam zu Mut ber der Predigt, und als die Orgel feierlich klang zum Lobgesang der Gemeinde, da gingen ihr die Augen ber. Warum zog der Gottesmann da auf der Kanzel nicht von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, die Liebe zu predigen wider den wuchernden Hass, da ihm Gott dazu die Gabe verliehen und es so Not tat allenthalben, wo Menschen wohnen! So dachte Marei und wandte sich unter der Tr noch einmal um; denn schon erhob sich da und dort unterdrcktes Lachen und Schwatzen ber nichtige Dinge bei den Heimkehrenden. Vor der Kirche trat eine Krankenschwester auf Lisbeth Marti zu. Ich kann heute nicht zu Euch kommen, Lisbeth. Es ist ein Notfall da, eine junge Frau, die wohl kaum den Abend erleben wird. Sie haben sie in der Nacht aus den Bergen gebracht, schon halb tot -- -- -- Die Schwester hatte das hastig geflstert und war davongeeilt. Wie viel Elend gibt es doch auf dieser Welt! seufzte Lisbeth Marti, und sie gingen selbander schweigsam ihres Weges dahin. Marei hatte kaum auf die Schwester geachtet; sie war einige Schritte zurckgeblieben und liess ihren Blick weit hinausschweifen ber das Wintergelnde im reinen, weissen Festgewand, und in ihrem Herzen leuchtete es noch wie von feierlichem Himmelslicht, sang es noch wie von Lobpreisung der Liebe zu allen Menschen. Euer Pfarrer ist wie ein heiliger aus alten Zeiten! sagte sie endlich. Und dennoch wird er gar arg angefeindet seit einiger Zeit. Der Hotelier vom Schloss Mendelhof wollte die Kirche ankaufen und abbrechen, weil sie so nah bei seinem Palast liegt und der Kirchweg ein Stck weit durch seinen Park, den alten Schlossgarten, geht. Er hat der Gemeinde alles Mgliche anerboten, und die Sache wre durchgegangen, wenn der Pfarrer nicht gewesen wre. Der ist gegen den Handel aufgestanden und hat im Augenblick die Freunde solcher Sachen aufgeboten. Das ist gegangen wie ein Lauffeuer bis ber Bern hinaus, die Kirche von Mendelhof sei in Gefahr, und aus dem Handel ist nichts geworden. Seitdem sind nicht nur ein paar Hoteliers und Baumeister Berger, der Spekulant, hinter ihm her, sondern in der Kirche selber ist eint und anderes verderbt worden, man weiss nicht von wem. Die Kammer fr Dorothea wurde bereitet, und noch war die Sonne nicht untergegangen, als Marei wieder zu den untersten Husern von Stgen(Wengen) kam. Eine Frau begegnete ihr beim grossen Ahorn. Weit dus schon? rief sie, ehe sie noch ganz bei Marei war, Fuchshnsel hat sich heute whrend der Predigt an der Haustr im Edelweiss gehngt. Marei war erschrocken stehen geblieben. Die Frau fuhr eifrig fort: Und Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers Dori ist die Treppe hinabgefallen. Sie haben sie in der Nacht ins Spital gefhrt; sie muss sich innerlich verletzt haben;

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denn sie verblutete schon hier fast und wusste nichts von sich selber. Der Doktor war auch nicht da; er sei gestern nach Bern in Geschften fr die Kurgesellschaft -- --. So schwatzte die Frau. Froh dass sie jemanden gefunden hatte, der noch nichts von alledem wusste. Tausend Gedanken wirbelten Marei in einem Augenblick durch den Sinn, und sie lehnte sich kraftlos gegen ihren Bergstock. Dann schnellte sie auf und lief, ohne ein Wort zu sagen, mit starrem Blick, ber den verschneiten Weg dahin, dass die andere ihr verwundert nachsah und den Kopf schttelte. Wo ist Hans?! sthnte Marei an Grusses Statt unter der Tr, als sie heimgekommen war, ohne selber zu wissen, wie. Emma erschrak ber das Gesicht ihrer Mutter; so hatte sie noch nie ausgesehen. Hans, berichtete sie, ist fortgegangen heute Mittag, ohne ein Wort zu sagen, in aller Angst. Der Knecht vom Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) war da. Ich habe nur etwas gehrt von Ausgleiten auf der Treppe, von Ischerlohn, vom Spital, und dann ist Hans gleich durch den ungebahnten Fussweg gelaufen, gegen Wirtenen(Ltschine) zu. Weiss Gott, was das sein soll! In die Abgeschiedenheit des Waldegg(Wengwald) war noch nichts von all den Ereignissen gedrungen, bis jetzt auch Baschi daherkam und des langen und breiten zu erzhlen anfing. In ihrem Stbchen war Marei zusammengebrochen in Angst und Schrecken; als der Bann sich lste, faltete sie die Hnde und flehte zu Gott, dass er, der heute den Menschen ihren Heiland gesandt, auch ihnen allen in Gnade beistehen mge, auf denen jetzt so schwer seine Hand lag. Immer wiederholte sie allmhlig dieselben Worte, indes ihre Gedanken herniederzusteigen begannen vom Himmel zur Erde und umherirrten, ins Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald), wo ihr Sohn teilgehabt an einer Snde, und an das ferne Krankenlager, wo er jetzt teilhatte an Busse und Strafe. Whrend Marei so betete, stand Hans Eicher an Dorotheas Lager zu Ischerlohn. Er hatte um Einlass gefleht, bis der Arzt nachgab; denn das Leben der Kranken war doch nach Stunden gezhlt. Der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er hatte seine Gegenwart befrwortet. Es geht ihn auch an, sehr viel. Aber als Hans Eicher hereinkam, ging Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) an ihm vorber zur Tr hinaus, mit gesenktem Blick. Der Pfarrer hielt Dorotheas Hand in der seinen und pries ihr die ewige Seligkeit und die Gnade des Himmels. Oh. Ich bin eine arme Snderin; ich bin verdammt. Ich will nicht sterben, ich will noch nicht sterben! schrie sie auf und bohrte das blasse Angesicht in die Kissen, als errate sie, wie es um sie stand. Hans Eicher hatte an der Tr innegehalten, und die Trnen liefen ihm ber die Wangen. Er getraute sich weder ein Wort zu reden, noch einen Schritt gegen das Lager zu tun. Die Krankenschwester winkte ihm, nher zu kommen. Oh mein Gott, Hans, wir armen Snder! Wir haben Gottes Gebot missachtet, und er hat uns gestraft! rief Dorothea, als sie ihn gewahrte. Da strich ihr der Geistliche mit der Hand ber das wirre Haar. Armes Kind, du bist im Irrtum! Der Heiland hat sich selbst der Ehebrecherin erbarmt; er wird auch dich nicht verlassen, wenn du vor Gottes Thron kommst. Des Herrn Gte ist unendlich, seine Gnade unermesslich, und er ist der rechte Vater unserer Seele. Seine blauen Augen leuchteten in berirdischer Zuversicht, und Dorothea wurde ruhig. Der Friede, der von diesem Manne ausging, welcher selbst am Tor der Ewig172

keit stand, hatte in ihr Herz Eingang gefunden und die Angst besiegt, die so lange darin gehaust hatte und zur Verzweiflung geworden war. Trag auch dem Vater nichts nach. Dass er uns getrennt hat und ich sterben muss, ist Gottes Wille. Verzeih ihm, Hans! Hans Eicher musste alle Kraft zusammennehmen, um nicht zu verraten, welche Qual ihm ihre Liebesworte bereiteten. Ich komme dann und hole dich auch, wenn ich im Himmel bin! verhiess sie ihm und lchelte dazu. Ich mchte ein wenig schlafen, und nachher kommst du wieder zu mir, flsterte sie endlich mde. Aber geh nicht weit fort und komm dann wieder, gell? Es ist mir jetzt so leicht! Sei getrost, du hast mehr gebsst als gesndigt! sagte der Pfarrer und reichte ihr die Hand. Sei getrost, ob der Herr dich zu sich rufe oder ob er dir das irdische Leben schenke, seine Gnade hat sich an dir geoffenbart. Hans Eicher winkte der Krankenschwester. was glaubt Ihr -- --? fragte er sie im Nebenzimmer. Es ist seltsam, wie ruhig sie geworden ist, und sicher ein gutes Zeichen. Kann sie schlafen, jetzt, da alles Ntige getan worden fr ihre Rettung, so drfen wir hoffen -- --- Er reichte der Pflegerin die Hand. Wre es doch Gottes Wille -- -- --! Es liegt in seiner Macht. Aber ich hoffe wieder; sie scheint keine Schmerzen zu haben, was ich gar nicht begreifen kann. Der leise Schimmer weckte neben der Kmmernis ein Dankesgefhl in Hans Eicher, wie er es noch nie empfunden hatte, und sein Sinnen fand in diesem Augenblick unwillkrlich einen Weg wieder, den es lange nicht gegangen war in den trben Zeiten. Aber wenn Dorothea doch sterben sollte? Komme ich in den Himmel, so hole ich auch dich! hatte sie ihm verheissen. Wohlan, dann sollte sie ihn mit Freuden bereit finden, ihr in den Tod zu folgen! Was sollte ihm das Leben in Einsamkeit und Qual frderhin? So drngten sich seine Gedanken, als er dem Portal zuschritt. Fast unter der Tr kam ihm Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) aus der Wartstube entgegen. Bist du nun zufrieden? fragte er bitter. Jetzt erst sah Hans Eicher, wie verndert der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er war. In dem eingefallenen Gesicht flackerte es unstt aus den gerteten Augen; die hohe, stolze Gestalt hatte sich ber Nacht gebeugt. Bist du jetzt zufrieden? fragte er nochmals und trocknete die Augen. Da reichte ihm Hans Eicher die zitternde Hand. Wir wollen nicht so miteinander reden. Herr, mein Gott, wann ists genug! sthnte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) nach einer Weile, als sie zusammen unter den alten Bumen an der Strasse dahingingen. Sagt mir, wie ist sie eigentlich verunglckt -- --? fragte Hans Eicher endlich. Sie ist gefallen, antwortete der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er kurz. Wie kam das -- --? fuhr Hans Eicher fort. Frage nicht mich; Gott weiss es -- --! Die Sonne neigte sich schon ber den Bergen im Westen und legte einen goldenen Schimmer ber die Hhen und auf die verschneiten Matten. In dem warmen Licht sah Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])s Antlitz noch grauer und verfallener aus, und immer deutlicher und schwerer stieg in Hans Eicher der Gedanke auf, dass er allein Schuld trage an allem Unglck. Warum bist du nicht der Strkere, Besonnene gewesen? Warum bist du der Versuchung erlegen? mahnte sein Gewissen: Knntet Ihr mir verzeihen? fragte er pltzlich und blieb stehen.

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Gott mag richten zwischen uns; ich tue es nicht, antwortete Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) zgernd. Aber er gab ihm doch die Hand. Als sie in der Dmmerung zum Spital zurckkehrten, ging ihnen Schwester Lisa voran. Sie ist hinbergeschlummert Da standen die beiden Mnner neben der Toten, auf deren bleichem Gesicht der Himmelsfrieden lag, so milde wie nie in ihrem jungen Leben. ber dem Buch mit dem goldenen Kreuz, welches ihre arme Seele so oft in Qual und Verzweiflung getrieben, lagen jetzt ihre weissen Hnde gefaltet, und das Bild des Heilandes sah von der Wand auf sie hernied

er.

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XXXI.
Wochen waren dahingegangen; sie hatten das Grab in Ischerlohn mit weisser Decke verhllt und ber Stgen(Wengen) den Schleier des Vergessens zu weben begonnen. Wie ein schwerer Traum lag diese Zeit hinter Hans Eicher, dem das Leben anfangs wertlos und als eine Verdammnis vorgekommen war, so das oft die Versuchung in ihm mchtig wurde, es abzuwerfen gleich einer unntzen Brde. In stillem Brten und Arbeiten verbrachte er Tag um Tag. Was sollte ihm das Schaffen, was das Dasein? kam es oft ber ihn. Aber dann richtete ihn Marei wieder auf: Stre die Ruhe der armen Seele nicht; es wre sndige Selbstsucht. Ihr ist jetzt wohler, als ihr je htte werden knnen auf Erden klangs aus ihrem Zuspruch. Den Stgen(Wengen)ern war Dorotheas Tod gewesen wie eine neue, offenkundige Prfung, vom Himmel dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er auferlegt, und das Mitleid mit ihm liess sie gar manches vergessen, womit sie ehemals ihren Spott gegen ihn getrieben. Ein kleiner Sturz, heute rot, morgen tot; wer htte solches je erhrt. sagten sie zueinander. Es soll auch dem Schnitzler nahe gegangen sein, und doch vernahm man nie etwas, dass die beiden ernstlich zusammen zu schaffen hatten. Die drei Menschen, die mehr von dem Geheimnis wussten, verbargen es wie ein Heiligtum. Als schon die ersten Lawinen donnerten und der Fhn in die Berge einbrach, stand Hans Eicher an einem Sonntagmittag vor dem einsamen Manne im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald), dessen Haar fast weiss geworden war in kurzer Zeit. Das gemeinsame Leid und die gemeinsame Liebe der Toten hatten den Schnitzler hergefhrt, ehrliche Vershnung und Vergebung heischend. Warum kommst du, der du mich am meisten an all mein Unglck mahnst und sndigen Zorn in mir weckst! Weiche mir aus und lass mich meinen Kummer allein tragen! las Hans Eicher aus dem Bescheid, den ihm der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er gab und der ihn bedrckte. Die Sonne hatte hundert Gerinnsel geweckt unter den hohen Schneedecken, und in der warmen Luft lag Frhlingskraft, Die Eiszinnen der Berge glnzten, und von den Gletschern stiegen weisse Nebel zu ihnen hinauf, ber sie empor und gesellten sich am graublauen Himmel zu einer Herde weisser Wolkenschfchen, die der Westwind vor sich hergetrieben hatte. Da kam heulend der Fhn, riss dem bedrckt heimwrtsschreitenden Schnitzler im Vorbeigehen den Hut vom Kopf und hatte die Wolkenherde erreicht, frher als Eicher seinen Hut, der erst nach einer ziemlichen Reise in dem grssten der Schneebchlein auf seinen Herrn wartete. Derweil jagte der Fhn die Wlklein schon in lange Streifen auseinander, blies graue Schleier herbei, die vorher nirgends zu sehen gewesen waren, und betrieb dieses Werk unter Heulen und Brausen immer strker, so dass im Nu die Sonne verhllt war und die Lawinen immer zahlreicher zu Tal fuhren. Das war der Frhling selber, nicht mehr nur seine Vorboten, und in den Menschen regte sich die letzte Bedrcktheit des langen Winters vor der Befreiung durch Lenz und neue Lebensfreude. Marei war krank geworden und hatte sich zu Bett gelegt. Wo es ihr fehlte, wusste sie nicht eigentlich zu sagen. Es war ihr klar zu Sinn, und je mehr des Leibes Kraft von Stunde zu Stunde verrann, desto leichter wurde ihr Geist. Sie beschied Hans zu sich. Schau, es mag mit mir geben, was es will -- -- Aber Metti -- --!

es mag mit mir geben, was es will, eint und anderes mchte ich dir noch sagen. Vorab plage dich nicht mehr wegen Dora. Wenn Gott mich zu ihr fhrt, so will ich ihr sagen, wie lieb sie noch bers Grab hinaus gehabt hast. Ein warmes Lcheln ging bei diesen Worten ber Mareis verfallendes Angesicht; ich denke, es wird sie freuen. Du aber bist jetzt einstweilen noch auf der Welt und hast da noch viele und schwere Pflichten. Du hast von meinen Kindern die meiste Erfahrung, die meiste Einsicht, und dir binde ich darum auch die andern aufs Gewissen. Steh ihnen getreu bei, wenn sie dich ntig haben; sei aber nicht ein Zwingherr gegen sie und missachte sie nie, es mag dir noch so gut gehen. Ihr seid mir eins wie das andere gleich lieb. Uli ist schwerfllig, sagt selten seine Meinung, obgleich sie ihm nicht fehlt, und wenn du vielleicht manchmal ungeduldig wirst ber sein unbeholfenes Wesen, so bedenk dann immer, wie treu er fr uns alle gearbeitet hat die vielen Jahre und besonders in der schweren Zeit, als du in der Fremde warst. Auch Emma und Gottfried werden dich ntig haben. Der Bau ist unterhnds, Gottfrieds Gesundheit nicht die beste, und Emma erwartet jeden Tag ihre Niederkunft; sist viel auf einmal und Zusammenhalten tut euch not. Machet eure Sachen immer mit guten Willen unter euch aus und lasst nicht Fremde dazwischenkommen, sonst fehlts -- -- So sprach Marei ihrem Hans zu, rief auch die andern der Reihe nach an ihr Lager und gab jedem eindringlichen Rat. Ihre Ruhe und Zuversicht trstete sie alle einigermassen ber den Kummer, den die Todesahnungen der Mutter ihnen bereitete. Immer rascher nahmen ihre Krfte ab, und sanft, fast unbemerkt von den Ihrigen, entschlief sie in strmischer Nacht. Wenige Stunden spter ward ihrer Tochter ein Knabe geboren, und das junge Leben trat in seine Rechte gegen das erloschene. Der Marei ists gut gegangen ihr Leben lang. Sie hatte einen Mann, wie nicht viele waren weit herum; dann half ihr Benz durch, und nun ist sie sogar noch als reiche Frau gestorben. Sie war gar nie eigentlich zu bedauern, und ihre Kinder jetzt auch nicht. Geld haben sie ja, und was htte ihnen so ein altes, einfaches Fraueli noch viel ntzen knnen? So urteilten die Stgen(Wengen)er hinter dem Sarge her. Es waren ihrer nicht besonders viele im Leichenzug; denn die Marei war ihnen seit langem beinahe aus den Augen und aus dem Sinn gekommen. Mich nimmts wunder, wie sie teilen, und ob sie dabei nicht uneins werden, meinten andere. Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) war auch im Geleite; aber die Feiss(Feuz,Alpenrose) im Boden fehlten. Dem Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er ists halt doch ernst mit seiner Frmmigkeit. Hundert andere htten es grad so gemacht wie die Feiss(Feuz,Alpenrose)en und wren nicht denen im Sarg dreingelaufen, die sie um ein so schnes Erbe gebracht haben, sagte Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), welcher mitgegangen war, weil er ohnehin in Gletschbach(Lauterbrunnen) zu tun hatte. Die drei Mnner, die zunchst hinter der Leiche einherschritten, hrten und dachten nichts von allem dem. Ihnen war eine gute Mutter gestorben, und erst jetzt fhlten sie, wie lieb ein jeder von ihnen sie auf seine Weise gehabt hatte. Des Baues wegen war bald geteilt; der Schnee war in tausend Bchlein zu Tal geflossen, und das begonnene Werk musste fortgefhrt werden. Notar Fritschi kam und verschrieb, was sie im lieben Frieden vereinbart hatten. Uli bekam das Bauernwesen, Hans das Huschen am Rain und Gottfried Steiner das Gummenweidli mit dem angefangenen Hotel. Mit Geld und Haftung wurden nach billiger Schatzung die Teile ausgeglichen, die einem jeden zukamen. 176

Htte es mich anbelangt, wer weiss, obs so gegangen wre! stichelte nachher, zwar aufs Geratewohl, mancher, wenn er einen der Erben traf und sich an ihn getraute; einmal wre es kurzweilig gewesen, wenn es im Waldegg(Wengwald) endlich Krieg gegeben htte, und zum andern liess sich vielleicht auf diese Weise Nheres ber das Vermgen und die Art der Teilung vernehmen. Denn es hielt gar viele zu Stgen(Wengen) bs in Atem, dass man nur so obenhin um das wusste, was ins Grundbuch kam, und sonst nichts, weder ber das Geld, noch ber sonstige Vereinbarung. Am meisten kam Uli mit den Leuten zusammen, und es ward viel an ihm herumprobiert. Jetzt ists halt zu spt und geschrieben, gab er spttisch zur Antwort; das nchste Mal frage ich dich dann zur rechten Zeit. Linderchristen nahm diesen Bescheid ernst und fragte ganz erstaunt: J zDonner, knnt Ihr denn noch mehr erben? He, wer weiss! meinte Uli und machte ein pfiffiges Gesicht. Als Christen den Bericht aber voll neidischer Verwunderung seinem Vreni heimbrachte, wies es ihm klipp und klar nach, dass der Waldegg(Wengwald)=Ueltsch ihn mit seiner Antwort nur fr den Narren gehalten habe, der er wirklich sei. Die Maurer klopften, dass die Steine klangen, die Zimmerleute sgten und hmmerten auf den Baupltzen, und ber den emsigen Menschen hallte es durcheinander von Rufen, Befehlen und Schwatzen. Gottfried Steiner frderte wie ein eifriger Feldherr sein Werk, und Zimmermeister Bischoff ging ihm dabei mit Rat an die Hand; denn es galt, hundert Dinge zu bedenken, von denen der Unkundige keine Ahnung hatte. Desgleichen kam Andreani mit diesem und jenem Anliegen, brachte Zettelchen, auf die er in seltsamem Kauderwelsch geschrieben hatte, was sein Departement anging und wessen er bedurfte. Steiner schickte Bestellungen nach allen Seiten, und wenn Emma ngstlich in den eingehenden Rechnungen bltterte, so ward er ber ihre Bedenken beinahe rgerlich. Ja, mit nichts kann man kein Haus aufstelllen, murrte er. Handwerksleute kamen sogar von Rotenbalm(Interlaken) herauf und bewarben sich um ihren Teil der Arbeiten, und einen Bauschreiner begleitete Bischoff selber. Weingart, so hiess der Mann, hatte eine gar bescheidene Art aufzutreten; aus seinem offenen Gesicht und seinen blauen Augen leuchteten Treuherzigkeit und Biedersinn. Steiner hatte sogleich Zutrauen zu ihm, und sie wurden handelseins. Ich weiss bestimmt, dass ich Mitte Mai fertig sein kann; ich habe die Plne durchgesehen. Aber um ganz sicher zu sein, will ich Euch nicht vor dem ersten Juni verheissen, entschied Weingart. Aber dann bestimmt? fragte Steiner. Wollt ihrs nicht schriftlich machen? mahnte Bischoff. He, s wird mndlich versprochen grad so gut sein, warf Steiner hin, als er wieder in das treuherzige Gesicht Weingarts blickte. Ich habe noch keinen angefhrt, gab der zum Bescheid. Weingart mache ausschliesslich Bauschreinerei, sagte Bischoff nachher zu Steiner. Er kenne ihn zwar nicht nher und wisse nur, dass er mit jedem Jahr mehr Arbeit bekomme. Ende April war das Balkenwerk aufgestellt, die Ziegel auf dem Dach; die Montana hatte den Wildstrubel und die Jungfrau um zwei Wochen berholt, und Uli schien sein Gelbde vergessen zu haben mit den Tagelhnerkpfen, die er hatte aneinanderschlagen wollen.

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Zingg=nni kam bisweilen herauf und wechselte mit Gottfried Steiner ein paar freundliche Worte. Als auch ihre beiden Bauten ein Dach hatten, kam sie noch fter und blieb lnger, hatte mehr zu berichten und war noch zutunlicher. Ihr habt Euer Teil auch nicht zu billig bekommen! warf sie einmal hin. Warum? fragte Steiner. He, das weiss jedes Kind, dass sonst bei einer Erbschaft aller Boden fr Nutzland gerechnet wird und man die Baupltze nicht hher anschlgt -- -- So haben wirs auch gemacht, behauptete Steiner, ein wenig nachdenklich und verlegen. Zingg=nni lchelte und fuhr unbeirrt fort: Ihr kommt viel zu teuer drein Diese Worte der erfahrenen Geschftsfrau lagen Steiner nachhaltig im Sinn, und er war einige Tage ziemlich kurz und einsilbig gegen die Schwger, ohne die Sache selber zu erwhnen. Aber der Eifer fr sein Werk drngte die misstrauischen Erwgungen wieder zurck, und als Ulrich eines Abends polterte: Der Zingg=nni, dem Aufhetzteufel, schlage ich das nchste Mal die Gosche entzwei, wenn sie wieder hinter mich kommt wegen der Teilung! da ward es Gottfried doch leichter ums Herz, und er rckte freimtig mit seinem eigenen Erlebnis heraus. Die hat immer noch das obere Gummenweidli im Kopf und probiert, wie sie kann! warf der Schnitzler hin; an mich kommt sie zwar bis jetzt nicht selber; aber sie hat mir die Kueni=Karline vorgestern an die Beine gehetzt, als ich ins Dorf ging; die sollte bei mir gut Wetter machen, damit ich dem Uli zurede. Jetzt weits, Uli! So einen faustgrossen Bitz (Stck) Gummenweidli an den Grind bekommt sies nchste Mal, und zwar gratis, die Hex! knurrte Uli, der zusehends gesprchiger und untunlicher wurde, seitdem er auf eigenen Fssen stand. Eine Frulein Richard soll das Hotel Jungfrau schon jetzt gemietet haben fr diese Saison, berichtete Hans Eicher weiter. Sie fhrte letzten Sommer eine Pension im alten Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)haus und hat der Zingg=nni beim Abschluss des Vertrages zweitausend Franken Draufgeld geben mssen. Die wird also deine Nachbarin und Konkurrentin, Gottfried! schloss halb im Spass der Schnitzler. Wer sagt das -- -- ? Die Kueni=Karline. Die Jungfer Richard hat einstweilen allerlei bei ihnen eingestellt, und die Karline kann sie nicht genug rhmen. Sie sagte gar, wie gebildet und doch so bescheiden das Frulein sei, und wie es sie freue, eine solche Nachbarin zu bekommen. Wenn dann nur allentwegen das Bauen zur Zeit fertig ist. Schon im Mai kam etwas Schreinerarbeit von Weingart, was einen gar guten Eindruck machte, nicht nur auf Steiner sondern auch auf den Schnitzler, der nachtrglich noch zu einem scharfen Vertrag graten hatte. Geduldig wartete Gottfried, und in den ersten Junitagen langte wieder etwas weniges an. Jetzt kommt doch alles? fragte er den Gesellen, der gemchlich annagelte, was da war. Weiss ich? Ihr msst den Meister fragen. Nach zwei Tagen zog der Geselle ab, und es ward wieder still, trotzdem die Einrichtung ankam und die ersten Dienstboten dastanden. Dass es mit der Jungfrau und dem Wildstrubel nicht besser stand, war ein schlechter Trost. Zwei, drei Tage strichen die Dienstboten mrrisch herum, legten widerwillig mit Hand an und verschwanden einer nach dem andern; die einen heimlich, die andern unter Schelten und Drohen, weil sie ihre Saison verlren. Wir verlangen Schadenersatz! riefen eines Morgens die beiden briggebliebenen Zimmermdchen ihrem Herrn entgegen.

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Was sagt ihr!? Habt ihr etwa nicht euren Lohn? brauste Steiner auf, der jetzt schon in gereizter Laune an sein Tagwerk ging. Oh, das Lhnlein! Da knnten wir uns in Jahresstellen verdingen als Viehmgde! Uns kommts aufs Trinkgeld an, und Ihr knnt ja keine Fremden nehmen bis im Sptsommer. Warum habt Ihr uns so angefhrt, uns nicht gesagt, dass das Haus nicht fertig werde! Wohl, gestern haben wirs vernommen, dass Ihr nicht weiterbauen knnt, und dass wir wohl gar noch um unseren Lohn erfroren wren. So begehrte das eine der Mdchen spitzig auf. Gerade dieses hatte Steiner besonders eingeleuchtet seiner Erfahrung wegen; denn es hatte ihm Zeugnisse vorgewiesen von Hotels aus der halben Welt. Jetzt schoss ihm das Blut zu Kopf. So kommt Ihr mir, Ihr unverschmtes Blech! Macht Ihrs andern Hoteliers auch so?! Oh, Ihr seid ja Schreiner, nicht Hotelier, wie wirs vernommen haben -- -- -- Marsch, unverschmtes Mensch, hinaus -- --! und Steiner packte das Mdchen am Arm. Das schrie Helfio und schimpfte, von der Gefhrtin reichlich untersttzt. Draussen setzten die beiden ihr Lrmen und Schelten fort bis hinunter zu Kuenis Haus, vor dem die Karline stand und nun dem erregten Bericht zuhrte. Die zwei Mdchen fuchtelten mit ihren bunten Sonnenschirmlein in der Luft herum wie mit Sbeln, teilten Stsse damit aus gegen die Montana, und die Karline deutete gegen das Hotel Jungfrau hinber, das noch keine Fenster hatte und in dem die Mieterin ratlos in tausend ngsten herumeilte. Am Nachmittag kamen wieder ein Paar Fenster und Tren von Weingart fr die Montana. Ein gewaltiges Unwetter erging ber den Gesellen. He, das msst Ihr dem Meister selber sagen. Er macht eben so viel, als ihm mglich ist; zuerst da, wo er Vertrge hat, und Ihr habt ja keinen, wie ich gemerkt habe. Steiner fand fast die Rede nicht vor Verblffung ber den hhnischen Vorhalt. Als der Geselle merkte, dss ein neues Schelten angehen sollte, lenkte er ein: Der Meister will eben alles fressen ringsum; dann wird er nirgends zur Zeit fertig. Ich muss den Leuten oft sagen, die Arbeit sei schon bald parat, wenn das Holz dazu vielleicht noch im Walde steht und die Vgel auf seinen sten pfeifen. Als das Haus Ende Juli endlich notdrftig fertig dastand, innen und aussen, war Gottfried Steiner kaum wieder zu erkennen. Aus dem stillen, friedlichen Menschen war ein misstrauischer, aufgebrachter Mann geworden, der in abgehetzter Verfassung mit ein paar verlaufenen Dienstboten zum erstenmal in seinem Leben ein Hotel fhren sollte. Der Schnitzler kam ihm dabei endlich zu Hlfe. Auf die Gefahr hin, es seinem Schwager nicht recht zu treffen, griff er fest in die Zgel, jagte zwei ruppige Dienstboten kurzerhand fort und suchte in der Zeitung andere. Gottfried liess ihn gewhren; es war ihm jetzt fast von einem Tag zum andern alles verleidet. Als aber die ersten Gste in der Montana einkehrten, lebte er doch wieder auf, gab sich gar viel Mhe mit ihnen, und die Kchin musste aufwenden aus besten Krften fr die Bierfrnkigen, wie sie dieselben spttisch nannte. Denn von den nobelsten waren es nicht, trotzdem ihnen nichts gut genug schien und sie ihrem Gastgeber fast den Angstschweiss austrieben mit spttischen Ratschlgen und offenem Aufbegehren. Aber es kamen noch andere, und als einmal drei Dutzend beisammen waren, verschwammen sie zu einem ertrglichen Ganzen. Zingg=nni hatte einen Teil seiner Schulden bachab geschickt, sich unter der Beihlfe guter Freunde mit den Glugigern abgefunden im Namen seines Mannes, der ihm vorher alles verschrieben und abgetreten hatte, so dass sie mit ihren Forderungen vis--vis de rien und dem alten Zingg=Hansli standen und lieber wenig nahmen als gar nichts. 179

Im August wurden auch Wildstrubel und Jungfrau fertig; ersteres blieb leer, und fr das Hotel Jungfrau erraffte Klara Richard kaum noch ein paar verlaufene Gste. Zingg=nni hatte ihr fr den flligen Rest des Zinses schon den Weibel geschickt, und als sie die Zahlung verweigerte, Klage erhoben durch einen Advokaten, dessen Name weitherum mit verschiedenen Gefhlen genannt wurde, je nachdem er fr oder gegen einen gewesen war. Er war ein mchtiger Mann in vielen Wrden und der Schrecken seiner Gegner vor Gericht. Dass der die ungerechte Sache bernehmen mochte! warf der Schnitzler ein, als sie davon sprachen. He, Zingg=nni soll auch nicht ungerade sein gegen ihn, heissts allgemein! spttelte Uli.

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XXXII.
Unter Strmen und mancherlei Erregungen war es Herbst geworden und die aus dem Gletschbach(Lauterbrunnen)tal aufsteigenden kalten Nebel hatten den letzten Fremden vertrieben. Verdrossen machte Gottfried Steiner an einem solch trben Tag seine Abrechnung; aber wie er auch zusammenzhlte und abzog, die Zahlen durchging und prfte, es blieb bei dem, was er herausgebracht hatte. Das Haus kostete fnfzehntausend Franken mehr, als vorgesehen war, mit allem, was drum und dran hing, das Tfer und das Bffet von Hans Eicher gar noch nicht gerechnet; die beiden Werkstcke schmckten jetzt die Montana statt das Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald). Jene Summe musste er auftreiben; denn die Hypothek konnte er nicht weiter erhhen nach dem Bescheid des Amtsschaffners. Er ging nun, recht zgernd und ungern, seine Schwger dafr an, den Uli vergeblich, der sass fest auf seinem Batzen, den Schnitzler mit dem Erfolg, dass der ihm fast sein ganzes Erbe gegen Verschreibung aushndigte und fr den Rest von fnftausend Franken mit Uli zusammen die Brgschaft bernahm. Bei reichen Verwandten Geld aufgebrochen hatte, wie es hiess, auch Steiners Nachbarin Klara Richard. Karline Kueni hatte ihrer neuen Freundin zuliebe den Hans dazu gebracht, ihr um siebentausend Franken die Steinhalde neben seiner Htte zu verkaufen; denn Jungfer Richard wollte selber bauen nach den bitteren Erfahrungen, welche sie als Mieterin gemacht hatte. Ehe noch der erste Schnee fiel, kam Architekt Meister von Rotenbalm(Interlaken) herauf, besah mit ihr den Bauplatz, und sie besprachen die Grundstze des Planes. Jetzt hat der Kueni fr die zwei Pltzlein zwlftausend Franken bekommen, von einem links fr die Jungfrau, fr das andere rechts von der Richard. s ist doch unerhrt, gings zu Stgen(Wengen) um, als die neue Angelegenheit bekannt wurde. Redete aber einer den Kueni=Hans selber an deswegen, so kniff der die uglein zusammen, schob die zermauserte Fellkappe ein wenig zurck und antwortete gutmtig: He ja, ich wollte die Jungfer Richard nicht mit dem Preis drcken; sonst htte mir das Mtteli eigentlich mehr gelten sollen. Aber sie hat niemanden hier oben, der es ehrlich mit ihr meint, als uns, und da habe ich auch fnfe grad sein lassen. Denkst nicht daran, dass man so nur die fremden Bleger herbeilockt? Httest du ihr nicht das Mtteli verkauft, so htte sie wieder abzotteln knnen. Ich meine, wir httens auch prstiert ohne diese wohlgemeinte Pek; s ist vorher auch gegangen ohne die, begehrte Gemeinderat Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) einmal mit dem Kueni=Hans auf. Der schob seine Kappe noch weiter nach hinten und lchelte pfiffig. He, ihrem Gelde habe ich nichts Besonderes angesehen, wenn sie schon nicht eine hiesige ist. Ihr seid Donners Maulaffen und haltet eben nichts auf euer Vaterland! rief da Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) mit einer grossen Handbewegung. Wegen dem Zingg=nni wollte ich noch weniger gesagt haben. Einmal ist es doch schliesslich auch eine Oberlnderin und zum andern ein verflucht couragiertes Weibervolk, vor dem man Respekt haben muss. Weil der Mann ein Hseler ist, nimmt es die Sachen in die Hand und rettet sie ihm. Grad das nni hat mir genugsam erzhlt, wes Krauts die Richardin ist. Wie schlecht hat sie es ihm machen wollen mit dem Zins; aber jawohl, der Frsprech wird ihr ds Maji singen -- -- -- Kueni=Hans manvrierte whrend dieser Rede still seine Kappe auf dem Kopf herum, bis sie da allenthalben genugsam gewesen war. Die sollens selber zusammen ausmachen, warf er hin und stoffelte mit seiner Milchtause weiter.

Eine Woche spter, als der Schnee so recht eifrig herniederwirbelte und es den ganzen Tag eigentlich nie hell wurde, ging Balmer an den Rain hinber. Er wusste, dass Eicher allein war; denn es hiess, Gottfried Steiner msse seit ein paar Tagen wieder das Bett hten, und auch der Baschi war krank. Hans Eicher stocherte emsig an Teilen einer Kredenz herum, die ihm nebst andern grssern Stcken vom Hndler bestellt war. Balmer setzte sich gemtlich auf die Hobelbank. Ja, meine Mutter selig hats immer gesagt, du werdest einmal ein ganz geschickter, lobte er, und Hans Eicher musste unwillkrlich an die alte Frau denken, die damals vor vielen Jahren seine Hand genommen und sie in die seines toten Vaters gelegt hatte. Der Vorgang selber und der Zuspruch, den sie ihm dabei gegeben, standen ganz deutlich vor ihm. Indessen fuhr Balmer fort: Aber es ist doch gar schad, dass du immer nur Mbelzeug machst, wo du doch ein solcher Knstler bist in alle Spiel. Hast nicht gelesen in der Zeitung, was sie drben am See Schnes gemacht haben auf die Ausstellung? Das ganze Jungfraugebirg haben sie geschnitzelt mit Alpweiden vorne dran. Auf denen stehen Sennhtten und Khe, sogar Sennen und Sennenmeitli -- die es zwar hier nicht gibt; aber das wissen sie ja im Ausland nicht so genau sind bei den Htten. Es soll ein gar schnes Stck sein nach dem Wesen in den Zeitungen. So etwas solltest du machen, oder Bren, Gemsen, Adler, Zwerglein, wie man sie in Rotenbalm(Interlaken) und sogar in Gletschbach(Lauterbrunnen) sieht! Das sind Kunstsachen, in denen du sicher jeden andern durchtun knntest, wenn du willst. s ist schad, das du dich mit dem Hausrat da versumst, so schn er auch ist; du solltest dich nur mit rechter Kunst abgeben -- -- -- Hans Eicher suchte sein Rauchzeug hervor; ein wenig Unterhaltung kam ihm nicht bel zu Pass, und Balmer war ihm in der letzten Zeit viel vernnftiger vorgekommen als ehedem. Er setzte sich auf die Werkbank und wartete den Schluss von Balmers Rede ab, stachelte ihn gar mit allerlei Fragen zu immer grsserem Eifer an. Weisst, Christian, entgegnete er ihm schliesslich, du redst da, so gut dus verstehst! Nach meinem Gefhl ist es mit vielen von diesen Sachen so, als wollte man anfangen Kanonenrohre aus Glas zu machen. Diese Bren mit den scharlachroten Mulern und Klberaugen, diese gesprenkelten Adler in mglich drohender Positur blieben unserer Zeit vorbehalten; denn frher bte man materialgerechte Kunst aus und meisselte nicht aus Holz, was allenfalls in Stein oder Metall sein Recht hat, und verwendete bei der Schnitzlerei Mensch und Tier fast nur als Ornament, als Teil des Ganzen. Jetzt ist man weiter. Da wird die Jungfrau aus einem eichenen Wurzelstock, oder was weiss ich, herausgeschneflet mit Weiden davor, und auf diese leert man eine Nrnberger Spielzeugschachtel aus, Tierlein und Menschlein, zwlfe fr ein Dutzend. Nein, Balmer, und wenn mir alle beweisen, dass ich auf dem Holzweg sei und ein rckstndiger Starrkopf, die Mode mache ich nicht mit. Balmer nickte Zustimmung und machte ein ziemlich einfltiges Gesicht dabei. Ihm war es gleichgltig, wie der Schnitzler ber derlei dachte, und er hatte ihm nur davon angefangen, um ihm etwas Angenehmes zu sagen. Jetzt war der Schuss nebenaus gegangen, Er berlegte hin und her, sagte ein paar Worte von dem, was ihm eigentlich am Herzen lag, schwieg wieder und fing wieder an, bis er endlich in verworrener Ausfhlichkeit zu Wege kam. Der kurze Sinn seiner langen Rede war der, dass er Geld aufbrechen wollte und dieses selbst oder Brgen dafr suchte. Ich muss einen grossen Flgel anbauen; denn so, wie das Haus jetzt ist, rentierts nicht mehr. In den ersten Jahren wars den Gsten gar anstndig bei mir, und ich machte ziemlich Geld, so dass die zweite Hypothek gelscht war im Handumdrehen. Aber in den letzten paar Sommern hats abgenommen. Es kommen freilich mehr Leute als frher, viel mehr. Aber die neue Sorte, welche die Bahn 182

eingeschleppt hat, soll der Teufel holen; die kam frher nicht. Die macht alles herunter; nichts ist gut genug, und am Preis schinden sie, das es ein Graus ist. Nimmt man sie nicht, denn es gehrt jetzt ein grosser Teil der Fremden dazu, so hat man bei den vielen Pensionen das Haus halb leer, und nimmt man sie, so machen sie einem die Hausordnung. Es ist ein Jammer mit dieser Sorte! Unverschmt sind sie wie die Wirtshausfliegen und fhren sich auf, als wren sie die Herren im Haus und im Land. Muckst man aber, wenns zu bunt wird, so ist der Teufel los. Na ja, man kann ja einmal an Bdeker schreiben; dann knnen Sie Ihren Stern am Himmel suchen! heissts gleich. Oder man droht dir mit allen mglichen Zeitungen, die so ein Lausmagen auf dich hetzen will, bis du froh bist, zu schweigen. Denn der Teufel ist ein Schelm, und es knnte einer nachher weit laufen hinter seinem Recht nach, wenn ein solcher Spritzer ihn verlstert. So berichtete Balmer, und Hans Eicher hrte ihm aufmerksam zu. Und da willst du noch mehr bauen?! Mein Gott, ich wollte ja lieber nicht; aber ich muss! Ich muss grssere Zimmer haben mit grossen Teppichen darin und Spiegelschrnken, mit St. Galler Vorhngen und gestickten Draperien an den Fenstern; denn einer um der andere warf mir letzten Sommer an den Kopf, mein Haus sei eine primitive Bude, die Zimmer eigentlich schlechte Kammern. Eine junge Gxnase, die mit ihren Eltern und Geschwistern kam zur Zimmerschau, rief geradewegs, das seien ja nur Hhnerlcher. Ich htte ihr das vorwitzige Gefrss zusammenschlagen mgen! Aber da heissts, immer mit freundlichem Gesicht alles einsacken; den solches Gesindel verleumdet einen sonst jahrlang. Und was glaubst, was war es fr Noblesse? Einer von meinen Gsten hat sie gekannt und mir nachher erzhlt, der Herr Papa sei ein kleiner Beamter; die Leute lebten von der Hand in den Mund und mssten jedes Jahr eine Zeitlang schmalbarten, um dann grossartig eine Schweizerreise machen zu knnen. He ja, es kommen aber doch hauptschlich bessere Leute herauf, und die da werden wohl eine Ausnahme sein -- Hoho, da klemmst dich! Die eigentlichen Naturfreunde von ehedem hat die Bahn zum grssten Teil ausgeruchert und uns dafr internationales Reisegesindel in hellen Haufen und von allen Klassen gebracht! Ich hatte Geheimrte und Kriegsgerichtsrte, die waren oftmals nicht besser als jenes Beamtenpack! Man sprt, wie sie einem fr ihren Leibeigenen und einen Schuft dazu ansehen und wie sie damit sich meinen, wenn sie einem das Blut unter den Ngeln hervorpressen knnen. Aber was willst machen, wenn du nicht ein geschliffenes Mundwerk hast wie sie und dastehst wie Loths Weib? Du kannst vor rger nicht reden, sonst kommts zu grob, und schweigst du, so nehmen sies fr Zustimmung, Unbeholfenheit, und fahren noch hochmtiger drein. Das Beste ist also, es sucht einer dem abzuhelfen, worber sie allesamt klagen, sobald er einen Preis verlangt, bei dem auszukommen wre. So berichtete Balmer eifrig und erneuerte seine Bitte. Als ihm Hans Eicher den Abschlag gab, weil er bei der Montana schon genugsam angespannt sei, ward Balmer pltzlich gar kurz, warf den Kopf auf und ging zur Tr. sist vielleicht gut fr ein andermal, brummte er beim Abschied. Dem Schnitzler war alle gute Laune verflogen. Recht musste Balmer in vielem haben von dem, was er da vorgebracht hatte; wie sollte das werden, wenn es Gottfried Steiner auch so erging? Wie kam er da mit dem Gewinn, wie mit der Gesundheit zuweg? So dachte Hans Eicher, und es war ihm, als habe Balmers Rede hinter einen Vorhang gezndet, dem, wie bei einem Theater, vorne eine stille, friedliche Landschaft aufgemalt war mit reichen Gtern und Landsitzen im Sonnenschein, einem klaren Fluss im Vordergrund und Schneebergen am Horizont. Der Welt lag dieses Bild vor Augen, und wenngleich ein hsslicher Schrei, ein Fluch, ein giftiges Gefls183

ter hinter dem Vorhang hervordrang, so achteten sich dessen die Wenigsten; alle glaubten an das Wohlleben und Wohlergehen derer; die dort im Verborgenen schafften und den trgerischen Vorhang selber hingehngt hatten. Wohl hatte den Schnitzler manchmal das Gefhl beschlichen, es msse nicht gar so glnzend sein. Aber selbst der ehrliche Fritschi wusste damals bei der Erbteilung zu berichten, wie die Hypotheken zusehends abnahmen, und wo zwei Stgen(Wengen)er Hoteliers zusammenkamen, suchte jeder den Neid des andern mit verblmten Ruhmreden ber das eigene Geschft zu erwecken. Ja sogar Bhlpeter hatte im Herbst allerlei Gutes von seinem ersten Sommer herumgeschwatzt. Jetzt hatte Balmer, der sonst auch des Rhmens kein Ende fand, den Schnitzler einen Blick tun lassen hinter die Kulissen. Eicher wusste zwar, dass Balmer kein Hotelier von Beruf war; aber den andern gings darin nicht besser, und das konnte immerhin ein Trost sein fr seinen Schwager, der noch ein wenig herumgekommen war und nicht auf dem gleichen Fleck Jahr um Jahr zugebracht hatte. Bei allen Erwgungen wuchs trotzdem die Besorgnis des Schnitzlers, je nher der Frhling kam und je schlechter Gottfried Steiner aussah, welcher einsilbig seine eigenen Geschfte auf den Sommer hin anordnete und darob allerhand unerquickliche Gedanken verarbeitete. Sein jngerer Bruder Fritz, der sich auf Schiffen weit in der Welt herumgetrieben hatte, kam als Portier und half das Haus vorbereiten. Er war, das merkten sie bald, ein geriebenes Brschlein und kannte nach einigen Wochen schon ganz Stgen(Wengen). In Indien, erzhlte er dem Kueni=Hans, ist es so heiss, dass sie die Wsche in der Nacht trocknen mssen; am Tage wrde die Sonne sie verbrennen. Da gibts keine Hanfseile zum Aufhngen; sie nehmen einfach Spinnenfden; die sind dort zu Lande so dick, dass man sie brauchen kann wie bei uns die Stricke. Jh? gackerte Kueni=Hans unglubig, und Karline schenkte dem weitgereisten Mann ein neues Glschen ein. He, wenn Ihrs nicht glauben wollt, so geht selber hin und schaut. Ja, gab der Hans zu, ich habe freilich schon apartige Sachen gelesen von fremden Lndern. Und in Afrika, erzhlte Fritz Steiner weiter, habe ich Bienen gesehen, so gross wie bei uns die Schafe, und Flgel hatten sie wie Wannen. Man melkt ihnen morgens und abends den Honig aus, wie bei uns den Khen die Milch -- -- Jh? Aber wie kommen denn diese Tiere beim Bienenhaus durch das enge Flugloch? fragte Kueni. Auf einen solchen Einwurf war der Erzhler nicht gerstet, und er hob ihn aus dem Geleise. Ja, da mssen sie selber sehen. Ich weiss das nicht, musste immer beizeiten wieder aufs Schiff. Aber ich habe noch ganz andere Sachen erlebt, fuhr er schnell fort und erzhlte Abenteuer, dass die Balken der alten Kueni=Htte krachten und seinen Zuhrern die Augen berliefen, die Muler offen stehen blieben und die Haare sich strubten. Das ist jetzt hingegen erheit und erlogen! rief manchmal Karline, wenns gar zu arg wurde. He, ich wirds doch wohl wissen, wenn ihrs nicht glauben wollt, so geht hin und schauet selber! Htte es aber den Kueni=Hans berhaupt je seiner Lebtag nach solchen Reisen gelstet, so wre er jetzt geheilt gewesen von derlei, und lieber noch als bisher war ihm seine alte Htte und sein Stgen(Wengen), wo die Steinhalden zwlftausend Franken galten.

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Immerhin mochten nicht nur Hans Kueni und seine Karline den Kurzweilmacher wohl leiden, sondern auch die meisten brigen. Ein Wort gab jeweilen das andere; Fritz Steiner spielte sich als entfernten Verwandten seines Meisters auf, begann, wenn er mit den Leuten bekannt war, ganz leise sein Missfallen ber ihn durchblicken zu lassen, und derlei Andeutungen wirkten dann wie ein Hahn, der in ein grosses volles Fass geschlagen wird. Das pltscherte und rauschte heraus von Vermutungen, Beispielen, Klagen, Warnungen und Ratschlgen, dass es jedem andern bel gegraust htte vor solchen Meistersleuten. Hoho, solche hundshutigen Scke sind mir gerade die liebsten, weils dann immer Krieg gibt, und ohne den kann ich nicht mehr leben, seitdem ich quer durch Afrika gewandert bin und es zwei Jahre lang mutterseelenallein mit den Menschenfressern dort unten aufgenommen habe. Dem will ich dann zeigen, was Steiner=Fritz kann. Aber verratet uns ja nicht! Wir haben Euch das nur gesagt, weil Ihr uns wert seid und uns leid getan habt. Ach, was denkt ihr? Sehe ich so aus, als brauche ich mich hintern andern zu verstecken? Und Fritz Steiner richtete sich sechs Schuh lang auf, schlug mit der Faust auf seine breite Heldenbrust und stellte ein Bein vor das andere. Sie wussten zu Hause in ihrer Abgeschlossenheit wenig, wo sich der Weltumsegler herumtrieb. Hier erzhlte er keine von seinen Mordiogeschichten; aber er liess von den in Stgen(Wengen) gesammelten Erfahrungen manchmal eine Nutzanwendung ins Gesprch fliessen. Zu Kuenis hinunter lassen wir die andern Dienstboten dann besser nicht, deutete er einmal an. Warum denn? fragte Gottfried, sein Bruder. Wegen dem Fraueli. berhaupt wre hier einsperren das Beste, wenn sie nicht aufgehetzt werden sollen. Zudem merkt euch alle zusammen, dass ich nur als weitlufiger Vetter von dir gelten will, nicht als Bruder. Es kommt besser so.

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XXXIII.
Klara Richards Bauplatz blieb brachliegen, und es hiess allgemein, sie werde wohl gar nicht bauen knnen mit ihren paar Frnklein. Sie hatte fr den Sommer eine kleine Pension gemietet ganz zu usserst gegen die Bundfluh hinaus. Den Wildstrubel hatte die Zingg=nni verkauft an einen Hotelier aus dem Unterland, und die Stgen(Wengen)er waren neugierig, zu sehen, wie einer vom Fach die Sache an die Hand nehmen werde. Das Hotel Jungfrau war an eine Frau Ringgen vermietet, eine gar erfahrene und vornehme Dame, nach Zingg=nnis Bericht. Die werde dann anders haushalten als die Richard; in Italien sei sie gewesen bei einem Grafen, und wenig habe gefehlt, so wre die stattliche Witfrau gar Frau Grfin geworden. In den ersten Maitagen kam sie angereist, und Zingg=nni holte sie selber am Bahnhof ab. Akkurat wie die Festung von Pegu sieht unsere neue Nachbarin aus, erzhlte der Portier Fritz Steiner dem Schnitzler, welcher sein Vertrauensmann geworden war. Wie eine dicke Pyramide ist sie, mit ordentlichen Wllen und Bastionen und zu oberst drauf ist ein whrschafter Garten auf einer Plattform. Das Gesicht kann auch fr eine altvterische Batterie gelten -- -- Du Lstermaul, schm dich ein wenig! Und noch etwas hat sie mit der Festung von Pegu jedenfalls gemeinsam: ich glaube nmlich, sie ist nicht gar schwer zu erobern, so stattlich sie von weitem aussieht. Das Parfm bringts mit. Halt, da hrt der Spass auf, und das Ehrenrhrige fngt an! wies ihn Hans Eicher zurecht. Aber Fritz lachte laut auf und schlug sich zur Strafe ein paar Mal leicht auf sein loses Maul. Wollen sehen wer Recht hat, meinte er und ging an seine Arbeit im Hotel. Hier steckte er den Kopf in allen Ecken mit den Dienstboten zusammen, wenn die Meisterleute nicht zugegen waren, hrte ihrem Klagen und unzufriedenen Schelten ab und wurde ihr Vertrauter in allem, was sie an Haus und Herrn auszusetzten hatten. Von der Kchin liess er sich hinterzogenen Wein einschenken und ass eskamotierten Schinken dazu; kurzum, es geschah nichts, ohne dass die Dienstboten ihren getreuen Verbndeten dabei hatten. Aber merkwrdigerweise wurden Wein und Schinken schon in den nchsten Tagen darauf verriegelt. Heute morgen habe ich ihm ordentlich die Meinung gesagt wegen der untzen Herumjagerei, berichtete Fritz am Dienstentisch beim Mittagessen. Sonst wren wir beim Hagel drausgelaufen. Die Frau da unten hat mir gestern ganz im Vertrauen erzhlt, wie schlecht es letzten Sommmer den Angestelleten hier im Haus ergangen sei. Ich bekam davon so den Verleider, dass ich fast aufgepackt und drausgestellt htte. Und ein paar andere nickten beifllig. Die da unten in der alten Htte? fragte der Portier. Ja die, antwortete das Mdchen; sist eine gar freundliche, treuherzige. Oh du neugebornes Gnslein! Man sieht, dass du noch nicht in der Welt herumgekommen bist. Die sucht so viel als mglich aus einem jeden herauszubringen und erzhlt alles und noch mehr dazu dem Meister wieder. Ich habs am eigenen Leib erfahren -- -- Das eine und andere der Mdchen sah betroffen auf. Ists wirklich war? Mich hat die Donners Hex auch gestellt und ausgefragt -- -- --

berhaupt ist den Stgen(Wengen)ern nicht zu trauen punkto unserer Meisterschaft. Was sie nicht unserm Herrn hinterbringen, das wird seinen beiden Schwgern in die Ohren getropft, und da mchte ich keinen Hosenknopf geben fr den Unterschied. Selber hinstehen muss man und die Sache dem Meister ins Gesicht sagen! Passt ihm das nicht, so soll er mich nur spedieren! Sie nickten und bertrugen dem Portier ihre Klagen zur Ausfechtung. Anfangs hatten ihm die Witzigern misstraut; aber seitdem sie sahen, wie er oft dem Herrn ein saures Gesicht machte und ihnen dann von hitzigen Zusammenstssen erzhlte, waren sie berzeugt, dass er kein falsches Spiel trieb. Die Ringgen in der Jungfrau unten ist doch eine glatte Nummer! fing er einmal an; ich glaube, von ihren Fremden ist einer und der andere bei ihr abonniert. Von uns hat sie gesagt, wir seien eine Lumpenbande und das Haus eine Korberhtte; von der Jungfer Richard, sie msse ihre Herkunft verleugnen, so bel sehe es um ihre Familie aus. Und das behauptet eine, welche im Winter auf der Wurst im Land herumreiten muss und lngst verhungert wre ohne ihre guten Bekannten! Der Portier im Wildstrubel kennt sie und hat mirs gesagt. Da lgst wieder faustdick, warf ein Zimmermdchen ein; wie htte sie denn solche Kleider, und den Schmuck Hehe, dumme Grete, glserne Diamanten und Trompetengold drum herum! Die schnen Kleider muss sie haben, wie der Zimmermann das Beil; das ist nicht wie bei einer hbschen Zwanzigjhrigen, die solchen Herrn desto besser gefllt, je weniger sie anhat. Das Schnste kommt aber noch! Mit der Kueni=Karline war sie ja bis gestern ein Herz und eine Seel, lauter Liebe und Zuckererbsen, und sie hockten gesotten und gebraten beisammen. Nun haben scheints die Zimmermdchen, die in der Kuenihtte einquartiert sind, jeden Abend Flaschenwein und Schleckereien hinbergeschmuggelt und mit Kuenis herrlich und in Freuden daran gelebt. Irgendwie ist die Ringgen draufgekommen, ebenso, das Bettzeug, Geschirr und Glser verschwunden sind in dem alten Dachsloch. Das hat etwas abgesetzt! Wrs auf freier Weite geschehen, zwanzig Franken Eintrittsgeld htte man leicht von jedem bekommen. Erst gings zwischen der Ringgen und der Karline hin und her mit Titeln, die einen Elefanten rudig gemacht htten, und dann gings von Faust. Puuh, Welt ghei um! Die Ringgen kann jetzt ihr verkratztes Zifferblatt mit Puder und Schminke berziehen, und die Karline hat eine Nase wie ein Schuhleist so dick und schmiert sie mit Schweineschmalz an -- -- -- Alle hrten erstaunt zu, und Gelchter unterbrach oft den Bericht, den der Portier mit Mimik und Grimassen lebendig gestaltete und ausstaffierte. Immer enger schloss er derart von Woche zu Woche die Dienstboten um sich und war kurzweiliger als irgend ein Portier, mit dem sie je zusammengearbeitet hatten. Ausserdem war er ihr Frsprecher bei dem Herrn, und an seiner Aufrichtigkeit zweifelte lngst keines mehr. Die Saalkellnerinnen beneideten die Zimmermdchen und das brige im Range unter ihnen stehende Dienstenvolk nicht wenig um den Kurzweilmacher und Berater, dessen sie nur selten, fast so im Vorbeigehen, habhaft werden konnten. Sie schimpften daher auch viel mehr ber die grimmigen und wunderlichen Launen des Hausherrn, lachten ihn aus, weil er sich jeden rger mit den Gsten so zu Herzen nahm, dass er oft mitten am Tag zu Bett gehen musste und dafr ganze Nchte nicht schlief, wie seine Frau einer Fremden gesagt hatte, die ihr zur Freundin geworden war. Die Gebrechlichkeit Steiners schuf oft eine recht gedrckte Stimmung, die sich den Mdchen im Saal und denjenigen im Bureau mitteilte. Die Gste mussten sie bei diesen hinwiederum in kurz angebundenen, fast unfreundlichen Wesen entgelten, und wenn sich von den Betroffenen nur wenige darber beim Hausherrn selbst 187

beklagten, so bald er wieder zum Vorschein kam, so dachten sie doch beim Trinkgeld den Angestellten daran. Und wenn diese Quelle von der einen Seite mager floss, von der andern aber Steiner mit Vorwrfen kam, so schossen die Mdchen noch wilder herum, zerbrachen unachtsam Teller, Platten und Glser in ihrer blinden Wut, und den Schluss bildete meist ein frchterliches Wetter, bei dem der Herr das Blitzen und Donnern besorgte, die Mdchen das Heulen und einen Regen von Trnen. In den ersten Augusttagen stieg ein schreckliches Gewitter am Himmel auf. Mitten im Nachmittag ward es fast Nacht; dann prasselte der Hagel gegen die Scheiben und zertrmmerte die der Wetterseite in wenigen Augenblicken, so dass die rasenden Windstsse durch die Bume fegten, indes der Donner krachte, dass der Erdboden bebte, und die Blitze grell aufleuchteten. Gottfried Steiner suchte die zu beruhigen, welche im Saal beisammenstanden wie eine erschreckte Schafherde; aber oft schnitt ihm selber ein greller Schein, ein Donnerschlag das Wort ab. Die Wenigsten hrten ihm wirklich zu, wenn er auf die Berkuppen hinwies, welche die Blitze besser auffingen als alles Menschenwerk. Derweilen lief sein Bruder mit den Dienstmdchen im Haus herum, weitern Schaden zu verhten und die Wasserbche zu dmmen, die von den zertrmmerten Fenstern her durch die Zimmer flossen. Da rannte er im halbdunkeln Flur bald gegen eine zitternde Gestalt, die ihre wertvollste Habe in der Hand trug; bald stolperte er an einen Koffer, in welchem Kleider und anderes bunt durcheinender lagen. Schrecken bis zur Sinnlosigkeit, zitternde Kleinmut und Verzagtheit beherrschten diese huschenden Gestalten jetzt, da der Himmel ein offenes Wort redete. Und doch erkannte Fritz Steiner gerade in ihnen diejenigen, welche sonst am stolzesten einhermarschierten, am lautesten befahlen, am meisten prahlten. Da weinte in einem Winkel das vierzehnjhrige Brschlein, dass so ruhmredige Karten ber Bergtouren und berstandene Abenteuer in die Welt hinausschickte, trotzdem es nie von seiner zweihundertpfndigen Mama wegging, sich als grosser Herr gehabte und den Dienstboten jeden denkbaren bsartigen Schabernack spielte. Ei, ei, so verzagt? Der Sturm ist ja lang nicht so arg wie der, welchen Sie bei Ihrer Jungfrautour erlebt haben! spttelte Fritz Steiner, der seine Karte ungelesen auf die Post trug. Huhuhu! antwortete es aus der Sofaecke. Wo ist die Mama? Huhu! Wird der Blitz auch sicher nicht ins Haus schlagen? Mit bleichem Gesicht schoss auch der zwanzigjhrige Referendar umher und zuckte zusammen, wenn ein Donnerschlag niederging. Sein Mut, von dem er seinen Tischnachbarinnen so erhabene Beispiele zu erzhlen wusste, hatte sich mitsamt seiner schnodderigen Korrektheit ngstlich verkrochen, als ihm der Himmel mit seinen fahlen Blitzen ins blasierte Gesicht zndete. Klar zum Gefecht segelte eine Zrcherin umher, die von Fritz Steiner das Kriegsschiff getauft worden war, eine Benennung, welche die Dienstboten freudig aufgenommen hatten, wie noch manche andere. Ihr bses, verkniffenes Gesicht war mit einem schwarzen Tuch umschlungen; auf den Augen stak die Brille, deren grosse Glser schwarz eingefasst waren, so dass das Haupt nicht bel dem einer Eule glich. Das Kriegsschiff stampfte und rollte mchtig und kreuzte im Korridor auf und nieder, mit einer kleinen Schatulle beladen. Fritz Steiner kam ihm dabei in die Quere. Sagen Sie sogleich Ihrem Herrn, dass ich ihn fr allen Schaden haftbar mache, den ich erleide, wenn das Haus abbrennt! Wollen Sie die Sachen nicht lieber gleich hinaustragen lassen -- -- --? Bei dem Regen! N ni, sb nd! Sie sind wohl verrckt!

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Im Vestibl unten las ein Englnder im Halbdunkel seine Zeitung und rauchte dazu seine Pfeiffe, als gehe ihn das Gewitter nur so weit an, als es ihm die Lektre erschwere. Ein paar Menschen blickten unter der Tre in den strmenden Regen hinaus, der den Hagel bald abgelst hatte. Mir tun nur die Leute leid, welche durch das Gewitter einen enormen Schaden erlitten haben mssen, hrte Fritz Steiner im Vorbeigehen sagen. Er sah sich unwillkrlich um, wer ein so unerwartetes Wort ausgesprochen. Es war ein alter Mann, der sich sonst nie besonders bemerkbar machte. Der Hagel hatte weit herum gehaust, und die Glaser kamen lange nicht nach Stgen(Wengen); in den Bergen hingen seit dem Gewitter bis tief herab dichte Nebel, und ein kalter Regen rauschte Tag und Nacht hernieder, so dass feine feuchte Khle die fensterlosen Rume erfllte und die Gste aus allen Hotels in hellen Scharen vertrieb. Statt mehr als tausend, welche sonst um diese Zeit in Stgen(Wengen) das letzte Zimmer fllten, waren kein Dutzend Fremde mehr da; und trotzdem nach einer Woche der Himmel sich aufzuhellen begann, zogen die Dienstboten von allenthalben zu kleinen aufgeregten Trpplein davon; denn es gab nur schlimme Launen einzustecken und kein Trinkgeld mehr. Eines Morgens war auch Frau Ringgen in aller Stille verschwunden und hatte, nach Zingg=nnis Behauptung, nur unbezahlte Rechnungen statt der paar Tausende Franken Zins hinterlassen. Das kalte Wetter und die Sorgen warfen Gottfried Steiner heftiger nieder als je. Der Schnitzler sprang wieder fr ihn ein und besorgte, was zu besorgen war. Ob auch die Sonne endlich wieder warm und freundlich ber Stgen(Wengen) lag, die Fremden lockte sie doch nicht mehr herauf, und allenthalben begegneten einander trbe Gesichter. Tagelang rechnete und berlegte Hans Eicher, und es ward im darob immer ernster zu Mute, besonders wenn Gottfried Steiner unter Ausbrchen ohnmchtigen Zornes mit dem Schicksal haderte, das ihm solche Prfungen auferlegte. Je hinflliger sein Krper wurde, desto wilder bumte sich sein Geist auf, und der Schnitzler entschloss sich, ihm den ganzen Umfang des Unheils berhaupt einstweilen vorzuenthalten. Aber es war, als wrden die Sinne des Leidenden ber seinem Brten und Hadern immer schrfer, als shen seine Augen durch Mauern und Menschen, und oft warf er seinem Schwager bitter vor: Du sagst mir nicht alles! Zahlungen sollten gemacht werden links und rechts; es kamen Mahnbriefe, erst hflich, dann deutlicher und zuletzt drohend. Hans Eicher rechnete und berlegte; aber seine suchenden Gedanken liefen sich mde im immergleichen Kreis; denn sie kehrten stets ratlos dahin zurck, von wo sie ausgegangen waren. Verbesserungen an Haus und Einrichtung waren gemacht worden; der Wetterschaden und die verdorbenen Vorrte verschlangen eine grosse Summe, ohne dass ein Entgeld dafr da war; auch Zinsen mussten bezahlt sein. Bei all dem war die Saison nicht einmal die Hlfte dessen gewesen, was sie mindestens htte sein sollen. Das erste Mal hielt der Weibel Einkehr im Waldegg(Wengwald), das wieder alle unter seinem breiten, ehrwrdigen Dach versammelt hatte. Vergeblich besprach sich der Schnitzler mit seinem Bruder. Was ntzte auch dessen geringes Bargeld, wo zwlftausend Franken ntig waren? Sagte sich Hans Eicher im nchsten Augenblick selber. Zum zweitenmal kam der Weibel, und Gottfried Steiner verzehrte sich in leidenschaftlicher Erregung und hlfloser Angst. Wir mssen das Geld aufnehmen, trstete ihn der Schnitzler: Aber wo, mit wessen Hlfe? fragte er sich. Er dachte an jeden in Stgen(Wengen) und musste sich bei jedem sagen, dass es unntz sei, ihn anzugehen, einen hhnischen 189

Abschlag zu holen, und er zrnte es sich selber fast, dass er keine Freundschaft mit seinen Mitbrgern unterhalten hatte. Er versuchte es mit seiner und des Bruders Brgschaft bei der Bank. Zweitausend Franken wollte die geben. Als der erste Schnee fiel, kam der Weibel mit einer dritten Mahnung, und fr die erste wurde mit Pfndung gedroht. In Stgen(Wengen) ward schon allerlei gemunkelt ber die hufige Einkehr des wohlbekannten Mannes im Waldegg(Wengwald), und keiner glaubte dem Portier mehr, der Weibel bringe jeweilen die Medizin von Rotenbalm(Interlaken) mit fr seinen kranken Herrn wie sie ihm berhaupt nicht mehr recht trauten, weil er nun auch im Winter dablieb und dem Schnitzler half. Feiss(Feuz,Alpenrose)hnsel rief den durstigen alten Weibel geradewegs in die Stube, wartete ihm gut auf, und des andern Tages war es im ganzen Dorf herum, die Montana werde wohl vergantet noch vor Neujahr. Unrecht Gut gedeihet nicht! spottete Balmer zu Feiss(Feuz,Alpenrose)=Karl, der ihm doch wieder Brgschaft verheissen hatte. Fast dreissigtausend haben sie zu Unrecht geerbt, und das frisst nun schon so bald das wenige ehrliche Gut auch noch, das ihnen die Marei htte hinterlassen knnen. Die Angelegenheit war zum Tagesgesprch geworden, und mancher redete davon von seinem Haus, wenn der Weibel an der Hintertr auch auf ihn selber wartete. Trotz aller schadenfrohen Reden war eine gedrckte Luft ber Stgen(Wengen); mancher lachte lauter als sonst, aber es kam nicht von Herzen; mancher auch rhmte noch, und doch stund ihm der Angstschweiss auf der Stirne. Nur Zingg=nni war zuversichtlich; es hatte schon frh im Herbst wieder ein grosses Hotel zu bauen begonnen, und auch Klara Richard wollte dem Vernehmen nach mit ihrem Plan Ernst machen.

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XXXIV.
Mancher, der in guten Zeiten bermtig gewesen, ward jetzt bescheiden, tat mit Wechseln einen Bittgang von Freund zu Freund, damit sie ihren Namen auf das Papier setzten und ihn vor Gant und Schande bewahrten. Es war ein bitteres Geschft, besonders fr die, welchen als letzte Hoffnung der Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)er blieb. Gross war die Zahl derer berhaupt nicht, welche die Bank gelten liess zu Stgen(Wengen); unter diesen stand neben den Feiss(Feuz,Alpenrose)en vom Edelweiss Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) im Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) obenan. Der half in diesen Tagen manchem, der aus bitterer Not, aber mit schlechtem Gewissen zu ihm gekommen war und sich jetzt teuer und heilig vornahm, nie mehr ein bses Wort ber Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) aufkommen zu lassen, weder bei sich noch bei andern. Die Reichen waren Meister zu Stgen(Wengen), auch ber Herz und Zunge ihrer Mitbrger, soweit sie in das Hotelwesen verstrickt waren. Mancher, dem Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) oder die Feiss(Feuz,Alpenrose) geholfen hatten, glaubte ein briges an Beweisen der Dankbarkeit tun zu mssen dadurch, dass er mit lauten Worten darauf hinwies, wie wenig Segen Benzens Erbe denen im Waldegg(Wengwald) gebracht habe. Balmer hatte damit den Anfang gemacht, und das bequeme Thema war dem und jenem willkommen. Gerade in diesen Tagen stieg die Not im Waldegg(Wengwald) aufs Hchste, und eine einzige schwache, beinahe abenteuerliche Hoffnung war dem Schnitzler noch aufgegangen. Der Kunsthndler draussen im Flachland, der ihm vor kurzem seine ersten Bestellungen geschickt und den er nur einmal in seinem Leben gesehen hatte, war ein reicher und rechtlicher Mann, der aber haushlterisch umging mit dem ehrlichen Erwerb vieler Jahrzehnte und berdies der Grenze des Menschenlebens nicht mehr fern stand. Eicher glaubte selbst nicht ernstlich an Hlfe von dieser Seite; doch die Not trieb ihn, auch dieses Letzte, Einzige zu versuchen; Uli wollte die Brgschaft bernehmen, von wem immer das Geld kommen mochte. Schon nach zwei Tagen war die Antwort da; der Brief knisterte in Eichers zitternder Hand; er wagte ihn kaum zu ffnen, und die Schrecken einer Absage jagten durch sein Gehirn. Was dann? Alles war aus! Er entfaltete das Blatt, auf welchem in dicker, altmodischer Schrift der Entscheid ber die Zukunft von ihnen allen stand. Und als er den Brief zu Ende gelesen hatte, blickte er lange, lange durchs Fenster in das Wintergelnde hinaus, das vor seinen Augen zu einem weissen Schimmer verschwamm. Es war ein Wunder geschehen! Er eilte zu Gottfried Steiner, sobald er selber die Rettung zu erfassen vermochte; der richtete sich mit einem Ruck im Bett auf, und in seinen Augen leuchteten Freude und Dankbarkeit. Gott soll es ihm lohnen, dem wackeren alten Mann! Knnte ich ihm doch die Hand geben! Er muss ein Besonderer sein, dass er nach so viel Lebensjahren noch ein so gutes Herz hat! Sie freuten sich allesamt der Hlfe mit warmer, stiller Dankbarkeit fr den Helfer. Und doch ntzt es mir wenig mehr, und dir brdets eine neue Last auf! Ich komme nicht mehr in die Montana hinber; bevor der Kuckuck ruft, gehts mit mir dem Gletschbach(Lauterbrunnen)er Kirchlein zu, klagte am Abend Gottfried Steiner dem Schnitzler. Gegen seine eigene Ansicht suchte Hans Eicher dem Kranken

solche Ahnungen auszureden; aber unentwegt fuhr er fort: Ausser der Hypothek und Emmas Erbe ist nur dein Geld in der Montana; das neue Darlehen kommt auch auf deinen Namen und Ulis Brgschaft, und du wirst das Haus bernehmen mssen, wenn ich nicht mehr da bin: Es ist bitter, dass ich fr alles Gute, das ihr, du und Uli, mir erwiesen habt, einen so schlechten Dank abstatte und dir eine solche Drangsal anhngen muss. Da wre das Einfachste, so wie die Sache einmal ist, ich verschreibe dir die Montana; sonst macht dir die Behrde einmal Hindernisse auf Schritt und Tritt meines unschuldigen Kindes wegen, in Wahrheit aber, um dich und Emma zu plagen. Ihr knntet mit einem gewissenlosen, boshaften Vormund zu tun bekommen und wret verkauft und verraten. Gottfried Steiner sagte da rund heraus, was Hans Eicher lngst bedacht, aber nicht geussert hatte, um den Kranken nicht zu betrben. Sie wurden einig ohne viele Worte. Und dann noch eines! Suche meinen Bruder zu behalten und lass ihn machen, auch wenn du nicht immer genau weit, was er tut. Misstraue ihm nicht, auch wenn der Schein gegen ihn ist. Er ist treu wie Gold, aber schlau wie wenige, und wenn ers oft scheinbar mit den Schlechtesten hlt, so geschieht es nur, um ihre Absichten zu kennen und unmerklich zu vereiteln. Er ist dabei kein Ohrentrger und kein Verrter an ihnen; er macht alles allein ab. Notar Fritschi kam trotz des wilden Schneesturmes, mit dem das neue Jahr seinen Anfang genommen. Der Schnitzler hatte ihm angedeutet, Eile tue not. Hatten die Stgen(Wengen)er schon vergeblich auf die Versteigerung der Montana gewartet, so ging ihnen fast der Atem aus, als die Gemeinderte nach der Kaufsfertigung andeuteten, die Pension sei an den Schnitzler bergegangen. Trotzdem sie keine Freundschaft fr diesen hegten, konnten ihm doch die meisten einen ziemlichen Respekt nicht versagen, den das selbstlose Einstehen fr den kranken Schwager noch erhhte. Daneben htten aber die Pensionshalter lieber Gottfried Steiner als Konkurrenten gehabt, und mancher prophezeite rgerlich: Der wird jetzt dann gleich alles fressen wollen. An einem sonnenklaren Wintertag erlosch Gottfried Steiners Leben ruhig und friedlich, wie ein ausgebranntes Lichtlein. Tief war die Trauer im Waldegg(Wengwald) um ihn, gelindert aber auch durch den Trost, dass er im Frieden hatte scheiden knnen, den Kmpfen enthoben, fr die seine Kraft nicht ausgereicht hatte. Er war seinen Nchsten langsam gestorben schon seit Wochen und Monaten, und als er nun still und friedlich dalag, hatte sich fr sie nur etwas Lngsterwartetes, Wohlbekanntes erfllt. Und dass wenige von Stgen(Wengen) hinter dem Sarge gingen, kam ihnen auch weder unerwartet, noch besonders betrbend; der Tote war jeder Menscheneitelkeit enthoben, und die Lebenden hatten sich aus Waffenfreundschaft nie viel gemacht. Zwar die junge Witwe litt bitter unter der Einsamkeit; aber wenn die Gedanken trb in ihr aufstiegen und dstere Nebel um sie spannen, wenn in allen Winkeln die Klage um verlorenes Glck und sorgenvolle Zukunft sich regte, dann nahm das gengstigte Weib sein lachendes Kindlein auf den Arm und floh mit ihm vor den trben Schatten an den Rain hinber. Hier schnitzte Hans Eicher dem kleinen Gottfriedli ein Rsslein zurecht genau nach dem probaten Rezept seines Vaters, und sein Werk erntete viel Anerkennung. Es wurde am Borstenschweif in die Hhe gezerrt, ber und ber gewlzt und geworfen, und wenn auch dabei der halbe Kopf des Rssleins den Strapazen zum Opfer fiel, so wurde es seinem kleinen Herrn doch von Tag zu Tag lieber. Gottfriedli krhte, wenn ihn sein Rsslein gar sehr erfreute, und schrie, wenn es ihm auf die kleinen Patschhndchen fiel. Diese ungewohnten Laute hatte der Schnitzler noch selten in solch unmittelbarer Nhe vernommen; sie 192

mahnten ihn in den ersten Tagen nur zum Aufsehen, wie jeder andere neue Vorgang es wohl ebenso gut getan htte. Dass die Veranlassung zu solchen Aufsehen aber ganz vergngt in den Hobelspnen umherrutschte und von Rechtes wegen sein Neffe und Patenkind war, machte ihm die Sache noch besonders bemerkenswert. Die Katze, welche der jungen Mutter nachtrippelte, wohin sie mit dem Gottfriedli ging, hatte sich hinter dem Ofen verkrochen, sei es, dass sie die Gunst ihres bisherigen Spielgenossen nicht mit einem plumpen hlzernen Pferdchen teilen wollte, sei es, dass ihr die warme, ruhige Ecke besser zusagte als die mitunter sehr handgreifliche Zrtlichkeit Gottfriedlis. Aber wenn der auf seinem Thron von Hobelspnen sass, einen Mahnschrei ausstiess und nach der Ofenecke hinber fuchtelte, so liess der Schnitzler flugs den Meissel liegen, kroch der Katze nach, bis er sie hatte, und brachte sie dem kleinen Befehlshaber nicht ohne die Ermahnung, fein suberlich mit dem lieben Bsi zu verfahren und nicht mit dem hlzernen Ross auf ihm zu dreschen oder es am Schwanz zu zerren. Zehnmal konnte sich das den Tag ber wiederholen, und immer williger war der Schnitzler dem Kleinen zu Diensten. Du verwhnst in mir noch ganz! schalt Emma zuweilen, indes ihre Augen dem Bruder mit warmem Glanze dafr dankten, dass er an dem Kindlein tat wie ein lieber Vater. Einmal nach Feierabend, als das Bblein auf seinen Knien einschlummerte und es Hans Eicher vorkam, als spiegle sich auf dem kleinen Gesichtlein ein Stck Himmel wieder, da gedachte er jenes andern, das zur Ewigkeit eingekehrt war, ohne die Sonne gesehen zu haben, und seine arme junge Mutter mitgenommen hatte. Und er ksste den kleinen Gottfried, als wre es jenes andere, eigene Kindlein. Als den Schnitzler bald darauf Geschfte nach Rotenbalm(Interlaken) fhrten, reiste er abends weiter nach Ischerlohn. Er hatte einen Strauss Frhlingsblumen gekauft, um damit das Grab Nummer 127 zu bedenken. Aber es lag noch Schnee auf der Schattenseite; kaum ragten die gleichmssigen schwarzen Pfhle mit den weissen Ziffern aus der Winterdecke, auf der sich schwach die Grabbeete abhoben. Neuer Schnee begann auch immer dichter zu fallen, vom Westwind gejagt. Leise und andchtig war Hans Eicher zu dem Grabe getreten; behutsam ging er wieder dem Tore zu, als Stimmen sich nahten. Den Blumenstrauss hielt er noch in der Hand; was sollte der Wintersturm? Der frhe Abend dmmerte schon, als er zu Mendelhof in dem alten heimeligen Wirtshaus mit dem neuen, kalten Anbau einkehrte und ein Nachtquartier bestellte. Lange war es her, dass er mit Elias Marti in dem kunstreichen Gotteshause oben gewesen war und mit wenig Verstndnis dessen Schtze angestaunt hatte. Morgen wollte er sich bei ihnen eine rechte Kenner=Andacht gnnen. Als er den Wirtsleuten seinen Namen und sein Gewerbe genannt, auch vom Zwecke seines Abstechers nach Mendelhof gesprochen hatte, machte die Wirtin ein geheimnisvolles Gesicht. Dem Kirchlein da oben und unserem Haus gehts gleich; sie sind beide einigen grossen Herren im Weg -- -- Und weiter erfuhr der Schnitzler aus offenen Worten und aus Andeutungen, dass ein paar reiche Hoteliers und Spekulanten sich zusammengetan htten, um wegzurumen, was ihren grossen Plnen im Wege stand. Baumeister Berger kauft die Hypotheken auf und kndet sie. Jetzt sind ohnehin durch die schlechte Saison letzten Sommer viele eng dran, und es kann einer dann hin- und herrennen, wie er will, er bekommt kein Geld; dafr sorgt Berger mit seinen Trabanten. Er hat alles in der Hand weit und breit und streicht in Bern ums Anrichtloch herum, bis er hat, was er will. Er soll auch bei den Freimaurern sein; aber nur damits ihm ja nicht fehlen kann, und hier regiert er einfach alles. Seine Schmeichler haben ihn den Knig von 193

Mendelhof getauft, und das hrt er gar gern. Er wird nicht nachlassen, bis der alte Pfarrer gesprengt ist, der einzige Mensch, der ihm noch die Stange zu halten wagt. Bis dahin lsst er seine Mitbrger verganten und sackt um halb Geld ihre Sache ein. Schon jetzt gehrt ihm mehr als die Hlfte von Grund und Boden hier, und wieder sind vier auf den Traktanden -- Der Frau, die erregt diese Dinge erzhlte, kamen die Trnen. Auch wir knnen wohl in unsern alten Tagen noch als Bettler davongehen und vorne anfangen. Seit zweihundert Jahren ist das alte Wirtshaus in unserer Familie vom Vater auf das jngste Kind bergegangen, und alle waren habliche Leute. Da hat Berger meinem Mann so lang mit dem hotelmssigen Anbau zugesetzt, bis er ihn machen liess. Unsere Freude an dem whrschaften, noblen Wesen dauerte so lang, bis es zum Ausrechnen kam. Nun hat uns Berger fnfzigtausend Franken mehr verlangt, als er im Voranschlag eingestellt hatte. Mein Mann ging weit herum zu den Advokaten; aber es war nichts zu machen, obschon die einen von offenkundiger Hallunkerei redeten und die andern wenigstens den Kopf darber schttelten. Als Antwort hat Berger die erschwindelten Titel gekndigt, und wir mssen ber die Klinge springen --- -- -- Hans Eicher schlief lange nicht ein, und die Wut kochte in ihm. Es tat ihm leid, dass jene Zeiten vorber waren, wo das Schwert entschied, wo das Recht sich waffnete und auszog gegen das Unrecht in offenen, ritterlichen Kampf. Aber war da nicht auch der Strkere, Bewandtere Sieger geblieben, wie zu allen Zeiten? Schoss es ihm durch den Kopf. Es war sich alles gleich im Wandel der Zeit, nur dass das Schwert zur Feder, der Schild zum Geldsack und der grimme Ritter zum perfiden, dickbuchigen Spekulanten verkmmert war. Mit dieser Vorstellung schlummerte er endlich ein, und Berger, den er als Magnaten der Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen)bahn von Ansehen wohl kannte, erschien ihm im Traum, den dicken Leib in einen Panzer gezwngt, den Helm auf dem rtlich schillernden Kopfe. Seine Gegner sahen winzig aus neben ihm, und winzig und gebrechlich waren auch ihre Waffen. Statt des Schwertes hielt der Rittersmann eine Nadel in der Hand mit einem langen Rhtling, und auf diesen zog er sie hhnisch grinsend einen nach dem andern, wie Kinder Erdbeeren auf einen Grashalm reihen. Da waren neben vergantenen Hoteliers auch Ratsherren, Rechtsgelehrte, Winkelagenten, und als der Rhtling keinen mehr fasste, wand ihm Berger um seinen Geldsack. Wohl schrie mancher von den Aufgespiessten Helfio, und andere lrmten auf der Strasse; Berger lachte nur hhnisch und klopfte drohend mit der Faust an die Wand. Das Klopfen ward strker, und jemand rief: Herr Eicher! -- -- Herr Eicher -- --! Der Schnitzler fuhr in die Hhe und riss die Augen auf. Blutroter Schein erleuchtete das Gemach; Hrner gellten; schreiende Menschen rannten draussen dahin, und ein fernes Prasseln war deutlich vernehmbar. Hastig kleidete Eicher sich an und eilte hinunter; das alte Kirchlein brannte lichterloh, und eben strzte der Turmhelm zusammen. Jetzt kam der Wirt zurck: Sie knnen erst jetzt anfangen mit Lschen. Beim Spritzenhaus staken kleine Steine im Schlsselloch, und die Tre musste schliesslich aufgesprengt werden. Aber die Kirche ist schon ein Feuer; es muss in allen Ecken zugleich losgegangen sein -- -- Ja, von was ist denn der Brand ausgebrochen --? He, denk vom Erdpfelwaschen! Unsere grossen Herren sind alle oben, und Berger hat der Lschmannschaft ein Fsslein gestiftet, weil sie so eifrig seien mit Wehren. Er jammerte gar ber die Altertmer, welche da zu Grunde gehen und sagte, es sei gut, dass er sie habe abzeichnen lassen, weil solche Dinge ihn von Jugend auf interessiert htten. 194

Der Hallunk! schoss die Frau los. Pscht! Sei still! Wenns seine Spione hrten, so mssten wir ihn vor Gericht brver machen, als er seiner Lebtag jemals war.

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XXXV.
Der Kirchenbrand von Mendelhof gab eine Zeitlang viel zu reden und zu drucken. Aber die Untersuchung brachte nichts heraus als die Steine im Schlsselloch des Spritzenhauses, und auch diese nur unter dem Beistand eines Schlossers. Der Besitzer des Burghotels Mendelhof schenkte der Gemeinde einen anderen Kirchenplatz und Friedhof; Berger steuerte ein paar tausend Franken fr die neue Kirche, und die Gemeinde schlug gegen schnes Geld den alten Kirchhof zum Schlosshotel. Das stand alles, mit Lobreden auf die grossmtigen Geber verbrmt, in den Zeitungen; ebenso, dass die Grabsteine der alten Ritter in der neuen Kirche zu Ehren kommen sollten, soweit Feuer und Wasser sie nicht gesprengt hatten. ber den Grbern selber wurden kunstvolle Gartenbeete und zierliche Kieswege errichtet, und ein Sptter schrieb in der Landes-Zeitung, die Helden von Murten, Novara und Neuenegg werden sich wundern, wenn im Sommer die Fremden in Lackstiefeln auf ihren Kpfen herumspazieren, vielleicht Nachkommen derjenigen, welche sie in blutigem Strauss besiegt hatten. Wie einfltig waren doch die alten Schweizer, dass sie die fremden Herrschaften nicht ber sich dulden wollten! Da sind die Enkel gescheiter; die bauen ihnen Palste und tun alles, was ihren Aufenthalt und ihre Herrschaft verlngern kann, schmen sich fast der Republik und verleugnen sie, wenns sein muss, damit das monarchische Gefhl der Gste nicht verletzt werde. Kommt gar ein Prinz oder eine Prinzessin angereist, so hallt jeder Schnaufer Ihrer Hoheit im Lande wieder; zu jedem ihrer Nieser mssen die Zeitungen Prosit schreien, und die Dekane der Hotelindustrie werfen sich Hochdero zu Fssen, dass ihnen die Rippen krachen, und schlge der Dreck dabei auch fusshoch ber ihnen zusammen und spritzte im ganzen Bergland herum! So schrieb das Blatt bissig und ward dafr von den Angegriffenen gehrig bei den Ohren genommen. Aber der Kampfhahn schien nicht erschrockener Natur zu sein; es kam noch mehr nach. Ein Lgenhals sei ich, sagen die Grossen im Rate der Hotelindustrie verblmt, ein Verleumder und Verdreher? Da sie mir das schwarz auf weiss geben, so will ich mich nun auch auf dem gleichen Weg rechtfertigen: Die Fremdenindustrie sei mittelbar und unmittelbar fr weite Kreise, ganze Gegenden unseres Landes ein Haupterwerbszweig geworden, behaupten nicht mit Unrecht meine Gegner; sie drfe die grsste Rcksicht und Aufmerksamkeit fr sich beanspruchen. Ja, wird ihr die nicht zu teil? Richtet sich nicht der Plan der Militrschulen in den betroffenen Gegenden sogar darnach? Untersttzt nicht der Staat finanziell und moralisch die Propaganda? Suchen nicht die Durchgangspunkte des Fremdenverkehrs sogar im Unterland patriotische Vorwnde, um den Fremden etwas vorfestivieren und vorfeuerwerken zu knnen? Und gackern nicht alle Zeitungen laut auf, wenn die Fremdenindustrie ein neues Ei gelegt hat, sei es der Grundstein zu einem Grand Hotel oder zu einer Bergbahn, und bringen spaltenlange Reklameartikel? Wer wagt es da noch, von systematischer Gehssigkeit des Flachlandes gegen die Berghotellerie zu flunkern? Wir sind ja hier unten wie in einem Bann! Wenn auf einem Berg vier Fremde Schinkenbrot gegessen haben, so werden fnf Hotels hinaufgestellt; diese rufen wieder einer Bahn, und die Behrden geben dem Projekt ihren Segen. Die Bahn schleppt dann allerdings hinauf, was das Zeug hlt; aber die vier Bergfreunde, die einmal der stolzen Hhe zuliebe hinaufwanderten, sind nicht darunter. Solche Leute wollen Bergluft, nicht Eisenbahnrauch; sie hren lieber das Herdengelute als polyglottes Geschnatter und

den Klatsch der Table dhote, ohne den der waschechte Reisepbel nicht leben kann, und der in seiner Mitte aufgeht wie die Schwmme auf dem Mistbeet. -- -- -Und nun der Nutzen fr unser Land! Er war bisher, wenigstens materiell, ein gewaltiger; ich brauche bloss den Verbrauch von einheimischen Nahrungsmitteln, die Einnahmen der Bahnen und Schiffe, die Gewerbetreibenden und Handwerker zu nennen. Aber jetzt naht auch der Moment, wo die Gefahr der berproduktion da ist; wo dort oben fast jeder Bauer, selbst wenn er kaum einen Halbliter von einem Fnfliber abrechnen kann, eine Pension baut und in seiner Unbeholfenheit der Spielball geriebener Dienstboten und gemeiner, rcksichtsloser Gste wird. Denn gerade auf solche Wirte hat es diese grosse Kategorie unter den Fremden abgesehen; der Mann ist ihnen schutz- und wehrlos preisgegeben, und wagt er je zu mucken, so kriegt er eins auf die Nase. Sie schreiben ihm vor, was sie essen wollen; sie schreiben ihm vor, wie ihr Zimmer eingerichtet werden sein soll; sie bestechen seine Dienstboten durch Trinkgeld zu Pflichtverletzungen, und zu guter Letzt diktieren sie ihm auch, wie viel sie zahlen wollen. Ob er im Herbst fr seine Arbeit etwas hat, ist ihnen furchtbar nebenschlich. Wir haben es darin schon jetzt so herrlich weit gebracht, dass die Fremden laut rhmen, sie lebten billiger und besser auf den Bergen als im Tal, billiger und besser auch als bei sich zu Hause!! Der grosse Haufe, der es so treibt, schmarotzt auf uns herum! Er lacht sich dafr auch ins Fustchen ber die dummen Schweizer, wie wirs nicht anders verdienen. Da sind die Tiroler und Oberbayern klger; die lassen sich zahlen. Denn nicht nur den Wirt geht der moralische und finanzielle Schaden an, den er erleidet, sondern mittelbar das ganze Land. Es ist zumeist das Geld Fernstehender, das ihm gegen Brgschaft Pauls und Peters anvertraut wird; er macht seine Bezge meist bei Geschftsleuten des Flachlandes, bei denen er Kredit beanspruchen muss. Wirft sein wackeliges Fuhrwerk endlich um, so kommt er nicht nur um die eigene Habe; die Brgen mssen mit, und der Geschftsmann kann ein Kreuz zu seinem Guthaben machen. Manche Dienstboten lernen Betrug und Hochmut, die Mdchen oft auch anderes; fragt nach, woher diese Sorte die Silberbestecke, das Bettzeug, die Handtcher hat, die im Herbst mit dem und jenem von ihnen zu Tal wandern; fragt nach dem Ursprung der Lderlichkeit vieler: In Hotels mit schwacher Disziplin hat solches seinen Ursprung genommen und ergiesst sich im Herbst ins Flachland hinunter. Ihr verwhnt die Gste, und zum Dank pressen sie euch das Blut aus; um ihretwillen bringt ihr die Habe der Freunde und Helfer in Gefahr; die Gste auch drfen mit Beispiel und Bestechung Tausende junger Mitbrger in Versuchung fhren, ohne dass ihr es wagt, euch dagegen aufzulehnen aus Furcht vor Schaden! Ihr demtigt euch und euer Land vor ihnen, und sie hhnen euch und uns zum Dank dafr. Kommt aber gar eine Prinzessin angereist, so dankt ihr knieend und buckelnd der Hoheit fr die Ehre, die sie unsern Bergen erwiesem habe, und seid blind fr das mitleidige Lcheln, das selbst der verbohrteste Monarchist fr solche Pseudo Republikaner haben muss. Und doch sind euch die hohen Herrschaften nur Reklametafeln, die ihr vor der ganzen Welt leuchten lassen wollt. Oder die ffentliche Meinung lehnt sich auf gegen ein Unrecht, eine Gewalttat, die irgendwo in der Welt geschieht. Da schmen sich eure Matadoren nicht, ihr den Fusstritt zu geben, sie zu kanzeln wie einen vorlauten Hund, mit der schbigen Begrndung, so etwas beeintrchtige euer Gewerbe. Schmt euch! Wohl knnt ihr euch darauf berufen, dass mancher rhrige Mann im Hotelwesen mit Ehren zu Reichtum gekommen sei; aber ihr tut das Mglichste, dies in Zukunft zu vereiteln. Ihr schafft euch Konkurrenz bis aufs Blut und lockt mit allen Mitteln die 197

Fliegen herbei, die von den kranken Zustnden schmarotzen; die Bienen, welche Honig eintragen, vertreibt ihr mit Reklamelrm und Eisenbahnrauch. Das urwchsige Hirtenvolk unserer Berge gehrt bald der Sage an, wie die Berge und Steinbcke. Ihr habt ihm die Spekulationswut, die Segnungen der Hyperkultur auf den Hals geschickt, ohne es dafr zu wappnen, es darauf vorzubereiten, und wer nicht weiss, was daraus fr ein Charaktergemisch entstanden ist, der gehe hin, aber nicht als verhtschelter Kurgast, und erfahre es. Fahret fort, bauet Bahnen allenthalben, schndet die Jungfrau mit Maschinengetse und Menschenflut und zwingt ihr Haupt unter Fsse, an denen der Kot der Grossstadt haftet! Sie wird lieblich errten im Reigen der Berge, wie seit Urzeiten, wenn die Abendsonne scheidet, wie je, da noch der Mutige sie mit Lebensgefahr gewann. Ihr aber habt sie vergewaltigt; ihr verschachert sie um schnden Gewinn wie eine geile Dirne! Fahret fort, bauet Hotels und Pensionen allenthalben, erniedrigt euch gegenseitig in wildem Neid gegen einander und in heuchlerischer Demut gegen die Fremden! Wirft ein Krieg oder andere Gewalt euer Kartenhaus um, so knnt ihr euch damit trsten, dass das ganze Land die Folgen unsinniger Spekulation mittragen muss. Denn Spekulation lsst jetzt Hotel entstehen, nicht mehr nur der Bedarf; der grosse, skrupellose Spekulant fngt auch schon da und dort an, den kleinern, schwchern zu vernichten, sich an seiner und anderer Habe zu bereichern. Der dies schreibt, sieht sich die Schneegipfel lngst nur noch aus der Ferne, vom friedlichen Hgel im Flachland aus, an. Er sieht von den Fremden wenig mehr als ihre Proviantspuren in Kirchen und Museen, oder etwa ihr grobes Markten um ein Stcklein Seife beim Spezierer in der Stadt. Aber einmal hat er mitten im Trubel gestanden nicht weit vom Steuerrad und hat alle auf dem Saisonschiff kennen gelernt, Mannschaft und Passagiere! Als Hans Eicher das Zeitungsblatt aus der Hand legte, war es ihm warm ums Herz, und seine Augen funkelten. Bs, aber gut! rief er vor sich hin. Aber dann fiel ihm pltzlich ein, dass er in der Fehde nicht mehr unbeteiligter Zuschauer war und dass sie den Fremdenstrom schmlern knnte, von dem auch er ein Wellchen unter sein Dach zu leiten suchen musste. Fritz Steiner studierte das Blatt auch durch. Oi, den werden sie rdern oder pfundweis ausmetzgen! Aber er hat beim Hagel recht. Sehe einer bloss die Schindluderei an mit der Zingg=nni! Jetzt hat sie auch das Hotel Jungfrau verkauft, und das neue, das Bellevue soll noch auf die Saison fertig werden. Sie bauen ja zwar hier oben liederlicher als die Spatzen und streichens dann schn an. Aber das Bellevue! Das muss einfallen, bevor es ein Dach hat. Da baut die Jungfer Richard, oder vielmehr ihr Architekt, solider -- -- Am Nachmittag ging Hans Eicher zu Kueni hinber; es war dies der erste der vielen Besuche, die er vorhatte, um mit den Anstssern ber eine Verbreiterung des Weges zum Bahnhof zu verhandeln. Klara Richard war auch da, und er grsste die knftige Nachbarin recht freundlich, bekam aber nur khlen Bescheid und verabschiedete sich bald. Die Wegangelegenheit hatte bei Kueni willige Ohren gefunden, ebenso bei den zwei nchsten Anstssern. Dann folgte ein altes, verschnapfetes Weiblein, dessen Sohn selber eine Pension zu bauen im Begriffe stand. Unter fnfzig Franken fr den Laufmeter tu ichs nicht; knnet machen, was Ihr wollt! beschied es den Schnitzler; wenn man so hat erben knnen, sollte einer sich berhaupt schmen, andern ihre Sach abzwacken zu wollen.

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Da das Weiblein einen Geruch um sich verbreitete wie ein Schnapsfass, das an der Sonne steht, so ging Eicher weitern Verhandlungen mit der streitschtigen Alten aus dem Wege. Den Balmer traf er vor dem Haus und brachte ihm sein Anliegen vor. He, man kann ja sehen, wenns einmal so weit ist und wieder mit dem Karren gefuhrwerkt sein muss. So viel ist sicher, dass es so auf die Lnge nicht geht. Der Weg ist zu schmal, und wenn der Portier mit seinem Wgelchen kommt, mssen die Fussgnger ausweichen, ins Gras -- -- Das ist meine Ansicht, und darum mchte ich den Weg noch zurechtmachen lassen vor der Saison. So find dich einstweilen mit den Anstssern ab; dann hast noch alle Zeit. Hab Dank! Sollst nicht zu Schaden kommen. Nichts zu danken. Sechsmal war Eicher schon bei dem alten Schnapsweiblein gewesen und hatte es mit Geld und guten Worten probiert; als er beim siebten Besuch nach Fritz Steiners Rat zwei Flaschen starkes Kirschwasser mitbrachte, gelang das Abkommen, und Eicher bestellte auf seine Kosten den Wegknecht. Wohl gingen die Fremden aus allen Hotels ber den Weg dem Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) zu und belagerten jede Ruhebank bei der Montana, ob sie auch nicht deren Gste waren. Eicher glaubte daher Anspruch darauf zu haben, dass die Kurgesellschaft zu der Wegbesserung Hand biete, zahlte sie doch sogar jhrlich einen namhaften Beitrag an des Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers Strsslein, auf dem ausser ihm kein Mensch fahren durfte. Aber einstweilen musste etwas geschehen. Der Wegknecht steckte die Verbreiterung aus und ging mit seinen Taglhnern ans Werk. Da kam Balmer querfeldein. Was solls geben? Den Weg wollen wir breiter machen -- Ho, da wird man auch etwas mitreden drfen, wos ber eigenes Land geht. Auf meinem Stck lasse ich den Montanaherrn nichts machen -- lasse auch im Sommer seinen Karren nicht mehr fahren. Der maulfertige Portier soll die Sachen tragen! Der Wegknecht brachte dem Schnitzler den Bescheid, und umsonst stellte der den Balmer zur Rede. Ich habe dir nichts versprochen, und es wird ber meinen Boden weder geweget, noch knftig gefahren. Punktum, sonst such mich vor Gericht an! Ich lasse sofort verbieten. Der Groll stand dem Schnitzler zu oberst; aber er schwieg, um sich nicht die letzte Aussicht auf Verstndigung zu rauben. Aber als nach ein paar Tagen ein neuer Pfahl in Balmers Land stund mit einem Verbot daran, wollte ihn doch der Zorn bernehmen. Er schrieb an Fueter im Wildstrubel, damit die Kurgesellschaft Wandel schaffe.

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XXXVI.
Bald darauf war eines Abends die Frhlingsversammlung des Kurvereins im Edelweiss. Eicher kam etwas spter, als angesagt war, und als er im Hausflur eben den Mantel auszog, hrte er die schnarrende Stimme des Prsidenten im Sitzungszimmer: Ich habe Ihnen nun gebhrend von der Zuschrift des Herrn Eicher Kenntnis gegeben. Meiner Meinung nach geht die ganze Angelegenheit die Kurgesellschaft nichts an und ist eine Privatsache zwischen Eicher und Herrn Balmer. Der Herr in der Montana scheint berhaupt kuriose Ansichten zu haben. Der Weg ist natrlich Privatsache -- -- stimmten mehrere zugleich bei. Eicher war unwillkrlich an der Tr stehen geblieben und traute seinen Ohren kaum. War das derselbe Fueter, der immer bei jeder Gelegenheit seinen Biedersinn zur Schau trug, gegen ihn so besonders freundlich sein konnte, wenn sie zusammentrafen, und ihm allerhand Ratschlge gab? Hans Eicher rieb sich die Augen, als habe er getrumt; dann trat er ein, und Fueter war der erste, der ihm freundlich die Hand reichte. Schade, dass Sie nicht frher kamen. Das Traktandum Ihren Weg betreffend musste leider dahin entschieden werden, dass der Kurverein momentan nicht darauf eintreten knne -- -- Und warum nicht, da der Weg doch von den Gsten aus allen Hotels benutzt wird? Fueter zuckte die Schultern. Es wrde zu weit fhren, wollte man zu jedem Hotel von uns einen Weg bauen Aber ich will ja die Kosten tragen; der Verein soll bloss die Schwierigkeiten mit dem einen Anstsser beseitigen, der mir hinderlich sein will. Fueter zuckte nochmals die Schulter und schnarrte: Wir kommen zu Traktandum zwei: Weg aufs Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen). Traktandum drei: Weg zum Bhlwald. Alles ging glatt, auch der Weg zum Bhlwald, der zufllig vor dem Hotel Wildstrubel ausmndete. rger und Kleinmut ber solchen Hohn und solch augenfllige Zurcksetzung hielten sich in Eicher die Waage, und er hatte die spttischen Seitenblicke wohl bemerkt, welche ihn bei der Abstimmung ber den Wildstrubelweg streiften. Aber er zwang sich zu einem gleichgltigen Gesicht. Ich war also krzlich auf der Direktion der Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen)bahn, um zu sehen wegen dem Jahresbetrieb, damit wir im Winter hier oben nicht so abgeschnitten sind. Da hat man mir geantwortet, die Bahn sei fr die Fremden gebaut worden, nicht fr die Einheimischen. Die Fremden kommen im Sommer, da fahre die Bahn, und den Hiesigen frage sie nichts nach; die knnten ihretwegen im Winter laufen, wenn sie irgendwohin wollen. Darauf habe ich noch in Bern probiert, wo ein paar Freunde von mir nicht weit vom Anrichtloch sind. Da habe ich dann gleich gemerkt, dass unterholzt worden ist. Man wolle sehen, was sich tun lasse, hiess es. So berichtete Fueter, und unwilliges Murmeln ging durch die Versammlung. Wir drfen es mit der Bahn aber deswegen nicht verderben und gar auf den Konzessionsbedingungen beharren; sonst plagt sie uns auf eine andere Art, warf Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) ein. Aber eine Schand ists doch, dass man sein Recht nicht verfechten darf und die grossen Herren machen knnen, was sie wollen! schimpfte Bhlpeter. Und von Jahr zu Jahr schrauben die nach Belieben die Frachten hinauf, trotzdem die Bahn mehr eintrgt als jede andere weit umher! polterte ein anderer.

Sie sagen eben, wenn die Bahn nicht gekommen wre, so htte aus Stgen(Wengen) nie etwas werden knnen. Wir sollen ihr daher dankbar sein und s Maul halten. So beschwichtigte Fueter die erregten Gemter. Nun weiter! Ich mchte darauf hinweisen, wie immer fter der Fall eintritt, dass benachbarte Kurorte mitten in der Saison austreuen, es seien ansteckende Krankheiten ausgebrochen in Stgen(Wengen). Das ist unreell, und wir mssen derlei Alarmnachrichten natrlich sogleich widerlegen, wenn wir nicht enormen Schaden haben wollen. Zu den grundlosen Gerchten haben letzten Sommer zwei Beerdigungen Anlass gegeben, und ich beantrage daher, der Kurverein solle daran treiben, dass Beerdigungen whrend der Saison knftig nachts vorgenommen werden -- -- -- Niemand war dawider. Der Sekretr trug Punkt fr Punkt in sein Protokoll ein, rauchte Zigaretten dazu und zeichnete Figuren auf sein Lschblatt. Nun weiter! Wir mssen fr eine zweckmssige Reklame sorgen, fr etwas Zgiges. Wir mssen uns mit bekannten Schriftstellern und Redaktoren in Verbindung setzten, sie einladen und sie veranlassen, dass sie fr unseren Kurort wirkungsvoll arbeiten. Ich hatte letzten Sommer in meinem Hause den Herrn Minister von Schierstedt und Fueter sah sich mit einer kleinen Pause achtungsgebietend im Kreis um Exzellenz Knoblich und den Fideikommissgutsbesitzer Grafen Katzenwadel -- -- Und ich den Herrn General Stototot gackerte Bhlpeter, den es in der Kehle brannte, dass Fueter seine noble Kundschaft aufzhlte. Sein Paradestck, den General, wollte er doch auch aufmarschieren lassen; aber in der Angst brachte er den langen polnischen Namen jetzt nicht heraus, wie er auch daran wrgte. Fueter machte ein spttisches Gesicht ber die unparlamentarische Unterbrechung. Stotosinzki! frderte Bhlpeter endlich zu Tage, der Herr General Stototot --, da blieb das verflixte Wort wieder hngen. Fueter fuhr fort: So war ein deutscher Romandichter bei mir, der eine Geschichte schreiben will aus dem oberlndischen Volksleben mit Stgen(Wengen) als Ort der Handlung und Hintergrund. Er kannte noch wenig von den hiesigen Gebruchen und verstand anfnglich die Leute nicht, bei denen er die ntigen Vorstudien machen wollte. Da bin ich ihm so viel wie mglich an die Hand gegangen, habe Reisebeschreibungen und Photographien vom letzten Schwingfest zu Ischerlohn kommen lassen alles aus meinem Sack, so gut wie der Champagner, mit dem ich dem unbezahlbaren Mann ab und zu aufwartete. Er hat ein paar Gedichte ber die Jungfrau gemacht, gar schn und kunstvoll. Die sind in deutschen Zeitungen gekommen. So etwas macht Reklame, meine Herren; dieses System mssen wir ausbauen! Alle nickten. Und nun, hat noch jemand etwas vorzubringen? Wenn nicht, so ist die Sitzung geschlossen. Herr Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link])!? Es ist uns schon oft von ernsten Leuten der Vorwurf gemacht worden mchm es stehe gar bel um das geistliche Leben hier oben, und nicht ganz mit Unrecht. Auf meine Verwendung hin hat sich nun der evangelische Verein bereit erklrt, eine Summe von dreitausend Franken auszusetzen zur Vergrsserung der Kapelle, sofern die Kurgesellschaft und die Gemeinde die Bausumme bis auf das Doppelte bringen wrden. Die sechstausend Franken reichen ja natrlich nicht; aber ich will mchm gerne auch mein Opfer fr die gute Sache bringen, erklrte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) und fhrte unter allgemeinem Stillschweigen und Kopfnicken aus, wie wichtig im Grunde der 202

Gottesdienst sei, wie er gepflegt werden msse der Einheimischen und Fremden wegen. Gerade den Englndern sei die Frage nach dem Gotteshause das Erste, und da habe er sich oft vor ihnen geschmt der kleinen Kapelle wegen. Das ging mir auch so, besttigte Fueter, und die Englnder sind meistens wunderliche Leute, aber gute Gste. Nur schade, dass sie mit den Deutschen sich nicht gut vertragen und zu viel Wasser trinken statt anderes -- -- Oh, was das ist, meine Englnder haben die dickste Freundschaft mit den rgsten Berlinerjuden gemacht und Champagner getrunken wie Bach rief Balmer wichtig. Dann war das eine besondere Sorte. Zurckzukommen auf das Gotteshaus --- mahnte Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]). He, ich denke, da wird niemand etwas dagegen haben, und wir bertragen Ihnen auch unserseits die Ausfhrung. Wegen dem Gemeindebeitrag muss man eben dann sehen. Oder ist jemand anderer Meinung? Bhlpeter war eingenickt und wollte zu trumen anfangen; da gab ihm sein Nachbar einen leisen Stoss. Peter fuhr in die Hhe und fragte laut: Was ist? Feierabend! meinte Fueter und lachte. Die meisten kehrten geradewegs heim, und Hans Eicher fing einen recht hmischen Blick von Balmer auf, als er an ihm vorbeiging. Draussen wartete Fueter und gesellte sich zu ihm. Ich habe Ihren Weg durchdrcken wollen; aber Sie haben eben viele belgesinnte. Es ist recht schade. Was die Kirchensache ist, knnen wir alle Gift drauf nehmen, dass Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]), der alte Fuchs, dabei gehrig zwischenheraus profitiert. Und dann der Balmer mit seinen Champagner-Englndern! Die sollte er ins Museum schicken; das sind gar seltene Vgel und wrden ihm teuer bezahlt; denn es kann sie sonst niemand auftreiben. Hans Eicher antwortete wenig und dachte viel. Als ihre Wege sich bald trennten, mochte er noch nicht ins Haus. Es war ihm so eng, dass er kaum Atem zu finden vermeinte, und langsam wanderte er durch die Frhlingsnacht zu der Bank am Waldesrand empor, die hoch ber Stgen(Wengen) und der menschlichen Erbrmlichkeit lag. Der Nachtwind zog leise durch die Tannen und rauschte kaum vernehmlich im jungen Laub der Bsche zu beiden Seiten der Ruhebank. Tief zu Eichers Fssen glommen rote Fnklein, von denen eines nach dem andern erlosch. Dort war Stgen(Wengen), dessen Huser ihm aus der Ferne und im Zwielicht der wolkenlosen Nacht vorkamen wie verschieden grosse Wrfel, von einem Spieler hingeworfen auf den gewellten Teppich. ber dem Tal zog ein leichter Nebelschleier dahin, aus dem jenseits der schwarze Wandberg aufstieg. Hinter diesem dmmerten vereiste Gipfel in den Himmel empor, an welchem Stern an Stern in sattem Glanze stand. Voll Bitterkeit blickte Hans Eicher hinunter auf die roten Lichtlein; sie waren seinem Sinnen und Zagen jedes ein Leuchtfeuer, das drohende Gefahr verkndete, lauernden Verrat, Tcke, Feindschaft und Ungunst. Was hatte er den Menschen, die um diese Feuer lagerten, Leides getan, wodurch ihr Hass erregt? Aber waren sie unter sich weniger verrterisch, gab es eine treue Freundschaft zwischen ihnen? Aber auch eine offene, ehrliche Feindschaft konnte er finden, nichts als Falschheit in kalter, schlpfriger Fischhaut, nichts als Missgunst, Verrat und heimlichen Hader. Trunkenes Singen drang zu ihm herauf, der Vorbote tollen Lumpenlebens, das mit den Frhlingslften wieder erwacht war und zuweilen wenigstens einer weinseligen Ehrlichkeit bei dem einen und andern verkommenen Burschen zum Durchbruch verhalf, so dass er seinen Hass in Worten und Taten offen erzeigte.

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Drben erlosch auch das Licht im Wildstrubel; der Mann mit dem glattgescheitelten Haar und den korrekten Manieren ging dort mit guten Gewissen zu Bette. Er hatte seinen Zweck erreicht, hatte auch den des Nachbars durchkreuzt und sich den Dank des mchtigen Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald)ers erworben. Das mochte ihm eine angenehme Nachtruhe schaffen. Da unten lag Kuenis alte Htte als ein breiter schwarzer Fleck, und rechts daneben ragten hohe Mauern eines neuen Sorgenpfuhls aus dem Boden. Links stach das Hotel Jungfrau scharf von der Finsternis ab; die Schpfung eines gewissenlosen Weibes, dessen Mittel und Wege zur eigenen Berreicherung allen wohl bekannt waren. Aber gerade diese freche Skupellosigkeit ntigte den meisten Stgen(Wengen)ern einen tiefen Respekt ab; die Furcht vor Auftritten mit dem verschlagenen Weibe hielt die brigen im Zaume, und Zingg=nni blieb unangefochten, ward von allen manierlich gegrsst, ward durch Bereitwilligkeit und kleine Handreichungen gefrdert. Der Zeitungsschreiber im Unterland fiel dem Schnitzler ein. Ob der wohl in Stgen(Wengen) seine Erfahrungen gesammelt hatte? Fast wollte es ihm so scheinen, und dennoch war es nicht mglich. Es musste also ein zweites Stgen(Wengen) geben irgendwo am Fusse reiner Gletscher, vielleicht ein drittes, oder ein Dutzend. Arme Berge, was haben die Menschen euch angetan! Hans Eicher sah nach den blassen Gipfeln hinber. Und dann erging es ihm, wie es wohl dem ersten Menschen ergangen, dem die Erbrmlichkeit in der Welt zum Bewusstsein kam; er richtete seinen Blick zum ewigen Himmel empor, als sollte von dort Sttigkeit und Recht der Erde zu teil werden. Tausend Lichtlein glnzten droben wie Herzen eines gttlichen Weihnachtsbaumes, unter dem die Menschen in Liebe einander ihre Herzen zu des Schpfers Preis darbringen sollten. Wie viele taten es? Tiefer und tiefer drang Hans Eichers Blick in die sterngeschmckte Unendlichkeit; die hellen Gestalten Abgeschiedener zogen daran vorber, verklrt und frei von irdischen Mngeln; der Vater, Benz, Dorothea, die Mutter und treue Freunde aus seinen Wanderjahren. Er betrauerte keine der Seelen, die von hartem Kampf erlst waren, sehnte sich aber auch nicht nach gleichem Glck; denn ihm blieben noch viele Pflichten zu erfllen auf Erden. Er wollte sie willig auf sich nehmen, wie jene ihr Teil auf sich genommen hatten. Aber den geraden Weg wollte er gehen, unbekmmert um Neid und Hass, wollte mit blanker Wehr den versteckten Angriffen trotzen. Sein Herz weitete sich, wie der Sternenhimmel weiter und tiefer zu werden schien vor seinen trumenden Augen. Aus der Zuversicht ward Kampfesfreude, die Lust, der Erbrmlichkeit zu seinen Fssen den Krieg zu erffnen, einer gegen alle, und mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen gegen den tckischen Gegner einzudringen. Ein funkelnder Stern kam hinter dem Wandberg herauf und zog das Auge des Trumers auf sich, herab auf das finstere Dach der Montana, ber dem er stand. Vor dem dstern Schatten blieben die angriffslustigen Gedanken stehen wie vor einer unberwindlichen Schranke, und Hans Eicher fhlte im nchsten Augenblick, dass er gegangen war durch diese gespenstigen Mauern, dass ihm nichts erlaubt war als die vorsichtigste Verteidigung. Aber weit und warm war ihm doch ums Herz, und keine Erbrmlichkeit sollte an ihn kommen; das gelobte er sich und dem Sternenhimmel.

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XXXVII.
Die Welt strmte auf ihrem schiefen Gang weiter, und es war, als habe die Sonne seit langem zum erstenmal wieder ihre Freude an dem wunderlichen Ding, das unser Herrgott so schn erschaffen und ihrer Obhut anheimgegeben hatte. Es konnte einer meinen, sie wolle an Wrme und Freundlichkeit nachholen, was sie seit Jahren versumte, als sie hinter dstern Vorhngen oft tagelang geweint und geschmollt; ob ihr selber die Mangelhaftigkeit der Menschen in jenen Zeiten zu Herzen gegangen oder ob der liebe Gott ein ernsthaftes Wort mit ihr deswegen geredet hatte, brachte kein Wetterweiser zu Tage; wie sie auch damals am Himmel herumgeguckt hatten, es war nichts dabei herausgekommen als verregnete Nasen und trbe Fernrohre. Schon im Juni trieb die Hitze Scharen von Gsten in die Berge, und in den ersten Tagen Juli nahm zu Stgen(Wengen) das letzte freie Bett seinen Herrn auf; denn ein Herr war es und zwar ein stattlicher; das Bett stand in der Montana und chzte unter seiner Last, als mge es den Herbst nicht erleben. Der alte Haudegen, ein preussischer Oberst, welcher das Pulver nicht bloss auf dem Schiessplatz gerochen hatte, schien fr das chzen kein Ohr zu haben, schlief gut und lachte ber die, welche am Tisch jammerten, sie htten wegen einer Maus wieder kein Auge zugemacht. War er allein, so gings an ein Singen und Pfeifen den Vgeln draussen zum Trotz; war er bei andern, so wusste er Schnurren und Geschichtlein zu erzhlen ohne Ende. Den Portier redete er per mein Sohn an, die Kellnerin per mein Kind; kam ihm Eicher in die Quere, so reichte er ihm die Hand: Na, Herr Wirt, sist wohl mglich, dass der alte Petrus selber in die Berge gegangen ist und darum die Sonne nicht untreu werden darf. Der Zufall hatte die kantigsten unter den Gsten neben ihn zu Tisch gesetzt, und die beleibte Kommerzienrtin Tulpenstengel rgerte sich, dass der alte Herr kein Verstndnis zeigte fr ihre zahllosen Klagen und Schmerzen. Wenn sie behauptete, noch nie in einem so primitiven Hotel logiert zu haben und sie gebe doch jeden Sommer rund zweitausend Mark fr die Schweizerreise aus so behauptete Oberst Hartmann, noch nie sei ihm behaglicher gewesen. Kein Liftgepolter, keine pomadisierten Kellnerkrhen, keine Spiegelschrnke, die einen auf Schritt und Tritt mahnten, eine wie klgliche Kreatur der usserliche Mensch im Vergleich zu den Bergriesen draussen sei, nichts von all dem. Dafr duftende Matten vor dem Fenster, darber die Eisberge, und der Eisenbahnrauch weit unten, das sei sein Fall, und den habe er hier gefunden. So rechteten sie hartnckig mit einander, und zum Trotz ging Frau Kommerzienrat Tulpenstengel vor seinen Augen die Treppe hinauf ohne ihr bliches chzen und so geschmeidig als mglich. Ihr Tchterlein hpfte sogar ein wenig, trotzdem sein Leibesgewicht auch schon hundertfnfzig Pfund hinter sich hatte. Der Oberst sah den beiden Damen dann auch richtig nach, dachte sich aber: Wenn unsere Soldaten im strengsten Manver fttern wrden wie diese faulen Grazien, dann knnte Madame Germania bald die Taschen wenden! Man schmte sich allmhlig, in seiner Gegenwart immer nur von mangelnder Bequemlichkeit zu jammern. Sein Adel, sein Stand, seine vermutlichen Orden imponierten. Wren diese ussern Umstnde nicht gewesen, dann htte man sich freilich aus dem einfachen Menschen Hartmann wohl wenig gemacht und ihm offen herausgesagt, er scheine an ziemlich einfaches Leben gewhnt zu sein und benehme sich viel, viel zu freundschaftlich mit diesen Menschen, nmlich mit dem Hausherrn und seinen Dienstboten. Wenn ich in die Berge gehe, will ich ein Mensch sein; den Oberst mitsamt seiner gestrengen Miene streue ich vorher mit Naphtalin ein und hnge ihn in den Kasten,

belehrte er bei einem guten Glas einmal den Herrn Militrgerichtsrat, der ganz unverfnglich seinen Rang erwhnt hatte. Da stolzieren so viele Madams mit ihren Diamanten in den Bergen herum, und die Herren lassen sich extra Visitenkarten drucken, auf denen ihre Orden und Titel aufgezhlt stehen, um diesem Hirtenvolk hier oben zu imponieren. Was ist so ein Diamantlein gegen den Eisschmuck der Jungfrau, und was denkt wohl unser Wirt zum Beispiel, wenn ihm ein solches Ordens- und Titelregister vor Augen kommt? Der Mann hat diese Sorte in ihrer Heimat studiert, wie ich gemerkt habe, und wir knnens mit ihm halten wie der Vogelhndler mit seinem Papagei: Quand il ne parle pas, il ne pense pas moins. Ja, war denn der Wirt nicht seiner Lebtag hier oben..? Erstens widerlegt seine Sprache Ihre Annahme, und zweitens kennt der Mann Paris und Mnchen besser als ich, und ich war doch auch in beiden Stdten -- -- Aeh ----- Und dann scheint er belesen und in seinem Fach ein Knstler zu sein. Ich meine nmlich in der Holzschnitzerei -- -- -- Aeh, was Sie sagen! Der sieht aber gar nicht so aus, eher wie ein romantischer Gemsjger in stdtischer Toilette -- --. Unten ging der Portier vorbei; der Oberst trat ans Gelnder: Fritze, kommen S mal her! Wir mchten gerne die Storen runter haben. Des Obersten Wunsch war dem Portier Befehl. Danke, mein Sohn. Sehen Sie, Herr Kriegsgerichtsrat, dieser junge Kerl hat als Hlfsheizer schon kreuz und quer die Welt durchsegelt -- -- Was Sie sagen! Na, davon sieht man ihm aber auch nichts an -- -- -- Ja eben, da haben wirs! Die Leute hier im Hause drngen sich einem nicht auf, wie in vielen andern, wos ans Buckeln und Komplimentieren geht vom Morgen bis zum Abend. Kommt ihnen aber einer mit Anstand und Vernunft entgegen, so hat ers bald raus, was mit ihnen ist. Hier in der Schweiz soweit ich sie wenigstens in zwanzig Urlaubsreisen kennen lernte, - habe ich gemerkt, dass die Maulfertigen und berlauten Heuchler und Windbeutel sind, und die ganz Schweigsamen Dickkpfe -Weiter kam der Oberst nicht in seiner Erluterung. Sie bringen ihn, sie bringen ihn! rief ein halbwchsiger Bursche unten im Weg und lief dem Bahnhof zu. Eine Bahre ward aus dem Zug gehoben; vier Mnner trugen einen fnften behutsam dem Dorfe zu; es war Fhrer Jost, der an der Jungfrau mit Einsatz des eigenen Lebens zwei Menschen vor dem sichern Tode hatte bewahren helfen. Sein Kamerad schritt mit verbundenen Hnden neben der Bahre einher. Er sah ernst aus, als einer, dem der Tod in das Gesicht gegrinst hatte. Die Haut an seinen Hnden war durchgerieben vom Seil, an dem er zwei Menschen gehalten hatte ber dem Abgrund. Unter Jost war ein Stein gewichen beim Rettungswerk, und die Hlfskolonne hatte ihn nachher gefunden, bewusstlos im Gerll. Sie kamen zurck, verwundet, aber als Sieger und Helden. Andere verkndeten laut ihre Taten; sie selber gaben sprliche Auskunft und drngten vorwrts ihrem stillen Heim zu. Mit solchen Menschen liesse sich eine Welt erobern! rief Hartmann begeistert aus, als er mit dem Kriegsgerichtsrat wieder dem Hotel zuschritt; da sitzt Ehre und Pflichtgefhl drin, vom Mut gar nicht zu reden. Das bekommen sie aber in den Bergen und nicht hier in der pomadisierten Gesellschaft. Ich habe Heldentaten gesehen auf dem Schlachtfeld; aber da gings gegen einen sichtbaren Feind; der Lrm machte die Leute blind gegen die Gefahr; ---- aber die da..! Stundenlang jeden Muskel anspannen, fhlen, wie Blut und Schweiss rinnen, den Tod nherkommen sehen, wenn nicht ein Wunder geschieht, und dabei an Frau und 206

Kinder daheim denken! Unfassbar! Die retten den Namen von hundert Spitzbuben mit; denn auf einem von den Fhrern allein htte die Ehre, welche ihm gebhrt, zum kleinsten Teil Platz. Allerdings ganz wackere Kerls! gab der Kriegsgerichtsrat zu. In den Zeitungen hiess es, die beiden verwundeten Fhrer treffe keine Schuld. Sie htten erst bemerkt, wie schlechte Steiger ihre beiden Herren waren, als wirkliche Gefahr kam und der Schwindel den ergriff, welcher hinter Jost angeseilt war. Die beiden waren mit einigen Schrfungen und Beulen davongekommen, aber dennoch mehr tot als lebendig vor Schreck. Sie hatten sich willenlos zu Tal fhren lassen und waren nach ein paar Tagen abgereist, nicht ohne der beiden Fhrer und Lebensretter zu gedenken, soweit Gold berhaupt eine Lebensrettung aufwiegt. Das war immerhin eine Meinung, sagte mancher; die haben wenigstens ruhig und aufrichtig die Schuld auf sich genommen und nicht links und rechts geschrien, die Fhrer htten sie ins Unglck gebracht. Kaum war indes diese Geschichte verhallt, so ging eine andere durch die Zeitungen. Zwei Franzosen hatten sich vorgenommen, ohne Fhrer einen der Gipfel zu gewinnen. Durch Zufall fand sie eine andere Partie, mit letzten Krften Hlfe verlangend. Sie waren mangelhaft ausgerstet, hatten sich verstiegen und sassen nun schon seit vierundzwanzig Stunden auf einem Felsband, ohne einen Ausgang zu finden, ohne die gefhrliche Rckkehr zu wagen in ihrem erschpften Zustande. Die Rettungskolonne befreite sie mit eigener grosser Gefahr aus der eisigen Gefangenschaft; der Sturm, der eben einsetzte, htte wohl ihre schwachen Lebenslichtlein ausgelscht. Auch diese wackere Tat ward ins Land hinaus berichtet, kurz und schlicht. In einem Pariser Blatt kam aber, von einem der beiden verfasst, eine Entgegnung, die romantische Rettung sei nichts weiter als eine Reklame. Kein Mensch htte ihnen Hlfe zu bringen brauchen, da sie weder verstiegen, noch erschpft gewesen seien und ganz einfach dort, wo man sie gefunden, Halt gemacht htten. Die Fhrer beharrten auf ihrem Bericht, aber schonend, um nicht Landsleute jener beiden zu beleidigen, welche sich als Gste in den Hotels aufhielten. In der Montana zu Stgen(Wengen) war unterdessen eine grosse Lcke entstanden durch die Abreise des Obersten Hartmann, dessen Urlaub zu Ende ging. Herzlich hatte er sich verabschiedet, und Hans Eicher sah ihm lange nach; denn der alte Herr war ihm ein Freund geworden. Nach einigen Tagen kndigte sich ein anderer an, der dem Schnitzler in der Fremde ein lieber Gnner und Vater gewesen war und an den er seither noch oft mit warmer Freude gedacht. Wie viele Abende hatten sie zusammen verplaudert in dem Stbchen hinter dem Altertmerladen, den Abraham Hirsch seit vierzig Jahren in der Kunststadt Mnchen fhrte und der ihn zum reichen Mann gemacht hatte! Nicht dass einer aus seinem Auftreten und seinen Reden auf den Reichtum htte schliessen knnen; der war sonst bekannt, man wusste nicht woher. Vornehme Christen, die sich um keinen Preis mit dem alten Hirsch auf der Strasse gezeigt haben wrden, kamen abends ins Hinterstbchen, das Hans Eicher alsdann verlassen musste, bis der Besuch fort war. Nicht selten auch ward Hirsch im geheimen zu Rate gezogen, wenn die Museen wertvolle Stcke kaufen wollten, und immer, fr alle, war der alte Abraham bei der Hand mit Rat und Tat, und alle achteten ihn wenn auch eigentlich nur im verborgenen. Abraham Hirsch, Sie wren eine Zierde der Christenheit! hatte ihm Hans Eicher einmal im berschwang gesagt. Gott, was brauche ich ein Christ zu sein? Muss es doch auch Juden geben; denn wo sollten die Christen sonst pumpen, und ber wen sollten sie sonst ihre Witze machen? Als ich noch nichts hatte und altes Germpel 207

zusammentrug aus vornehmen Christenhusern, da hats geheissen: Der Judenbengel ist da; wir knnen ihm gottlob das unntze Zeug anhngen! Ich hab mirs sauer werden lassen und Kreuzer zu Kreuzer gelegt. Dann sind die Herrschaften gekommmen: Herr Hirsch, wir haben da unbrauchbare altmodische Sachen; sprechen Sie mal bei uns vor, aber abends. Da wars oft ein Familienschatz, ein frstliches Schmuckstck. Ich begriff und sorgte dafr, dass der Handel unter uns blieb. So gehts bis heute, und ich bin ein ehrlicher Jud gewesen, wenn auch nur ein Jud, den man tagsber nicht ins Haus lsst und auf der Strasse nicht kennt. Gott Abrahams, was frag ich nach viel Ehre! Die habe ich fr mich selber, und da kann mir kein Graf dazugeben, noch davonnehmen. Ein paar Kreuzer habe ich ausgeliehen, aber gegen ehrlichen Zins, und wenn einer kommt und mir mehr bietet, so mach ichs Geschft nicht. Abraham, sag ich mir, der Mann will dich beschwindeln oder will dich zum Wucher verleiten; Abraham, lass deine alten ehrlichen Finger davon! Lass einen Christen das Geschft machen, sonst wirst genannt ein Schacherjud. Zu was soll ich also in meinen alten Tagen den Glauben meiner Vter verleugnen? Ich kenne die Christen zu gut, und wr es eine Ehre, so brauch ich den auch nicht; denn ich will nicht mehr als meinen ehrlichen Profit. So bin ich ein freier Mann; aber was wr ich nachher? Ein berlufer, ein unglubiger Heuchler! So hatte damals, vor bald zehn Jahren, Abraham Hirsch gesprochen und dabei seinem Shnchen durchs krause, schwarze Haar gestrichen. Und der Alphons, was da mein Sohn ist, der soll nicht anders werden, so lang der Abraham, sein Vater lebt. Abraham Hirsch kam; ein kleines, mageres Mnnchen mit einer mchtigen Nase im gelblichen Gesicht, behend und lebhaft in seinen Bewegungen trotz des gelinden Buckelchens, das noch mehr als frher hervortrat. Neben ihm schritt ein stattlicher junger Mensch einher, dessen Gesicht das verjngte Ebenbild des vterlichen Antlitzes war; immerhin milderte ein Zwicker ein wenig diesen Eindruck. Gott, Herr Eicher, was ists schn, Sie zu besuchen in den Bergen! Alphons, kennst den Herrn Eicher nicht mehr? Der junge Herr lftete den Hut, und dabei funkelte an seiner Hand ein Diamant auf. Und jetzt geben Sie uns irgendwo zwei ruhige Zimmer, behaglich, wohnlich, Sie wissen. Nobel brauchts nicht zu sein -- -- Meines htte ich gern vorne raus, warf Herr Alphons mit norddeutscher Betonung ein. Gott, wie schn grad am Wald! rief Abraham aus und warf sich aufs Sofa. Und gar so wohnlich, als wr man zu Haus. Na, allzu luxuris ists ja nicht gerade, mkelte der Sohn, als er in sein Gemach kam; aber fr die kurze Zeit -- -- -- Hans Eicher berliess ihn seinem Geschick und setzte sich zum alten Abraham, der viel zu erzhlen hatte. Als die Rede auf seinen Sohn kam, dmpfte der Alte seine Stimme. Machen Sie dann keine zu grossen Augen; was mein Alphons ist, der nennt sich in Hotels immer Alphons Lecerf und setzt sich lieber nicht zu nah zu seinem Vater, weil man dem den Juden von weitem ansieht. Und wegen dem Namen, sagt er, Hirsch rieche auch gar zu sehr nach Knoblauch. Gott Abrahams, er schmt sich seiner Vter, seitdem er in Berlin war, und sind doch dort viele von unseren Leuten gar reich und angesehen und werden ihre Tchter von Adeligen geheiratet. Hat frher fast jeder Frst seine Hausjuden gehabt, so hat bald jeder reiche Jud jetzt seinen Hausgrafen. Aber ein Schimpfwort soll unser Volksname bleiben, scheint es -- --

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Herr Alphons Lecerf wurde an der Tafel neben ein paar deutsche Offiziere gesetzt, mit denen er bald eine gar eifrige Unterhaltung anknpfte, wobei er sich sehr zutunlich gebrdete. Abraham Hirsch wurde der Nachbar der Kommerzienrtin Tulpenstengel mit Tochter und redete wenig. Nach der Table dhote begegnete Eicher den beiden Damen. Wer ist mein neuer Tischnachbar? fragte die Frau Rtin missvergngt. Er sieht etwas -- orientalisch aus. Ein Herr Abraham Hirsch aus Mnchen, ein lieber alter Freund von mir. Hans Eicher glaubte etwas wie Wohlwollen ber sein Lob auf den alten Juden in ihrem Gesicht zu lesen. Aber er musste sich getuscht haben; denn sie sagte schnippisch: Knnten wir nicht einen andern Platz bekommen; ich glaube, Herr Hirsch hlt uns fr.......Orientalen. Nach einigen Tagen hatte der einsame alte Abraham Gesellschaft gefunden; Glaubensgenossen aus Posen und Berlin nahmen sich seiner an, Leute mit vollwertigen Ratstiteln, die sich des alten Hirsch nicht schmten, so wenig als sie es fr unter ihrer Wrde hielten, den Gastgeber wie einen Freund zu behandeln. Eine Partie neuer Gste aus Marseille rckte ein, stolz voran Madame, hinter ihr Monsieur mit der Ehrenlegion im Knopfloch an Mantel und Rock. Jespre que vous nous avez rserv des chambres! begann Madame; Eicher geleitete sie selbst hinauf. Mon Dieu! Ca, des chambres? Des greniers! Ah Monsieur, cest du vol, aux prix que vous nous avez faits! Je ne reste pas, Monsieur, non, non! Monsieur blieb mit zwei erwachsenen Shnen, zwei kleinen Mdchen und ihrer Bonne im Vestibul sitzen, indes Madame andern Hotels nachlief, um Zimmer zu suchen. Pardon Monsieur, redete er Eicher an, der rgerlich seinen Geschften nachging und sich nicht weiter um die Gesellschaft kmmerte, je regrette beaucoup ce qui vient de se passer; mais cest que Madame a les nerfs irritables. Cest vident; vous tes plaindre, Monsieur, gab Eicher trocken zurck und ging. Madame kam ausser Atem, mit puterrotem Gesicht zurck. Que faire? Tout est occup partout! Alors restons -- -- -- meinte Monsieur schchtern. Wie ein geschlagenes Heer, dessen Nachhut immer noch schiesst und dem Gegner die Zhne weist, hielt man Einzug in die geschmhten Rume. Ces poissons-l sont des brochets! Nous les connaissons, warnte ein anderer Marseiller auch mit der Ehrenlegion im Knopfloch bald darauf den Hausherrn, mit einer bezeichnenden Kopfbewegung auf die Abziehenden hindeutend. Vous en aurez encore vos motions -- -- Die Familie Matthieu ward einer Elsssergesellschaft gegenbergesetzt. Herr Baumgartner war ein reicher Fabrikant und gemtlicher Mann, der von frher her noch eine gewisse Vorliebe fr die Franzosen hegte. Eine Unterhaltung war bald in Gang, und der Elssser erzhlte, wie gut es ihnen hier gefalle. Alors vous devez avoir de meilleures chambres que nous! schnauzte Madame Matthieu. Tout fait la meme chose que les votres! Alors je ne comprends pas -- -- -- Et dailleurs tout est sale dans cette maison, schimpfte sie und wies auf einen Fleck in der Tellerglasur.

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XXXVIII.
Nach einigen Tagen erwhnte Baumgartner nebenbei, sie seien hauptschlich der Kinder wegen in die Berge gegangen; sie htten im Winter Keuchhusten gehabt. Que dites-vous? La coqueluche! schrie Madame Matthieu laut auf, das die nchsten sich umsahen. Sie rannte vom Tisch und durch das Haus, bis sie Eicher fand. Monsieur, cest incroyable! Vous avez l une famille alsacienne, dont les enfants ont la coqueluche! Cest incroyable! Nous partons ou bien vous mettrez ces gens la porte! Nous les voulons pas risquer la vie de nos filles. Vous tes pire quun assassin! Madame, je ne vous comprends pas. Ntant pas habitu votre manire de parler -- -- -- Qu est-ce que vous me dites? Ah. Quelle insolence! Oh, nous partirons ce soir encore; nous trouverons un autre hotel. Mais notez bien, je vais parcourir tout Stgen(Wengen) pour averter le monde du danger qui menace de votre maison, de votre ngligeance, qui se voit, du reste, dans tous les coins -- -- -- Madame, faites ce que bon vous semble; mais vous ne partirez pas avant de dlai de cinq jours, comme cest entendu pour le prix de pension -- -- -- Ah, je ne me fiche pas mal de vos rglements! Je pars, nous partons, et je tcherai dentrainer tout le monde dans cet hopital -- -- -- Die Gste kamen aus dem Speisesaal, und Madame Matthieu stellte sich vor sie hin, schreiend und gestikulierend. Sauve qui peut! Il y a la coqueluche dans la maison! Eicher htte das tobende Frauenzimmer am liebsten am Arm genommen und hinausgefhrt; aber er bezwang sich und suchte zu beruhigen, zu erklren. Die Elssser halfen ihm dabei; der Arzt wurde zur Untersuchung gerufen und fand nichts; Frau Baumgartner fing an zu weinen. Es lag eine gedrckte Stimmung ber allen, und immer noch schoss Madame Matthieu wtend umher. Cest inou, cest inou! rief sie von Zeit zu Zeit. Monsieur hatte unterdessen anderwrts Zimmer gefunden, und Madame kommandierte: Allons, partons! Monsieur, la note! Vous payerez les cinq jours, le dlai habituel. Vous me videz sept lits dune heure lautre! Ah, voil du bringandage! Non Monsieur, nous ne les payons pas! Um den Streit nicht von neuem anzufachen, liess Eicher der Sache einstweilen ihren Lauf und rief den Polizisten herbei. Ihr knnt nichts machen und lasset sie am besten mit guten Worten laufen, beschied ihn dieser. Unter grossem Hallo zog die Gesellschaft aus, Madame voran, der chevalier de la lgion dhonneur hinter ihr her und das brige Volk als Nachhut. Am gleichen Abend kndete auch Baumgartner die Abreise seiner Familie fr die nchsten Tage an, und noch andere folgten dem Beispiel. Umsonst entschuldigte sich Eicher und suchte zu beschwichtigen; es lag eine ungemtliche Stimmung ber allen, die nur ganz allmhlig wich. Schon nach ein paar Tagen wurden ihm von unbekannter Hand ein paar grosse franzsische Zeitungen zugeschickt, in denen sein Haus in leidenschaftlicher Weise angegriffen und vor ihm gewarnt war. Eicher sandte den gleichen Blttern eine Abwehr zu, von der er nie mehr etwas hrte. Ausgiebige Gewitterregen hatten die Sommerglut, die im Flachlande nachgerade alles zu versengen drohte, gemildert, aber auch den Bergaufenthalt vieler Fremden

abgekrzt. Wohl kamen dagegen mit neuem Sonnenschein auch neue Gste; aber es war ein langes, unerquickliches Markten mit den meisten; sie wussten sich berall willkommen und machten sichs zu nutze. Hotel um Hotel ward abgesucht vom Morgen bis in den sinkenden Abend, unter Mkeln und Bemngeln, und wer es am billigsten machte, am meisten verhiess, bei dem kehrten die Nachzgler schliesslich ein. In die Montana kam derart vorerst ein Berliner Kaufmann mit mchtigen runden Augen, die anzusehen waren, als wollten sie ihm jeden Augenblick aus dem Kopfe fallen. Er redete erst gar fein und milde, begann aber bei Tisch darber zu schimpfen, dass die Speisekarte nicht deutsch sei, wollte Rti de boeuf mit Kalbsbraten und Choux fleurs mit Sauerkraut bersetzt haben, bevor nur die Suppe vor ihm stand. Er liess Eicher rufen deswegen und hatte einen durchschlagenden Erfolg insofern, als nicht nur seine Mitgste, sondern auch Eicher selbst sich des Lachens kaum erwehren konnten ber den fanatischen Germanen Friedrich Wilhelm -- Aaronsohn. Zu ihm gesellte sich tags darauf ein Herr Professor Gregor Snger mit Frau und drei Tchtern. Der hielt gleich bei seinem ersten Mittagsmahl mit donnernder Stimme ein Kolleg ber den Sirius und benachbarte Himmelskrper, fragte dann pltzlich den ersten besten, ob er verheiratet sei, und wollte von sich zu erzhlen anfangen. Da fhrte ihn die kleine, behbige Frau Gemahlin mit zornigem Gesicht hinauf in sein Zimmer und kam allein zurck. Gegen Abend trafen noch zwei junge Mnner ein, welche von den drei Mdchen gar freundlich begrsst wurden, und auf denen der Blick der wrdevollen Mutter mit besonderem Wohlwollen lag. Auch der Professor bewillkommnete die beiden bei der Abenmahlzeit mit lautem Wortschwall und flsterte nachher seinem Nachbarn Friedrich Wilhelm Aaronsohn zu: Wenn sie noch ein paar Tage bleiben, lade ich Sie auf eine Bouteille Verlobungssekt. Die beiden jngeren Mdchen gingen dann noch mit ihren Verehrern im Mondschein spazieren, und der Professor ward von seiner Gemahlin hinaufbegleitet. Mitternacht mochte vorber sein, als ein Poltern und Wandern im Hause Hans Eicher weckte. Erschreckt kleidete er sich an und traf oben im ersten Stockwerk den Professor, fertig angezogen, den Bergstock in der einen, die Kerze in der andern Hand. Guten Morgen, Herr Wirt! begrsste er ihn laut. Sagen S mal, wo haben Sie eigentlich meine Familie einquartiert? Ich habe schon bald in einem Dutzend Zimmer vergeblich nachgesehen; die einen waren geschlossen, andere leer, und in den dritten waren fremde Leute -- -- Hans Eicher sprte erst lebhaften rger, dann ein unheimliches Gefhl ber sich kommen. Ja, was wollen Sie eigentlich Herr Professor? Um diese Zeit muss Ruhe sein im Haus --! Jawohl, Herr Wirt, jawohl! Sie haben recht, vollstndig recht. Aber kommen Sie, ich muss Ihnen etwas sagen Der Professor zog ihn in sein Zimmer und stellte ihm einen Stuhl hin. Sehn Sie, das ists ja gerade, dass ich nie weiss, wo meine Familie ist! Mich, ihr rechtmssiges Oberhaupt, quartieren sie immer ganz anderswo ein. Haben Sie die beiden jungen Leute auch gesehen, die heute angekommen sind? Der Professor machte ein pfiffiges Gesicht, und als Eicher mechanisch mit dem Kopf nickte, fuhr er fort. Unter uns gesagt, die sollen meine Schwiegershne werden. Wir haben sie da drunten in Mendelhof kennen gelernt, und meine Frau hat sie hierher eingeladen. Apropos, ihre Pension kommt dann auf unsere Rechnung! Meine Frau macht alles, und ich erfahre nur so nebenbei, was geht, und darum wollte ich noch mit ihr sprechen. Aber sagen Sie ihr ja nichts; wir beiden tun, als ob wir uns nicht kennen, das ist lustig so. 211

Wenn ich Ihnen begegne, so grssen Sie mich: Guten Tag, Herr Professor! Ich bleibe dann stehen und frage: Wer sind Sie denn? Ich bin der Wirt, unter dessen Dach Sie wohnen, antworten Sie darauf. Und laut auflachend kam der grosse, starke Mann auf Hans Eicher zu, schlug ihm auf die Schulter und fuchtelte mit der Pfeife, welche er mittlerweile angezndet hatte, dass die Funken umherflogen. Seien Sie vorsichtig mit dem Feuer, und legen Sie sich jetzt schlafen -- -- mahnte Eicher. Schlafen, schlafen! Ich kann ja gar nicht schlafen! Eine so gesunde, starke Natur habe ich, dass ich gar keinen Schlaf brauche, schon lange nicht mehr. So ein wenig einnicken ab und zu, das ist mir genug. Aber Sie haben recht, aufs Feuer muss man acht geben -- -- Eicher machte sich von dem gesprchigen Mann los und suchte bermdet sein Bett wieder auf. Aber er vermochte kein Auge zu schliessen; immer klangen ihm die krausen Reden Sngers in den Ohren wieder, und das Gesamtbild dieser ganzen Familie kam ihm nicht aus dem Sinn. Schnippische Tchterlein, die keinen Gruss erwidern; eine Mutter, die Freier fr sie auffischt, aus dem breiten und trben Fremdenstrom, und ein irrsinniger Vater. -- -- -Noch war es finstere Nacht, als das Poltern von neuem anging und Eicher wieder hinaufeilte. Jetzt, Herr Wirt, will ich zu meiner Familie, oder ich gehe auf die Polizei! Dreissig Jahre lang hat mich diese Hexe von einer Frau tyrannisiert mit dem Beistand ihrer verfluchten Brder. Jetzt will ich aber mal sehen, ob ich nicht Meister bin! Oder hat man mich hier etwa wieder in eine Falle gelockt? Ist das etwa gar kein Hotel, sondern ein Irrenhaus? Die drohend erhobenen Arme Sngers fielen schlaff an seinen Leib herab, und der Schreck spiegelte sich in seinem Gesicht wieder. SagenS mal, wie ists? Kein Beschwichtigen half; der Professor schrie und fuchtelte mit seinem Bergstock herum, bis er damit in eine Scheibe des Korridorfensters stiess. Hoplah, rief er da pltzlich ganz gemtlich. Die tun Sie einfach auf die Rechnung. Schreiben Sie aber Tee oder Schokolade oder so was, damit meine Frau nichts merkt; sonst schilt sie mich aus. Das Klirren der Scherben hatte jeden andern Gedanken in dem wirren Kopf bertnt. Gregor! rief jetzt eine scharfe Frauenstimme von oben. Hastig packte der Alte Hans Eicher am rmel und rannte in komisch vorsichtigen Sprngen mit ihm den Korridor entlang; er riss ihn mit sich, und Eicher sprte die Riesenkraft, die in diesem Krper war. Snger duckte sich in einen Winkel und winkte seinem Partner wider Willen, ein Gleiches zu tun. Wenn meine Frau Sie findet, so sagen Sie ihr ja nicht, wo ich bin! flsterte er Eicher zu, der stehen geblieben war, unschlssig, was er anfangen solle mit dem wahnwitzigen Riesen, der um drei Uhr des Morgens auf dem Gang herum Versteckens spielen wollte. Hans Eicher fasste sich an den Kopf, ob er denn auch nicht trume. Sich selbst konnte er den Mann nicht berlassen, und so musste er sich in das Unvermeindliche fgen, todmde mit guter Miene seine Narrereien mitzumachen bis zum dmmernden Septembermorgen. Der Professor schwatzte in einem fort, rauchte unermdlich und erzhlte oft bunten Unsinn, oft wieder unheimlich klare Bilder und Gedankenfolgen. Aber ber seinem ganzen Geistesleben lag wie ein bser Bann die rundliche Frau mit dem zufriedenen Gesicht. Sie kam zeitig am Morgen herunter, und es war, als ob Eicher und sie aufeinander gewartet htten.

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Sie werden entschuldigen, Frau Professor, aber der Zustand Ihres Herrn Gemahls -- -- -- Was wollen Sie damit sagen? Solche Bemerkungen lasse ich mir nicht bieten -- - von einem Hotelier! Was ich sagen will? Mein Haus sei keine Irrenanstalt! platzte Eicher gereizt los. Na, es gibt ja Hotels genug, wo man keinen solchen unglaublichen Beleidigungen ausgesetzt ist. Ich htte Ihnen erklrt, dass mein Mann Astronom ist und gegenwrtig an einer Sternkarte arbeitet. Aber Sie wssten wohl nicht einmal, was das ist. Machen Sie also die Rechnung, und nach dem Frhstck ziehen wir aus! Gern, Frau Professor, antwortete Eicher hhnisch. Und das lassen Sie sich gesagt sein, dass ich sofort an Bdeker und an ein paar Berliner Zeitungen schreiben werde, wie es bei Ihnen zugeht. Bdekers Stern knnen Sie dann am Himmel suchen -- -- Wohl unter dem Beistand des Herrn Professors -- -- Die Frau wurde wtend. Sie sind ein Mensch, vor dem man die ganze Touristenwelt nicht genug warnen kann! schimpfte sie. Da kam der arme Tropf die Treppe herab, und Eicher schwieg. Snger stellte sich vor ihn hin, zwinkerte mit den Augen und fragte endlich: Wer sind Sie? Im Speisesaal ward noch ein grosser Auftritt veranlasst, bei dem Mutter und Tchter durcheinanderkreischten, indes die beiden Verehrer mit den Hnden in den Taschen unschlssig herumstanden und der Professor vergngt seine Butterbrote strich. Dann wurde abmarschiert. Hans Eicher sah ihnen nach und hrte den Professor singen Lali, lala, lali, lala, wozu er den Regenschirm um seine Faust kreisen liess wie einen Windmhlenflgel. Bdekers Stern, dachte Eicher, hngst du so weit unten, dass ein bses Weib dich erreichen, verleihen oder entziehen kann? Ein Hotelier von Rotenbalm(Interlaken) hatte das kleine Flecklein Druckerschwrze, welches die Touristen oft als den schwersten Trumpf vor ihm ausspielten, in Gegensatz zum Stern von Bethlehem gestellt. Dieser fhrte einmal die Weisen aus dem Morgenland; jener weist den Dummen aus dem Abendland ihre Wege. Die Rede des Spottvogels fiel Eicher jetzt nach den Worten der Professorin wieder ein, und er musste trotz rger und bernchtigter Ermdung lcheln. Darob kam ihm die Sache selber schon ungefhlicher vor, und die bsen Worte fuhren an ihm vorbei wie schlecht gezielte Degenstsse. Auf einmal entstand drunten vor dem Gemsekeller ein kurzer Lrm, zusammengesetzt aus einem Frauenschrei, ein paar kernhaften Flchen und dem Rasseln eines strzenden Blechgefsses. D donners Uflat! Pfi Tfel! wetterte dort unten Mariann, die stramme Wirtschafterin. Wenngleich Eicher ihre derbe Emmentalerart kannte, so nahm es ihn doch wunder, was es gegeben habe, und eben eilte er um die Ecke, als von der anderen Seite jemand gerannt kam, ein Nastuch vor dem Gesicht und mchtig schnaufend. Erst als der Flchtling schon an ihm vorber war, erkannte Eicher seinen Gast Friedrich Wilhelm Aaronsohn. Mariann hatte ihre volle Grenadiergestalt hoch aufgerichtet und stand in Kampfpositur hinter einem Korb voll Herbstheidelbeeren, aus dem sie seit dem frhen Morgen die Blttlein und verdorbenen Frchte suchte, die sie in ein Blechbecken warf. Das lag nun neben dem provisorischen Tisch am Boden, ein Brei aus faulen Beeren daneben, und Mariann fuhr sich mit dem Nastuch ber und ber im Gesicht herum. Auf einmal lste sich ihr Grimm in hmische Freude auf. Jetzt hat

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er doch etwas bekommen fr seinen Schokolat, nur vielleicht nicht, was er wollte -- - lachte sie. Was stellt Ihr denn da an, Mariann? fragte Eicher rgerlich. Da richtete sich der stramme Langnauer Grenadier auf und berichtete, wie der Zwiebelugig seit ein paar Tagen vor den Wirtschaftsrumen herumgestrichen sei, ihr Schokolade und allerhand sonstigen Ssskram mit schnen Worten zugesteckt habe und sie fr Abendspaziergnge mit ihm begeistern wollte. Der Schokolat schien mir nicht rudig, und ich hab ihn mit gutem Gewissen genommen; denn der Zwiebelugig hat nichts dafr verlangt. Heut aber, wie ich da mit beiden Hnden in den Heidelbeeren stecke, nimmt er mich auf einmal um den Hals und reibt mir seine Nase im Gesicht herum. Aber wohl! Ich hab ihm sie nachher in die Heidelbeeren gestossen aber in die faulen dem Unflat, und weil er dabei gerade so schn zweifach war, habe ich ihm auch grad noch ein paar aufs Sitzleder gegeben! So berichtete Mariann, vergngt wie ein Feldherr, der seinem Knig einen grossen Sieg meldet. Ihr seid aber auch handlich verfahren -- -- -- Da stellte sich Mariann vor Eicher hin. Wenn ich meine Arbeit nicht gut mache, so habe ich nichts gegen einen Vorwurf. Aber ber mein Gesicht bin ich Herr und Meister und lasse nicht jeden seine Nase dran abwischen, noch lange nicht -- -- -- So rsonnierte Mariann und fing an mit dem Geschirr zu poltern; da trat Eicher den Rckzug an, Freude im innersten Herzen ber die Tat der resoluten Langnauerin. Herr Aaronsohn hatte von seinem Zimmer aus Essig verlangt, gleich einen ganzen Schoppen. Gegen Mittag kam er mit rotgeriebenem Gesicht, auf dem bluliche Schlagschatten lagen, herunter und bat gar freundlich um seine Rechnung; er sei heimtelegraphiert worden. Ein Telegramm hatte freilich niemand gesehen; aber Eicher tat dem abgewiesenen Liebhaber den Gefallen, daran zu glauben. Mit ein paar liebenswrdigen lteren Herren und einer jungen Englnderin klang die Saison friedlich aus; als Eicher seine Rechnung machte, war es ihm wieder, als knne sie nicht richtig sein, gerade wie das Jahr zuvor. Aber sie war in Ordnung und wies einen schnen Gewinn aus als Schmerzensgeld fr Mhen, Sorgen und rger.

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XXXIX.
Umbrandet von der sommerlichen Fremdenflut waren das Bellevue und die Alpenruh unter Dach gekommen und wurden eingeweiht, jedes auf eine andere Art. Zingg=nni gab im Bellevue den Bauleuten ein Mahl, von dem man noch lange redete in Stgen(Wengen) wie von einem besonders erbaulichen Anlass. Klara Richard dagegen wanderte mit Seufzen und Sorgen durch das schne Haus, das den Namen Alpenruh trug und ihr gehren sollte, obgleich sie diesen Gedanken fast nicht fassen konnte. Sie wusste noch nicht, wie teuer es sie kam; es war auch nicht das, was sie im Sinn gehabt hatte, war nicht ein niedliches bescheidenes Gebude, sondern ein anspruchsvolles Wesen, das sie bengstigte statt sie zu erfreuen. Aber der Baumeister hatte nach seinem Sinn verfahren oder aber nichts mit der Sache zu tun haben wollen, und sie musste froh sein, nach vielfachem Missgeschick endlich einen bernehmer gefunden zu haben. Sie wohnte in einem kleinen Huschen am Bord und nhte nun den Winter ber Hotelwsche mit zwei Mdchen, ging wenig unter die Leute, welche ihr mit freundlichen, teilnehmenden Mienen nur das Herz schwer machten, wenn sie ihrer habhaft werden konnten. Ins Waldegg(Wengwald) war sie noch nicht gekommen; hchstens besuchte sie Kuenis. Die Winterruhe lag ber dem Dorf, kaum merklich unterbrochen durch die Verhandlungen ber das Wasserwerk zu Stgen(Wengen), an das die Gemeinde zwanzigtausend Franken leistete und zehntausend der Staat, und das die verworrenen altvterischen Brunnenrechte und das mangelhafte Feuerlschwesen in Ordnung bringen sollte. Auch Eicher hatte bei Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) seinen Beitritt angesagt. Als der Schnee zu schmelzen begann, ging der Unternehmer ans Werk; aber bei der Montana zeigte sich niemand. Wie nun Eicher den Vorarbeiter deswegen anging, gab ihm der zum Bescheid: Ihr Haus ist nicht eingezeichnet, die ganze Gummenweid nicht. Eicher geriet an den Gemeinderat Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), den Prsidenten des Werkes. Habe keinen Brief bekommen -- -- schnauzte der. Aber ich habe geschrieben, schon im Herbst! Ist mir ganz gleichgltig. Jetzt ist die Frist schon lang abgelaufen. Da kann nachher jeder mit solchen Behauptungen kommen, wenn er etwas versumt hat und zu vornehm war, einem das Maul zu gnnen... Eicher ging zu dem und zu diesem; umsonst. Als er missmutig heimkehrte, waren sie bei Kuenis Htte daran, Bauprofile aufzurichten. Karlines Bruder, der Zimmermann, und diese selbst hatten den Hans endlich berzeugt, dass seine Htte nichts mehr tauge und dass er an deren Stelle am besten eine kleinere Pension baue. Ihre Zusprche htten zwar wenig ber den altvterischen Hans vermocht; aber ein Zufall besiegte seinen Widerstand. Sein Bruder Christoph hatte vor wenigen Jahren ein solches Haus gebaut auf der Sonnhalde und es nun mit zwanzigtausend Franken Gewinn verkauft. Das machte nun auch dem Hans Kueni Beine. Er stand mit Frau und Schwager um die Profile herum und blinzelte daran hinauf, als wre seit der Erschaffung der Welt noch nie etwas so Wichtiges geschehen. Die mauserige Pelzkappe war in bestndiger Wanderung auf seinem Schopf herum; die Karline stand neben ihm mit verschrnkten Armen, neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah stolz ber Stgen(Wengen) hin, ob denn nicht allenthalben die Fenster aufgerissen wrden,

und ob nicht der Neid die Leute rundum drehe am helllichten Tage. Aber der Profile wegen geschah nichts Besonderes. Dagegen gab es einen Auflauf drben bei dem Huschen, in welchem Klara Richard den Winter ber gewohnt hatte. Heulend und zitternd vor Angst kam eines der Mdchen querfeldein gelaufen und stellte sich bei Eicher, der eben von seiner Wasserreise heimkam. Kommt um Gotteswillen; sonst bringen sie die Frulein noch um! s ist wegen dem Zins, und sie bekommt das Geld erst morgen von der Bank -- -- -- Dann rannte das erschreckte Mdchen zu Kuenis hinunter. Hans Eicher und Kueni kamen gleichzeitig drben an. Ein Dutzend Stgen(Wengen)er trieben sich scheltend um das Huschen herum, und es tnte durcheinander von Lumpenmensch, Diebin, fremde Ftzel. Da kam Klara Richard heraus; aber sie vertraten ihr den Weg an der Tr, und einer hielt ihr fluchend die Faust vor das Gesicht. Erst zahlt Ihr den Zins! Da sprang der sonst so schweigsame Kueni mitten unter die Rotte, Hans Eicher ihm nach. Schmt ihr euch nicht? fuhr Kueni die Burschen an, und Hans Eicher stiess einen, der ihn von hinten packen wollte, wie einen Ball in den drngenden Haufen. Nun kam auch Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) mit wehendem Bart und zornigem Gesicht. Was ist!? Zahlen soll die Hex, sonst lassen wir ihre Sachen nicht fort! Ich will ja zahlen; aber das Geld hat sich versptet, kommt erst morgen. Ich gehe ja nicht ber Land; da unten steht mein Haus, ich ziehe nur da hinunter -- -- -- Euer Haus! Haha! Ja, Euer und der Schulden! spottete Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner). Erst zahlen, dann knnt Ihr gehen; je weiter, desto besser: Herr Gemeindrat, wenn Sie nicht wissen, was Recht ist, so gehe ich morgen zum Regierungsstatthalter drohte Klara Richard. Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner), schmt Ihr Euch nicht? hielt ihm Hans Eicher entgegen. Der Gemeinderat berlegte und zuckte die Achsel. Geht meinetwegen zum Bundesprsidenten. Da kam Kueni=Hans ausser Atem daher und brachte Geld; er hatte es bei sich drunten geholt, und fluchend ging das mutige Belagerungsheer unter seinem ritterlichen General Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) auseinander. Klara Richard reichte Kueni und Hans Eicher dankend die Hand; sie zitterte am ganzen Krper und konnte sich kaum mehr aufrecht halten. Mitte April ward das Bellevue verkauft, und nach der allgemeinen Ansicht verdiente Zingg=nni ein schnes Geld daran. Es ging auch sogleich an den Bau seines vierten Hotels drben an der Sonnenhalde. Verkaufen! Wie eine Eingebung des Himmels ging das Wort dem Schnitzler durch den Kopf, der sich umsonst seit langem gegen die Erkenntnis gestrubt hatte, dass das Hotelgetriebe ihm eigentlich ein Greuel sei. Den Winter ber waren die tausend rgerlichkeiten verblasst ber lieber Arbeit an der Wekbank. Jetzt, da es galt, sich von neuem die Dienstbotenrute selber zu binden, und die Anfragen jener Gste kamen, welche frhzeitig an ein paar Dutzend Hotels schreiben, um das billigste herauszufinden, stiegen die Schatten derer wieder vor ihm auf, die ihm so viele trbe Stunden bereitet hatten. Wohl grsste ber sie hinweg manch freundliches, wohlwollendes Gesicht ihm zu; aber das Grau berwog in dem Bilde. Und dazu kam, dass die Schnitzlerarbeit des verflossenen Winters ihn nicht befriedigen wollte; die Schaffensfreude und die Erfindung waren ermattet; er selber war mde gewesen, nicht am Krper, aber am Geist. 217

Er schrieb das Hotel zum Verkauf aus, aber so, dass niemand auf ihn raten konnte. Ein Schwarm von Anfragen kam, die er zuversichtlich beantwortete; die grosse Zahl machte ihm Mut. Es kam aber kein Bericht auf alle seine Briefe; dagegen brachte Fritz Steiner heim, in Stgen(Wengen) gehe das Gercht um, die Montana sei zu verkaufen. Derweilen kamen die ersten Gste, ein Trpplein Englnder und ein greiser Pfarrherr aus dem Unterland. Sie hielten gute Kameradschaft unter sich, waren freundlich und liebenswrdig, so dass Hans Eicher ber ihnen viel Unangenehmes vergass. Dann kam ein junger Mensch. Ich suche zwei schne Vorderzimmer fr Herrn Hofprediger Pappe und Frau Gemahlin auf Mitte Juli. Eicher fhrte den Abgesandten selber durchs Haus und nannte ihm den billigsten Preis. Was fllt Ihnen ein! Herr Hofprediger zahlt nie mehr als die halbe Taxe. Denken Sie doch, welche Reklame ein solcher Gast ist! Na, Ihren Herrn Hofprediger, der solche Freibeuterei mit seinem Namen treibt, lasse ich ergebenst grssen, und er solle sich was schmen. Bestellen Sie ihm das, bitte, beschied Hans Eicher den jungen Elegant. Was erlauben Sie sich gegenber meinem Papa -- -- --? fuhr der auf. Nichts, als was mein Recht ist. Es steht Ihnen ganz frei, sich aus Leibeskrften mitzuschmen. Spter hiess es, mehrere Hoteliers zu Stgen(Wengen) htten des Herrn Hofpredigers wegen fast Krieg bekommen, weil jeder ihn haben wollte. Hans Eicher aber lebte noch lange wohl an seinen Bescheid, obwohl der eine Weile die Runde machte und unerhrt befunden wurde fr einen Hotelier. Zwei franzsische Familien rckten ein, und es war, als wollten sie durch ihr Verhalten gut machen, was ihre Landsleute jemals an rger und Schaden ber Eicher gebracht hatten. Die Montana war zeitig besetzt; mit den Gsten war ein gutes Fortkommen, und Eicher liess den Verkauf darber schlafen. Aber so ganz allmhlig entpuppte sich die neue Wirtschafterin als ein intrigantes, verlogenes Geschpf, dem wenig zu glauben und zu trauen war und dem Eicher doch seine Meinung nicht zeigen durfte, jetzt, da jede Hand zehnfach ntig und besserer Ersatz zehnfach fraglich war. In Lug und Trug wetteiferten einige Untergebenen mit ihr, und Eicher kam sich oft vor wie ein Geheimpolizist. Sogar die Oberin im Saal wiegelte ihre Mannschaft auf, wie Fritz Steiner fest behauptete, und trug dabei immer das Gesicht zur Schau, das ehrbaren Mdchen von gutem Herkommen meist eigen ist. Eicher ertappte sie schliesslich selbst, wie sie das Haus bei den Gsten verleumdete, und schickte das verlogene Persnchen fort. Wenige Tage darauf stand ein Brandartikel gegen ihn in der Fackel, der sozialistischen Zeitung im Unterland. Daran wunderte ihn, dass der Redaktor der Fackel Verleumdungen und Verdrehungen unbesehen in die Welt hinausschickte, und dass er sein Blatt als Kter gebrauchen liess, der einem Ahnungslosen an die Beine fuhr auf Geheiss jener Kreise, aus denen das Mdchen stammte, jener Kreise, welche die Fackel sonst bei jeder Gelegenheit mit Abscheu oder Geringschtzung beurteilten. Eicher schrieb die Montana gegen den Herbst wieder zum Verkauf aus. Agenten fragten in grosser Zahl darber an, und einer von ihnen sprach sogar vor, da er anderer Geschfte wegen nach Stgen(Wengen) gekommen war. Er liess sich gut bewirten, sah das Haus dann um und um an und sagte schliesslich: Ja, es wird

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schwer halten und Mhe kosten. Immerhin wrde ich mich fr den Verkauf umtun, aber nicht ohne Spesenvorschuss -- -- Den Agenten umgab ein Nimbus des Geheimnisvollen, Allwissenden, Allknnenden. Er machte Andeutungen, die Eicher verblfften und in ihm den Glauben erweckten, dieser nicht einwandfrei gekleidete Mensch sei jedem Geschft auf der Spur, ob klein oder gross, und sein armtliches Aussehen sei nichts als eine Maske des Geizes oder der Schlauheit. Der Agent schimpfte ber die Frsprecher und Notare, verdchtigte grosse Herren und deutete seltsame Geschichten ber sie an, erzhlte auch, welche Geschfte er schon zustandegebracht habe; kurzum, er wusste von allem und ber alle etwas. Bei den emsigen, aber vorsichtigen Reden trank der Treibauf ein Glas nach dem andern leer, obwohl dies fr ihn mit einer gewissen Schwierigkeit verbunden war. Er schlotterte ganz erbrmlich und bog daher sein Krpergerst immer erst dem frischgefllten Glas entgegen, steckte den grauen Schnurrbart hinein und tat einen whrschaften Zug. Hierauf stellte er den Ellenbogen aufwrts, dass die Armgelenke nicht nach eigenem Gutdnken herumzattern konnten, und goss dann mit einem Schwung den Rest in das Fass ohne Boden, das sein Leib vorstellte. Mit jedem Glase, das er so versorgte, wuchsen die geschftlichen Erfolge, von denen er zu erzhlen wusste, weiteten sich seine geheimen Beziehungen und reichten hher hinauf an der Leiter der menschlichen Gesellschaft. Hans Eicher gewahrte allmhlig, dass sein Gast nichts anderes war als ein verkommener Winkelagent, und war froh, als er sich endlich im Zustande ziemlicher Trunkenheit zu Bett befrdern liess. Am andern Morgen stand er zeitig da, zur Abreise gerstet, und verlangte einen ansehnlichen Vorschuss fr knftigen Mhewalt, aber vergeblich. Nun fing der Geschftemacher einen groben Streit an und flocht allerhand Drohungen hinein. Schliesslich gab Hans Eicher dem armen Tropf ein paar Geldstcke, um ihn loszuwerden. Wie ein wandelnder Pfahl, an dem ein schwarzes Kleid zum Trocknen im Wind hngt, stiefelte der alsdann in den sonnigen Morgen hinaus, und Hans Eicher nahm sich vor, knftig keinem unbekannten Menschen mehr zu trauen. Dann kam einer, der fr sich ein solches Geschft suchte, und Hans Eicher zeigte ihm die Montana bis in den hintersten Winkel. Es schien ihm, der Mann finde Gefallen an allem, obwohl er nur fragte und ber nichts ein Urteil usserte. Es tat dem Schnitzler wohl, dass der Rotbrtige nicht mit Schimpfen und Nrgeln ans Werk ging wie ein rcksichtsloser Makler, und er empfand darber ein lebhaftes Gutmeinen fr den Mann. Als sie nach eingehender Schau ein gutes Mahl genossen hatten und an den Handel gingen, fordete Eicher der Gewogenheit zuliebe seinen billigsten Preis. Da verzog sich das kalte Gesicht seines Gastes zu einem hhnischen Lcheln. Er zog ein paar Papiere aus seiner Rocktasche und bltterte darin. Ich habe mich auf Ihren Brief hin ber die Sache erkundigt, und da schrieb man mir, dass Sie durch finanzielle Verlegenheiten zum Verkaufe gezwungen seien. Die Sache sei faul bis ins Mark, und am besten tue ich wohl, ich warte Ihren Konkurs ab. Wer hat das geschrieben? fuhr Eicher auf. s ist aus erster Quelle, amtlich und privat, wie Sie wollen, antwortete der Fremde, ohne eine Miene zu verziehen. Es war mir eigentlich auch nur darum zu tun, genauen Einblick zu bekommen; weiteres Handeln und Markten wre Zeitverschwendung. Damit warf er ein Geldstck auf den Tisch fr die Mahlzeit und ging. Gleichen Tages kam Fritz Steiner mit der Neuigkeit daher, die Alpenruh werde vergantet; der Baumeister habe seinerzeit sogleich die Titel gekndet, und schon im Sommer sei unter den Gsten der Alpenruh ein Ehepaar gewesen, das offen 219

heraus davon geredet habe, Klara Richard msse die Pension nur einfhren; dann wolle der Baumeister das Haus an sich ziehen und es jenen verkaufen. Die fremde Frau sei bei dem Baumeister gar wohl an, und es werde dieserhalb allerhand gemunkelt; sie sei in die Jungfrau hinber gegangen und zur Karline Kueni, um zum voraus gut Wetter zu machen fr knftige Nachbarschaft. So erzhlte Fritz Steiner wieder, was schon durch aller Mund ging. Klara Richard war seit jenem Auflauf am Bord drben hin und wieder in die Montana heraufgekommen, hatte aber nie von ihren Angelegenheiten gesprochen, und Eicher fragte sie auch nicht danach. Gegen Abend kam sie. Nun ist also alles aus, leider und gottlob! seufzte sie nach der Begrssung. Eicher und Emma sassen am Tisch, Geschftspapiere ordnend. Es mag Ihnen leichtsinnig scheinen, wenn ich sage, dass mir alles vorkommt wie eine Erlsung; lange htte ich es nicht mehr ausgehalten. Ein Wort gab das andere, bis Klara Richard zu erzhlen anfing: Zuerst hatte ich den Hotelarchitekten Reisser von Rotenbalm(Interlaken) an der Hand, der mir einen Plan machte fr einen wahren Palast entgegen aller Abmachung. Ich legte die Sache einem Bekannten meines Vaters vor, einem Architekten in der Stadt unten, der mir nachwies, dass Reisser mich schlechtweg ausrauben und ins Unglck bringen wollte. Er anerbot sich, einen neuen Entwurf zu machen, auf den ich aber umsonst ein Jahr lang gewartet habe; einstweilen musste ich Reisser zweitausend Franken zahlen fr sein Machwerk, wohl oder bel. Als ich nun auch von den andern nach Jahr und Tag nichts bekommen konnte als ein paar Skizzen und eine Rechnung von tausend Franken fr Mhewalt, musste ich froh sein, einen Baumeister zu meinem Hausplatz zu finden. Freilich konnte ich fast nichts zur Sache sagen; aber ich dachte, ein so angesehener Mann werde meine Unerfahrenheit in derlei Dingen nicht missbrauchen. Doch zur Enttuschung kamen noch allerhand Krnkungen. Bei all dem bestahl mich Kuenis Frau, betrog mich mit der Milch um viele hundert Liter und stiftete meine Dienstboten auf gegen mich bei aller Freunschaft, die sie mir ins Gesicht heuchelte. Was hatte ich der Frau getan? Nichts als Liebes und Gutes. Aber wie htte ich mich wehren sollen? Feindschaft mit dem Nachbar wre noch rger gewesen als alles. Um den sauren Erwerb vieler Jahre und um das Darlehen meiner Verwandten haben mich ein paar hochangesehe Mnner gebracht, ohne dass sie wohl deswegen eine Stunde weniger gut schlafen. Was liegt an so einer alleinstehenden Jungfer, die man hchstens auslacht? Ein Buchdrucker hatte von der Sache gehrt am Biertisch, und als er heraufkam des Fremdenbchleins wegen, anerbot er sich, mir Geld zu beschaffen von seinem Schwiegervater, wenn ich -- --. Auch er ist deswegen doch ein angesehener Mann, der mich nachher verleumden half aus schlechtem Gewissen. Und der Advokat der Zingg=nni ist nicht minder geachtet, wenn er schon mit allen Kniffen meinen Prozess mit ihr hinausgezogen hat. Ich lasse auch diesen beiden das Ergaunerte. Und den Stgen(Wengen)ern insgesamt hinterlasse ich die Schadenfreude; etwas Willkommeneres knnte ich ihnen nicht schenken. Mit meinem Kleiderkoffer, der mich vor fnf Jahren heraufbegleitet hat in den Gottesgarten, gehe ich wieder in die Welt hinaus; ein Pltzchen wird sich wohl irgendwo fr mich finden, denn ich bin nicht verwhnt. Es bleibt sich also usserlich alles gleich; nur innerlich sind an Stelle glnzender Hoffnungen bittere Erfahrungen getreten -- -- -- Klara Richard sprach ruhig; aber ihre Stimme war hart und ihr Angesicht blass von innerer Erregung. Sie mssen sich aber vorerst ausruhen nach solchen Erlebnissen riet Eicher nach einer peinlichen Stille.

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Na ja! Aber meine Verwandten haben ihre Tre fr mich geschlossen, weil ich sie um ihr Geld bringe. Ich habe auch kein Anrecht auf Ruhe; ich muss weiter, weiter, so lange es geht, so lange ich etwas tauge, und nachher -- -- Erde drauf. Das ist das Einzige, das einem grosse Herren nicht rauben knnen. Und was ein einsamer Mensch durchmachen muss, nimmt er mit sich ins Grab; es tut keinem andern mehr weh, und das ist mir noch der beste Trost. Die Kraft hatte sie verlassen und sie bedeckte mit beiden Hnden das Gesicht. Nach einer Weile fragte Hans Eicher; Und knnten Sie sich nicht entschliessen, einige Zeit zu uns zu kommen, um uns in den Geschften zu helfen? Wir suchten in der letzten Zeit jemand Zuverlssigen --. In Stgen(Wengen) bleiben, whrend der Gant und nachher? Die Montana und das Waldegg(Wengwald) gehren lngst nicht mehr zu Stgen(Wengen), sind lngst abgesondert, durch die Stgen(Wengen)er und durch uns selber. Haben Sie das nie bemerkt? Ich dachte nur immer, Sie seien gar stolz, und Karline Kueni hat es immerzu besttigt. Sie plauderten schliesslich im Frieden von allerhand, und Klara Richard liess sich bewegen, ins Waldegg(Wengwald) berzusiedeln.

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XL.
An einem sonnenwarmen Oktobertag war die zweite Steigerung ber die Alpenruh, und der Baumeister konnte mit seiner Spekulation zufrieden sein; denn sie hatte ihm nahe an zwanzigtausend Franken eingetragen. Er sass nachher mit einigen Hoteliers zu Gletschbach(Lauterbrunnen) bei einer guten Flasche und rhmte endlich in der Weinlaune: Jetzt kanns denen zu Stgen(Wengen) oben dann anders in die Beine kommen. Wir haben ein Konsortium gebildet und einen Platz gekauft an der Sonnenhalde. Da stellen wir ein Grand Hotel hin und wischen die andern unter den Tisch. Wenn wir auch zwei, drei Jahre mit Verlust arbeiten mssen, so kriegen wir nachher die Pensinlein da oben um das halbe Geld; denn lang halten die den Wettlauf nicht aus; viele gehen schon jetzt ein wenig lahm. Dann befehlen wir in Stgen(Wengen) -- -- So rhmte der Wein in dem Mann, der sich an den verblfften Gesichtern seiner Tischgenossen ergtzte. Am selben Abend gab Kueni den Bauleuten einen Schmaus; die neue Pension Beausite -- sein Schwager hatte ihr zu dem Namen verholfen -- war fix und fertig innen und aussen. Eicher hatte auch eine nachbarliche Einladung erhalten; aber ihm war nicht fr derlei Anlsse zu Mut. Das Singen, Johlen und Handorgeln drang immer verworrener durch die Nachstille herauf. Klara Richard hatte das Fenster geschlossen, um dem Lrm zu entgehen, der gerade am Abend dieses Tages so bittere Gefhle in ihr erregte. Gegen Mitternacht weckte ein wildes Schreien und Fluchen den Schnitzler. Er ging behutsam hinaus und sah im schwachen Mondlicht, wie Kuenis Haus mit einem wsten Streit eingeweiht wurde. Die trunkenen Festbrder bildeten neben dem Garten einen zappelnden, fluchenden Knuel, aus dem zuweilen scharfe Schlge klatschten. Kueni rannte auf wackeligen Beinen rund herum, wollte Frieden stiften und schob an seiner Pelzkappe, bis der Strudel auch ihn verschlang. Einer konnte sich freimachen, hieb mit einem Sparren nach einem andern und rannte davon, der Montana zu. Der Geschlagene holte ihn ein und schrie: Da hast -- --! Ai! gellte es scharf auf. Der vordere griff mit beiden Hnden in die Luft und brach zusammmen; Schreinerniggel hatte den jungen Schtz mit dem Messer ins Herz getroffen und war wieder bei den andern, ehe einer aus dem trunkenen Haufen etwas gewahrte. Aber Eicher hatte ihn erkannt, an der Gestalt und an der Stimme. Er rannte hinunter. Hrt auf, s liegt einer da oben! rief er. Sie Kmpfer liessen einander los und stolperten bergan, der Schreinerniggel mit. Er war der erste, der das Opfer umwandte: Der Schtz=Hnsel! Wer hat dem etwas getan? Helft schnell, sonst verblutet er, befahl Niggel hastig und vllig ernchtert. Er leuchtete dem Toten mit einem Streichholz ins Gesicht, und Eicher sah, wie sein Blick starr und sein Antlitz blass wurde. Das Gericht kam am andern Mittag zum Verhr. Alle waren schon versammelt. Einer nach dem andern kam an die Reihe, und der Verhrrichter fand es unglaublich, dass keiner ber den Mord etwas wissen wollte. Zuletzt ward auch Eicher aufgerufen und erzhlte den Vorgang; er sah dem Schreiner dabei scharf ins Gesicht. Der ward aschfahl; seine Knie bebten, und er verzog den Mund, als fehle ihm der Atem. Der hat noch etwas zu gewrtigen -- -- knirschte Niggels Bruder gegen den Schnitzler hinber, als der Angeschuldigte abgefhrt wurde.

Ich htt mich drausgelassen, wenn ich Eicher gewesen wre. Was hat er weiter davon als gefhrliche Feindschaft? Aber freilich, wenn man sich wichtig machen will! so rannte man nachher herum zu Stgen(Wengen). Gottlob gehts uns nichts an. Das Gericht hatte gut fragen ber alles Mgliche; es bekam von den einen nur Gutes zu hren ber den Schreiner=niggel, und andere sagten gar nichts. Die Schramme auf seinem Kopf wies die Wahrheit seiner Angabe aus, dass Schtz gegen ihn eingedrungen sei auf Leben und Tod. Nur in usserster Not habe er das Messer gezogen, als der Schmerz der eigenen Wunde ihn wtend und der genossene Wein blind gemacht hatte. So fhrte er in spteren Verhren aus; und berdies sei er dem Schtz nicht nachgelaufen; dieser habe im Gegenteil ihn verfolgt. Das habe Eicher aus einiger Entfernung bei Nacht und Nebel unmglich so genau unterscheiden knnen. Vom Gemeinderat bekam Niggel ein gutes Leumundszeugnis, das seinem Verdeidiger nicht wenig zu statten kam. Niggel wunderte sich schliesslich selber, wie viele Tugenden ihm der Advokat vor versammeltem Gericht zuschrieb; erst hob er stolz den Kopf; dann fiel ihm ein, wo er eigentlich war, und es wurde ihm fast weinerlich zu Mut. Das eingangs Gesagte zusammenfassend, mchte ich nochmals hervorheben, dass alle Indizien die Aussagen des Angeklagten ber den Vorfall selber nur bekrftigen. Es war freilich Unrecht von ihm, die Tat nicht einzugestehen, an der ihn eigentlich der kleinste Teil der Schuld trifft; aber einerseits war es die bertriebene Angst vor Strafe, die ihm kein Rechtsgefhl einflsste, und anderseits die heillose Bestrzung, die bei seinem sonst gutmtigen Charakter nicht ausbleiben konnte. Ohne der Wahrheitsliebe des Hauptzeugen, Herrn Eicher, zu nahe treten zu wollen, mchte ich nochmals darauf hinweisen, dass dieser von seinem entfernten Standort aus den Vorgang unmglich so genau mit ansehen konnte, um die beiden zu unterscheiden; ich mchte auch darauf hinweisen, dass der Angeklagte frher mit dem Hauptzeugen Misshelligkeiten hatte, ein Umstand, der erfahrungsgemss oft das Urteil trbt und die Aussagen subjektiv frbt -- -- -- Die Stimmung schlug unter der glnzenden Rede merkbar um, auch bei den Geschwornen, und Hans Eicher kam sich und den Stgen(Wengen)ern darob selber allmhlig fast vor wie ein Angeklagter. Zudem hatte sich jener Vorgang damals so unerwartet und schnell abgespielt, dass er eine Tuschung mit immer weniger Sicherheit in Abrede stellen mochte, als die Logik des Advokaten ihn derart in die Enge trieb. Er musste sich auch sagen, dass er den Schreinerniggel mit weniger Mitleid angeklagt hatte, als er dies mit irgend einem andern getan htte. Konnte ihn da nicht auch die alte Abneigung getuscht haben? So erwog Hans Eicher selber, als er sah, dass die Strafe des Mrders beinahe nur von seinem Zeugnis abhing. Und am Ende wollte er lieber einen Schuldigen gelinde Busse geniessen lassen, als den weniger Schuldigen ungerechter Hrte aussetzen. Er schickte also seiner endgltigen Aussage voraus: Ich glaube gesehen zu haben -- -- -- Niggel kam mit einer Strafe von wenigen Monaten davon. Es ist eine elende, niedertrchtige Sach von dem Schnitzler, dass er den armen Teufel, aus alter Feindschaft vielleicht fr sein Lebtag hat ins Zuchthaus bringen wollen! schimpfte Zumbrunn(BrunnerUeliHotelBrunner) beim Hinausgehen, dass alle es hren konnten. Und der Gemeind hat er damit auch Schande antun wollen. Dem Schnitzler entgingen die drohenden Blicke seiner Mitbrger nicht; Widerwillen gegen diese Menschen erfasste ihn, und mchtiger wurde in ihm der Wunsch, von ihnen fortzukommen fr immer. Aber jetzt war es Winter; vor dem Februar war alle Mhe um einen Verkauf vergeblich, abgesehen davon, dass das Gespenst eines Palasthotels umging und die Kauflustigen abschreckte. 223

Der frhe Winter hatte Stgen(Wengen) in weisse Kissen gebettet, und immer noch wirbelte es wie dichter Flaum vom grauen Himmel herab, als Hans Eicher einige Tage nach der Gerichtsfahrt zur schlafenden Montana hinberging, wie er von Zeit zu Zeit tat. Als er vom Wald herunterkam, begegneten ihm halbverschneite Fussspuren mehrerer Menschen, die, vielleicht erst vor wenigen Stunden, auch bei der Montana eingekehrt waren. Eicher folgte den verwehten Tritten; an der Gartentr aber blieb er mit einem Ausruf voll Schreck und Wut stehen. Auf den zerstampften Beeten lagen die abgeschnittenen Kronen der Bumchen, das verwstete Geschling der Wildreben und die ausgerissenen, geknickten Stmmchen der Rosen. Wie reich hatten die Gewchse die liebende Pflege gedankt, welche der Schnitzler ihnen die Jahre her hatte angedeihen lassen, und nun lagen die stummen Freunde als verstmmellte Leichen vor ihm im Schnee. Lausbuben! knirschte er und sammelte mitleidig die Gemordeten, die fr ihn etwas Lebendiges, fast Kindesgleiches gehabt hatten. Im Geschling der Wildreben lag ein Messer halb versunken im Schnee, ein abgenutztes Gert, welches das Richteramt nach kurzem Suchen auf den Schreinerheinz wies. Dieser wurde eingezogen, und mit ihm zwei junge Brschlein, die sich verblmt der Gartenschndung gerhmt hatten. Der Richter suchte zu vermitteln, als Klger und Schuldige vor ihm standen. Ich verlange die hchste zulssige Strafe fr die Lausbuben! brannte Eicher auf. Wre ich dazu gekommen, ich htte sie erschossen wie tolle Hunde! In den Augen der drei leuchtete es bei diesem Ausbruch, den der Richter verwies, grell auf, jeder Blick eine neue Drohung. Als die Missetter nach kurzer Haft wieder in Stgen(Wengen) umgingen, flammte bald allenthalben das stille Feuer des Hasses in kleinen Funken auf gegen den Schnitzler, der Christenmenschen mit tollen Hunden verglich und wegen einigen Stauden ihr Leben gefordert htte. Einsamer noch als bisher lebte Hans Eicher seiner Arbeit; er hrte auch nicht, wie die Leute ber ihn und Klara Richard munkelten. Ulrich Eicher ging nicht fter vom Hause, als es seine wenigen Geschfte erforderten. Fritz Steiner, der ein gewandter Schnitzler geworden war, besorgte fast allein den usseren Verkehr, fing die Hiebe und Stiche auf, die allen galten, und parierte sie, ohne die Feindseligkeiten ins Waldegg(Wengwald) zu tragen. Zu Weihnachten stolzierte der kleine Gottfried in seiner ersten Mnnertracht umher, und ein jedes steuerte ihm einen Batzen in die neuen Taschen. Auf dem Tisch stand seit Jahren wieder einmal ein Weihnachtsbaum; die Kindesaugen glnzten in die blinkenden Lichtlein, und diese spiegelten sich in den Herzen derer, welche in harterkmpftem Frieden in der trauten Stube versammelt waren. Vor Klara Richard stieg das Bild des Weihnachtsfestes auf, das sie ehemals mit Eltern und Geschwistern so feierlich gegangen hatte; die Lichtlein aus jener fernen Zeit leuchteten hell und rein durch trbe Jahre herber zu denen, die jetzt vor ihr auf gastlichem Tische glnzten. Ob sie ihr bers Jahr wieder Trost und freundliches Erinnern spendeten? Ob man dann die Kinderjungfer in irgend einem vornehmen Hause auch wrde teilhaben lassen am Wiegenfest des Heilandes? Oder das Ladenmdchen einlud irgendwo, da es in seiner Mansarde an keinem Weihnachtsbaum sich freuen konnte? Sie wehrte sich mit allem Mut gegen die Bitterkeit, die mit solchen Gedanken ber sie zu kommen drohte. Auf Neujahr hatte sie wieder hinausziehen wollen in die kalte Welt; da brachte Emma einen Stoss von allerhand Arbeiten und legte, ohne ein Wort zu sagen, die Zeitung zusammen, in welcher Klara Richard die Stellenangebote studiert hatte. Schliesslich erklrte Emma rund heraus, es wre ihnen allen berhaupt lieber, wenn sie einstweilen dabliebe, allenfalls auch im Sommer. Denn entweder habe Gottfriedli 224

sozusagen keine Mutter oder der Bruder keine Hlfe. Darber lasse sich reden im Frhling; fr einstweilen mchten sie beide gar bitten, dass sie alles in Stand bringen helfe, was die Jahre her hatte vernachlssigt werden mssen. Da fing Klara Richard wieder an, an die Menschen zu glauben. Woche um Woche floss in stiller Arbeit, in einsamem Frieden am Walegg vorber. Der Fhn schickte schon seine ersten Vorboten, und tagsber eilten im Sonnenschein kleine Bchlein von den schneebedeckten Hngen zu Tal. Grad ist der obere Teil der Grosslaui gekommen, erzhlte Hans Eicher eines Abends, und am Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) fngt das Eis auch an zu brechen. Im Stillen nahm er sich vor, wieder einmal sein Glck zu versuchen; vielleicht gelang es ihm doch, seiner Galeere zu entrinnen, einen andern, Freudigen dafr zu finden. Alle schliefen lngst, als er nachsann, den billigsten Preis nachrechnete, den er fr die Montana erlsen musste. Endlich fielen auch ihm die Augen zu. Pltzlich fuhr er auf und horchte in die Dunkelheit hinaus. Frio! hrte er jetzt ganz deutlich in der Ferne durch die Nacht gellen. Er sprang auf; oben lief Ulrich auch schon herum, pochte und schrie: Hans! Fritz! Auf! Die Montana brennt! Eicher wusste kaum, wie er zum Hotel hinber kam durch den tiefen weichen Schnee. Ulrich und Fritz Steiner folgten ihm auf dem Fusse. Auch vom Dorf her kamen einige gerannt, und in blinder Hast trugen die wenigen heraus, was noch erreichbar war. Das Feuer schlug schon aus dem Dach und aus den Fenstern. Wer hat das angezndet -- -- --? fragte jemand. So gehts einem, wenn mans mit allen verdirbt, rief Kueni dem Schnitzler zu, als der schliesslich tatenlos dem Brand zusehen musste; Kueni hatte ihm in letzter Zeit auch Feindschaft erzeigt. Die Feuerwehr kam. Aber es war kein Hydrant da; man hatte ja die Gummenweid mit der Leitung bergangen damals. Die Spritze ! Holt die Spritze; s ist kein Hydrant da! schrie der Kommandant. Bis die da ist, fllt die Montana zusammen. Und wo wollt ihr Wasser nehmen? wandte einer ein. Eigentlich soll der froh sein, dass er damals mit dem Wasser bergangen wurde; jetzt brennt die Montana sauber zusammen, und es gibt ihm nachher nicht noch eine grosse Abschatzung fr ersufte Ringmauern, warf Balmer hin. Gradauf wirbelten Feuer und dicke Rauchschwaden, und wenn eine Wand einstrzte, ein Boden brach, so sprhten tausend Funken in die stille Luft empor. Grell waren weit herum die Huser und die verschneiten Matten beleuchtet, und ber dem Waldsaum lag ein roter Schein; ferne Bume, Felsen und Dcher schimmerten im nchtlichen Dunkel auf, selbst in die tief herabhngenden Wolken pflanzte sich die Glut leise fort. Was sollen wir die Spritze da im Schnee herum spazieren fhren? Sollen wir vielleicht mit Luft lschen? Es ist ja gar kein Wasser droben als der Brunnen! begehrte einer auf in dem Knuel, der ber die Wiesen heraufkam und mhsam etwas hinter sich her durch den tiefen Schnee schleppte. s ist wahr. Lasst die Spritze einstweilen da stehen! befahl Karl Feiss(Feuz,Alpenrose), der Feuerkommandant. Ganz Stgen(Wengen) hatte sich bei der Montana versammelt. Bhlpeter erzhlte, wohl zum zwanzigsten Mal: Wie ich von der kranken Kuh weg aus dem Stall komme, sehe ich in der Montana ein Licht und denke: Was haben die um diese Zeit noch da zu tun? Ich hole in der Kche das Kraut fr die Kuh, sume mich dabei ein wenig, und wie ich wieder herauskomme, brennt es schon zu den Fenstern und zum Dach heraus. Das ist gut angezndet worden. 225

So viele Zuhrer hatte Bhlpeter noch nie gehabt sein Lebtag wie jetzt im Feuerschein der Montana. In den Tannen drben begann ein dumpfes Rauschen, und eine wilde Jagd gellte durch die Flhe. Du mein Gott, der Fhn! schrie einer auf, und wie ein Hlferuf ging es ber alle die Menschen hin: Es fhndet, es fhndet! Ein wilder Windstoss fuhr in die Glut und trieb sie ostwrts, dem Dorfe zu, ber die Menschen hin, die in ihrem Wege standen und nun in sinnloser Angst, geblendet und mit rauchendem Gewand davonrannten, strzten im hohen Schnee und wieder aufschnellten, von Angst und Schmerz gepeitscht. Fast waagrecht schossen die Funken stossweise ber den Boden hin, und was in dieser Feuerbahn lag, ward versengt. Der Schnee schmolz im Augenblick, und der kleine Ahornbaum, welcher zwischen der Montana und Kuenis Haus stand, brannte wie eine Fackel. Das Horn gellte. Bringt die Spritze! schrie Karl Feiss(Feuz,Alpenrose). Aber als sie kam, leckte das Feuer schon aus dem Dach am Hotel Jungfrau, kroch der First des Beausite entlang, verschlang die Alpenruh. Dem Kueni versagten die Knie, als er sein Haus brennen sah. - -- Ich habe nicht versichert -- -- sthnte er. Ein Brodeln und Krachen stieg aus den lohenden Husern auf, und unter hhnischem Geheul streute der Sturm die Funken bis hinber an den Fuss des Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen)s. Mit wenigen Besonnenen stemmte sich Karl Feiss(Feuz,Alpenrose) dem Verderben entgegen wie Helden in verlorener Schlacht. Sie kamen zurck auf die Wiese mit versengten Hnden und rauchenden Kleidern und rannten dann dem Dorf zu, den andern nach, um da zu wehren mit den Hydranten. Aber allenthalben flammte es zugleich auf, und in das Prasseln der Brnde gellte das Schreien der Menschen. Die Montana war nur noch ein glhender Schutthaufen, und bald brachen auch die drei Nachbarhuser zusammen. Die vom Waldegg(Wengwald) trugen stillschweigend die wenige gerettete Habe dem alten Hause zu, in dessen Fenstern sich die Riesenglut des untegehenden Dorfes spiegelte. Da stellte sich Kueni dem Schnitzler in den Weg und hielt ihm die Faust vors Gesicht. Daran bist du schuld, niemand als du! Hans Eicher schob ruhig die Faust zurck. Nein, ihr selber, ihr alle! Selbst an der Sonnenhalde, abseits des Feuerstromes, flammte es auf. Zinggg=nnis neues Hotel brannte lichterloh und riss die andern mit sich, den Gletschbach(Lauterbrunnen)blick und die Blmlisalp. Von Gletschbach(Lauterbrunnen) war die ganze Feuerwehr aufgebrochen; aber beim grossen Ahorn sperrte ihr die Glut den Weg. Umsonst suchten die Mutigen vorzudringen; der Brand dreier Huser strich ber den Pfad, und der Funkenregen zwang sie, hinter Felskanten Schutz zu suchen. Hier lauschten sie dem Krachen, Prasseln und Schreien, ohne Hlfe bringen zu knnen. Der Fhn hatte den Himmel reingefegt, und als der klare, kalte Morgen anbrach, stieg die Sonne in blutrotem Schein hinter den Bergen empor. Brauner, rauchiger Nebel lag ber der Jungfrau, brauner Rauch war auch bis zu oberst ins Gletschbach(Lauterbrunnen)tal hinbergedrungen. Und immer noch stiegen dichte Schwaden und trbe Flammen auf aus sechsunddreissig Brandsttten.

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XLI.
Ein Schrei war durch das ganze Land gegangen, und allenthalben wurden Liebesgaben gesammelt zur Linderung der grssten Not. Die Obdachlosen hatten zu Gletschbach(Lauterbrunnen) und in den verschont gebliebenen Husern zu Stgen(Wengen) einstweiliges Quartier gefunden. Das Steinbhl(Pension,KurhausSchiltwald) beherbergte allein zehn Haushaltungen, und Aaregger(UlrichLauener,KneuwUeltsch,[Link]) spendete reiche Gaben; ins Waldegg(Wengwald) wollte niemand kommen, trotzdem eine Stube bereitet worden war. Lieber bleiben wir unter freiem Himmel! hatte Kueni dem Schnitzler geantwortet, als er ihn mit den Seinigen kommen hiess. ber Stgen(Wengen) lag dunkle Verzweiflung, und die Landspekulanten, die schon umhergingen, als fast noch die Trmmer rauchten, hatten leichtes Spiel bei vielen, die alles verloren gaben und an keine Zukunftshoffnung mehr glaubten. Zingg=nni hatte im Irrenhaus Unterkunft gefunden; denn an der Sonnenhalde war in Schutt gesunken in wenig Stunden, was es in vielen Jahren errafft hatte. Heinz=Peter am Kindsbhl schaute am vierten Morgen nach der Schreckensnacht von seinem Huschen aus nachdenklich in die Weite, blickte dann auf Frau und Kinder und ging hinaus. Eine Stunde nachher fanden sie ihn erhngt im Stall; er war dem jungen Schleumer auf dem Sonnegg Brge gewesen und sollte deshalb um Haus und Obdach kommen auf seine alten Tage. Es war, als habe das Feuer einen Vorhang versengt, Verborgenes aufgedeckt. Ob einer gerhmt oder die Ruhmreden anderer nur schweigend gebilligt hatte, jetzt standen Kummer und Sorgen in seinem Gesicht. Ein jeder fluchte dem Brandstifter als dem Urheber seines Ruins. Da ein Schuldiger nicht gefunden worden war, auf blossen Verdacht hin Schreiner=niggels Bruder aber nicht bestraft werden konnte, so wandelte sich der Zorn bei den einen in Groll gegen Gott und die Menschen, zu verzweifelter Gleichgltigkeit bei den andern. Diese verkauften Grund und Boden den Spekulanten; aber die Hypotheken frassen den Erls, wie sie die Versicherung gefressen hatten. In dieser Voraussicht versuchten sie meist auch kein langes Markten. Andere liessen der Sache den Lauf; die Banken mochten ihrethalben den Hausplatz mit den verbrannten Mauern an sich nehmen, wenn sie Lust dazu hatten. Die brigen rumten den Schutt weg in stummer Ergebung und sannen darauf, von vorne anzufangen, wenn ihnen jemand darin beistand. Der Baumeister, dem die Alpenruh gehrte, hatte Kuenis Hausplatz dazu gekauft und erwarb nach hartnckigem Markten auch das Gummenweidli von Hans Eicher. Wer sich jetzt umtat und Geld hatte, konnte zu Stgen(Wengen) seinen Schnitt machen; aber er musste sich regen, ehe die Unglcklichen zur Besinnung kamen. So wenigstens schien es dem Baumeister und seinen Teilhabern am Konsortium. Es war zwar ein schnes Stck Geld, das er dem Schnitzler zahlen musste, gut so viel, als das Grundstck in gewhnlichen Zeitluften gegolten htte. Aber der Spekulant wollte es nicht fahren lassen. Wie er auch schalt und weglief, er kam immer wieder, und anfangs April ward verschrieben. Nun konnte der Schnitzler abrechnen, Schulden bezahlen, die Brgschaft Ulis ablsen. Den Rain kostete es zwar auch, und als er mit seinen Geschften zu Ende kam, waren die Schulden getilgt, das Erbe seiner Schwester gerettet aber ihm blieb nichts mehr. Nichts mehr als seine Hnde, sein Knnen und eine Schaffensfreude, eine Lust des Bereitseins, wie er sie nie in seinem Leben empfunden hatte. ber frhlingsduftende Weiden, durch rauschenden Wald stieg er dem

Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) zu und htte sein Glck hinausjauchzen mgen, ber die dumpfe Verzweiflung und das Elend hinweg, die da weit unter ihm lagen. Er war nichts mehr als ein armer Schnitzler; aber er war wieder ein freier Mann, dem die ganze Welt gehrte. An Gold besass er so wenig als die andern, die sich in ihrem Jammer krmmten; aber hell glnzten ihm von der Werkbank die Meissel entgegen. Es kam ihm vor, als habe der Teufel den Menschen das Gold und der liebe Gott, seinem Widersacher zu Trutz, ihnen das Eisen beschert, dass sie Gutes und Hohes damit schafften. Aber wie mancher andere gttliche Gedanke war auch dieser in den Menschenkpfen nebenaus geraten; statt eines Paradiesschlssels fr diese Erde hatten sie sich Fesseln der Habsucht aus der unscheinbaren Himmelsgabe geschmiedet. So wollte es dem Schnitzler vorkommen in seinem Glck, in seiner Verachtung fr alles, was auf zweifelhaften Wegen dem Reichtum nachjagte. Ihr seid Sklaven; ich bin frei! blitzte es aus den Augen. Den Stgen(Wengen)ern aber wollte es scheinen, der Schnitzler freue sich an dem Unglck, das er mitverschuldet hatte nach ihrer Meinung. Es knnte ihm ntze sein, wenn er bald ginge, hiess es. Im Waldegg(Wengwald) wurde auch eifrig zum Aufbruch gerstet. Allein hatte Uli nicht in Stgen(Wengen) bleiben wollen, und nach einem Kufer fr das schne Bauernwesen brauchte er nicht gar lange zu suchen. Unterhalb Thun hatte er ein kleineres Heimet fr einen Teil des Erlses erstanden. Im Bauernhause sollte der Hauptsitz der Sippe sein, wie bisher im Waldegg(Wengwald); im Stcklein mochten es sich der Schnitzler und Fritz Steiner bequem machen nach besten Krften. Da war Raum fr die Werkstatt zu ebener Erde und darber zwei Stuben zum Wohnen. Wegen dem Zins knnen wir dann reden, wenn wir an Ort und Stelle sind. Aber eines bedinge ich mir aus: In den Werchen (Landwirtschaftliche Hauptarbeiten) helft ihr mir, damit wirs mit wenigen fremden Leuten machen knnen, etwa mit einem Knecht. Und dafr helfe ich im Winter hobeln und sgen --. So verkndete Ulrich und machte ein bitterbses Gesicht, whrend ihm die Augen fast bergingen vor Freude im Gedanken an das Zusammensein fernab von der tosenden Menschenflut. Und Euch tut es besser fr Eure Gesundheit, draussen zu sein. Ich meine natrlich lange nicht, dass Ihr dann die Magd machen sollet. Aber wer immer noch so schlecht aussieht wie Ihr, der muss an die Luft und nicht in die Stadt, redete er mit derselben hochernsten Miene auf Klara Richard ein. Aber ich habe meiner Lebtag noch nie ein Bauernwerkzeug in der Hand gehabt! --- Es ist nicht schn von Euch, so ber mich zu spotten. Spotten? Wer sagt von spotten! Es ist mir bitter ernst damit! bekrftigte Ulrich. Das Bauern ist das einzig Wahre nach meiner Erfahrung. Da ist man noch ein Mensch, hat Boden unter den Fssen und braucht sich nicht von jedem anblasen zu lassen auf seiner eigenen Sach. Du redst ja wie ein Predigtbuch! spottete der Schnitzler. He nu, so red du, wenn d s besser weisst. Der Schnitzler wusste es noch besser und sagte daher -- nichts. An einem schnen Maientag wanderten sie dem Tale zu, den Weg hinunter, den sie in allerlei Zeitluften schon gegangen waren und der in diesem Frhjahr so viele von Stgen(Wengen) hatte hinausziehen sehen in die Welt mit trben Augen und armseligem Bndel am Rcken. Verstohlen schaute eins ums andere nach dem Waldegg(Wengwald) zurck, dessen Fenster freundlich und hell das Frhlicht wiederstrahlten. Die Erinnerung an tausend trauliche Erlebnisse im Vaterhause spann sich in jedem abschiednehmenden Blick von den Auswanderern hinber, und 228

keines von ihnen sprach ein Wort oder wagte es das andere anzusehen. Es waren viele ausgezogen von Stgen(Wengen) in dieser Zeit, aber niemand mit so schwerem Herzen wie die vom Waldegg(Wengwald). Und doch waren sie von all den Flchtlingen wohl die einzigen, die nicht der Alte vom Morgenhorn(Tschuggen,Mnnlichen) als nackte Bettler hinaustrieb in Not und dstere Zukunft. Beim grossen Ahorn hielten sie eine kurze Rast, sich nochmals umzusehen in der Heimat und dem braunen Huschen am Wald oben einen letzten stummen Gruss zu senden. Dann stiegen sie wortkarg talwrts. Im Kirchlein zu Gletschbach(Lauterbrunnen) hielten sie Einkehr. Da waren die drei Geschwister getauft und konfirmiert worden, und der Engel am Taufstein, dessen abgeschliffenen Nase Hans Eichers Andacht in der Unterweisung oft mehr gefesselt hatte als die Rede des Pfarrers, sah ihnen gerade noch so altertmlich=einfltig entgegen wie ehedem. Auf den Grbern von Vater, Mutter, Gottfried und Benz sprossten Nelken, und die Rosenstrucher trugen junges Laub und junge Knospen. Die pflegen wir aber weiter -- -- -- sagte Emma, nur um die bedckende Stille zu unterbrechen. Uli fluchte stossweise, es wusste kein Mensch ber was, und biss auf die Pfeife, dass sie waagrecht hinausstand; der Schnitzler rieb sich des Zigarrenrauches wegen gar oft die Augen, und Emma weinte schliesslich offen heraus. Fritz Steiner sass derweil abseits auf einem Abwehrstein und ass gleichmtig ein Brtchen; ihm war die Welt grsser als das Gletschbach(Lauterbrunnen)tal. Htte ich doch droben bleiben knnen im Frieden! Ich htte niemandem etwas in den Weg gelegt, seufzte Klara Richard. Der Bahnzug machte allen Betrachtungen ein Ende. Durch maienfrisches Gelnde eilte er dahin; die Talwnde wichen immer weiter zurck; die Ebene fllte ein blauer See, an dessen Ufern Hotel an Hotel stand, und immer weiter ging die Fahrt. Ein Zug mit Fremden raste der Richtung zu, aus welcher die Auswanderer kamen, eine frhe Welle der Flut, die zur Sommerzeit in den Bergen branden wird wie in jedem andern Jahre. Durch flaches Land, zu beiden Seiten von blaugrnen Hhenzgen eingefasst, ging die Reise weiter, an Drfern vorber, deren Huser durchs frische Laub der Obstbume schimmerten. So, da wren wir! mahnte endlich Uli; er fhlte sich zum ersten Male berufen, eine Rolle zu spielen, war es auch nur fr diesen Tag. Hinter dem kleinen Bahnhofe lag ein verstreutes Drfchen, dessen whrschafte Huser sich hinaufzogen bis zum Wald und bis hinber zu einem kleinen Fluss, ber dem eine wunderliche altvterische Brcke in mder Beschaulichkeit lag. Unweit von ihr guckte ein stattliches Bauernhaus mit einem kleinern Wohngebude durch Obstbume von einem Hgelchen hinunter gegen Fluss und hinber zu den Schneebergen, die in weitem Kranze den Hintergrund des gesegneten Gelndes vom Himmel schieden. Vor dem kleinen Hause, das den Schnitzler und sein Schaffen beherbergen sollte, stand breitstig und ehrenfest ein alter Kastanienbaum, dessen Wipfel sich schtzend ber die bemooste First des Huschens erhob. Der Mai hatte die ste des Riesen mit tausend roten Bltenkerzen besteckt, an denen ein summendes Bienenheer sich labte. Der Schnitzler blieb staunend vor dem blhenden Wunder stehen. Da kam Gottfriedli auf ihn zugelaufen und rief mit strahlenden Augen: DBerge, dBerge! ber grnen Matten und dunkeln Wldern erhoben sich fern die weissen Zinnen.

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Wann gehen wir wieder zu den weissen Bergen? fragte betrbt der Kleine. Und Hans Eicher streichelte ihm lchelnd ber das Kraushaar. Sind sie dir so lieb? fragte er. Der Kleine nickte ernsthaft. Da hob ihn der Schnitzler auf den Arm und ksste immer wieder das junge Angesicht, das sehnschtig dem Firnenkranz sich zuwandte.

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Aaregger 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 17, 18, 19, 21, 23, 24, 25, 26, 28, 30, 31, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 42, 47, 48, 50, 51, 53, 55, 56, 57, 62, 63, 64, 72, 73, 74, 75, 77, 78, 79, 81, 82, 84, 86, 87, 88, 90, 231

97, 99, 100, 101, 102, 107, 114, 124, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 141, 142, 143, 146, 147, 156, 157, 158, 159, 160, 161, 164, 165, 166, 168, 183, 192, 193, 194, 217

Balmer 39, 43, 48, 49, 50, 51, 57, 74, 75, 86, 89, 90, 91, 92, 93, 97, 99, 100, 101, 107, 118, 120, 138, 141, 142, 174, 175, 176, 182, 183, 191, 192, 194, 215 Benz 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 22, 23, 25, 26, 28, 31, 33, 34, 35, 36, 38, 39, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 55, 60, 61, 63, 65, 67, 68, 72, 73, 74, 75, 76, 78, 81, 82, 83, 84, 92, 93, 94, 105, 106, 114, 115, 116, 117, 120, 124, 126, 127, 128, 130, 131, 132, 133, 135, 136, 137, 139, 140, 145, 168, 195, 219 Berger 185 Bhl 79 Bhlpeter 72, 118, 119, 120, 140, 151, 154, 176, 192, 193, 194, 215, 216 Eicher 4, 5, 6, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 25, 36, 42, 45, 55, 61, 62, 64, 66, 71, 72, 73, 77, 79, 80, 81, 82, 83, 86, 90, 91, 92, 94, 97, 99, 100, 101, 102, 103, 106, 109, 110, 111, 112, 114, 115, 116, 124, 132, 135, 136, 138, 142, 143, 144, 145, 146, 148, 154, 158, 159, 160, 162, 164, 165, 167, 170, 173, 174, 175, 176, 178, 181, 183, 184, 185, 186, 190, 191, 192, 194, 195, 196, 198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205, 206, 207, 208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215, 216, 217, 219 Eichers 8 Feiss 9, 182 Fritschi 184 Gletschbach 4, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 15, 16, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 36, 44, 48, 49, 53, 54, 60, 61, 65, 66, 75, 76, 81, 82, 83, 85, 88, 92, 93, 97, 102, 105, 106, 107, 108, 113, 114, 115, 120, 121, 125, 128, 134, 136, 140, 141, 150, 168, 173, 174, 183, 212, 216, 217, 219 Heusser 54, 55, 56, 57, 59, 60, 65 Hundsbhl 11 Hrlibenz 88, 96, 97, 100, 101, 106, 108, 125, 126, 127, 128, 129, 131 Jungfrau 12, 15, 19, 24, 25, 30, 67, 71, 72, 88, 152, 153, 154, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 178, 179, 190, 193, 195, 197, 209, 216 Kneubach 11, 38, 39, 74, 75, 83, 84

Kueni 78, 141, 151, 152, 153, 170, 173, 176, 179, 190, 206, 207, 209, 211, 212, 215, 216, 217 Livius 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 65 Marti 12, 19, 21, 26, 33, 82, 83, 160, 162, 163, 185 Montana 184 Rain 11 Richard 173 Rotenbalm 6, 8, 19, 22, 30, 31, 36, 72, 75, 86, 88, 89, 93, 95, 96, 102, 106, 109, 118, 120, 128, 131, 133, 137, 138, 141, 158, 162, 169, 173, 174, 182, 185, 204, 210 Schnitzler 191 Stgen 3, 4, 6, 7, 8, 9, 11, 12, 17, 18, 20, 22, 23, 24, 26, 34, 35, 38, 40, 41, 42, 43, 48, 49, 51, 53, 54, 55, 61, 62, 63, 65, 72, 75, 77, 78, 83, 86, 90, 91, 95, 97, 99, 100, 109, 118, 119, 121, 125, 126, 128, 133, 136, 138, 139, 140, 150, 151, 154, 156, 163, 167, 168, 169, 173, 176, 177, 178, 179, 181, 182, 183, 184, 193, 194, 195, 196, 198, 201, 206, 207, 208, 210, 211, 212, 213, 214, 215, 217, 218 Steinbhl 6, 7, 10, 12, 13, 23, 24, 25, 28, 34, 35, 38, 39, 40, 42, 48, 49, 50, 51, 55, 57, 62, 72, 73, 74, 77, 78, 79, 80, 81, 84, 86, 90, 92, 99, 100, 101, 102, 103, 107, 114, 116, 117, 119, 120, 121, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139, 140, 141, 142, 144, 145, 146, 147, 148, 149, 151, 156, 157, 158, 159, 160, 163, 164, 165, 167, 168, 170, 173, 183, 191, 195, 217 Steiner 79, 95, 138, 140, 143, 150, 151, 168, 169, 170, 171, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 180, 181, 183, 184, 190, 208, 209, 214, 215, 218, 219 Waldbord 14 Waldegg 4, 5, 8, 12, 13, 18, 19, 23, 27, 33, 35, 42, 43, 47, 55, 65, 66, 72, 75, 81, 83, 92, 103, 104, 105, 114, 116, 117, 118, 121, 124, 130, 131, 132, 134, 136, 137, 139, 140, 141, 142, 146, 150, 151, 154, 157, 158, 160, 164, 169, 181, 182, 183, 184, 206, 211, 214, 216, 217, 218 Wirtenen 19, 20, 110, 164 Zingg 124, 125, 126, 127, 129, 130, 131, 134, 138, 140, 141, 151, 152, 153, 170,

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171, 172, 173, 178, 181, 182, 190, 195, 206, 207, 210, 217

Zumbrunn 54, 173

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