Zwielicht 23
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Horror in all seinen Facetten. Kurzgeschichten., Übersetzungen und Artikel des Genres Horror und Unheimliche Phantastik. Und das schon zum 23. Mal.
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Buchvorschau
Zwielicht 23 - Michael Schmidt
Vorwort
Liebe Freundinnen und Freunde des Unheimlichen!
Als wir 2009 die erste Ausgabe von Zwielicht veröffentlichten, hätte wohl niemand daran gedacht, dass 2026 die Ausgabe 23 erscheint. Im Genre Horror und Unheimliche Phantastik sind wir damit einzigartig. Kein anderes Magazin hat eine nur annähernd ähnliche Publikationshistorie. Zumindest in der Neuzeit. 1919 bis 1921 erschien Der Orchideengarten, der aber mehr Sammelsurium war und sich auch auf Erotik und bildende Kunst konzentrierte.
International gab es da mehr. Der bekannteste Vertreter ist Weird Tales, das von 1923-1954 publiziert, später mehrmals wiederbelebt wurde und viele bekannte Schriftsteller hervorbrachte.
In der deutschsprachigen Science-Fiction gibt es auch in der Neuzeit langläufige Magazine wie phantastisch! (aktuell rund 100 Ausgaben), Exodus, das mit Band 50 dieses Jahr Schluss macht, oder Nova, das es schon auf 38 Ausgaben gebracht hat und seit 2002 durchgehend auf dem Markt ist.
Warum gerade im deutschsprachigen Horror kein langlebiges Magazin existiert außer Zwielicht? Wir werden es nie erfahren. Deutschsprachiger Horror findet fast ausschließlich in Kleinverlagen statt, bei Kurzgeschichten gibt es kaum mal eine Publikation, die in einem großen Verlag erscheint und die wenigen Ausnahmen sind alle gefloppt.
Dafür bieten wir mit Zwielicht die geballte Kraft der Kreativität. Erneut sind fünf Autorinnen und Autoren zum ersten Mal vertreten. Thorsten Küper kennen wohl alle, die sich mit der Science-Fiction-Szene beschäftigen. Sebastian Weber, Thomas Grüter und Kerstin Wandtke stehen ebenfalls bereit, die Leser zu begeistern.
Mit Die Seance der Schmerzen reiht sich Malte S. Sembten in den Reigen der Zwielicht Autoren ein, der leider schon 2015 verstorben ist und aus dessen Nachlass uns Konrad Schulz-Sembten und Robert Bloch diese Geschichte zur Verfügung stellen, was uns eine ganz besondere Ehre ist.
Maximilian Wust lässt zum dritten Mal den Abelard auf den Leser los. Die ersten beiden abgeschlossenen Abenteuer finden sich in Zwielicht 20 und Zwielicht 22.
Während Uwe Durst und Michael Tillmann mittlerweile Stammgast in unserem Magazin sind, kehren Jasper Nicolaisen (Zwielicht 18) und Jerk Götterwind (Zwielicht 12) nach längerer Pause wieder mit einer Geschichte zurück. Auch Lena Marlier, die dafür sorgt, dass die Geschichten den letzten Schliff bekommen und Fehler minimiert werden, ist dieses Mal wieder mit einer Geschichte vertreten.
Erneut haben wir vier Klassikerbeiträge in deutscher Erstveröffentlichung dabei. Schreiben Sie uns gerne, ob Sie lieber mehr oder weniger dieser literarischen Rückblicke wünschen.
Inhaltlich haben wir uns auch in Zwielicht 23 der Abwechslung zugewandt. Wir denken, das ist es, was der Leser will. Ihre Wünsche können Sie uns auch ganz einfach an Zwielicht_Magazin@defms.de schicken. Wir lieben Lob, brauchen aber auch Kritik, schließlich ist Zwielicht ein Magazin, das es sich auf die Fahne geschrieben hat, sich stetig weiterzuentwickeln.
Mit unheimlichen Grüßen,
Geschichten
––––––––
Thorsten Küper – Vom tiefen Meer unter der Treppe
Niemand wird mein Verschwinden jemals beklagen, niemand wird ein vergilbtes Foto meines Gesichtes mit dem stets abwesenden, in die Ferne gerichteten und zugleich gesenkten Blick streicheln, kaum jemand wird die Geschehnisse in dieser Kabine und meinen Verbleib hinterfragen und wenn, dann geschieht dies nur, um eine Akte zu schließen, zu archivieren und unter bürokratischem Staub zu begraben. Was verbleiben wird, ist das leere Haus in Sussex, das ich in meiner Kindheit gefürchtet und gehasst habe, und die verfaulten und morschen Ufer des ausgetrockneten Meeres unter jener breiten Marmortreppe.
*
Es ist der zweite Tag und ich hoffe, diesmal mehr Kraft für meine Aufzeichnungen zu finden als am gestrigen.
Bin ich auch an Bord dieses Schiffes auf dem Mittelmeer so weit in Zeit und Raum davon entfernt wie nie zuvor, so sind mein Verstand und meine Vorstellung doch verblieben in jenem Haus, das ich in den Sommern der Jahre 1905, 1906 und 1907 bewohnen, nein, ertragen musste und das mich letztendlich auf diese Reise geführt hat.
Blicke ich gerade durch das Bullauge, sehe ich das Château d’If. Jene Gefängnisinsel aus Dumas‘ „Der Graf von Monte Christo". Wie zerbrechlich ist dieser Kerker doch im Vergleich zu dem Kerker, in dem mein Verstand gefangen ist. Doch auf seltsame Weise gleicht er dem Haus, aus dem meine Seele nie wirklich entkommen ist.
Ich war gerade noch dreizehn, als ich es zum ersten Mal betrat. Damals voller Neugier, durchsetzt mit dezenter Hoffnung, auch Vorfreude, doch vor allem Furcht. Aus London angereist, von meiner Mutter geschickt, dieser blassen, schwachen und doch starken Frau. Hergegeben für drei Monate. Drei Monate mit einem Vater, der in den vorangegangenen dreizehn Jahren nie Interesse an mir gezeigt, nicht meiner Geburt, oder meinem Aufwachsen beigewohnt hatte und in mir nicht mehr als eine bürokratische Verpflichtung zu einer monatlichen Zahlung an seine ehemalige Mätresse gesehen hatte. Und der mich nun völlig unerwartet, aber in logischer Konsequenz als sein juristisches Eigentum verstehen wollte.
Wohlgemerkt waren das nicht meine damaligen Worte, jedoch vielleicht meine unausformulierten Empfindungen, als ich mit zwei Koffern, zu schwer für mich, so dass ich sie schleifte statt trug, seinen Landsitz betrat. Es gab auch eine Wohnung in London, drei Meilen von mir und meiner Mutter entfernt, aber das hatte ihn nie dazu getrieben, meine Nähe zu suchen. Nicht einmal begegnet war ich ihm und wenn, dann hätte ich ihn nicht erkennen können, denn es gab kein Bild von ihm.
In London übersah er mich.
In Sussex sah er alles von mir.
Ich erschien wie befohlen in jenem Haus bar jeder Symmetrie mit seinen aus Dach und Ecken hervorsprießenden, von unsichtbaren Wachen besetzten Türmchen, den Fenstern, hinter denen eine unheilige Schwärze lauerte, umwuchert von wildem Wein, der das Gemäuer nicht verzierte, sondern geradezu niederrang, als wolle das Land darunter selbst es in sich hinabreißen. Verschlingen, begraben wie einen Makel, dessen es sich schämte.
Damals glaubte ich, dass ich ein Makel war, den mein Vater bis zu meinem 13. Lebensjahr in London verborgen hatte.
Ich klopfte an, sah mich um zu knarrenden Schwarzkiefern, allesamt vom Haus weggeneigt, wie im ersten Schritt einer panischen Flucht festgewachsen.
Es dauerte eine Weile, dann öffnete er mir selbst die Tür. Die persönlichste Geste, die ich je von ihm erfahren würde, was ich damals nicht wusste, als sein Blick mich maß. Ich hätte auch ein Fremder sein können, der an einem stürmischen Tag um Hilfe ersuchte.
„Du bist Thomas Cardiff", stellte er mit einer Stimme fest, die heller war als ich erwartet oder gehofft hatte. Später würde ich sagen, er hat mich stets so angesehen wie eines der Exponate in seinem Museum. Als durchdränge er durch bloße Betrachtung die Entwicklung eines Objektes über Herstellung oder Geburt, Gebrauch oder Dasein, Zerstörung oder Verfall, bis zu seinem jetzigen Zustand.
Er war hager, wie ich, sein Haar dunkel, wie meines, wenn auch sauber zurückgekämmt, mit keiner einzigen widerborstigen Strähne auf seiner Stirn wie bei mir. „Dir wuchern die Flausen ins Gesicht", hatte Mutter zu sagen gepflegt. Auf eine Weise, dass ich wusste, dass es gerade eben diese Flausen, Streiche und Frechheiten waren, die sie liebte. Der da liebte nicht, der da bewertete.
„Ich bin Arthur Penhallington. Das war es, was er sagte. Nicht „Willkommen, mein Sohn
, nicht „Ich bin dein Vater", nicht die kleinste Silbe, die auf das besondere Band zwischen uns hingewiesen hätte, stattdessen fügte er hinzu:
„Und du bleibst Thomas Cardiff. Jedenfalls ist das sehr wahrscheinlich."
Er reichte mir nicht einmal die Hand, drehte sich um, und ich schleifte meine Koffer hinter ihm her. Hinein in diese Halle mit den beiden weißen Treppen links und rechts, hinauf auf eine große Empore. Doch ich folgte ihm unten, durch eine weitere Doppeltür in ein Zimmer, dessen Sinn sich mir in meiner Unwissenheit entzog, denn es schien von universeller Funktion zu sein, in einem Bereich Werkstatt, in einem anderen Bibliothek, dann doch wieder Salon mit zwei riesigen Sesseln und einer Tafel, hinter der sich, so gut konnte ich mich orientieren, die Fenster des Erdgeschosses befinden mussten.
„Erklär mir, was du auf dieser Tafel siehst."
„Buchstaben?", wagte ich zu antworten.
„Eine enttäuschende Antwort."
Da waren auch Zahlen. „Mathematik?"
„Physik. Die Arbeit eines jungen schweizerischen Physikers. Der photoelektrische Effekt."
„Ich weiß nicht ..."
„Du ahnst nicht, du verstehst nicht, du weißt nicht."
Ganz plötzlich ragte er vor mir auf. „Du wirst verstehen. Spätestens im Sommer 1906. Das ist unser Ziel und mehr als das. Deine Kindheit ist vorbei, Thomas Cardiff. Du wirst arbeiten, lernen und begreifen. Dann sehen wir weiter."
Er deutete auf die Tafel. „Dieser junge Mann wird noch mehr erkennen. So wie du. Merk dir seinen Namen. Albert Einstein. Und 1919 ..."
„Ja?"
„Wir essen zu Abend."
„Erst 1919?"
Wir aßen zu Abend. Schweigend, in einem kalten Raum, weit entfernt vom Feuer in dem riesigen Kamin, noch weiter entfernt voneinander, er an einem Ende einer langen, leeren Tafel, ich am anderen. Unsere Distanz noch größer, als sie es gewesen war, bevor wir uns an diesem Tag zum ersten Mal begegnet waren.
Er war keine wirkliche Enttäuschung für mich. Doch ich war es für ihn. Jedenfalls fühlte es sich so an.
Es wurde ein kalter englischer Sommer. Kühl in London, wie ich Vaters Zeitungen entnahm, eisig in diesem Haus, das für mich Schule, Kaserne, Museum und Bibliothek, jedoch kein Heim war.
Die Größe des Zimmers, in dem Mutters Londoner Wohnung zweimal Platz gefunden hätte, stand im Widerspruch zu der Leere im Raum, in dem sich lediglich mein Bett, ein Tisch und ein Stuhl befanden. Mitten im Raum wie auf einer Eisscholle im arktischen Meer treibend. Und genauso fühlte ich mich, wenn ich einen der Briefe an Mutter schrieb, die zu verfassen er mir gestattete. Einen pro Woche. Sie zu lesen, behielt er sich vor, und ebenso, sie überhaupt zu versenden. Ich erfuhr erst nach meiner Rückkehr, dass weniger als die Hälfte davon jemals London erreicht hatten.
In diesem Sommer umgab mich Schweigen. Vor allem in diesem seltsam leeren Zimmer, das stets auf mich wirkte, als sei es kurz zuvor noch bewohnt gewesen, seine Möblierung jedoch eilig entfernt worden. Dafür sprachen auch die Spuren im hölzernen Boden, die aussahen, als hätten kleine Räder und spitze Kanten dort Narben hinterlassen. So sah ein Boden aus, auf dem gearbeitet worden war – oder einer, auf dem Kinder gespielt hatten.
Es gab diese langen Momente, in denen ich nichts weiter tat, als auf den Boden zu starren, bis ich jedes Muster auswendig kannte, es auf einer großen Leinwand hätte nachzeichnen können. Auch die acht Abdrücke an der östlichen Wand, die aussahen, als hätten sie zwei dicht nebeneinander stehende Betten hinterlassen. Wer hatte vor mir dieses Zimmer bewohnt?
Hatte Penhallington es von jemandem erworben, dessen Kinder hier aufgewachsen waren?
Ob es eine bessere Kindheit als meine gewesen war?
Im Nachhinein erstaunt mich, dass ich das Flüstern im Jahr 1905 noch nicht wahrnahm, mich zumindest nicht daran erinnere. In der allgegenwärtigen Stille hätte es zu mir durchdringen müssen.
Oder es hatte in jenem Jahr noch kein Interesse an mir gefunden.
Ich verbrachte niemals wirklich Zeit mit Vater. Unser Umgang miteinander war die Summe mehrerer terminierter Begegnungen am Tag, während er mich in den übrigen Stunden meinen Aufgaben überließ und sich mir in verschlossenen Flügeln des Hauses entzog.
Vater erkundigte sich niemals nach meinen Interessen, geschweige denn Wünschen. Er erteilte mir Instruktionen. Er sah mich nie an, wie meine Mutter es tat, nein, er begutachtete mich. Er sprach auch nicht mit mir, er dozierte. Er lobte mich niemals, er bewertete nur die Resultate meiner Aufgaben.
Wenn mich jemand gefragt hätte, welchen Farbe seine Augen haben, so hätte ich dies nicht beantworten können. Hatte ich auch das Gefühl, von ihm jederzeit genaustens betrachtet zu werden, so kann ich mich doch nicht erinnern, dass sein Blick jemals dem meinen begegnet wäre.
Woran ich mich erinnere, ist seine Geduld. Nicht jene gütige Geduld, wie ich sie von Mutter erfahren hatte. Seine Fähigkeit, auf mein Begreifen zu warten, fühlte sich an wie die Geduld einer Katze, die mit einer tödlich verletzten Maus spielt.
Er erhob weder Stimme noch Hand gegen mich, obwohl ich dies zunächst erwartet hatte. Das minderte die Konsequenz, mit der er mich durch meine Lektionen trieb, jedoch nicht.
Wenn er meine Mutter und die Vernachlässigung ihrer Pflichten hinsichtlich meiner Ausbildung erwähnte, war das schmerzhafter als ein Peitschenhieb. Ich glaube, er hat sehr schnell herausgefunden, dass er mich auf diesem Wege quälen konnte, ohne sichtbare Narben zu hinterlassen.
Es mag wenige Tage nach meiner Ankunft gewesen sein, als ich es wagte, ihn zu fragen, warum sämtliche Türen im Hause verschlossen seien.
„Wir werden sehen, erklärte er, „welche Türen sich dir nach und nach öffnen.
Nur wenig später erhielt ich einen Schlüssel für seine Bibliothek.
Tausende Bücher über Mathematik, Medizin und Ökonomie füllten der Raum über zwei Stockwerke hinweg. Nach langen Tagen des Lernens an diesem spektakulären Ort schlossen sich ebenso lange Abende praktischer Tätigkeiten in seinem Labor an.
Ich kann nicht umhin zuzugeben, dass nicht alles daran gänzlich furchtbar war.
Mein bisheriges Leben war das eines Jungen gewesen, der das Abenteuer auf den Straßen Londons gesucht hatte. Doch ich hatte in einem Vakuum intellektueller Anreize existiert, entzog sich die Welt der Philosophie und Wissenschaft doch der Realität unserer bescheidenen Existenz. In diesem Sommer lernte ich zum ersten Mal das Gefühl tiefer Faszination für das Universum kennen. Nur gab es niemanden, mit dem ich meine Erfahrungen hätte teilen könne. Äußerte ich mein anerkennendes Staunen über das Funktionieren des Knallfunksenders, den ich im Labor meines Vaters gemeinsam mit ihm gebaut hatte, so reagierte er darauf in keinster Weise. Einmal wagte ich es, so etwas wie Bewunderung über seine technischen Kenntnisse auszusprechen.
Angesichts der Tatsache, dass er kerzengerade von seinem Stuhl in die Höhe schoss, war ich mir in diesem Augenblick sicher, dass er mich ohrfeigen würde. Er beschränkte sich jedoch allein auf zwei Sätze. „Bewunderung ist Bescheidenheit. Bescheidenheit ist Schwäche." An diesem Tag sah ich ihn nicht wieder. Am nächsten kehrten wir zu unserem Zeitplan zurück, als wäre nichts gewesen.
Er lehrte mich Wissen, das ich verstand, dessen Nutzen sich meinem Verständnis jedoch entzog und dessen Zweckmäßigkeit ich für mich nach der Rückkehr in mein Stadtleben nicht erkennen konnte. Ich bezweifelte, dass meine Kenntnisse über Funken-Telegraphie dazu geeignet waren, meine Lehrer zu beeindrucken, da ich nicht annahm, dass einer von ihnen überhaupt über dasselbe Wissen verfügte.
Aber vor allem hatte ich nicht verstanden, dass meinem Vater die Ergebnisse all der Experimente, die er mit mir gemeinsam durchführte, tatsächlich genauso gleichgültig waren, wie es den Anschein erweckte.
Sein Studienobjekt waren weder biologische Proben noch elektrische Maschinen gewesen. Nein, es war immer nur um eins gegangen: Mich. Mein Vater hatte verifizieren wollen, ob ich in der Lage war, genauso schnell zu lernen wie er. Der Befund war ein positiver, wenn ich selbst das bei all meiner bislang unbemerkten Intelligenz auch noch nicht verstanden hatte.
Ein scharfer Verstand mag ein Segen sein. Mich verurteilte er lediglich dazu, dass ich den nächsten Sommer wieder gemeinsam mit Vater verbringen würde.
Als ich im September 1905 ins Herz Londons und die Arme meiner Mutter zurückkehrte, war ich mir dessen noch nicht gewahr. Ebenso wenig wie der Tatsache, dass ich mein weiteres Schicksal und mein Ende bereits besiegelt hatte.
*
Während ich diese Worte schreibe, steht ein Rasierspiegel mit hölzernem Rahmen so ausgerichtet auf dem Schreibtisch, dass er es mir gestattet, beim Verfassen meiner Sätze stets den Blick auf jenen wuchtigen Reisekoffer zu richten, den drei um Luft ringende Männer unter größten Anstrengungen zunächst auf das Schiff und dann über enge Treppen hinweg in meine Kabine gewuchtet haben. Er ragt im Schatten auf wie ein steinernes Artefakt, das urtümliche Kräfte aus dem Boden nach oben getrieben haben.
Drei Schlösser sichern ihn, drei verschiedene Schlüssel sind nötig, sie zu öffnen. Es braucht zwei sehr starke oder drei normal gebaute Männer, um ihn zu bewegen. Sein enormes Gewicht überzeugt geneigte Diebe beim ersten Anheben davon zu überzeugen, dass sie sich an dieser Beute nicht versuchen wollen.
Die Kette zwischen mir und diesem Koffer ist unsichtbar. Doch sie ist unüberwindlich. Er ist mein Schicksal, das ich, ohne jede Chance auf Flucht seit mehr als sieben Jahren wie eine eiserne Kugel hinter mir her schleife. Und doch bin ich in diesem Augenblick freier, als ich es jemals zuvor gewesen bin.
Ich unternehme lediglich kurze Ausflüge an Deck, während denen einer meiner beiden Leibwächter die Tür zur Kabine bewacht. Manchmal verbringe ich eine halbe, manchmal eine ganze Stunde am Heck, sehe ins schaumige Fahrwasser, das sich bis zum Horizont erstreckt wie eine Nabelschnur, die mich noch immer mit dem Land und meiner Vergangenheit verbindet.
Nur selten führt mich ein kurzer Rundgang zum Bug des Schiffes. Er weist in eine Zukunft, die es für mich nicht geben wird.
Meine Reise endet andernorts und früher ...
*
Im Frühjahr 1906 kehrte ich zurück ins Haus meines Vaters.
In jenem Mai hatte sich auch mein Leben in London verändert. Seit dem vergangenen Herbst besuchte ich sechs Tage die Woche eine exorbitant teure Privatschule mit einem gerade erbauten Wissenschaftsgebäude in der Great College Street, über die sich zahlreiche Zeitungen begeistert äußerten.
Es war nur allzu offensichtlich, wer das Schulgeld zahlte. Meine Koffer schleifte ich auch nicht länger hinter mir her, war ich doch in den vergangenen Monaten erheblich in die Höhe geschossen. Dass Mutter sich nach meinem Wachstumsschub neue Hosen für mich nicht vom Munde absparen musste, lag allein daran, dass er nun für drei Schuluniformen sorgte – und für alles, was ich an Schreibzeug und Büchern benötigte. Ein Buchhalter erschien einmal pro Woche in unserer Wohnung und überprüfte akribisch, wofür das zur Verfügung gestellte Geld verwendet wurde. Als wäre meine Mutter jemals auf die Idee gekommen, auch nur einen Penny davon für sich selbst abzuzweigen. Ihr auf diese Weise zu unterstellen, sie sei eine geldgierige Person, machte es mir unmöglich, seine finanzielle Unterstützung als eine Zuwendung wahrzunehmen, oder gar als das Bemühen eines Vaters um seinen Sohn. Arthur Penhallington tätigte eine Investition in einen bis vor wenigen Monaten unerwünschten Abkömmling, von dem er sich irgendetwas zu versprechen schien. Und das waren tatsächlich die Worte meines fünfzehnjährigen Ichs, nachdem man mich in Mathematik mit den Grundlagen des kaufmännischen Denkens vertraut gemacht hatte.
Umso überraschter war ich über das Geschenk, dass er mir kurz nach meiner Ankunft in seinem Hause machte.
Der Hund wartete in meinem Zimmer auf mich.
Das glänzende Fell schwarz wie Obsidian, hoch auf den Beinen, mit hängenden Ohren, den Blick zunächst misstrauisch, dann erwartungsvoll auf mich gerichtet, mit einem Unterkiefer, der mich an das Gesicht eines üblen Burschen erinnerte, der mich drangsaliert hatte, als ich zehn war. Der Mund dieses Jungen hatte immer offen gestanden.
„Er ist eine deutsche Dogge, erklärte mein Vater hinter mir stehend. „Und er gehört dir, wenn du ihn dazu bringst, dich als seinen Herrn zu akzeptieren.
Als ich einen Schritt machte, knurrte der Hund mich an.
Ich ging in die Knie, hielt ihm eine Hand entgegen. Er betrachtete sie argwöhnisch. Offenbar hatte er bereits Bekanntschaft mit Begrüßungen durch Menschen gemacht. Eine Furche im Fell zwischen seinen Ohren war offensichtlich eine Narbe. Jemand hatte nach ihm geschlagen und ihn nicht verfehlt.
Er knurrte nicht mehr, was ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sein konnte. So viel wusste ich über Hunde. Ich sah mich um. Mein Vater war nicht mehr da.
Als ich mich wieder umdrehte, war der Hund näher gekommen. Unsere Blicke begegneten sich.
Sein Kiefer mochte zwar der eines Schlägers sein, der ein ganzes Viertel terrorisierte.
Aber seine Augen die des Jungen, der dir zur Hilfe kommt.
Er kam näher, schnupperte an meiner Hand. Ich spürte seinen warmen Atem an meinen Fingerspitzen und ich wagte es, ihm über den Kopf zu streichen. „Du bist Obsidian, flüsterte ich. „Und du gehörst mir.
Er gab einen kurzen Laut von sich. Kein Knurren, kein Bellen, etwas, das für mich so klang wie „einverstanden".
Von diesem Augenblick an wich er mir nicht mehr von der Seite. Auch auf den Reisen.
Ja, dieser Sommer verlief in mancher Hinsicht anders, als ich es erwartet hatte. Wir begaben uns auf eine Reihe kleiner Reisen zu Fabriken, Werften und einer stählernen Insel in der Irischen See. Ich war zum ersten Mal auf einem Schiff, erlebte meine erste Fahrt in einem Luftschiff und ich nahm an verschiedenen Sitzungen in Banken in Wales und Schottland teil, Obsidian dabei stets an meiner Seite.
Freiheit fand ich auch in langen Wanderungen, die ich gemeinsam mit Obsidian unternahm. Kleine Expeditionen in Wald, Felder und Hügel um das Haus herum, bei denen ich die Gelegenheit hatte, wieder für ein paar Stunden zu dem unbedarften Jungen zu werden, der ich weniger als zwei Jahre zuvor noch gewesen war.
Auf einer dieser Wanderungen im frühen August des Jahres 1906 stieß ich im Wald hinter dem Anwesen auf eine kleine Lichtung. Die Bäume konnten noch nicht lang gefällt worden sein, denn die Stümpfe hatten erst wenig Moos angesetzt. Auf dem dadurch gewonnen Platz war ein kleines Gebäude mit einer Kuppel aus weißem Marmor, dessen Zweck sich mir zunächst nicht erschloss, bis ich es als ein Mausoleum erkannte.
Jemand hatte vor nicht allzu langer Zeit auf Penhallingtons Grund ein Grabmal erbaut. Und das ergab nur einen Sinn, wenn er selbst den Auftrag dazu gegeben hatte.
Ich erinnere mich daran, wie aufmerksam Obsidian es betrachtete. So, als habe er Witterung aufgenommen. Und möglicherweise ergab das ja auch einen Sinn, falls darin tatsächlich jemand seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Aber wer?
Es gab keine Innschrift, keine Jahreszahl, und der Zugang war verschlossen. Natürlich versuchte ich es zu öffnen, aber das Schloss erwies sich als robuster und komplexer als das eines Geräteschuppens.
Später am Tag fragte ich Penhallington nach dem Gebäude, erhielt jedoch keine Antwort.
Dafür öffnete sich jedoch eine andere Tür.
Endlich durfte ich allein in sein Labor. Ich konnte dort Zeit mit einer langen Reihe von Versuchen verbringen, die sich auf Phänomene elektrischer und magnetischer Natur fokussierten. Eine Freiheit, die ich durchaus genoss.
Verstohlen und heimtückisch begann sich eine Idee gemeinsam mit den Lektionen, die Arthur Penhallington und Ingenieure, Techniker und Kaufleute mir erteilten, in meine Gedanken zu schleichen. Bestand die Möglichkeit, dass ich die Absichten meines eigenen Vaters verkannte? War es vielleicht doch so, dass er auf die ihm lieblose Art und Weise, die keinerlei Emotionen zu offenbaren pflegte, doch eine Zuneigung zu mir verspürte, die ihn jetzt dazu brachte, mir zu schenken, was er schenken konnte? Nämlich die Möglichkeit zu lernen, zu forschen, und sein gesamtes Wissen?
Bewertete ich, was er für mich tat, aus jugendlicher Naivität und Respektlosigkeit falsch?
Vielleicht kannte er Anerkennung, aber für ihn war es ein Zeichen der Schwäche, sie auch zu zeigen.
Möglicherweise, so glaube ich heute, erkannte er, dass ich mir genau diese Fragen stellte. Und es war ihm wichtig, mir kurz darauf eine Antwort zu geben.
Eine, die mir nicht gefallen würde.
Doch in diesem Sommer geschahen auch noch andere Dinge.
Am 31. August 1906 hörte ich zum ersten Mal die Stimme.
Nachts im Hause meines Vaters.
In diesem Jahr geschah es nur das eine Mal. Doch das Erlebnis hinterließ einen so bleibenden Eindruck, dass es mich noch wochenlang beschäftigte.
Es war ein heißer Tag gewesen. Der Beginn einer viertägigen Hitzewelle im gesamten Königreich. Schon allein deswegen habe ich ihn in meinem Tagebuch vermerkt. Jene Nacht erwähnte ich nur in einer Randnotiz, war ich mir doch am darauf folgenden Morgen nicht mehr sicher, ob ich mich lediglich an einen Traum erinnerte. Dabei sind mir jene Momente auch nach all diesen Jahren so gegenwärtig, als hätte es sich gerade erst zugetragen. Wahrscheinlich fürchtete ich sogar, es durch eine detaillierte Aufzeichnung als wirklich zu akzeptieren und ihm so erst den Zugang zu meinem Leben zu ermöglichen. Vielleicht war meine innere Blockade tatsächlich auch der Grund, warum es 1906 nur ein einziges Mal geschah.
Ich erinnere sehr genau den Augenblick meines Aufwachens in jener Augustnacht. Das Kribbeln vom Kopf bis in die Fingerspitzen, die aufgestellten Härchen in meinem Nacken, ein Frösteln, das mich erbeben ließ. Die eisige Gewissheit, plötzlich nicht mehr allein in meinem Zimmer zu sein. Geweckt von einer leisen und doch unüberhörbaren Stimme. So als stünde jemand direkt neben meinem Bett, zu mir hinabgebeugt, die Lippen an meinem Ohr ...
Ich saß aufrecht, noch bevor ich wirklich wach war, die Lippen zu einem Aufschrei geöffnet und ...
Niemand war da. Jedenfalls keine Person.
Obsidian hob den Kopf und beobachtete mich in der Art, wie Hunde es tun, wenn sie spüren, dass ihr Herr beabsichtigt, das Haus zu verlassen. Auf einen Eindringling hätte er längst reagiert. Stets musterte er jeden mit Argwohn, der sich mir näherte. Dass jemand nachts diesen Raum betrat und zu meinem Bett schlich, hätte er nicht geduldet. Selbst ein großer Angreifer hätte Obsidians Kiefer fürchten müssen.
Ich war allein, entspannte mich, war sogar etwas amüsiert über meine törichte Furcht. Sank zurück auf mein Kissen, schloss die Augen, erreichte jenen Moment am Rand der Klippe, über deren Kante hinweg man in tiefen Schlaf fiel, und wurde erneut von der leisen und doch so lauten Stimme zurück in mein dunkles Zimmer geholt.
Das waren Laute, die keinen Sinn ergaben, sich aber doch zu meinem Namen zusammenfügten, wenn auch auf eine Weise, dass niemand anderes ihn erkannte hätte. Ich wusste lediglich, dass ich gemeint war, wenn auch auf eine Art ausgesprochen und betont, als würde jemand Töne dazu benutzen, die noch niemals irgendjemand gehört hatte.
Das Fenster hatte ich am Abend geöffnet. Es stand noch immer weit auf. Wer auch immer zu mir sprach, konnte sich eigentlich nur direkt unter der Kante befinden.
Ich war mir sicher, jeden Moment zu sehen, wie sich ein Kopf darüber erhob, mich Augen anblickten. Aber wie hätte jemand bis hier hinauf in den zweiten Stock klettern sollen. Nachts? Mit einer Leiter?
Obsidian schlief weiter. Er hatte nicht gehört, was ich gehört hatte.
Mich langsam zu erheben kostete mich Überwindung, fürchtete ich doch, dass der Eindringling, sich meiner Aufmerksamkeit endlich sicher, mich jeden Augenblick attackieren könnte. Zum Fenster hinüberzugehen war keine Frage der Überwindung mehr, sondern eine des Mutes. Der Verstand eines Jungen vermag sich erstaunliche Dinge auszumalen. Inspiriert durch Schauergeschichten und Legenden erschafft er aus den Schatten von Kissenzipfeln ein Alptraumland voller Chimären. Letztendlich überwand ich meine Furcht und schlich zum Fenster. Die Fäuste geballt, bereit auf jeden einzuschlagen, der aus den Schatten hervorsprang oder sich plötzlich über das Fensterbrett ins Zimmer schwang.
Vorsichtig beugte ich mich vor, darauf vorbereitet, durch eine große Hand plötzlich in die Tiefe gerissen zu werden. 25 Fuß abwärts. Der Sturz hätte mich getötet.
Es war niemand da. Im Licht des schmalen Sichelmondes fand ich niemanden, der an der Fassade hing, kein Seil, keine Leiter, den leeren Hof vor dem Hause, niemanden zur linken, zu rechten, oder über mir. Ich war allein mit Obsidian und es gab absolut niemanden, der ...
„Das Meer unter der Treppe ..."
Heute weiß ich, dass es mir allein deswegen nicht gelang, herumzufahren, weil sich meine Hände in den Rahmen des Fensters gekrallt hatten. Es mag auch so gewesen sein, dass sich sowohl mein Körper als auch mein Geist dagegen sträubten, mit dem konfrontiert zu werden, was sich nun hinter mir befand. Seltsamerweise dachte ich tatsächlich an ein was, nicht an ein wen ...
Ich vermag nicht zu sagen, wie lange es dauerte, bis ich mich umgedreht hatte.
Hinter mir lag nichts als der leere Raum.
Und doch bewegte sich am Boden ein Schatten auf mich zu.
Obsidian, der sich von seinem Platz erhoben hatte und nun zu mir trottete. Ohne jeden Argwohn, ohne jede Anspannung. Ein großer müder Hund, der nach seinem Herrn sah.
„Das Meer unter der Treppe ..."
Es war wieder da. Nur viel leiser. Eine Erinnerung an das, was ich soeben gehört hatte? Nein, ein Flüstern aus weiter Ferne. Was keinen Sinn ergab, wie ich mich selbst ermahnte, denn niemand konnte ein Flüstern über die Distanz hören.
Als ich mich in Bewegung setzte, befahl ich Obsidian mit einem „Bleib!", mir nicht zu folgen. Ich dachte überhaupt nicht daran, dass jemand hinter der Tür lauern könnte. Viel mehr fanden meine Füße ihren Weg von ganz allein. Aus dem Zimmer, durch den Flur, die weite Treppe über dem Meer hinab.
Wieso, fragte ich mich damals, nannte ich die Treppe in meinen Gedanken eine Treppe über dem Meer?
Es gab dort unten, genau zwischen den beiden zwei Bögen bildenden Stufen, eine Tür.
Ich hatte niemals versucht, herauszufinden, was sich dahinter befand.
Aber das galt für viele der Räume
